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Mittwoch, 13. Februar 2013

Maximilian Hecker und Felix Räuber, Tübingen, 25.0113

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Konzert: Maximilian Hecker und Felix Räuber 
Ort: Löwen, Tübingen 
Datum: 25.01.2013 
Zuschauer: um die 60 
Konzertdauer: 95 Minuten 

Von Jens aus Stuttgart


Maximilian Hecker gilt als sensibler Feingeist, dessen sensitiven, tieftraurigen Liebeslieder nicht in satten Farben gestaltet sind, sondern meist reine schwarz-weiß Malerei betreiben. Man könnte es sich leicht machen und Heckers Pianopop als schlichten Kitsch bezeichnen, doch damit wird man weder dem Künstler noch seinem Werk ansatzweise gerecht. 

Es ist mein zweites Konzert des Berliner Singer-Songwriters. Und das innerhalb von nicht einmal zwei Wochen. Nachdem der Auftritt im Stuttgarter Keller Klub durch äußere Einflüsse zu einem Desaster für Künstler und Zuschauer geriet (Wir berichteten), war es für mich keine Frage, ins nahegelegene Tübingen zu fahren, um in einem angemesseneren Rahmen eine glückliche, bleibende Erinnerung an die gemeinsame Tour Heckers mit Polarkreis 18 Frontmann Felix Räuber mitnehmen zu können. 

Dass meine Hoffnungen auf ein gutes Konzert nicht umsonst gehegt wurden, zeigte sich bereits nach den ersten Songs. Maximilian Hecker wirkte erstaunlich gelöst, agierte gekonnt theatralisch auf der großen Bühne des Tübinger Löwen. Das ehemalige Kino mit seinen roten, plüschigen Sitzreihen, den Samtvorhängen an den Wänden und der theatertauglichen Bühnenbeleuchtung bietet den Akteuren künstlerische Freiräume, von denen man in Stuttgart kaum hätte träumen können. So steht anstelle des unscheinbaren Yamaha-E-Klaviers ein ansprechendes Konzertpiano auf der Bühne, der im Kontrast zu Heckers wispernden, sowohl hohen als auch glasklaren Gesang, umso angebrachter erscheint. Das Fehlen des Kerzenlichts der zur Tour gehörenden Teelichter, auf die man wohl aus Brandschutzgründen verzichten musste, fällt da gar nicht atmosphäreschädigend ins Bild, vielmehr bewahrt es an diesem Abend vor einem tatsächlichen Abdriften ins Kitschige, wie es wohl an solch einem Ort nicht ungewöhnlich ist. So war Bernd Begemanns Auftritt im vergangenen Jahr an gleicher Stelle einer seiner sentimentalsten, die ich bisher erleben durfte. Doch es passt einfach zur samtigen Aura des Veranstaltungsortes.

 Die Setlist von Maximilian Hecker und Felix Räuber gleicht der Stuttgarter in weiten Teilen, jedoch muss heute keiner Angst haben, dass die Zugabenblöcke von aufgelegter Discomusik zerstört beziehungsweise im Keim erstickt werden könnten. 

Wie in Stuttgart liest Hecker das erste Kapitel seines autobiografischen Buchs „The Rise And Fall Of Maximilian Hecker“ vor. Diesmal kommen die Pointen an, das Publikum lacht herzhaft. Zurecht. So feinfühlig Heckers Songs sind, ist auch sein Schreibstil. Man leidet mit diesem jungen Mann auf der Suche nach Liebe, der Angst vor Bindung und Verlust. Fraglos ist das Buch ein Schlüssel zum tieferen Verständnis seiner häufig leidenden Liedlyrik. Musikexpress-Redakteur Josef Winkler schilderte treffend in seiner Rezension für die taz, dass man die Ehrlichkeit, die man immer tendierte Hecker abzusprechen, in seiner Biografie findet und mit ihr die Erkenntnis, dass Heckers Leiden echt ist. Schaut man genau hin, führt auch ein Konzertbesuch zum gleichen Schluss. Versteckt hinter seinem Bart, haucht der schlaksige Sänger mit der Britpop-Frisur, der definitiv mehr ist als eine Frisur, seine Texte. Man bemerkt nahezu keine Mundbewegung, fragt sich, ob er tatsächlich singt. Natürlich tut er das. Aber es ist auch immer ein tiefer Schmerz im Gestus des Mittdreißigers, der in Asien der wohl bekannteste deutsche Indiemusiker sein dürfte. Ein deutscher Musiker, der in Deutschland meist vor weniger als hundert Zuschauern auftritt, füllt in Japan oder Südkorea die großen Clubs, sieht seine Songs in Fernsehwerbespots verwendet. 

Die Idee gemeinsam mit Felix Räuber auf Tour zu gehen, dessen klassisch ausgebildete Stimme den Konzerten ausgesprochen gut bekommt, kam relativ spontan zustande, wie Beide betonen. So habe man sich erst im April letzten Jahres kennengelernt. 

 Meist sitzt Hecker hinter seinem Klavier, während Räuber Gitarre, Synthesizer oder Glockenspiel spielt. Es ist ein beruhigendes Bild, wie die in schwarz gekleideten Musiker in ihrer Musik aufgehen, wie das Publikum während der Songs sich selbst schlucken hören kann. 

Neben Songs des aktuellen, für meine Begriffe zu dick produzierten, Albums „Mirage of bliss“ gibt es Perlen aus Heckers Frühwerk wie „Kate Moss“, das eines der Liebelingslieder des Polarkreis 18 Sängers ist, das verträumte „Snow White“ oder „I'll be a virgin, I'll be a mountain“, das Hecker als letzte Zugabe alleine vorträgt. Doch auch Felix Räuber, der heute klar als Frontmann von Polarkreis 18 vorgestellt wurde – was in Stuttgart mit keinem Wort Erwähnung fand -, durfte mit „Running out of time“ einen Song aus seinem kommenden, ersten Soloalbum vorstellen. Dass Räuber eine erfolgreiche Zukunft als Solokünstler in Aussicht haben dürfte, daran lässt bereits dieser erste Appetithappen keinen Zweifel. Einen Radiohit dürfte der sympathische Dresdner damit zumindest sicher haben, womit er auch geschickt kokettierte als er den Titel als „Robbie Williams Nummer“ ankündigte, die so klingen könnte, als hätte sie David Guetta produziert. „Der Geiger?“, fragt Hecker. Genau. Es sind Momente wie dieser. Augenblicke, in denen der subtile Zynismus Heckers zum Vorschein kommt, die einem den Glauben an das Gute im deutschen Pop zurückgeben. Manchmal muss es eben sentimental sein, auch an der Grenze zum Kitsch, um herzlosen Retortenpop überstehen zu können. 

Setlist Maximilian Hecker & Felix Räuber, Löwen, Tübingen: 

01: Mirage of bliss (Part 1) 
02: Mirage of bliss (Part 2) 
03: Summer days in bloom
04: Heavenlies 
05: Silent, lucid flashes 
06: Kate Moss 
07: Treasure trove 
08: The forsakenness of raging love

Lesepassage aus „The Rise and Fall of Maximilian Hecker“

09: If only I could see 
10: Birch 
11: Running out of time (Felix Räuber)
12: Snow White
13: The whereabouts of love  

14: Head up high (Z)
15: I'll be a virgin, I'll be a mountain (Z)


* es fehlen noch zwei Fotos, die kommen etwas später!





Samstag, 26. Januar 2013

Maximilian Hecker, Karlsruhe, 24.1.13

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Konzert: Maximilian Hecker und Felix Räuber
Ort: Jubez  in Karlsruhe
Zuschauer: 35
Konzertdauer: 90 min


Mirage of Bliss?

Ich hatte mir den Abend im Karlsruher Jubez schon lange fest im Kalender eingetragen. Weil ich vor vielen Jahren die melancholische Musik von Maximilian Hecker sehr schätzte, wollte ich gern die Gelegenheit ergreifen, ihn live zu sehen - auch wenn ich ihn und seine Musik zwischenzeitlich ein bisschen aus den Augen verloren hatte.

Nun ist dies schon der dritte Bericht von der Tour der beiden Herrn durch deutsche Konzertsäle im Konzerttagebuch. Vieles zum Ablauf des Abends lässt sich den beiden anderen Berichten entnehmen - besonders das erneute Lesen des Frankfurter Berichts ließ mich mehrfach bedächtig nicken: "ja so war es bei uns auch" und "ja, das habe ich so ähnlich auch gedacht". Ich bleibe also hier guten Gewissens bei karlsruher Spezifika und  meinen ganz persönlichen Eindrücken.


Der Saal im Jubez war sehr schön einladend vorbereitet mit Sitzgruppen an runden Tischen auf denen rote Samttischdecken lagen und Teelichter anheimelnd leuchteten. So war es nicht so auffällig, dass das Konzert etwas dünn besucht war. Die, die da waren, hatten es jedenfalls alle sehr bequem und beste Sicht auf die Bühne. Die meisten wohl Fans oder aber sonst wohlwollend und aufmerksam dabei. Es gab stets freundliche und sachkundige Antworten aus dem Publikum und viel und herzlichen Applaus. Auf Nachfrage bekannten sich einige Zuhörer dazu, schon 2001 beim ersten Konzert von Herrn Hecker im Jubez dabei gewesen zu sein. Eindrucksvoll!


Ein Genuss wurde der Abend für mich wegen der wirklich sehens- und hörenswerte Zusammenarbeit der beiden Musiker. Und vielleicht war mein heimlicher Liebling dann doch eher Felix Räuber? Er erschien mir die Rolle des Puck im Sommernachtstraum zu übernehmen mit seiner fast knabenhaften Ausstrahlung und dem Schalk im Nacken. Beide traten in den Ansagen sehr locker und mitunter selbstironisch auf. Bei Maximilian Heckers war ich mir jedoch nie so recht sicher, ob er es jetzt ernst meinte oder nicht. Er sagte dann auch selbst, dass er sich mitunter im Moment nicht entscheiden könnte, ob er jetzt spaßig oder ernst auftreten möchte und dann irgendwie dazwischen stecken bleibe. In die Situation konnte ich mich gut einfühlen...

In jedem Fall schien er im mittleren Teil, wo Felix Räuber ihm die Bühne allein überließ und er nach Solostücken aus seinem Buch lesen wollte, einige Nerven zu zeigen. Er setzte mehrfach an und wieder ab. Nutzte Rituale um wieder in Fluss zu kommen. Aber warum soll immer alles perfekt sein?!

Interessant fand ich die verschiedenen Körperhaltungen: Felix Räuber fand sich fast die ganze Zeit wie zwischen Himmel und Erde aufgespannt und sehr nach oben orientiert, während Maximilian Hecker mitunter ganz verkrümmt und irgendwie leidend über dem Klavier hing (ein wenig zugespitzt aber in der Sache zutreffend). Wirklich ein interessanter Abend mit einer eindrucksvollen menschlichen und musikalischen Dynamik zwischen den beiden Künstlern und der Musik, die zwar aus der Feder von Maximilian Hecker (*) stammt aber kongenial zu zweit umgesetzt wurde. Ich hatte schon den Eindruck, dass auch die beiden Herren sehr viel Freude an dieser künstlerischen Zusammenarbeit haben und damit ein bisschen spielen, wie sich Rollen vor viel und vor wenig Publikum ausfüllen lassen.


Wir waren nach etwas mehr als einer Stunde Musik sehr zufrieden, erklatschten uns deshalb Zugaben und bekamen als zweite Draufgabe ein letztes Sololied, das uns alle versöhnt nach Hause schickte. 





Jemand hat sich die Mühe gemacht, das Ulmer Konzert online zu stellen. Die Tonqualität ist sehr gut und man bekommt einen guten Eindruck, wie sich die beiden auf der Bühne bestens ergänzen.




(*) Nur ein Stück war von Felix Räuber




Weitere Tourtermine:
 01-29 Dresden   Societätstheater, duo with Felix Räuber
 01-30 Göttingen   Apex, duo with Felix Räuber
 01-31 Köln   Underground, duo with Felix Räuber
 02-01 Saarbrücken   Sparte4, duo with Felix Räuber
 02-03 Brussels [BE] Botanique / Rotonde, duo with Felix Räuber
 02-04 Esch-sur-Alzette [LU] Rockhal, duo with Felix Räuber
 02-05 Amsterdam [NL] Paradiso, duo with Felix Räuber
 02-14 Bremen   Kito
 02-16 Lingen   Alter Schlachthof
 02-19 New York [US] Rockwood Music Hall
 02-27 Zwickau   Alter Gasometer, duo with Felix Räuber
 02-28 Duisburg   Steinbruch, duo with Felix Räuber
 03-01 Wawern   Synagoge, duo with Felix Räuber
 03-02 Recklinghausen   Altstadtschmiede, duo with Felix Räuber
 03-03 Düsseldorf   FFT, duo with Felix Räuber
 03-20 Basel [CH] Parterre
 03-21 Ludwigshafen   Das Haus
 03-22 Dornbirn [AT] Spielboden
 04-11 Halle (Saale)   Objekt 5, duo with Felix Räuber
 04-13 Oelsnitz   Katharinenkirche, duo with Felix Räuber 


Aus unserem Archiv:

Maximilian Hecker und Felix Räuber, Stuttgart, 12.1. 2013
Maximilian Hecker und Felix Räuber, Frankfurt, 11.1. 2013



Sonntag, 13. Januar 2013

Maximilian Hecker, Stuttgart, 12.01.13

8 Kommentare

Konzert: Maximilian Hecker und Felix Räuber
Ort: Keller Klub, Stuttgart
Datum: 12.01.2013
Zuschauer: vielleicht 200 (davon um die 50 wegen des Konzerts)
Konzertdauer: 77 Minuten


von Jens aus Stuttgart

Auf Maximilian Hecker bin ich erst relativ spät gestoßen, als ich 2010 als 18-Jähriger eine wundervolle Folk-Compilation auf vier CDs bei 2001 erstand, auf welcher sich Heckers hauchzarte Ballade „Snow White“ befand, die ich sogleich ins Herz schloss, ungläubig darüber, dass die Stimme dahinter einem deutschen Singer-Songwriter gehören sollte. 

Möglichkeiten, ihn live zu sehen, fanden sich seither nicht, umso froher war ich, als ich in diesem Blog las, dass seine umfangreiche Europatour ihn in diesem Jahr auch nach Stuttgart führen sollte. Im Keller Klub war ich, seit ich zum Studium in die Schwabenmetropole zog, auch noch nie gewesen, sodass ich mich freute, auf diese Weise gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Als ich mit Begleitung um kurz nach 22 Uhr die Treppe zum Keller Klub am Rotebühlplatz hinunterlaufe, kann ich noch nicht ahnen, dass ein Konzert folgen sollte, welches desaströs enden würde für die Zuschauer, die für Maximilian Hecker und Felix Räuber kamen, und vor allem für die Künstler, dass ein Konzert folgen würde, welches ein Armutszeugnis für die Konzertpolitik eines Clubs ausstellen sollte.

Doch der Reihe nach. Es ist sieben Minuten nach elf. Maximilian Hecker, der distinguierte deutsche Superstar im Goethe-Institutskosmos betritt zusammen mit Felix Räuber, bekannt als Frontmann der deutschen Indie-Synthiepop-Chartbreaker Polarkreis 18 aus Dresden, die niedrige Bühne des Clubs zum hallenden Intro. Ringsum sind Kerzen aufgestellt, die Atmosphäre ist allgemein romantisch-melancholisch und sehr entspannt. Wie auch der sensitive Indiefolkpop des Protagonisten.

Maximilian Hecker – bärtig und mit seiner markanten Britpop-Frisur – sitzt auf der linken Bühnenseite hinter einem Yamaha-Keyboard, während Felix Räuber rechts auf einem Barhocker Platz nimmt, mit überkreuzten Beinen Gitarre spielt und den gehauchten Gesang Heckers mit ausgebildeter Stimmgewalt ausschmückt. Die Harmonien sind reizend, die Akustik gut. „The Whereabouts of Love“ und „Mirage of Bliss (Part 1)“ sind die Perlen des gleichnamigen opulenten aktuellen Albums. Auch live entfalten sie ihre berauschend pathetische Stimmung glänzend, wäre da nicht das immer lauter werdende Gemurmel im Publikum.

Felix Räuber sieht man den Ärger förmlich an, bevor er schon früh im Set, um mehr Ruhe bittet. Höflich aber bestimmt.

Grund für den hohen Geräuschpegel war eine Discoveranstaltung im Anschluss an das Konzert, wobei der Discoeintritt im Konzertticket enthalten war und dieses nicht teurer als der Abendkassenpreis für die anschließende Party. 

Zunächst scheinen sich die noch vereinzelnden Störer Räubers Appell zu Herzen zu nehmen, sodass tatsächlich die Meisten in den Raucherraum nebenan ausweichen, indem sie „ungestört“ reden konnten.

„Kate Moss“ von Heckers fantastischen, in England sehr gefeierten zweiten Album „Love“ (produziert von Depeche Mode Produzent Gareth Jones) mutiert zum Konzerthöhepunkt. Gerade ist es verhältnismäßig still. Im zweistimmigen, immer wieder versetzten Gesang der beiden Feingeister verschwinden die Rahmenbedingungen für einen kurzen Moment. Räuber stachelt sich selbst zu immer ergreifenderen Crescendi an, die in einem im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Finale gipfeln.

Im weiteren Verlauf nehmen die Nebengeräusche immer krassere Formen an. Hinzu stören immer wiederkehrende Luftströme, durch die ständig von weiteren Discogästen geöffnete Tür, die sicher dem ein oder anderen eine Erkältung bescheren werden.

Einen vorläufigen Negativhöhepunkt erreicht das Konzert, als Hecker versucht aus seinem autobiografischen Buch „The Rise And Fall Of Maximilian Hecker“ vorzulesen, was von an Dreistigkeit kaum zu überbietenden Schreihälsen an der Bar unmöglich gemacht wird. Diejenigen, die hören möchten, was Hecker aus seinem gefeierten Erstlingswerk zum Besten gibt, werden weitgehend der Möglichkeit beraubt, sofern sie nicht in den vordersten Reihen Platz fanden.

Dabei ist Heckers lakonisch-melancholischer Schreibstil betörend. Seine Geschichten interessant. Die Schilderung seiner ersten großen Tour für das Goethe-Institut, die ihn 2003 um die ganze Welt führte, urkomisch und todtraurig zugleich. Die ewige vergebene Suche nach Liebe als Leitthema schwebend über den grandiosen Storyteller-Qualitäten. Denen Berichten über die Eskapaden in Hotelzimmern, korrupte russische Polizisten, seine Bandkollegen Chris Immler oder Jens Friebe, der damals noch kein Untergrundstar war, sondern Keyboarder in Heckers Band hätte man gerne länger zu gehört.

Friebe war es zudem, der letztes Jahr neues Interesse an Heckers Musik in mir entfachte, als er meiner Freundin und mir in einer Stuttgarter Bar nach seinem Auftritt im Kulturzentrum Merlin bei „Wilder Kartoffel“ und Gin Tonic von eben jener Tour für das Goethe-Institut berichtete, die Maximilian Hecker, dessen Debütalbum zurecht von der New York Times 2001 in den Himmel gehoben wurde, zu einem der prominentesten deutschen Musiker in Asien machen sollte.

Doch zurück zu den Störenfrieden. Ein ununterbrochenes, immer lauter werdendes Gemurmel, verhinderte ein aufmerksames Zuhören. Räuber, der die Bühne zuvor verließ, versuchte offensichtlich durch unverstärkten Gesang aus dem Publikum heraus, für mehr Aufmerksamkeit zu sorgen, was bedauerlicherweise misslang. Als beide wieder auf der Bühne stehen, sieht man Beiden an, dass sie am liebsten abbrechen würden. Für mich wirkte es so, als würde Räuber es ernst meinen und ich meine gehört zu haben, dass Hecker gerne noch „Snow White“ spielen würde, ebenjenen Song, der mich einst mit seinem Werk vertraut machte.

Es ist ein trauriger Höhepunkt des Abends. Hecker haucht wunderbare Zeilen über unvollendete Liebe, während es um einen herum lärmt. Alle Frustration, jede Traurigkeit über den verkorksten Gig scheint, er in diesen einen Song zu stecken. Räuber zeigt dabei wieder, dass er eine der interessantesten und bestausgebildetsten Stimmen der deutschen Popmusik ist, der als Künstler über jede Ignoranz erhaben zu sein scheint.

Als Hecker, der im gesamten Konzertverlauf mit lakonisch-zynischen Bemerkungen immer wieder versuchte die Situation zu retten, den letzten Song des regulären Sets ankündigt, erreicht das Konzert seinen traurigen Tiefpunkt: Während diejenigen, die tatsächlich wegen des Konzerts kamen, lautstark – ja frenetisch – applaudierten, hörte man von der Bar eine Männerstimme eine würdeloses „Halt's Maul“ brüllen. Ich muss schlucken, Hecker wirkt für einen kurzen Augenblick wie versteinert. An seiner Stelle wäre ich aufgestanden und spätestens jetzt gegangen. Doch der erfahrene Performer zieht diesen Song noch durch und auch Felix Räuber gibt mit eingefrorener Miene sein Bestes. Beide sind fest entschlossen dennoch für die Fans und Liebhaber der Musik eine Zugabe zu spielen, doch dies wird unmöglich gemacht und spätestens in diesem Punkt muss sich der Keller Klub Kritik gefallen lassen. Es ist ganz schlechter Stil und ein peinliches Zeichen einer eigenen Fehlkalkulation noch bevor die Musiker die Bühne komplett verlassen haben, bereits mit dem DJ-Set zu beginnen.

Generell muss der Veranstalter seine Konzertpolitik grundlegend überdenken. Das Konzept der Disco direkt nach Konzertende scheint zum Scheitern verurteilt. Erst Recht, wenn das Konzert nicht mehr als die Disco kostet, sodass das Konzert durch das, was Bernd Begemann einmal als „Gratispöbel“ bezeichnete, zerstört wird.

Zum Glück spielen Hecker und Räuber am 25. Januar noch ein Konzert im Tübinger Löwen, auf das man sich freuen darf. Wie wäre es, wenn der Keller Klub den enttäuschten Konzertgängern Tickets hierfür zur Verfügung stellt. 



Maximilian Hecker, Frankfurt, 11.01.13

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Keine Schlangenplage in Hausen: Maximilian Hecker in der Frankfurter Brotfabrik

Konzert: Maximilian Hecker
Ort: Brotfabrik, Frankfurt
Datum: 11.01.2013
Zuschauer: ca. 100
Dauer: ca. 100 Minuten


Bericht und Fotos von Ursula


In der Simpsons-Folge "Der Knüppeltag" sollen, einer grausamen Tradition folgend, in ganz Springfield Schlangen erschlagen werden. Die tierfreundliche Lisa will das verhindern, indem sie die Schlangen, die von tiefen Tönen angelockt werden, mit Musik ins Haus der Simpsons lockt und in Sicherheit bringt. Doch als sie in der Plattensammlung ihres Vaters nach geeigneter Musik sucht, findet sie dort nur Perlen wie "Alwin und die Chipmunks" und "Kastratenweihnacht". Schließlich kommt aber Barry White persönlich vorbei und singt etwas adäquat Tiefes für die Schlangen.

Irgendwie kam mir diese Geschichte in den Kopf, als mein Freund mir erzählte, dass Maximilian Hecker, der selbst nicht gerade durch sonderlich tiefen Gesang bekannt geworden ist, zurzeit mit Felix Räuber (dem Sänger von Polarkreis 18) auf Tournee sei. Würden die beiden um die Wette piepsen und die Schlangen rund um die Brotfabrik vertreiben? 


Nach Sichtung eines tatsächlich recht piepsigen Youtube-Videos der Kollaboration, beschlossen wir, einfach die Probe aufs Exempel zu machen. Herrn Hecker hatten wir 2009 bereits einmal ohne Begleitung (und auch ohne Blogeintrag) im Frankfurter Mousonturm gesehen, damals war uns der Gesang zum Klavierspiel auf die Dauer etwas eintönig erschienen - eigentlich kann ich mich nur noch daran erinnern, dass das erste Lied mit einer Strumpfmaske vorgetragen wurde. Vielleicht würde ein weiterer Künstler auf der Bühne (dessen Musik ich ja bei alle ihrer Sopranlastigkeit durchaus schätze) für mehr Abwechslung sorgen?

Als wir die Brotfabrik erreichten, waren dort im Zuschauerraum Stuhlreihen aufgestellt, die sich nach und nach mit etwa 100 Zuschauern füllten. Direkt neben uns in der ersten Reihe waren drei Stühle als reserviert markiert. Deren Inhaber bekamen die ehrenvolle Aufgabe, die etwa 100 Ikea-Teelichter auf der Bühne anzuzünden. Ob man sich dafür wohl hatte bewerben können?



 

Als die Lichter brannten, begann der Auftritt der beiden in schwarz gekleideten Künstler mit einem eingespielten Intro und "Mirage of bliss" (Part 1 gefolgt von Part 2). Hecker nahm dabei links am Flügel Platz, während Felix Räuber ihn an Gitarre, Keyboard und Glockenspiel begleitete (wobei das Glockenspiel vor seinem Einsatz erst noch gesucht und zusammengesetzt werden musste) und meist größere Gesangsparts übernahm - mal war es "nur" die zweite Stimme, dann eine ganze Strophe ("Whereabouts of love") oder auch der komplette Titel ("Birch"). Ebenfalls in sein Ressort fiel beinahe die
gesamte Kommunikation mit dem Publikum.



So bekamen wir vor "Kate Moss" erzählt, dass es sich um eines von Räubers Lieblingsliedern handelt und dass er versucht habe, bei den Proben möglichst viele seiner Favoriten in die Setliste zu schummeln und sich darin größere Parts zuzuteilen. Die beiden kennen sich - das erfuhren wir etwas später - erst seit dem letzten April, weil Räuber damals im Sardinien-Urlaub Heckers letztes Album "Mirage of Bliss" angehört hatte und davon so beeindruckt war, dass er Kontakt aufnahm - woraus sich dann letztlich die jetzige gemeinsame Tournee entwickelte, für die Frankfurt erst die zweite Station darstellte. Amüsant fand ich, dass mit keinem Wort erwähnt wurde, dass Räuber ja selbst ein relativ bekannter Popmusiker ist. Vielleicht denkt jetzt der eine oder andere aus dem Publikum, dass Maximilian Hecker gerade mit einem verrückten Fan auf Tournee ist. 

Seit kurzem gibt es Maximilian Hecker auch als Buchautor, und nach "The Forsakenness of raging love" wurde das Konzert für eine kurze Lesung des ersten Kapitels aus seiner Autobiographie "The rise and fall of Maximilian Hecker" unterbrochen - so erfuhren wir von Heckers Erlebnissen auf einer vom Goetheinstitut veranstalteten Welttournee. Das anschließende "If only I could see" trug Hecker dann allein am Flügel vor. Hier zeigte sich bei den leisen Stellen, dass über die rechte Lautsprecherbox leise ein Radio zu laufen schien. Als besonders störend empfand ich das nicht, fragte mich aber, ob dieser Soundeffekt Absicht oder ein Versehen sei. Tatsächlich handelte es sich, wie später erklärt wurde, um ein nicht lösbares Soundproblem der Brotfabrik. 

Bei "Birch" sah es zunächst so aus, als werde Felix Räuber weiterhin nicht auf die Bühne, die er vor der Lesung verlassen hatte, zurückkehren, tatsächlich trug er dann aber die erste Strophe aus dem Publikum vor - wobei sich zeigte, dass er das sonst beim Gesang benutzte Mikrophon nicht wirklich benötigte. Auf "Birch" folgte dann das einzige von Felix Räuber geschriebene Lied des Abends, "Running out of time", dessen Gesang er ebenfalls allein bestritt. Danach war das Konzert auch beinahe schon vorbei, allerdings bekamen wir nach "Snow white" und "The whereabouts of love" noch zwei Zugaben präsentiert (das auf der Setliste vermerkte "Fool" wurde leider ausgelassen). Für "Head up high" tauschten die beiden Künstler die Plätze und Instrumente, bei "I'll be a virgin, I'll be a mountain" saß Hecker, nachdem er sich zunächst melodramatisch das Hemd aufgerissen hatte, nochmals allein am Flügel. Als Räuber noch kurz aus dem Publikum zu ihm eilte, um etwas zu fragen, sagte Hecker verwirrt "Oh, ich dachte, das sei ein Ordnungshüter!" 



Anschließend machte des Kerzenteam die Teelichter wieder aus, und man hätte man sich noch von beiden Künstlern am Merchandise-Stand beraten lassen können, worauf wir aber verzichteten. Tatsächlich war der Konzertabend ausgesprochen schnell vorbei gegangen, und die Anwesenheit von Felix Räuber hatte zum einen dazu geführt, dass die balladeske Musik von Maximilian Hecker live abwechslungsreicher dargeboten werden konnte, zum anderen hatte der bei Hecker - sei es absichtlich oder nicht - stets ungelenk gehandhabte Bereich "Kommunikation" an Gewicht verloren. Sollte man also nicht gerade verzweifelt Schlangen einfangen wollen, kann ich die Konzerttournee des Duos durchaus empfehlen. 

Setliste: 

 (Intro) 

Mirage of bliss (Part 1) 
Mirage of bliss (Part 2) 
Summer days in bloom 
Heavenlies 
Silent, lucid flashes 
Kate Moss 
Treasure trove 
The forsakenness of raging love 
- Lesung - 
If only I could see 
Birch 
Running out of time (Felix Räuber) 
Snow White 
The whereabouts of love 

Head up high 
I'll be a virgin, I'll be a mountain



 

Konzerttagebuch © 2010

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