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Donnerstag, 19. Februar 2009

Koko von Napoo, Revolver, Ra Ra Riot, Paris, 18.02.09

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Konzert: Revolver + Guests Koko von Napoo & Ra Ra Riot

Ort: La Flèche d'or, Paris
Datum: 18.02.2009
Zuschauer: extrem viele
Konzertdauer: Koko von Napoo ca. 30 Minuten, Revolver ca. 35 Minuten, Ra Ra Riot ca. 40 Minuten



In Paris tut sich musikalisch zur Zeit wieder eine ganze Menge. In verschiedenen Locations buhlen parallel gleich zwei Indiefestival um die Gunst der Zuschauer.

Zum einen gibt es das Festival Super! Mon Amour, das vom 11 bis 22. Februar stattfindet und in den meisten Fällen in der Maroquinerie und dem Point Éphémère seine Konzerte abhält. Gäste waren und sind u.a. Handsome Furs, Black Lips, Gang Gang Dance, Toy Fight, Women, Chair Lift und erst sehr kürzlich Essie Jain und Woodpigeon (ich berichtete hier). Darüber hinaus gab es am gestrigen Dienstag einen Überraschungsgig im Point Éphémère mit den bezaubernden Mädels von Au Revoir Simone, den ich aber leider verpasst habe.

Zum anderen läuft auch gerade das jährliche Festival Les Nuits de l'Alligator in der Maroquinerie. Gespielt haben bereits Mariee Sioux und Emily Jane White und sehr bald werden hier andere Folkperlen auftreten, darunter Vetiver, Dear Reader, Women, War On Drugs, Elliott Brood und Horse Feathers.

Und am heutigen Mittwoch gab es in der Maroquinerie ebenfalls ein sehr spannendes Konzert mit den live unglaublich starken O'Death und den gehypten Newcomern Jim Jones Revue.

Aber erneut galt: Man kann nicht überall gleichzeitig sein!

Trotz dieses enorm reichhaltigen Programmes schafften es die gastgebenden Franzosen Revolver große Publikumsmassen anzuziehen. Ob es daran lag, daß die Flèche d'or abgesehen von dem Pflichtkonsum eines Getränkes im Werte von 5 Euro nach wie vor gratis ist, oder ob das Dreierpack Koko von Napoo, Revolver und Ra Ra Riot eine solch starke Anziehungskraft hatte, kann man hierbei bewußt offenlassen. Fakt war jedenfalls, daß es vor dem Eingang eine lange Schlange bibbernder Menschen gab, die rein wollten! Auch ich war darunter und ärgerte mich ein wenig, denn aus den Mauern drangen mir schon bekannte Klänge entegegen. Sie stammten von der Pariser Girlgroup Koko von Napoo, die gerade I'm Dead spielten. Tot war ich zwar noch nicht, als ich endlich drinnen war (sonst könnte ich diese Zeilen wohl jetzt nicht mehr tippen!), aber ob des Menschenandranges doch ziemlich genervt...

Beim Konzert von Koko Von Napoo, bei dem erneut fetzige und ohrwurmige, massiv von den 80 er Jahren infizierte Popsongs (Polly, Jonbon, June!) meine Vorfreude auf ein Debütalbum anheizten, konnte man wenigstens noch atmen und sich halbwegs frei bewegen, bei Revolver dann war es aber unerträglich voll und dementsprechend heiß und stickig! Das Gros der Leute war also für Revolver gekommen und diejenigen, die erst dafür eintrudelten, hatten zuvor den Gastauftritt von Oliver Jourdan, seines Zeichnes Sängers der Pariser Garagenrocker HushPuppies, während des Konzerts von Koko von Napoo verpasst. Der schöne Latinlover sang ein paar Zeilen des trashigen 80 er Kulthits Polaroid/Roman/Photo, im Übrigen das einzige französischsprachige Lied im Programm von Koko von Napoo. Allerdings ein Cover und zwar von Ruth.

Revolver selbst hatten nur englische Songs im Gepäck. Kein Wunder, scheinen doch klassische britische Bands wie die Beatles, die Kinks und die Zombies ihre großen Vorbilder zu sein. Sie mögen aber auch amerikanische Folklegenden wie Bob Dylan und Neil Young und nach einer Mischung all dieser Idole hört sich die Musik der drei jungen Männer Ambroise, Christophe und Jeremie auch an. Sie selbst bezeichnen ihren Stil als Kammerpop ("pop de chambre"), basierend auf klassischen Renaissance- Kompositionen, bei dem besonderer Wert auf die harmonischen Chorgesänge und feine Melodien gelegt wird. Eine EP haben sie bereits auf den Markt gebracht und darauf finden sich Perlen wie Calm Down, Leave Me Alone und das beschwingte Balulalow, das mit einem tollen bababa- singalong endet. Wer Balladen wie Eleanor Put Your Boots On und Walk Away auf dem zweiten Album von Franz Ferdinand oder grundsätztlich Elliott Smith mag, sollte auch Freude an den Komospitionen von Revolver finden.

All diese erwähnten feinen Songs und noch ein paar andere, gaben sie heute zum Besten, aber es war wirklich viel zu heiß und zu eng, um die Sache entsprechend zu genießen. Revolver muss ich mir unbedingt noch einmal in einer geeigneteren Location angucken, die Jungs haben jede Menge Potential!

Viel Potential haben natürlich auch die jungen New Yorker Ra Ra Riot. Von der vielköpfigen gemischten Rasselbande hat man ja schon auf vielen Blogs Euphorisches gelesen (unter anderem auch bei uns von Christoph), aber mich mussten sie hier und heute erst einmal davon überzeugen, daß sie wirklich so gut sind, wie oft berichtet wird.

Der Auftakt ihres Sets war jedoch wirklich nicht das Gelbe vom Ei. Es gab Tonprobleme, die bereits schon dazu geführt hatten, daß der rote Vorhang ewig lange verschlossen blieb, bevor es losgehen konnte. Konsequenz daraus war, daß die liebliche Stimme des smarten Sängers Wesley Miles kaum zu vernehmen war. Sein Gesang ( der demjenigen von Ezra "Vampire Weekend" Koenig verdammt ähnelt) wurde fast komplett vom stakkatischen Schlagzeug, dem polternden Bass und den Klängen, die die beiden weiblichen Streicherinnen an Cello und Violine erzeugten, überdeckt. Es herrschte eine Kakophonie wie beim Warmspielen eines Symphonieorchesters! Alles andere als ein Hörgenuß also, aber die jungen Zuschauer in den ersten Reihen zeigten sich trotzdem begeistert und wippten ausgelassen im ständig wechselnden Takt mit. Jugendliche Ungestümheit, Frische und gutes Aussehen schienen zunächst die Hauptargumente der Band aus Syracuse zu sein. So soll sich also die Zukunft des Indiepops anhören? Ich war ob der angeheizten Erwartungen leicht enttäuscht, tröstete mich aber mit dem attraktiven Anblick der umwerfend aussehenden Cellistin Alexandra Lawn, die unmittelar vor mir fiedelte. Alles an ihr war hübsch, das Gesicht, die Rehaugen, die stilvole Kleidung (dieses rosafarbene Kleid, hach!) mitsamt ihren wundervollen Schuhen und auch die agilen Bewegungen. Allerdings schien sie ziemlich genervt zu sein, lächelnd erblickte ich sie nie, stattdessen guckte sie während der Lieder nur immer mal wieder mürrisch auf den Zettel am Keyboard, wo die Setliste aushing. Eine richtige kleine Diva war das, die sich bewußt ist, daß sie enorm hübsch ist und Männer sie anhimmeln!

Die anderen Akteure der jungen Band wirkten demgegenüber deutlich netter und heiterer. Der Sänger hatte etwas Sunnboyhaftes, die anderen Jungs wirkten wie höfliche Kunststudenten und die blonde Geigerin (Rebecaa Zeller) kam liebenswürdig und unkompliziert rüber. Immer ein schöner Anblick, so eine Geigerin, gehört ja seit dem enormen Erfolg von Arcade Fire auch irgendwie zur Standardausstattung jeder junger Band, die etwas auf sich zählt. Egal, ob die Gruppe jetzt Operator Please!, Los Campesinos!, Get Well Soon oder Woodpigeon heißt, immer gibt es ein fesches Mädel, das fiedelt, was das Zeug hält. Anstatt neben dicken, alten Männern mit Frack und Glatze in einem Symphonieorchester zu versauern, spielen die Nachwuchsgeigerinnen von heute halt eben lieber in einer Band, die auf Indie Pop macht und sich gerne trendy und arty gibt.

Aber warum auch nicht? Mit Ra Ra Riot unterwegs zu sein macht sicherlich Spaß, auch wenn die Amerikaner verständlicherweise noch hart am frühen Tod ihres ursprünglichen Schlagzeugers zu knabbern haben. Talentiert sind die Grünschnäbel ja auf alle Fälle und wenn sie ihre vielen Ideen so gekonnt auf den Punkt bringen, wie bei A Manner To Act, Ghost Under Rocks oder dem vorzüglichen Dying Is Fine, das das recht kurze Konzert (mit der wesentlich besseren zweiten Hälfte) heute stimmungsvoll abschloß, dann müssen sich ihre Eltern keine Sorgen um die Zukunft ihrer Sprößlinge machen!

Setlist Ra Ra Riot, La Flèche d'or, Paris:


01: Run My Mouth
02: Each Year
03: Oh, La
04: Suspended In Gaffa
05: Winter '05
06: St Peter's Day Festival
07: Too Dramatic
08: Can You Tell
09: A Manner To Act
10: Ghost Under Rocks
11: Too Too Too Fast
12: Dying Is Fine

- Mehr Fotos von Ra Ra Riot hier entlang!
- Ra Ra Riot im Kölner Blue Shell am 18.11.2008 hier



Samstag, 8. November 2008

HushPuppies, Paris, 07.11.08

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Konzert: HushPuppies (Koko Von Napoo)

Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 07.11.2008
Zuschauer: vermutlich ausverkauft



Als ich vor einigen Wochen davon Wind, bekam, daß die französische Garagenrockband HushPuppies in der recht kleinen Pariser Maroquinerie (Fassunsgvermögen circa. 500 Gäste) zwei Konzerte geben würde, konnte ich es kaum fassen. Denn inzwischen spielen "Les Hushs" in größeren Locations und die Gigs in der "Maro" waren eine hervorragende Gelegenheit, eine der besten Livebands Frankreichs noch einmal hautnah zu erleben.

Da musste ich hin! Ganz egal, daß am gleichen Tag auch The Wedding Present und Damien Jurado in anderen Pariser Clubs auftraten. Die Erwartungshaltung an die Hushpuppies war hoch, denn im Winter 2007 hatten sie in der Cigale ein geradezu episches Konzert auf das Parkett gelegt, an daß ich mich noch lange erinnern werde. Und auch beim diesjährigen Festival "Le Rock Dans Tous Ses Etats" in Evreux waren sie sensationell und letztlich stärker als renomierte Headliner wie Gossip und Foals.

Voller Vorfreude begab ich mich also in die Rue Boyer, wo die Maroquinerie liegt. Im Kellerverlies hatten bereits die drei Mädels und der eine Junge von Koko von Napoo ihre Instrumente aufgebaut. Alles war ein bißchen eng und so mußte die blonde Drummerin Faust nach vorne rücken. Diese Notlösung tat dem Konzert richtig gut, denn so war die Band nahezu auf einer Linie und wirkte präsenter.

Weil ich Koko von Napoo schon sehr oft live gesehen habe, kenne ich ihr Programm im Grunde genommen auswendig (kurios wenn man bedenkt, daß es gerade erst einmal zwei Singles auf dem Markt gibt) aber heute war das Ganze noch schmissiger und besser als sonst. Jonbon ist eine der beiden erhältlichen Singles und das Stück ist ein veritabler Ohrwurm, genau wie Polly, das inzwischen sogar schon von den Engländern entdeckt wurde. Mark Riley, ein bekannter Radio-DJ in Manchester, spielt Polly zur Zeit rauf und runter und hat die Pariser deshalb in eine seiner kultigen Sendungen bei BBC 6 eingeladen. Wenn das keine Ehre ist! Wie ich erfahren habe, werden die hübschen Girls dann auch ihr tolles französisches Lied spielen, das zur Zeit den Arbeitstitel Platinum trägt. Fast noch cooler ist aber eine Coverversion der Künstlerin Ruth, Polaroid/Roman/Photo aus den 80ern. Dieser Song passt mit seinem wavigen Elektrosound einfach zu den Mädels wie die Faust aufs Auge. Unterstützung bekamen sie hierfür zusätzlich noch durch Olivier Jourdan, den Sänger der Hushpuppies, der breit grinsend in ein Saxofon blies.

Ein famoser Auftakt eines heißen Konzertabends!

Setlist Koko von Napoo, Paris:

01: Baden Baden
02: Jonbon
03: Agence Blady
04: Platinum
05: Polly
06: Polaroid/Roman/Photo (Ruth Cover)
07: June
08: Saadie

Dann aber wartete jeder gespannt auf die Ankunft der HushPuppies. Die Maroquinerie füllte sich von Minute zu Minute, bis man irgendwann seinem Nachbarn sehr nahe war. Oder Nachbarin, wenn man(n) Glück hatte, denn die jungen Mädchen im Publikum sahen oft unverschämt gut aus! Weiberhelden sind sie also definitiv, diese attraktiven Burschen von "Les Hushs", die bis auf den Bassisten allesamt aus dem südfranzösischen Perpignan stammen, aber schon seit einigen Jahren in Paris leben und hier fester Bestandteil der Musikszene sind. Nichts wurde ihnen in der Hauptstadt geschenkt, alles haben sie sich hart erarbeitet! So sind sie nach wie vor bei dem kleinen Label Daimondtraxx untergebracht und gehen auch zum Teil noch festen Berufen außerhalb ihres Bandengegements nach. Franck, der Drummer führt zum Beispiel einen bestens sortierten unabhängigen CD-und Plattenladen und stellt sich auch zwei bis dreimal pro Woche selbst hinter die Kasse. Dafür und für seinen Idealismus, in diesen Zeiten einen Plattenladen aufzumachen (das Geschäft besteht erst seit 4 Jahren) gebührt ihm großer Respekt! Und weil ich so etwas gerne unterstützen möchte, hier einmal Name und Adresse: Ground Zero, 23, Rue Sainte Marthe, 75010 Paris (Internetseite hier , Freund werden bei MySpace).

Bei den Konzerten ist Franck aber meistens im Hintergrund aktiv, wie das bei Schlagzeugern eben so üblich ist. Den vorderen Teil der Bühne überlässt er gerne Olivier Jourdan, dem heißblütigen Sänger und Orgelspieler mit dem Aussehen eines Latin-Lovers. Und dieser Olivier verfügt über alles, was einen echten Rockstar ausmacht. Er ist gertenschlank, sportlich und in seinen eng sitzenden Klamotten unfassbar sexy. In Punkto Eleganz können es die HushPuppies ohnehin mit den Hives aufnehmen. Alle kamen sie in blütenweißen Hemden und waren teilweise mit Krawatten, Jackets/Anzugswesten bekleidet. Olivier selbst erschien ganz in weiß, hatte aber keinerlei Scheu davor, sich schmutzig zu machen. Wie ein Stier, der in die Arena gelassen wird, stürmte er auf die Bühne und gab von Beginn an alles! Eine Rampensau allererster Güte! Um den Leuten noch mehr einzupeitschen, bewegte er sich immer ganz nah am Bühnenrand und war so mit seinen Fans auf Tuchfühlung. Die ersten Reihen rasteten sofort aus und schon nach ein paar Minuten gab es die ersten Crowdsurfer.

Bereits das dritte Lied war der Hit You're Gonna Say Yeah vom Debütalbum The Trap und die Temperatur lag schnell bei gefühlten 50 Grad Celsius. Der Fleiß floß in Strömen, die Lautstärke war ohrenbetäubend. Adrenalin und Testosteron pur also und ich fragte mich, wie die Band das höllische Tempo halten wollte!

Aber das sollte das Problem nicht sein, denn während einige Zuschauer schon nach 20 Minuten nach Luft schnappten, fragte Olivier immer mal wieder höhnisch nach: "Seit ihr inzwischen ein wenig warm geworden? Gut, dann können wir ja anfangen!" Wenn das Publikum nach Ansicht des Frontmannes zu zögerlich antwortete, schrie er die Leute an: "Was?? Ich hör' nix! Ich dachte die Pariser seien das beste Konzertpublikum!" Er brachte sich in Rage wie einstmals der verrückte amerikanische Tennisprofi Jimmy Connors, der sich nach einem guten Punkt aufpumpte wie ein Irrer. Wenn Olivier Orgel spielte, wirblete er mit seinem Kopf so wild durch die Luft, daß er mit der Birne fast auf das Instrument einschlug, manchmal fehlten wirklich nur ein paar Zentimeter! Er rsikierte seine Gesundheit, keine Frage! Irgendwann hatte er sich so in Fahrt gebracht, daß er völlig spontan, ins Publikum sprang und selbst in dieser Position weitersang. Später stellte er sich sogar auf die Hände seiner Fans und stand aufrecht im Publikum, der helle Wahnsinn! Aber es ging glücklicherweise immer glimpflich aus und der Heißsporn konnte unbeschadet weitermachen. Zweitaktivstes Bandmitglied war der aus Bordeaux stammende Bassist Guillaume Le Guen. Der Musiker, der sich beim Festival in Evreux noch den Fuß auf der Bühne gebrochen hatte, sprang heute wieder wie ein Wilder durch die Luft, von Schonung keine Spur! Ruhiger hingegen war Keyboarder Wilfried Jourdan, der Bruder von Olivier. Aber auch er ließ sich von der Begeisterung im Publikum anstecken und drehte eine Runden auf den Händen der Fans. Gitarrist Cyrille Sudraud schließlich hatte seinen großen Auftritt, als er bei einem Lied mit einer Kuhglocke durch die Gegend lief. Letztlich waren aber alle fünf Musiker an dem großartigen Konzert maßgeblich beteiligt. Franck, Cyrille, Wilfried und Olivier kennen sich seit ihrer Schulzeit auf einem Gymnasium in Südfrankreich, wo sie als Coverband (The Likyds) anfingen und unter anderem Songs von den Small Faces und den Kinks coverten. Passenderweise gab es dann heute auch eine gelungene Neuinterpretation von I'm Not Like Everybody Else von den Kinks. Eines von vielen Highlights, denn ohne Übertreibung war festzuhalten, das jedes einzelne Lied wie eine Bombe einschlug. Spektakulär allerdings das Ende, die letzten fünf Lieder beginnend mit Single zogen besonders gut. Die Single Down, Down, Down räumte dabei genauso ab wie Bad Taste And Gold On The Doors (I want my Kate Moss) und letztlich bedurfte es noch nicht einmal einer Zugabe. Die Maroquinerie war auch so ein Tollhaus und die Leute werden sich sicherlich noch lange an dieses einmalige Konzert erinnern!




Setlist HushPuppies, La Maroquinerie, Paris:

01: Lost Organ
02: Moloko Sound Club
03: You're Gonna Say Yeah!
04: 1975
05: You & Me
06: Love Bandit
07: Broken Matador
08: Marthelot 'N' Clavencine
09: Harmonium
10: Fiction In The Facts
11: I'm Not Like Everybody Else (Cover von den Kinks)
12: A Trip To Vienna
13: Hot Shot
14: Lunatic's Song
15: Bassautobahn
16: Single
17: Down, Down, Down
18: Bad Taste And Gold On The Doors (I Want My Kate Moss)
19: Pale Blue Eyes
20: Packt Up Like Sardines In A Crushtin Box


Freitag, 31. Oktober 2008

Koko von Napoo & Sheraff, Paris, 29.10.08

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Konzert: Koko von Napoo & Sheraff (Soirée Custom)

Ort: Le Nouveau Casino, Paris

Datum: 29.10.2008

Zuschauer: mittlere Auslastung
Konzertdauer: jeweils circa. 40 Minuten



Als ich ins Nouveau Casino eintrete, haben die drei Mädels und der eine Junge von Koko von Nappo gerade schon begonnen. Die Kulturzeitschrift Les Inrockuptibles organisiert seit ein paar Monaten eine neue Konzertreihe (neben dem bereits etablierten Inrocks Indie Club in der Maroquinerie, über den ich bereits oft hier berichtet habe), die sogenannten Soirées Custom. Pro Abend werden mindestens drei Bands ins Nouveau Casino eingeladen, zwischen denen es in musikalischer Hinsicht aber oft keinen besonderen Zusammenhang gibt. Gäste waren bisher u.a. Get Cape Wear Cape Fly, Jamie Lidell, Midnight Juggernaughts, The Little Ones, Das Pop. Auch Santogold stand bereits einmal auf dem Programm, aber die aufstrebende Sängerin sagte damals kurzfristig ab.

Heute waren nun Anoraak, Koko Von Napoo und Sheraff geladen, allesamt französische Bands, die aber lieber auf englisch singen.

Anoraak, die mir nichts sagten, hatte ich verpasst, aber für die Bands, zu denen ich kommen wollte, war ich pünktlich genug.

Über Koko von Napoo habe ich an dieser Stelle bereits oft berichtet, deshalb hier in der gebotenen Kürze nur das Wichtigste: Es gibt ein neues Lied im Programm und das ist ausnahmsweise auf französisch geschrieben worden. Platine (zu deutsch:Plattenspieler), so der zumindest vorläufige Name, trägt die typische Handschrift der Pariserinnen. Waviger Elektropop mit starkem 80ies-Einschlag und einer catchy Melodie. Keine Frage, die Band hat Hits zu bieten und schert sich auch nicht darum, daß eine gewisse trashige Note dabei ist! Die Bandmitglieder stehen dazu, daß sie ab und zu gerne recht peinlichen Kram aus den 80ern hören, wie.z.B: Samantha Fox, Sabrina, Valerie Dore und Italo-Disco Kram. Natürlich wird das ganze auf die Schippe genommen und mit der eigenen Duftnote versehen. Man nimmt sich von den sogenannten "Guilty pleasures" (Lieder aus den Mainstream- Charts, die man unter der Dusche pfeift und insgeheim ein wenig mag, sich aber dafür schämt) nur die eingängigen Melodien und verwandelt das Ganze in eine fetzige Indie-Version. Polly beispielsweise ist ein solcher Hit. Unverschämt ohrwurmig und mit sphärischen Synthie-Klängen und einem wavigen Bass versehen. Eine starke Nummer, die es bald auf Vinyl-Single geben wird. Auf der Rückseite (keine B - sondern Doppel A-Seite!) wird das schrammelige Agence Blady Trailer sein, ein cooler Song, den man inzwischen auch auf der MySpace Seite anhören kann.

Macht davon Gebrauch und freut Euch wie ich auf das Album, das 2009 erscheinen soll!

Danach kamen die Raubeine von Sheraff zum Zuge, vier heißblütige, gutaussehende Rocker, die besonders bei dem weiblichen Publikum gut ankommen. Ihr Stil, fetziger Garagenrock im Geiste von Bands wie Jet, The Datsuns, The Vines und The Hives, mag zwar im Jahre 2008 nicht mehr unbedingt wahnsinnig angesagt sein, aber Spaß macht er trotzdem. Da wird von Anfang bis Ende wie Hölle gerockt und nie der Fuß vom Gaspedal genommen. Der kurzgeschorene Sänger Ben ist ein besonders wilder Hund, in ihm steckt Adrenalin pur und seine Posen sind bereits jetzt äußerst professionnell. Mit ihrem wuchtigen Sound qualifizieren sich die Pariser als Vorbands ihrer Idole. Ich kann mir gut vorstellen, daß sie in Zukunft einmal für die Queens Of The Stone Ages, Datsun, oder The Hives eröffnen dürfen. Im Stadion werden sie ohnehin schon bald angekommen sein, obwohl ihr Sound nach wie vor schrammelig und keine Spur glattpoliert ist. Sie werden nämlich am 6. November im Pariser Zénith als Vorgruppe der noch deutlich jüngeren BB Brunes auflaufen!



Samstag, 24. Mai 2008

Koko von Napoo, Paris, 23.05.08

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Konzert: Koko von Napoo (After Show Party Crystal Castles)

Ort: Paris Paris, Paris (nicht wundern, ich bin nicht besoffen, der Laden trägt zweimal den Namen der französischen Hauptstadt und liegt in ebendieser!)
Datum: 22 u. 23.05.2008 (als ich eintrat war es 23 Uhr 30, das Konzert begann aber erst um 1 Uhr, also am 23.)
Zuschauer: wieviele Snobs passen in den Schuppen? Schätzungsweise 200-250
Konzertdauer: circa 40 Minuten


"Nein - ich gebe nichts!", (kurze Pause) - "Ich habe kein Geld dabei, tut mir Leid!"

Wie bitte? Ich hatte nur einen jungen Mann in Hemd und Anzug gefragt, wo es denn zu dem angesagten Club Paris Paris geht und wollte selbstverständlich nicht um Kleingeld betteln. Die beschriebene Szene ereignete sich in der Nähe der berümten Pariser Oper. Da ich noch nie in dem Laden war, fragte ich eben einen Passanten um Hilfe, von dem ich vermutete, dass er in solchen Etablissements verkehren könnte. Mit seinem Anwalts-bzw. Geschäftsmann-Outfit und dem aufrechten Gang schien er mir die passende Ansprechperson zu sein. Ich lag mit meiner Einschätzung richtig, der arrogante Schnösel wollte auch ins Paris Paris!

"Geh mir einfach nach, ich will auch dahin", murmelte er von oben herab und musterte mich mit seinen blauen Augen und dem Gesicht eines zu gross gewordenen Babys (Haare hatte er mit seinen geschätzten 28-30 Jahren bereits keine mehr auf dem Kopf).

Gerade heute abend hatte ich mir bewusst Eike's richtigen und weisen Kommentar zu Herzen genommen, indem er sich zu recht darüber beschwert hatte, dass ich in meinem Konzertbericht über Meg Baird ein zu vorurteilshaftes Bild von den Jungdynamikern gezeichnet hatte und dann so etwas!

Ich ging also mit dem Anzugträger die Strasse entlang, obwohl er mich zuvor zu einem bettelnden Penner degradiert hatte und behandelte den Tpen, dem ich gerne den Arsch versohlt hätte, ausnehmend höflich und zuvorkommend. "Weshalb ich denn ausgerechnet heute ins Paris Paris müsse?", wollte er plötzlich von mir wissen. - "Da spielt eine Pariser Band, die ich gerne sehen möchte, Koko von Napoo heissen die", informierte ich ihn - "Kenn' ich nicht, was für eine Art von Musik machen die denn?", spielte er interessiert - "Elektro-Pop mit starken Eighties-Anleihen", klärte ich auf. "Hmm", machte er nur.

"Ja und eigentlich findet dieser Konzert-Abend ja statt, weil Crystal Castles eine Aftershow Party geben und Platten auflegen und so", informierte ich ihn eingehender. - "Die kenn' ich auch nicht", sagte er knapp und schien darauf ziemlich stolz zu sein.

"Und was willst Du heute im Paris Paris?", bohrte ich ein wenig nach. - "Ein Arbeitskollege feiert da heute, der hat mich eingeladen; eigentlich gibt es immer zwei Sessions im Paris Paris, einmal sofort nach der Arbeit ("après le boulot", wie er sagte) und dann noch eine spätere. Wenn Du so willst, komme ich jetzt erst für die erste Session."

Der Gedanke an diese seltsamen After-Work Abende wirkte auf mich stark abschreckend (weil ich mir die ganzen jungen Anwälte vorstellte, die nach Feierabend ihre Krawatte in die Jackettasche stecken und um sich locker zu machen, exakt zwei Knöpfe ihres Hemdes öffnen), aber ich liess mir nichts anmerken. "Interessant" heuchelte ich ihm vor. Nach wie vor hatte er diesen musternden und hochnäsigen Blick drauf, aber davon liess ich mich nicht mehr ärgern, denn jezt hiess es an den bulligen Türstehern vorbeizukommen. Wir wünschten uns gegenseitig einen schönen Abend und stellten uns in die Schlange der Wartenden. Gleich nebenan hatte eine Anwaltssozietät ihre Büros, ansonsten waren in dem Gebäude mit dem imposanten Tor jede Menge Psychater und Psychologen niedergelassen, was mich an ein Buch des Zynikers Michel Houellebecq denken liess. Da beschrieb er treffend, dass die ganzen Psychoklempner alle in den feinen Adressen von Paris zu finden seien...

"Was willst Du hier?", raunzte mich einer der beiden Gorillas an, die den Sesam des Paris Paris wie Pitbulls bewachten. - "Ich stehe auf der Liste von Koko von Napoo, die später hier spielen werden", gab ich mich betont selbstsicher, weil ich mir dachte, dass diese Nummer ziehen würde. - "Wer ist das Koko von Napoo?", spielt er ahnungslos und ich hörte die gleiche Frage innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Male. - "Eine Band, die treten hier auf und haben mich auf die Gästeliste setzen lassen." Der Typ guckte in die Luft und beachtete mich nicht mehr, da kam sein Gorilla-Kollege mit einer wichtigen Liste an. "Wie heisst Du?" - Ich murmelte meinen Namen, aber das schien im eigentlich egal zu sein. Er hatte keinen Bock, die Liste durchzusehen und liess mich durch. Der Sesam öffnete sich...

Ich ging eine Treppe hinunter und sah Yuppies ausgelassen zu "Push The Button" von den Chemical Brothers tanzen. Es war haargenau so, wie ich mir das von Sylt, Monte Carlo oder Aspen/Colorado vorgestellt hatte. Neureiche Typen liessen die Sau raus, tanzten auf den kleinen runden Tischen und orderten Champagnerflaschen in rauen Mengen. So der so ähnlich muss es im P1 in München sein, dachte ich mir und bekam beim Gedanken an Olli Kahn, der seine strohblonde Verena K ausführt, leichte Magenkrämpfe. Die Frauen im Paris Paris waren sehr jung und hatten Absätze an, die in vielen Fällen locker die 12 cm- Grenze erreichten. Zudem zeigten sie gerne und bewusst Bein und bedeckten ihre Augen mit diesen riesigen Paris Hilton-Sonnenbrillen, obwohl die Sonne nicht gerade senkrecht in den Club schien. Ich kam mir vor wie im Zoo und wollte fast schon wieder gehen, als ich auf den Gitarristen von Koko von Napoo traf. Während die Leute auf der Tanzfläche zu "Karma Chameleon" steilgingen, fragte ich ihn, wann denn mit dem Liveauftritt zu rechnen sei. "Nicht vor 1 Uhr", klärte er mich auf. Es war gerade einmal Mitternacht und ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich es so lange hierdrin aushalten könnte. Aber das Eis war gebrochen, ich plauderte noch ein bisschen mit ihm weiter und traf später auch die mir schon bekannten Jungs der Band Hushpuppies. Frank, der Schlagzeuger, sagte mir, dass Olivier Jourdain, der Sänger der Hushpuppies, Koko von Napoo produzieren würde. Alles sei noch sehr amateurhaft, aber das habe ja auch seinen Charme. Ich pflichtete ihm bei und so verging die Zeit dann doch schneller als befürchet.

Irgendwann war dann auch derjenige Teil der Tanzfläche, der eine kleine Rampe zu bieten hatte, zur Konzertbühne hergerichtet.

Die Koko von Napoos gingen in Stellung. Marion, die Keyboarderin mit dem roten Kleidchen musterte ihr Tasteninstrument, Toupie die Sängerin guckte, ob ihre Melodica und das Babykeyboard an ihrem Plätzchen waren und Faustine, die schlagzeugspielende Musikkritikerin (Magazin Magic) setzte sich hinter ihre Drums. Der männliche Bassist und Gitarrist mit dem gepflegten Drei-Tage Bart griff zu einem seiner Saitengeräte, die er im Laufe des Sets wechselte und los ging es mit "Baden Baden".

Baden Baden? Aber das ist doch eine Kurstadt in Deutschland, wie kommt eine französische Band auf einen solchen Titelnamen? Toupie, die Sängerin mit der quietschenden Stimme (ihr Kommentar dazu: "entweder die Leute lieben meine Stimme, oder sie hassen sie"), klärte mich später per e-mail auf. Meine Bandkollegen fanden den Namen sehr lustig und dann fragten sie mich, ob ich nicht ein Lied mit diesem Namen schreiben wolle und das habe ich dann eben gemacht.

Das Lied war brauchbar, aber nicht das beste des Sets. Viel problematischer war für die drei Mädels und den einen Jungen hingegen, dass der Sound nicht so recht passte. Sie konnten ihre Instrumente selbst nicht hören und waren dadurch recht verunsichert. Hinzu kam, dass es dem Grossteil des stark angeheiterten Publikums ohnehin egal war, wer da vorne spielte und was geboten wurde. Eigentlich hätte man auch "Hänschen-Klein" vortragen können, das wäre auch nicht weiter ins Gewicht gefallen. Zum Glück für die Band auf der Bühne gab es aber ausser mir aber noch circa 20 Leute, die sich auch für die Musik von Koko von Napoo interessierte. Und die wurde von Lied zu Lied besser, auch wenn die Soundprobleme bis zum Ende fortbestanden. Mit "I Am Dead" brachten die Pariser einen Knüller in bester New Order Manier, getrieben von einer polternden Basslinie, für die der Hahn im Korb verantwortlich zeichnete. Er hielt den Laden zusammen und führte seine weiblichen Bandkolleginnen mit seinem beherzten Spiel sicher durch das Set. Die Singelauskopplung "Jonbon" war ein weiteres Highlight und dann kam plötzlich auch noch Olivier "Hushpuppies" Jourdain hinzu. Der wie ein Latin Lover aussehende schlanke Kerl spielte zur Belustigung aller Anwesenden Melodica und sang auch ein wenig mit. Dann liess er die Necomer wieder alleine weitermachen und die Emporkömmlinge der Pariser Indie-Szene setzten mit den Ohrwürmern "Polly" und "June", gehalten im Stile von New Wave Pop à la Blondie oder Altered Images, noch weitere positive Akzente (obwohl ich amüsanterweise ihr Englisch mit dem französischen Akzent nicht immer richtig verstand; Was sangen sie da? "A horse should behave like a real horse?" (Polly) ).

Nach vierzig Minuten war dann schliesslich mit "Saadie" Schluss. Der Diskoabend ging allerdings mit lauter Techno-Musik weiter und mein arroganter "Freund" von dem ich eingangs erzählte, soff mit Kollegen Cocktails. Wie in dem Film mit Tom Cruise. Achso und auf einer Leinwand lief übrigens "Miami Vice". Ausgerechnet die Folge mit Phil Collins...

Setlist Koko von Napoo, Paris Paris, Paris:

01: Baden Baden
02: Agence Blaby
03: I Am Dead
04: Jonbon
05: Polaroid
06: Polly
07: June
08: Saadie



Freitag, 16. Mai 2008

Lightspeed Champion, Paris, 15.05.08

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Konzert: Lightspeed Campion (These New Puritans, Glasvegas, Koko von Napoo)
Ort: La Maroquinerie, Paris (Inrocks Indie-Club)
Datum: 15.05.2008
Zuschauer: ausverkauft, aber wegen der Hitze zunächst nicht restlos gefüllt
Konzertdauer: alle 3 Vorgruppen circa 30 Minuten, Lightspeed Champion knapp 60 Minuten



Wenn man doch gleichzeitig auf zwei verschiedenen Konzerten sein könnte!


An diesem warmen 15. Mai wäre ich zu gerne wieder dazu in der Lage gewesen. Es gab nämlich zwei parallel laufende Veranstaltungen, die mich interessierten. Zum einen den einmal im Monat stattfindenden Inrocks Indie Club in meiner geliebten Maroquinerie und zum anderen ein Konzert von Folk-Barde Scott Matthews, der im Point FMR gastierte. Von letztgenanntem Konzert hatte ich allerdings erst sehr spät erfahren und zwar zu einem Zeitpunkt als Tickets für Lightspeed Campion längst geordert waren. Trotzdem kaufte ich eine Karte für Scott, denn ich wollte mich nach Glasvegas von der Maroquinerie abseilen und ins Point FMR hetzen. Lightspeed Champion interessierte mich nämlich nicht sonderlich, ich hatte Dev im November letzten Jahres schon einmal gesehen und bin auch kein Fan seiner CD.

Meine Pläne stellten sich aber leider als überambitioniert heraus, denn ich kam noch nicht einmal dazu, mein Ticket für Herrn Matthew abzuholen, ich hatte schlicht und einfach zu viel zu tun. Mist!

Volle Konzentration also auf den Inrocks Indie Club, der mit dem Auftritt der Pariserinnen Koko von Napoo begann. Ob es an den heissen Weibern auf der Bühne lag, dass mir so unglaublich warm war? Nun, zum Teil, denn ich musste zuvor den Berg Richtung Maroquinerie (rue menilmontant) zu Fuss besteigen, da die Buslinie 96 bestreikt wurde. Die Franzosen und ihre Streiks, eine unendliche Geschichte! Da frage ich mich doch, was Herr Sarkozy den ganzen Tag treibt. Der hat wohl alle Hände voll mit der Carla zu tun! Könnte er nicht einfach diese Streiks und Demos kurzerhand verbieten, zumindest wenn Konzertblogger Oliver Peel zu einem Gig muss?

Mit völlig verschwitztem T-Shirt stand ich also vor mich hin müffelnd in dem noch nicht besonders gut gefüllten Laden und glotzte auf die Bühne. Dort agierten die drei feschen Mädels und der mir vollkommen egale junge Mann am Bass. Im Mittelpunkt: die brünette Sängerin Toupie, die auch Gitarre und Klavier spielt und zuweilen in eine grüne Melodica bläst. Sie hatte sich extra für mich hübsch gemacht und war in einen roten Faltenrock geschlüpft (passend hierzu der Nagellack) zu dem sie wundervolle, karamellbraune Schuhe trug. Obenherum war sie in ein weisses Lightspeed Champion T-Shirt gehüllt. Der Headliner des heutigen Abends, mit dem Koko von Napoo auch durch Frankreich touren, hatte wohl die Spendierhosen an und der gesamten Pariser Band T-Shirts gestiftet. Ein netter Kerl dieser Devonte Hynes, ein richtiger Frauenversteher...

Mit der für den heutigen Abend passenden Kleidung konnte also nicht viel schief gehen und obwohl ich gegenüber dem über die Girlgroup lästernden Fotografen Robert Gil, behauptete, dass ich Koko von Napoo auch nicht so grandios fände, amüsierte ich mich insgeheim grossartig. Zum einen finde ich die schräge Stimme von Toupie, die wie die Sängerin der Eighties Band Altered Images klingt, ziemlich geil, zum anderen gefällt mir auch der schrammelig dargebotene New-Wound Sound. Alles ist sehr amateurhaft (die Schlagzeugerin macht auf mich immer den Eindruck, dass sie sich sehr konzentrieren müsse, um sich nicht zu verspielen) und simpel gehalten, dafür aber sehr eingängig und auch tanzbar. Und Hits haben die Kokos reichlich zu bieten, eigentlich ist jedes Lied ein Kracher! "Polly" und Jonbon" findet man auch auf ihrer MySpace Seite, aber es gibt noch andere Perlen, die man im Moment nur auf Konzerten hören kann. "I'm Dead" beispielsweise ist mit seinem scharfen Basslauf und der Synthiesprenklern bester 80 er Jahre Indie-Pop im Stile von New Order und das ein oder andere Stück hätte auch Blondie nicht besser hinbekommen.

"Felicitations et bravo" also von meiner Seite an Koko von Napoo für ein knallbuntes und kurzweiliges 30 Minuten Set!

Im Anschluss blieben wir mit den Schotten Glasvegas musikalisch beim Thema Eighties- Revival. Die Bühne war in äusserst dichten roten Nebel gehüllt, so dass man von den Musikern nur die schwarzen Umrisse und ab und zu das Gesicht des Sängers (James Allan) mit der schmalzigen Elvis Presley Tolle sah. Man konnte anhand der Silhouetten erahnen, dass die Schotten, die vom NME in den höchsten Tönen gelobt werden, nicht sonderlich schlank waren, aber die Optik spielte hier überhaupt keine Rolle. Es ging in allererster Linie um eine melancholische und leicht gothisch zu nennende Atmosphäre, die mit Hilfe des rot-schwarzen Lichts und einer wahren Wand hochmelodischer Gitarren erzeugt wurde. Wow, welch hymnischer und euphorisierender Sound, kein Wunder, dass der NME von den neuen Jesus & Mary Chain schwärmt und die Single "Daddy's Gone" zur Nummer 2 (!) seiner Jahrescharts 2007 gewählt hat! Nicht nur von diesem Hit war auch ich von den Socken, sondern im Grunde genommen von jedem Song, der da abgefeuert wurde. Sänger James Allan sang zeitweise wie ein schottischer Robert Smith (Akzent inklusive) und die weibliche Schlagzeugerin Caroline McKay trommelte hinten wie eine Wilde, das es eine wahre Wonne war.

Und dann diese unfassbare Nummer "Geraldine", ein zukünftiger Klassiker des Brit-Pop. Schade, dass nach lediglich 30 Minuten schon Schluss war, ich hätte noch stundenlang den atmosphärischen Klängen zuhören können. Kurzum: meine neue englische Lieblingsband, von der sich auch andere Zuschauer begeistert zeigten. Philippe sah Ähnlichkeiten zu Aztec Camera, den Manic Street Preachers und natürlich Jesus And Mary Chain, ich allerdinsg auch zu den frühen U2, was mir die Sache aber nicht im Geringsten vermieste. Malcolm Middleton oder The Twilight Sad wären ohnehin die passenderen Referenzen gewesen.

Also vergesst sofort Las Vegas und merkt euch Glasvegas!

Die Schotten werden dieses Jahr bei allen renommierten englischen Festivals auftreten, Glastonbury, T in The Park, etc. Wer Glück und Zeit hat, ist dabei!

Setlist Glasvegas, La Maroquinerie, Paris:

01: Flowers And Football Tops
02: Lonesome Swan
03: It's My Own Cheatin Heart That Makes Me Cry
04: Geraldine
05: Polmont
06: Go Square Go
07: Daddy's Gone

Nach Glasvegas enterte eine andere junge "NME-Band" die Bühne der Maroquinerie. Ihr Name: These New Puritans. Eigentlich ein Quartett mit weiblicher Keyboard-Spielerin (Sophie Sleigh- Johnson), heute aber nur zu dritt und rein männlich. Präsent waren neben dem Bassisten Thomas Hein die Brüder Barnett, Jack verantwortlich für Gitarrenspiel und Gesang und sein Zwilling Georg, zuständig für die Drums und das "Löcher-in-die-Luft gucken" (was hatte er da oben an der Decke bloss gesehen?).

Ein stylishes Trio, das so schick ist, dass sich schon Modedesigner Hedi Slimane auf sie gestürzt hat und sie womöglich in klamottentechnischer Hinsicht berät. Ob er für Sänger Jack Barnett auch dieses seltsame Oberteil angefertigt hat, was dieser heute trug? Und was war das eigentlich?
Eine Ritterrüstung? Ein Adlerkostüm? Ich hatte soetwas jedenfalls noch nie gesehen...

Und kostbare Spielzeit wollten die jungen Engländer wohl auch nicht vergeuden, sie stiegen mit Volldampf in ihr 32 minütiges Set ein und feuerten mit "Navigate, Navigate", "Swords Of Trouth" und Numbers" (what's your favourite number?") drei UK-Singles hintereinander ab. Allesamt schrammelige Neo-New Wave Nummern, die äusserst hibbellig und tanzbar daher kamen. Ich musste aufgrund der düsteren Grundstimmung un dem nörgeligen, repetetiven Gesang sofort an die Kultband The Fall denken.
Junge Leser, die The Fall nicht kennen, stellen sich einfach eine rohere und weniger meliodiöse Form von Franz Ferdinand und Bloc Party vor. In der Fachpresse werden sie zudem oft mit den Klaxons verglichen (mit denen sie auch schon auf Tour waren), aber sie scheinen mir live doch deutlich weniger elektronisch zu sein.

Als persönliches Highlight des Sets empfand ich "Elvis", das mit einem gemeinen Basslauf und treibendem Sound gefallen konnte. Stücke wie "FFF" (Fire Fire Fire) und das abschliessende "Infinity" wirkten hingegen recht monoton und sorgten somit für eine gemischte Einschätzung des Potentials dieser aufstrebenden Band. Fetzig und stylish sind sie, aber ob das reicht, um auch noch 2009 eine Rolle bei den Kids zu spielen, muss man abwarten. 2008 sind sie jedoch bei fast allen wichtigen Festivals dabei, sei es Benicassim, Pukkelpop, oder gar bei dem japanischen Summer Sonic Event.

Setlist These New Puritans, La Maroquinerie, Paris:

01: Navigate- Colours
02: Swords Of Truth
03: Numerology AKA Numbers
04: C 16 TH
05: Elvis
06: Colours
07: En Papier
08: FFF
09: Infinity

Auf den diesen Konzertabend abschliessenden Auftritt von Lightspeed Champion musste man eine ganze Weile warten.

"Sorry for the wait" entschuldigte sich dann auch der pelzkappetragende Sänger Devonte Hynes, der hinter dem Projektnamen Lightspeed Champion steckt. Zvor hatte schon seine niedliche Drummerin Trockenübungen an ihrem Schlagzeug gemacht. Sie war die Erste von der Band, die sich auf der Bühne blicken liess, wahrscheinlich wollte sie sich ausgiebig mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut machen...

Die kleine Lady, die mit ihrem Dress und dem flotten Tuch an eine Pfadfinderin erinnerte, war schon die dritte Schlagzeugerin des Abends, nur bei These New Puritans gab es einen männlichen Drummer. Drummerin, ein typischer Frauenberuf? Scheint zumindest stark im Kommen zu sein!

Und Männer spielen jetzt neuerdings Geige, oder was? Eigentlich ist dies ja das typisch weibliche Instrument, man braucht bloss einmal in die Berliner Philharmonie zu gehen, oder sich anzusehen,
wer bei Get Well Soon, Operator Please und Arcade Fire fiedelt. Bei Lightspeed Chamion ist aber alles ein wenig anders...

Ein schwarzer Mann mit Pelzkappe und Brille, der damals bei den Test-Icicles den New-Rave miterfunden hatte und nun mitsamt männlichem Geiger und weiblicher Gitarristin Folk-Pop im Stile von Conor "Bright Eyes" Oberst spielt, mit dessen Musikern er auch das Album "Falling Off The Lavender Bridge" in Omaha aufgenommen hat. Schon komisch, oder?
Und dafür im übrigen hervorragende Kritiken eingeheimst hat. Ich bin allerdings nicht sein allergrösster Fan, das muss ich gestehen. Und damit meine ich jetzt nicht meine recht bescheidene Körpergrösse, sondern die Tatsache, dass mir seine Kompositionen zeitweilig ein wenig zu süsslich sind. Man muss sich nur einmal das schmalzige Teil "All To Shit" anhören, dass gegen Ende kam, um zu wissen, was ich meine.

Insgesamt ist das Liedmaterial von Devonte aber gar nicht mal so schlecht, den Hit "Galxy Of The Lost" muss auch ich ihm lassen und das neue Stück
"Marlene" kam recht fetzig und dennoch melodiös daher. Darüber hinaus muss man auch den Soundtechnikern in der Maroquinerie mal ein Kompliment machen, der Sound war klar, druckvoll und präzise. Und dass lag natürlich auch an der gut eingespielten Band, die sehr interessante und charmante Kompositionen zu bieten hat, die mich wohl vollends begeistern würden, wenn nicht desöfteren die Extraportion Zuckerguss darübergekippt würde.

Wirklich etwas für's Herz war aber der Kurzauftritt der süssen Mädels von Koko von Napoo, die Devonte galanterweise als "amazing band" bezeichnete. Die Pariserinnen sangen zu "Madame van D" herzallerliebst und mit viel Einsatz mit und wurden zu recht gefeiert. Von den angekündigten französischen Lyrics, die extra für heute eingebaut werden sollten, habe ich aber irgendwie nichts mitbekommen. Vielleicht habe ich nicht richtig hingehört?!

Richtig hingehört dürfte ich aber bei der Ankündigung der Singleauskopplung "Tell Me What It's Worth" haben, denn diese stellte der sehr gut gelaunte Herr Hynes als "Let's fucking kill it" vor.

Ansonsten zeigte er sich aber guterzogen und galant und kam vor allem beim weiblichen Publikum sehr gut an.

Neben der Gitarre spielte er auch Keyboard und zu "All To Shit" sogar Schlagzeug und stellte sich gar nicht mal so dumm dabei an. Letzlich endete er nach circa einer Stunde Spielzeit auf der rechten Box und spielte über den Köpfen der erstaunten Zuschauer seine melodiösen Riffs weiter. Abgefahren!...

Setlist Lightspeed Champion, Maroquinerie, Paris:

01: Galaxy Of The Lost
02: Marlene (neu)
03: Dry Lips
04: Madame Van D
05: Tell Me What It's Worth
06: No Surprise
07: Happy Birthday (neu)
08: All To Shit
09: Star Wars Surprise (eigentlich Midnight Surprise)


Links:

- mehr Fotos von Koko von Napoo
- mehr Fotos von Glasvegas
- Fotos von These New Puritains
- Fotos von Lightspeed Champion




 

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