Alles ist sehr fein an Natalie Mering alias Weyes Blood. Die jungen Gesichtszüge, die Wespentaille, die langen glatten Haare, die Hände und vor allem natürlich ihr Gesang und ihre fragilen Folksongs, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Eine ästhetische, sehr elegante Künstlerin, die vor kurzem ihr zweites Album Front Row Seat To Earth herausgebracht hat. War schon der Vorgänger The Innocents aus dem Jahre 2014 eine Schönheit legte sie nun den grossen Wurf nach, ein Album, das sie weit nach vorne bringen könnte.
Das Espace B, in dem sie vor nicht sehr gut gefüllten Rängen 2015 schon einmal gespielt hatte, war dieses Mal schnell ausverkauft. Etwa 150 Leutchen hatten sich eingefunden und sorgten mit ihrer Körperwärme für tropische Temperaturen. Die türkisfarbene Anzugsweste ihres schönen Kostüms, das sie auch auf der Plattenhülle trägt, zog Natalie schnell aus und gab den Blick frei auf einen sehr schlanken Oberkörper, den sie in ein Ringelshirt gehüllt hatte.
Natalie war im Gegensatz zum letzten Male nicht alleine gekommen, sondern hatte eine richtige vielköpfige Band dabei, Schlagzeuger inklusive (aber nicht Chris Cohen der teilweise auf dem Album trommelte und es produzierte).
Alles Jungs, die aber Natalie nicht die Show stellen konnten (und dies auch gar nicht wollten), da Miss Mering wirklich Charisma und Ausstrahlung hatte und nicht nur wegen ihrer Lieblichkeit die Blicke auf sich zog. Sie hatte etwas Rätselhaftes an sich, eine Art die paradoxerweise gleichzeitig ein wenig reserviert und dennoch herzlich war. Und einen versauten Witz hatte sie auch auf Lager, es ging um den Vergleich einer Waschmaschine mit einer Jungfrau...
Am meisten begeisterte sie aber natürlich mit ihrer Stimme, diesem ätherischen Organ, das so herrlich rein und ergreifend klang. Ich versuchte die ganze Zeit Parallelen zu bekanten Folksängerinnen aus den 60ern und 70ern zu ziehen, aber die Vergleiche zu Vashti Bunjan, Joni Mitchell, Sandy Denny oder Joan Baez passten alle nicht so ganz. Sie erinnerte eher an zeitgenössische Kolleginen wie Marissa Nadler oder Angel Olsen.
Das gespielte Songmaterial war bestechend. Da gab es ein paar Songs, die wirklich was in mir bewegten, mich wirklich fesselten. Seven Ways mit seiner Orgel und der herrlichen sphärischen Pedalsteelgitarre wäre hier zu nennen, aber auch das feierliche Do You Need My Love mit seinen bababa Gesängen oder der Schmachtfetzen Used To Be. Als oldie but a goodie bezeichnete sie das eingängige Hang On vom Vorgängeralbum The Innocents von dem sie ansonsten sehr wenig performte (Bad Magic gab es noch)
Wäre die Hitze nicht gewesen, ich hätte mir ein wesentlich längeres Konzert gewünscht. So aber war ich froh, dass es nicht zu ausufernd wurde. Gegen Ende gab es noch ein gelungenes Soft Machine Cover und einen Solosong an der akustischen Gitarre, dann war die leicht gothisch anhauchte Messe gelesen.
Zuvor hatte die blonde Französin Laure Briard mit ihrer exquisiten Band des Labels von Midnight Special Records (Cléa Vincent, Michelle Blades, Alice Lewis...) für Charme und Eleganz gesorgt. Die junge Dame aus Toulouse spielte einen gelungen Mix aus französischem Chanson in der Tradition von Françoise Hardy, Sixties Pop à la Brigitte Bardot oder France Gall und Loungesongs im Stile von Stereolab.
Stücke wie Sur la piste de danse, oder Le roi du rock'n roll wurden mit mehr Pfeffer und Rockappeal als auf dem Album interpretiert, da klangen die Gitarren teilweise richtig laut und das Schlagzeug fetzig.
Titel vom Vorgänger wie Egoïste oder Révélation kamen sehr ohrwurmig rüber und so war bereits die Vorgruppe allein das Kommen wert. Aber es kam ja noch wie geschildert Weyes Blood und die machte den Abend perfekt.
Konzertdauer: Cajsa Siik etwa 30 Minuten, Big Fox gut 45 Minuten
"I Love Sweden" war das Motto des Konzertabends. Die talentierte Videofilmerin Valérie Toumayan betreibt eine Webseite gleichen Namens und hatte diesen Abend im Espace B organisiert. Sie hat sich seit ein paar Jahren auf schwedische Musiker spezialisiert, filmt diese, wenn sie nach Paris kommen, begibt sich aber auch nach Stockholm um sie in ihrer Heimat auf Zelluloid zu bannen. In der Szene hat sie sich inzwischen einen Namen gemacht, so daß es nur eine konsequente Weiterentwicklung ist, daß sie inzwischen eigene Konzerte organisiert. Die Veranstaltung war die zweite ihrer Art. Bereits vor ein paar Monaten hatte es eine erste im Petit Bain gegeben, bei der Last Lynx und Carolina Wallin Pérez angetreten waren.
Heute nun Cajsa Siik und Big Fox.
Ertstgenannte interessierte mich besonders, weil ich nur zwei Tage später mit ihr eine Oliver Peel Session organisieren würde. Aber der lange Anweg und meine schon fast obligatorische Verspätung sorgten dafür, daß ich von Cajsa nur noch zwei Lieder mitbekam. Dies waren allerdings absolut wundervoll. Die rothaarige Skandinaverinn mit dem schwarzen Hütchen spielte ihre Stücke alleine und nur mit Akustikgitarre. Eine wohlige Atmossphäre machte sich breit und Cajsa sang wirklich herzallerliebst. "Birds don't fly so high" hieß es im berührenden letzten Stück (Birds), das man nicht auf dem Debütalbum Plastic House (2012) finden kann. Siik arbeitet bereits an einem Nachfolger, den sie im Self-Release noch dieses Jahr auf den Markt bringen will. Sie habe sich gegen ein Label entscheiden, weil sie hinsichtlich iher künstlerischen Freiheit keinerlei Abstriche machen will, erklärte sie.
Auf das Werk darf man gespannt sein, aber die meisten hier kennen wahrscheinlich das 2012 Debüt noch nicht, so daß ich zunächst dieses zur Einarbeitung empfehle. Man findet darauf so manches schöne Stück, zum Beispiel den Hit Was I Supposed To oder die Ballade Giants.
Big Fox, den Namen würde ich nicht unbedingt mit einer hübschen Schwedin mit umwerfender Stimme in Verbindung bringen. Aber Charlotta Perers hat nun einmal diesen Moniker gewählt und wenn man einmal weiß, wer dahinter steckt, ist der Name eh Schall und Rauch.
Big im Sinne von dick ist Charlotta ohnehin keineswegs, eher tall, also groß, wie so viele Schwedinnen. Mit ihren langen Beinen und ihrem hübschen Gesicht sieht sie aus wie ein Model, legt es aber keinswegs darauf an, bloß als Modepüppchen wahrgenommen zu werden. Sie gab sich vielmehr natürlich sympatisch und enterte zusammen mit ihrer Cellistin Gerda (ein Mädel mit feschem blonden Kurzhaarschnitt) gegen 22 Uhr die Bühne. Zunächst spielte Charlotta elektrisches Piano, später dann auch E-Gitarre. Wichtiger als die Instrumente war aber definitiv die Stimme der Schwedin. Die war nämlich der helle Wahnsinn. Sie sang wie Cat Power zu ihren besten Zeiten! Nun wird dieser Cat Power Vergleich ja ständig und oft nicht unbedingt passend bemüht. Immer wenn eine neue Sängerin in
Erscheining tritt, fällt er fast zwangsläufig, aber bei Big Fox passte er einfach unglaublich gut. Diese leicht rauchige, aber gleichzeitig so herrlich warme und samtweiche Stimme. Wow, einfach nur wow!! Ich bin mir sicher, daß sich kaum einer von der magischen Sogwirkung dieses traumhaften Gesanges entziehen kann, wenn er ihn einmal gehört hat. Nun mögen ja ein paar wieder vorschnell von einem Plagiat reden und die fehlende eigene Identität anprangern, aber Charlotta singt nun einmal wie sie singt. Und wenn es nach mir geht, soll sie daran auch bitte nichts ändern. Ihr Stil ist einfach recht klassisch und auch mit anderen Skandinavierinnen wie Agnes Obel oder Sarah Blasko (ok die ist Australiern, musiziert aber in Schweden und kann der dortigen Szene durchaus zugerechnet werden) zu vergleichen. Dies mit Nichtbeachtung von Big Fox zu anden, wäre aber ein großer Fehler. Allein ihr Songmaterial ist dafür einfach zu gut. Zwei Alben hat die brünette Dame bis dato aufgenommen und auf beiden Werken strotzt er nur so von Perlen von zeitlöser Schönheit.
Man nehme nur Shadows, den Opener des aktuellen Albums Now. Einen solch starken Song hat Cat Power seit The Greatest nicht mehr hinbekommen. "Why is it so hard, to show yourself to someone the way you really are, not someone you try to be" sang Big Fox und ich schmolz dahin.
Aber es gab auch Stücke des selbstbetitelten Erstlings. Cut You Out wurde früh gespielt, ein luftiges, recht beschwingtes Stück (mit Pfeifpassagen) zu dem sich Big Fox die Gitarre schnappte.
Das lasziv-lässige Girls folgte und hätte so ähnlich auch von Cate Le Bon stammen können. Unangestrengte Klasse, zeitlos cool.
Etwas später gab es mit Romantic Movie Love noch ein Stück, das aus dem Rahmen fiel, weil es elektronischer und wesentlich tanzbarer war als der Rest. Wahnsinnig catchy kam es daher, ein veritabler Ohrwurm, den ich seitdem reglmäßig unter der Dusche pfeife (und das ist ein Kompliment für ein Lied, zumindest für mich).
Eine gute dreiviertel Stunde wurde auf das Wundervollste musiziert, dann war aber leider schon Schluß. Charlotta und Gerda erklärten, daß sie am nächsten Tag frei hätten und wollten wissen, was man denn in Paris so unternehmen könne. Ich führe es auf die Schüchternheit des Publikum zurück, daß keinem irgend etwas dazu einfiel. Oder gibt es in Paris wirklich nichts zu tun? Müssen wir etwa alle nach Schweden ziehen? Aus musikalischer Sicht würde es sich sicherlich lohnen, bei den zahlreichen Talenten die die schwedische Musikszene zu bieten hat. Ich jedenfalls freue mich schon auf den nächsten Konzertabend aus der Reihe I Love Sweden!
Setlist
01: Rain 02: Shadows 03: Cut You Out 04: Girls 05: Days 06:Romantic Movie Love 07: Cheer You Up 08: Now
Flugzeug verpasst! In Warschau! Wie schade, daß dieses Mißgeschick dem großen niederländischen Lautespieler Jozef van Wissem passierte. Das Konzert im Pariser Espace B am 26. September konnte er sich somit knicken und wir Fans, die wir sehnsüchtig auf den Auftritt des langhaarigen Saitenvirtuosen gewartet hatten, schauten in die Röhre.
Zum Glück war aber der zweite Act des Abends so gut, daß ich trotzdem ins Espace B fuhr. Rue Royale, dieses wundervolle anglo-amerikanische Duo und Ehepaar standen ebenfalls auf dem Programmzettel und durch den Ausfall Jozefs wurden Brookln und Ruth Decker prompt zum uneingeschränkten Headliner. Ihre Spielzeit wurde auf nunmehr 1 Stunde erhöht. Da konnte man nicht meckern, zumal wir Pariser Rue Royale seit mindestens 2 Jahren nicht mehr auf einer Bühne genießen durften. In Deutschland touren sie regelmäßig und ausgiebig, in Frankreich sind sie sehr rar.
Da standen sie nun also da, der schnauzbärtige Bursche mit Gitarre unterm Arm und die Pedale der Drums mit dem Fuß bedienend, die am Arm tätowierte Dame hinterm Keyboard und oft mit Percussions in der Hand, manchmal aber auch einhändig und im Stehen Schlagzeug spielend. Schon toll, was man mit zwei Händen und Füßen so alles machen kann, vor allem wenn es so wundervoll klingt wie bei Rue Royale!
Allein die Stimmen der beiden. Seine männlich herb, rauh, ihre unglaublich lieblich und zuckersüß, was beim Übereinlanderlegen der Gesangesorgane einen absoluten Wohlklang ergab. Manchmal hatten sie auch jeweils ihre eigenen Gesangesparts und es fiel mir schwer mich zu entscheiden, was schöner war, ihr Gesang oder seiner.
Gespielt wurden überwiegend Stücke des fantastischen neuen Albums Remedies Ahead. Schon der Opener Set Out To Discover kam dufte rüber, mit seinem treibenden Ryhthmus, seiner sanften Melancholie und den Bildhübschgesängen und stand stellvertretend für die hohe Qualität des gesamten Sets. Da gab es nämlich keinen einzigen Langweiler, keine Rohrkrepierer, keine Füllmasse. Jedes einzelne Lied war brillant und wunderschön.
Ich fragte mich, an welche Bands ich erinnert wurde und dachte nur an die Allerbesten. An Syd Matters und seine intimen choralen Gesänge mit tiefer tröstender Stimme, an Low und ihre schwarzen Folkrockperlen, an Sparklhorse und seine depressiven Schmachtfetzen.
Der Sound war herrlich warm und dicht, passte perfekt in das kleine Espace B, das leider nicht besonders gut gefüllt war. Diejenigen, die nicht da waren, verpassten mit Parachutes And Lifeboats auch ein Highlight vom ersten Album und zudem Flightline, eine betörende Ballade vom zweiten Album Guido To An Escape, gesungen von ihr und ihrer butterweichen Stimme. Noch schöner, weil mysteriöser aber sogar Halfway Blind, ebenfalls vom Zweitling.
Die Spielzeit ratterte nur so runter und ehe man sich versah, war auch schon der Moment des letzten Songs gekomme. Brought Up Somewhere Else hieß er und entließ uns mit packenden Melodien und wunderschönen Harmoniegesängen im Kopf in die Pariser Nacht.
Was Jozef van Wissem wohl in dieser Zeit gemacht hat? Ob er wohl noch in Warschau festsaß? Man weiß es nicht so genau...
Letzten Dienstag war ich wieder einmal so richtig auf Achse. Meine Konzertwut war kaum zu stoppen und der schöne Auftritt von Tim Crabtree aka Paper Beat Scissors im Kellergewölbe von Waly Fay reichte mir noch nicht. Ich fühlte mich fast ein wenig unhöflich und rücksichtslos, als ich Tim im Kellergewölbe hastig tschüss sagte, die Aftershow Party verließ und ihm erklärte, daß ich noch zu Alessi's Ark ins Espace B wolle.
Aber ein Konzertjunkie wie ich braucht nun einmal seinen Stoff. Ich also rein in die U-Bahn und los in ein ganz anderes Viertel der Millionenstadt.
Erst gegen 22 Uhr 45 kam ich im Espace B (19. Arrondissement) an und Alessi's Ark war mitsamt ihrer Begleitband (Gitarrist + Drummer) schon in voller Aktion. Sie spielte ein Cover von The National,I'm Afraid Of Everyone als ich eintrat und erzeugte einen klaustrophoben, intensiven und gefühlsgeschwängerten Drama-Sound, der so gar nicht zum Bild passte, daß ich voher von der Musik der zarten Engländerin hatte. Bisher war sie mir eher als Folksängerin bekannt, die reduzierte Akustiksongs auf ihrer hölzernen Gitarre vorträgt. So zumindest hatte ich das vom Konzert in der Fleche d'or vor 2 Jahren in Erinnerung. Heute aber klang alles ein wenig lauter, druckvoller und flotter. Das The National Cover stand jedoch nicht symptomatisch für den Stil der übrigen Lieder die folgen sollten. Die waren nämlich eher 60ies poplastig und gefielen durch einen überaus charmanten Zartschmelz und eine süße Unschuldigkeit, wie die ganz fantastische Nummer The Robot.
Aber Alessi spielt diese "süße-Mädchen-Nummer nicht aus Kalkül, bei ihr wirkte die Schüchternheit natürlich und unaufgesetzt und als sie bei einem Lied (dem glänzenden, an Cat Power erinnernden Woman) in der Mitte nicht weiter wusste, mehrfach vergeblich ansetzte und dann fast Hilfe suchend in die Luft starrte, war das schon wahnsinnig niedlich.
Besonders schön dann, was in der Folge passierte. Kate Stabels alias This Is The Kit, die das Vorprogramm bestritten hatte, machte ihrer Kollegin auf der Bühne Mut, meinte: "Carry on, it sounds nice" und als dies nicht weiterhalf, bat sie Alessi sich zu ihr ins Publikum auf den Boden zu setzen und das Lied gemeinsam zu Ende zu spielen, unter Freunden. Die beiden Mädels saßen da so herzallerliebst beieinander, daß ich wirklich gerührt war. So sieht solidarisches Miteinander unter Künstlern aus, statt Neid und Mißgunst wurde hier ein netter Umgang miteinander gepflegt und die beiden Stimmen passten ohnehin hervorragend zusammen. Sicherlich die bewegendste Szene dieses Konzertjahres bisher!
Aber es ging ja noch weiter, Alessi hatte jetzt wieder genügend Selbstbewußtsein getankt, um ganz ohne Unterstützung von Kate normal auf der Bühne weiterzumachen. Wire wurde geschmettert, ein herrlich beschwingter Song mit wunderbar poppigen Gitarren und einem unvergleichlichen Charme (wesentlich dynamischer als auf Platte, allerdings nicht mit der Trompete, die man auf dem Album hören kann)
Charme bewies Alessi dann auch dadurch, daß sie ihre Ansagen oft in einem sehr ordentlichen französisch machte. Sie sei so langsam durstig und wolle gleich etwas gemeinsam mit den Leuten trinken. Sie habe das Gefühl, daß alle hier sehr nett zu ihr seien, ließ sie kichernd wissen. Das eher verhaltene Rain wurde noch gespielt, dann war leider Schluß, auch wenn ich liebend gerne noch ein paar Lieder mehr gehört hätte.
Aber vielleicht holen wir das bei einer Oliver Peel Session nach?Alessi sagte mir hinter, daß sie Lust darauf habe, vielleicht im Herbst. Ein prächtiger Ausblick und ich werde natürlich allles daransetzen, um das möglich zu machen! (Jetzt schon gebucht ist eine Session mit Liz Greenfield, einer Poetry Performerin, die ich hinterher zufällig kennenlernte und die auf dem Foto rechts zu sehen ist)
Konzert: A Hawk And A Hacksaw (Teachers Florida & Athanase Granson)
Ort: Espace B, Paris
Datum: 05.04.13
Zuschauer: 40-50
Konzertdauer: etwa eine Stunde
Spannende Sache, wenn ein Bandname plötzlich ein Gesicht bzw. Gesichter bekommt. Von A Hawk and A Hawksaw hatte ich vor dem freitäglichen Konzert im Pariser Espace B zwar eine CD ( I Am Gambling Man, nie gehört), aber wer dahinter steckt wußte ich nicht. Der Musikstil war mir allerdings klar: Balkan Folk, nicht allzu weit von Beirut entfernt, viel Geige, viel Akkordeon.
Seit dem 5. April 2013 etwa gegen 23 Uhr weiß ich also nun, wie die Musiker von A Hawk and A Hawksaw aussehen. Gut und charmant nämlich. Vor allem das geigende Mädel mit ihren feinen Gesichtszügen (Heather) und den schönen blauen Augen. Aber auch der (meistens) Akkordeon oder Drums spielende Bursche (Jeremy) ist ein hübscher Kerl, wenngleich sein Schnäuzer nicht mein Fall wäre.
Aber eigentlich sind diese Äußerlichkeiten ja auch ziemlich wurscht, denn schließlich ging es um ein Konzert und keine Modenschau oder einen Beauty Contest. Nicht nur gut anzuhören, sondern auch anzuschauen war es trotzdem. Das Mädel fiedelte wirklich in einem Höllentempo und der Bursche spielte nicht nur Schifferklavier, sondern auch auf einem Instrument, das mich spontan an eine Dulcimer erinnerte und mit Stäben geklöppelt wurde. Hinterher wurde mir von Jeremy bestätigt, daß es sich in der Tat um eine spezielle "hammered dulcimer" handelt, die auf den Namen Santur hört. Man findet sie hauptsächlich im Iran, diejenige von A Hawk And A Hacksaw stammte aber aus Griechenland. Und auf griechisch wurde auch gesungen, wenn denn mal gesungen wurde. Nicht, daß ich das erkannt hätte, genauso wenig wie den ukrainischen Gesang, aber zum Glück gibt es ja bei Indiekonzerten fast immer hinterher die Möglichkeit, die Band selbst zu befragen und da wurde mir das eben gesagt.
Aber das hier und heute war weitestgehend instrumental, der gelegentliche Gesang änderte daran nicht viel. Wer aber glaubte, Instrumentalmusik sei langweilig, sah sich getäuscht. Jeremy Barnes und Heather Trost erzeugten einen solch hypnotischen und mit wahnsinnig viel Hingabe performten Sound, daß die Zeit (eine knappe Stunde) wirklich wie im Fluge verging und keine Leerläufe entstanden. Und stilistisch wurden viele Felder beackert. Manchmal war das eher Klezmer, dann mehr Gypsy Music, Wüstenblues, arabische Tempelmusik oder auch mexikanischer Mariachi, die Übergänge scheinen fließend. Besonders cool war ein Track, bei dem Geige phasenweise sehr metallisch, fast wie eine verzerrte Giatrre klang.
Gepielt wurden zum Großteil Stücke der letzten beiden Alben, die die beiden auf ihrem eigenen Label names L.M. Dupli-cation veröffentlicht haben, nachdem sie vorher beim feinen Leaf Label waren.
Man fage mich nicht nach besonderen Srücken, sondern entnehme diese bitte der Setlist (kommt Montag!)
Erwähnsenswert war unbedingt noch der Abstecher mitten ins Publikum am Ende! Von Fans umringt, spielten Jeremy und Heather als Zugabe noch zwei flotte Tracks und gewannen so weitere Sympathiebonuspunkte hinzu.
Mehr als die 40 bis 50 Leutchen hätte sie definitiv verdient gehabt, zumal ihr letzter Auftritt in Paris schon vier Jahre zurückliegt. Ich habe ihnen eingebläut, daß wir es in der Seinemetropole nicht weiter hinnehmen, so lange auf die beiden zu warten. Ich erwarte spätestens 2014 ein neues Konzert, wohlwissend, daß es meistens nicht in der Macht der Künstler liegt, solche Termine auf die Beine zu stellen.
Wenn ich die von Oliver zusammengetragenen Konzerttipps studiere, erwische ich mich regelmäßig bei dem Gedanken: es sind nur lumpige drei Stunden mit dem Zug (nach Berlin dauert es doppelt so lang!), man müsste einfach mal losfahren. Trotzdem ist ein ganzes Jahr vergangen zwischen dem letzten Konzerterlebnis, das ich mit Oliver teilen konnte und dieser Osterwoche.
Der Termin 2.-4. April in Paris war nicht von mir gesetzt und die anliegenden Konzerte für diesen Zeitraum sahen erst gar nicht besonders vielversprechend aus. Ausgerechnet die Osterwoche war irgendwie mau besetzt.
Aber dann kam quasi auf den vorletzten Moment für den 2. April das sympatische Konzert im Espace B. herein und im allerletzten Moment wurde Malvina Meinier als Support bestätigt. Mein Himmel hing voller Geigen. Immerhin die Künstlerin einer meiner Lieblingsplatten für 2012! Das war nicht leicht zu toppen. Für 20:30 Uhr war das Konzert angesagt und so war ich etwa 20:10 Uhr vor Ort. Dass der Espace B. eigentlich eine Nachbarschaftskneipe ist mit einem kleinen Saal zum essen und einem weiteren kleinen Saal für Musik hatte ich mir nicht so vorgestellt (aber ich hatte auch vorher nicht darüber nachgedacht). Als ich ankam, sah ich die Künstler essen und genau genommen habe ich sie länger beim essen beobachten können als beim Musik machen. Für 45 min hielt ich mich an einem Glas Wein fest und spielte das Ratespiel: wer will wohl auch in das Konzert? Aber als es 21 Uhr immer noch keine Bewegung gab, fasste ich mir ein Herz und sprach Malvina an: Wann fängst Du an? Oh, wir wollten 21 Uhr anfangen, ach das ist ja jetzt schon, dann wohl 21:15 oder so. Nun gut, damit musste ich wohl leben.
Das Set selbst war dann sehr interessant und sehr anders als auf der CD. Sehr elektro-frickelig. Aber die Stimme von Malvina hielt alles aufs wunderbarste zusammen und als Version neben der CD-Version war es nicht schlechter oder besser, sondern einfach anders. Der einzige Kritikpunkt: die Kürze des Sets.
Für den Umbau brauchten die Künstler dann erfrischend wenig Zeit und die Wooliams-Spechte machten sich frisch an ihr Werk. Wirklich lohnend - faszinierend zu sehen und zu hören und ganz meine Wellenlänge. Als Zugabe durfte auch ein Luftballon mitsingen. Wieder so ein zartfühlender Bär am Schlagzeug, der mich neben der Sängerin in seinen Bann zog. Oliver hat das alles viel besser beschrieben!
Ich war hinterher trotzdem nicht ganz zufrieden, weil es auf den Abend gerechnet zu wenig Musik gegeben hatte.
Eine britische Harfespielerin mit der Stimme von Joanna Newsom und dem putzigen Babygesicht der beiden Schwestern von First Aid Kit, was hat Gemma Williams aka Woodpecker Wooliams denn Eigenes zu bieten?
Ha blöde Frage, eine ganze Menge natürlich! Erst einmal klingt ihre Stimme nur in bestimmten Tonlagen der Newsom verdammt ähnlich, dann spielt sie auch auf andere Weise Harfe als die Amerikanerin und für ihr Gesicht, das in der Tat sehr dem von Klara und Johanna Söderberg ähnelt, kann sie ja nichts.
Aber diese Sache musste einleitend schon einmal geklärt werden, damit wir uns ganz unbeschwert dem Oeuvre und vor allen Dingen dem Konzert von Woodpecker Wooliams im Espace B zu Paris widmen können.
Leider kamen zu dem Gig optimistisch geschätzt nur 25 Leute (Pessimisten redeten eher von 20), aber dafür war immerhin (und tollerweise!) Gudrun Thäter da, die extra aus Karlsuhe angereist kam. Wir waren also mehr oder weniger unter uns und wurden zumindest nicht von Labertaschen gestört.
Woodpecker startete gegen 22 Uhr in ihr Set. Sie war nicht alleine gekommen, hatte männliche Begleitung an Schlagzeug und Keyboards mit dabei. Im Mittelpunkt stand (bzw. vielmehr saß) aber die puztige Brightonerin und ihre kleine weiße Harfe. Wie sie mir hinterher erzählte, hätte sie gar nicht den Platz und das Geld, ein solch riesiges Teil wie die Newsom zu besitzen, aber auch die Miniaturausgabe des althergebrachten Instrumentes erzeugte himmlische Töne, die freilich von ein paar noisigen Geräuschen bewußt konterkariert wurden. Woodpecker spielt diesen Harfensound also absichtlich modern und wenig klassisch, bricht immer mal wieder mit dem Schönklang und haut auch Ecken und Kanten in ihr Klangmuster rein. Zudem benutzte sie auch ein Omnichord, ein Keyboard und ein kleines Teil, mit der sie zu dem tollen Songs Sparrow verzerrte Geräusche und pluckernde, treibende Beats produzierte. Das war ein absolut tanzbares Stück (obwohl natürlich keine Sau tanzte, weil alle nur faul rumsaßen), der definitiv viel Eigenes zu bieten hatte, inklusive einer kleinen feinen Synthiemelodie. Ähnlich gelagert und ebenfalls spannend: Crow.
Toll ihr Temperament. Das niedliche Mädel scheute sich nicht ab und zu auf Grazie und Anmut zu verzichten und mit hochrotem Kopf und mit weit aufgerissenem Mund dicht an der Harfe "abzurocken". Da war sie dann ganz in ihrem Element und ihre Stimme klang noch höher und infantiler als ohnehin schon, aber auch ziemlich zornig und trotzig.
Highlight im schönen Set war möglicherweise Gull, ein sehr liebliches Lied, das freilich auch nicht völlig auf ein paar (störende?) Geräusche verzichte. Eine Lied über eine Möwe (oder auch nicht), sprich einen Vogel, wie auch alle anderen Songs auf dem Debütalbum The Bird School Of Being Human, von dem alle 7 Songs gespielt wurden, wenn ich das richtig erinnere. Viel schräger als Gull klang Hummingbird, das war phasenweise fast ein wenig Free Jazz.
Nach etwa 35 war allerdings die Messe schon gelesen, schließlich ist das Album von Woodpecker nicht einmal eine halbe Stunde lang.
Der Auftritt hatte definitiv Lust auf mehr gemacht, wenngleich Gudrun Thäter hinterher etwas rumnörgelte. Mehr bekamen wir Pariser im Übrigen nur zwei Tage später. Im kleinen Plattenladen der Balades Sonores gab es Woodpecker Wooliams noch einmal in einem Instore Gig zu genießen und selbst da wurde zum Leidwesen des Betreibers (der Arme hatte Angst, die Nachbarn zu stören!) nicht ganz auf das Schlagzeug verzichtet. Scheint also live wirklich ein Trio zu sein, obwohl hier die Frau der unumstrittene Chef ist. Die Sache dauerte in diesem Falle sogar nur 25 Minuten. Wenn man bedenkt, daß die drei Engländer hinterher mit dem Bus (!) eine ganze Nacht hindurch nach Großbritannien zuürckgefahren sind, ist das viel Wegstrecke für so eine kurze Spielzeit. Aber Indie-Musiker sind nun einmal die wahren Helden der Neuzeit, nehmen für Minigagen Riesenstrapazen auf sich, um uns zu entertainen. Zum Lohn habe ich mir das Album mit dem Hahn auf dem Cover dann auch noch einmal auf Vinyl gekauft, obwohl ich es bereits auf CD besaß. Diese Musiker muss man einfach unterstützen!
Bericht Malvina Meinier am Sonntag!
- Lesenswerte Plattenkritik zu Woodpecker Wooliams bei Plattentests. de, klick
Konzert: Kinrisu und Julie Doiron (La Route du Rock Session)
Ort: L'Espace B
Datum: 14.02.2013
Zuschauer: etwa 70
Konzertdauer: Kinrisu ungefähr 35, Julie Doiron fast 90 Minuten
Version française en bas
Aktualität ist Trumpf. So zumindest haben wir uns das auf die Fahne geschrieben. Aber wozu gibt es die schöne Erfindung die da lautet: Ausnahme? Ja, Platz für Ausnahmen sollte es immer geben, zumal wenn die begutachteten Konzerte (Vorgruppe & Hauptact Julie Doiron) so gut waren wie diese hier. Ich kam schlichtweg bisher einfach nicht dazu, darüber zu schreiben. Dies hole ich hiermit nach. Also...
Der 14. Februar 2013: Valentinstag. Eine alte Vereinbarung mit meiner Frau besagt, daß wir diesen Tag nicht gemeinsam feiern. Von oben verordnete Liebe zu einem bestimmten Tag finden wir doof. Und Blumen kaufen wir, wenn uns danach ist. Wir sind da ganz unromantisch und eine inzwischen 18. jährige harmonische Beziehung gibt uns recht.
Meine (musikalische) Liebesbeziehung zu Julie Dorion ist noch nicht ganz so alt, aber zumindest 6 oder 7 Jahre hält sie schon an.
Und meine Liebesbeziehung zu Kinrisu, die hier als Support Act auftrat datiert vom 15.04.2012. Damals hatte ich die rothaarige Kalifornierin bei einem Wohnzimmerkonzert kennengelernt und war sofort hin und weg von ihren schrägen, scheinbar infantilen Kompositionen.
Seitdem arbeitet sie fleißig an ihrem neuen Album namens It Felt Like Destiny, das nun endlich auch ein richtiges Label finden soll. Ihre bisherigen Werke hat sie in Eigenregie hergestellt und auf Bandcamp hochgeladen, ohne daß sie je in den Handel gekommen wären.
Für den neuen Longplayer bin ich da sehr optimistisch, die Songs sind durch die Band weg originell, sehr eigenständig und höchst charmant. Da sollte es doch mit dem Teufel zugehen, falls sich hierfür kein Label finden ließe.
Trantütig wie ich bin, hatte ich allerdings den ersten Titel Bloodshot verpasst, weil ich mal wieder zu spät am Ort des Geschenes aufkreuzte. Bei Green Canary ZBD8263, bei dem es textlich unter anderem um suizidale Gedanken ging (die sich aber zum Glück in Luft auflösten) war ich dann aber voll mit dabei.
Mir blieb gerade noch die Zeit, Julie Doiron und ihren neuen Lebens -und Musikgefährten Christopher zu begrüßen, bevor ich mich voll und ganz dem Genuß des Konzertes von Kinrisu widmete. Das rothaarige dürre Mädel saß da ganz alleine auf ihrem Stühlchen und trällerte mit kindlicher Stimme ihre abgefahrenen Texte und spielte dazu sehr innovativ Gitarre.
Das hatte etwas Rührendes und man hatte irgendwie das Bedürfnis, das Mädel in den Arm zu nehmen.
Die Grundstimmung bei Gang Of verzweifelt, einsam, traumversunken, fragil.
Sie sang:
"you never call but i dream of you
riding on a big black horse like the cowboys do"
Bei dem nachfolgenden Don't Tell Me änderte sich aber die Atmosphäre Nun war sie schnell, positiv, lieblich, unbeschwert und leicht. Kinrisu summte zu diesem Lied ein paar Passagen und bediente sich auch des ihr eigenen Guitar Tappings, das sie immer mal wieder geschickt einbaute.
Bei Nowhere kam ihr großes Heimweh nach Kalifornien zum Ausdruck. Erneut klang sie verzweifelt, einsam, und sehr verletztlich, es wirkte wie ein Hilferuf.
Textlich aß sie Kuchen gegen die Einsamkeit, nahm ein Toxin gegen den Schmerz.
Der Song war stilistisch in zwei Teile aufgesplittet. War der erste noch langsam und holprig, wurde das Tempo im zweiten deutlich erhöht. Ihr Guitartapping klang hierbei wie ein Bass, der Gesang war wehmütig und zärtlich, vor allem als sie über ihre Familie sang, die sie sehr vermisst ("I wish we lived in California, I left my family in California")
Bei Misfits In The Sun war die Stimmung zu Beginn ein wenig wie bei alten Stücken von Grizzly Bear, es wirkte wie vom Meeresgrund kommend und sehr lieblich, fragil und verwunschen. Zarte Chöre, betörende Gitarre, verhuschte Stimme, einfach unwiderstehlich. Gesanglich wechselten sich das kleine, manchmal etwas trotzige Kind und die verletztliche junge Frau ab.
Radical News war eine Art Wüstenlied und auch textlich hieß es: "The Moon comes out in the desert."
Bei Jupiter herrschte zumindest zu Beginn wieder ein höheres Tempo und der Gesang erinnerte in der Tat ziemlich an.. Coco Rosie. Dann verlangsamte sich die Geschwindigkeit aber wieder und die Stimmung wurde leicht bluesig. Textlich ging es um " ein tower building, einen black trench coat und black boots", alles etwas wirr, aber gerade deshalb so herrlich. Plötzlich kamen aufwallende, herrlich warme Gitarrenklänge hinzu und die Intensität wurde immer stärker. Wiederum verstand es Kinrisu meisterlich bei Tempo und Stimmung zu variieren. Außerdem blieb bei mir eine Textzeile haften:
"Two girls kissing one boy indian braids baby blue"
R and Charm kurz vor Schluss hatte etwa stark Anziehendes. Kinrisu flüsterte manchmal und machte Geräusche, die einem Ausatmen glichen, was eine unglaublich intime Atmosphäre erzeugte. Niemand unter den Zuschauern muckte, alle hörten wie gebannt zu und erfreuten sich auch noch an einem sehr starken neuen Track als Closer, der es nicht auf das Album schaffen wird, dafür aber beim darauffolgenden Longplayer Berücksichtigung findet.
In lediglich 35 Minuten hatte sich Kinrisu eindrucksvoll für weitere Konzerte empfohlen. Die Booker in Paris dürften bald nicht mehr an ihr vorbeikommen, so viel geballte Kreativität und Originalität sieht und hört man schließlich selten!
Dann aber endlich Julie Doiron. Immer wieder ein Highlight eines Konzertjahres, wenn die Kanadierin in Paris aufkreuzt. Leider sieht das wohl nicht jeder in der Seine-Metropole so, denn die Gigs von Doiron ziehen in der Regel maximal 100 Zuschauer an, was angesichts des Talents und der langen Karriere der Sängerin doch recht dürftig ist. Diejenigen, die am Valentinstag gekommen waren, waren aber fast alle richtige Fans, so daß die Stimmung sehr angenehm und locker war. Doiron selbst alberte auch wieder einmal permament rum, machte Witzchen über ihre häßlich gewordene Frisur ("kennt ihr einen guten Frisör, der morgen gegen 10 Uhr auf hat und mir den Pony schneiden kann?"), ihr wallendes Oberteil ("damit könnte ich gleich ins Bett hopsen, um einen Film anzusehen"), ihre Unlust, ihre Gitarre richtig zu stimmen ("oh scheiße, das habe ich gerade sehr seltsam und schief gespielt, auf dem Album klingt das besser") oder ihre Schüchternheit ("kaum zu glauben, daß ich schüchtern bin oder? Deshalb rede ich so viel"...)
Bei ihr wirkt es oft so, als trete sie vor ein paar guten Freunden auf und oft ist das ja auch wirklich so. Da werden dann handwerkliche Fehler mit einem Schmunzeln kenntlich gemacht ("Mist, verspielt!") und nicht vertuscht, Titelwünsche von Fans berücksichtigt und aus der Seele keine Mördergrube gemacht. Julie kaschiert nie, wen sie müde und etwas lustlos ist, oder gerade Liebeskummer hat, sie redet immer frei Schnautze und plaudert gerne über das Leben auf der Tour. "Ach, ich bin so steif und zudem noch so kurzatmig, das kommt davon, daß ich immer nur im Van sitze und mich nicht bewege." Oder auch: "Ich fange meine Konzerte immer gerne dick eingemummelt an, denn wenn ich schwitze, fühle ich mich ein wenig wie ein richtiger Rockstar. Am Ende stehe ich aber meistens im T-Shirt da."
Nun, zumindest stand sie heute meist nicht allein da, denn an der zweiten E-Gitarre wurde sie von ihrem Partner Christopher begleitet. Ihr neuer Lover, mit dem sie auch über weite Strecken die Bühne teilte. En herrlich pflegmatischer Kerl, den niemand und nichts aus der Ruhe zu bringen schien. Als Julie nach einem Glas Wasser verlangte und er gefragt wurde, ob er auch Wasser wünsche, verzog er nur kurz seine Miene, kratzte an seinem grau-schwarzen Bart und meinte staubtrocken: "no water please, don't you have a beer or... wine? You know?" Natürlich bekam er sein Bier und Julie auch ihr Wasser und gut geölt schmetterten die beiden dann auch auf wesentlich rockigere Weise die Stücke des neuen Albums So Many Days Kratzigste Gitarren bildeten einen hübschen Kontrast zur ansonsten vorherrschenden Lieblichkeit, die überwiegend von Julies gutherziger Stimme ausging. Songs wie The Gambler, By The Lake oder Homeless klangen wesentlich angriffslustiger als auf der CD Version. Natürlich wurden aber auch wieder alte Klassiker gespielt, die quasi nie im Programm der Kanadierin fehlen. So erklangen zu unser aller Freude Snowfalls In November, Swan Pond, The Tailor, The Wrong Guy oder Mon Charmant Coeur (von der rein französischen CD Desormais). Persönlicher Lieblingssong der Künstlerin* selbst schien The Gambler zu sein. Gleich mehrfach erwähnte sie, daß es auf der Albumversion so herrliche Chöre gäbe und das sie beim Ersthören der Studioversion des Liedes vor Rührung geweint habe (bevor sie dann sofort ihre Mutter anrief). Die Harmoniegesänge fehlten natürlich heute, aber das war vielleicht gar nicht so tragisch.
Stellt sich die Frage, was man grundsätzlich von dem neuen Album und der Liveumsetzung zu halten hat. Nun, ich finde es ist ein gelungenes Werk geworden, das aber thematisch manchmal ein klein wenig eintönig wirkt. Ein Lovesong (mit unmissverständlichen Liebesbeteuerungen an wen? Sicherlich an Christopher) jagt den nächsten und man fragt sich, ob das auf Dauer nicht ein bißchen banal ist. Nicht, daß die Liebe an sich ein banales Thema sei, aber in den Texten wird alles so offen und direkt formuliert, daß die Kitschschwelle bisweilen nicht zu weit entfernt ist. Andererseits sind die Lyrics aber auch gleichzeitig so extrem ehrlich, wie sie nur eine Julie Dorion glaubwürdig formulieren kann.
Beim Konzert in Paris spielte das aber eh keine große Rolle. Altes und neues Material wurde so gekonnt miteinander vermischt und mit soviel Spielfreude und Herzblut vorgetragen, daß man nur mit der Zunge schnalzen konnte. 1 Stunde und 25 Minuten lang wurde man in jeder Hinsicht bestens unterhalten und erlebte erneut eine Künstlerin, die in punkto Natürlichkeit einfach unschlagbar ist. Konzerte von Julie sind immer herzlich und erfrischend und wenn es denn stimmt, sehen wir die mehrfache Mutter in Paris bereits im Mai wieder. * mein persönlicher Favorit? Die alte Ballade Dirty Feed vom 2004 er Album Goodnight Nobody. Ungemein nahegehend!
Version française:
Bon, normalement nous sommes très rapide et réactif ici sur Konzerttagebuch, mais parfois on prend aussi un peu de retard. C'est pour cela que je publie seulement maintenant le compte-rendu du très beau concert de Kinrisu et Julie Doiron à L'Espace.
C'etait le 14 février, le jour de la saint Valentin. Avec ma femme nous sommes d'accord de ne pas fêter ce jour ensemble. Nous trouvons ça trop kitsch et on s'offre des fleurs quand nous avons envie. Nous ne sommes pas romantiques, c'est vrai, mais notre rélation amoureuse est harmonieuse et dure quand même 18 ans maintenant. Ma relation amoureuse avec la musique de Julie Dorion dure un peu moins que ça, mais 6 ou 7 ans tout de fois. Ma relation amoureuse avec la musique de Kinrisu est plus récente. Elle a commencé le 15 avril 2012, le jour ou je l'avais découverte par hasard dans un concert d'appart. J'était tout de suite sous le charme de sa voix infantile et de ses compositions étrangement belles. Depuis la californienne rousse travaille avec ferveur sur son nouvel album intitulé It Feels Like Destiny, pour lequel elle veut enfin trouvé un vrai label. Ses disques précédents, elle les avait mis sur son bandcamp, mais ce n'est jamais réellement sortie.
Pour le nouvel opus je vois de bonnes chances que tout cela change. Il y a plein de morceaux originaux et charmants, le potentiel est énorme. Les chansons de cet album à venir, Kinrisu les interpreta quasiment en intégralité ce soir à l'Espace B. Comme souvent j'avais pris en peu de retard et rata Bloodshot, le premier titre. Mais pour Green Canary j'étais bel et bien présent et attentif. Ça parla des idées suicidaires, qui finissent heureusement par s'évaporer.
Puis elle chanta Gang Of, un morceau sublime où toute la fragilité de la jeune fille ressortait. On la sentait seule, en désespoir et anxieuse. L'ambiance était très rêveuse.
Elle chanta:
"you never call but i dream of you
riding on a big black horse like the cowboys do"
Pour Don't tell Me l'ambiance changa. C'était un morceau plus rapide et entrainant, léger, aérien, insouciant. Kinrisu fredonnait et tapait sur le bois de sa gitarre, un geste qu'elle utilise fréquemment. Nowhere parlait de son mal du pays et de sa solitude ici en France. Elle chante que sa famille en Californie lui manque énormément et qu'elle aimerait bien y être. La chanson est divisé en deux parties, une assez lente et mélancolique une autre plus rapide et agitée, comme deux chansons en une en fait. Ce changement d'ambiance et de rythme était épatant et montra le grand talent de chanteuse. Un des temps fort du concert était certainement Misfits In The Sun, une chanson qui me rappella les vieux titres de Grizzly Bear qui, eux aussi, semblaient venir du fond de la mer. C'était envoûtant, ensorcelant, doux et magnifiquement beau. Kinrisu chanta avec deux voix. Une fois il y avait cette gamine un peu révoltée et puis aussi la jeune femme fragile, mais gracieuse. Parfois on avait l'impression que son chant venait d'un vieux grammophone. Un clip vidéo est en préparation, j'ai hâte de voir le résultat.
Un autre temps fort était Jupiter. Là aussi l'artiste varia parfaitement l'ambiance et la vitesse. Parfois il y avait un côté bluesy, parfois c'était plus folk expérimental. Son jeu de guitare y était particulièrement chaud et séduisant. Le texte parlait de Black Boots et d'un black trench coat mais aussi d'un tower building. Pas facile à déchiffrer et comprendre le sens derrière les paroles, mais c'est ça aussi qui rend cette musique si fasçinante. Les paroles sont assez étranges et laissent plein de place à la libre interprétation. Elles sortent de l'ordinaire et font partie de l'univers particulier et ultra passionnant de l'artiste. Elle ne fait pas de rimes plates et banales, chez elle c'est un puzzle de mots, d'expressions, d'observations, des parties de rêves... C'est un univers ultra coloré et créatifs, très intuitif, venant du ventre. C'est bricolé, lo-fi a souhait et très personnell laissant places à l'imagination et toujours balançant entre la gamine qui réside toujours en elle et la jeune mère responsable. Sa musique semble comme un refuge pour elle pour s'échapper a une réalité quelquefois un peu triste et déprimant, mais aussi d'un défouloir pour faire sortir des pensées intérieures. Elle crée avec sa musique un monde féerique, poétique, parfois insouciant, parfois ménacant, mais toujours divinement beau.
Je suis complètement sous le charme en tout cas et j'ai eu l'impression que les autres spectateurs avaient aussi beaucoup apprécie cette prestation.
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