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Donnerstag, 19. September 2019

Amanda Palmer, Stuttgart, 18.09.19

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Konzert: Amanda Palmer (Solo)
Ort: Theaterhaus in Stuttgart
Datum: 18. September 2019
Dauer: 180 min
Zuschauer: etwa 600


Am Morgen nach dem Abend mit Amanda Palmer teile ich Holgers Skepsis: wie soll ich einen Bericht schreiben, der dem erlebten gerecht wird? Aber zum Glück hat die inhaltliche Beschreibung schon Christoph erledigt im Konzertbericht aus Offenbach. Im Spannungsbogen und in vielen Details war es in Stuttgart ähnlich. Amanda wollte mit dem Publikum über die richtig wichtigen Sachen sprechen, ihr eigenes Erleben und ihre Erfahrungen als Beispiel dafür zeigen, was uns das Leben als Frau zumutet und wie wir in dem vielen Dunkel trotzdem irgendwie klar kommen und sogar so etwas wie Glück und Freude festhalten.


Ein großes Problem dabei ist: das ist ein weites Feld und schon während der Tour in Amerika hatte sich gezeigt, immer wieder kollidieren äußere Grenzen wie die Schließzeit von Theatern mit dem, was eigentlich an Material da ist und als Puzzlestein nötig. In Stuttgart waren genau 3 Stunden Programm möglich und Amanda ließ deshalb schon die Seeräuber-Jenny am Anfang weg. Später wurde auch die Pause gestrichen und trotzdem passte das Ende nicht optimal in die damit verbleibende Zeit. Ich wusste ohnehin vorher, dass ich meinen eigenen Zeitpunkt für den Weg zum Bahnhof etwas vor 23 Uhr wählen musste.
 

Erstaunlich war, wie schnell die Zeit verging. Und obwohl ich etwa drei Viertel der Geschichten schon kannte, hatte es doch etwas eigenes, alles in einen mäandernden Spannungsbogen verpackt und verdichtet neu zu hören und im Zusammenspiel neu zu bewerten. Natürlich blieb mir als Ohrwurm für den Heimweg "At least the Baby didn't die".


Aus unserem Archiv:
Amanda Palmer, Offenbach, 13.09.19
Amanda Palmer, Somerville, 05.03.15
Amanda Palmer, Eschwege, 08.11.13
Amanda Palmer, Zürich, 30.10.12
Amanda Palmer
, Paris, 06.02.09
Amanda Palmer, Paris, 23.10.08
Amanda Palmer, Heidelberg, 14.10.08 



Montag, 31. August 2015

Interpol, Stuttgart, 26.08.2015

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Konzert: Interpol
Vorband: Abay
Ort: Theaterhaus, Stuttgart
Datum: 26.08.2015
Dauer: Interpol 70 / Abay 40 Minuten
Zuschauer: etwa 900

Bericht von Fabian / Fotos von Jens (weitere folgen)


Ziemlich dunkel hier für einen Sommertag im Theaterhaus - die einzige Vorstellung im "ollen Bunker" (Max Goldt) in Stuttgart-Feuerbach ist heute das Konzert von Interpol im größten der vier Säle. Gleich beim Betreten des Foyers begegnen mir Leute mit Agent Side Grinder- und Deine Lakaien-Shirts und weitere szenige Kennzeichen. Ist aber nicht wirklich verwunderlich hier auf Gothics zu treffen, sind Interpol doch für ihre Melancholie in Text und Melodie, dem Auftreten und dem kühlen Post-Punk-Sound auch in der schwarzen Szene als größere Indie-Band durchaus beliebt, genauso wie Editors oder Hurts, die auf gängigen "schwarzen" Festivals wie z.B. M'era Luna in den Headlinerpositionen spielen und dort sehr gut ankommen, alle haben so ein paar düstere Nuancen in ihrer Gesamtheit. Haut halt in die gleiche Kerbe. 
Im Theaterhaus selbst ist's auch nicht verwunderlich, fanden hier schon Konzerte von Bands wie ASP und dergleichen statt. Trotzdem interessant, wie sich auf Popkonzerten Szenen im Gros des Publikums mischen und doch ein bisschen auffallen. Schließlich ist Interpol doch eine recht große und internationale Band, die mit ihrem Sound prägte und ein breites Publikum anspricht. Mainstream ist hier nicht als Negativbegriff gemeint. Auch nicht, als ich mich vor der Bühne zwischen einem Typ mit Gandalf-Tattoo und einem U2-360°-Shirtträger wiederfinde. Ok, Interpol waren auf dieser besagten U2-Tour Support, daher passt das ja auch ein bisschen. 
 Gerade ist das New Yorker-Trio + 2 auch weiterhin auf großer "El Pintor"-Tour, was angesichts der Setlist ein bisschen witzig ist, dazu später mehr. Vier "richtige" Konzerte spielen sie in Deutschland, es wirkt aber eher so, als hätte man diese als sinnvoller Lückenfüller zwischen den zahlreichen Festivalterminen nutzen wollen. Gut, so kommen ein paar Leute mehr auch noch auf ihre Kosten, ohne Interpol als eine von vielen Bands auf einem Festival sehen zu müssen. Ist ja tatsächlich nicht jedermanns Sache. Aber gleichzeitig weiß man: Sommer bedeutet gleichzeitig auch Sommerloch - und das gilt oft auch für Konzerte - da auch Musikliebhaber dann lieber den Tag am See verbringen. Daher ist heute nicht sooo viel los, das liegt neben dem eher ungünstigen Termin vermutlich auch am hohen Ticketpreis (40 Euro), das können sich vor allem jüngere Leute, die heute weniger anzutreffen sind, tendenziell nicht leisten. Ob der Preis für Interpol als große Band gerechtfertigt ist, das ist eine andere Frage. 
Im Gespräch mit einem langjährigen Konzertgänger hatte ich's davon, ob Interpol nicht den Zenit erreicht hätte. Aber es ist weiterhin die Band, die wir immer mochten. Deshalb hin und schauen, wie es wird. Um Punkt 8 geht's dann im noch nicht wirklich gut gefüllten Saal (die meisten Leute befinden sich noch vor dem Theaterhaus oder im Foyer) mit der Berliner Tour-Vorband ABAY los. Nicht ganz unbekannt, handelt es sich um das aktuelle Projekt vom ehemaligen Blackmail-Sänger Aydo Abay, gleichzeitig dem Namensgeber der fünfköpfigen Band. Die Koblenzer Blackmail waren und sind durchaus eine deutsche Indie-Größe und spielten mit neuem Sänger erst vor einiger Zeit genau hier als Support von Madsen. Wenn man das vergleicht, hat Aydo Abay als Support von Interpol durchaus die Punkte auf seiner Seite. No offense, Blackmail. 
Mit balladeskem Klavierpart starten ABAY sanft und hauen im nächsten Moment voll rein. Grelles Licht, verzerrte Gitarren, Soundwand, äußerst wuchtig und das alles ein bisschen plötzlich. Als Apocalyptic Post-Pop beschreiben sie selbst ihren Sound, nach den ersten etwas gefälligen Songs denke ich vor allem an Placebo, was ein Typ hinter mir auch äußert. An sich keine schlechte und unpassende Referenz bei diesem breitwandigen Alternative Rock-Sound, mit dem man erstmal nichts falsch machen kann. Witzigerweise erinnert Aydo Abay auch etwas an Brian Molko. Nicht nur von der Körpergröße, sondern auch wegen seiner markanten, wohlklingenden und kraftvollen Stimme, die hier positiv hervorzuheben ist und ABAY im doppelten Sinne ein Gesicht gibt. Das Publikum nimmt's dankend an, auch der Saal füllt sich nun nach und nach. An Blackmail erinnert es logischerweise etwas, Aydo Abay muss das vielleicht öfters hören. Insgesamt aber leider nicht so außergewöhnlich. Es fehlen Höhepunkte und es ist vor allem erwartbar: Ruhige Piano-Parts über die Aydo Abay singt lösen krachige Gitarren ab. Man nickt zu härteren, recht glatten Popsongs ohne Pose, die dem geneigten VISIONS-Leser gefallen dürften, mit. 
Die Musiker sind ohne Zweifel alles erfahrene Leute, Profis eben - so klingt ABAY teils recht groß und ausfüllend, Stichwort Stadionsound, was heute ganz gut reinpasst. Es wird viel geklatscht und zugehört. Nachdem sich Aydo Abay in den ersten 25 Minuten zwei, dreimal bedankt hat, richtet er das Wort ans Publikum und an Interpol, denen er den nachfolgenden Song widmet und sie als "netteste Band die er kennenlernen durfte" bezeichnet. Nachdem er während eines Songs schon den Drummer fotografierte und weil er das sonst nie so machen würde, möchte er nun ein Foto vom Publikum machen. Das ist ein bisschen merkwürdig, weil das immer so einen Bruch gibt, die anderen Bandmitglieder stehen rum und es ist eigentlich ein Move, den man von diesen Bands mit Starallüren kennt. Aber Aydo Abay ist ein korrekter Typ, er wird es der Erinnerung wegen gemacht haben. Denn wann hat man schon mal die Möglichkeit mit Interpol die Bühne zu teilen. 
Später am Abend wird er es u.a. auf seinem Instagram-Account hochgeladen haben, in der man auch seine Plattensammlung bestaunen darf. Mittendrin: "El Pintor" von Interpol. Die "typisch Interpol"-klingende Anagram-Platte mit den roten Händen (die nächste tolle Hände-Platte kommt übrigens im Oktober von Die Nerven) erschien beinah exakt vor einem Jahr, nach längerer Pause und interner Umstrukturierung, Weggang des Bassisten und Soloprojekten fand sich die Band, naja, eigentlich nicht neu, aber sie sind wieder im Game. Heute sieht man die Cover-Hände in riesig als Backdrop, die Platte an sich ist heute aber nicht so wichtig, auch wenn das Konzert unter dem Tour- und Plattentitel "El Pintor" steht. Viel mehr erwarten die Leute ihre Band wieder zu sehen, die Hits mitzusingen und in der wirklich einzigartigen Melange aus Paul Banks alles und allem durchdringender Stimme und dem elektrisierenden, sägenden Gitarrensound zu baden. Das wissen die genau. Und Interpol-Konzerte sind ein bisschen wie Schweben. 
 ABAY haben sich nach einem insgesamt doch recht soliden 35-Minuten-Set verabschiedet. Kurz davor konnte man noch einen Gitarrenslide mit Wulle-Bierflasche sehen und hören, direkt danach trank der Gitarrist aus besagter Flasche, beeindruckend. Eine ABAY-Setlänge später geht das Licht aus, die fünf in schwarz gekleideten Herren betreten unter Jubel ganz ruhig die Bühne, die jetzt durch rotes Licht geflutet wird, die Hände strahlen nun ganz bedrohlich. Es ist wirklich ein sehr stilvoller und gesitteter Auftritt der Band. 

Ohne großes Tamtam geht es direkt mit dem flotten Oldie "Say Hello to the Angels" los, der eigentlich auf der gesamten Tour der Opener ist und für die Struktur der straighten Setlist Interpols steht, die nur selten und wenn dann minimal verändert wird. So hört man heute vor allem eben keine "El Pintor"-Songs, sondern zur Freude der Fans eher die ersten beiden Platten, Songs aus der selftitled "Interpol" gibt's dagegen gar nicht. So ist es bei drei "El Pintor"-Singles plus "My blue Supreme" eben weniger ein "El Pintor"-Konzert, es fühlt sich mehr als ein Potpourri aus Hits der letzten grob 15 Jahre an. Ist aber nicht schlimm. So folgt die neueste und wohl letzte Singleauskopplung "Anywhere", die "Narc" und dem zweiten El Pintor-Song "My blue Supreme" die Hand gibt. In den kommenden sehr knappen eineinhalb Stunden (70 Minuten) ziehen Interpol das Set professionell durch, danken artig, sagen sonst nicht so viel, drehen auch nicht ab, alles ganz cool und vor allem nicht abgehoben, was für's Konzert ganz zuträglich ist. Es gibt ein bisschen "Lichtshow", die das ganze atmosphärisch untermalt, ansonsten ist der Fokus ganz klar die Musik. Die Leute im mittlerweile okay gefüllten Theaterhaus-Saal (Sommerloch & 40 Euro sind dann doch für ein paar zu viel gewesen) sind ähnlich gelassen - und eben nicht ausgelassen, sondern ganz bei der Band. Der Platz zum Tanzen oder rhythmischem Dazubewegen wäre da, wird aber schlussendlich selten genutzt - was nicht heißt das es nicht gut war. Vielmehr wird freudig genickt, zugehört und geklatscht wenn es vorbei ist. 
Die großen Stadionmomente kommen dann beim frühen "Evil" und sonst nur bei der einzigen Publikumsinteraktion durch die Band, ein wenig geplant und ausgeführt von Gitarrist Daniel Kessler, auf: Mitklatschen. Alle eigenen Versuche eines frenetischen Fans aus der ersten Reihe um die anderen mitzunehmen, scheitern. Ansonsten genießen die Leute die minimalistisch struktierten und druckvollen Gitarrenwände, die im Zusammenspiel mit Paul Banks Stimme eben so toll anzuhören sind, das man vorerst keine Ausbrüche braucht. Innere natürlich bestimmt ein paar. Die vier "El Pintor"-Songs drängeln sich gut ins Live-Set, "All the Rage back home" schafft es als wohl größter Hit der neuen Platte beständig in die Zugaben, "Everything is wrong" besticht mit tollem verzerrtem Basslauf. Paul Banks selbst soll ja vornehmlich Bass bei Entstehung der Songs gespielt haben, nachdem Carlos Dengler ausgestiegen ist. Der letzte Block des Hauptteils ist dann Zucker und markiert für mich den großen - und eigentlich einzigen Höhepunkt des Konzerts. Eingeleitet mit "Pioneer to the Falls", das den ganzen Saal totenstill werden lässt, als Paul Banks komplett allein "Show me the dirt pile and I will pray that the soul can take, three stowaways. In a passion it broke I pull the black from the gray, but the soul can wait. I felt you so much today." singt, jeder den Atem anhält und an seinen Lippen klebt. Es ist ein bisschen Magie im Raum - neben der unverkennbar surrenden und leicht genölten Stimme Banks, die bei Interpol so entscheidend ist. Mit "Slow Hands" folgt noch ein Hit und Highlight, passend dazu das flackernde Licht in den "Antics"-Farben. Der schnell nach vorn preschende Song bringt die Menge letztmalig zum kurzzeitigen Ausflippen, den Break kurz vor Ende nutzt Daniel Kessler um zum Mitklatschen zu animieren. Willkommen in der Indie-Disco, die direkt in den 6-Minuten-Brecher "PDA" mündet und das Konzert mit langen Instrumentalparts und ein bisschen Postrock vorerst enden lässt. 
 Endgültig Schluss ist dann mit "Obstacle 1", dieser alte Song ist eine wahre Schönheit (Wenn man schon mit "I wish I could eat the salt off your last faded lips" beginnt) und im Verlauf des Lieds bohrt sich Paul Banks Stimme immer tiefer in die Herzen und inneren Sehnsüchte, während Schlagzeug, Bass und Gitarre herrlich verschachtelt ein aufwühlendes und dramatisches Ende finden, das dann doch recht abrupt kommt. Das Konzert ist vorbei und vielleicht ein Ticken zu kurz geraten, hat mit "Obstacle 1" aber noch ein großes Ende gefunden. Enttäuscht wirkt aber niemand so richtig, auch wenn das heute kein Wahnsinnsabriss war und das Konzert ein, zwei Höhepunkte mehr hätte vertragen können. (Auch am Merchstand: Hässliche Shirts und eine CD - damit lässt sich mehr Geld machen, denn T-Shirts kann man nicht runterladen (Audiolith-Weisheit) - LPs gab's nur bei ABAY.) 
Der große Knall fehlte so ein bisschen. Aber es war mindestens zufriedenstellend und schön. Interpol sind weiterhin eine tolle Band. 

 Setlist Interpol, Stuttgart:
01: Say Hello to the Angels
02: Anywhere
03: Narc
04: My blue supreme
05: Evil
06: Length of Love 

07: Rest my chemistry 
08: Everything is wrong 
09: The New 
10: Take you on a Cruise 
11: C'mere 
12: Pioneer to the Falls 
13: Slow Hands 
14: PDA 

15: Untitled (Z) 
16: All the Rage back home (Z) 
17: Obstacle 1 (Z)


Mittwoch, 22. Oktober 2014

Elvis Costello, Stuttgart, 14.10.2014

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Konzert: Elvis Costello
Ort: Theaterhaus am Pragsattel, Stuttgart
Datum: 14.10.2014
Dauer: etwa 150 Minuten
Zuschauer: vielleicht 1000


Alle Fotos: © Katja Charlotte Rohr

Möchte man den Einfluss und Stellenwert, den Elvis Costello innehat, realistisch einschätzen, lohnt sich ein Blick nach Übersee. Denn in Kanada und den Vereinigten Staaten ist der 60-jährige Brite ein echter Star, der in großen Hallen auftritt, mit anderen Größen auf der Bühne steht und der seine prominenten Freunde in die eigene Late-Night-Show „Spectacle: Elvis Costello with...“ eingeladen hat: Neben Bruce Springsteen, U2, Lou Reed oder den kurzzeitig wiedervereinten The Police war auch Ex-Präsident Bill Clinton zu Gast. In Deutschland ist Costello obschon ein Kritikerliebling mit einer Schar ergebener Fans gewiss kein Name des Mainstreams. Folglich kann es da wenig überraschen, dass Auftritte hierzulande Seltenheitswert genießen. Umso erstaunlicher erschien die Ankündigung von gleich sieben Solokonzerten im Herbst, deren letztes den Singer-Songwriter zum ersten Mal überhaupt nach Stuttgart führen sollte. Ort des Geschehens ist dann zwangsläufig nicht Liederhalle, Porsche-Arena oder gar die seelenlose Schleyer-Halle, sondern das geschmackvolle Theaterhaus. 


Kurz vor Konzertbeginn ist der große, bestuhlte Saal T1 dann auch zu einem Großteil gefüllt, sodass um die 1000 Zuschauer Zeuge eines zweieinhalbstündigen Marathon-Konzerts werden. Zeit Luft zu holen nimmt sich Costello nach der begeisternden Eröffnung mit „The Delivery Man“, dem Titelsong seines überaus soliden 2004er Albums, selten. Gleich geht es weiter mit einem Klassiker: Dem vortrefflichen „(The Angels Wanna Wear My) Red Shoes“ vom zeitlosen Debüt mit den Attractions 1977. Costello schlägt die Akkorde seiner akustischen Gitarre hart an. Der Blick der Zuschauer fällt auf seine roten(!) Cowboystiefel, die in Kombination mit weißem Hut, Jackett, Weste, gemustertem Hemd und - natürlich - der bekannten Hornbrille dem stilvollen Storyteller mit hohem lyrischem Anspruch gerecht werden. Damals zwar gerne dem Punk zugerechnet, waren die intellektuellen Ansätze ähnlich wie bei David Byrne dem Genre längst entwachsen. Stattdessen schrieb er ebenso wie der New Yorker zeitlose Songs, wobei Costello immer die schöneren Lieder gelangen, während die Alben der Talking Heads besser waren. 


Dass es ihm in Stuttgart trotz phasenweiser Brillanz wiederum nicht gelingt, eine durchweg unterhaltsame Werkschau aufzuführen, enttäuscht ein wenig. Unsterbliche Popsongs wie „Veronica“ sorgen für tolle Momente, doch fehlt dem Meister der Schutz der Band. So kann er manchmal dem eigenen Werk nicht gerecht werden, was bitter erscheint und umso deutlicher wird, je kräftiger Costello mit gedrückter Stimme singt. Immer wieder versöhnen jedoch seine unheimliche Präsenz, sein immenses Charisma mit diesen Längen und mediokren Momenten. „America Without Tears“ gelingt besonders und das wunderschöne „Everyday I Write The Book“ spielt er heute in einer fantastischen Version, die die ursprüngliche Studioaufnahme locker in den Schatten stellt. 


Es sind die ruhigen Augenblicke, die glänzen; weil der Wahl-Kanadier dann die Stimme nicht so drückt, weil er den Fokus auf den Inhalt lenkt und er als Texter ein Gigant ist: Es gibt quasi keinen Song aus seiner Feder, der es nicht rechtfertigt zitiert zu werden. Die Eröffnung von „Either Side of the Same Town“ zum Beispiel mit den subtilen Trennungsversen „Nothing will ever be the same / All of the promises we made, they seem hollow / But there are still streets in this town / Marked with your shadow“ ist gleichermaßen rührend wie unprätentiös. Zurückhaltend ist auch das Bühnenbild; da gibt es eine „On Air“-Lampe, in Anspielung an seine eingestellte Fernsehsendung, und ein leuchtendes „Detour“, das durchaus symbolisch für lange Touren gelesen werden kann, aber auch als Motto für einen Abend ohne vorherbestimmtes Set. Costello springt von Song zu Song, hangelt sich durch seinen langen Katalog und wechselt zwischen seinen zahlreichen Gitarren. 


„Watching the Detectives“, einst gefeierte Ska-Nummer des The-Specials-Produzenten, wird heute mit jeder Menge Feedbacks und Loops als peitschendes Stück Dub-Punk interpretiert. Regelrecht ungestüm kommt das bezaubernde „Shabby Doll“ daher, eine Art Solo wird angedeutet, dann geht der Song in „Here I Am (Come and Take Me)“ über, um wieder mit den bekannten Versen zu enden. Das macht dann richtig Spaß, ebenso wie das für „Lost on the River: The New Basement Tapes“ aufgenommene „Married to the Hack“. Die von T-Bone Burnett produzierte, im November erscheinende Kompilation, vereint neuvertonte Bob-Dylan-Manuskripte. Es lässt einen kurz andächtig innehalten, bedenkt man das einer der begnadetsten Poeten des Pop einen Text des größten Songwriters überhaupt veredelt. Aber Costello hat bekanntlich immer ein Händchen für fantastische Kollaborationen gehabt – von Chet Baker über die Rettung Paul McCartneys Alben in dessen schwächster Phase bis hin zu Aufnahmen mit Burt Bacharach – und so kann nach dem wunderbaren „She“, bekannt aus dem „Notting Hill“-Soundtrack, eine weitere Frucht künstlerischer Zusammenarbeit besonders punkten: „April 5th“, geschrieben mit Kris Kristofferson, Rosanne Cash und John Leventhal, beschließt das reguläre Set mit countryesken Klängen, die klar zeigen, wie stark sich der musikalische Fokus des Elvis Costello seit den 80ern verschoben hat. 


Als Costello sich für die erste Zugabe am Klavier niederlässt, das erschütternde „Shipbuilding“ spielt, schließt sich der Kreis. Der für den Soft-Machine-Kopf Robert Wyatt geschriebene Anti-Kriegssong knüpft an Costellos englische Anfänge an. Der weitere „New Basement Tapes“-Beitrag „Matthew Met Mary“ führt den mit der Jazz-Sängerin Diana Krall verheirateten Sänger musikalisch zurück in nordamerikanische Gefilde. Es ist die Live-Premiere eines weiteren vertonten Dylan-Texts. 

Trotz interessanter Ansätze kann das alles aber nicht über deutliche Längen und mediokre Phasen hinwegtäuschen. Am Ende sind es dann „In the Meantimes“ und natürlich das unsterbliche „Alison“ zum Schluss des zweiten von drei Zugabenblocks, die versöhnlich stimmen. Als Costello schließlich für sein ikonisches „(What's So Funny 'Bout) Peace, Love and Understanding“-Cover erstmals an diesem Abend zur E-Gitarre greift, das Publikum nach Vorne bittet und als Protestsänger aufersteht, wird das Konzert sogar noch einmal richtig gut und zeigt dabei, dass die Punkwurzeln zum Glück nicht gänzlich gekappt wurden.


Setlist Elvis Costello, Stuttgart:

01: The Delivery Man 
02: (The Angels Wanna Wear My) Red Shoes 
03: Either Side Of The Same Town 
04: I Hope You're Happy Now 
05: Veronica 
06: American Without Tears 
07: Ascension Day 
08: Married To My Hack 
09: Country Darkness 
10: My New Haunt 
11: Everyday I Write The Book 
12: Walkin' My Baby Back Home 
13: Ghost Train 
14: Shabby Doll (inkl. Here I Am (Come And Take Me)) 
15: She 
16: Watching The Detectives 
17: April 5th 

18: Shipbuilding (Z)
19: Shot With His Own Gun (Z)
20: Matthew Met Mary (Z) 

21: Come The Meantimes (Z) 
22: Lost On The River No. 12 (Z)
23: Oliver's Army (Z)
24: Alison (Z) 

25: Jimmie Standing In The Rain (Z) 
26: (What's So Funny 'Bout) Peace, Love And Understanding? (Z)


Freitag, 18. April 2014

Judith Holofernes, Stuttgart, 14.04.2014

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Konzert: Judith Holofernes
Vorband: Mama Rosin
Ort: Saal T1 im Theaterhaus am Pragsattel, Stuttgart
Datum: 14.04.2014
Dauer: Judith Holofernes 99 Min.; Mama Rosin etwa 30 Min.
Zuschauer: vielleicht 700



Judith Holofernes möchte nicht von vorne fotografiert werden. "Bilder bitte von den Treppen aus aufnehmen", wird der Fotograf vor dem Einlass gebeten. Überraschende Eitelkeiten einer Sängerin, die mit Wir sind Helden doch gerne das Gegenteil glauben machte. 
37 ist Holofernes jetzt, ihre Hauptband derzeit auf Eis gelegt und sie, die prägende Frontfrau des Deutschpops der 00er-Jahre solo unterwegs. Nachdem ihr Solodebüt „Ein leichtes Schwert“ sich in ähnlichem Fahrwasser wie Wir sind Helden bewegte, war zumindest musikalisch nicht viel von einem Neuanfang zu spüren. So singt sie immer noch mit kindlicher Trotzigkeit, was allem Hohn zum Trotz zunächst einmal nicht schlimm ist, schließlich macht Andreas Dorau seit Jahrzehnten nichts anderes und außerdem war genau das ein wichtiger Indikator für den Charme ihrer Band, nur die Texte, die fallen bedauerlicherweise schwächer aus als gewohnt. Darüber kann auch ihre fantastische Live-Band nicht hinwegtäuschen, die zugegebenerweise das Maximale aus großer Mittelmäßigkeit herausholt.



Diesiges Blau flutet die Bühne des Theaterhauses, als Judith Holofernes und ihre fünf Mitstreiter die Szene betreten, um mit „Lose Kanone“, der B-Seite der Single „Danke, ich hab schon“, zu eröffnen. In einen weiten Mantel mit Katzenkopfaufdruck auf der Rückseite bewegt sich die Berlinerin behäbig über die Bühne, kann sich der treu ergebenen Euphorie ihrer eingeschworenen Fangemeinde sicher sein. Des Mantels entledigt, steht sie nun im blauen Kleid am Mikrophon, der Titeltrack ihres Solodebüts „Ein leichtes Schwert“ folgt. Trotz großer Gesten und schwerer Worthülsen kann es nicht an die starken Wir-sind-Helden-Momente anknüpfen, ist nicht poetisch, sondern albern-pathetisch. „Ich will ein Schwert, das bei der Arbeit singt“, heißt es, das Publikum „tanzt wie ein Schmetterling“. Selbstredend bedankt sich Holofernes bis zur ersten Zugabe nicht, nimmt die Euphorie vielmehr als gegeben hin und freut sich, dass das Publikum den nüchternen Saal fülle. Die Zuschauer auf den Sitzplätzen fordert sie auf, in japanischer Tradition einer „Sitzdisco“ zu tanzen. Spielend hat sie die Anhängerschaft in der Hand.
Währenddessen sehne ich mich ein wenig zurück zum Gypsy-Pop des Genfer Trios Mama Rosin, das im Vorprogramm mit Leidenschaft und sympathischer Ausstrahlung punkten konnte. Die Musiker aus der französischen Schweiz, die auf Holofernes‘ Album in „Pechmarie“ zu hören sind, glänzen mit bestechendem Akkordeon-Einsatz, prägnanten Beats und den passenden Riffs. Für einige Songs unterstützt von Jörg Holdinghausen, dem Bassisten des Hauptacts, bekommt den Stücken das zusätzliche Instrument ausgezeichnet. Als Bassist von Tele und Live-Mitglied von Wir sind Helden profiliert, ist Holdinghausen später einer der musikalischen Pfeiler des Konzerts der einstigen „Klassensprecherin der Nation“, wie mal über Holofernes zu lesen war. Genau das ist vielleicht das Problem: Wir sind Helden waren Anfang der 00er Jahre ungemein erfrischend, unkonventionell und hinter all der Ironie so herrlich ernst. Holofernes gelangen gute Wortspiele, schien vor überschäumender Kreativität zu strotzen, jetzt erscheint alles verkrampft. Gerade der Wortwitz geht in Songs wie „Platz da“ und vor allem „Brennende Brücken“ verloren, das wirkt, als habe sie lediglich händeringend nach ein paar Reimen gesucht.



Zusammengehalten wird das Konzert erfreulicherweise von ihrer tollen Band. Gerade die beiden Musikerinnen an Percussion und Keyboards sorgen mit hervorragenden Backroundgesang für einen angenehmen Gesamtklang. Dass der Sound bei dem Konzert einer deutschen Sängerin, die immer großen Wert auf ihre Texte legte, nicht entscheidend sein kann, versteht sich leider von selbst. So überrascht es da nicht, dass ausgerechnet „Kamikazefliege“, das „erste Lied, das ich mit 18 geschrieben habe“, der Höhepunkt des Sets ist. Auch einen Sympathiepunkt kann sie hier erzielen, als sie sich ein wenig im Anekdotenplaudern übt. Ihre Mutter sei heute Abend auch da, berichtet die 37-jährige mit leicht heiserer Stimme, sodass sie ihren ersten Songversuch mit zwölf nicht verschweigen könne.
In beständiger Regelmäßigkeit schreibt sie Gedichte über „evolutionär benachteiligte Tiere“ auf ihrem Blog. „Die Qualle“, ein im Vergleich mit Kuriositäten wie „Der Marabu“ eher schwächeres Gedicht, liest sie heute vor, doch beweist das folgende „Hasenherz“, dass Holofernes ihre stärksten Momente an diesem Montagabend mit Tierlyrik erreicht. „Opossum“ kann da trotz gleichem Topik allerdings nicht mithalten. „MILF“ vermag mit Namedropping gut unterhalten, ebenso wie ihre vermeintlichen Übersetzungen von Teitur- und Elvis-Costello-Songs. Dass diese wiederum recht freie Interpretationen zur bekannten Melodie sind, erklärt sie nicht, sodass auch das trotz guter Umsetzung ein flaues Gefühl hinterlässt.
„Danke ich hab schon“ mit der anbiederndsten Neil-Young-Referenz, die ich kenne („I’ve seen the needy and the damage done / A little part o fit in everyone“ übertrifft noch „Hey, hey, my, my, Selbstkritik will never die“ von den Sportfreunden Stiller), beendet das reguläre Set. Es gibt Zugaben, doch fühle ich plötzliche Solidarität mit dem letzten Stück.
Zwei Blöcke à zwei Songs folgen noch. Dabei mutiert "John Irving" zur großen Gala der beiden ergänzenden Sängerinnen und als es schließlich für „Pechmarie“ ein Wiedersehen mit Mama Rosin gibt, kehrt auch Leichtigkeit und Spielfreude zurück. Dass die Schweizer für den Abschluss mit der deutschen Interpretation des Rolling-Stones-Klassikers „You can’t always get what you want“ bleiben, rettet diese wiederum auch nicht. Zeilen über Weihnachtsfeiern verfehlen das Thema, leider. Denn eigentlich bin ich Fan der Frau Judith Holofernes, Fan von Wir sind Helden. Hoffen wir, dass die Auszeit nicht so lange andauert. Wenn nicht, liebe Judith, wünsche ich mir auf der nächsten Tour eine Übersetzung eines großen Carly Simon Hits. Der mit dem Pfau? Ja, genau.




Setlist Judith Holofernes, Stuttgart:

01: Lose Kanone
02: Ein leichtes Schwert
03: Platz da 
04: Liebe Teil 2 - jetzt erst recht 
05: Brennende Brücken 
06: Havarie 
07: Kamikazefliege 
08: Die Qualle (Gedicht) 
09: Hasenherz 
10: Jonathan der Kellner (Teitur - "Catherine the Waitress" auf Deutsch) 
11: Nichtsnutz 
12: Opossum 
13: MILF 
14: Ich will, dass du weißt, dass ich will, dass du glücklich bist (Elvis Costello & The Attractions - "I hope, you're happy now" auf Deutsch) 
15: Danke, ich hab schon 

16: Hätte ich ein Boot (Lyle Lovett - "If I Had A Boat" auf Deutsch) (Z) 
17: John Irving (Z) 

18: Pechmarie (mit Mama Rosin) (Z) 
19: Du kriegst nicht immer, was du willst (The Rolling Stones - "You Can't Always Get What You Want" auf Deutsch) (mit Mama Rosin) (Z)  

Dienstag, 14. Januar 2014

Yamato, Stuttgart, 07.01.14

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Konzert: Yamato
Ort: Theaterhaus am Pragsattel in Stuttgart
Datum: 7. Januar 2014
Dauer: 95 min
Zuschauer: 1000



Mein erstes Yamato Konzert erlebte ich im August 2005 in Bielefeld als nachhaltig beeindruckend. Es war ein Abend, der uns alle von den Sitzen gehauen hat und der jetzt noch im Rückblick eine Aura der Einzigartigkeit hat: Künstlerisch überragend, unterhaltsam, überraschend und atemberaubend.

Vestibül Theaterhaus
Nun waren die japanischen Meister-Perussionisten wieder für viele Termine in Deutschland angesagt worden. Dortmund war nach Weihnachten die erste Station ihrer 20-Jahre-Jubiläumstour in Deutschland gewesen und Mannheim in den ersten Januartagen die zweite. Wir hatten uns für ein Konzert im Stuttgarter Theaterhaus entschieden, weil das der einzige Termin war, der zwischen private Reisen und die Konzerte mit Bethany Weimers passte. Und wir waren voll hoher Erwartungen nach Stuttgart gefahren. "Wir" waren ein junger Mann, der sich einst von Yamato hatte anstiften lassen, selbst die Schlegel zu beherrschen, eine junge Frau, die 2005 auch in Bielefeld dabeigewesen war und ich. Daneben noch rund 1000 weitere Besucher...


Wünsche fürs neue Jahr in Nara, der Heimatregion von Yamato
Die Stimmung im Theaterhaus war bestens. Es wurde enthusiastisch geklatscht, gelacht und mitgemacht. Die Percussionisten sprühten vor Energie und ließen es nicht an beeindruckender Meisterschaft fehlen. Die großen und zum Teil alten Trommeln sind halt einfach beeindruckend. Daneben bis zu den kleinen Zymbeln Percussions-Instrumente in allen Größen und eine ausgefeilte Show, die auch mit Erwartungen spielte.

Die Wiege der Taiku-Tradition
Trotzdem war es leider keine Wiederholung des Aha-Erlebnisses von 2005. Vieles kam mir diesmal wie für das Publikum gespielt und rund und glattgemacht vor. Vielleicht war es auch nur das fehlende Überraschungselement des ersten Males, aber wir drei waren uns einig: Es war ein toller Abend, aber gegen unser erstes Mal war er erschreckend blass. Man kann sich noch seine eigene Meinung bilden bei Konzerten in Wien, Zürich, Bremen, Berlin und Leipzig. Und wer Yamato noch nie erleben konnte, dem sei das hiermit wärmstens empfohlen.

 

Aus unserem Archiv:
Tao, Karlsruhe,  24. Februar 2013



Tourdaten Yamato:
14.01. - 26.01.2014 Wien, Museumsquartier, Halle E
28.01. - 02.02.2014 Zürich, Theater 11
04.02. - 09.02.2014 Bremen, Musical Theater
11.02. - 16.02.2014 Berlin, Admiralspalast
01.07. - 06.07.2014 Leipzig, Oper



Donnerstag, 12. Dezember 2013

Scott Matthew, Stuttgart, 11.12.2013

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Konzert: Scott Matthew
Ort: Theaterhaus, Stuttgart
Datum: 11.12.2013
Dauer: 94 Minuten
Zuschauer: ca. 200-300


Alle Fotos: © David C. Oechsle
Andächtige Stille im Stuttgarter Theaterhaus; das Licht ist erloschen, vom Bühneneingang kann man in den ersten Reihen des kleinen Saals T2 ein deutliches Räuspern vernehmen, das sich in immer kürzeren Intervallen wiederholt. Der Australier Scott Matthew, der seit einigen Jahren im künstlerischen Wahl-Exil der internationalen Folk-Bohème New York zuhause ist, bringt sich in Stimmung. Könnte mir ein Künstler, der auf seinen bisherigen Alben exorbitant oft in die Kopfstimme verfiel, dessen aktuelle Veröffentlichung „Unlearned“ ausnahmslos aus Coversongs besteht, live gefallen? 

Der Stille folgt Applaus. Auf einem Barhocker nimmt Matthew Platz, strahlt in die ansteigenden Zuschauerreihen, stellt ein Glas Rotwein ab, greift zur Ukulele, während sich Jürgen Stark zu seiner Rechten an der Gitarre in Stellung bringt und sich auf der anderen Bühnenseite M. Eugene Lemcio zwischen Keyboards und Konzertflügel setzt. Gleich der erste Song wird als Cover angekündigt, ohnehin spiele man heute weitgehend Stücke anderer Interpreten. Er hoffe, sagt er, dies ginge für die Konzertbesucher in Ordnung. Nach jeder Ansage verfällt der charismatische Sänger in ein kindliches Kichern. 
Mit weinerlicher Stimme singt Scott Matthew „To Love Somebody“ vom Debütalbum der Bee Gees. Tatsächlich gelingt die Ehrerbietung an das Frühwerk der späteren Disco-Vorreiter gut. Pathos ist Trumpf in der musikalischen Welt des Scott Matthew, unerwiederte Liebe der große Indikator des lyrischen Schmerzes. Setzten die Bee Gees noch auf beschwingte Popmelodien, satte Streicher und ein wohl dosiertes Crescendo, schöpft Matthew aus dem Vollen, greift sich das traurige Liebeslied, legt sich mit fast schon naiver Inbrunst in jede Zeile. Die befürchtete Kopfstimme vermeidet er glücklicherweise, während er herzzerreißende Verse schmachtet: „I'm a man, can't you see / What I am / I live and breathe for you / But what good does it do / If I ain't got you, ain't got?“ Das tiefe, plakativ zelebrierte Leiden auf der Bühne ist Scott Matthews große Stärke. Wie Maximilian Hecker meistert der Australier diese enge Gradwanderung mit Bravour. Das erste Stück zementiert sein Können als Performer. Wo die Studioalben prätentiöse Konglomerate überproduzierter Trauersalven waren, besticht Matthew live mit natürlicher Bühnenpräsenz, sympathischer Ausstrahlung und glasklarem Gesang. Kein Lied könnte die Grundhaltung des Matthew'schen Auftritts deutlicher abbilden als jener Bee Gees Klassiker. 
 Die Neuinterpretation von „Total Contral“, einem The Motels-Song aus den 80ern, kann das Niveau nicht halten. Matthew nimmt das Stück zu ernst, scheitert an dieser Stelle am eigenen Anspruch. 
Dass er hingegen im eigenen Werk auch erstaunlich fröhliche Töne anstimmen kann, ist ihm wichtig zu betonen. „This song is about falling in love and I would consider this a happy song. Believe it or not I am capable of such emotions.“ Wunderschöne, beatles'eske Harmonien seiner Begleitmusiker verzaubern „The Wonder Of Falling In Love“, während Matthew selbst für einen Moment aus der weinerlichen Grundhaltung fällt, plötzlich wie der späte Paul Weller klingt, angenehm mit der Ukulele das gefällige Klavierspiel kontrastiert. 


Coverversionen von Neil-Young-Songs sind ein popmusikalischer Standard. Wenn es einem Künstler dennoch gelingt, mit einer besonders originellen Songauswahl oder einer preziösen Interpretation zu punkten, ist das außergewöhnlich – so geschehen zuletzt bei Konzerten von Okta Logue („Southern Man“) und Kashmir („Ambulance Blues“). Mit „Harvest Moon“ entschied sich Scott Matthew für eines der wenigen Stücke aus Youngs Œuvre, mit dem ich bis heute keinen Frieden schließen konnte. Mit Mundharmonika und Country-Klängen glückt es auch dem beim Beverunger Label Glitterhouse veröffentlichenden Künstler nicht, das mediokre Liedchen aus Youngs schwächster Phase zu veredeln. Anders als bei Charlie Chaplins „Smile“ nehme ich Matthew die Haltung nicht ab, kann ihn mir nicht im provinziellen Kontext dieser Landromanze vorstellen. 
Mit fortschreitendem Rotweingenuss, nimmt auch das immer hysterischere Kichern zu. Matthew hat sichtlich Spaß, als er seine Version von Whitney Houstons „Dance With Somebody“ ankündigt und die Zuschauer zum Mitsingen animiert: „If you sing along, you might see God.“ Wieder kichert er, die Menge folgt, die karnevaleske Komik steckt an. 
Zwischendurch, ja nahezu beiläufig, werden immer mal wieder eigene Lieder eingestreut, die stets wohltuende Abwechslung zur Hommage an andere Musiker bieten; „In The End“ und „Little Bird“ folgen direkt aufeinander, kommen gut an. Matthew scheint zufrieden, dass es auch mit Songs aus eigener Feder noch immer gelingt, das Publikum zu bannen. 


 Würdigungen der klassischen Songwriter- und Interpetenzunft, an Burt Bacharach oder Dean Martin, runden das Set ab, bevor ich mich ernsthaft frage, warum ich ausgerechnet im Saal T2 des Stuttgarter Theaterhauses immer wieder mit Coverversionen von John-Denver-Schlagern konfrontiert werde: Spielte Barry McGuire vor wenigen Monaten noch unsäglicherweise „Country Roads“, kündigt Matthew heute „Annie's Song“ an. Er covere hauptsächlich populäre Stücke, entschuldigt sich der bärtige Musiker mit den herunterbaumelnden Pipi-Langstrumpf-Zöpfen, als er hinzufügt, er habe sich immer für Songs entschieden, die sein Leben besonders prägten. „Annie's Song“ sei eines der liebsten Stücke seines Vaters, während er selbst hingegen in seiner Jugend in Punkbands spielte und die Sex Pistols hörte, deren „Anarchy in the U.K.“ er im direkten Anschluss als entschleunigte Piano-Ballade interpretiert. John Denver sei damals folglich ein Feindbild für den jungen Scott Matthew gewesen. „Irgendwann wurde ich zu meinem Vater, heute liebe ich das Lied aus so vielen Gründen“, Matthew kichert, „Annie's Song is so precious“
Die Familien der Musiker werden ab und an erwähnt, so seien die Eltern seines Gitarristen Jürgen Stark heute Abend im Theaterhaus; „that's not embarresing, it's beautiful.“ 
„Abandoned“, ein zartes, eigenes Lied, ist einer der schönsten Momente des Abends. Der unterschwellige politische Charakter verleiht dem letzten Song des regulären Sets zusätzliche Wirkung. Seit Jahren engagiert sich der homosexuelle Scott Matthew für die Rechte von Schwulen, Lesben und Transsexuellen, für ihn ist es Ehrensache sich für die Amnesty International-Gruppe queeramnesty einzusetzen, deren Arbeit er mit einer Spendenaktion auf seinen Konzerten unterstützt. „They do a great work. Especially in countries were I couldn't perform today like Russia or parts of Africa.“ 
Erst jetzt verfällt Matthew tatsächlich in den Kopfgesang, aber er fällt nicht übermäßig störend ins Gewicht. „Abandoned“ ist eine große Queer-Pop-Hymne, die Knabenstimme des Folk-Sängers kommt gebührend zur Geltung. Mit geradezu musicalesken Timbre überzeugt er mich. Der Applaus fällt frenetisch aus, mit stampfenden Füßen werden Zugaben gefordert. Matthew kehrt mit einem weiteren Glas Rotwein in der Hand zurück, um drei eigene Songs zu spielen. Dabei liefert er den klaren Beweis, dass ein Konzert mit mehr Liedern seines eigenen Backkatalogs vermutlich eindrucksvoller verlaufen wäre, Kopfstimme hin oder her. Dennoch spielt Matthew meine anfängliche Skepsis hinweg. Alben kaufen werde ich mir wohl nicht, Konzerte besuchen aber sicher. 
Zum Dank an das aufmerksame, begeisterungsfähige Publikum wird als dritte Zugabe ein neues Lied gespielt, das nicht auf der Setlist stand: „Here We Go Again“


Wieder verlassen die drei Musiker die Bühne. Zu guter letzt folgt eine überkandidelte Coverversion von „Love Will Tears Us Apart“, die Matthew als definitiv letzten Song des Abends ankündigt: „It's the last one, 'cause after it I literally pass out.“ Noch einmal herrscht tiefes Leid auf der Bühne, die Menge ist gerührt, Emotionen werden freigesetzt. 
Scott Matthew hat seine Mission erfüllt, jetzt kann er auch ein Bier an der Bar trinken. 



Setlist Scott Matthew, Stuttgart:

01: To Love Somebody (Bee Gees-Cover)
02: Total Control (The Motels-Cover)
03: The Wonder Of Falling In Love
04: Harvest Moon (Neil Young-Cover)
05: Smile (Charlie Chaplin-Cover)
06: I Wanna Dance With Somebody (Whitney Houston-Cover)
07: In The End
08: Little Bird
09: Jesse (Janis Ian-Cover)
10: L.O.V.E. (Dean Martin-Cover)
11: This Guy's In Love (Burt Bacharach-Song)
12: Annie's Song (John Denver-Cover)
13: Anarchy In The U.K. (Sex Pistols-Cover)
14: Abandoned 

15: White Horse (Z)
16: Friends And Foes (Z)
17: "Here We Go Again" (neu) (Z)

18: Love Will Tear Us Apart Again (Joy Division-Cover) (Z)


Sonntag, 10. November 2013

Agnes Obel, Stuttgart, 07.11.13

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Konzert: Agnes Obel mit Support Feral and Stray
Ort: Theaterhaus Stuttgart
Datum: 7. November 2013
Dauer: 35 + 85 min
Zuschauer: etwa 500


Die Musik von Agnes Obel begleitet mich seit 2010 - es war Liebe auf den ersten Blick und die Verbundenheit wächst immer noch. Unsere letzte Livebegegnung lag mittlerweile schon zwei Jahre zurück. So wollte ich die Gelegenheit, sie in Freiburg, Heidelberg oder Stuttgart im Konzert zu erleben unbedingt ergreifen. Leider stellte sich schnell heraus, dass keiner dieser Abende in meinem Kalender frei war - wie verhext! Es gab einiges Kopfzerbrechen und eine schwere Entscheidung zu treffen, um schließlich immerhin den Stuttgarter Abend zu ermöglichen. Als es alles organisiert war, freute ich mich sehr, sehr darauf, Agnes Obel wieder live erleben zu können.


Dann kam der 7. November und die Vorfreude war verflogen. Ich war extrem müde, die Fahrt nach Stuttgart war unglaublich anstrengend und ließ mich daran zweifeln, ob es irgendein Konzert wirklich wert sein konnte, sich das anzutun. Wir waren zwar pünktlich im Theaterhaus aber meine Stimmung war eher angespannt und unzufrieden und ich fragte mich ernsthaft, was mich geritten hatte, das ganze Theater zu veranstalten.


In dieser Situation hatte es Erin Lang sehr schwer, mit ihrer zerbrechlichen Stimme bei mir zu landen. Ich war überhaupt nicht auf einen Support eingestellt gewesen, denn ich hatte extra noch am Vortag bei der Buchung des Autos auf der Theaterhausseite geschaut, ob ein Support geplant ist und keinen Hinweis darauf gefunden. Blöde Praxis! (*) Obwohl die Musik meinen Vorlieben recht genau entspräche, war mir das oft zu repetitiv ohne Auflösung oder Belohnung als Aha-Moment im Song. Einziger Aufmerker, die kraftvolle Nummer Quiet Soul mit dem Bass als Begleitung. 



Im nachhören zu Hause habe ich mich etwas versöhnt mit der Idee der Veranstalter, dies als Support zu nehmen. Aber an dem Abend empfand ich es eher als Zumutung.

 Stream des aktuellen Albums bei NBHAP


Zum Glück dauerte es nach dem Beginn des "eigentlichen" Konzertes keine zwei Minuten bis mein Denken und damit meine innere Unzufriedenheit und die Müdigkeit komplett abgeschaltet waren. Agnes Obel hatte diesmal neben Anne Müller am Cello als dritte im Bunde an Geige und Viola Mika Posen (Timber Timbre, CAN) mitgebracht. Und was die drei auf der Bühne veranstalteten war definitiv eines der Highlights meines Konzertjahres 2013. Unfassbar, welche Räume sich durch die drei Frauen an relativ konventionellen Instrumenten öffneten und wie sehr das Live-Erlebnis sich vom Hören der CD unterschied.



Zunächst fragte ich mich noch, ob es nur eine Einbildung von mir war, dass Agnes ihre Stimme schonte, aber in der zweiten Konzerthälfte wurde dann klar angesprochen, dass sie zur Zeit noch eine slime band seien und von Erkältungen geschwächt unterwegs sind. Die Ansagen übernahm diesmal fast ausschließlich Agnes selbst und sie schien sich dabei recht wohl zu fühlen - souverän und ein bisschen selbstironisch. Trotzdem war die besondere Rolle von Anne Müller für die Bühnenpräsenz für mich wieder deutlich spürbar und faszinierend. 

DER Moment des Abends war erreicht, als On powdered ground in einem extrem extrovertierten Instrumentaloutro komplett raumfüllend und körperlich fühlbar uns alle für einige Minuten in jenseitige Sphären entführte. Unglaublich, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Aber auch einige der leisen Nummern wie z.B. die Zugabe Brother Sparrow hatten diese Agnes-Obel-typische Intensität, die mir Gänsehaut macht und live eine ganz eigene Dimension erreichte.



Dass es nicht nur mir so ging, sondern die drei das ganze Publikum in ihren Bann gezogen hatten, zeigte sich in euphorischem Applaus und der Bitte um mehr Zugaben, denen sich Agnes Obel sichtlich gerührt aber letztlich alternativlos entzog mit dem Hinweis, dass ihre Stimme nun endgültig den Dienst quittiert hatte.

Es hatte sich also doch mehr als gelohnt - der Abend wärmt mich sicher noch lange Zeit in der Erinnerung.

Setlist

1: Louretta
2: Philharmonics
3: Beast
4: Fuel to Fire
5: On powdered ground
6: Chord left
7: Aventine
8: Dorian
9: Wallflower
10: Riverside
11: Run Cried the Crawling
12: Words are dead
13: The Curse

14: Brother Sparrow (Z)

(*) Natürlich gab es andere Stellen, wo ich die Information hätte finden können, aber als ich die Karten erworben hatte, wußte auch Reservix noch nichts von dem support.

sehr schöne Fotostrecke Manuel Niedermann
Bericht von Markus Bur am Orde 

Mitschnitt aus Erlangen (Danke Missmoremusic!)


 
 
Weitere Tourtermine Agnes Obel
mit  Feral & Stray als Support

08. November - Heidelberg
10. November - Zürich
12. November - Erlangen
13. November - Köln
14. November - Dortmund

anschließend Frankreichtour mit Finale
        2. und 4. Dezember - Paris
12. Dezember - Hamburg
03. Januar - Berlin


Aus unserem Archiv:

Agnes Obel, Paris, 09.07.12 
Agnes Obel, Eindhoven, 16.06.12
Agnes Obel, Freiburg, 14.11.11
Agnes Obel, Paris, 02.11.11
Agnes Obel, Paris, 09.11.10
Agnes Obel, Paris, 06.11.10
Agnes Obel, Paris, 28.10.10

Erin Lang, 17.03.12
Erin Lang, Paris, 19.10.11
Erin Lang, Paris, 17.10.11
Erin Lang, Paris, 18.09.11

Samstag, 2. November 2013

Barry McGuire & John York, Stuttgart, 22.09.2013

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Konzert: Barry McGuire & John York
Ort: Theaterhaus, Stuttgart
Datum: 22.09.2013
Dauer:etwa 140 Minuten
Zuschauer: um die 400 (vermutlich ausverkauft)

 

Dem rauen Protestsong „Eve of Destruction“, der 1965 weltweit die Spitzenposition der Charts erreichte, verdankt Barry McGuire die wenig schmeichelhafte Betitelung als One-Hit-Wonder: Die Güte dieses Songs und die authentische Revue-Show „Trippin' the 60s“ mit Musik und Anekdoten gemeinsam mit dem einstigen The Byrds-Mitglied John York rechtfertigt meine Entscheidung zum Konzert des 77-Jährigen im kleineren Saal 2 des Stuttgarter Theaterhauses zu gehen bereits im Vorfeld. 
Es ist der Tag der desaströsen Bundestagswahl, beim Betreten des komplett bestuhlten Theatersaales sieht es so aus, als erreiche die CDU die absolute Mehrheit der Sitze. Im Auditorium blickt man in enttäuschte, traurige und auch wütende Gesichter der ergrauten 68er Generation. Gefühlt befindet man sich an einem „Eve of Destruction“ – wenn auch ohne apokalyptische Bilder, dafür mit einem Sitzverhältnis der CDU wie zu Zeiten Adenauers. 
Mit Walrossbart, Glatze und leuchtenden Augen betritt kurz darauf Barry McGuire die Bühne und spielt mit wenigen Akustik-Akkorden und tiefer Stimme die düstere Grundstimmung hinweg. Um kurz vor acht verwandelt sich das Theaterhaus in eine Hippie-Kathedrale mit einem Prediger, der um seinen musikalischen Nachlass kämpft. Während McGuire die Selbstdarstellung sucht, Geschichten erzählt, die den Eindruck erwecken, er habe tatsächlich bei der Entstehung zahlreicher Hits der Zeit eine entscheidende Rolle gespielt, glänzt John York am rechten Bühnenrand als heimlicher Star des Abends. Der hagere End-60er mit den langen, schütteren grauen Haaren, der in seiner gerade einmal knapp einjährigen Zeit als Mitglied der Byrds an „Ballad of Easy Rider“ mitwirkte, steuert das Programm mit reizenden Fingerpicking und schönen Harmonien sicher durch den Abend und rettet immer mal wieder allzu nostalgische Situationen vor dem Tritt ins Fettnäpfchen. 
McGuire, der immer ein Vorreiter christlicher Rockmusik war und vor allem in den 70ern-80ern für wirklich scheußlich-kitischige Nummern verantwortlich war, trat Anfang der 60er erstmals mit The New Christy Minstrels in Erscheinung, einer Band so belanglos wie der Name es erwarten lässt. Das Interessanteste an der langlebigen Formation ist der hohe Verschleiß an Musikern: Über 300 Mitglieder habe die bis heute existierende Band Gerüchten zufolge verschlissen, darunter große Namen wie Gene Clark oder Kenny Rogers. „Green, Green“ ist bis heute einer der größten Hits der Band. Gesungen wurde er damals von McGuire, der heute das lange, zweigeteilte Set damit beginnt. 
Man mag auf die Hippie-Folklore schimpfen, doch bezaubert McGuire mit großer Ehrlichkeit und einer aufrichtigen Leidenschaft, wie sie wenige seiner Zeitgenossen heute noch aufbringen können. Auf die Darbietung eigener Songs wird weitgehend verzichtet, Bob Dylans „The Times They Are A-Changin'“ geht fließend in „Blowin' In The Wind“ über. Natürlich ist das unfassbar kitschig, künstlerisch nicht wirklich überraschend oder gar interessant. Die schlichte Schönheit der Konzerts offenbart sich immer wieder erst in McGuires Anekdoten, die unsäglicherweise immer wieder ins Deutsche übersetzt werden. 
Der 77-Jährige gefällt sich in der Rolle des kumpelhaften Oberlehrers, dessen Ausführungen Spaß machen, weil er dabei war. In den 60ern hätten lange Zeit alle Songs gleich geklungen, verallgemeinert der noch immer agile Hüne lächelnd, um die Innovationen der Byrds zu loben, deren Dylan-Cover „Mr. Tambourine Man“ und „Turn, Turn, Turn“ folgen. Der geschickte Zug, „Eve of Destruction“, das man in einem Take aufgenommen habe, im direkten Anschluss zu spielen, passt zu McGuires offensichtlichen Kampf um den eigenen Nachlass. Sich mit Großtaten anderer in eine Reihe zu stellen, erhebt das eigene Werk. Ein wenig geht es ihm da wie Joan Baez, doch hinkt der Vergleich im Hinblick auf die Relevanz. Dass er immer wieder betont, kein Protestsänger gewesen zu sein, erscheint in Anbetracht der Wirkung dieses Songs naiv, aber auch Bob Dylan sperrte sich bekanntlich vehement gegen eine solche Vereinnahmung. 


Natürlich ist nichts an McGuires Schaffen für Nachwelt von Interesse mit Ausnahme seines einen überlebensgroßen Hits, auch wenn seine Beteiligung am Erfolg anderer überraschenderweise immens ist: „California Dreaming“ wurde ursprünglich von ihm aufgenommen, The Mamas And The Papas fungierten damals als Backround-Chor seines Albums, bevor sie selbst eine beispielslose Karriere hinlegten. Aus freundschaftlicher Verbindung zum Komponisten des Stücks verzichtete er auf eine eigene Single-Veröffentlichung, sodass der Weg frei war für den enormen Erfolg der späteren Hippie-Ikonen und ihn auch ihn Creeque Alley, das wenig überraschend Teil des Sets ist, Referenz erwiesen.
Mit Mama Cas Elliot verband ihn seitdem eine enge Freundschaft, die er in rührenden Details schildert. Die aufrichtige Ehrerbietung an die zeitlebens mit ihrem Körper und ihrer Ausstrahlung unglückliche Mama Cas, deren Abmagerungskur – und nicht etwa, wie häufig postuliert, ein verschlucktes Schinkensandwich – ihren Tod herbeiführte, ist ein großer Augenblick. Wo McGuires Drogenanekdoten als glorifizierte Relikte einer vergangenen Zeit antiguiert wirken, ist sein tiefgründiges Lob eine Ode an die Schönheit und die Musik. Wenig verwunderlich bleibt „Dream A Little Dream Of Me“, das die todtraurige Cas nach McGuires Intervention 1968 doch aufnahm, als schönster Moment des Abends in Erinnerung. 
Ansonsten hangelt sich McGuire mit starker Unterstützung Yorks durch Standards der 60er, spielt „San Francisco“, „Johnny B Goode“ und erzählt immer wieder vom Graskonsum, während gealterte Fans Ausdruckstänze aufführen, sich jung fühlen. Das ist dann ein bisschen wie in „Sommer in Orange“ ein ewiger schwäbischer Hippie-Traum. Die 60er scheinen ein einziger Teppich aus grünem Samt gewesen zu sein, folgt man dem heutigen Protagonisten. Für die Aufarbeitung der Schattenseiten der Ära waren andere zuständig. McGuires Weltbild erstrahlt in klaren Kontrasten, für Lou Reed müssen Performer wie er das absolute Feinbild gewesen sein.
Dass nicht alles so rosig war, wie es in der ersten Hälfte erschien, erklärt er erst nach der Pause und einer soliden Version des Creedence Clearwater Revival-Evergreens „Proud Mary“: Er habe viele Freunde durch Drogen und sexuelle Krankheiten verloren, merkt er an und macht sein Überleben, seine erstaunliche Konstitution am geschickten Verzicht auf harte Drogen und Orgien fest. Dass er aufgrund einer gewissen Enthaltsamkeit ein scheinbar differenziertes Bild auf der Zeit zeichnen kann, macht einen weiteren Reiz der Konzerts aus, der in seiner positiven Nachwirkung auch nicht durch „Country Roads“ gänzlich getrübt werden kann. 


Egal wie sympathisch ein Künstler erscheinen mag, Grenzen gibt es immer, die man nicht überschreiten sollte. Einen fast 80-Jährigen dafür weiter schelten, mag ich dennoch nicht. Es sei seine letzte Tour durch Europa gewesen merkt er an, bevor nach tosendem Applaus „Happy Road“ den Abend nach weit über zwei Stunden beschließt. 
McGuire und York verneigen sich, der ausverkaufte Saal steht, McGuire – nun im Tanktop(!) – wirkt glücklich und erschöpft, seine hundertmal erzählte Geschichte kommt immer noch an, der Kampf um das Andenken als One-Hit-Wonder einer längst vergangenen Zeit wird von kleinen Erfolgen gekrönt, die Leute vergaßen für kurze Zeit selbst das Wahlergebnis für wenige Stunden, angenehmer Eskapismus.


Setlist Barry McGuire & John York:

01: Green, Green
02: The Times They Are A-Changin' (Bob Dylan-Cover)
03: Blowin' in the Wind (Bob Dylan-Cover)
04: Mr. Tambourine Man (Bob Dylan- / The Byrds-Cover)
05: Turn, Turn, Turn (The Byrds-Cover)
06: Eve of Destruction
07: California Dreamin' 
08: San Francisco (Scott McKenzie-Cover)
09: Creeque Alley (The Mamas And The Papas-Cover)
10: Johnny B Goode (Chuck Berry-Cover)
11: Dream A Little Dream Of Me (Mama Cas Elliot-Cover)
PAUSE
12: Proud Mary (Creedence Clearwater Revival-Cover)
13: Get Together (Dino Valenti- / Nick Drake-Cover)
14: If I Were A Carpenter (Tim Hardin-Cover)
15: City Of New Orleans (Steve Goodman- / Arlo Guthrie-Cover)
16: Please, Don't Take My Sunshine Away (Traditional)
17: Woodstock (Joni Mitchell-Cover)
18: Dancing In The Street (Martha & The Vandellas-Cover)
19: The Loco-Motion (Little Eva-Cover)

20: Country Roads (John Denver-Cover) (Z)
21: Happy Road (Z) 


Sonntag, 21. April 2013

Sophie Hunger, Stuttgart, 20.04.2013

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Konzert: Sophie Hunger 
Ort: Theaterhaus, Stuttgart  
Datum:20.04.2013  
Zuschauer: um die 1000 (vermutlich ausverkauft)  
Dauer: 100 Minuten

 
Es ist ein unangenehmer Apriltag, die sommerlichen Temperaturen sind einstelligen Graden und Regenwetter gewichen. Läuft man durch den Stuttgarter Nieselregen fallen neben unzähligen Trachtenträgern überproportional viele Plastiktüten der einschlägigen Stuttgarter Plattenläden auf. Das Canstatter Frühlingsfest beginnt, Grünen-Oberbürgermeister Fritz Kuhn darf das Bierfass anstechen, während vorm Neuen Schloss über hundert Bürger wegen früherer Aussagen bezüglich kindlicher Sexualität gegen die Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an Kuhns Parteikollegen Daniel Cohn-Bendit protestieren. In den Plattenläden ist von Protestkultur heute nichts zu spüren, vielmehr feiert man sich selbst mit exklusiven Veröffentlichungen am internationalen „Record Store Day“. Bei einer Tasse Kaffee in netter Gesellschaft im „Ratzer Plattencafé“ wird mir bewusst, dass man sich kaum besser auf ein Konzert vorbereiten kann. 
Sophie Hunger habe ich in der Vergangenheit wiederholt verpasst – ob Tübingen, Karlsruhe oder Frankfurt, es kam immer etwas dazwischen. Trotz des zeitgleich stattfindenden Gastpiels von Sarah Blasko im BIX Jazzclub, fiel die Entscheidung also leicht. Ohne Vorband beginnt die talentierte schweizerische Künstlerin das Konzert mit „Rererevolution“, dem eröffnenden Stück ihres aktuellen Albums „The Danger of Light“. Es ist der glänzende Gegenpol zu den volkstümlichen Schlager grölenden Volksfestgängern, die einem kurz vorher noch am Hauptbahnhof über den Weg liefen. Sophie Hunger im dezenten schwarzen Kleid sitzt hinter ihrem Flügel, ein einziger Scheinwerfer fokussiert in diesem Moment die Bühne und lässt die große Chansonette der schweizerischen Gegenwart in hellem Licht erstrahlen. „Where is my revolution, revolution?“, singt sie in ihrer ganz eigenen weltentrückten Art

Im Vorfeld hielt ich sie bereits für eine charismatische Sängerin, mit einer fraglos außergewöhnlichen, wenn auch nicht besonders guten Stimme im klassischen Sinne. Wie bei Bob Dylan, dachte ich damals, wären ihre Texte wichtiger, ihre schüchterne Selbstinszenierung von so viel größerer Bedeutung als ihr bloßer Gesang. Im Theaterhaus dauert es nicht lange bis ich mich eines Besseren belehren lasse. Spätestens beim Refrain von „Can you see me?“ muss ich offen zugeben, mich verkalkuliert zu haben. Mir stehen die Nackenhaare zu Berge, während ihre fantastische Band Meisterleistungen vollbringt. Wie Björk oder Tori Amos hat sich die 29-jährige Diplomatentochter zu einer der großen „chicks with attitude“ entwickelt, wie es ein Freund bezeichnen würde. Dass sie als erste Künstlerin aus der Schweiz 2010 beim Glastonbury Festival spielen durfte, dürfte niemanden überraschen. Die Bühne ist in rotem Dämmerlicht gehalten, Alexis Anerilles steuert am Mini-Moog wirkungsvolle Effekte ein, während Sara Oswald am Cello Maßarbeit leistet.

Hunger reißt den Mund weit auf, singt laut ohne unangenehm zu schreien. Szeneapplaus. Meine Freundin ist seit vielen Jahren glühender Fan, wollte mich seit wir zusammen sind, mit auf ein Konzert ihres großen Idols, das sie das erste Mal im Berliner Lido sah, nehmen. Endlich sind wir hier und ich bin ihr sehr dankbar, mich auf Hungers Musik aufmerksam gemacht zu haben. „Shape“, Katjas Lieblingssong, gibt es schon an dritter Stelle im Theaterhaus zu hören, Trockennebel steigt auf, Hunger spielt akustische Gitarre. Ohnehin ist „Monday's Ghost“ von 2009 ein klassisches Meisterwerk moderner Popmusik zwischen Jazz und Folk. 
 

Erst jetzt richtet die gebürtige Bernerin das Wort an das begeisterte Stuttgarter Kulturpublikum. „Guten Abend, es ist schön in einer Stadt zu spielen, die so weit weg liegt.“ Gelächter begleitet von Applaus erfüllt das Theaterhaus. Kunstpause. „Vom Mars entfernt, wo wir herkommen.“ Es soll nicht die einzige merkwürdige Aussage heute Abend bleiben, aber so unberechenbar die Kommunikation mit dem Publikum ausfällt, so wunderschön ist die Musik. „Weil wir so einen weiten Weg hinter uns haben, spielen wir heute fünf Stunden. Schön, dass ihr eure Zeit dafür opfert, zwei Stunden Lebenszeit. Wir sind alle dabei zu sterben. Es ist Samstag, es ist Frühling, auch wenn es nicht so aussieht.“ 


Die Referenz auf Leonard Cohen, die Hunger in „First We Leave Manhattan“ erweist, fällt keinesfalls übertrieben aus. Langeweile kommt in den 100 Konzertminuten sowieso nie auf. Auf dem Cover ihres jüngsten Album zeigt sich Hunger mit kritischer Miene mit umgehängter Lichterkette, die Aura dieses Fotos trifft die Atmosphäre des Konzerts ziemlich gut. Alles ist ungewöhnlich, vor allem ungewöhnlich gut. In seiner Dynamik ist „Holy Hells“ ein weiterer Beleg ihrer im deutschsprachigen Raum einmaligen Klasse. Überhaupt ist Sophie Hunger die einzige Künstlerin, die mir einfällt, der es mühelos gelingt Songs in vier Sprachen aufzunehmen, ohne auch nur ansatzweise Gefahr zu laufen, sich übernehmen zu können. Diesmal schreit sie markerschütternd ins Mikrophon, ihre Mitmusiker toben sich an verschiedenen Instrumenten aus. Flügelhorn und Bass tun ihr Übriges. Musikalisch ist das schon hochklassiger zeitgenössischer Jazz, hohe Aufmerksamkeit erfordernd, das Risiko, dass diese abnehmen könnte, besteht allerdings zu keiner Zeit. Auf schweizerdeutsch folgt „Spiegelbild“, ein hauchzarter Folksong, der mich in seiner Fragilität gefangen nimmt. Konsequent ist es einen Song in ihrer Muttersprache deutlich vor einem Lied auf deutsch zu spielen. Das Album „1983“ gefiel mir in seiner gesamten Klangästhetik wohl am Besten, „Le Vent Nous Portera“ ist ein vortrefflich arrangiertes Chanson und das erste französische Lied heute Abend. Die Kosmopolität der Schweiz an sich und die kosmopolitische Kindheit in verschiedenen Ländern im Besonderen formten aus der geborenen Emilie Jeanne-Sophie Welti eines der imposantesten musikalischen Gesamtkunstwerke der alternativen Musikwelt. Zu leugnen, dass Hunger der Traum eines jeden Feuilletonisten sein dürfte, fällt mehr als schwer. Ist nahezu unmöglich. Die kongeniale Melange verschiedenster Musikrichtungen, die ihr gelingt, sichert der Schweizerin eine Ausnahmestellung. Was ist sie nun? Jazzerin, Popsängerin, Chansonette? All das vereinigt sie in sich und kreiert mit Sara Oswald (Cello, Gesang, Klavier, Piano, Minimoog, Glockenspiel) aus Fribourg, Alexis Anerilles (Rhodes, Minimoog, Gesang, Trompete, Flügelhorn, Bass) aus Paris, dem spanisch stämmigen Schweizer Alberto Mallo (Schlagzeug, Gesang, Beats, Glockenspiel) aus Lausanne und Simon Gerber (Bass, Gitarre, Klarinette, Gesang) einen perfekten Sound.

Einige Minuten nimmt die ausführliche, sympathische Bandvorstellung ein und jedes Wort ist verdient. Ich wurde mal gefragt, ob man Sophie Hunger als riot girl bezeichnen könnte, die Antwort fiel nicht leicht, aber Songs wie „Das Neue“ lassen das Ganze nahe liegend erscheinen. Die Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus und Zeitgeist fällt subtil aus, Gerber spielt verträumt auf der Klarinette. „Zuckerberg ist der neue Columbus“, haucht Hunger unvergleichlich. 

Ihr schweizerischer Akzent ist immer gegenwärtig, aber herrlich unterschwellig. „Wenn du bald nachhause kommst, dann bin ich nicht mehr hier / Ich kann nicht bleiben, wie ich bin, trotz dir hier“.

Guten Morgen 1983, wo sind deine Kinder?“ Der Titeltrack des vorletzten Albums schlägt ein. Zuckersüß und bitterböse raunt sie gekonnt verstörende Zeilen. „Meine Augen sind aus Glas und ich sehe immer schärfer / Aus meinem Mund strömt Gas und ich werde immer wärmer.“ Es läuft einem kalt den Rücken herunter, die Kraft der Performance fasziniert, die Band harmoniert besser den je. „Dann singe ich dir ein Volkslied / Dann singe ich dir ein Volkslied / Weil das alles ist, was ich hab'“, die unnahbare Sängerin steigert sich in den packenden Refrain, großer Beifall quittiert die Klasse. „Your Personal Religion“ ist fast ein klassischer Folkrocksong, der auch aus der Glanzzeit der New Yorker Singer-Songwriterin Suzanne Vega stammen könnte, „Citylights Forever“ folgt mit betörenden Klängen. Die drei aufeinanderfolgenden Songs von „1983“ sind einer von vielen Glanzpunkten eines erstklassigen Konzerts. 
 

Z'Lied vor Freiheitsstatue“ von 2012 stellt schon den Schlusspunkt des regulären Sets dar. Auf schweizerdeutsch gesungen, verstehe ich kein Wort, trotzdem steigen mir Tränen in die Augen. Wenn Musik derartige Emotionen freisetzt, ist sie über jeden Zweifel erhaben. 
 

Dass die Zugaben ausgerechnet mit meinem Lieblingssong der Schweizerin, „Walzer für Niemand“ beginnen, beglückt mich restlos. Es kann nichts mehr schief laufen; ich erlebe ein perfektes Konzert, eines der besten des Jahres, das steht bereits jetzt fest. Letzten Oktober fühlte ich mich bei Wilco an gleicher Stelle ähnlich, es wurde mein Konzert des Jahres. Als Song besitzt „Walzer für Niemand“ mindestens die gleiche Klasse wie „Via Chicago“. So charismatisch wie Jeff Tweedy ist Sophie Hunger allemal. „Niemand, siehst du's, ich wachse nicht mehr / Meine Hände sind Füße, Niemand schau her / Bald bin ich nichts und, was dann bleibt / Ist deine Wenigkeit“. 


Mit „Souldier“ und „Like Like Like“ ist der erste Zugabenblock der großen Musikerin, die auch auf dem aktuellen Album des Stuttgarter Rappers Max Herre zu hören ist, hochkarätig besetzt. 
 
Der Applaus wird immer frenetischer. Bei „Like Like Like“ hüllt gleißendes gelbes Licht das Publikum ein, während Hunger passende Zeilen singt („I like to see you“).
Wir haben einfach ohne zu fragen ein Foto von euch gemacht. Natürlich ist das ohne Charakter, aber so ist das heute. Man fragt nicht mehr. Ihr könnt das Bild dann im Internet sehen und euch beschweren, dass ihr nicht gut ausseht. Überhaupt ist es besser nicht gut auszusehen als gut auszusehen. Gut aussehende Menschen sind so langweilig.“ Der ein oder andere scheint irritiert ob der Direktheit der Ansage, doch keimt rasch Beifall auf, als das Quintett zum zweiten Mal auf die Bühne zurückkehrt. „Leave Me With The Monkeys“, das mich stellenweise an ein schönes Gospel erinnert, steigert sich zu einem formidablen Crescendo. „The Fallen“ und „Train People“ folgen, ein Zuschauer überreicht Hunger ein selbst gebasteltes riesiges Papierflugzeug. 


Für „Speech“ kehrt die Band ein letztes Mal auf die Bühne zurück. Hunger fordert die Zuschauer auf aufzustehen, sich bis an den Bühnenrand zu bewegen. „Speech“ wird hart kredenzt. Hunger spielt E-Gitarre, Begeisterung macht sich breit. „Ihr seid wunderschön“, ruft eine sichtlich glückliche Sophie Hunger ins Auditorium und entlässt tausend Stuttgarter nach einem traumhaften Abend in die kühle Nacht und U-Bahnen voller betrunkener Wasen-Heimkehrer. Ich bin ja ein großer Freund überschwänglichen Lobs, sofern es denn berechtigt ist. Heute ist es mehr als das. Eine charismatische Schweizerin spielt nicht nur „Walzer für Niemand“, sondern auch ein perfektes Konzert.



Setlist, Sophie Hunger, Stuttgart:
 
01: Rererevolution
02: Can You See Me?
03: Shape
04: First We Leave Manhattan
05: Holy Hells
06: Heharun
07: Spiegelbild
08: Le Vent Nous Portera
09: Das Neue
10: 1983
11: Your Personal Religion
12: Citylights Forever
13: Z'Lied vor Freiheitsstatue

14: Walzer für Niemand (Z)
15: Souldier (Z)
16: Like Like Like (Z)

17: Leave Me With The Monkeys (Z)
18: The Fallen (Z)
19: Train People (Z)

20: Speech (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Sophie Hunger, Karlsruhe, 01.03.2013
- Sophie Hunger, Berlin, 19.02.2013
- Sophie Hunger, Paris, 29.01.2013 
- Sophie Hunger, Berlin, 19.11.2012 
- Sophie Hunger, Paris, 10.11.2012 (französisch)
- Sophie Hunger, Paris, 10.11.2012 (deutsch) 
- Sophie Hunger, Paris, 09.03.2012 
- Sophie Hunger, Paris, 06.12.2010
- Sophie Hunger, Haldern Festival, 14.08.2010
- Sophie Hunger, Paris, 02.06.2010 
- Sophie Hunger, Köln, 29.09.2009 
- Sophie Hunger, Köln, 09.05.2009 
- Sophie Hunger, Paris, 23.03.2009 
  

 

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