Dienstag, 18. März 2008

Hot Chip, Paris, 17.03.08


Konzert: Hot Chip
Ort: Le Trabendo, Paris
Datum: 17.03.2008
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: 85 Minuten

Machen wir es kurz: Dieses Konzert ging irgendwie an mir vorbei!

Das mag mehrer Gründe haben. Zunächst einmal bin ich nicht der allergrößte Fan elektronischer Musik, weil Synthesizer ziemlich kühle und sterile Känge produzieren, die mich nicht wirklich erreichen. Desweiteren habe ich gewisse Probleme mit den Szenegängern, die von computergesteuerten Beats angezogen werden, wie die Motten vom Licht. Wie sie da selbstverliebt rumtanzen, sich obercool finden in ihren engen Lederjacken, über die ganz lässig das Kapuzenteil kombiniert wird und dann noch die angesagten bunten Sneakers an den Füßen, hach diese Typen sind einfach zu schön für diese Welt! Man merkt es meinen Worten schon an: Ich bin etwas genervt und abgetörnt von diesem Abend!

Dabei bemühe ich mich seit geraumer Zeit, mich (wieder) für neue elektronische und experimentelle Musik zu öffnen. In den 80ern, als ganz junger Knabe, war ich nämlich ganz heiß auf alles, was synthetisch klang. New Order, Yazoo, die frühen Depeche Mode und vor allem die Pet Shop Boys habe ich sehr geliebt in dieser Zeit. In den 90ern, beim Studium in Berlin, wurde es mir aber schon bald zu ravig. Egal, wo man hinging, überall zirpte und wummerte es, Techno war einfach überall. Und dann noch diese nervige Love Parade! Am Anfang mochte ich sie ja noch, als ich nämlich mit ein paar Kommilitonen und ein paar hundert anderen Schaulustigen den Techno-Wagen hinterhergelaufen bin. Dann wurde dieses Event immer größer und beknackter und ich habe einen weiten Bogen um die Veranstaltung gemacht. Was mich am meisten störte: Obwohl immer viel von der sogenannten "großen Familie" gelabert wurde, die die Raver doch darstellen würden, habe ich davon nie wirklich etwas mitbekommen. Leute hat man in den einschlägigen Clubs irgendwie nie kennenglernt, die waren alle zu sehr mit sich selbst beschäftigt! Und dabei auch immer recht aggressiv, eine Schlägerei lag oft in der Luft.

Anscheinend hat sich das Klima auf Elektro-Verantstaltungen nicht großartig verändert. Jeder tanzt wild alleine vor sich hin, gelächelt wird selten (ist ja auch uncool) und auch die Ruppigkeiten unter den Leuten gehören noch dazu. Seit fünf Jahren gehe ich jetzt in Paris auf Konzerte (meist Indie-Rock, Folk, Pop) und immer war der Umgang unter den Konzertgängern äußerst respektvoll und friedlich. Selbst bei harten Bands wie den Queens Of The Stone Age habe ich nie Anfeindungen erlebt. Und was passiert heute? Ein unhöflicher Schnösel drängt sich mitten während des Konzertes in meine Ecke rein und stellt sich direkt vor mich, so daß ich weder etwas sehen, noch Fotos schießen kann. Ich war komplett abgedrängt. Natürlich habe ich protestiert und bekomme dann zu hören, daß ich mich nicht mit den falschen Leuten anlegen solle, ansonsten würde er mich "zu Boden strecken" (" Sinon je t'allonge"). Super Stimmung!

Aber auch ohne diesen überflüssigen Zwischenfall, wäre es nicht leicht geworden, dieses Konzert wie die anderen Besucher (die unglaublich abgingen!) zu genießen. Zur Vorbereitung auf den Abend hatte ich mir ohne Unterlaß CDs von Hot Chip angehört, kam da aber nie richtig rein. Vor circa zwei Jahren war das anders, da hatte ich Hot Chip in der Maroquinerie gesehen und Spaß gehabt (deshalb kam ich ja heute wieder!). Die beiden ersten Alben gefielen mir auch recht gut, vor allem, weil im Gegensatz zu anderen Elektro-Bands eben nicht mit der Hauruck-Methode verfahren wurde, da gab es schöne Stimmen, einen richtigen Gesang (eine Seltenheit bei diesem Genre) und auch einen Hauch Melancholie und Wehmut. Heute aber erschien mir alles sehr wabernd und technisch, es wummerte und bebte von Anfang an (so daß der Boden wackelte!) und war mir zu frontal. Selbst " Boy From School", einer meiner Lieblinge, kam ziemlich hart rüber, ich erkannte das Lied fast nicht mehr. Der Geschmack des restlichen Publikums wurde allerdings punktgenau getroffen, die Stimmung war euphorisch und aufgeladen, vor allem beim Straßenfeger "Over & Over". So war ich dann auch einer der ganz Wenigen, die kein sonderlich positives Fazit unter diesen Konzert-Abend setzen konnten: Ich bin nun einmal kein (Nu-) Raver und werde es wohl auch nicht mehr, das wurde mir wieder klar.

Den fünf Kerlen von Hot Chip selbst kann man allerdings überhaupt keinen Vorwurf machen. Sie waren auf ihre nerdige Art und Weise nett und nicht arrogant, spielten mit unglaublich viel Einsatz Lieder (Fans würden sagen Hits) aller drei Alben und gaben auch noch ein paar umjubelte Zugaben. Dies alles im Übrigen vor einer in verschiedenen Farben leuchtenden Leinwand, die mich an Berglandschaften erinnerte, wie man sie vom Flugzeug aus sieht wenn man aus dem Fenster glotzt. Schön, diese Assoziation und mit diesem versönlichen Gedanken will ich auch für heute abschließen.

Und vielleicht bin ich ja doch im August bei Hot Chip wieder dabei, dann wollen sie nämlich erneut nach Paris kommen. Wer weiß, vielleicht springt ja dann auch der Funke auf mich über?




Setlist Hot Chip, Le Trabendo, Paris:

01: Shake A Fist
02: Boy From School
03: Hold On
04: Bendable Poseable
05: Touch Too Much
06: Over & Over
07: Out At The Pictures
08: Wrestlers
09: (Crap Kraft Dinner)
10: One Pure Thought
11: Ready For The Floor

12: Made In The Dark
13: Don't Dance
14: No Fit State
15: Privacy Of Our Love

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- LCD Soundsystem in Paris
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6 Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Vergiss es! So wie ich das lese, war die Konzertkarte an dir verschwendet. Tu allen einen Gefallen, und besuche NICHT noch einmal diese wunderbare Band.
Wenn du bei so einer Band nicht abgehen kannst, dann stell dich gefälligst in die hinterste Ecke und störe die anderen nicht. Motz, motz, motz.
Bei dem Hot Chip Konzert, das ich besuchte, waren die Leute jedenfalls ausgesprochen friedlich und Spass hatten auch alle.
Auf Teufel komm raus von Konzert zu Konzert zu hoppen halte ich für ne Zwangsstörung.

undertaper hat gesagt…

ein schöner(unfreiwilliger) Beleg für die Uncoolness der Hot Chip Hype Nachplapperer

Anonym hat gesagt…

Danke danke danke danke für diesen Bericht! Ich dachte schon ich sei die einzige, an der Hot Chip irgendwie vorbeigehen (wenn ich noch einmal das Wort "Konsensplatte" lese, dann....grrrr!).

Anonym hat gesagt…

"Auf Teufel komm raus von Konzert zu Konzert zu hoppen halte ich für ne Zwangsstörung."

Hihi, das lese ich jetzt erst. Sollen wir eine Selbsthilfegruppe gründen?

E. hat gesagt…

"Sinon je t'allonge!", den merk ich mir. sag ich jetzt auch immer, wenn mir jemand doof kommt!
ach, oliver, ich kann dich schon verstehen. an der toleranzschwelle grase ich auch immer. aber den vorschlag vom kollegen anonym kann man ja auch beherzen. einfach nicht dorthingehen, wo es einem nicht gefallen wird.

oliver r. hat gesagt…

Was ist denn ne Zwangsstörung? Muß man hier jetzt Psychologie studiert haben, um die Kommentare zu verstehen? - Wie auch immer, solange ich keinen Putzzwang habe, kann ich glaube ich damit leben :)

Ansonsten hatte ich es aber im Bericht erwähnt: Ich bin da hingegangen, weil ich das letzte Konzert von Hot Chip in Paris (ich glaube es war 2006) mochte. Insofern bin ich da nicht "auf Teufel komm raus" hingegangen und wußte auch nicht von vornherein, daß es mir nicht gefallen wird.

Vieleicht ist meine Zwangsstörung also vielleicht doch nicht so ausgeprägt :))

 

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