Samstag, 27. April 2013

Tocotronic, Erlangen, 11.04.2013

Konzert: Tocotronic
Vorband: It's a musical
Ort: E-Werk, Erlangen
Zuschauer: voll, ca. 800
Datum: 11.04.2013
Dauer: Tocotronic 110 Minuten, It's a musical 35 Minuten

von Fabian von Gefuehlsbetont aus Stuttgart

 


Tocotronic mögen es üppig. Das zeigt nicht nur das neue Album Wie wir leben wollen, das Ende Januar erschien und wegen seiner Aufmachung und seinem Klang zurecht für erneutes Staunen sorgte, sondern auch wegen der langen Tour durch viele Konzertsäle in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ich kann mich kaum über mangelnde Termine in Süddeutschland beschweren, erstreckt man diesen Begriff über ein weites Feld. So waren für mich Besuche in Heidelberg, Stuttgart, Erlangen, Offenbach, Freiburg, München und Würzburg möglich – mangels Zeit- und finanziellen Gründen schaffte ich es ‘nur’ nach Stuttgart und Erlangen.
Nachdem ich schon in Stuttgart die Ehre hatte, diese großartige Band unter neuem Motto „Wie wir leben wollen“ zu erleben, trat ich den Weg nach Erlangen an. Das Stuttgarter Konzert musste sich erstmal setzen, Tocotronic im “neuen” Gewand zu erleben ist immer eine interessante Erfahrung. Das, was man schätzt, also vor allem Dirk von Lowtzows Bühnenauftritt, den Pathos und das Überschwängliche, war nie fort. Das verzaubert jeden Auftritt, das will man auch, das kickt. Doch Tocotronic meinen es ernst mit der Tour und mit ihrem neuen Werk. Die neue Platte ist nicht einfach nur ‘die neue Platte’, es fühlt sich wie ein neuer Abschnitt an, ein neuer Meilenstein, den Tocotronic dementsprechend gestalten und auf Tour präzise umsetzen. Sie zeigen damit, wie wichtig ihnen das jetzige Werk ist – das erneut beweist, dass Tocotronic keine schlechten Alben schreiben können. Das, was ich an der „Schall & Wahn“-Tour schätzte, nämlich eben genau das: Die vielen in sich verschmolzenen Songs, die Wut und der Lärm, wird bei der jetzigen „Wie wir leben wollen“-Tour deutlich wärmer und biegsamer. Mit dem ersten Konzert nach der Festivaltour im letzten Sommer, die vom Set eher ein Potpourri an Hits aus 20 Jahren war, musste ich mich bei Vorfreude, Krankheit und schwierigem Publikum erst einer neuen, fordernden Tocotronic-Platte und ein eben solches Konzert noch “gewöhnen” und erstmal finden. Die Entscheidung, nach Erlangen für ein zweites Konzert der Tour zu fahren, entschied sich als goldrichtig. Es war ein großer Genuss zu wissen was passiert und das schon ein Monat verstrichen war.
Die Distanz zwischen München und Erlangen habe ich maßlos unterschätzt, so wunderte ich mich stark, als ich bemerkte, dass dies über 200km sind. Dennoch lohnte sich die Reise, beschwingt mit einem tollen Element of Crime-Konzert im Kopf empfängt mich die Studentenstadt Erlangen mit Regen. Das E-Werk, in dem das Konzert stattfindet, ist ein super Laden. Tolles Programm, guter Sound, schöner Raum, nicht zu groß und nicht zu klein – und einen Balkon gibt’s auch. Ich bin gerne dort, weil diese Stadt nicht erschlägt und vollgestopft ist und mit vielen interessanten Ecken einlädt. Das E-Werk ist das Highlight und eine Anlaufstelle vieler toller Bands.
Auch freute ich mich tatsächlich über ein Wiedersehen der Vorband It’s a musical, die auf der gesamten Tocotronic-Tour Support sind. Das Elektropop-Duo aus Berlin machte es mir in Stuttgart noch ein wenig schwer, in Erlangen wirken sie frisch und nehmen mich offen in den Arm, spielen insgesamt vom Gefühl her befreiter. Ich spüre, wie sie sich über den Auftritt freuen. Das Publikum ist wohl wie jeden Abend: Zwischen Ultras, die nur Tocotronic sehen wollen und interessiertnickenden Indie-Menschen ist alles dabei. Hinten viel Gerede, vorne wird mehr zugehört. Als dann mitten im Song Rick McPhail auf die Bühne schlurft, um Gitarrensoli zu spielen, gibt es natürlich großen Jubel. (Ja, ich war logischerweise auch begeistert) Auch Ella Blixt und Richard Kretzschmar können sich nur fasziniert kopfschüttelnd angucken. Dieser Mann ist der helle Wahnsinn. Als wäre nichts gewesen, schlurft er wieder zurück. Legende da, Legende weg. It’s a musical kicken heute einfach. Das macht Laune, dieser 80′s-Sound. Schlagzeuger Robert grüßt zudem einen David im Publikum, dessen Band Wyoming man auf seinen Rat auschecken sollte. Gesagt, getan und Recht gegeben: Die sind wirklich gut! (Hier klicken) Das ist eine Sache, die ich weiterhin an Tocotronic schätze: Sie laden grundsätzlich Bands ins Vorprogramm ein, die sie selbst auch mögen. Mit Dillon auf der letzten Tour bekam das Publikum einen Popdiamanten zu hören, mit It’s a musical nun eine Band, die definitiv Qualität hat und Freude macht. Der Abend fängt gut an!


Doch es wird noch besser, oder: Noch krasser und abstruser. Bereits mit der heutigen Bühnenorganisation erlebe ich eine gewisse Unordnung, da sich die Crew bei Showbeginn immer noch beratend auf der Bühne befindet, während der Pro Asyl-Imagefilm beginnt und vom Publikum überhaupt nicht wahrgenommen wird. So wird auch nicht nach Ende dieses wichtigen Films wie in Stuttgart geklatscht, sondern nur gewartet, bis das Licht ausgeht. Schade. Mit dem Konzertintro „Gesang der Jünglinge“ von Stockhausen sorgen Tocotronic auch heute wieder für große Verwirrung im Saal. Während ich mich darüber amüsiere, ärgere ich mich im nächsten Moment abermals über Proleten. Diesmal schreit jemand “Haltet die Fresse und spielt Gitarre” durch den Raum. So sehr ich auch abgöttischer Fan dieser Band bin, werde ich solches Verhalten nie verstehen können. Dafür gibt’s keine Anerkennung, das ist auch keine Frage der Ungeduld oder des Geschmacks, sondern des Anstands. Zwei Minuten später stehen die vier Männer “aus Hamburg und Berlin” lächelnd einem vollen E-Werk gegenüber, das sie mit großem Jubel empfängt. Kapellmeister Lowtzow begrüßt Erlangen, Fürth und Nürnberg (!) gewohnt schwungvoll und enthustiastisch. Mit Opener „Im Keller“ beginnt ein furioses Konzert wie eine Fahrradtour: Fährt man gerade noch die Faulenzerroute mit schönem Landschaftsblick, wird der Boden plötzlich ruppiger. Mountainbike.
Rock ‘n’ Roll will never die.
Denn Tocotronic stellen ihr Set im Gegensatz zu Stuttgart vor einem Monat an einigen Stellen um: Mit „Macht es nicht selbst“ findet nun doch ein Song des sehr guten „Schall & Wahn“ einen Platz im Set und auch zu Beginn gibt es eine entscheidende Veränderung: Mit den drei ersten Stücken entzünden sie die Ekstase: Die neue Single „Ich will für dich nüchtern bleiben“ haut nicht nur auf Platte gut rein, sondern ist auch Wegbereiter für einen ersten Klassiker-Befreiungsschlag im Publikum – die Freude schwappt mit dem ersten Akkord förmlich über, nachdem Dirk von Lowtzow “Rock ‘n’ Roll will never die” ins Mikrophon säuselt und die Fotografen aus dem Graben verscheucht. Er guckt zornig aber bestimmt und will jetzt nur noch sein Publikum sehen. Es strahlt ihn an und singt „Drüben auf dem Hügel möcht’ ich sein im letzten Abendsonnenschein.“ Es ist ein Moment, in dem man die Welt umarmen könnte. Es gibt nur diesen Moment und die Musik, das vollkommene Glück, die Faust in der Luft und die Stimme überschlägt sich. Tocotronic haben alles richtig gemacht. Nachdem es den ‘Hügel’ in Zürich nur als Bonbon nach dem Outro (!) gab, bauen sie es nun direkt zu Beginn ein. Weil’s im Freudentaumel der alten Zeit so schön ist, bleiben sie mit „Meine Freundin und ihr Freund“ gleich dort. Das Publikum nimmt dankend an. Danach ist erstmal Ruhe und Zeit für großes Drama und das “tuntigste Lied” „Vulgäre Verse“.
Schließlich soll das Publikum ja auch nicht verwöhnt werden – obwohl sich der Besuch jetzt schon für die meisten gelohnt hat. Doch Tocotronic präsentieren natürlich ihr neues Werk: Da ist „Vulgäre Verse“ ein Lied, das aneckender nicht sein könnte. Kaum ein Song auf dem neuen Album sticht so heraus wie dieses. Lotzows feminine Stimme besingt eine Diva auf großer Bühne – „Ich geistere zurückgezogen / In möbliertem Revier / Keinem Fuß mehr auf deutschem Boden / Nur nächtliches Telefonieren“ – die Worte könnten es nicht besser beschreiben, der Hall strotzt, die Stimme schwebt, der Schatten schwindet. Mit dem Wegfall von „Exil“, das in vorigen Sets noch enthalten war, bei dem It’s a musical nochmals für die Background-Chöre auf die Bühne durfte, erschlägt das Set nicht allzu sehr mit Songs des neuen Albums. Das Set ist ausgeglichen und hat dennoch eine erkennbare Note. Mit „Abschaffen“, zu dem die Müncher Elektropunkband Frittenbude einen Remix baute, „Die Revolte ist in mir“ und „Warm und Grau“ formt das Konzert den Rahmen der „Wie wir leben wollen“-Tour.


Neben mir boxt sich ein jüngerer Kerl mit konstant grimmigen Gesicht durch die Masse, in dem die Revolte scheinbar tatsächlich steckt. Ich kenne das und fühle mit, lächle aber lieber. Dirk von Lowtzow schreit heute lieber, was mich kurz aus der Fassung bringt. Wer schon auf einem Tocotronickonzert war, kennt die große Sympathie und Wertschätzung von Dirk von Lowtzow gegenüber dem Publikum, der ständig dankt und ausschweifend erzählt. Heute ist tatsächlich irgendwas in der Luft, dass diesen Abend eine sehr raue, aber interessante Note gibt. Denn Lowtzow bricht während „Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools“ kurz vor dem ersten Refrain ab und schimpft laut auf den Tonmann. Bevor alle sich kurz ungläubig ansehen, entschuldigt er sich beim Publikum und spielt den Song nochmals. Generell spürt man heute mit dem Verscheuchen der Fotografen, eben genannter Aktion und einem “Halt’s Maul, Deutschland!”-Ruf passenderweise nach „Aber hier leben, nein Danke“ eine besonders ausgeprägte Wut bei Lowtzow. Diese gibt dem Konzert aber den gewissen Arschtritt. Tocotronickonzerte bringen auch immer wieder neue Erfahrungen mit sich.
Danach gibt es nur noch einmal einen finsteren Blick Richtung Tonmann, als dieser die Monitorboxen nach Punkexzess wieder korrekt platziert. Jan Müller bedankt sich mit einem Lächeln um den Frieden wiederherzustellen. Das ‘Vampir-Lied’ „Auf dem Pfad der Dämmerung“ muss ebenfalls wiederholt werden – Musikgott McPhail sitzt nicht an der Orgel und schlägt nach Beginn die Hände über dem Kopf zusammen. “Er wird halt überall gebraucht” – wie wahr, was Arne Zank da anmerkt.
Kurz vor Ende des Hauptteils sorgen Tocotronic dann nochmals für große Gänsehaut. Dirk von Lowtzow, wieder strahlend, grüßt mit Übersong „Hi Freaks“ alle Fans bis Bamberg. Sechs Minuten weitere Ekstase. Hi. Freaks. Look. at. me. Die Fortsetzung offener Münder, glücklicher Gesichter, gereckter Fäuste und einem lauten “Jaaaa!”-Schrei folgt mit der ersten Zugabe: Aus einer herrlich großen Lärmwolke formt sich „Freiburg“ – Erlangen kollabiert und ist alleine, weiß es und findet es sogar cool. Es ist das Dankeschön einer Band, die es seit zwanzig Jahren verdient hochgelobt zu werden. Der Titelsong des neuen Werks schließt die Zugabe ab, bevor Dirk von Lowtzow seine Zigarette mit der ersten Reihe teilt, wieder lächeln kann und Frieden mit Erlangen schließt, einatmet und nein, nicht den Tod besingt, sondern “einen Engel”. „17“. Das melancholische Finale eines großen Konzerts, „17“ entlässt mit einem doch sehr abschließenden Gefühl, das mich immer wieder mitnimmt. Keine Ekstase, nur für ein paar Sekunden still stehende Herzen und innere Leere.


Setlist, Tocotronic, Erlangen: 

01: Im Keller 
02: Ich will für Dich nüchtern bleiben 
03: Drüben auf dem Hügel 
04: Meine Freundin und Ihr Freund 
05: Vulgäre Verse 
06: This Boy is Tocotronic 
07: Sag alles ab 
08: Aber hier leben, nein Danke 
09: Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools 
10: Abschaffen 
11: Alles wird in Flammen stehen 
12: Auf dem Pfad der Dämmerung 
13: Die Revolte ist in mir 
14: Macht es nicht selbst 
15: Jackpot 
16: Hi Freaks 
17:Warm und grau 

18: Freiburg (Z) 
19: Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen (Z) 
20: Wie wir leben wollen (Z) 
21: 17 (Z)


Links:

- aus unserem Archiv:
- Tocotronic, Stuttgart, 12.03.2013
- Tocotronic, Wien, 29.03.2010
- Tocotronic, Köln, 04.03.2010
- Tocotronic & Klee, Köln, 07.06.2008
- Tocotronic, Highfield Festival, 17.08.2007 





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