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Mittwoch, 30. Oktober 2013

Lou Reed, London, 04.07.2011

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Konzert: Lou Reed
Ort: HMV Hammersmith Apollo, London
Datum: 04.07.2011
Vorband: Buke And Gass
Dauer:etwa 105 Minuten
Zuschauer: vermutlich etwa 4.000 (ausverkauft)


"Sunday morning / It's just the wasted years so close behind / Watch out the world's behind you / There's always someone around you who will call / It's nothing at all." 

Von einem Roadie gestützt betritt Lou Reed langsam schlurfend die Bühne des Hammersmith Apollos in London. Sein bloße Präsenz löst tosenden Applaus aus, dabei wirkt der gealterte Mann in schwarzer Lederjacke, weißem T-Shirt mit der großen Brille angeschlagen, kränklich, müde. Der 69-jährige steigert sich, singt sich mit scheuer Klasse durch Unsterbliches seiner Zeit mit Velvet Underground, seinen Solokanon (spart gekonnt Transformer aus) und fesselt die Zuschauer mit der Ausstrahlung seiner starren Mimik. Auf der Bühne steht der größte Zyniker des Rocks, ein Held offensichtlich am Ende seiner Kräfte. Man kann mehr als erahnen, dass es um die Gesundheit der New Yorker Legende nicht besonders gut stehen kann, dass Möglichkeiten ihn live zu sehen künftig noch rarer werden würden. Dass ein furchtbares Album mit Metallica im selben Jahr und eine ausgedehnte Best-Of-Tour 2012 folgen sollten, ließen berechtigte Hoffnung zu, dass es nun besser gestellt sei um einen der genialsten Künstler, den es in der Welt des Pops jemals geben hat. Wie Keith Richards, Pete Townshend oder Eric Clapton wurde Lou Reed immer als einer derjenigen genannt, die alles überlebt haben – Alkohol, Kokain, Heroin. Das Bekanntwerden einer Lebertransplantation und die Befürchtungen seiner Ehefrau, der Konzeptkünstlerin Laurie Anderson, rechtfertigen Anfang des Jahres wieder Sorge um den kleingewachsenen Musiker, der mit Velvet Underground die Musikgeschichte in einer Nachhaltigkeit veränderte wie wenige sonst. Ein späterer Gastauftritt bei Anthony Hegarty in Paris und das Beispiel David Crosbys, der seine Lebertransplantation vor etwa zehn Jahren gut überstand, machten Hoffnungen. Die Meldung seines Todes am vergangenen Sonntag ist ein umso größerer Schock. Selten war sich die Musikgemeinschaft in ihrer Trauer so einig. Reed fehlt und Erinnerungen an meine einzige Konzertbegegnung mit ihm kommen wieder hoch. Zeit für einen Rückblick, einen Nachruf in Form eines Konzertberichts in unserer Kategorie Konzerttagebuch historisch:

Nach vier Tagen Camping auf dem großen nordfranzösischen Main Square Festival in Arras bin ich erschöpft, hundemüde. Es ist der Sommer der großen Leere zwischen Abitur und Studienbeginn, der mich zu dieser Zeit durch Europa treibt, bevor ich mit einem Ferienjob auf dem Bau ein wenig Geld für das Studium ansparen will. Am Vortag begeisterten mich in der prächtigen Zitadelle Elbow, PJ Harvey und Portishead mit berauschenden Konzerten und sogar Coldplay gelang es damals noch unter ihrer gigantischen Lasershow zwei Stunden lang zu glänzen. Mit Underworld ging das Festival, das mit Win Butlers Gastauftritt bei The National ein heimliches Highlight bot, zu Ende und nach einer kurzen Nacht mit anschließender Fährüberfahrt, kurzem Mittagsschlaf in unserer Herberge – einem Studentenwohnheim der London School of Economics in der Nähe des West Ends – sitze ich in einem Café in Hammersmith in Blickweite des Apollos. Schläfrig bestelle ich mir einen Espresso, wie soll ich den Abend nur durchstehen. Unruhig surfe ich mit meinem Handy, kippe gedankenverloren Salz statt Zucker in die Tasse. Die lächelnde Bedienung nimmt meinen Fauxpas auf ihre Kappe und bringt mir einen neuen Kaffee. Wieder greife ich zum Salzstreuer, erschrecke mich selbst darüber, hoffe, dass es niemand merkt, würge den Espresso schnell herunter. 
Es ist noch eine knappe halbe Stunde bis zum Einlass, selten war ich vor einem Konzert nervöser. Schließlich mache ich mich auf den Weg zur Halle, in der ich im Herbst zuvor ein überraschend gutes Konzert von Sheryl Crow mit Starsailors James Walsh im Vorprogramm sah. Überrascht finde ich mich in einem äußerst heterogenen Publikum wieder: Ältere Herren, Paare jeden Alters, Punks, Goths, Indie-Jünger. Neben mir sitzt ein Mick Jagger-Lookalike, während sich das Auditorium nach und nach füllt und das Duo Buke And Gass aus Brooklyn, das sich vor einiger Zeit in Buke And Gase umbenannte, ein vermutlich solides Support Set spielen, dessen Eindruck mein Schlafdefizit wohl auffraß. 

Wenig später steht Lou Reed auf scheinbar wackligen Beinen mit seinen sieben Mitmusikern auf der Bühne. Eine Männerstimme brüllt ein schallendes „Lou, I Love You“, das der für seine Aussetzer bekannte Rockstar mit einem sonoren (nur vielleicht), spöttischen „And remember after all these years I love you too“ kommentiert. Reed scheint mit sich im Reinen, beginnt mit „Who Loves The Sun“ vom Velvet Underground-Album „Loaded“, dem letzten an dem Reed nach dem Ausstieg John Cales noch beteiligt war. Der Akustikgitarren und Saxophon getragene Mid-tempo-Rocker mit starkem Schlagzeugeinsatz begeistert mich auf Anhieb. „Senselessly Cruel“ und „Temporary Thing“, zwei böse, ironische Stücke vom 1976er Solo-Meisterwerk „Rock And Roll Heart“ halten die enorme Qualität und Reed zeigt mit brüchiger, mehrmals versagender Stimme wie düstere Lyrik, avantgardistische Attitüde, brillantes Songwriting und sexuelle Perversionen zu einem homogenen Ganzen verbunden werden können. 
Nie machte es Reed seinen Anhängern leicht, legendär ist die Prügelei mit Fans in den 70ern während eines Konzerts in der Stadthalle Offenbach. Er ist der Anti-Hippie „Love and peace“, das Schwadronieren über freie Liebe und weiche Drogen interessiert ihn nicht. In anderen Dimensionen denkend, beruft sich der wahrlich genuine Texter und Musiker auf Literatur, Kunst und Psychoanalyse, besingt in den 60ern mit Velvet Underground harte Drogen („Heroin“), Sadomasochismus („Venus In Furs“) und schockt mit harten Riffs, nimmt den Punk vorweg, experimentiert mit Soundcollagen und Krach. 
In London ist der brodelnde Querkopf, der immer wieder aufs Neue überrascht allgegenwärtig; wer ein Best-Of-Set erwartet, kann gleich wieder gehen, daran lässt der Auftakt des Abends keinen Zweifel. Die Lederjacke wird ihm bald abgenommen, Gitarren werden ihm immer langsam umgehängt. So erschreckend seine Erscheinung ist, so großartig ist das Konzert. 
„Ecstasy“ ist das neuste Stück am heutigen Abend und geht nach einer langen, Nerven malträtierenden Version in „Smalltown“ über. Gemeinsam mit John Cale nahm Reed in den 90ern mit „Songs For Drella“ noch einmal ein Album auf, ein Konzeptwerk in Andenken an den Entdecker und langjährigen Förderer der Band – Andy Warhol, der das Debütalbum produzierte und das ikonische Bananen-Art-Work gestaltete. Der beschwingte Piano-Beat "Smalltowns" steht im harten Kontrast zum ironischen Text. Zu keinem Zeitpunkt singt er heute besser als in diesen drei Minuten. Die lethargische Perfomance reißt mich aus meiner Müdigkeit, führt mich in eine Art Trance. 
Es fällt mir schwer zu glauben, aber der Song, der gerade auf der Bühne in seine Bruchstücke dekonstruiert wird, ist wirklich John Lennons „Mother“. Lou Reed akzentuiert das Stück gänzlich neu, als Zuhörer interpretiert man den Text um, geht mit Freud an die Sache heran, denkt an Ödipus- und Mutterkomplex. Nach etwa zehn verstörenden Minuten folgt die große Velvet Underground-Show. Ohne Frage ist Reeds Sacher-Masoch-Adaption „Venus in Furs“ einer der größten Popsongs überhaupt. Im großen Hammersmith Apollo ist es der schonungslose Violineneinsatz Tony Diodores, der die SM-Nummer zum großen Erlebnis macht. Überhaupt harmoniert die begeisternde Band mit Saxophon (Ulrich Krieger), Bass (Robert Wassermann), Gitarren (Aram Bajakian, Kevin Hearn), Schlagzeug (Tony 'Thunder' Smith) und Keyboards (Kevin Hearn) mit dem immer besser werdenden Bandleader an der Gitarre hinter dem Mikrophon hervorragend. „You can't beat two guitars, bass, drums“, lautete eine seiner ins allgemeine Popgedächtnis absorbierten Aussagen: Dass ein Mehr an Musikern nicht unbedingt direkt Jazz sein muss, hätte er früher nie zugegeben, aber schaden tut sie dem großen Zyniker freilich nicht, seine fantastische Backing-Band. 
„Sunday Morning“ und „Femme Fatale“ gibt es im direkten Anschluss in aufreibenden Arrangements. Mit schiefem Gesang zum pulsierenden Beat kämpft sich Reed mit starrer Miene durch Klassiker, die im Hinblick auf ihre pophistorische Bedeutung den Glanztaten der Beatles in Nichts nachstehen. 
„The Blue Mask“ ist eines der unterschätzten Alben eines Mannes, der Punk zehn Jahre vor der Entstehung des Genres lebte. Betrachtet man „Waves of Fear“ ist die Klasse des Albums nicht in Abrede zu stellen. Nach dem glücklicherweise unvermeidlichen Klassiker „Sweet Jane“ ist das reguläre Set vorbei. 
Mit dem fast halbstündigen „The Bells“ kehrt man zurück. Die Band greift tief in die Kiste ihres Könnens, ich bin glücklich. Es ist die fulminante Zugabe eines erhebenden Abends; zwei junge Frauen stürmen im Anschluss die Bühne, umarmen und küssen den griesgrämigen Meister mit dem der Legende nach durch Elektroschocks teilweise gelähmten Gesicht; Laurie Andersons Mann ist irritiert, stolpert, man glaubt ein Lächeln im niemals lächelnden Gesicht zu sehen. Der Mann, der nie lacht, scheint sich wohl zu fühlen. Am Ende verlässt Reed die Bühne, wie er sie betrat: Schlurfend und gestützt. Die Legende hat ihr Werk vollbracht, der Kanon ist unsterblich. An diese Klasse kann auch Velvet Underground-Kollege John Cale wenige Wochen später in Mainz nicht heranreichen. 
Reed war vielleicht kein Star im engeren Sinne, aber er war immer der Größte! Ich werde seine Musik ewig lieben, nie wird eine Woche ohne Velvet Underground-Songs vergehen. Dankbar ihn gesehen zu haben, werde ich den Abend immer in gesonderter Erinnerung halten – als perfektes Konzert und pophistorische Lehrstunde des Rockmusikers, der einem schlaftrunkenen 19-Jährigen mit stoischer Lethargie offenbarte, was Charisma ist.


Setlist Lou Reed, London:

01: Who Loves The Sun (The Velvet Underground - Song) [Loaded]
02: Senselessly Cruel [Rock and Roll Heart]
03: Temporary Thing [Rock and Roll Heart]
04: Ecstasy [Ecstasy]
05: Smalltown (Lou Reed & John Cale - Song) [Songs for Drella]
06: Mother (John Lennon - Cover)
07: Venus in Furs (The Velvet Underground - Song) [The Velvet Underground & Nico]
08: Sunday Morning (The Velvet Underground - Song) [The Velvet Underground & Nico]
09: Femme Fatale (The Velvet Underground - Song) [The Velvet Underground & Nico]
10: Waves Of Fear [The Blue Mask]
11: Sweet Jane (The Velvet Underground - Song) [Loaded]

12: The Bells [The Bells] (Z)


Mittwoch, 18. Januar 2012

The Gentle Waves, London, 04.04.99

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Konzert: The Gentle Waves
Ort: Improv Theatre
, London
Datum; 04.04.99


von Oliver Kirchner aus Bonn:

Ende der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts war ich ziemlich großer Fan von Belle & Sebastian und der Musik, die von allen möglichen dazugehörigen Bandmitgliedern gemacht wurde. Selbstverständlich auch von Isobel Campbell und ihren Gentle Waves. Das 1999 erschienene Debüt-Album The Green Fields of Foreverland war eines meiner Lieblinge des Jahres. Einen Tag vor Veröffentlichung des Albums gab Frau Campbell im wunderschönen Improv Theatre im Londoner West End ein Konzert und ein nicht ganz günstiger Spontantrip in die englische Hauptstadt (einen so unglaublich teuren Flug von Köln nach London hat es in der Geschichte der Luftfahrt seither sicher nicht mehr gegeben) verschaffte mir die Möglichkeit, dabei zu sein.

Ein Vorprogramm bestehend aus einer oder zwei anderen Bands, wie ich es von anderen Konzerten her kannte, gab es an diesem Abend nicht. Das ist einer der Gründe, warum dieses Konzert immer noch zu meinen Lieblingskonzerten gehört. Denn den Abend eröffneten zwei französische Kurzfilme (beide von Truffaut, wenn ich mich richtig erinnere), die Zuschauer saßen alle auf dem Boden des kleinen Theaters (sofern sie nicht ohnehin schon saßen, da sie eine stylische Sitzgruppe im hinteren Bereich ergattern konnten) und schauten auf eine Standleinwand, wie man sie noch aus dem heimischen Wohnzimmer kennt, wenn Papa am Wochenende die selbst gedrehten Super 8-Filme vorführte (auf denen vorzugsweise sämtliche Familienausflüge der Welt festgehalten wurden). Eine ähnlich ruhige Stimmung und ein so aufmerksames Publikum wie an diesem Abend habe ich selten bei einem Konzert erlebt. Eben genau das Publikum, das man sich bei einem Gentle Waves-Konzert vorstellt und wünscht. Nach den Vorfilmen spielten sich Isobel und ihre Band charmant durch das Album und ich konnte mir nicht vorstellen, zu diesem Zeitpunkt an einem perfekteren Ort zu sein (ähnlich ging es mir ein halbes Jahr zuvor, als Belle & Sebastian in München (mit uns Fussball) spielten – aber das ist eine andere Geschichte…).



Mittwoch, 16. November 2011

The Cure, Leipzig, 04.08.90

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Konzert: The Cure
Ort: Zentralstadion, Leipzig
Datum: 04.08.1990


von Katja

Mein historisches Konzerterlebnis begann am Abend des 26. oder 27. Juli 1990. Ich hörte Radio FFN Niedersachsen, obwohl ich im Ruhrgebiet wohnte. Radio FFN spielte zu bestimmten Zeiten Indie, und in einer Kleinstadt, ohne gut sortierten Plattenladen und ohne Internet, war man glücklich über jede Infoquelle. Irgendwann an diesem Abend lief ein Lied von The Cure, und danach kündigte der Moderator an, dass The Cure am Wochenende ein Konzert in Leipzig gaben - und außerdem jetzt sofort Karten unter denjenigen Hörern verlost würden, die eine Fachfrage zu The Cure richtig beantworteten.

Bis zu diesem Zeitpunkt war es ein ganz normaler, langweiliger Abend gewesen – bis ich aus einer verrückten Laune heraus zum Telefon griff und bei dem Sender anrief. Und völlig unerwartet durchkam. Und tatsächlich eine Karte gewann.

An dieser Stelle muss ich etwas zu meiner Beziehung zu The Cure sagen. 1987 veröffentlichten The Cure „Why can´t I be you“ aus dem Album „Kiss me Kiss me Kiss me“, und dies war der Beginn meiner musikalischen Existenz, wenn ich das mal so nennen darf. Ich kann das heute kaum noch erklären, und jeder „Seventeen Seconds“ und „Pornography“-Cure-Fan wendet sich wohlmöglich mit Grausen ab, aber diese Platte war der Grund dafür, dass ich in einem sehr kurzen Zeitraum den gesamten Backkatalog gekauft, und danach ungefähr zwei Jahre ausschließlich The Cure gehört habe. Natürlich allein und meist über Kopfhörer. Ich habe ihre Texte analysiert, mir über obskure Fanzines Bootlegs mit hohem Rauschanteil auf Kassette bestellt, und den Heizkörper in meinem Zimmer mit ausgesuchten Songzitaten in Fan-Art verwandelt (leider mit wasserfestem Edding, so dass der Heizkörper nach meinem Auszug komplett neu gestrichen werden musste).

1989 kam Disintegration heraus, eine der größten Cure-Platten, und ich war mit einer Freundin auf dem Bizarre Special am 13. Mai 1989 auf der Loreley Bühne. Mein erstes Cure Konzert überhaupt. Ich habe geheult, als das Set mit Plainsong gestartet hat. Heute weiß ich, dass auch die Pixies und die Sugarcubes dort aufgetreten sind, aber ich habe überhaupt keine Erinnerung daran, wahrscheinlich habe ich sie gar nicht wirklich wahrgenommen.

Und jetzt, ein gutes Jahr später, ein weiteres Cure-Konzert. Ich war glücklich, vollkommen überdreht, und ich würde alles daran setzen, dort hinzukommen.

Was sich in der Tat als nicht ganz einfach herausstellte. Das erste Problem war: man musste die Karte beim Sender in Hannover abholen. Also rief ich einmal, oder auch mehrmals, beim Sender an, wo man zunächst partout nicht verschicken wollte, bis sich ein Mitarbeiter dann doch irgendwann breitschlagen ließ; vielleicht weil er ein Herz für völlig verzweifelte Cure-Fans hatte, und sicher um mich endlich loszuwerden. Das nächste Problem: das Konzert war in Leipzig. Ich hatte den Führerschein erst ein halbes Jahr und meine Eltern weigerten sich schlichtweg, mir ihr Auto zu leihen. Alternativ kümmerte ich mich um eine Bahnkarte, Dortmund – Leipzig, zu einem horrenden Preis. Noch ein Problem: am Freitag war die Karte vom Sender noch nicht angekommen. Samstagabend, den 4. August, musste ich in Leipzig sein, und der einzig mögliche Zug fuhr relativ früh in Dortmund ab – viel zu früh, um noch auf den Postboten zu warten. Der Plan war nun wie folgt: ich würde zu nachtschlafender Zeit Samstag Morgen zur Post radeln, den Brief persönlich abholen, würde dann von meinem, wenig begeisterten, Bruder zum 30 km entfernten Bahnhof in Dortmund gebracht werden, um den Zug in letzter Minute zu erwischen. Die Ausführung war dann auch fast perfekt, allerdings fuhr ich zweimal zur Post, weil ich beim ersten Mal meinen Ausweis vergessen hatte, und der Postbeamte nicht gewillt war, einer völlig fremden Person einen Brief auszuhändigen. Am Ende saß ich dann, völlig fertig, mit meiner Konzertkarte in dem Zug nach Leipzig und konnte einfach nicht glauben, dass tatsächlich alles geklappt hatte.

Eine Zugfahrt nach Leipzig war 1990 nicht das, was es heute ist. Irgendwann nach der Grenze fing der Zug aufgrund der alten Gleise an zu schleichen, und die Fahrt hat insgesamt wohl 8 Stunden gedauert. Dann stand ich in Leipzig am Bahnhof, der auch noch nicht so schön war, wie er heute ist, und kam schließlich irgendwie in das Sportstadium, wo das Konzert stattfand, zusammen mit einem ganzen Tross von Cure-Fans.

Heute weiß ich, dass dieser Auftritt von The Cure in Leipzig, und einen Tag später in Dresden, eine wirkliches historisches Ereignis für die schwarze Szene war, die sich in der DDR entwickelt hatte, und von der Regierung, vorsichtig ausgedrückt, misstrauisch beäugt wurde. Für derartige zeitgeschichtliche Erwägungen hatte ich damals allerdings keinen Sinn, und ich weiß auch nicht mehr, ob ich überhaupt darüber nachgedacht habe, dass dies für mich die erste Reise nach Ostdeutschland nach dem Mauerfall war, der zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal ein Jahr alt war. Für mich zählte nur das Jetzt ,und da stand ich nun, eingequetscht zwischen lauter anderen, enthusiastischen Cure-Fans mit lustigen Frisuren, die aufgrund der langen, politisch begründeten, Abstinenz, ein großes Nachholbedürfnis nach The Cure hatten und dementsprechend genauso bekloppt waren wie ich. Von dem Konzert weiß ich heute nicht mehr so viel, außer dass es eine gute Version von Lovecats gab; aber als ich wieder zu hause war, besorgte ich mir eine VHS, wieder mit hohem Rauschanteil, die ich in einer Art Dauerschleife laufen ließ, und auf der man mich für einen Sekundenbruchteil im vorderen Teil des Zuschauerraums erkennen kann.

Dann war das Konzert zu Ende, und als ich mich mit der Menge in Richtung Ausgang schob, wurde mir langsam klar, dass mein Zug erst am nächsten Morgen wieder zurück nach Dortmund fuhr, und ich mich natürlich nicht um einen Platz zum Schlafen gekümmert hatte. Vielleicht wäre das eine gute Möglichkeit gewesen, sich mal das Nachtleben in Leipzig anzuschauen, aber da ich definitiv genug von Abenteuern hatte, beschloss ich zum Bahnhof zurück zu gehen und dort einfach auf einer Bank zu schlafen.

Im Nachhinein glaube ich, dass das Leipziger Nachtleben die weniger aufregende Variante gewesen wäre. Der Bahnhof war voll von schwarz gekleideten Cure-Fans, die dort auf ihre Züge warteten. Allerdings war nicht nur die schwarze Szene anwesend, sondern auch die rechte Szene. Ein paar minderbemittelte Kahlköpfe fanden das gesamtdeutsche Samstag-Abend-Fernsehprogramm anscheinend wenig überzeugend und hatten stattdessen viel Spass daran, die Schwarzen aufzumischen. Auf dem Bahnhof ist jedoch in dieser Nacht außer Pöbeleien glücklicherweise nichts passiert. Als die Glatzen keine Lust mehr hatte, wurde es wieder ruhiger, ich fand ein paar Leute zum Quatschen und verbrachte letztlich noch eine unterhaltsame Nacht auf dem Leipziger Bahnhof. Irgendwann fuhren alle ab und am Ende blieb nur noch ich übrig und wartete, bis mich der Zug nach Dortmund zurück brachte.

Setlist The Cure, Zentralstadion, Leipzig:

01: Shake dog shake
02: A strange day
03: A night like this
04: Catch
05: Pictures of you
06: Fascination street
07: Lullaby
08: Dressing up
09: The same deep water as you
10: The perfect girl
11: Just like heaven
12: The walk
13: Primary
14: Inbetween days
15: A forest
16: Disintegration

17: Close to me (Z)
18: Let's go to bed (Z)
19: Why can't I be you? (Z)

20: Lament (Z)
21: M (Z)
22: In your house (Z)
23: Faith (Z)

24: Boys don't cry (Z)
25: 10.15 Saturday night (Z)
26: Killing an arab (Z)
27: Never enough (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Cure, Oberhausen, 16.03.08
- The Cure, Paris, 12.03.08



Sonntag, 9. Oktober 2011

David Bowie, Festival Rock Am Ring, 07.06.87

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Konzert: David Bowie

Ort: Festival Rock Am Ring, Nürburgring, Eifel
Datum: 07.06.87


Auch von mir gibt es in Kürze einen Bericht in der Kategorie "Konzerttagebuch historisch".


Setlist David Bowie, Festival Rock am Ring 1987 (Glass Spider Tour)

01: Up The Hills Backwards
02: Glass Spider
03: Up The HillBackwards
04: Day-In-Day-Out
05: Bang Bang
06: Absolute Beginners
07: Loving The Alien
08: China Girl
09: Fashion
10: Scary Monsters
11: All The Madmen
12: Never Let Me Down
13: Big Brother
14: # 87 And Cry
15: Heros
16: Time Will Crawl
17: Beat Of Your Drum
18: Sons Of The Silent Age
19: New York's In Love
20: Dancing With The big Boys
21: Zeroes
22: Let's Dance
23: Fame

24: Time
25: Blue Jean
26: Modern Love



Ramones, Oberhausen, 24.11.89

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Konzert: Ramones
Ort: Music Circus, Oberhausen
Datum: 24.11.1989
Zuschauer: viel zu viele


Wir feiern fünften Geburtstag unseres Konzerttagebuchs. Bei Jubiläen kommt man gewöhnlich nicht um Platitüden wie "Zeit, innezuhalten und zurückzublicken" herum. Innehalten ist doof, daher beschränken wir uns auf Rückblicke. Wir möchten daher ab sofort unregelmäßig einmal nicht über aktuelle sondern über quasi-historsche Konzerte schreiben. Und wer die Musik bestellt, zahlt sie auch, daher fange ich an.

Die Ramones waren eine meiner ersten wichtigen Bands, nachdem mich die böse Seite der Musikmacht an diesen Indiekram verloren hatte. Obwohl sich die Urpunks zu diesem Zeitpunkt mit Pat Sematary Richtung Popmusik bewegt hatten, hörten wir in der Indiedisko ihre frühen, kurzen immergleichen Lieder am liebsten.

Als ich irgendwo mitbekam, daß die New Yorker in Oberhausen spielen würden, war klar, daß ich da hinmußte. One, two, three, four. Woher ich von dem Konzert erfahren hatte, weiß ich nicht mehr. Vor dem Internet waren die Recherchemöglichkeiten, wenn man nicht in einer größeren, plakatierten Stadt lebte, sehr eingeschränkt. Musikzeitungen habe ich damals nicht gelesen und im Fernsehen fanden die Ramones kaum statt (und wenn, dann sehr komisch! Legendär war ein Bericht oder eine Ankündigung über die Band im Südwest-Fernsehen, in dem der Moderator ständig von den "Räh-mäh-noehs" sprach).

Jedenfalls fand ich mich an einem tristen Novembertag in Oberhausen. Der Music Circus war ein zu Disco und Konzertort umfunktioniertes Zirkuszelt. Ich erinnere mich leider nur noch an ein Detail des Music Circus: den Wellenbrecher mitten im Saal. Aber zu dem später. Wie der Innenraum aussah, wie viele Leute reinpassten, weiß ich nicht mehr. Auch Plan B, die Vorgruppe, ist nicht hängengeblieben. Aber um die ging es ja nicht.

Irgendwann kamen die Punklegenden auf die Bühne. Bassist Dee Dee hatte die Band kurz vorher verlassen und war durch C. J. Ramone ersetzt worden. Und dieser neue Bassist, der rechts stand, beeindruckte mich mit einem phänomenal stoischen Gesichtsausdruck. Ich glaube, man hätte C. J. Sahnetorten ins Gesicht drücken können, er hätte sich nicht geregt. Unfassbar! Ich konnte meinen Blick kaum von seinem (toten) abwenden, nie war Langeweile so sehenswert.

Hörenswert war selbstverständlich das Set. Die Ramones spielten ihre Stücke in zwei- bis dreifacher Geschwindigkeit. Aus einer Ballade wie Pet
Sematary wurde ein rasant schneller Song. Natürlich war jedes Stück daraus enorm kurz. In meiner Erinnerung haben die Ramones an diesem Abend einige Lieder auch mehrfach gespielt. Die recherchierte Setlist behauptet etwas anderes, ich bin allerdings heute noch sicher, Pet Sematary und andere mindestens zweimal gehört zu haben. Es hat damals leider noch niemand mitgeschrieben.

Für mich begann das Konzert nach der Hälfte neu. Denn da war ich im dichten, pogenden Gedränge einmal umgedreht worden, an den vorhin erwähnten Wellenbrecher gedrängt worden und konnte mich nicht mehr regen. Der Raum vor dem Gitter war gnadenlos überfüllt, ich konnte mich nicht mal mehr drehen. Also erlebte ich den Rest des Konzerts mit Blick in die falsche Richtung. Falls C. J. sich doch noch bewegt hat, ich habe es verpasst!

Die späten Ramones waren sicher weit von der Band der 70er und frühen 80er entfernt, für mich waren sie 1989 aber genau so, wie ich sie erleben wollte. Trotz aller Widrigkeiten also ein Konzert, an das ich mich immer (zumindest teilweise) erinnern werde.

Setlist Ramones, Music Circus, Oberhausen (Quelle: setlist.fm):

01: Durango 95
02: Teenage Lobotomy
03: Psycho Therapy
04: Blitzkrieg Bop
05: Do You Remember Rock 'N' Roll Radio?
06: I Believe In Miracles
07: Gimme Gimme Shock Treatment
08: Rock 'N' Roll High School
09: I Wanna Be Sedated
10: Beat On The Brat
11: I Wanna Live
12: My Brain Is Hanging Upside Down (Bonzo Goes to Bitburg)
13: Go Mental
14: Sheena Is A Punk Rocker
15: Rockaway Beach
16: Pet Sematary
17: Don't Bust My Chops
18: She's The One
19: Mama's Boy
20: Animal Boy
21: Wart Hog
22: Surfin' Bird (The Trashmen Cover)
23: Cretin Hop
24: I Don't Wanna Walk Around With You
25: Today Your Love, Tomorrow The World
26: Pinhead
27: Chinese Rock
28: Somebody Put Something In My Drink
29: California Sun (Joe Jones Cover)
30: I Just Want To Have Something To Do




 

Konzerttagebuch © 2010

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