Konzert: Wolf Alice Ort: Zoom, Frankfurt Datum: 03.09.2016 Dauer: Wolf Alice knapp 65 min, Gengahr 30 min Zuschauer: nicht ausverkauft aber recht voll
Die meisten Bands mag ich auf der Bühne lieber als auf Platte. Das Liverelebnis, die Lautstärke aber auch die fehlende Glättung der Musik, bla bla bla. Wahrscheinlich ist aber bei keiner der Bands, die ich mag, der Unterschied zwischen Platten und live so groß wie bei Wolf Alice. Mir ist das schon einige Male passiert, daß ich Freunde für die englische Gruppe gewinnen wollte und dabei "live sind die aber wirklich großartig" benutzte. Zum ersten Mal hatte ich Wolf Alice2013 beim End Of The Road Festival gesehen. Wir waren unvorbereitet zu diesem Auftritt gegangen, hatten an dem Nachmittag nichts Spannenderes und waren hin und weg!
Danach war es schwierig, die Londoner wiederzusehen. Wolf Alice wurden so schnell bekannt, daß Auftritte wegen Amerika-Touren und Headline-Konzerten in der Heimat ("aus produktionstechnischen Gründen") verlegt wurden. Für mein zweites Mal Wolf Alice musste ich a) in die Stadthalle Offenbach b) zu Alt-J gehen, im Februar fand dann endlich das zweimal (?) verlegte Köln-Konzert statt, mein erstes nach der Veröffentlichung des Debüt-Albums.
In Offenbach spielten vor Wolf Alice und Alt-J als erste Band Gengahr aus London. Ich fand die Songs der Briten gut, mochte aber die künstlich hohe Stimme des Sängers überhaupt nicht. Manchmal sang er normal, dann war es sofort gut. Aber der Rest war nichts. Meine Vorfreude, Gengahr auch im Zoom als Support zu sehen, hielt sich also sehr in Grenzen. Zu recht. Der Gesang ist nicht zu ertragen. Weil Sänger, die extra hoch trällern, dafür auch den Kopf immer dramatisch schräg halten (müssen), klang es nicht nur doof, es sah auch so aus. Instrumental oder mit richtigem Gesang hätte ich den Auftritt gemocht, so war ich dankbar, daß er nach einer halben Stunde vorbei war.
Bester Moment des Konzerts: die Ansage von Sänger Felix Bushe, es sei gut, wieder in Frankfurt zu sein. Da waren sie aber bisher noch nicht. Der Veranstalter des Alt-J Konzerts hatte den Bands Offenbach als Frankfurt verkauft. Schräg war auch die Fake-Linkshänder-Gitarre des links stehenden Musikers (mit Wirbeln unten). Fairerweise muß ich aber sagen, daß Gengahr sehr gut ankamen und ein paar (sicher viel schöner) mitsingende Hardcore-Fans die Londoner abfeierten. Setlist Gengahr, Zoom, Frankfurt:
01: Heroine 02: ? 03: Bathed in light 04: Whole again (neu?) 05: Fill my gums with blood 06: Where wildness grows (neu) 07: She's a witch 08: Powder Aber ich war ja nicht wegen der Vorgruppe da.
Wolf Alice begannen bereits um 21:15 Uhr. Das Zoom war recht gut gefüllt, es war aber sicher einiges entfernt von ausverkauft. Außerhalb von Großbritannien und den USA hat sich offenbar nicht rumgesprochen, wie großartig die Band ist.
Schon vor dem Beginn war mir etwas Bemerkenswertes aufgefallen: im Publikum unterhielten sich einige (sehr junge) Besucher darüber, wo sie Wolf Alice auf dieser Tour in Europa gesehen haben. Wolf Alice haben sich in kurzer Zeit eine Ultra-Szene erspielt, erstaunlich! Das Konzert war im Grunde ein Zwilling des Auftritts von Köln im Februar. Die Setlist war mit einer Ausnahme komplett gleich. You're a germ hat ein paar Plätze gutgemacht und wurde gleich nach dem Startstück Your loves whore gespielt, der Rest war exakt gleich. Aber eben auch gleich gut!
Ein ganz typisches Wolf Alice Stück ist 90 mile beach, von der bis vor zwei Wochen extrem wertvollen Blush EP (da erschien das 10" Vinyl noch einmal in einer Sammler-Box, damit hören dann auch die "verkaufst Du mir die, meine Tochter ist riesiger Wolf Alice Fan"-mails auf). Das Lied fing langsam und fast etwas harmlos an, wurde aber im Verlauf besser und besser. Auch das schwächste Stück im Set (Swallowtail), das Schlagzeuger Joel singt, entdet in noisigem Durcheinander. Swallowtail rettet das nicht, auch hier nervt mich der kunstvoll und künstlich hohe Gesang (unnötig!). Aber bei den vielen guten Liedern sind die lauten Enden dann eben die Kirsche auf dem Eisbecher!
Wenn die Band laut wird, drehen die beiden Bühnennachbarn von Sängerin Ellie Rowsell besonders auf! Bassist Theo (mit rappelkurzen Haaren), der sein Wetlook-Shirt schnell gegen Wetlook-Oberkörper eingetauscht hatte, hat einen herrlich irren Blick, wenn er mitbrüllt und sich ins Publikum beugt. Bei The wonderwhy oder Fluffy fehlte nicht viel, daß er sich auf uns gestürzt hätte, schien es.
Wolf Alice haben enorm viele Lieder, die live enorme Knüller sind. Bros, Fluffy, You're a germ, Moaning Lisa smile...
Mit Moaning Lisa smile endete der Hauptteil. Als die vier zurückkamen, zog sich Schlagzeuger Joel sein Hemd wieder an, daß er wohl backstage ausgezogen hatte. Da gibt es wohl auch keine Klimaanlage.
Die erste Zugabe war wieder Turn to dust, das erste Lied der Debüt-Platte, dem ich nichts abgewinnen kann. Es ist zu ruhig, als hätte die Band vergessen, den krachigen Teil ab der Mitte zuzufügen. Danach kamen die beiden fehlenden Riesenhits Blush und Giant peach.
Ich bin Team Pop und kann mit zu rockigem Rock nichts anfangen. "Grunge" als Beschreibung einer Band, senkt mein Interesse gewöhnlich gleich enorm. Wolf Alice machen für meinen Geschmack aber fast alles exakt richtig. Ich will diese dämliche Floskeln wie "Energie" und "Intensität" vermeiden, weiß daher nicht genau, wie ich das Besondere an den Liveauftritten der Engländer beschreiben soll. Vielleicht tue ich mich auch deshalb so schwer damit, Leute zu überreden, Wolf Alice mal live zu sehen. Das Fanwerden erledigen die dann mit 60 min Konzert.
(Und nach den letzten Takten von Wolf Alice lief Divine Comedy!) Setlist Wolf Alice, Zoom, Frankfurt:
01: Your loves whore 02: You're a germ 03: Freazy 04: Bros 05: Lisbon 06: 90 mile beach 07: Silk 08: The wonderwhy 09: Storms 10: Swallowtail 11: Fluffy 12: She 13: Moaning Lisa smile
Konzert: Anna Ternheim Ort: Zoom, Frankfurt Datum: 10.04.2016 Dauer: gut 95 min Zuschauer: ausverkauft
Dieser Tage beginnt die neue Staffel der Vox-Sendung Sing meinen Song, die ich sehr gut finde. "Im Prinzip sehr gut", müsste es aber heißen. Das Konzept, die Lieder eines Künstlers von anderen aus anderen Genres singen zu lassen, ist toll. Die Musiker in der Regel nicht, Kurator ist der Aluhut-Träger Xavier Naidoo. Ein Sing meinen Song - Indie-Version empfände ich als enorm spannend. Bon Iver singt Stücke von blur, die von den Nerven, die von When Nalda Became Punk, die von Coeur de Pirate. Daß ich meine fabelhafte Idee einmal umgesetzt erleben würde, hatte ich mir nicht ausgemalt. Nach dem Anna Ternheim Konzert war ich schlauer. Mein schwedischer Liebling spielte im Zoom in Frankfurt nämlich Anna Ternheim Lieder, wie sie klingen würden, wenn sie von My Bloody Valentine, den Wise Guys, Anna Ternheim oder Bon Jovi* gecovert würden. Daß Anna diesmal wieder mit Band auftreten würde, war spätestens bei der Dimension des Tourbusses klar. In einem Interview hat die Schwedin uns einmal gesagt, sie spiele immer gerade in der Konstellation, nach der ihr sei. Die meisten ihrer Lieder geben das her. Die ersten beiden Alben waren sogar in jeweils einer normalen und einer abgespeckten akustischen Version erschienen. Zur Zeit ist ihr nach Krawall, dachte ich am Anfang. Nach und nach stellte sich aber heraus, daß die Sängerin April-Stimmung hat, die Instrumentierung des Abends reichte von Anna alleine ohne Instrument über Anna an der akustischen Gitarre bis zu alle mit Gitarrenwänden und 130 dB. Das nächste, was ich nach dem Tourbus sah, war die Schlange vor dem Zoom. Auf den Tickets, der Website und den Facebookseiten der Veranstaltung stand lediglich "20 Uhr", kein Verweis auf eine (oder keine) Vorgruppe, kein Hinweis, wann Einlass und wann Beginn ist. Für die, die nicht in Laufweite leben, wäre so etwas hilfreich. An der Tür stand dann, daß das Konzert um 20 Uhr beginne. Auf meine Nachfrage sagte der nette Security-Mann, es beginne gleich mit Anna Ternheim. Vielleicht gehe es aber auch erst um halb neun los. Vor und hinter mir standen da noch enorm viele Leute. E-Tickets, die von einer Frau gescannt werden müssen, die gleichzeitig die Gästeliste bedient und stempelt, hielten den Verkehrt weiter auf. Hätte es um acht begonnen, ein guter Teil des Publikums hätte den Konzertstart im Treppenhaus des Zoom erlebt. Als es im schrecklich vollen Saal dann losging, kam erst eine Gitarristin, dann ein Bassist (mit Kontrabass), eine Schlagzeugerin** und ein Keyboarder** auf die Bühne, sie begannen nacheinander ein Intro, das dann mit Anna Ternheim in Hours vom aktuellen Album For the young stammt. Ich mag die Platte und auch Hours, die Wucht, mit der das Stück vorgetragen wurde, ist bei Anna Ternheims Musik nicht so meines. Hours endete in einem wilden Postrock-Geballere mit quietschender Gitarre und headbangenden Musikern. Diese Postrock- oder Shoegaze- oder manchmal einfach nur Fiesrock-Elemente kamen in unterschiedlich starker Ausprägung immer mal wieder vor. Bei Girl laying down zum Beispiel knallte das Instrument der Gitarristin wahnwitzig laut und vermutlich viel zu früh in den Gesang von Anna Ternheim. Das Ende des Lieds hätten Ride oder My Bloody Valentine nicht anders interpretiert. Den Höhepunkt dieser Rock-Anna bildete Only those who love, bei dem die Sängerin ihre akustische Gitarre abgelegt hatte und die Gitarristin dies zu kompensieren versuchte. Uff. Dann ging die Band. Anna spielte Better be und The longer the waiting (the sweeter the kiss) akustisch. Ja, das mag ich lieber. Wie viel lieber machte mir dann der Anfang von What have I done deutlich. Keyboard und Schlagzeug stellten das nächste Genre vor: Eurodisco! Am Ende hielt Anna sich ihr Tambourin wie einen Heiligenschein über die neue Frisur. A french love danach war wundervoll. Das Stück ist eines ihrer schönsten, die Instrumentierung war schön, es war wie eigentlich immer eines der Highlights des Konzerts. Direkt im Anschluß kamen alle Musiker nach vorne, um - wie schon öfter seit 2008 - Summer rain komplett abgespeckt nur mit Annas akustischer Gitarre zu singen. Ich mag das Lied nicht so, es war aber vermutlich für alle anderen ein besonders schöner Moment. Leaving on a mayday begleitete das kundige Publikum mit rhythmischem Klatschen. Bei diesem Lied, das sie für ihren Vater geschrieben habe, führte die Sängerin eine Art Regentanz auf.
Und danach begann dann mein Konzert. My secret war wundervoll! Die erste Zugabe kannte ich nicht, hatte aber von ihr gehört. Ich hatte natürlich nicht stillhalten können und auf die deutsche Veröffentlichung von For the young warten können und hatte die Platte Monate vorher in Schweden bestellt. Auf der deutschen Version ist offenbar das Backstreet Boys Cover Show me the meaning of being lonely, das in der Anna Interpretation vollkommen unpeinlich war! Calling love beendete die ersten Zugaben. Auch wenn die ersten aufbrachen, keine Anna ohne Shoreline. Obwohl auch das Lied ein Cover ist (von Broder Daniel), ist Anna Ternheims Version sehr eigenständig und auch nach all den Jahren noch ein riesiger Hit. Danach folgte der Antipol zum Konzertauftakt: A voice to calm you down, nur von der Schwedin, komplett ohne Instrument gesungen. Es war - man liest das vielleicht zwischen den Zeilen raus - keines meiner besten Anna Ternheim-Konzerte. Die Schweinegitarre hat mir vieles verdorben. Aber es war natürlich trotzdem wieder eine gute Idee, zu ihr zu gehen. Vielleicht ist die nächste Begegnung ja wieder eine nur mit ihr und ihrer Gitarre. Setlist Anna Ternheim, Zoom, Frankfurt:
01: Hours 02: Still a beautiful day 03: To be gone 04: For the young 05: Girl laying down 06: Only those who love 07: Better be 08: The longer the waiting (the sweeter the kiss) 09: What have I done? 10: A french love 11: Summer rain 12: Leaving on a mayday 13: My secret
14: Show me the meaning of being lonely (Backstreet Boys Cover) (Z) 15: Calling love (Z)
16: Shoreline (Broder Daniel Cover) (Z) 17: A voice to calm you down (Z)
* Bon Jovi ist böse! Viel zu böse! Mit fiel (Schlafmangel) nur gerade keine Indieband mit fiesen Gitarren ein, sowas höre ich halt nicht. ** glaube ich. Ich war sichtbeschränkt.
"Vielen Dank, daß Ihr uns dies hier ermöglicht!" - ich hasse solche theatralischen Plattitüden, Torquil Campbell, dem Sänger der Stars, nehme ich seine Dankesbekundungen aber ab - obwohl er im Nebenjob Schauspieler ist. Leider ist es immer weniger selbstverständlich, daß Bands Musik beruflich machen können. Wenn eine kanadische Gruppe, die immerhin live zu sechst auftritt, alle zwei Jahre nach Europa kommen kann, obwohl sich die letzten Alben vermutlich nicht schrecklich gut verkauft haben, und in fünf kleinen deutschen Clubs spielen kann, ist daran zwar sicher auch die kanadische Kulturförderung schuld, aber eben auch das seit Jahren aufgebaute Publikum, das immer wieder kommt, auch wenn die Platten nicht mehr die Brillanz früherer Veröffentlichungen haben.
Die letzte Platte No one is lost (den Titel hatte ich wieder vergessen), hatte ich zwar im Herbst aus Gewohnheit sofort gekauft, nach einem Hören aber wieder weggelegt. Zu viel Disco, zu wenige Hits und zu viel spannendere Musik von anderen Künstlern. In den letzten Tagen habe ich das Album noch ein paar mal gehört und plötzlich mehr gemocht (bis ich den Fehler gemacht habe, zu Set yourself on fire, der Überplatte zu wechseln und die neue wieder belanglos zu finden).
Als ich im Zoom ankam, war der Club recht voll und die Vorgruppe Children bereits fast durch. Ich hatte die Berliner sehen wollen, eine gesperrte Autobahn verhinderte das aber. Also war mein erstes Livelied des Jahres das schauderliche Would I lie to you? von Charles and Eddie, allerdings in einer deutlich weniger scheußlichen Version. Die beiden eigenen Lieder danach reichten noch nicht für einen richtigen Eindruck, die Instrumentierung mit Querflöte gefiel mir aber schon einmal sehr.
Die Stars sollten um zehn auftreten. Bis dahin war alles aufgebaut. nur die Band kam nicht. Erst gut zwanzig Minuten später kamen die Musiker auf die Bühne. "Wir haben nicht backstage gekokst, unser Bassist hat ein Bier nicht vertragen und musste ins Krankenhaus"; erklärte der Sänger. Hmmm, ein so aufgedrehter Torquil ist kein gutes Zeichen. Vor einigen Jahren hatte ich ihn so im Gebäude 9 in Köln erlebt. Das Konzert wurde entsetzlich, der gebürtige Brite traf keinen Ton, suchte vergeblich nach seinen Instrumenten und machte einen erbärmlichen Eindruck. Seitdem habe ich vor zu guter Laune des Mannes Angst. Seine Co-Sängerin Amy Millan guckte auch am Anfang recht mürrisch, stressfrei schien die Anreise von Amsterdam nach Frankfurt nicht gelaufen zu sein. Später erklärten die Frontleute, ihr Schlagzeuger Pat McGee (der heute mit Sonnenbrille, Latzhose, Kopftuch und Kappe darüber erstaunlich konservativ gekleidet war) habe am Vortrag Geburtstag gehabt und den habe man in Amsterdam gefeiert.
Als dann das erste Lied losging, waren es wieder die Stars, die ich so mag. Der Gesang von Amy und Torquil, der sich so wundervoll ergänzt und auch schwächere Lieder gut macht, hatte mich sofort wieder. Die Stimmen waren am Anfang ein wenig leise, das wurde aber irgendwann besser.
Die Stars spielten fast alles vom neuen Album. Dadurch blieb viel zu wenig Platz für Lieblinge. Von ihren fünfzehn, zwanzig Welthits hatten sie leider nur Ageless beauty, Dead hearts, Your ex-lover is dead, Take me to the riot und Elevator love letter dabei. Das ist entschieden zu wenig, allerdings würde ich auch nur wegen eines davon zu einem Konzert gehen. Die neueren Sachen sind ok, stehen im Vergleich aber sehr blass da. Am besten waren von No one is lostTrap door und From the night.
Wäre es musikalisch nicht so gut gewesen, hätten mich die Dinge am Rande ziemlich gegruselt. Torquil, der am Anfang elegant mit Blazer (und Einstecktuch) gekleidet war, stand oft in seinen Singpausen am Bühnenrand und starrte einzelne Zuschauer an. Das war einschüchternd. Wenn er nicht guckte, umtanzte er seine Gesangskollegin. Das war teilweise herrlich absurd. Den Refrain von We don't want your body sang er unmittelbar hinter Amy stehend. Charmant war das nicht - aber komisch. Bei Elevator love letter suchte er verzweifelt seine Melodica, die irgendwo in Griffweite liegen sollte. Der Roadie, der zwar eigentlich in aller Seelenruhe aufgebaut hatte, hatte das Instrument offenbar vergessen. Also fehlte dieses Element und wurde durch merklich improvisierten abwechslenden Gesang von Amy und Torquil ersetzt. Der Roadie hatte seinen Fehler mittlerweile bemerkt und die Tastentröte bereitgelegt, für Elevator love letter reichte es nicht mehr, bei Your ex-lover is dead kam es dann aber zum Einsatz.
So lange Konzerte der Stars so viel Spaß machen, werde ich gerne weiter mithelfen, ihnen zu ermöglichen, damit aufzutreten und immer wieder hingehen, egal wie viel weniger mir neuere Alben bedeuten. Was ich dabei aber sehr überraschend und beruhigend fand, war der hohe Anteil sehr junger Zuschauer. Die Kanadier locken also nicht nur weiter die Leute von früher an, sie scheinen auch für Zwanzgjährige attraktiv zu sein. Es wird hier also auch in der Zukunft immer wieder Stars-Berichte geben! 'tschuldigung.
Setlist Stars, Zoom, Frankfurt:
01: From the night 02: Ageless beauty 03: We don't want your body 04: Turn it up 05: Backlines 06: You keep coming up 07: A song is a weapon 08: This is the last time 09: Hold on when you get love and let go when you give it 10: Look away 11: Dead hearts 12: Trap door 13: One more night 14: Elevator love letter 15: Take me to the riot 16: Your ex-lover is dead 17: Are you ok? 18: No one is lost 19: What is to be done? (Z)
Tourdaten Stars:
20.01. Luxor, Köln (Support: Children) 21.01. Knust, Hamburg (Support: Children) 22.01. Bi Nuu, Berlin (Support: Children) 23.01. Strom, München (Support: Children)
Ich weiß nicht, warum mir das immer passiert. Jetzt sitze ich hier in Wien und besuche ab heute Abend ein Festival (Waves Vienna), bei dem ich nur wenige der teilnehmenden Musiker überhaupt kenne! In den nächsten Tagen sehe ich an fünf Abenden um die elf Bands! Immerhin wurden mir für die Stärkung zwischendurch Besuche in Kaffeehäusern bei Sachertorte, Strudel, Palatschinken & Co. versprochen, um mich bei Kräften (und wichtiger: bei Laune) zu halten.
Tatsächlich begann der große Konzertmarathon 2013 aber bereits am Dienstagabend in Frankfurt mit Tunng. Diese sind mir als eine der Lieblingsbands meines Freundes durchaus bekannt, allerdings kenne ich in meinem "Aktivliedschatz" gerade einmal zwei Lieder. Netterweise hatte uns das Plattenlabel auf die Gästeliste setzen lassen, wobei das, wie bislang jedes Mal im Zoom, nicht funktioniert hatte. Hinein ließ man uns trotzdem, wobei wir zu Beginn beinahe die einzigen Besucher zu sein schienen. Nach und nach füllte sich das Lokal dann aber doch, bis ca. 100 Gäste anwesend waren.
Die Vorband, Pinkunoizu, ein Quartett aus Kopenhagen und Berlin mit weiblicher Schlagzeugerin, spielte schier endlose Songs (vier – möglicherweise auch fünf Titel – in 35 Minuten), bei denen man manchmal dachte, dass sich die einzelnen Musiker unterschiedliche Titel auf die Setlisten geschrieben hatten und nun spielen würden oder dass sie vielleicht erst über das Jammen in den Song fanden. Später sagte Tunngs Sänger Mike Lindsay, dass Pinkunoizu ihn glücklich machen. Uns nicht.
Setlist Pinkunoizu, Zoom, Frankfurt:
01: Gaze 02: Disko –> Epic 03: Moped –> Doom 04: The Abyss (I Chi Intro)
Tunng betraten gegen 21 Uhr zu sechst die Bühne, Lindsay trug ein gewagtes Hemd mit Landschaftsmotiven, die möglicherweise die Alpen darstellten. Dabei war auch eine Gastsängerin, die uns als Grigri (?) vorgestellt wurde und für die auf der Tour abwesende Becky Jacobs als Sängerin und am Mini-Keyboard einsprang. Dabei hatte sie eine Mappe mit ausgedruckten Texten, die sie dann aber doch nicht verwenden musste. Mike Lindsay lobte ihr glänzendes Kleid, das mir jedoch - anders als sein Hemd - so gar nicht gefiel.
Das Keyboard war mit einer ganzen Reihe Windspiele dekoriert, von denen eines aus Schlüsseln bestand. Es musste noch einen weiteren Vorrat an (auch) selbstgebastelten Instrumenten geben, denn Martin Smith schüttelte, rüttelte und rasselte fast permanent mit irgendwas.
Vorab hatten wir bereits einen Blick auf die Setliste erhaschen können, die zu unsere Enttäuschung nur ein Lied enthielt, das ich kannte, von den drei Wunschtiteln meines Freundes war nur Jenny Again aufgeführt (kein Bullets, kein Bloc Party-Cover Pioneers) Insgesamt sollten nur 13 Stücke vorgetragen werden.
Konzert und Band wirkten (wiederum laut meiner Begleitung) weniger introvertiert und in sich gekehrt als früher, da tanzbare und fast schon fröhlich zu nennende Songs dominierten, wie gleich zu Beginn Once, So Far From Here und The Village. Doch Tunng bauten auch ihre „darker Songs“, wie Lindsay sagte, in die Setliste ein, zum Beispiel Tale From Black oder Jenny Again, das aufgrund von Wortfindungsstörungen des Sängers ein zweites Mal begonnen werden musste.
Kurz darauf folgte „Phil’s favourite song“, das instrumentale By Dusk They Were In The City, bei dem Linday am Ende die E-Gitarre von Ashley Bates überreicht bekam und in Rock-Manier mit entsprechenden ironischen Posen ein Solo gab.
Bullets (das zweite mit bekannte Lied) wurde dann trotz Nichtnennung auf der Setliste doch noch als letzter Song im Hauptprogramm gespielt, danach wurde es trotz Zugabenjubel des Publikums eng, weil die Band nicht mehr wirklich viel in Reserve hatte.
Als Zugabe folgen dann nach kurzer bandinterner Diskussion noch Woodcat und With Whiskey, bei dessen Intro Lindsay von Phil Winter gefragt wurde, welches Lied er denn jetzt eigentlich spielen würde.
Auf Facebook konnte man später lesen, dass die Band selbst das Konzert als "intimate" empfunden hatte, was sicherlich am relativ kleinen, aber begeisterten Publikum lag.
Setlist Tunng, Zoom, Frankfurt:
01: Once 02: So Far From Here 03: The Village 04: It Breaks 05: The Roadside 06: Tale From Black 07: By This 08: Bloodlines 09: Embers 10: Jenny Again 11: Trip Trap 12: By Dusk They Were In The City 13: Hustle 14: Bullets
Konzert: Chelsea Light Moving Ort: Zoom, Frankfurt Datum: 03.07.2013 Zuschauer: 158* Dauer: Chelsea Light Moving knapp 75 min, Metabolismus feat. Jooklo Duo 35 min
Meine aktuellen Versuche, Sonic Youth scheibchenweise live zu sehen, enden in skurrilen Abenden. Vor ein paar Wochen trat Kim Gordon mit ihrer neuen Band Body/Head auf dem Museum Ludwig Dach in Köln auf und verließ nach einen Lied und einem "thank you" die Bühne.
Ihr Ex-Partner Thurston Moore spielte mit seiner neuen Band Chelsea Light Moving zwar eine ganze Menge Lieder, der Abend war aber nicht weniger ungewöhnlich.
"Hello, we are Black Flag from Hermosa Beach, California" - "it's good to be back here!" Nicht weiter bemerkenswert eigentlich. Thurston blieb aber bei der Nummer. Jede seiner Ansagen hatte mit Black Flag zu tun. Lip kündigte er als Stück ihrer alten Platte Slip it in an, er nuschelte irgendetwas über Henry Rollins, über eine 7", die bei New Alliance erscheine, widmete einen Song den Kumpels in Long Beach und stellte seine Bandkollegen mit den Namen der Black Flag Leute vor. Aber sie spielten ihre eigenen Songs...
Vor Chelsea Light Moving war es noch eine Spur irrer. Metabolismus feat. Jooklo Duo (Thurstons Band T-Shirt half später, den richtigen Namen zu identifizieren) waren sieben Musiker der Bands Jooklo Duo (Virginia Genta & David Vanzan) und Metabolismus (u.a. Chelsea Light Moving Bassistin Samara Lubelski), die sich auf eine hoffnungslos vollgestopfte Bühne stellten und irgendwelche Instrumente griffen und munter Geräusche machten. In den ersten fünf Minuten des einen Lieds, das gespielt (bzw. erzeugt) wurde, spielte jeder sein eigenes Klangsüppchen, eine durchgängige Melodie war nicht erkennbar. Erst in einer späteren Phase ließ Virginias Saxophonspiel erahnen, daß hier eine Komposition zugrunde lag. Die Frau mit Sonnenbrille spielte eine ganze Menge anderer Instrumente. Am besten gefiel mir die Schlagenbeschwörer-Flöte,** die sie in ein Megaphon blies und das was auch immer Dings, das wie ein Mini-Modell-Kettenkarrussel aussah und beim Drehen pfiff.
Hätte ich geahnt, was auf mich zukommt und hätte ich ein klein wenig mehr Geltungsdrang, hätte ich eines meiner gesammelten Instrumente mitgebracht und mich auch auf die Bühne gestellt. Der ein oder andere von Metabolismus wirkte, als sei er zufällig dazu gestoßen. Das tollste Instrument dieser Truppe war eine Art 60er Jahre Plastik-Barhocker mit Haube, in dem Elektronikkrams versteckt war. Der eindrucksvolle Mann, der den Barhocker bediente, hielt seine Hände über die Elektrobauteile. Ich vermute, es handelte sich um eine Art Theremin, es gab jedenfalls immer wieder Theremin-Geräusche (also dieses Fiepsen aus der Star Trek Titelmelodie).
Oboe, zwei Saxophone, Violine, Mini-Klavier, Schlagzeug, alle handelsüblichen und -unüblichen Rasseln, Glöckchen, Becken und alles scheinbar planlos gespielt. Free Jazz der losgelöstesten Sorte vermutlich. Das war unterhaltsamer als es sich anhört und für mich nicht anstrengend - was aber auch daran lag, daß immer ein Ende in Sicht war und es so wahnsinnig viel zu sehen gab. Musikfreunde, die sich anschließend Platten gekauft haben, haben meinen allerhöchsten Respekt - ebenso wie diejenigen, die die vielen Instrumente hinterher in den Tourbus packen mussten. Aber Chelsea Light Moving ist ja nach einer Umzugsfirma benannt, da kann man diese Fähigkeit eigentlich erwarten.
Bei der Hauptgruppe war der logistische Aufwand weitaus geringer: zwei Gitarren, ein Bass und ein Schlagzeug, dazu ein Gesangsmikro und am Ende Samaras Geige reichten, um die Stücke des Debütalbums wiederzugeben.
Die ersten Stücke (die Thurston sehr mitschreibefreundlich ansagte) stammten
alle vom Album. Nach No go und vor Groovy and Linda gab es eine instrumentale Zwischensequenz. Danach folgte ein mir unbekanntes Lied, das nicht vom Album stammt (es kam häufig "hey" drin vor, das reichte aber nicht zur Identifizierung). Aber da die gespielten Stücke recht homogen waren (und die beiden stilistisch etwas abweichenden Titel Mohawk und Communist eyes nicht gespielt wurden, war Lied acht auch sicher ein eigenes Stück (und kein Black Flag Cover beispielweise).
Das neue The ecstasy und der Brecher Alighted beendeten das spärlich besuchte Konzert zunächst.
Mit "we are a soft rock band" kamen die vier Musiker zurück und fühlten sich offenbar der Vorgruppe verpflichtet und improvisierten jetzt mehr. Das erste kurze Instrumentalstück klappte noch gut. Samara spielte dabei Geige, die sich gegen die beiden Gitarren aber kaum durchsetzen konnte. Beim zweiten Zugaben-Lied stieß sich Thurston erst den Kopf am Mikro, brach dann nach ein, zwei Minuten ab und erklärte Samara, die immer noch gegeigt hatte, habe nicht wissen können, daß sie Bass spielen sollte. "We were playing a song that we never written before," was auch immer das heißen mag. Sie spielten das Stück noch einmal, jetzt mit Bass. "What do you like better? Bass or violin?"***
Nach einer dritten textlosen Zugabe kam ein ganz kurzes Stück - vier Takte vielleicht, das mit "that's it" endete und wiederholt wurde. "It's called 'that's it'!"That's it war aber in Wahrheit der verpatzte Beginn von Staring statues, der letzten Zugabe.
Mein zweites Sonic-Youth-Teilkonzert war sehr unterhaltsam und musikalisch so, wie man es erwarten konnte. Ich konnte mit dem Abend deutlich mehr anfangen als mit Body/Head. Den besten der Abende der kleinen inoffiziellen Konzertreihe habe ich aber verpasst. Klarer Sieger war offenbar Lee Ranaldo kurz vor dem Konzert von Kim Gordon, wie man hier nachlesen kann. Da ich Lee im Gebäude 9 gesehen habe, glaube ich das blind!
Setlist Chelsea Light Moving, Zoom, Frankfurt: 01: Sleeping where I fall 02: Frank O'Hara hit 03: Lip 04: Sunday stage 05: Empires of time 06: No go 07: Groovy and Linda 08: ? 09: The ecstasy 10: Alighted
Konzert: Savages Ort: Zoom, Frankfurt Datum: 19.05.2013 Zuschauer: 300 vielleicht (nicht ausverkauft aber recht voll) Dauer: 56 min
"This album is to be played loud in the foreground", steht im Klappentext des Debüts der Londoner Postpunk-Band Savages. Wenn man das macht - und höfliche Menschen halten sich ja an die Vorgaben eines Künstlers - bekommt man zum Dank Gitarren um die Ohren gehauen, die hart wie Marmor sind. Shut up, das erste Stück der Platte, kracht ganz gehörig. Mein erster Griff, als ich ins Zoom kam, galt also meinen Ohrstöpseln. Auch wenn es vielleicht nicht weltbewegend gut sein würde, laut würde das Konzert werden. Ich war um kurz vor halb zehn im Zoom; nach wenig euphorischen Kommentaren zur Vorgruppe in Köln, war mir eine späte Anreise lieber. Auf der Bühne des Clubs lief die Nebelmaschine auf Hochtouren, gruselig beleuchtet von einen Strahler. Dazu lief leise wabernde Hintergrundmusik, sehr monoton und sehr passend. Ob die Vorgruppe noch kommen sollte? Gehörte der Mann mit dem weißen Hemd und der schmalen Krawatte* zum Support? Oder war der schon durch und die Nebel-Sound-Installation war Teil des Savages-Umbaus? Ich wusste es nicht.
Erst als um zehn vor zehn vier schwarzgekleidete Frauen auf die Bühne kamen, klärte sich das Bild, allerdings nur im übertragenen Sinne, der Nebel blieb.
Wie die Platte begann das Konzert mit Shut up, wobei die Gitarrenklänge etwas weniger bedrohlich klangen. Die Gitarre und alle anderen Instrumente wurden zwar hervorragend gespielt, sie standen aber so sehr im Schatten der Sängerin Jehnny Beth, daß sie in der Folge wenig Aufmerksamkeit bekamen. Jehnny wirkt mit ihrer Kurzhaarfrisur und ihrem Kleidungsstil androgyn wie die Ritchie-Schwestern von The Organ. Im krassen Kontrast zum Outfit bis zu den Knöchelt standen dann aber ihre Schuhe. Jehnny trug High Heels, die so gar nicht bühnentauglich wirkten. Denn die Art, wie die gebürtige Französin singt, setzte sich in ihrem ganzen Bühnengebahren fort. Sie tigerte hin und her, ruderte mit den Armen, riss den Mund auf und sang mit jeder Menge Wut in der Stimme.
Natürlich erinnerte vieles am Auftritt erschreckend stark an Joy Division, mich juckte das aber nicht. Warum sollte ich mir ein solch energiereiches, wildes Konzert, das dazu musikalisch hervorragend war, bei dem die Sängerin ihre düstere, mit starkem Vibrato ausgestattete Stimme brillant einsetzte und (für mein Ohr) jeden Ton traf, von inneren Nörgeleien, daß es das doch alles schon mal gegeben habe, verderben lassen? Savages sind ausreichend originell, um keiner ihrer Referenzen (die vermutlich auch teilweise ihre Vorbilder sind) zu nahe zu sein. Außerdem bin ich oft überzeugt davon, daß (echte) Musikjournalisten mit ihrer Referenzposerei Musiker gnadenlos überschätzen. Künstler sind in der Regel nämlich viel weniger nerdhaft als ihre Kritiker. Fragt man eine Band nach anderen Bands, von denen man überzeugt ist, daß sie die kennen muß, erlebt man oft Überraschungen. "Arcade Fire? Habe ich von gehört. Wie sind die so?" Würde mich nicht wundern, wenn Savages sich nie mit Siouxsie & The Banshees beschäftigt hätten, auch wenn Jehnny Stimme (weil sie dunkel und weiblich ist...) der von Siouxsie Sioux natürlich gleicht.
Diese sagenhaft tolle Frontfrau macht den Unterschied zwischen Savages und vielen der anderen immer mal wieder gehypten britischen Bands aus. Gute oder sehr gute Platten können viele aufnehmen, für solche Shows braucht es mehr als eine Handvoll brauchbarer Songs. Den uns so wichtigen Livetest haben Savages mit Bravour bestanden!
Der Großteil des Sets bestand aus Songs des Albums. Nur Marshal Dear und das Instrumentalstück Dead Nature (denke ich) wurden dabei ausgelassen. Außerdem spielten Savages die frühe Single Flying to Berlin und Give me a gun (von der EP I am here). Den Abschluß bildete der Mottosong ihrer Platte: Fuckers. "Don't let the fuckers get you down!" steht auch auf der Hülle des Albums. Ja, da scheint jede Menge Wut bei Savages, vor allem wohl bei Jehnny zu sein. Aber wenn sie sich Ventile wie solche Auftritte sucht, mag ich Wut!
Die brütende Hitze im Zoom, der Starkregen auf dem Weg in den Club, die vielen nach nassem Hund riechenden Jacken um mich rum, das kurze Konzert und das konsequente Ignorieren des sehr langen Applauses nach dem letzten Stück - alles ein gerne inkauf genommener Preis für einen tollen Abend. Saublöd ist jetzt nur, daß ich mit dem Konzert im Zoom ein Problem beim Primavera Festival am Donnerstag lösen wollte. Da müsste ich sie ja nicht mehr sehen und könnte in Ruhe Neko Case angucken. Jetzt sieht es schon wieder anders aus. Vielleicht sollte ich mal eine Runde brüllen gehen.
Setlist Savages, Zoom, Frankfurt: 01: Shut up 02: City's full 03: I am here 04: Give me a gun 05: Strife 06: Waiting for a sign 07: Flying to Berlin 08: No face 09: She will 10: Hit me 11: Husbands 12: Fuckers
Konzert: Daughter Ort: Zoom, Frankfurt Datum: 16.04.2013 Zuschauer: gut 500 (ausverkauft) Dauer: Daughter gut 80 min, Bear's Den 35 min
Wie machen die das bloß? Das Publikum bei deutschen Konzerten ist ja meist sehr zurückhaltend und klatscht erst nach der letzten verstummten Note. Ich nehme mich da überhaupt nicht aus. Selbst für eine rheinische Frohnatur ist bei Indie-Konzerten Zurückhaltung erste Bürgerpflicht. Ganz im Gegenteil ist alles, was entfernt an Kirmes-, Karneval- oder Schützenfest-Ausgelassenheit erinnert, tunlichst und immer zu vermeiden. Ich hasse rhythmisches Mitklatschen. Es gibt nur zwei Dinge, die schlimmer sind: pseudorhythmisches Mitklatschen und Bands, die zum Klatschen anstacheln. Leider ist dieses Anstiften auch bei eigentlich guten Gruppen verbreitet. Scheinbar haben die keine guten Freunde, die sich trauen, ihnen mal einen entsprechenden Hinweis zu geben. Schade! Aber auch das ist ja weit verbreitet. Ian Brown, der Stone Roses Frontmann, hat sicher enge Freunde, seine Frisur hat er aber trotzdem nie geändert. Ich schweife ab, wobei Frisuren auch später noch eine Rolle spielen.
Jedenfalls erzeugen Daughter genau die Art von Stimmung, die ein schwieriger Konzertbesucher wie ich sucht. Nicht die Hippster-Coolness ("habe ich alles schon mal gesehen - in Brooklyn oder so") aber auch nicht das Schunkeln eines Festzelts. Der Unterschied zu anderen Konzerten ist auffallend. Ich sehe ja durchaus viele im Laufe eines Jahres. Britischere Stimmung als bei Daughter habe ich bei Shows in Deutschland, die auch überwiegend von Deutschen besucht wurden, lange nicht gesehen.
Wie sie das machen, weiß ich allerdings nicht. Also bleibt mir, Daughter möglichst oft anzusehen, was in diesem Jahr leicht fällt, da die Londoner im Sommer viele der tollen Festivals spielen, u.a. das Maifeld Derby. Diese Festivals sind in der Regel die einzigen Chancen, die Band live zu erleben, da ihre Clubshows allesamt ausverkauft waren. Ich hatte die Gelegenheit, Elena, Igor und Remi vor dem Konzert zu treffen und sprach mit ihnen über den großen Erfolg. Gitarrist Igor sagte dabei, daß sie sich alle Träume schon jetzt erfüllt hätten. Alles, was noch komme, sei ein Bonus. "Ich war noch nie in Glastonbury, und jetzt spielen wir da direkt!" ergänzte Sängerin Elena. Und genauso sind Daughter auf der Bühne. Sie sind bescheiden, lachen viel und haben ganz offensichtlich enormen Spaß an ihrem Job! Und natürlich bauen sie hinterher den Kram auch wieder ab, den sie vorher auf die Bühne gebracht haben.
Vor Daughter traten wieder Bear's Den aus London auf. Das Folk-Trio, das mich schon in Brüssel stark an Mumford & Sons erinnert hatte, machte seine Sache als Support ausgezeichnet, die ersten drei Lieder hatten Schmiß und Hitpotential. Danach wurde es ruhiger und langweiliger, groß könnten Bear's Den allerdings schon werden, wenn sie mehr Don't let the sun steal you aways schreiben. Dann werden sie aber ihre EPs nicht mehr mit Kartoffeldruck verschönern können ("if you like potatoes, if you like stamps, buy them").
Setlist Bear's Den, Zoom, Frankfurt:
01: Agape 02: The waters 03: Don't let the sun steal you away 04: Pompeii 05: Isaac 06: Writing on the wall 07: Hard life
Auch wenn Bear's Den gut ankamen, erreichten sie nur normale Konzertbegeisterung. Der Hebel zur besonderen Stimmung wurde mit dem Erscheinen der anderen drei Londoner umgelegt. Um fünf nach zehn kamen Daughter zurück, nachdem sie vorher wie erwähnt aufgebaut hatten. Und sofort war da die gleiche Begeisterung wie in Köln und Brüssel. Das Frankfurter Publikum war jünger als das in den beiden anderen Städten, in denen ich sie gesehen habe, die Reaktionen exakt gleich. Kein Wunder, daß die Frontfrau durchweg lacht und feixt, bevor sie das nächste ihrer traurigen Lieder anstimmt. Dabei habe ich in einem Interview mit Elena gelesen, daß ihre Texte durchaus ihrer Stimmung während des Schreibens entsprechen. Auch wenn ich ihr nur Gutes wünsche, ist ein zweites Album voller fröhlicher Sommermusik schwer vorstellbar.
Das Set entsprach weitestgehend denen der vorangegangenen Shows, es bestand also aus Songs des Debüts, der EPs und der wundervollen B-Seite Run. Dabei habe ich wechselnde Lieblinge. Candles, das lange Zeit mein Favorit war, gefiel mir in Frankfurt ganz besonders (in Brüssel hatte Elena das Stück ein wenig verpatzt), Tomorrow war grandios und Run und Still ohnehin!
Weil ich mich nach einer Weile etwas nach hinten stellte und da zielsicher die 2x2 Frauen fand, die sich angeregt über was (bzw. wen) auch immer unterhielten, war Frankfurt nicht mein bestes Daughter Konzert. Sehr gut war es trotzdem, anders können das die drei jungen Musiker, die sich an der Musikhochschule kennengelernt haben, auch nicht. Sie wurden auch im Zoom wieder von einem Keyboarder bzw. Bassisten und zusätzlichen Gitarristen (Luke) unterstützt. "Einige der neuen Songs erfordern zusätzliche Unterstützung," erklärte mir Remi, der gebürtige Franzose hinterher.
Wie Daughter das machen, mich und alle anderen* so zu verzücken, kann ich mir nur zum Teil erklären (tolles Material, sensationeller Charme... - alleine die Szene, als Elena sagte, sie könne uns gar nicht sehen, sie müsse dringend zum Frisör!). Aber eine Erklärung ist ja auch nicht nötig, da Musik (um uns selbst zu zitieren) für uns keine Wissenschaft ist. Ich übertreibe? Das könnt ihr hier überprüfen:
Konzert: The Raveonettes Ort: Zoom, Frankfurt Datum: 14.12.2012 Zuschauer: 150 bis 200 Dauer: The Raveonettes knapp 75 min, Holy Esque 30 min
"I can keep my head inside, when the modern drift is all I have", lief nach Konzertende von Band - und kurz danach noch I was playing drums, zwei Lieder, die ich eigentlich heute in Frankfurt live gesehen hätte. Efterklang in der Brotfabrik war nämlich mein Plan. Ich hatte die Dänen irgendwann Anfang der Woche im Gebäude 9 gesehen und schon noch einen Nachschlag eingeplant. Da mich Efterklang aber so müde gespielt hatten, daß ich gestern ihre Raveonettes-Landsleute in Köln streichen musste, und ich mir Anfang des Jahres vorgenommen habe. mal endlich den Horizont zu erweitern und nicht dauernd das gleiche zu sehen, also ein kurzfristiger innerdänischer Tausch - und ich stand um neun wieder in der Einlass-Schlange vor dem Zoom. Vor mir stand eine Gruppe von Jungs in Daunenjacken, die zur Hip Hop Party wollten, die anschließend stattfinden sollte, und die entsetzt waren, daß vor ihrem Kram noch ein Konzert sein sollte. Gottseidank ließen sie sich nach einigen Diskussionen von den 24 Euro Abendkasse abschrecken, ich glaube nicht, daß 60s Pop nach ihrem Geschmack war.
Die Vorgruppe Holy Esque aus Schottland spielte bereits, als ich nach meinen neuen Kumpels an die Reihe kam. Deren Geschichte ist schnell erzählt: Holy Esque spielten infernalisch laut auf und klangen, als wäre Editors Sänger Tom Smith krank und durch einen Schreihals ersetzt (den Sänger von The Strange Death Of Liberal England*, um präziser zu sein). Das tat mit den richtigen Ohrenschützern nicht weh, brachte mich bei meiner beabsichtigten Horizonterweiterung aber auch nicht weiter.
Um viertel vor zehn (der Hip Hop, RnB-Kram sollte ab elf starten), begann dann der schöne Teil des Abends. Warum habe ich die Raveonettes eigentlich bisher immer ausgelassen? Ich mag doch ihre Musik sehr gerne? Wenn sie immer so sind wie heute, habe ich einige neue Einträge in meinem Buch der verpassten Konzerthighlights! Die Raveonettes sind Sune Rose Wagner und Sharin Foo. die live von einem Schlagzeuger begleitet werden. Das Duo hat im September bereits sein sechstes Album seit 2003 veröffentlicht, begann allerdings mit einem älteren Stück. [Kleiner Exkurs in die Konzerttheorie:] In mindestens 7 von 10 Fällen starten Konzerte, die ich besuche, mit dem ersten Stück des aktuellen Albums einer Band. Das erste und das letzten Lied auf Platten sind ja grundsätzlich stärkere (aus Sicht des Künstlers), während das vorletzte meist der Lückenfüller ist. Ob ich schon mal erlebt habe, daß ein Konzert mit dem vorletzten Titel der aktuellen Platte beginnt? Ich bezweifele es. Aber egal. Jedenfalls sind die Raveonettes also auch in dieser Hinsicht besonders. Sie begannen mit Hallucinations von Lust Lust Lust (Lied 2) und wechselten danach munter durch.
Glücklicherweise war die Lautstärke nach Holy Esque wieder runtergeregelt worden: sie war perfekt, und es klang toll! Bei der Art der Stücke, die Sune und Sharin singen bzw. der Art, wie sie die Lieder singen, wäre es Perlen vor die Säue geworfen, wenn man die nicht deutlich hören würde. Denn die beiden spielen alle Stärken, die ein Junge/Mädchen Duo auf dem Papier hat, hemmungslos aus. Mal sind nur einer der beiden, der andere macht nichts oder nur ein paar Backup-Töne, mal singen beide synchron, dann wieder in einer Art Dialog. Dabei unterscheiden sich ihre Stimmen gar nicht mal besonders stark. Daß die beiden (bzw. Sune) tolle Songs schreiben, ist ja bekannt, daß sie die auch auf der Bühne so fabelhaft umsetzten, wusste ich Ignorant bisher nicht.
Curse the night vom aktuellen Album fiel etwas ab, da störte mich der Wolfsgeheul-Gesang des Gitarristen, ansonsten war das Konzert wunderschön! Sowohl die langsamen, sehr getragenen Stücke (Observations oder Lust), als auch die schnelleren, garagigeren begeisterten mich - es war enorm kurzweilig! Als die beiden plötzlich von der Bühne gingen, war schon gut eine Stunde vorbei, mir kam es viel kürzer vor. Aber es sollten noch drei Knüller folgen.
Zuerst stellte sich Sharin zu ihrem Kollegen. Gemeinsam sangen die beiden sehr abgespeckt den Christmas song, wie schön! Mit Heart of stone und Love in a trashcan folgten zwei wieder krachigere Knüller und ließen mich mit der Überzeugung zurück, heute alles richtig gemacht zu haben. Daran konnte auch die kleine Spitze des DJs mit den Efterklang-Titeln nicht dran rütteln!
Setlist The Raveonettes, Zoom, Frankfurt:
01: Hallucinations 02: She owns the streets 03: Blush 04: Dead sound 05: Lust 06: Curse the night 07: Night comes out 08: Gone forever 09: The enemy 10: Observations 11: Apparitions 12: Young and cold 13: Attack of the ghost riders 14: My tornado 15: Bowels of the beast 16: Aly, walk with me
17: The christmas song (Z) 18: Heart of stone (Z) 19: Love in a trashcan (Z)
* der ein phänomenales Gedächtnis hat. Als ich ihm beim Merch nach einem Support von Slut ein Album abgekauft habe, sagte er zu mir: "we've met before. You have a website. 'meinsssuhausemeinblog' I'm so sorry, I don't remember your name."
Mein Zuhause. Mein Blog. ist als kleines privates Konzert- Tagebuch entstanden. Und weil es zur Zeit musikalisch so spannend ist, wächst unsere Sammlung schnell. Wir schreiben die Berichte spontan, unüberarbeitet und so zeitnah wie möglich. Die Reviews stehen meist noch in der gleichen Nacht online, spätestens jedoch am nächsten Tag. Musik ist für uns vor allem Spaß und keine Wissenschaft.
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