Montag, 18. Februar 2013

Peter Doherty, Paris, 17.02.13



Konzert: Peter Doherty (mit Geigerin)
Ort: le Fontania, Paris 9
Datum: 17.02.2013
Zuschauer: 20
Konzertdauer: 45 Minuten

Zwei Fragen, die man sich durchaus mal stellen kann:

1. Warum macht der das?

2.Warum mache ich das?

Ja, was denn eigentlich? Nun, warum spielt Pete Doherty nachts um 1 in einer kleinen Fuballkneipe mit Schals von Arsenal, Manchester United und Paris St. Germain vor 20 (!) Leuten bei äußerst widrigen technischen Bedingungen, obwohl er offensichtlich müde ist? Und warum gehe ich da hin, obwohl ich offensichtlich genauso müde bin und besser früh ins Bett gehört hätte?

Vermutlich weil wir beide musikverrückt sind und auch sonst n'e ziemliche Meise haben! Über andere mögliche Gründe muss ich mal 'ne Nacht schlafen.


So, drüber geschlafen und inzwischen ist einiges klarer geworden. Zumindest hinsichtlich Frage 2, denn ich habe mir natürlich schon desöfteren überlegt, warum ich ständig zu Konzerten von Doherty pilgere, egal wann und wo sie stattfinden. Zu Frage 1,  warum Pete das macht, fällt mir im Moment nur ein, daß er wirklich saugerne Musik vor Leuten spielt, den Kontakt zu den Fans sucht und er ein ungemein spontaner Mensch ist. Er hat gerade Bock zu spielen, also spielt er, egal wo, Hauptsache das Ganze ist unbürokratisch und im Nu organisierbar. Keine lange Vorbereitung, Gitarre gepackt und los geht's!  Hintergrund ist mit großer Wahrscheinlichkeit das Bedürfnis geliebt und bewundert zu werden, aber ist das verwerflich? Hat nicht jeder von uns dieses Bedürfnis? I wanna be abored. But so what?, ist doch normal!  Sollen Lästerer ihn dafür kritisieren, daß er in Spelunken auftritt, ich find's gut! Muss ja keiner hingehen, der es nicht mag und meine Berichte darüber muss auch niemand lesen. So.

Kommen wir zu Frage 2. Also, warum mache ich das nun, warum gehe ich so oft auf Konzerte von Pete?



Vielleicht weil er mich stark an meinen Vater erinnert. Es ist unfassbar, der Kerl hat die gleichen Züge wie mein Daddy, als er jung war. Der runde Kopf, die Haarstruktur, der Blick, verblüffend! Und wie mein Vater ist er so unglaublich eigenwillig und auch eigensinnig. das kann irritieren, verärgern, wütend machen, ist aber trotzdem faszinierend. Immer nur machen, was man will, sich alle Freiheiten der Welt rausnehmen, wer möchte das insgeheim nicht gerne? Diese Leute beneidet und bewundert man irgendwie, ich zumindest. Kommen und gehen immer wann sie wollen, halten sich an keine Regeln und keine Uhrzeit, lassen andere stundenlang warten. Und wenn man ob dieser Spirenzchen dann gerade stinkwütend auf sie ist, kommen sie mit einem Lächeln auf den Lippen um die Ecke gelatscht, ziehen ihre Show ab, lassen ihren schelmenhaften Charme spielen und sofort hat man ihnen alles verziehen. Pete genau wie meinem Dad damals.



Da kommt der Brite allen Ernstes zusammen mit seiner Geigerin strahlend um 1 Uhr nachts aus der Kabine stolziert. Das Konzert war für 0 Uhr 30 vorgesehen, aber die meisten Fans haben hier 1 Stunde und 45 Minuten gewartet. Ich selbst aber "nur" 40 Minuten. Ein paar Leute waren entsprechend genervt. Auf die Aufforderung der forschen Barfrau, doch mal bitte schön einen Höllenlärm für Pete zu machen und ihn zu bejubeln, sagte ein junger Zuschauer trocken: "er hat uns saulange warten lassen, wir sind jetzt müde." Daraufhin die Barfrau wutschnaubend: "es ist ein Unding, daß ihr hier so mau reagiert, er kommt extra nur für euch, gratis!" Und der Zuschauer: "nein, es ist ein Unding, daß er jetzt erst kommt."



Beide hatten irgendwie recht. Zwar weiß ich nicht, warum die meisten Leute wohl schon um 23 Uhr 15 da waren, obwohl das Konzert am Vortag eindeutig für 0 Uhr 30 angekündigt wurde, aber zumindest eine halbe Stunde warten musste jeder. Auch derjenige, der nicht zu früh gekommen war. Und das ist nun einmal ärgerlich.


 
Auf der anderen Seite war dies hier eben kein offizieller Gig mit Kartenvorverkauf etc. Lediglich ein großzügiges, vielleicht vorschnelles und unüberlegtes Versprechen, in der kleinen Fußballkneipe umsonst und ohne vernünftigte Musikanlage vom Leder zu ziehen. Muss man sich daran halten? Hätte man es Pete übel nehmen können, daß er am heutigen Sonntag nicht kommt, nachdem er hier gestern schon eine vierzigminütige, gutklassige Show geboten hatte? Gar nicht so leicht zu beantworten. Zumal er schließlich ja nun einmal kam, wenn auch spät. Und sich auch verdammte Mühe gab, obwohl es ihm offensichtlich nicht gut ging, er tierisch übernächtigt war und gerade einmal 20 Leutchen hier rumstanden, von denen einige sogar unaufmerksam  waren und störten.


 

Warum rufen Leute dummes Zeug rein, wenn vorne jemand auf der Bühne spielt, zudem noch akustisch? Haben die denn keinerlei Respekt? Gerne hätte ich ein paar von ihnen geohrfeigt, sie hätten des verdient gehabt! Was ist denn das bitte schön für ein Verhalten eines Zuschauers, in der ersten Reihe auf 50 Zentimeter Entfernung zu Doherty während des Songs laut auf dem Handy zu telefonieren und dann auch noch das Smartphone demonstrativ nach vorne zu halten, damit der Gesprächspartner etwas von dem Konzert hören kann? Was erlauben sich die Leute eigentlich? Denken sie, nur weil der Musiker auf der Bühne drogenabhängig ist, könne man ihn behandeln wie Dreck? Peter hat sich sehr viel Mühe gegeben! Er hat sich voll reingekniet, gespielt als wären 20.000 Leute da! Er hat sich den Arsch aufgerissen, stand da im übertragenen Sinne völlg nackt da (und dies obwohl er sich vorher extra noch eine Krawatte umgebunden hat), ohne Schutzschild, auf winzigste Distanz zum Volk.





Innerlich litt ich ziemliche Qualen. Zumindest in den ersten zwanzig Minuten war die Musik toll, wurde aber kaum gewürdigt. Gut, sie war heute wieder einmal ziemlich chaotisch und im technischen Sinne nur wenig lehrbuchmäßig, dafür aber roh, ungefiltert und berührend. Diese 20 Minuten waren mir hundert mal lieber als ein technisch perfektes Konzert einer glattgebügelten Band, die die Bombastkeule schwingt und dafür Millionengagen kassiert. Lieber nur ein paar Lieder rohen Doherty als ein ganzes Konzert von Muse. Der Bursche hat nun einmal viel Talent, da kann man sagen was man will. Sein Gitarrenspiel ist eigenwillig, viele sagen schief oder stümperhaft, aber es ist auch sehr kreativ. Er baut da immer wieder ein paar Schleifen ein, überlegt sich immer neue Sachen aus, wie er alte Songs abwandeln kann. Die heutige Version von Tell The King war zum Beispiel wunderbar. Arcady, Time For Heroes oder auch eine schöne Version von Unbilo Titled von den Babyshambles kamen super rüber. "You said that you loved me, why don't you fuck you off?...you  only ripping me off."

Texte, die heute Sinn machten und durchaus auf ein paar Leute anzuwenden waren.


 
Leider riss der Faden in der zweiten Hälfte des Konzertes. Viele Dinge kamen da zusammen und waren die Ursache. Da gab es zum einen  die unsägliche Situation, daß der Mikroständer defekt war und einer der Barleute Doherty das Mikro während des fast gesamten Konzertes direkt vor den Mund halten musste. Grotesk! Und dann knackte wie am Vortage schon der Verstärker auch immer wieder ganz fies, was Doherty aus dem Takt brachte. Hinzu kam, daß Peter heute wieder mit seiner jungen Geigerin perfomte und nach ein paar Gitarrenakorden immer wieder darauf wartete, daß sie die entsprechende Melodie auf der Violine nachspielt. Und das gelang ihr nicht immer, was sicherlich auch am Mangel gemeinsamen Übens lag. Die Idee an sich, mit einer Geigerin zu kommen war super, die Ausführung verbesserungsfähig.


 


Kurzum, das Konzert zerfaserte mehr und mehr. Music When The Lights Go Out wurde dreimal angestimmt, aber aus den oben genannten diversen Gründen auch ebenso oft früh abgebrochen. Da kam plötzlich jemand aus dem Publikum auf die Idee, die Marseillaise anzustimmen und albern wie Doherty nun einmal ist, ging er darauf ein und in der Folge summten plötzlich alle die Melodie der französischen Nationalhymne. Verrückt. Und dann? Dann stimmt Doherty doch im Ernst zum vierten Mal Music When The Lights Go Out an und meisterte es diese mal tatsächlich! Sofort im Anschluß das Cover Les Copains d'abord, mehr gesummt als gesungen und irgendwie wurde doch jetzt alles ziemlich seltsam. Ungefähr noch 10 Minuten ging das so, es war nun mehr eine ungeordnete Jam Session als ein Konzert und es war deshalb folgerichtig, daß Doherty nach insgesamt 40 Minuten seine Gitarre niederlegte und sich einfach auf die rote Sitzbank hinter ihm pflanzte, seine süße Geigerin gleich neben ihm. Plötzlich forderten die Zuschauer mehr, aber nun hatte der Sänger verständlicherweise keinen Bock und auch keine Kraft mehr. Es war inzwischen 2 Uhr. Ein paar Mädchen versuchten, Doherty handgeschriebene Liebesbriefe zuzustecken, aber einer der Barleute stellte sich schützend vor ihn und warf nun alle raus. "On ferme!-wir schließen!", ließ er unzweideutig wissen und alle gingen.

Auf dem Nachhauseweg schossen mir viele Gedanken durch den Kopf. Es war wieder einmal ein aufreibendes, in gewisser Hinsicht auch verstörendes Ereignis gewesen. Abwechselnd empfand ich Bewunderung als auch Mitleid mit Peter. Warum tut er sich das an? Warum macht er das? Warum mache ich das?...

P.S: Heute hat mir jemand gesagt, Doherty sei ein "has been", er ei out, niemand interessiere sich mehr für ihn. Für mich wird er nie ein "has been" sein. Seine Konzerte in Paris, die großen wie die kleinen, die guten wie die schlechten, haben meine Zeit in Paris mitgeprägt. Seine Songs sind Evergreens, sie werden immer bleiben. So wie Music When The Lights Go Out in dem Video (so ein unglaubliches Livevideo habe ich noch nie gesehen), gesungen aus tausend Fankehlen. Aufreibend, verstörend. Wundervoll.



Setlist Peter Doherty, Le Fontania, Paris, 17/02/2013

- neu
- Arcady
- Tell The King
- Time For Heroes
- Beg Steal Or Borrow
- Blowing Bubbles
- Unbilo Titled
- Music When The Lights Go Out
- La Marseillaise
- Les Copains d'abord
- neu







There are two questions:

1.: Why is Peter doing this?

2: And why I am doing this?

What I am talking about? Well, why did Peter play at 1 in the morning in front of a crowd of only 20 people in a tiny bar under difficult technical conditions (I'm nice), although he seemed obviously very tired and why I went there although I was obviously very tired too?

We must be both crazy or something. I have to think about it ab bit. Talk tomorrow. Good night!



0 Kommentare :

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates