Dienstag, 9. April 2013

Daughter, Köln, 08.04.13


Konzert: Daughter
Ort: Bürgerhaus Stollwerck, Köln
Datum: 08.04.2013
Zuschauer: 500 (ausverkauft)
Dauer: Daughter gut 85 min, Bear's Den 40 min



Irgendwann verliert wohl jede Band ihren Reiz. Davor schützt vermutlich selbst die leidenschaftlichste Liebe nicht. Man kann sich dann als Fan Strategien überlegen, wenig Konzerte ansehen beispielsweise, um die Zuneigung zu erhalten. Auf Dauer funktioniert auch das nicht. So geht es mit mit Depeche Mode, die einmal bis vor 20 Jahren sehr wichtig für mich waren. Die kontroverse Debatte um das neue Album (dessen Name ich nicht einmal erinnere) habe ich mitbekommen, ich habe aber keinerlei Interesse daran, mir eine eigene Meinung zu bilden. Da unterscheidet sich die DM-Platte nicht von der von Heino. Schlimm, schlimm, schlimm!


Wie gut, daß Daughter und ich an einer ganz anderen Stelle unserer Band-Hörer-Beziehung sind! Wobei es schon ein großes Risiko ist, eine Lieblingsgruppe in einem kurzen Zeitraum häufig zu sehen. Eigentlich nehme ich mir vor, mich selbst zu bremsen und pro Jahr (oder Tour) höchstens zwei Konzerte zu sehen, eine Art freiwillige Selbstkontrolle. Es hatte sich aber ergeben, daß ich nunmal für drei Konzerte der aktuellen Tour Karten hatte - Brüssel, weil es da noch keine deutschen Termine gab - und als die kamen Köln und Frankfurt, weil ich doch zwei Monate vorher wirklich nicht einschätzen kann, welches Datum mir besser passt. Und wo sie jetzt schon da sind, will ich auch hin. So viel zum Thema Kontrolle.* Daß ich Daughter auch beim Maifeld Derby (noch nicht ausverkauft - gute Chance, sie zu sehen!) und beim Primavera (ausverkauft) kommt dazu.


Warum diese dröge Einleitung? Weil ich mir halt schon überlegt hatte, ob mir Daughter nicht recht schnell zum Hals raushängen werden. Ich liebe ihren besonderen Sound, dessen leicht gelangweilter Gesang sicher nicht für Jedermanns Sache ist. Bei der ersten Hälfte des ruhig beginnenden Shallows war ich sicher, daß an meinen Zweifeln etwas dran wäre. Es ließ mich am Anfang kalt, Daughter zu hören. Und im Saal waren so viele Leute, die ich kannte, und denen ich penetrant immer wieder erzählt hatte, wie sehr ich die Engländer liebte.

Diese Grübeleien dauerten eine, höchstens zwei Minuten,** danach überrannten mich Elena, Igor und Remi mit ihrer Musik. Als sie fast anderthalb Stunden später fertig waren und die Zugabe damit angekündigt hatten, daß sie eben gerne mehr Zeit mit uns verbringen wollten, ging es mir genauso. Trotz großer Müdigkeit (und 23:35 Uhr), hätte ich mir das Set sofort noch einmal angehört! Trotz ausverkauftem Stollwerck und Platz in der Nähe der Bar war das Konzert herausragend gut! Und mein holpriger Beginn lag ausschließlich am ruhigen Start des ersten Songs. Meine Lust auf Daughter ist nicht abgestumpft, sie ist größer denn je.


Die letzten beiden neuen Bands, die mich so umgehauen haben, waren Warpaint und The xx, die beide etwas komplett Neues boten, zumindest in meiner Wahrnehmung, und diese Originalität bisher bewahren konnten. Gerade an The xx erinnert natürlich auch Daughter. Dieses von mir schon oft bemühte Gelangweilte in der Stimme der wundervollen Sängerin, mag ich auch bei den Londoner Kollegen so sehr. Während Elena "I was drunk again, causing accidents" sang, ging mir durch den Kopf, wie großartig doch ein Home Cover von The xx sein müsste!


Aber natürlich sind Daughter kein The xx Abklatsch, sie sind originell genug, ohne Referenz-Nennungen auszukommen.

Und sie sind verflucht erfolgreich! Bei lastfm hatte sich jemand beschwert, das Konzert sei viel zu teuer. "Sicherlich ist das Material da und auch qualitativ gut. Aber man kennt ja MLK. Ich finde es aber dennoch schade das Bands wie Daughter & Co, die nun einmal noch keinen wirklichen Bekanntheitsgrad haben schon über die Zwanzig Euro Grenze gehen. Nächste Tour im Herbst/Winter dann für Fünf Euro mehr. Wäre keine Seltenheit." Das ursprünglich im Gebäude 9 angesetzte Konzert wurde schnell ins Stollwerck hochverlegt und war jetzt auch ausverkauft, so wie alle Termine der ersten richtigen Deutschlandtour. Auch sonst ist es extrem schwierig, die jungen Engländer live zu sehen, die meisten ihrer Shows sind schnell dicht (...Maifeld Derby!). Umso überraschender für mich, daß Elena sagte, das heutige Konzert sei das bisher größte außerhalb Londons!


Obwohl die Frontfrau durch ihr vieles Kichern auf mich immer unsicher wirkt, merkte man während der Stücke keinen Hauch Nervosität. In Brüssel hatte Elena Textprobleme bei Candles, danach wurde außerdem Lifeforms von der Setlist gestrichen. Heute war es perfekt, ohne routiniert zu wirken. Unsicherheit war also nicht spürbar, die Freude an solch einem großen Konzert und an der für deutsche Verhältnisse überschäumenden Begeisterung schon! Besonders Igor griff die gerne auf. Während Elena auf die vielen lobenden Zwischenrufen kichernd antwortete (hach!), ging der Gitarrist auf die Rufe ein. "Du hast Geburtstag? Heute? Wollen wir Happy birthday singen? Ich kann das sogar auf Deutsch! 'Zum Geburtstag viel Glück!'" Nach dem Ständchen rief einer, daß er im Juli Geburtstag habe. Igor empfahl, das nachher draußen zu besprechen. "I take requests. Yeah, we play weddings!" So redselig hatte ich den Mann mit der Kappe bei keinem meiner vorherigen drei Daughter Shows erlebt. Aber so gut war die Stimmung bisher eben auch noch nicht gewesen. Wie schön doch, wenn so ein Saal nicht mit Leuten gefüllt ist, die zufällig da sind, weil sie die Karten gewonnen haben, sondern mit Musikfans, sie sich lange und intensiv auf eine Band und ihr erstes Kölnkonzert gefreut hatten. Wäre das bloß immer so.



Daughter mischten die Setlist von Brüssel ein wenig durcheinander, spielten aber natürlich das gleiche Songgerüst, also Stücke des Albums und der beiden EPs sowie die sagenhaft tolle B-Seite Run (eines der besten Lieder des Abends). Bei Candles (einem meiner Lieblinge) war etwas anders als im vergangenen Jahr. Die Liveversion hat sich wohl verändert, ihr fehlte es etwas an Biss. Aber das ist nun wirklich der einzige Makel, den ich festgestellt habe.

Daughter, die wieder von dem mir unbekannten vierten (Tour-)Musiker begleitet wurden, betonen immer wieder, daß sie keine Zugaben spielen. Im Botanique am Donnerstag hatten sie ihr für eine Radiosession eingespieltes Doppelcover Perth / Ready for the floor gespielt. Bei der viel größeren  Begeisterung heute bestand kein Zweifel daran, daß sie es noch einmal spielen würden.

Das Konzerte endete also mit zwei fremden Stücken, die zusammengefügt ausschließlich nach Daughter klingen und mit der Erkenntnis, daß ich mich enorm auf Frankfurt freue!

Setlist Daughter, Bürgerhaus Stollwerck, Köln:

01: Shallows
02: Candles
03: Love
04: Still
05: Amsterdam
06: Landfill
07: Run
08: Human
09: Smother
10: Winter
11: Tomorrow
12: Youth
13: Home

14: Perth /Ready for the floor (Bon Iver / Hot Chip Cover) (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Daughter, Brüssel, 04.04.13
- Daughter, Luxemburg, 10.11.12
- Daughter, Paris, 07.11.12
- Daughter, Haldern, 11.08.12
- Daughter, Haldern, 11.08.12

* ja, es wäre schon netter, das irgendwem zu überlassen, der kein Glück hatte, eine Karte zu bekommen - aber das geht halt nicht
** ich kann sehr schnell grübeln!


0 Kommentare :

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates