Montag, 4. Februar 2013

Afenginn, Karlsruhe, 02.02.13

Konzert: Afenginn
Ort: Tollhaus in Karlsruhe
Datum: 02.02.2013 
Zuschauer: etwa 200
Dauer: 120 min

 
Geisterbeschwörung als Winter-Austreibung

Unter dem Motto "World Top 7" lädt das Tollhaus in loser Folge für 7 Euro Probierpreis zum Konzert von in Deutschland noch weitgehend unbekannten Bands ein. Am Lichtmesstag war ich uninformierter aber sehr neugieriger Gast. Und wieder einmal bin ich anschließend begeistert heimgeradelt. Wer hat da dieses gute Näschen für tolle Bands?

Afenginn aus Dänemark spielten auf mit E-Mandoline (Kim Rafael Nyberg aufgewachsen als Teil der schwedischen Minderheit in Finnland), Geige (Niels Skovmand aus Jütland),  Kontrabass und E-Bass (Erik Olevik aus Schweden), Schlagzeug (Rune Kofoed aus Kopenhagen) und Klarinetten (Rasmus Krøyer von Langeland - eindrucksvoll vom Klang und ansehen ganz besonders die Bassklarinette, von der mir aber leider kein Foto gelungen ist).



Vielleicht kennt hier der eine oder andere die (preisgekrönte) Musik von Dánjal? Die Bands sind über den zentralen Kopf von Afenginn geschwisterlich verbunden.



Auf der Bühne aufgebaut sind links ein Grammophon, das an eine komische riesige Gasflasche angeschlossen ist, ein ausgestopfter Fuchs und auf der rechten Seite ein ausgestopfter Marder. Im Nachsinnen über die einleitenden Worte zum Konzert und dem Konzept von World Top 7 stellt sich mir anschließend die Frage: Zu welcher Welt gehört diese Musik?

Wie bei Mono gibt es diese überaus innigen liedhaften Teile, dann oft verstörende Verschiebungen und durcheinander (Postrock-Phasen) und schließlich die Explosion. Bei Afenginn häufig überbordend lebensfroh mit Anklängen an jiddische und Balkanmusik. Diese Musik ist voller Taktwechsel, aber geht doch direkt in die Beine (oder ins Herz). Manche Stücke dauern eine Viertelstunde, bis Applaus kommen darf. Auf den CDs ist zwar kein Stück so lang, aber sie sind (wie in der klassischen Musik üblich) zu mehreren (oft dreien) ein Gesamtkunstwerk und die Band lässt uns nicht dazwischenklatschen.





Das Karlsruher Publikum schließt die sympatische Band gleich ins Herz und geizt nicht mit Applaus. Die Musiker fragen später: Ist das in Karlsruhe immer so?

Aber der Applaus ist verdient: der barfuße Mandolinen-spieler mit Rastalocken ist jedenfalls ein ziemlicher Hingucker. Und als nach 20 min auf einmal doch vierstimmig Gesang einsetzt, hat es so etwas von Beethovens neunter Sinfonie, wo der Chor ja auch nur eingesetzt wird, weil die Euphorie sich mit Instrumenten allein nicht mehr genug steigern lässt.

In jedem Fall großartige Kopfkinomusik. Die Band spielt über weite Teile fast im Dunkeln. Dann kommt auch das Grammophon zum Einsatz und verteilt Bühnennebel. Ein sehr witziger Effekt.


Nach etwa 50 min gibt es eine Pause, in der schon viele die Gelegenheit ergreifen, sich mit Tonträgern einzudecken. Tatsächlich sehe ich, wie eine Dame alle 5 CDs kaufen möchte und den Klarinettisten am Stand damit etwas sprachlos macht. Er muss noch einmal nachfragen, ob er recht verstanden hat und ist sichtlich gerührt (macht ihr dann einen guten Preis).



Im zweiten Teil präsentiert sich die Gruppe noch gelöster in den Ansagen. In Erinnerung bleibt mir besonders das Stück Waldhotel Solitaire,  welches in der Umgebung von Augsburg im November letzten Jahres entstanden ist in einem verwunschenen Ausflugshotel außerhalb der Saison. Zum aktuellen Album Lux (reinhören!) gehören eine Lampe und ein elektrisches Teelicht. Im Teaser zum Album sieht man, wie eine der Lampen von der Band mit einer Einladung versehen wird: wir spielen dem, der dieses Exemplar des Albums kauft eine Wohnzimmerkonzert. Eine sehr sympatische Geste und ein toller Einfall finde ich!



Als Zugabe (nach fast zwei Stunden Musik) gibt es Humba und tatsächlich geht es im ersten Teil so in die Beine, dass ein Tänzer aus den hinteren Reihen vorn an die Bühne  kommt und wild hüpfend dem Rhythmus folgt. Dabei vom Klatschen des Publikums  angefeuert (wahrscheinlich auch von dem einen oder anderen Bierchen). Der zweite Teil des Stücks bietet dann die Hangoverversion und dämpft die ausgelasssene Stimmung, bevor es dann ganz ekstatisch zu Ende geht. 

In Erinnerung bleibt mir auch ein älterer Herr, der fast das ganze Konzert hindurch rechts am Rand steht und sich im Rhythmus tanzend bewegt und dabei ganz und gar glücklich zu sein scheint.





Tourdaten:

04 Feb Kulturzentrum Franz.K Reutlingen
06 Feb Schlachthof Kassel
08 Feb Felleshus, Nordische Botschaften Berlin
09 Mar Walhalla Spiegelsaal Wiesbaden
13 Mar Nato Leipzig
15 Mar Goldbekhaus Hamburg

Rubrik "Unnützes Wissen": Wussten die werten Leser, dass ausgerechnet Karlsruhe die Carsharing-Hauptstadt Deutschlands ist? Und das deutlich und mit großem Vorsprung: Fast 2 Autos stehen per 1000 Einwohner zum teilen zur Verfügung. Die zweitbeste Stadt Düsseldorf hat nur etwa 1 Auto pro 1000 Einwohner im Pool.




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