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Dienstag, 21. Juni 2011

Dark Dark Dark, Paris, 20.06.11

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Konzert: Dark Dark Dark

Ort: Maison de la Radio France, Black Session # 330 chez France Inter

Datum: 20.06.2011

Zuschauer: viele

Konzertdauer: eine Stunde



Wehmut und ein diffuser Trennungschmerz lasteten auf der heutigen Black Session # 330 in den Studios des Radiosenders France Inter.

Und dies lag nicht in erster Linie an der auftretenden Band Dark Dark Dark und ihren hochmelancholischen Bildschönsongs, sondern den aktuellen Umständen bei France Inter. Moderator Bernard Lenoir sprach von der möglicherweise allerletzten Session, die wir heute hier erleben würden. Verzweifelte Buhrufe erfüllten das Studio, aber Lenoir beschwichtigte die Gemüter sofort, erwähnte fast entschuldigend die unsicheren Zeiten, in denen wir heute leben würden und sprach die Hoffnung aus, daß es nach den Sommerferien doch wieder weiter gehe. Allerdings würden die Räumlichkeiten auf jeden Fall umgebaut und auch das Konzept werde höchstwahrscheinlich verändert.

Im Klartext: die Session # 330 war eine historische und markiert das Ende einer langen Erfolgsgeschichte, in der unzählige Bands von Rang und Namen hier musiziert haben. Nur ein paar Namen: Yo La Tengo (2 Sessions, Foto) The Cure, Cat Power, Pulp (gleich mehrfach), James, The Wedding Present, Beirut, Eels, Mercury Rev, Radiohead, Suede, Dinosaur Jr, Stereolab, The Breeders, Mazy Star, , Teenage Fanclub, The Posies, Elastica, The Jesus and Mary Chain, Lush, The Divine Comedy, Tindersticks, Gang Of Four, The Echo and The Bunnymen, The Verve, Travis, Elliott Smith, Mogwai, Nick Cave And The Bad Seeds, Belle And Sebastian (2), The Delgados, Bonnie Prince Billy, Deus, Pavement, Supergrass, Calexico, REM, Michael J. Sheehy, Interpol (2), Beth Orton, The National, The Kills, Lambchop, Franz Ferdinand, The Beta Band, Herman Düne, Anna Ternheim, Loney, Dear, Sufjan Stevens, Bloc Party, Bright Eyes, Kaiser Chiefs, Andrew Bird, Sparklehorse, Arctic Monkeys, Low, Electrelane, Rose Kemp, The XX, Field Music ...

Wahnsinn, oder? Nun gut, es gibt einen recht großen Schönheitsfehler: die beste Band Frankreichs und eine der besten Bands weltweit, Syd Matters, wurde nie eingeladen. Vielleicht ist die Absetzung der Sessions also eine Strafe Gottes, der weiß, daß es in Frankreich nie talentiertere Musiker als Syd Matters gab und daß es eine Sünde war, sie nie bei C'est Lenoir auftreten zu lassen.

Aber kommen wir zu Dark Dark Dark. Diese wurden vom Moderator als eine Band angekündigt, die Elemente des Pop, des Americana, des Jazz und der Balkanfolklore verbindet und eine Sängerin mit einer fabelhaften Stimme aufzubieten hat.

Und Bernard Lenoir hatte natürlich nicht zu viel versprochen, Nina Marie Invie sang schon wieder herzerweichend und die Band bewegte sich in der Tat im Spannungsfeld der obengenannten Stilrichtungen.

Eine sechsköpfige Truppe hatte sich auf der Bühne versammelt, darunter diesmal auch ein Cellist, den ich nie zuvor bei Konzerten von Dark Dark Dark geboten bekommen hatte. Er spielte ganz wundervoll und die harmonische und samtweiche Note des Cellos passte perfekt zur warmherzigen Musik der Amerikaner. Sehr auffällig auch der Drummer, Mark Trecka, den ich auch schon einmal solo als Singer/Songwriter erlebt hatte (Foto). Der langmähnige Rauschebartträger rührte den Schneebesen, ließ Glöckhen läuten, erzeugte diverse atmosphärische Geräusche mit seinen Sticks und spielte so abwechslungsreich, nuanciert und filigran, daß es eine helle Freude war. In seiner Nähe agierte ein schlaksiger Gitarrist eher dezent.

Die vordere Reihe wurde von drei Multiinstrumentalisten eingenommen. Die zwei Herren wechselten sich mit Nina Invie teilweise am Klavier und Akkordeon ab und spielten ansonsten Trompete und Klarinette (+ ab und an Banjo).

Das Sextett performte wie aus einem Guß, erstaunlich, wie problemlos man den Cellisten in das Line Up einbinden konnte und wie harmonisch alles klang.

Jedes einzelne Lied war der jeweils schönste Lovesong der Welt. Ich schmolz förmlich dahin, als ich Perlen wie In Your Dreams, Something For Myself, oder Celebrate hörte und ließ mich ganz tief in meinen bequemen Sessel fallen. Jeden klitzekleinen Augenblick dieser letzten Black Session genoß ich in vollen Zügen, fühlte mich durch die Anwesenheit von Dark Dark Dark reich beschenkt. Der Wohlklang aus Trompete, Akkordeon und Piano erfüllte meine Ohrmuscheln, streichelte mein Gemüt und ließ mich innerlich bitten, daß dieses Konzert nie zu Ende gehen werde.



Doch nach 50 Minuten wurde bereits der letzte Song angekündigt. Daydreaming kam zum Vortrage und ich fühlte mit jeder Faser meines Körpers die unwiderstehliche Melancholie und die irreale Schönheit dieses Kleinods. "Oh If you knew what it meant to me" greinte Nina Invie und mein Herz pochte wie verrückt. Wie von einem Opiat betäubt lag ich da und ließ mich berieseln, Mann war das himmlisch! Dann aber war Schluß mit den Tagträumen, denn die Show war zu Ende und die Band schlich in die Kabine.

Unter lautem Jubel kamen die Helden noch einmal zurück, boten noch zwei Stücke und beendeten mit der entzückenden Ballade (allein diese kleine Pianomelodie, irre!) Robert die wahrscheinlich letzte Black Session. Nach fast 20 Jahren hieß es Abschied nehmen von einer liebgewonnenen Gratisveranstaltung.

Kaum jemand hätte zum Abschluß besser gepasst als die zärtlichen, einfühlsamen und so viel Trost spendenden Dark Dark Dark. Ein würdiges Ende einer Ära!

Daß Gottschalk weg ist, ist gut so, Bernard hätte aber bleiben sollen. Mensch, mach' weiter, alter Knabe!

Merci Bernard, merci France Inter! Et à bientôt!

Setlist Dark Dark Dark, Black Session # 330, Paris:

01: Something For Myself
02: Say The Word
03: Heavy Heart
04: In Your Dreams
05: Celebrate
06: The Hand
07: All The Things
08: Nobody Knows
09: Trouble No More
10: Bright Bright Bright
11: Daydreaming

12: Wild Go
13: Robert

Aus unserem Archiv:

Dark Dark Dark, Paris, 03.05.11
Dark Dark Dark, Paris, 24.03.11
Dark Dark Dark, Paris, 10.11.10

Konzerttermine Dark Dark Dark (ohne Gewähr):

20.06.2011: Black Session # 330 chez France Inter, Paris
22.06.2011: Oerol Festival, Terschelling, Niederlande
24.06.2011: Festival Le Rock Dans Tous Ses Etats, Evreux, Frankreich
25.06.2011: Démon d'or, Lyon
26.06.2011: Bad Bonn, Dudingen, Schweiz
27.06.2011: Beatpol, Dresden
28.06.2011: Café Steinbruch, Duisburg (mit François and The Atlas Mountains)
30.06.2011: Comet Club, Berlin
02.07.2011: Roskilde Festival, Dänemark
03.07.2011: Fusion Festival, Lärz, Deutschland
04.07.2011: Kulturhaus III & 70, Hamburg
05.07.2011: Café Wagner, Jena
06.07.2011: Breminale Festival, Bremen




Dienstag, 1. Februar 2011

Iron & Wine, Paris, 31.01.11

2 Kommentare

Konzert: Iron & Wine

Ort: Maison de Radio France, Studios de France Inter, Black Session Lenoir
Datum: 31.01.2011

Zuschauer: ausverschenkt, etwa 250
Konzertdauer: eine Stunde


Jammerschade, daß ich die Black Session von Iron & Wine verpasst habe! Leute, die dabei waren, sprechen von einer beeindruckend schönen Vorstellung. Mein Freund Philippe D. hatte das Glück, der Show beizuwohnen und schildert uns auf französisch seine Impressionen. Merci! Ich fasse seine Worte in Stichpunkten kurz zusammen:

- Sam Beam aka Iron & Wine hat bisher sehr selten in Frankreich gespielt, lediglich zweimal in seiner ganzen Karriere. Eines dieser Konzert fand im Divan Du Monde statt. Ich hatte hier von dem wundervollen Gig berichtet.

- Sam hat gerade sein viertes Album Kiss Each Other Clean herausgebracht. Es ist reichhaltiger instrumentiert als die reduzierten Vorgänger, setzt auf Chorgesänge à la Beach Boys und wird teilweise sogar durch elektronische Elemente bereichert.

- das heutige Konzert fand jedoch in angespeckter Form statt. Weder Bass, noch Schlagzeug und nur 3 Begleitmusiker: Jim Baker (Banjo, Mandoline), Nick Luca von Calexico am Piano und Rosie Thomas als Backgroundsängerin.

- die ersten drei Stücke, Walking Far From Home, Woman King und Flightless Bird, American Mouth werden äußerst reduziert vorgetragen. Nur Sam mit Gitarre, bei Flightless Bird sogar fast gänzlich a capella. Magische Momente.

- dann stößt die Band hinzu und neue und alte Stücke halten sich die Waage. Der Sound ist brillant.

- eine Zugabe und welche! Das Kleinod Trapeze Swinger interpretiert Beam wieder ganz alleine und liefert einen der schönsten Songs ab, der je in diesem Radiostudio gespielt wurde.

Live report en français par Philippe D. Merci beaucoup!

Sam Beam, plus connu sous le nom d’Iron and Wine, se fait rare en France : jusqu’à lundi dernier, il n’avait joué en tout et pour tout que deux fois dans notre pays (dont un concert mémorable au Divan du Monde en janvier 2008). C’est dire l’intérêt qu’à suscité son passage dans les studios de Radio France en Black Session le 31 janvier.

Iron and Wine vient de sortir un quatrième album au titre attendrissant, Kiss Each Other Clean, qui voit sa musique s’éloigner encore davantage du folk pour gagner en orchestrations et en chœurs quasi « beach boysiens », le tout parsemé de cuivres et même de passages électro.

Pour cette prestation, Sam a pourtant choisi de jouer en formation légère : pas de batterie ni de basse, et seulement trois personnes l’accompagnent : Jim Baker (banjo, mandoline), Nick Luca (Calexico) au piano et autres claviers, ainsi qu’une choriste de choix en la personne de Rosie Thomas (connue pour ses albums et notamment pour un merveilleux duo avec Sufjan Stevens, The One I Love).

Et il commence son concert de manière encore plus dépouillée, la barbe toujours fournie et vêtu d’une veste en velours, seul à la guitare, pour interpréter Walking Far From Home (titre d’ouverture du nouvel album), puis Woman King et surtout, un Flightless Bird, American Mouth vocalement sur le fil, presque intégralement a cappella. Et tout de suite la magie opère.



Rejoint par ses trois acolytes, Sam Beam enchaîne alors les titres, alternant nouvelles chansons (notamment le très beau Tree by the River) et titres anciens. Comme souvent, en black session, les conditions d’écoute sont excellentes et le son magnifique.

Tout est réuni pour un final d’anthologie : Sam Beam revient seul faire un titre unique en rappel, et quel titre !

“Please, remember me happily
By the rosebush laughing
With bruises on my chin, the time when
We counted every black car passing
Your house beneath the hill
And up until someone caught us in the kitchen
With maps, a mountain range, a piggy bank
A vision too removed to mention…”

Les couplets de The Trapeze Swinger s’égrennent alors pendant près de 10 minutes, accompagnés par le jeu de guitare céleste du troubadour Texan. Sublime chanson, sublime interprétation.

Setlist Iron & Wine, Black Session,France Inter, Paris:

01: Walking far from home
02: Woman king
03: Flightless bird, american mouth
04: Tree by the river
05: Big burned hand
06: Love and some verses
07: Peace beneath the city
08: Half moon
09: He lays in reins
10: Glad man singing
11: My lady's house
12: Naked as we came

13: (Rappel) The Trapeze Swinger

Anmerkung: Pics aus dem Archiv bei Oliver Peel.

Links:

- English Review by Rockerparis with pics & video, click!
- Bloggerzar Eike vom Klienicum zum neuen Album von Iron & Wine, click!

Aus unsererm Archiv:

Iron & Wine, Haldern, 09.08.08
Iron & Wine, Paris, 19.01.08





Dienstag, 31. August 2010

Band Of Horses, Paris, 30.08.10

2 Kommentare

Konzert: Band Of Horses

Ort: Maison de Radio France, France Inter, Black Session Bernard Lenoir
Datum: 30.08.2010
Zuschauer: viele
Konzertdauer: 1 Stunde


Band Of Horses = Band des Jahres!

Meine Begeisterung kennt keine Grenzen, euphorischer Bericht über die Black Session beim Radiosender France Inter morgen. Noch nie zuvor habe ich eine derart berauschende Session in den heiligen Hallen des Maison de Radio France erlebt. Einfach der helle Wahnsinn! Wer kann die Pferdeband auf ihrem unaufhaltsamen Weg an die Spitze noch stoppen?

Here's the whole story:

Meine Begeisterung für die Band Of Horses nimmt dieser Tage fast schon manische Züge an. Ich frage mich manchmal, ob das in meinem Alter noch angemessen ist. Mit 39 und annähernd 1000 Konzertbesuchen auf dem Buckel sollte man doch distanzierter und abgeklärter sein, oder nicht? Vielleicht sollte man das wirklich, das wäre sicherlich vernünftig. Vernünftig aber auch langweilig und trist! Musik setzt nun einmal Emotionen frei, das ist wie beim Fußball. Erwachsene Menschen weinen wie kleine Kinder, wenn ihr Team verloren hat und jubeln zügellos, wenn ihre Mannschaft erfolgreich war. Immer wieder schön.

Also, lasst mich jubeln! Los geht's:

Erst letzte Woche erfuhr ich beiläufig, daß die Band Of Horses eine Black Session beim Radiosender France Inter spielen würde. Ich war außer mir vor Vorfreude! Das einzige Problem war, daß ich wie immer keine Einladung für diese reservierungspflichtige Veranstaltung hatte. Aber von einer solchen Lappalie wollte ich mich nicht stoppen lassen. Ich lastschte durch den wunderschönen Pariser Nachthimmel an der Seine entlang Richtung Maison de Radio France. Irgendwie würde ich da schon reinkommen, schließlich hatte das bisher noch immer geklappt ("et hät noch immer jut jegange", würde der Kölner sagen). Wie immer kam ich kurz auf knapp an. Die Uhr zeigte 21 Uhr 55 an und um zehn Uhr beginnt die live ausgestrahlte Radiosendung. Etwa ein dutzend Leute standen in einer Schlange und hofften darauf, mit einer Einladung bedacht zu werden. Ein Ordner der Radiostation alberte rum: "Es gibt nur nich vier Plätze, die anderen muss ich leider nach Hause schicken", verkündete er diebisch grinsend. Zum Glück war das nur ein Scherz, denn wenn ich nicht reingekommen wäre, hätte ich möglicherweise die Mädels an der Rezeption als Geisel genommen, um den Einlass zu erzwingen. Haha, just joking...

Alle Übriggebliebenen bekamen also in letzter Minute den begehrten Pappkarton, der die Teilnahme an der Black Session ermöglicht. Im Studio 105 wurden gerade noch die Nachrichten gesendet, bevor Moderator Bernard Lenoir nach vorne trat und eine bereits reife Band ansagte. "Nicht solche gehypten Jungspunde aus England", irgendwas in dieser Art brabbelte Bernard im Bezug auf die Amis und er hatte natürlich recht. Die Band Of Horses gibt es nun schon ein paar Jährchen und Sänger Ben Bridwell und seine vier Mitstreiter wirkten in der Tat routiniert und gelassen. Ohne Hektik legten sie gegen 22 Uhr 5 ihre Gitarrengurte um, bezogen Stellung und ließen es krachen. Moment! Ließen es krachen? Nein! Die wunderschöne Ode To LRC performten sie in stark abgewandelter Form. Die erste Hälfte war rein akustisch und nur Ben Bridwell und Gitarrist Tyler Ramsey spielten, während die anderen reglos rumstanden. Dann aber wurde der Startschuß gegeben und alle 5 Musiker traten in Aktion. Zum ersten Mal wurde klar gemacht, daß die Band Of Horses eine lupenreine Gitarrenband ist, die richtig laut werden kann. Ben hatte zunächst Probleme gegen die hohe Dezibelzahl anzusingen, im Laufe des Konzertes wurde seine hohe Weltsensationsstimme aber so perfekt warm, daß er gegen den Wall of Sound mühelos ankam. Zu meiner größten Freude wurden gleich im ersten Drittel die drei besten Songs des neuen Albums Infinite Arms rausgehauen. Compliments ist ein lässig aus dem Ärmel geschüttelter Stampfer mit dem ohrwurmigsten Gitarrensolo (gespielt von Tylor Ramsey) des Musikjahres 2010, Factory eine amerikanische Antwort auf In My Place der britischen Coldplay und Laredo ein Stück, das man bestimmt wunderbar in einem Truck auf einem amerikanischen Higway hören könnte.

Die 5 Typen der Band Of Horses lassen ohnehin keine Zweifel darüber zu, wo sie herkommen. Alles an ihnen wirkt amerikanisch. Die Cowboystiefel, die Karohemden, die dunklen Blue Jeans, die Bärte. Eine Truppe die wiztig anzusehen ist. Sänger und Gitarrist Ben Bridwell ist dünn wie ein Handtuch, genau wie sein Bassist Bill Reynolds, Lead- Gitarrist Tylor Ramsey riesengroß und dürr wie eine Bohnstange, während der rundliche Orgler Ryan Monroe (der Sohn von Marilyn? Nein!) deutlich zu viele Burger gegessen haben dürfte. Den sehr effizient trommelnden Schlagzeuger Creighton Barrett sah man hingegen fast gar nicht. Neben dem Chef Bridwell begeisterte mich Tyler Ramsey am meisten. Er war es, der mit seinen unfassbar langen, dünnen Fingern diese ganzen kleinen Zuckermelodien aus seiner Elektrischen zupfte. Kein einziges Fehlerchen unterlief diesem sanften Riesen, der auch unter eigenem Namen Songs veröffentlicht. Für die Band Of Horses hat er die reduzierte Ballade Evening Kitchen geschrieben, die er zusammen mit Bridwell auch hier und heute vortrug. Bei diesem Lied hatte die Stimme von Ben die meiste Luft zum Atmen, weil keine lauten Gitarren seinen Gesang torpedierten. Herzergreifend erklomm sein Falsett luftige Höhen und auch Songwriter Tyler selbst sang famos im Duett mit. Das genaue Gegenteil zu dieser Akustiknummer stellte der krönende Abschluss mit dem Klassiker The Funeral dar. Höllisch laute, aber dennoch hochmelodische Gitarren, ein Refrain den fast jeder im Studio kannte und die durch Mark und Bein gehenden Jodelgesänge des Herrn Bridwell sorgten für einen Abgang nach Maß. Das Publikum toste. Eine Zugabe gab es trotzdem nicht mehr. Nun ja, man soll halt eben aufhören, wenn es am schönsten ist. In diesem Sinne: bis bald mal wieder!

Setlist Band Of Horses, Black Session # 316, Bernard Lenoir, Paris:

01: Ode To LRC
02: Compliments
03: Marry Song
04: For Annabelle
05: Factory
06: Laredo
07: Older
08: Is There A Ghost
09: The General Specific
10: Evening Kitchen
11: Blue Beard
12: No One Gonna Love You
13: The Funeral


Dienstag, 30. März 2010

LoneLady, Paris, 29.03.10

3 Kommentare

Konzert: LoneLady
Ort: Maison de Radio France, Black Session France Inter, C'est Lenoir
Datum: 29.03.2010
Zuschauer: so einige frei Plätzchen
Konzertdauer: eine Stunde


Auf meinen Kopfhörer läuft Siouxsie and The Banshees und zwar das legendäre Album The Scream. Ich bin auf dem Weg zu den Radiostudios von France Inter, die im 16. Pariser Arrondissement liegen. Für mich ist das ein halbstündiger Fußmarsch und eine gute Gelegenheit, mich ein wenig zu bewegen. Nachdem ich 2004 noch einmal meine engsten Jeans zumachen konnte, bin ich inzwischen wieder richtig fett geworden. Das passt irgendwie nicht zur (Post)-Punk Musik. Da sind sie alle dürr, vermutlich weil sie sich den Hunger wegrauchen oder gar harte Drogen nehmen. Auch Julie Campbell aka LoneLady, die heute bei France Inter auf dem Programm steht, ist hager und knochig. Aber irgendwie steht ihr das genau wie die schwarzen Waver-Klamotten perfekt. Sie ist noch so jung, daß sie Siouxsie and The Banshees, Joy Division und die Gang Of Four nicht aktiv miterlebt haben kann. Vielleicht hat sie alte Platten auf dem Speicher der Eltern gefunden und ist so mit dem New Wave Virus infiziert worden. War ja auch eine faszinierende Zeit damals in Manchester als das kultige Label Factory (Joy Division, A Certain Ratio, The Durutti Column etc.) seine Glanzzeiten hatte und alle in die Hacienda gepilgert sind. Vieles wird rückblickend natürlich auch verklärt und idealisiert, das ist ja immer so. Tennisfans die heutzutage behaupten, Tennis sei damals spannender gewesen, sollen sich mal ein Match von Borg gegen Vilas ansehen. Wegschnarchen würden sie ob des lahmen Rumgeeiers! Genau wie ich während des Auftritts der Französin Raymonde Howard , die kurzerhand als Erste auf die Bühne von France Inter geschickt wird. Sie war auf dem Programm nicht ausgewiesen und ist so etwas Ähnliches wie die Vorgruppe von Lonelady. Ihr Garagenrock, den sie mit einem schlechten englischen Akzent vorträgt, ist belanglos. Eine halbe Stund verstreicht ohne besondere Vorkommnisse.

Dann macht sich die rotblonde LoneLady bereit. Zusammen mit ihren zwei Begleitmusikern an Keyboard und Schlagzeug fängt sie erst um 22 Uhr 30 an und hat lediglich eine halbe Stunde Spielzeit. Leider ist zu konstatieren, daß dies völlig ausreichte, denn die Monotonie und die fehlenden Varianten innerhalb der Lieder ist doch frappierend. Ein Song gleicht dem nächsten. Immer der gleiche Schlagzeug-Rhythmus, repetitive Gitarrenriffs und ein Synthiespiel mit zwei Fingern. In der Maroquinerie vor ein paar Tagen hat mir das Ganze doch wesentlich besser gefallen. Erst mit dem schnellsten Lied des Sets, Early The Haste Comes, kommt etwas Bewegung in die Sache. Das gestochen scharfe Gitarrenriff erinnert an die Gang Of Four (Andy Gil), die Julie Campbell verehrt. Ihre fragile, brüchige Stimme ist gar nicht schlecht, aber an Siouxsie zu Glanzzeiten kommt sie keinswegs ran. Die war doch wesentlich angriffslutiger, bissiger und energischer.

Mit Marble wird kurz vor Schluß der beste Song performt. Die Synthiemelodie ist gothisch düster und später kommt auch noch die kurz angerissene Gitarre ins Spiel. Ohne Frage ein starkes Lied, auf das noch das ebenfalls gelungene Intuition zum Abschluß gepackt wird. Dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack. Das soll jetzt der heißeste Post Punk Revival Act aus Manchester sein? Punk is dead, Post Punk is dead and the Post Punk Revival is dead too! Oder so. Aber es gibt doch The XX?! Stimmt! Angesichts einer bei Licht betrachtet doch recht mittelmäßig prickelnden LoneLady relativiert sich der Hype um die Band mit den zwei Buchstaben. The XX haben es wohl doch überzeugend hinbekommen, mit minimalistischen Mitteln etwas Spannendes zu schaffen.

Auf dem Rückweg höre ich erneut Siouxsie and The Banshees. Diesmal das Album Juju. Wesentlich abwechslunsgreicher und komplexer als das, was uns eben ihre Nacheiferin LoneLady geboten hat!

Aus unserem Archiv:

LoneLady, Paris, 23.03.2010



Dienstag, 23. März 2010

Jessie Evans, Paris, 22.03.10

2 Kommentare

Konzert: Jessie Evans

Ort: Black Session # 312, France Inter, Maison de la Radio
Datum: 22.03.2010
Zuschauer: etwa 300
Konzertdauer: 55 Minuten



Mein lieber Schwan, was für ein steiler Zahn, diese Jessie Evans! Jaja, jetzt werden einige mir schon wieder einen sexistischen Schreibstil andichten, aber die Jessie, die legt es ja auch wirklich drauf an, für ihre weiblichen Attribute wahrgenommen zu werden, oder etwa nicht?

Jessie Evans? Wer ist das überhaupt? Laut Konzertfotografenzar Robert Gil eine deutsche Künstlerin, aber er hat sich wohl zu stark davon beeinflussen lassen, daß die Dame ihren Wohnort mit Berlin angibt. Das stimmt zwar so, aber eine Berliner Pflanze ist Jessie nicht. Sie stammt vielmehr aus Kalifornien und steht auf Sonne. Und auf spanische Stierkämpfe und Tango. Zumindest lässt ein Teil ihrer extrovaganten Choreografie und ihres Bühnenoutfits darauf schließen. Wie ein Torrero rannte sie bei einem Song über die Bühne des Radiosenders und hatte auch stilgerecht das passende schwarze Hütchen dazu auf. Ansonsten trug sie nicht viel, abgesehen von dem güldenen Umhang, der aber auch irgendwann fiel. Wenn sie sich umdrehte, sah man Teile ihres wohlgeformeten Gesäßes. Ein erfreulicher Anblick. Auch ihre Beine waren sehr hübsch und vor allem elastisch, denn sie schmiss die Dinger desöfteren weit in die Höhe. Ein wahnsinniges Laufpensum hatte die Lady und fast schien es so, als hätte sie den Ehrgeiz gehabt, jeden Winkel des schnöden Studios abzurennen! Von links nach rechts zu hetzen war ihr irgendwann zu langweilig, also wezte sie die Treppenstufen hoch und runter. Das belustigte das verdutzte Publikum ungemein, das wie immer bräsig rumsitzend der Hochleistungssportlerin zusah.

Achso, außer der Körperertüchtigung spielte sie auch Musik. Ja, ja! Und zwar Saxofon. Jawohl. War ja schon in den 80ern mein Lieblingsinstrument und ist völlig zu Unrecht lange Zeit verpönt gewesen. Und wenn Jessie Evans in das Teil reinbläst, sieht das besonders heiß aus. Bei einem Stück gab es das längste Saxonfonsolo, daß ich je gesehen habe. Mindestens 10 Minuten lang pustete sie da rein, bis die Wangen fast fetzten.. Echt wahr! Ansonsten sang sie auch, meistens englisch, ab und zu auch spanisch. Und einen Drummer (Toby Dammit) gab es auch, aber den beachtete ich nicht weiter, denn ich wollte genau sehen, wohin Jessie ihre Beine nun schon wieder schmiss.

War das Ganze denn auch musikalisch toll? Aber hallo! Ihr glaubt mir nicht? Nee, ehrlich, war wirklich interessant, etwas Vergleichbares hatte ich noch nicht gesehen und man soll ja immer offen für neue Dinge sein, gell?

Setlist Jessie Evans, Black Session # 312, France Inter, Paris:
01: Intro
02: Scientist Of Love
03: Is It Fire?
04: Class Magic
05: To The Sun
06: Love Rules
07: Don't Be Bought
08: Ninos del Espacio
09: Golden Snake
10: Let Me On
11: Blood & Silver
12: Whitemare



Dienstag, 23. Februar 2010

Field Music & Le Loup, Paris, 23.02.10

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Konzert: Field Music & Le Loup

Ort: Maison de Radio France, Black Session # 311,
France Inter, Paris

Datum: 23.02.2010
Zuschauer: viele

Konzertdauer: jeweils etwa eine Stunde
, Le Loup ein wenig länger



Eine doppelte Black Session in den Studios von France Inter. Hat es so etwas vorher schon einmal gegeben? Hmm, ich bin wahrscheinlich nicht die richtige Ansprechperson. Meinen Freund Philippe müßte man fragen, der hat nämlich allerhöchstens 5 (von 311!) dieser Sessions verpasst.

Aber kramen wir nicht allzu lange in der Historie dieser live aufgezeichneten Radiosendung rum und konzentrieren uns auf das heutige Programm. Das war nämlich ganz vorzüglich! Um 20 Uhr 15 gingen die Engländer Field Music ins Rennen und um 22 Uhr 05, also zur ansonsten üblichen Zeit durften die Amis von Le Loup zeigen, was sie drauf haben. Moderator Lenoir plauderte Interna aus und schilderte mentale Unterschiede in der Vorbereitung. Field Music seien vor Lampenfieber fast gestorben, Le Loup hingen hätten ganz lässig gewirkt.

Aber die Schüchternheit steht Field Music eigentlich recht gut. Die Gebrüder Brewis und ihre beiden Mitstreiter an Bass und Gitarre waren immer eher Leisetreter und keine Band, die man auf dem Cover des NME finden kann. Dabei hätten sie es in musikalischer Hinsicht verdient gehabt, denn alles, was sie bisher ablieferten ( 3 Alben, eines davon mit "Rarities" und "B-sides") war innovativ, komplex und eigenständig. Eine tolle Band also, die allerdings ein paar Jahre pausiert hat. Die Brewis redeten davon, daß sie sich "proper jobs" suchen wollten. Lange hielten die bürgerlichen Vorsätze nicht, denn schon bald starteten sie die Projekte School Of Language (David Brewis) und The Week That Was (Peter Brewis), die ebenfalls hervorragend waren. Nun aber die Reformation und das neue Doppelalbum Measure ist in diesen Tagen erscheinen. Kurioserweise erfolgte der Einstieg ins Set aber ausschließlich mit alten Titeln. Ohne Pause zwischen den Stücken wurden die alten Perlen Give It, Lose It, Take It , A House Is Not A Home (beide von Tones Of Town) und You Can Decide vom selbstbetitelten Album zur Schau gestellt. Der Sound war ungemein rockig und laut, die Stimme von Peter Brewis, der zunächst Piano spielte, im späteren Verlauf dann aber auch trommelte und Gitarre spielte, kaum zu verstehen. Schade, schade, denn er hat doch ein so hübsches Kehlchen! Auf den Alben klingt er fast wie ein junger Paul McCartney, hier und heute hörte man in erster Linie den lauten Bass und die Gitarren. Im Laufe der Session wurde es aber zum Glück etwas besser, obwohl der Eindruck blieb, daß die Verstärker zu sehr aufgedreht waren. Eine Band wie Field Music, deren Stil man zu Recht oft als Kammer Pop bezeichnet, so rockig, daß viele sofort ihre Ohrenstöpsel in die Gehörgange bohrten, schon etwas seltsam. Leider fehlten auch die Streicher, was Peter Brewis in einer Szene schmunzelnd folgendermaßen kommentierte: "Normally there are strings on this song, but not tonight, so you have to use your imagination"...

Wie waren aber nun die neuen Lieder? Nach dem ersten Hördurchgang natürlich schwer zu sagen, aber auf Anhieb gefiel mir schon einmal der Titeltrack Measure und auch Effortlessly war nicht von schlechten Eltern. Der Titel passt ohnehin gut zum Stil der Engländer, denn ich finde, daß bei Field Music alles so leicht und unverkrampft aussieht. Effortless, ohne großen Aufwand eben. Freilich machen es die Jungs einem nicht allzu leicht, denn Refrains im klassischen Sinne haben die Lieder keine und angestimmte Melodien werden oft wieder unterbrochen. Brüche und Tempowechsel gehören zum Standardrepertoire der Sunderlander und es gab hinterher auch einige Zuhörer, die deshalb nicht sonderlich begeistert von dem Konzert waren. Sie sollten sich gedulden und die Alben oft laufen lassen, denn die Kompositionen entfalten ihren zeitlosen Glanz erst beim x-ten Hördurchgang. Ich bin und bleibe Fan. Tolles Konzert einer sympathischen Truppe!

Setlist Field Music, Black Session # 311, France Inter, Paris:

01: Give It, Lose It, Take It
02: A House Is Not A Home
03: You Can Decide
04: Rockist
05: Shorter Shorter
06: Clear Water
07: Each Time Is A New Time
08: A Gap Has Appeared
09: If Only The Moon Where Up
10: Effortlessly
11: Measure
12: Them That Do Nothing
13: Pieces
14: Something Familiar
15: Share The Words
16: Tell Me Keep It


Nach dem Konzert von Field Music wurden die Zuschauer nach draußen gebeten. Darauf hatte ich aber keine Lust, sondern unterhielt mich lieber ein wenig mit dem sehr netten Peter Brewis. Ich sagte ihm, daß ich seine Band sehr schätze und sie heute sehr laut gewesen seien, was er mit einem kurzen: "Oh, really?" konterte. Er wollte dann auch noch wissen, wie man Point Éphémère aussprechen würde. Dort spielen sie nämlich demnächst. Ich bin dabei!

Schließlich beugte ich mich aber doch den Anweisungen des Personals von France Inter. In dem Laden herrschen strenge Regeln. Nicht nur, daß wir alle rausgehen mussten, nein auch das Fotografieren wurde mir und anderen Hobbyknipsern verboten*, was ich schwerlich nachvollziehen konnte. Könnten Field Music und Le Loup, die nun anstanden, nicht ein wenig PR gebrauchen? Außerdem war das, was Le Loup veranstalteten, absolut sehenswert. Chef Wolf Sam Simkoff spielte zunächst mit einer sogenannten Auto Harp, die ich schon einmal bei einem Konzert der Französin Myra Lee gesehen hatte. Der recht kleingewachsene Bursche mit den rötlichen Haaren und der Brille wirbelte in der Folge wie Rumpelstilzchen über die Bühne, spielte auch Keyboard und rückte sich mit einer Hand immer wieder die Brille zurecht, die ihm ob seiner Rumhüpferei ständig nach unten rutschte (schon mal was von der Erfindung von Kontaktlinsen gehört, Mister Simkof?). Auffällig auch der links (vom Zuschauer aus) postierte Gitarrist mit dem Rauschebart. Er spielte solch herrliche warme Melodien, daß ich mit der Zunge schnalzte! Überhaupt der Sound: so harmonisch, organisch, originell und berauschend.

Ich hatte Le Loup schon einmal zur Tour ihres ersten Albums gesehen, war aber bei weitem nicht so begeistert wie heute. Stufte ich sie damals als "nicht schlecht, ziemlich interessant" ein, war ich heute von Anfang bis Ende hingerissen. Unfassbar wie viele Ideen die Amis haben und wie originell ihre Musik klingt! Klar kann man Parallelen zu Bands wie Yeasayer, Animal Collective, Grizzly Bear, Vampire Weekend, Here We Go Magic, Local Natives, The Dodos und auch den Fleet Foxes ziehen, aber damit ist der Stil von Le Loup nicht beschrieben, sondern nur thematisch eingegrenzt. Und sie haben so viele famose Lieder! Mit dem Album Family haben sie wirklich einen riesigen Sprung nach vorne gemacht. Beach Town ist dufte, aber auch der Morning Song oder Sherpa, mit dem sie das fantastische Konzert mit der dritten Zugabe abschlossen. Le Loup sind der Hammer! Wenn sie in Eurer Nähe auftreten, solltet ihr unbedingt zu einem ihrer Konzerte gehen!

Konzerttermine von Le Loup im grenznahen Gebiet (ohne Gewähr):

26.02.2010: Botanique, Brüssel
27.02.2010: Merleyn, Nijmegen
28.02.2010: Cactus, Brügge
03.03.2010: Le Grand Mix, Tourcoing, Lille
04.03.2010: La Laiterie, Straßburg

Aus unserem Archiv:

Le Loup, Paris, 22.10.08
The Week That Was, Paris, 05.09.08

*Anmerkung: Bei den Bildern handelt es sich um Archivfotos. Nur die Schüsse, die Peter Brewis beim salutieren zeigen, sind neu und mit seinem Einverständnis nach dem Konzert entstanden.


Links:

- Auch das Klienicum ist von Le Loup begeistert und schwärmt (hier!) vom Album Family, obwohl Eike das florale Cover abschreckend findet
.
- Plattentest. de lobt hier! das neue Album von Field Music und verteilt 8/10.



Mittwoch, 27. Januar 2010

Hot Chip, Paris, 26.01.10

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Konzert: Hot Chip

Ort: Studio 105, France Inter, Maison de Radio France (Black Session Lenoir # 309)
Datum: 26.01.2010
Zuschauer: volles Studio
Konzertdauer: 55 Minuten



Ich bin schon ein frecher Bengel! Latsche auf Bluff mal Richtung Maison de Radio France, wohlwissend, daß ich für die Blacksession mit Hot Chip nicht die erforderliche Platzreservierung habe. Eigentlich mache ich das immer so, weil ich weiß, daß ich zur Not auf meine konzertverrückten Pariser Freude zählen kann, die pflichtgemäß die Einschreibeprozedur für die Gästeliste vorgenommen und 2 Plätze zugewiesen bekommen haben. Das überschüssige Kärtchen nehme ich dann gerne in Empfang. Heute hatte ich mich aber mit niemanden vorher abgesprochen und hoffte auf die Gnädigkeit und Kulanz der Franzosen. In der Regel ist es nämlich so, daß die netten Damen am Empfang auch Leuten ohne Listenplatz einen Eintritt gewährenden Pappkarton aushändigen, wenn klar ist, daß im Studio noch genug Plätze vorhanden sind. Insofern kann man durchaus sein Glück versuchen. Auch diesmal hatte ich Dusel und kam problemlos rein. In dieser Hinsicht sind Franzosen immer solidarisch und hilfsbereit, das schätze ich an ihnen. Da wird keiner aus formalen Gründen abgewiesen, wenn man die Leute irgendwie unterbringen kann.

Zum Konzert:

Schon beim Eintreten in das Studio fiel die discohafte Beleuchtung auf. Schließlich war Tanzmusik angesagt, da muss auch der Rahmen stimmen! Und überraschenderweise stimmte dieser nicht nur in beleuchtungstechnischer Hinsicht , sondern auch bezüglich der Tatsache, daß viele Leute von ihren kinoartigen Sesseln aufgestanden waren und stehenderweise die Fläche vor der Bühne belagerten. Ein Konzert einer tanzlastigen Band wie Hot Chip im Sitzen? Für mich undenkbar! Kann mir kaum vorstellen, daß diejenigen, die durchgängig faul in den Sesseln hingen, richtig Spaß hatten. Ich hingegen verbrachte einen richtig guten Abend! Ziemlich verwunderlich, wenn man bedenkt, daß mir das letzte Konzert von Hot Chip (Trabendo, Paris, März 2008) nicht sonderlich gefallen hatte. Der Sound war mir damals zu clean, zu steril und elektronisch und das Publikum furchtbar hedonistisch, teilweise richtiggehend agressiv. Ganz anders heute. Das gesamte Set klang gitarrenlastiger als auf den CDs, war schrammelig und funky. Ein paar Leute beklagten hinterher diesen Umstand, äußerten, daß sie gerade den sterilen elektronischen Sound aus der Konserve toll fänden, aber ich sah das natürlich ganz anders. Auch das Publikum heute war sehr fachkundig und angenehm. Etliche führende Blogger waren anwesend (Schreiberlinge von SOV, Popnews und Rockerparis) und auch sonst sah ich viele bekannte Gesichter, die sich regelmäßig auf guten Indie-Konzerten tummeln. Natürlich kam nie eine völlig ausgelassene Stimmung auf, dafür ist ein solches Radiostudio einfach zu blutarm, aber selten war in dem traditionell steifen Laden so viel Bewegung drin wie heute! Die Songs der Engländer trugen ihr Übriges dazu bei. Schon recht früh wurde mit Ready For The Floor, ein alter, in die Beine gehender Klassiker abgefeuert und die neue Single One Life Stand (der Titeltrack des aktuellen Albums) begeisterte mich vor allem durch den Einsatz einer tollen Steel Drum. Sechs Musiker (die Stammbesetzung mit Alexis Taylor und Joe Goddard als Sänger + ein richtiger Schlagzeuger) waren von Nöten diesen hibbeligen, quietschfidelen und funkigen Sound zu kreieren, der nicht selten an The Whitest Boy Alive erinnerte. Als die alte Hitsingle Over & Over spendiert wurde, erreichte die Stimmung ihren Höhepunkt. "Over and over and over and over and over, like a monkey with a miniature cymbal the joy of repetition really is in you under and under and under and under the smell of repetition really is on you and when i fell this way I really am with you", viele sangen den eingängigen Text mit und wippten vergnügt im Takt. Erfreulich, daß auch das neue und das Set abschließende Stück Hold On fast an die Zugkraft der 2006er Nummer anküpfen konnte. Ich merkte am eigenen Leibe, daß man sich bei Hot Chip in einen regelrechten Tanzrausch steigern kann und kam immer besser und besser rein!

Insofern schade, daß pünktlich um 23 Uhr Schluß war und keine Zugabe mehr gegeben wurde.

Hot Chip sind also letztlich gar nicht verkehrt, im Gegenteil! Und wenn man trotz Verspätung und fehlendem Listenplatz gratis reinkommt, ist auch das eine feine Sache!


Setlist Hot Chip, Black Session # 309, Lenoir, Paris:

01: Thieves In The Night
02: Hand Me Down Your Love
03: Ready For The Floor
04: I Feel Better
05: Alley Cats
06: One Life Stand
07: Over & Over
08: We Have Love
09: Hold On

Aus unserem Archiv

Hot Chip, Paris, 17.03.08

- Thanks for the great pictures to Patrice Guino from Rockerparis! They are copyrighted.
- Read the review of this show by Rockerparis



Dienstag, 13. Oktober 2009

Wild Beasts, Paris, 12.10.09

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Konzert: Wild Beasts
Ort: Studios von France Inter, Black Session Bernard Lenoir
Datum: 12.10.2009
Zuschauer: vollbesetzte Ränge
Konzertdauer: 55 Minuten



Paris wie es singt und lacht! Oder so. Auf jeden Fall war am 12. Oktober 2009 in musikalischer Hinsicht eine Menge geboten. Die vielerorts gelobte Shannon Wright im Alhambra, die isländischen Elektropopper Gus Gus im Batofar, die Grungelegenden Mudhoney im Trabendo, die aufstrebenden Südafrikaner Dear Reader im winzigen Keller des Pop In (zudem noch gratis!), die irische Singer/Sonwriterin Rachel Austin bei den Disquaires, es war für jeden etwas dabei!

Nachdem ich dreimal meine Konzertpläne geändert hatte, landete ich schließlich bei der Black Session der Engländer Wild Beasts.

Der Landeanflug war allerdings reichlich verspätet! Gut, daß ich das Maison de Radio France inzwischen fast so gut kenne wie meine Westentasche! Der reguläre Eingangsbereich war nämlich schon geschlossen, die Hostessen, die die Einladungskarten verteilen, abgezogen und kein Gast mehr auf den Fluren unterwegs. Ich musste außenrum laufen und durch den Hintereingang reinkommen. Völlig abgehetzt erreichte ich die Halle vor dem Studio 105, wo die Black Sessions stattfinden. Die nette Dame vom Empfang guckte mich verdutzt an und wollte meine Pappkarte sehen, die Einlaß gewährt. Ich erklärte ihr, daß ich so spät dran gewesen sei, daß ich sie gar nicht mehr abholen konnte. Sie versuchte streng zu gucken, belehrte mich, daß sie normalerweise niemanden mehr reinlassen dürfe und beendete den Satz mit: "Ausnahmsweise mache ich ihnen noch die Tür auf, aber seien sie mucksmäuschenstill und setzen sich auf den nächsten Platz, die Sendung läuft schon!"

Ich hätte die Gute umarmen können, aber das wäre wahrscheinlich deplatziert gewesen und hätte auch zuviel Lärm gemacht...

Ich sitze jetzt also auf einem dieser an der Seite befindlichen Klappstühlchen und glotze auf die Bühne. Die Wild Beasts sind schon in voller Aktion. Die Studiouhr zeigt die Zeit an: 22 Uhr 08. Vielleicht habe ich schon ein Lied verpasst, aber das ist unwahrscheinlich, weil um Punkt 10 erst die Nachrichten kommen und dann Moderator Bernard Lenoir noch eine kurze Ansage macht. Sicherlich hat er von der ungewöhnlichen Falsettstimme von Sänger Hayden Thorpe berichtet, der als direkter Nachfahre von Jimmy Somerville angesehen werden kann. Sein Kopfgesang ist wirklich unglaublich, wüßte man es nicht besser, würde man eine Opernsängerin hinter dem Mikro vermuten. Aber wir haben es bei Hayden in der Tat mit einem Mann zu tun. Jung ist er (gerade einmal 23 Jahre alt) und groß gewachsen. Die Schuhgröße würde ich auf 46 schätzen. Mindestens. Mit seinem Mützchen ähnelt er einem anderen Star der 80 er Jahre, nämlich Mark Hollis von Talk Talk. Auch der Sound der Band ist 80 ies-lastig, aber die Gitarren und die Keyboards klingen so modern, daß man keinen Zweifel hat, daß das Ganze in der Jetztzeit entstanden ist. Eine tanzbare Mixtur aus stakkatischem Schlagzeugwirbel mit afrikanischem Einschlag (die Bongos), fetzigen Beats und sphärischen und melodiösen Gitarren haben die 4 Jungs kredenzt und es ist insofern schade, daß man den Abend sitzenderweise verbringt. Außer ein paar Leuten, die sich auf den Oberschenkel schlagen, sieht man kaum Regung im Publikum. Und dies obwohl das neue, hochgelobte Album doch Two Dancers heißt. Jetzt ein wenig tanzen, das wärs!

Keine richtige Konzertatmosphäre also, aber zumindest die Tonqualität ist brilliant. Man hört jede noch so kleine Finesse, von denen es bei den Wild Beasts viele gibt, heraus. Die Burschen haben wirklich Ideen, liegen musikalisch irgendwo zwischen den Foals und Vampire Weekend, die ja auch die moderne Popmusik mit Innovationen beglückt haben. Über allem steht aber die Stimme von Hayden Thorpe. Sensationell wie hoch er kommt und witzig wie er manchmal knurrt! Dabei singt er längst nicht bei jedem Lied. Auch Bassist und Keyboarder Tom Fleming darf immer mal wieder in die Bühnenmitte und hinters Mikro. Vielleicht ist das auch besser so, sonst würde das Kehlchen von Hayden vermutlich doch etwas nervig. Auch Toms Stimme ist übrigens ungewöhnlich, wenngleich er nicht die extremen Frequenzen von Hayden erreicht.

Hinsichtlich der neuen Stücke ragen die beiden Singles Hooting & Howling und All The Kings Men (gesungen von Tom) heraus, aber auch der Rest hält ein hohes Niveau aufrecht. Das alte Material ist eh super, allein schon der Titel des Hits Brave Bulging Buoyant Clairvoyants verdient einen Preis! Mein persölnlicher Favorit The Devil's Crayon ist schließlich dem Moderator der Sendung gewidmet. Eine schöne Geste der Band, die heute sicherlich einige neue Fans hinzgewonnen hat.

Daumen hoch also für die Wild Beasts!

Setlist Wild Beasts, Black Session 305, France Inter, Paris

01: The Fun Powder Plot
02: We Still Got The Taste Dancing On Our Tongues
03: All The King's Men
04: Brave Bulging Buoyant Clairvoyants
05: Please, Sir
06: This Is Our Lot
07: Two Dancers
08: His Grinning Skull
09: Hooting And Howling
10: The Devil's Crayon
11: Empty Nest


Links:

- aus unserem Archiv: Die Wild Beasts in der Pariser flèche d'or am 20.06.2008 hier
- mehr Fotos von den Wild Beasts hier
- hübsch gemachter Videoclip Wild Beasts - Hooting & Howling



Dienstag, 1. September 2009

Metric, Paris, 31.08.09

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Konzert: Metric

Ort: Radiostudio von France Inter, Black Session: C'est Lenoir
Datum: 31.08.2009
Zuschauer: circa 250, vollbesetzte Ränge
Konzertdauer: eine Stunde



Fängt jetzt der Sommer erst richtig an? Angesichts der hohen Temperaturen und der trockenen Hitze in Paris könnte man das fast glauben. Die bereits gelb gefärbten Blätter an den Bäumen lassen aber erahnen, daß mit den lauschigen Nächten bald Schluß sein wird.

Ohnehin: die Sommerferien sind vorbei! Auch bei den Black Sessions, die in den Studios des Maison de Radio France stattfinden und das ist auch gut so, denn nun gibt es endlich wieder interessante musikalische Gäste für lau. Lediglich eine Eintragung in die Gästeliste muß man im Internet vornehmen und schon ist man gratis dabei. Theoretisch. Praktisch habe ich mich noch nie auf diese Liste setzen lassen, sondern immer darauf gehofft, daß meine in dieser Hinsicht gewissenhafteren Freunde mir ihr zweites Plätzchen spendieren. Ging auch bisher immer gut. Heute wurde es aber richtig eng, denn jeder Indiefan wollte bei Metric gerne dabei sein. Dennoch gelang es mir letztendlich, mich wieder reinzumogeln, indem ich den netten Damen am Empfang den Namen eines Freundes nannte, der sich um eine Reservierung bemüht hatte.

Sprichwörtlich in letzter Sekunde komme ich dann auch in dem Studio an, in dem Moderator Bernard Lenoir schon die musikalischen Gäste des heutigen Abends ansagt. "Ihre Ohren werden bluten ("vos oreilles aller seigner"), wenn sie die Ohrenstöpsel nicht tief in den Gehörgang bohren", warnt Bernard vor. Aber sind Metric wirklich so noisig?...

Die kanadische Band marschiert ein und von nun an glotze ich eine Stunde lang gebannt auf die attraktive Frontlady Emily Haines. Die drei Männer an Bass, Gitarre und Schlagzeug sind mir schnuppe, von mir aus hätten da auch Marionetten oder Roboter stehen können. Emily trägt ein enges schwarzes Glitzerkleid, das am Rücken unglaublich weit ausgeschnitten ist und dazu silber glitzernde Pumps. Meine Frau würde neidisch werden, hätte sie den Fummel gesehen. Misses Haines Figur ist ganz wunderbar und die Beine sind so makellos und schön, wie man sie seit Steffi Graf nicht mehr gesehen hat. Eine Augenweide! Aber ich bin ja wegen der Musik hier...

Das vierte Album Fantasies sei ein großer Wurf und ganz ausgezeichnet, hatte Bernard Lenoir noch zu Beginn erwähnt und ich frage mich, ob das wirklich stimmt. Ist es nicht einen Tick schlechter als die alten Platten? Aber in einer Hinsicht hat Lenoir auf jeden Fall recht: Metric können ganz schön laut sein, das merkt man vor allem gegen Ende des ersten Titels Twilight Galaxy, als saturierte Gitarren einem kräftig die Ohren durchpusten. Musikalisch stärker wird es mit Help I'm Alive, das mit seinem einprägsamen Refrain: "My heart keeps beating like a hammer" zum ersten Mal richtig packt. Das Konzert ist lanciert und trotz der immer etwas sterilen Radiostudio-Atmosphäre wippen ein paar Leute wild mit ihren Köpfchen im Takt. Was die Position auf der Bühne anbelangt, wechselt Emily zwischen der Mitte (wo sie nur singt) und dem rechten Bühnenrand (vom Zuschauer aus gesehen), um dort Keyboard zu spielen. Bei einem Song schnappt sie sich aber auch einmal die E-Gitarre und das sieht dann wirklich sehr sexy und stylish aus, mein lieber Scholli! Richtig gut wird es dann aber vor allem im letzten Teil, als nacheinander die alten Hits Dead Disco und Monster Hospital abgefackelt werden. An die Intensität und die Catchyness dieser beiden Stücke kommt heute wirklich nichts ran! Aufgrund dieser Knüller kann man das Konzert dann auch insgesamt als richtig gut bewerten, selbst wenn Stadium Love irgendwie an die scheußlichen Queen erinnert (wer hört hier noch Anklänge von We Will Rock You heraus?) und ich die abschließende Ballade Live It Out auch nicht unbedingt gebraucht hätte.

Und wie war es für die Band? - "It was like playing in a church, so quiet" gibt einer der männlichen Bandmitglieder am Ende zu, als er zusammen mit den anderen- also auch Emily- die heiligen Hallen der Radiostation verlässt. Emily lässt sich dann auch noch bereitwillig abknipsen (was eine Freundin von mir unglaublich glücklich macht), bevor sie in die lauschige Pariser Nacht entschwindet.

Es ist ja schließlich noch Sommer...

Setlist Metric, Black Session, France Inter:

01: Twilight Galaxy
02: Help I'm Alive
03: Satellite Mind
04: Handshakes
05: Gold Gun Girls
06: Gimme Sympathy
07: Sick Muse
08: Dead Disco
09: Monster Hospital
10: Stadium Love
11: Live It Out


Pour nos lecteurs français:

"Vos oreilles vont saigner" prédisait l'animateur Bernard Lenoir pour la première Black Session après les vacances estivales et il n'avait pas tort. Le groupe canadien Metric mené par de la jolie blonde Emily Haines (des jambes impeccables, une belle robe dos-nu) faisait en effet pas mal de bruit avec ses guitares saturées et un son parfois noisy. En revanche, je me demande si Bernard avait tout à fait raison quand il disait que l'abum actuel baptisé Fantasies est vraiment complètement réussi. Certes, on y trouve des morceaux efficaces comme Help I'm Alive ou Gimme Sympathy, mais les meilleures chansons restaient quand même les tubes ancien comme Dead Disco et Monster Hospital. À la fin, l'énergique Emily qui posséde une voix à la fois sensuelle et naive, montrait son côté doux en jouant la ballade Live it Out tout près de son guitariste.

Une très belle Black Session de rentrée!



Aus unserem Archiv:

- Metric bei Rock en Seine, Paris, 31.08.2009
- Metric am 05.05.2009 im Kölner Luxor





Dienstag, 16. Juni 2009

Soap & Skin, Paris, 15.06.09

4 Kommentare

Konzert: Soap & Skin
Ort: Maison de la Radio France, Studio 105, Blacksession chez France Inter, C'est Lenoir
Datum: 15.06.2009
Zuschauer: alle Plätzchen belegt
Konzertdauer: zwischen 45 und 50 Minuten



"Verflixt, das schaffe ich nicht mehr!", denke ich verzweifelt und fluche innerlich. Es regnet in Strömen, ich bin pitschnass und meine Armbanduhr zeigt 21 Uhr 50 an. Zu den Radiostudios von France Inter ist es von meinem Standort aus noch ein ganzes Stück, in 10 Minuten ist das niemals zu bewältigen. Dummerweise fangen sie dort nämlich ganz pünktlich an, weil die Session live gesendet wird.

Was tun? Wie ein begossener Pudel wieder nach Hause latschen? - Nein, kommt nicht in die Tüte! Aufgegeben wird nur ein Brief! Ich brauche einen Bus, sofort! Aber die Anzeigetafel verkündet als Wartezeit deprimierende 17 Minuten...

Ein Taxi, genau, ich brauche ein Taxi! Warum kommt denn hier keins, wenn ich es dringend brauche? Innerlich schreibe ich die Blacksession mit der Österreicherin Soap & Skin schon ab, da kommt plötzlich und unverhofft doch noch ein Wagen mit erleuchtetem Schild vorbei, der mich gegen Entgelt flugs zum Zielort fährt. Der Taxi fahrer scheint zunächst nett, entpuppt sich dann aber als Rassist. "Hip Hop ist fürchterlich!", flucht er und ich stimme ihm noch zu, dann aber vergreift er sich im Ton und hetzt gegen die Schwarzen und behauptet, sie würden mit ihrer Musik die Kriminalität befeuern und ähnlichen, noch wesentlich haarsträubenderen Käse. Mir kommt der Spruch von Roger Willemsen in den Sinn und ich würde in der Tat gerne 6 Sorten Scheiße aus dem Taxifahrer rausprügeln. Ich belasse es aber bei der Faust in der Tasche und haste am Radiosender angekommen die Treppenstufen hoch, um um 22 Uhr 01 im Studio 105 einzutreffen. Puh! Es laufen wie immer um diese Uhrzeit die Nachrichten, bevor es fünf Minuten später hell wird und Moderator Bernard Lenoir die Künstlerin des heutigen Abends vorstellt. Er faselt etwas von "Frissons", also einer Gänsehaut, die uns gleich sicherlich den Rücken runterlaufen werde, in der letzten Session (man ist inzwischen bei Nummer 301!) vor den langen Sommerferien. Er erwähnt Biografisches, schildert ihren musikalischen Werdegang, berichtet, daß sie jung mit dem Pianospielen angefangen habe, aber auch an der Geige ausgebildet sei. Ihre Hinwendung zur Kunst erklärt er mit ihrer Herkunft aus einem ländlichen Raum, eine interessante These: Musik machen, um der provinziellen Heimat zu entfliehen. Dann ruft er sie aus der Kabine, Anja Plaschg alias Soap & Skin.

Die spindeldürre junge Frau tritt an ihr Piano, auf dem ein aufgeklapptes Laptop steht und legt los, ohne sich vorzustellen oder "bonsoir" zu sagen. Sie wird den ganzen Abend schweigen, sich kein einziges Mal an das Publikum wenden und sich am Ende auch nicht verabschieden. Es ist geradezu gespenstisch ruhig zwischen den einzelnen Liedern, die Künstlerin sehe ich aus meiner Position nur von hinten und ihr Piano ist so aufgestellt, daß ihr Gesicht auf eine Wand ausgerichtet ist. Sie will ihr sicherlich hübsches Antlitz nicht zeigen, soviel scheint klar, denn auch in einer der beiden einzigen Szenen, in denen sie ihr Klavier verlässt, ist es entweder dunkel, oder sie performt vor der hinteren Studiowand, wo man nur ihre Umrisse klar erkennen kann.

Nur ein einziges Mal entfährt ihr ein kurzes "merci beaucoup" ansonsten ist das Ritual immer das Gleiche: Sie spielt mit Inbrunst Lieder voller Schmerz, Leidenschaft und Schönheit und greift hinterher zu ihrer Wasserflasche, bevor sie jeweils mit einem kurzen Klick ihr auf dem Klavier stehendes Laptop in Gang setzt und punktgenau zu den gesampelten Sequenzen klimpert. Ihre Performance ist beeindruckend, das zierliche Persönchen haut manchmal regelrecht in die Tasten und ihre Stimme ist mal brummelig, mal glockenklar. Sie dehnt die Silben sekundenlang, ganz ähnlich wie ein Jónsi Birgisson von Sigur Ros das tut. Während des Auftritts kommt mir der Begriff Post Piano Punk in den Sinn, denn zum einen gibt es gewisse Parallele zum Brechtschen Punk Cabaret der Dresden Dolls, zum anderen eine melodramatische, postrockige Seite, in der nach sanften Phasen oft der ekstatische Ausbruch folgt. Ihre Stimme berührt mich auf Anhieb, sie geht mir regelrecht durch Mark und Bein! Ich bin weitestgehend unvorbelastet in dieses Konzert gegangen, habe keine Kritiken oder Berichte in Musikzeitschriften gelesen. Nur das ein gewisser Rummel um das Talent gemacht wird, ist auch mir nicht entgangen. Ich mache mir ohnehin lieber mein eigenes Bild und will wissen, wie der jeweilige Künstler auf mich wirkt. Und die Wirkung ist wirklich gewaltig, vor allem da wir uns in einem rechts sterilen Radiostudio befinden, wo ansonsten die Emotionen eher gering sind Und trotzdem schafft es die junge Österreicherin, mich zu elektrisieren und in ihren Bann zu ziehen. Woran erinnert mich das Ganze? Mir schießen Referenzen in den Kopf, die mehr oder weniger das musikalische Spektrum von Soap & Skin umreißen, ohne es aber punktgenau zu erfassen, dafür ist ihr Stil doch zu eigen. Kate Bush könnte man nennen, Björk natürlich, Cat Power für das mitunter Samtweiche in der Stimme, Coco Rosie für die feenhafte Fantasiewelt, Scout Niblett für das Wilde, Durchgeknallte, die famosen Dänen Under Byen für das Dramatische, Sigur Ros für den Pathos, etc.

Aber wichtiger als Referenzen singt gute Songs und die gibt es zuhauf! Sie heißen The Sun, Mr Gaunt 1000 (hinreißend das Pianospiel, herzerweichend die gesampelten Geigen). Fall Foliage (der greinende, nahegehende Gesang, die verhallende Stimme) und vor allem Spiracle. Dieses Spiracle lässt mir wirklich das Blut in den Adern stocken, so traurig, so düster, so ergreifend ist es. "When I was a child" beginnt dieser schaurig-schöne Schocker und wenn Anja "Please help me" wispert, fühle ich ihn, den Gloß im Hals. Und dann rastet sie aus, schreit rum, davon hatte ich voher ansatzweise etwas aufgeschnappt, aber das Ganze trifft mich dennoch mit voller Wucht!

Gegen Ende gibt es auch noch etwas für Liebhaber von Thatralik: Soap & Skin verlässt nämlich plötzlich ihr Piano, trippelt die Treppenstufen an den Zuschauern vorbei hoch und macht einen Gesichtsausdruck, als sei ihr das Croissant heute morgen nicht gut bekommen. Ob ihr schlecht ist? - Nein, natürlich nicht, das gehört zur Show! Dann stackst sie die Stufen wieder runter und klimpert weiter auf ihrem Klavier. Beim allerletzten Lied rennt sie an die rückwärtige Studiowand und bewegt sich zu pluckernden Klängen fast wie eine robotorisierte Puppe, bevor sie wortlos in die Dunkelheit der Kabine entschwindet.

Ergreifend! Genau mein Wetter, düster und gespenstisch. Wir sehen uns in Haldern , Anja!


Pour nos lecteurs français:

Bernard Lenoir a introduit Anja Plaschg alias Soap & Skin en mentionnant les frissons que cette jeune artiste allait nous procurer et il n'a pas exagéré. Des frissons j'en ai eu, c'est sûr! Cette jeune fille, fragile et surdouée m'a complètement épaté avec ces chansons sombres, melancoliques et belles à pleurer. Sa voix, extraordinnairement malléable, à la fois crystalline et douce, puis subitement stridente, m'a fait penser à une sorte d'équivalent féminin de Jonsi "Sigur Rós" Birgisson et son style est un mélange entre la chanson, le folk et surtout le postrock, façonné d'une manière électronique à l'aide son laptop. C'est prétentieux et innovateur, même s'il y a des parallèles avec d'autres artistes comme Björk, Bat For Lashes, Cat Power ou emcore Coco Rosie. Dans une ambiance sombre et glaciale, Anja, qui n'a jamais adressé la parole au public a préféré laisser parler sa voix, son piano et son laptop (qui lui permet d'inviter tout un orchestre classique à l'accompagner) au lieu de raconter des anecdotes sur sa vie .

Vers la fin elle quitta son piano pour gravir tel un somnambule les marches du studio, avant de revenir s'asseoir derrière son instrument. Pour sa dernière chanson , elle se leva de nouveau et déambula devant le mur blanc telle une silhouette et on pouvait par moment voir enfin le beau visage de cette artiste issue d'une formation musicale classique.

Livevideo de Rockerparis: Soap & Skin chez France Inter, Black Session, Paris


 

Konzerttagebuch © 2010

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