Mittwoch, 13. Februar 2013

Maximilian Hecker und Felix Räuber, Tübingen, 25.0113


Konzert: Maximilian Hecker und Felix Räuber 
Ort: Löwen, Tübingen 
Datum: 25.01.2013 
Zuschauer: um die 60 
Konzertdauer: 95 Minuten 

Von Jens aus Stuttgart


Maximilian Hecker gilt als sensibler Feingeist, dessen sensitiven, tieftraurigen Liebeslieder nicht in satten Farben gestaltet sind, sondern meist reine schwarz-weiß Malerei betreiben. Man könnte es sich leicht machen und Heckers Pianopop als schlichten Kitsch bezeichnen, doch damit wird man weder dem Künstler noch seinem Werk ansatzweise gerecht. 

Es ist mein zweites Konzert des Berliner Singer-Songwriters. Und das innerhalb von nicht einmal zwei Wochen. Nachdem der Auftritt im Stuttgarter Keller Klub durch äußere Einflüsse zu einem Desaster für Künstler und Zuschauer geriet (Wir berichteten), war es für mich keine Frage, ins nahegelegene Tübingen zu fahren, um in einem angemesseneren Rahmen eine glückliche, bleibende Erinnerung an die gemeinsame Tour Heckers mit Polarkreis 18 Frontmann Felix Räuber mitnehmen zu können. 

Dass meine Hoffnungen auf ein gutes Konzert nicht umsonst gehegt wurden, zeigte sich bereits nach den ersten Songs. Maximilian Hecker wirkte erstaunlich gelöst, agierte gekonnt theatralisch auf der großen Bühne des Tübinger Löwen. Das ehemalige Kino mit seinen roten, plüschigen Sitzreihen, den Samtvorhängen an den Wänden und der theatertauglichen Bühnenbeleuchtung bietet den Akteuren künstlerische Freiräume, von denen man in Stuttgart kaum hätte träumen können. So steht anstelle des unscheinbaren Yamaha-E-Klaviers ein ansprechendes Konzertpiano auf der Bühne, der im Kontrast zu Heckers wispernden, sowohl hohen als auch glasklaren Gesang, umso angebrachter erscheint. Das Fehlen des Kerzenlichts der zur Tour gehörenden Teelichter, auf die man wohl aus Brandschutzgründen verzichten musste, fällt da gar nicht atmosphäreschädigend ins Bild, vielmehr bewahrt es an diesem Abend vor einem tatsächlichen Abdriften ins Kitschige, wie es wohl an solch einem Ort nicht ungewöhnlich ist. So war Bernd Begemanns Auftritt im vergangenen Jahr an gleicher Stelle einer seiner sentimentalsten, die ich bisher erleben durfte. Doch es passt einfach zur samtigen Aura des Veranstaltungsortes.

 Die Setlist von Maximilian Hecker und Felix Räuber gleicht der Stuttgarter in weiten Teilen, jedoch muss heute keiner Angst haben, dass die Zugabenblöcke von aufgelegter Discomusik zerstört beziehungsweise im Keim erstickt werden könnten. 

Wie in Stuttgart liest Hecker das erste Kapitel seines autobiografischen Buchs „The Rise And Fall Of Maximilian Hecker“ vor. Diesmal kommen die Pointen an, das Publikum lacht herzhaft. Zurecht. So feinfühlig Heckers Songs sind, ist auch sein Schreibstil. Man leidet mit diesem jungen Mann auf der Suche nach Liebe, der Angst vor Bindung und Verlust. Fraglos ist das Buch ein Schlüssel zum tieferen Verständnis seiner häufig leidenden Liedlyrik. Musikexpress-Redakteur Josef Winkler schilderte treffend in seiner Rezension für die taz, dass man die Ehrlichkeit, die man immer tendierte Hecker abzusprechen, in seiner Biografie findet und mit ihr die Erkenntnis, dass Heckers Leiden echt ist. Schaut man genau hin, führt auch ein Konzertbesuch zum gleichen Schluss. Versteckt hinter seinem Bart, haucht der schlaksige Sänger mit der Britpop-Frisur, der definitiv mehr ist als eine Frisur, seine Texte. Man bemerkt nahezu keine Mundbewegung, fragt sich, ob er tatsächlich singt. Natürlich tut er das. Aber es ist auch immer ein tiefer Schmerz im Gestus des Mittdreißigers, der in Asien der wohl bekannteste deutsche Indiemusiker sein dürfte. Ein deutscher Musiker, der in Deutschland meist vor weniger als hundert Zuschauern auftritt, füllt in Japan oder Südkorea die großen Clubs, sieht seine Songs in Fernsehwerbespots verwendet. 

Die Idee gemeinsam mit Felix Räuber auf Tour zu gehen, dessen klassisch ausgebildete Stimme den Konzerten ausgesprochen gut bekommt, kam relativ spontan zustande, wie Beide betonen. So habe man sich erst im April letzten Jahres kennengelernt. 

 Meist sitzt Hecker hinter seinem Klavier, während Räuber Gitarre, Synthesizer oder Glockenspiel spielt. Es ist ein beruhigendes Bild, wie die in schwarz gekleideten Musiker in ihrer Musik aufgehen, wie das Publikum während der Songs sich selbst schlucken hören kann. 

Neben Songs des aktuellen, für meine Begriffe zu dick produzierten, Albums „Mirage of bliss“ gibt es Perlen aus Heckers Frühwerk wie „Kate Moss“, das eines der Liebelingslieder des Polarkreis 18 Sängers ist, das verträumte „Snow White“ oder „I'll be a virgin, I'll be a mountain“, das Hecker als letzte Zugabe alleine vorträgt. Doch auch Felix Räuber, der heute klar als Frontmann von Polarkreis 18 vorgestellt wurde – was in Stuttgart mit keinem Wort Erwähnung fand -, durfte mit „Running out of time“ einen Song aus seinem kommenden, ersten Soloalbum vorstellen. Dass Räuber eine erfolgreiche Zukunft als Solokünstler in Aussicht haben dürfte, daran lässt bereits dieser erste Appetithappen keinen Zweifel. Einen Radiohit dürfte der sympathische Dresdner damit zumindest sicher haben, womit er auch geschickt kokettierte als er den Titel als „Robbie Williams Nummer“ ankündigte, die so klingen könnte, als hätte sie David Guetta produziert. „Der Geiger?“, fragt Hecker. Genau. Es sind Momente wie dieser. Augenblicke, in denen der subtile Zynismus Heckers zum Vorschein kommt, die einem den Glauben an das Gute im deutschen Pop zurückgeben. Manchmal muss es eben sentimental sein, auch an der Grenze zum Kitsch, um herzlosen Retortenpop überstehen zu können. 

Setlist Maximilian Hecker & Felix Räuber, Löwen, Tübingen: 

01: Mirage of bliss (Part 1) 
02: Mirage of bliss (Part 2) 
03: Summer days in bloom
04: Heavenlies 
05: Silent, lucid flashes 
06: Kate Moss 
07: Treasure trove 
08: The forsakenness of raging love

Lesepassage aus „The Rise and Fall of Maximilian Hecker“

09: If only I could see 
10: Birch 
11: Running out of time (Felix Räuber)
12: Snow White
13: The whereabouts of love  

14: Head up high (Z)
15: I'll be a virgin, I'll be a mountain (Z)


* es fehlen noch zwei Fotos, die kommen etwas später!





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