Montag, 21. August 2017

Interpol, Luxemburg, 19.08.17


Konzert: Interpol
Ort: den Atelier, Luxemburg
Datum: 19.08.2017
Dauer: Interpol knapp 95 min, Froth knapp 45 min
Zuschauer: ca. 800 (ausverkauft)



Interpol sind die wichtigste Band der letzten 20 Jahre, auch für mich. Die Liste der Bands, die sich auf die New Yorker beziehen oder mit ihnen verglichen werden, ist entsetzlich lang. Während viele von denen wieder verschwanden, sind Interpol immer noch aktiv und verweigern das übliche Schicksal, immer schlechter zu werden und irgendwann nicht mal mehr aus Mitleid attraktiv zu sein. Nichts kommt an die ersten beiden Alben der Band ran, aber nichts aus dem späteren Werk ist peinlich oder langweilig.

Das Debüt Turn on the bright lights ist 2002 erschienen und wird seit wenigen Tagen live aufgeführt. Als diese Tour im Januar angekündigt wurde, waren zwar nur zwei Termine in Deutschland dabei, allerdings auch ein Konzert im kleinen und sehr tollen Atelier in Luxemburg. 2015 hatte ich Interpol beim Primavera-Festival in Barcelona in einem kleinen Theater gesehen und nicht gedacht, sie noch einmal so winzig erleben zu dürfen. Das Atelier ist eine Ecke kleiner. 


Vor Interpol spielten erst einmal Froth aus Los Angeles, eine vierköpfige Dreampop-Band, die zuletzt u.a. Ride supportet hatte. Weil ich viel Gutes über sie gehört hatte, war Vorfreude da, obwohl Vorgruppen bei einem Konzert, das ewig lange Anreise erfordert, fast immer lästig sind. Froth waren allerdings ganz anders. Ich habe ewig keine so überzeugende Support-Band gesehen. Froth klangen mal shoegazig, mal rockig, mal mehr nach Dreampop, vor allem waren sie über 45 Minuten lang hochspannend. Eigentlich total unfair, eine solch gute Band vor Interpol anzusetzen, denn dadurch bekommen Froth (z.B. hier) bei weitem nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienten. Im Saal wurde ihr Auftritt aber gefeiert, auch das habe ich bei Supports selten in der Form erlebt.

Und dann Interpol...

Meine letzten beiden Konzerte der New Yorker waren wieder sehr gut, nachdem ich davor ein paar Auftritte erlebt hatte, die mich erschreckend kalt gelassen hatten. Der Witz schien auserzählt, bis 2015 wieder ein gutes Live-Jahr war. Schlechte Alben hatte die Band auch zuletzt nicht, der Lack schien aber ab zu sein. Dann kam Barcelona und ein hervorragendes Konzert im Schlachthof in Wiesbaden. Das Risiko, daß ausgerechnet das Turn on the bright lights Jubiläum mies werden würde, war überschaubar.

Als die Band - die drei Gründer Paul Banks, Daniel Kessler und Sam Fogarino, Tour-Bassist Brad Truax und Tour-Keyboarder Brandon Curtis - das Konzert nicht mit Untitled eröffneten, begann erst einmal ein Aufwärmen, das mehr als fantastisch war. Not even jail, Take you on a cruise, Slow hands, die drei mittleren Lieder der zweiten Platte Antics nacheinander, das war phänomenal gut! Bei Not even jail klang Paul Banks' Stimme noch arg breiig, der Sound wurde aber ab Take you on a cruise viel besser.

Danach folgten die beiden einzigen Lieder des Abends, die jünger als zehn Jahre sind, erst Lights von Interpol, das enorm wuchtig klang (was gut war) und der große Hit All the rage back home vom letzten Album (der einzige Song des Abends, der nach dem Ausstieg von Bassist Carlos Dengler entstanden ist. 


Nach einem solche starken Anfang spielen Bands normalerweise neueren Kram, den niemand (außer der Band) hören will, um am Ende wieder die Hits auszukramen. Hier kam nach den ersten fünf Highlights stattdessen eines der besten Alben der Musikgeschichte in voller Länge. 

Turn on the bright lights klingt auch nach 15 Jahren noch aufregend wie am ersten Tag. Wenn ich bei einem Brand zehn Platten aus meinem Schrank retten dürfte, wäre immer Turn on the bright lights dabei (und Grab that gun von The Organ, Funeral von Arcade Fire, der Breaking glass Soundtrack und der Rest aus Manchester und von den Pastels).

Nachdem er neu dabei war, hatte mich Bassist Brad Truax durch scheußliches Rock-Gepose entsetzlich gestört. Mit den langen Haaren ging offenbar auch die fehlende Demut weg, mich störte in Luxemburg nichts mehr an dem Mann rechts. Diese dämlichen Mitklatsch-Animationen von Daniel Kessler sind ärgerlich (weil sie zu keiner Band weniger als zu Interpol passen), sie konnten aber auch nicht verhindern, daß das Konzert großartig war. Einzig die deutlich dünnere Stimme von Paul Banks schmälerte den Genuß ein wenig. Ob er erkältet war? Oder läßt sie einfach altersbedingt nach? Sie war jedenfalls merkbar kraftloser als früher.

Ansonsten war alles wunderbar! Die elf Lieder von TOTBL sind alle Lieblinge, die meisten habe ich bei meinen bisherigen Interpol-Konzerten auch schon gesehen. Stella, Hands away, Leif Erikson, Obstacle 1 und Roland in einem Konzert, das ist aber eben vollkommen einmalig (nein, ich sehe sie auch in Tilburg). Es war schon fast langweilig, daß nach einem Hit ein Hit kam. Und dann wieder einer. Für Leute mit niedriger Aufmerksamkeitsspanne war das nichts.


Die Platte endet mit Leif Erikson, benannt nach dem Sohn von Erik dem Roten und erster Europäer, der Nordamerika erreicht hat. Zugaben wären danach nicht mehr nötig gewesen, was sollte denn auch noch kommen nach der Einleitung und dem Hauptteil?

Es kam zunächst einmal Specialist von der 2002er EP Interpol (mit NYC und PDA), eine echte Besonderheit. Auch hier waren Interpol stilsicher wie je. Nicht irgendein Quasch, eine sehr gut ausgewählte B-Seite, wobei es das eigentlich auch nicht ist. Specialist war die kleine Kirsche auf dem Törtchen, großartig!

Danach folgten noch die Knüller Heinrich maneuver und Evil.

Die Sache mit der Stimme war auffallend. Vielleicht war es aber trotzdem mein bestes Interpol-Konzert bis jetzt.


Setlist Interpol, den Atelier, Luxemburg:

01: Not even jail
02: Take you on a cruise
03: Slow hands
04: Lights
05: All the rage back home
Turn on the bright lights:
06: Untitled

07: Obstacle 1
08: NYC
09: PDA
10: Say hello to the angels
11: Hands away
12: Obstacle 2
13: Stella was a diver and she was always down
14: Roland
15: The new
16: Leif Erikson

17: Specialist (Z)
18: Heinrich maneuver (Z)
19: Evil (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:

- Interpol, Stuttgart, 26.08.15
- Interpol, Wiesbaden, 25.08.15
- Interpol, Barcelona, 28.05.15

- Interpol, Köln, 25.01.15
- Interpol, Hilvarenbeek, 20.06.14
- Interpol, Saint Cloud, 28.08.11
- Interpol, Barcelona, 26.05.11
- Interpol, Paris, 15.03.11
- Interpol, München, 12.03.11
- Interpol, Dortmund, 22.11.10
- Interpol, Paris, 17.09.10
- Interpol, Montreux, 16.07.08
- Interpol, Brüssel, 23.11.07
- Interpol, Paris, 21.11.07
- Interpol, Köln, 19.11.07
- Interpol, Hohenfelden, 17.08.07
- Interpol, Köln, 11.05.07
- Interpol, Paris, 10.05.07



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