Donnerstag, 25. April 2013

Christiane Rösinger, Frankfurt, 24.04.13


Konzert: Christiane Rösinger - von Berlin nach Baku. Eine musikalische Revue
Ort:Literaturhaus, Frankfurt
Datum: 24.04.2013
Zuschauer: vielleicht 70
Dauer: gut 75 min 



An so Abenden wie heute wäre es einfacher, einen schlechten Musikgeschmack zu haben. Wenn ich die größten Kracher der 80er, 90er und von heute hörte, und mein persönlicher Record Store Day das Erscheinen der neuen Bravo Hits wäre, hätte ich heute eine vergleichsweise einfache Entscheidung treffen müssen. Paprikachips oder Erdnußflips zum Fußball? Meine Überlegungen - den ganzen Tag schon - waren stattdessen: Making Marks (früher My Little Pony) in Köln oder Christiane Rösinger (früher Lassie Singers - größte Hits der 90er) in Frankfurt. Ich entschied mich aus Gründen, die ich nur in der Anonymität des Internets aussprechen mag, für Christiane Rösinger. Zum einen sehe ich die norwegische Indiepop-Band noch beim Indietracks-Festival irgendwo in Mittelengland, zum anderen erfuhr ich am Nachmittag, daß Christiane Rösinger nicht nur mein Lieblingslied ihrer Ex-Band (Jeder ist in seiner eigenen Welt) sondern auch ein paar Eurovision Song Contest Knüller spielen würde, darunter das wundervolle Poupée de cire, poupée de son.

Also war ich um halb neun vor dem Literaturhaus Frankfurt, nachdem ich auf dem Weg vom Parkhaus erst an einem Tango-Kurs und dann an einem Eroscenter mit vielen Neon-Herzen in den Fenstern vorbeikam. Beides hätte sicher der in Berlin lebenden Künstlerin gefallen, die mit ihren Liedern über die Pärchenlüge oder die Arschlochkinder in Berlin so etwas wie die weibliche deutsche Version von Morrissey ist. Eine ähnlich wichtige Rolle wie der englische Zyniker spielte die Musik (vor allem) der Lassie Singers für mich in den 90er Jahren.

Als ich den Konzertraum betrat, endeten gerade einleitende Worte. Christiane Rösinger haben Rückenprobleme und müsse daher auf einem Sofa sitzen. Waffengleichheit also, denn das Konzert war bestuhlt. Die Musikerin und Schriftstellerin erklärte später, sie sei auf einen Verstärker gefallen und habe Rückenprellungen. Sie müsse sich das Rückgrat operieren lassen.

Der Abend war eine musikalische Lesung. Christiane Rösinger stellte ihr Buch über eine Reise mit einem Kleinbus von Berlin zum Eurovision Song Contest nach Baku vor, las daraus, spielte aber auch immer wieder Lieder, die dazu passten. Begleitet wurde sie von Claudia Fierke an der Gitarre (und im Bus nach Baku), von ihrer Tochter Virginia (Keyboard und Melodica) und von Stefan Pabst (dem Bassisten von Ja, Panik) am Schlagzeug.

Die Band hatte auch gleich zu Beginn einen kleinen Auftritt ("macht doch mal ein bißchen Atmo, Kinder!"), als sie die Eurovisions-Fanfare spielte.

Danach begann die Lesung. Christiane Rösinger und Claudia Fierke hatten in einer Weinlaune beschlossen zum Grand Prix nach Baku zu fahren, mit dem Auto, um etwas von den vielen Ländern dazwischen zu sehen. Außerdem sei sie begeisterte Autofahrerin. Daß sie die Urteile, Autofahrer seien asozial, faul und undiszipliniert als Lügen abtat, machte sie mir nicht weniger sympathisch.

Die aus Baden stammende Berlinerin erzählte von den Schwierigkeiten, einen Gebrauchtwagen zu kaufen, von den Etappen Bulgarien und Türkei, von Konzerten für das Goethe-Institut oder den deutsch-aserbaidschanischen  Kulturverein. Und immer wenn es inhaltlich passte, spielte die Band ein Lied dazu. Als die Sängerin von bulgarischen Hirten (ihrem Traumberuf als Kind*) sprach, die auf der Wiese saßen und ihre Ziegen anstarrten, gehörte dazu natürlich Jeder ist in seiner eigenen Welt. Als sie vom neureichen Baku im ESC Fieber erzählte, coverte die Band France Gall (das sang Tochter Virginia) oder Lenas Satellite (von Claudia gesungen).

Leider waren Christiane Rösingers Schmerzen offenbar so groß, daß sie das Musikprogramm (wohl deutlich) verkürzen musste. Gestern in Düsseldorf (bei Pretty Paracetamol nachzulesen!) standen noch elf Lieder auf dem Programm (darunter das Cover der 12er Siegersongs Euphoria). Heute war rückenbedingt nach sieben Schluß.

Schade, daß der Klang am Anfang so schlecht war (das war der Preis dafür, daß das Konzert in einem Literatur-, nicht in einem Musikclub stattfand). Ich hätte gerne mehr, besser klingende Lieder gehört. Trotzdem ein sehr schöner Abend, mit tollen Geschichten einer verrückten Reise, auch wenn die bemitleidenswerte Hauptperson "verreckt auf dem Sofa saß!"

Setlist Christiane Rösinger, Literaturhaus, Frankfurt:

01: Eurovision Hymne
02: Hamburg
03: Jeder ist in seiner eigenen Welt
04: Meine eigentliche Beschaffenheit ist schuld daran (neu)
05: Geh in den Keller
06: Poupée de cire, poupée de son (France Gall / Serge Gainsbourg Cover)
07: Satellite (Lena Cover)
08: Au revoir (?)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Christiane Rösinger, Köln, 05.02.11


* sie sei heute froh, nicht Schäferin sondern Sängerin geworden zu sein, denn die würden ganz schnell depressiv! 


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