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Freitag, 24. Februar 2012

Faustine Seilman & The Healthy Boy, Paris, 23.02.12

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Konzert: Faustine Seilman & The Healthy Boy + My Name Is Nobody
Ort: 'Espace B, Paris

Datum: 23.02.12
Zuschauer: leider nur 20


Melancholische Pianistinnen (am besten mit Hauchstimme) treffen bei mir anscheinend einen ganz speziellen Nerv. Anders ist es nicht zu erklären, daß ich nach Konzerten von Alina Orlova, Soap & Skin, Mohna, Cyann, Emily Jane White oder Lisa Germano immer ganz benommen von dannen schleiche.


Bei der aus Nantes stammenden Klavierspielerin Faustine Seilman erging es mir gestern im Pariser Espace B ähnlich. Von der hochmelancholischen Musik, die sie zusammen mit ihrem Gesangespartner und Gitarristen Benjamin Nerot aka The Healthy Boy zelebrierte, war ich regelrecht berauscht. Wie beschwipst stand ich dann da am Merch, zeigte auf die Vinylplatte und äußerte meinen Wunsch, diese fein gestalte Werk erwerben zu wollen. Für schlappe zwölf Euro erstand ich eine Scheibe, von der bis auf Romances und Thrown On The Floor sämtliche Lieder dargeboten wurden. Lieder voller Schwermut, Wehmut, tiefer Melancholie, aber auch Zärtlichkeit, Hoffnung, Poesie. Dunkelschwarze Kreationen, die aber dennoch hell wie Sterne funkelten. Die butterweiche Stimme von Faustine ergänzte sich hierbei aufs Beste mit dem grummeligen Baritongesang des kauzigen The Healthy Boy. Ein Hauch von Gainsbourg/Birkin lag sogar in der Luft, irgend etwas typisch französisch Sinnliches, Erotisierendes, Myteriöses wohnte dem Sound inne. Am meisten angetan war ich natürlich erneut vondem absolut gefühlvollen, in Moll gehaltenen, Klavierspiel von Faustine, aber auch die Melodien, die der Healthy Boy aus seiner Elektrischen zupfte, klangen absolut verführerisch.


Stücke wie Promenade kamen zum Vortrag. Ein eleganter Seelentröster par excellence, mit Textpasagen wie "people are rushing around, learning how to hate their neighbours". Düsterer Kammerpop in Perfektion, vorgetragen mit einer Ruhe und Sensibilität, die mir den Atem raubte.

Wundervoll auch der Titeltrack des Albums The Long Life's Journey, bei dem der Healthy Boy den Hauptgesangespart stemmte. Tief wie ein Nick Cave hauchte er auf fast gruselige Weise den Text und Faustine klimperte dazu unbeschreiblich schön. Eine Art Walzer, toll!




Abgeschlossen wurde das durchgängig exquiste Set durch Did You Ever, genauso hochmelancholisch wie das zuvor Gespielte, aber mit einem catchy "dadadada-Singalong versehen, der sich zart durch das Stück zog.

Der Wahnsinn, der helle Wahnsinn! Pianistinnen ziehen mir einfach immer wieder die Schuhe aus! Was für ein intimer Abend, in den My Name Is Nobody, ebenfalls aus Nantes, als Einzelkämpfer an Banjo und Gitarre gekonnt eingeführt hatte.

Pour nos lecteurs français:


Apparemment les pianistes féminines mélancoliques m'attirent au-delà de toute expression. Sinon je ne m'explique pas pourquoi, après avoir vu des concerts d'Alina Orlova, Soap & Skin, Mohna, Cyann, Cat Power, Emily Jane White ou Lisa Germano je suis à chaque fois complètement envouté.



Le concert sublime de Faustine Seilman à L'espace B ne dérogeait pas à cette règle. La talentueuse pianiste de Nantes donna avec le guitariste/chanteur Benjamin Nerot alias The Healthy Boy un spectacle de toute beauté, qui m'a scotché sur mon siège. Après le concert j'étais sur mon petit nuage et ressentait le désir d'acheter leur album The Long Life's Journey, qui est uniquement disponible sur Vinyl. Un album qui n'est pas seulement un très bel objet, mais aussi truffé de chansons ultra mélancoliques, envoûtantes, poétiques et hantées. Faustine et Benjamin nous ont joué presque la totalité de ce petit chef d'oeuvre et brillaient surtout par l'épatant contraste entre la voix douce et fragile de Faustine et la voix suave et très grave de Benjamin. Cela rappelait parfois le duo diabolique entre Nick Cave et Kylie Minogue, mais également une sorte de Gainsbourg/Birkin revisité. Le tout avait en tout cas une ambiance très française, c'était très sensuel, élégant et séduisant.

Le jeu de piano de Faustine était une fois de plus très touchant et inspiré, mais les jolies mélodies de guitare du Healthy Boy contribuaient également à ce plaisir auditif.

Les deux ont présenté des morceaux comme Promenade, une chanson élégante qui donne un sentiment de consolation incroyable servie par un texte sombre, mais subtil: "people are rushing around, learning how to hate their neighbours..."

Egalement magnifique fut le titre éponyme de l'album, sur lequel The Healty Boy chantait l'essentiel des paroles. Il le susurrait très très bas (au point de me fait peur!) tandis que Faustine faisait résonner des mélodies magiquement belles.

Le set enrichi par deux titres inédits fut conclu par Did You Ever, chanson aussi mélancolique ("nous ne sommes pas des gens tristes et dépressives, non, non!") que tout le reste, mais doté d'un très attirant singalong!


C'était somptueux! Des pianistes fragiles comme Faustine arrivent toujours à me mettre à genoux!

En tout une fort belle soirée, agréablement introduite par le chanteur My Name Is Nobody, et qui s'est achevée en apothéose
!!







Montag, 13. Februar 2012

Alina Orlova, Paris, 11.02.12

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Konzert: Alina Orlova
Ort: Le Café de la Danse, Paris

Datum: 11.02.2012

Zuschauer: etwa 300

Konzertdauer: ungefähr 80 Minuten



Ach, Alina, du machst mit mir, was du willst! Drei Konzerte, dreimal das Herz gebrochen, ein Hattrick, bravo!


Aber wie soll ich auch ankommen gegen diese monströse slavische Schwermut, diese atemberaubenden Pianoballaden, diesen herzzereißend hohen Kate Bush Gesang? Nein, auch dieses mal hatte ich keine Chance. Spätestens nach fünf gespielten Liedern war ich wieder drin in dem Alina-Fieber, das mich damals am 8. November 2010 an gleicher Stelle erstmalig gepackt hatte. Mit glasigen Augen saß ich erneut da und war völlig hingerissen von diesem unverschämt charmanten Wunderkind aus Litauen, das in der Nähe von Tschernobyl aufgewachsen sein soll. Eine zugleich sensible aber auch feurige junge Dame, die es kaum auf ihrem Klavierstühlchen hält und die so gerne ihr lockiges Haar hin und her schüttelt. Manchmal headbangte sie regelrecht hinter ihrem Flügel. Die Emotionen, die sie rüberbringt sind jedes mal nahezu greifbar. Der lithauischen und auch der russischen Sprache nicht mächtig, verstand ich natürlich kein Wort und selbst wenn sie (was recht selten vorkam) mal in englisch intonierte, glitten die Lyrics an mir vorbei. Aber das war zweitrangig, wichtiger war die wahnsinnige Zärtlichkeit, Beseeltheit und der Wehmut im Gesang der jungen Frau. Der ging mir ganz nah.


Alina Orlova - Menulis par val3rie-live

Aber sie war nicht allein gekommen, hatte einen Violinisten und einen Drummer/Percussionisten dabei, zumindest bei den meisten Stücken. Ihre tollen Lieder am Piano wie Slepynes, Menulis, Nesvarbu oder Ramamua kannten wir Fans (vor allem die russischen und lithauischen im Publikum) natürlich alle, neu war mir allerdings das Stück, das Alina am Akkordeon performte. Folckner, so der Titel, den eine spätere Internetrecherche ergab. Mit dieser unwiderstehlichen Schunkelnummer konnte sie locker Beirut Konkurrenz machen, ach was sag ich da, es war herzerweichender als alles was Zach Condon bisher geschrieben hat! Diese unwiderstehliche schwermütige Melodie, dieser wehklagende Gesang, das Akkordeon, die Geige, hach, es war schon wieder zu schön um wahr zu sein!


Alina Orlova - Folckner en live à l'Hospice... par exportMusic

Einen ähnlich starken emotionalen Effekt hatte Sirdis auf mich. Die wundervolle Pianomelodie trug mich ganz weit fort und ließ mich fast erschaudern. Ich war wie von tausend Blitzen getroffen, segelte wie eine bekiffte Brieftaube über die Dächer der Stadt und hatte meine Schwierigkeiten, wieder auf die Erde runterzukommen.

"These are songs to jump out of the window, but in a beautiful way", kommentierte Orlova ironisch, aber sehr treffend ihren Stil und sorgte damit für so einige Schmunzler.

Alina Orlova oder die Schönheit der Depression. Mindestens 80 Minuten ging das so und es war wundervoll.


Danke dir, Alina, für dieses von drei Zugaben gekrönte, mit einem herrlichen Blumenstrauß gewürdigte Konzert, das sicherlich wieder in meinen Jahres Top Ten landen wird. Und es ist ja erst Februar!

Aus unserem Archiv:

Alina Orlova, Paris, 16.05.11
Alina Orlova, Paris, 08.11.10






Dienstag, 17. Mai 2011

Alina Orlova, Paris, 16.05.11

3 Kommentare

Konzert: Alina Orlova

Ort: L'Alhambra, Paris
Datum: 16.05.2011
Zuschauer: gut besuchte Veranstaltung, vielleicht 400?
Konzertdauer: von 20 Uhr 25 bis 21 Uhr 5 (40 Minuten) und 21 Uhr 25 bis 22 Uhr 25 (60Minuten)


Wie soll man sich schon an einem Tag fühlen, an dem man per Einschreiben mitgeteilt bekommt, daß man seine heißgeliebte und vertraute Wohnung in ein paar Monaten räumen muss, weil der Eigentümer Eigenbedarf angemeldet hat? Miserabel natürlich! Der traditionelle Austragungsort der Oliver Peel Sessions, er wird bald nicht mehr existieren...

Gut, daß Musik die Kraft hat, Trost zu spenden. Und so ließ ich mich dann auch zu den hingebungsvoll vorgetragenen Pianoballaden der Litauerin Alina Orlova komplett davontragen, sagte der kalten Welt da draußen adieu und schwelgte fast zwei Stunden lang auf das Wundervollste. Ein Satz von Alina hat mich besonders bewegt. Sie erklärte (wie so oft an diesem Abend) ihre russischen oder litauischen Titel vorher auf englisch und sprach in einer emotionalen Szene über den englischen Ausdruck "It doesn't matter much", es ist nicht so wichtig. Viele Dinge im Leben seien doch letztendlich nicht so schwerwiegend, wie sie anfänglich erschienen, bekundete sie weltklug und ging zum Vortrag des Liedes über. An diesem Satz fing ich mich auf wie ein Bergsteiger an seinem Sicherheitsseil. "Alles halb so schlimm" sollte mein Motto dieses unheilvollen Tages werden. Zumindest der Abend war gerettet, denn schöner und ergreifender als mit Alina und ihren beiden Mitstreitern an Cello und Akustikgitarre hätte ich ihn wohl kaum begehen können. Das Konzert war zum Steine erweichen.

Die junge Orlova (22) ist jetzt schon eine der ganz Großen. Ihr verzeihe ich auch, daß sie mich mit ihrer russischen Schwermut immer zum Weinen bringt. Aber irgendwie befreit das ja auch.


Alina Orlova - Doves par val3rie-live

Setlist Alina Orlova, Théatre de l'Alhambra, Paris, klick!

Aus unserem Archiv:

Alina Orlova, Paris, 08.11.10 (mein Konzert des Jahres 2010!)



Sonntag, 12. Dezember 2010

Rebekka Karijord & Chris Garneau,Paris, 11.12.10

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Konzert: Rebekka Karijord & Chris Garneau

Ort: Le Café de la Danse, Paris

Datum: 11.12.10
Zuschauer: voll (ausverkauft?)

Konzertdauer: 50 traumhafte Minuten, Chris Garneau 90 gräßlich langweilige Minuten



Chris Garnele, ähem, Garneau ist so etwas wie der Andy Möller unter den Sängern. Eine Heulsuse. Sein weinerliches Geseier im Pariser Café de la Danse ging mir tierisch auf die Eier! Die 90 Minuten des Konzertes, in denen er unerbitterlich hinter seinem Piano rumschluchzte, gehörten zum Zähsten und Schwülstigsten, was ich in diesem Konzertjahr gesehen habe. Chris liefert sich in dieser Hinsicht ein Wettrennen mit John Grant, der vor ein paar Monaten im Nouveau Casino auch unfassbar schnulzig war. Fast wäre ich auf dumme Gedanken gekommen und hätte meinen Gürtel auf der Toilette zweckentfremdet. Aber lohnt es sich wirklich, für einen verweichlichten Pianisten zu sterben? Nö,oder? Mein Vater hätte gefragt: "Hat der Kerl überhaupt gedient?" Sicherlich nicht, so peacig wie der drauf war! Vielleicht sollte man es grundsätzlich verbieten, daß Männer Klavier spielen, Gitarren stehen ihnen einfach besser. Haben männliche Pianisten eigentlich nicht schon immer genervt? Ich meine, seien wir doch mal ehrlich. Hat John Lennon etwa nicht das Musikpublikum mit seinem peacigen Käse regelrecht terrorisiert, als er zu Imagine hinter dem Klavier klimperte und süßlich säuselte? Und haben uns Elton John und Billy Joel etwa nicht im Strahl Kotzen lassen, als sie Nikita und Leningrad auf die unschuldige Menschheit losließen? Womit haben wir heutzutage Chris, die Garnele verdient? Was haben wir verbrochen?

Kurzum: das Konzert von Chris Garneau war von der ersten bis zur letzten Minute scheußlich. Etwas Kurzweil gab es nur durch die Streichersektion und die tolle Trompete. Ansonsten Langeweile und Gefühlsduseligkeiten ohne Grenzen. Und dann covert der Kerl am Ende auch noch meinen Helden Elliott Smith. Frechheit. Between The Bars haben Erica Buettner oder Emily Haines viel besser neu interpretiert.

Großartig hingegen der Support Act des heutigen Abends. Rebekka Karijord und ihre Band begeisterten mich restlos und durften sogar fast 50 Minuten spielen. Von diesem brillanten Auftrit möchte ich gerne morgen mehr erzählen...

Nachtrag: Auf Grund des ersten Kommentares auf diesen Bericht muss ich vielleicht noch einmal das Wesentliche deutlicher rausstellen und die Albernheiten einmal außen vor lassen. Natürlich dürfen Männer Klavier spielen, sie dürfen meinetwegen auch nackt drauf tanzen. Auch Rumweinen ist ihnen selbstredend gestattet, ich oute mich ja hier selbst regelmäßig als Heulsuse. Stammleser wissen das. Mit männlichem/weiblichen Rollenverhalten oder Rollenerwartungen hat das nichts zu tun. Das eigentliche Problem lag heute vielmehr darin, daß mir das Auftreten von Chris Garneau nicht als authentisch erschien. Er hat eine Rolle gespielt, die ich ihm in dieser Form nicht abnahm. Deshalb kam auch außer Langeweile emotional nix bei mir rüber. Der Grat zwischen gefühlvollem Spiel und Gefühslduseligkeit/Schwülstigkeit ist oft schmal, heute wurde er überschritten. Schade. Die Kompositionen und Arrangements des neuen Albums El Radio sind nämlich teilweise brillant.

Chris hat aber zumindest immerhin in einer Szene bei mir klar gepunktet. Als das Publikum langanhaltend klatschte, meinte er: "Merci vous êtes gentils- vous êtes bourrés ou quoi?" - "Danke ihr seit nett, seit ihr besoffen oder was?"

Setlist Chris Garneau, Café de la Danse,Paris:

01: Holy Land
02: Hands On The Radio
03: Winter Song # 1
04: Winter Song # 2
05: Pas Grave
06: Relief
07: Castle-Time
08: Dirty Night Clowns
09: No More Pirates
10: Fireflies
11: We Don't Try
12: Over And Over
13: The Cats And Kids
14: Things She Said
15: Pirates Reprise
16: Sugar

17: Sad News
18: October October
19: Baby's Romance

20: Between The Bars (Elliott Smith)

Aber kommen wir doch nun noch einmal auf Rebekka Karijord zu sprechen. Die schwedische Norwegerin (aufgewachsen auf den Lofoten, dann irgendwann mit der Mutter nach Schweden gezogen), hatte mich am Vortag bei einem Showcase im CD Laden Galsrock bereits entzückt und heute spielte sie (fast) die gleichen Titel noch einmal mit einer richtigen Band und einem großen Flügel. An der Gitarre agierte Jacob Snavely von der schwedischen Rockband Dag för Dag und am Schlagzeug ein mir unbekannter Trommler. In dieser Dreierkonstellation klang das Ganze natürlich etwa anders als beim gestrigen Soloauftritt, aber nicht weniger reizvoll. Zwar ging die Reduziertheit zwangsläufig etwas flöten, dafür aber wurde an Oppulenz gewonnen, ohne dadurhc sofort zu bombastisch zu werden. Im Mittelpunkt stand ohnehin Rebekkas einzigartige Stimme. Mit ihrem Goldkhelchen ist die großgewachsene Dame in der Lage, jede einzelne Stimmung auszudrücken. Ob samtweich gehaucht, oder feste geschmettert, immer traf sie stimmlich ins Schwarze. Ihr Timbre ist unvergleichlich sehnsüchtig, flehentlich, aber auch enorm Trost pendend. A propos Trost spendend: in einer der bewegendsten Szenen dieses feinen Konzertes erzählte sie eine kurze Anekdote zu dem Lied Wear It Like A Crown. Ein aus dem Iran stammender Fan war nach einem ihrer Konzerte zu ihr gekommen und hatte ihr erzählt, daß er sich den Text, in dem es um die Bewältigung von Ängsten geht, zu Herzen genommen hat und von nun an seine Angst wie eine Krone tragen wird. Er sei schwul und im Iran herrsche überhaupt keine Toleranz für Homosexuelle, so daß er sich ständig vor Verunglimpfung, Bestrafung oder Verfolgung fürchten müsse. Der Song von Rebekka gebe ihm aber Mut und Hoffnung, besser mit seinen Ängsten umzugehen.

Waer It Like A Crown war dann auch in musikalischer Hinsicht ein Highlight und neben The Modern Art Of Letting Go das beste Lied des Sets. Erwähnung finden muss aber auch das originelle Nirvana Cover, Smells Like Teen Spirit, das manche Zuschauer erst sehr spät erkannten, dann aber voll drauf ansprangen und mitsangen.

Ein sehr stimmungsvolles,
emotionales Konzert, bei dem man auch schön sehen konnte, wie temperamentvoll die Kariijord ist. Hinter dem Flügel hüpfte sie ständig auf ihrem Stühlchen und rannte sogar einmal kurz tanzenderweise über die Bühne, bevor sie ihr Plätzchen zuürckergatterte. Das gab dann auch sofort Standing Ovations. Sehr schön auch ihre Ausflüge an die Harfe. Diese spielte sie nicht wie andere Kolleginnen (Serafina Steer, Joanna Newsom, Gregory and The Hawk) im Sitzen, sondern im Stehen. Ich sagte doch eben, das die Frau Temperament hat und immer in Bewgeung sein muss!

Erstaunlich, daß sie nicht schon viel bekannter ist. Ihrer gewiss nicht schlechten Tour partnerin Ane Brun kann sie allemal das Wasser reichen und Anna Ternheim wirkt neben Rebkka stimmlich sogar recht limitiert.

Also: das neue Album The Noble Art Of Letting Go kaufen!



Sonntag, 14. November 2010

Agnes Obel, Paris, 09.11.10

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Konzert: Agnes Obel

Ort: Fnac Montparnasse, Paris
Datum: 09.11.2010,
Zuschauer: etwa 80 bis 100
Konzertdauer. ungefähr eine halbe Stunde


Agnes Obel hat die schönsten blauen Augen, die man sich nur vorstellen kann! Ich wäre am liebsten in ihnen schwimmen gegangen, so herrlich azurfarben wie sie sind...

Heute hatte ich die Gelegenheit der dänischen Pianistin für ein paar Minuten ganz nahe zu sein. Nach ihrem Showcase im Kulturkaufhaus Fnac nahm sie sich noch Zeit, um mit ihren Fans zu plaudern und CDs zu signieren. Alles war ganz relaxt und angenehm. Und Agnes war erfreulich unkompliziert, nett und herzlich. Das recht strenge Bild, das sie auf manchen Promofotos und beim Performen ihrer Lieder abliefert, ist also nur ein Teil ihrer Persönlichkeit. Der andere Teil lächelt gerne und ist eigentlich sehr locker. Da sie in Berlin lebt, spricht sie auch gut deutsch. In Neukölln wohne sie jetzt, nachdem sie vorher am Prenzlberg war, teilte sie mir mit. Ich musste gestehen, daß ich meine 10 Jahre in Berlin im langweilen Witwenviertel Wilmersdorf verbracht habe, der Nähe zur Fu Berlin wegen.

Das Konzert, das unserer kurzen Unterhaltung vorangegangen war, hatte sich wirklich gelohnt. Zwar fehlte die tolle Cellistin Anne Ostsee, aber Fräulein Obel alleine am Klavier war auch nicht zu verachten. Wer unsere Seite regelmäßiger liest, weiß, daß ich das erste Konzert der Dänin in der Pariser Flèche d'or nicht ganz so überragend fand. Die Rahmenbedingungen waren schwierig, es war heiß, stickig und überfüllt und ich selbst müde und griesgrämig. Inzwischen habe ich die Songs aber ein paar Mal gehört und bin drin in der Materie. Die Stücke gefallen mir jetzt richtig gut. Brother Sparrow und vor allem Riverside gehen mir schon nicht mehr aus dem Ohr. Diese feine Klaviermelodie bei Riverside ist einfach zu einschmeichelnd, als daß man an ihr langfristig vorbeikäme. Und die Stimme von Agnes klingt nach Samt und Seide, ein Genuß! Schade, daß mit dem dramatischen On Powdered Ground dann schon relativ schnell Schluss war. Aber die Künstlerin ist auf Tournee, muss weiterziehen und andere Menschen mit ihrer Musik beglücken...

Setlist Agnes Obel, Showcase Fnac Montparnasse, Paris:

01: Bela
02: Just So
03: Smoke & Mirrors
04: Brother Sparrow
05: Riverside
06: On Powdered Ground

Aus unserem Archiv:

Agnes Obel, Paris, 06.11.2010
Agnes Obel, Paris, 28.10.2010



English review by rockerparis with pics and a video, click!

Videos: Sublimes capatations live d'Agnes Obel (Just So & On Powdered Ground) sur le-hiboo.com. Click!




Dienstag, 9. November 2010

Alina Orlova, Paris, 08.11.10

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Konzert: Alina Orlova

Ort: Le Café de la Danse, Paris
Datum: 08.11.2010

Zuschauer: mindestens 400, so gut wie ausverkauft

Konzertdauer: 90-100 Minuten



Es gibt Konzerte, die verändern dein Leben. Nicht, daß man hinterher keine Einschlafprobleme, Rückenschmerzen oder Geldsorgen mehr hat, nein, diese Veränderungen sind nicht gemeint. Es geht vielmehr darum, das man das Gefühl hat, etwas unglaublich Bewegendes und Prägendes erlebt zu haben. Und diese Erfahrungen machen dein Leben insgesamt wesentlich schöner und glücklicher.

Heute fand ein solches Konzert statt und ich durfte Zeuge sein. Dabei hatte es heute zunächst nicht danach ausgesehen, daß ich emotionale Höehpunkte erleben würde. Müde und völlig geplättet von der gestrigen Oliver Peel Session, begab ich mich ohne große Erwartungshaltung ins Café de la danse in Paris, wo die litauische Pianistin Alina Orlova auftreten sollte. Ihren Namen hatte ich vorher gefühlte 250 mal gehört und ich wusste auch, daß sie überwiegend in ihrer Landessprache singt, viel mehr war mir aber nicht bekannt. Obwohl sie schon ein paar mal in Paris gespielt hatte und ihr Debütalbum Laukinis Suo Dingo beim famosen Pariser Label Fargo vor ein paar Monaten erschienen war, kam ich bisher nie dazu, mich mit der jungen Dame genauer zu beschäftigen.



Der Auftritt im Café de la Danse war zuschauertechnisch ihr bisher größter. Alle Sitzplätze waren besetzt und vor der Bühne kauerten zudem mindestens 100 Mitbürger auf ausgelegten Teppichböden. Eine Vorgruppe gab es wohl nicht, aber das war mir auch egal. Ich wollte Alina sehen und hören, sonst niemanden. Und dann kam sie auch. Eine großgewachsene rotblond gelockte junge Frau mit einem roten Kleid, einer warme Strumpfhose und Stiefelchen, nahm auf dem Stühlchen hinter dem Yamaha- Flügel Platz. Sie legte ohne Begrüßungsformel sofort los und ich stellte fest, daß ich einen miesen Platz erwischt hatte: ich sah die Pianistin nur von hinten. Na ja, ein schöner Rücken kann ja auch entzücken...

Sie sang auf litauisch, manchmal russisch und in seltenen Fällen englisch. Abgesehen von ihren Landsleuten und ein paar Russen im Publikum verstand niemand die Texte. Sie hätte die übelsten Flüche in ihre Lyrics packen können, wir hätten es nicht kapiert und dennoch artig geklatscht. Während der ersten paar Lieder, ging mir die ganze Zeit ein Gedanke durch den Kopf. Ich dachte permanent daran, daß ausgebuffte Plattenbosse uns arglosen Musikhörern engelsgleiche Pianistinnen auf den Hals hetzen, nur um uns einzulullen und uns unsere Kohle aus der Tasche zu ziehen. Alles eine moderne Masche. Die Labels wissen haargenau, daß wir Blut geleckt haben, seitdem uns junge Klavierspielerinnen wie Soap & Skin, Frida Hyvönen, Agnes Obel und Regina Spektor die Birne matschig geklimpert und uns unserer Sinne beraubt haben. Die Assoziation zu Regina Spektor lag sowieso auf der Hand. Gleiche slawische Herkunft, gleiches Tasteninstrument und auch die lockige Haarpracht haben Regina und Alina gemein.

Ich blieb zunächst skeptisch und emotional aseptisch. Die würde mich nicht so schnell weich kriegen, dachte ich immer wieder. Aber von Lied zu Lied änderten sich meine Empfindungen, bis das Pendel irgendwann in die andere Richtung ausschlug. Aus Skepis wurde Ergriffenheit, aus Ergriffenheit absoulte Euphorie und Hörigkeit. Die letzten zwanzig Minuten des zeitlich üppigen Sets waren emotional mit die bewegendsten, die ich je bei einem Konzert erlebt hatte. Ich war dem grazilen Spiel und dem anmutigen Wesen von Alina völlig verfallen. Das Mädel imponierte mir durch ihre Bescheidenheit, ihre Natürlichkeit, ihre angenehm offene Art. "I don't have much to say, really" sagte sie in einer Szene in ihrem etwas holprigem englisch. Statt vieler Worte zwischendurch, ließ sie ihre tiefmelancholischen Lieder sprechen. Den Stücken wohnte die typisch slawische Schwermut inne, mit der mich schon eine Alina Simone zur Strecke gebracht hatte. Und dann die Magie dieser unverständlichen Sprache. Schon John Cleese fand russisch im Film "Ein Fisch names Wanda" absolut sexy, was würde er dann erst über die Poesie der litauischen Musikerin sagen? Kurzum: mindblowing! Die Stimme von Alina: der Wahnsinn! Wunderbar dosiert zwischen fragilen gehauchten Parts und feurigen Ausbrüchen, schaffte es die vornehm blasse Dame, mit ihrem Goldkehlchen Funken sprühen zu lassen.

Und dann, nach etwa 70 Minuten Spielzeit, wurde es auf brutalstmögliche Weise emotional. Das Licht ging aus und Orlova zündete eine Kerze auf ihrem Piano an. Bei schummrigen Licht greinte sie umso wehmütiger ihre Schwermut hinaus, klimperte zu schön um wahr zu sein und drückte damit bei mir unbarmherzig auf die Trändendrüse. Ich sank moralisch auf die Knie, machte bildlich den Willy Brand. Willy Brand, der sich mit Andy Möller verbrüderte. Ein teuflischer Pakt. Unbeschreibliche Gefühle überkamen mich, ich geriet in eine Art Trance. 10 Minuten, die Dauer von zwei Liedern, ging das so und das Licht blieb aus. Nur die Kerze brannte. Ich fragte mich, ob die Songs eine ganz besondere Bedeutung hatten, einen Trauerfall besangen, suchte aber nicht weiter nach einer genauen Antwort, sondern ließ die feierliche Stimmung auf mich wirken. Die Jubelstürme der Begeisterung wurden nach jedem Lied größer und größer, es war fast wie in der Berliner Philharmonie beim Weihnachtskonzert. Die Musikerin bedankte sich fast eingeschüchtert jeweils mit einem kurzen "merci" oder "thank you", einmal auch mit einem "spaciba". Ihre Natürlichkeit war vorbildlich und herzerwärmend zugleich. Nun aber nahte der Abschied. Die Pianistin verließ zum ersten Mal die Bühne. Der Applaus war unbeschreiblich heftig, eine Woge der Begeisterung erfasste das Rund. Etwas Vergleichbares hatte ich im Café de la Danse noch nicht erlebt. Die Künstlerin kam zurück, spendete ihrerseits dem tollen Publikum Beifall, spielte noch zwei Stücke und verschwand erneut in die Kabine. Dann kam plötzlich ein junger Herr, stellte ein Stühlchen vor dem Flügel auf und justierte das Mikro in der passenden Höhe. Was jetzt wohl kommen würde? Die Antwort bekamen wir kurze Zeit später: zwei Stücke auf einer Kalimba von Alina, die unter Jubelstürmen ein letztes Mal ihre Aufwartung machte. Auch diese Stücke zum Steine erweichen! Was für ein Abschluss eines außerordentlich schönen Auftritts! Ein magischer Konzertabend, den ich nie vergessen werde.

Alina Orlova hat mich verzaubert, zu Tränen gerührt und mir das Konzert des Jahres beschert. Ich sehe niemanden, der das noch toppen könnte. Wenn es ein klein wenig Gerechtigkeit gibt, wird Orlova ein internationaler Star. Diese junge Musikerin schickt wirklich der Himmel. Auf ihrer CD findet man unter den Danksagungen dann passenderweise auch folgenden Satz: "Special thanks to Jesus, David Bowie, Babo Stasé and the neighbourhood of nuclear power plant: you all made me into what I am."

Setlist Alina Orlova, Café de la Danse, Paris: ausgeschrieben in Kürze, zunächst hier auf dem Foto, klick!

Anmerkung: Das obige formidable Video stammt von Rod le-Hiboo.com. Die Jungs haben tonnenweise super Videos auf ihrem Blog. Vorbeischauen lohnt auf alle Fälle! Hier sind übrigens drei fantastische Livevideos von diesem denkwürdigen Konzert. Bravo, Rod!



Mittwoch, 21. Juli 2010

Tori Amos, Paris, 19.07.10

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Konzert: Tori Amos
Ort: Olympia, Paris
Datum: 19.07.10
Zuschauer: ausverkauft


Mein Konzertgängerfreund Michael ist großer Tori Amos Fan. Sind es die wunderschönen Haare der Chanteuse, die ihn anziehen, oder ist die Frau auch musikalisch herausragend? Da scheiden sich die Geister. Manche halten sie für die Nachfolgerin von Kate Bush, andere für ein Mainstreamprodukt. Ich persönlich muss mich da neutral verhalten, denn Tori Amos habe ich noch nie live gesehen. Michael hat mir auf jeden Fall netterweise die Setlist von ihrem Pariser Konzert im altehrwürdigen Olympia geschickt und für Fans veröffentliche ich diese gerne. Merci, Michael :)

Setlist Tori Amos, Olympia, Paris: (big thanks also to great Rockerparis!)

01: Curtain Call
02: China
03: Siren
04: Suzanne (Leonard Cohen)
05: Mrs. Jesus
06: Space Dog
07: Leather
08: Twinkle
09: Black Dove
10: Winter
11: Boucing Off Clouds
12: Snow Cherries From France
13: Girl
14: Marianne
15: Beauty Of Speed
16: Gold Dust
17: Putting The Damage On
18: The Power Of Orange Knickers
19: Another Girl's Paradise
20: Precious Things

21: Crucify
22: Personal Jesus (Depeche Mode)/Body And Soul



Donnerstag, 17. Juni 2010

Faustine Seilman, Paris, 16.06.10

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Konzert:Faustine Seilman

Ort: L'International, Paris
Datum: 16.06.10
Zuschauer: ungefähr 150
Konzertdauer: etwa 45 Minuten


Faustine Seilman ist mit neuem Album Whispers And Shouts endlich zurück auf einer Pariser Konzertbühne! Die junge Pianistin aus Nantes hat sich seit ihrem letzten Auftritt vom März 2009 (Pop In) nicht mehr in der Seine-Metropole blicken lassen.* Damals hatte sie mich mit ihrem gefühlvollen Pianospiel und ihren melancholischen Liedern zu Tränen gerührt. Für das heutige Konzert hatte ich mir fest vorgenommen, nicht die Heulsuse (bin ja nicht Andy Möller oder !?) zu spielen und tapfer zu bleiben. Boy's Don't Cry heißt es ja schon bei The Cure. Aber schon nach dem vierten Lied des traumhaft schönen Sets kullerten wieder heiße Tränen meine Wangen runter. Zu massiv war der Druck, der auf die Drüsen ausgeübt wurde. Die unfassbar hübsche Faustine spielte erneut so herzerweichend, legte eine dermaßene Intensintät in ihren Gesang, war so erbarmunglsos hypnotisch und faszinierend, daß ich nicht anders konnte, als meinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Der Vortrag der Chanteuse und ihrer Band traf mich mit voller Wucht. Wie im Drogenwahn stieg ich leise schluchzend immer höher und höher und schwebte irgendwann frei wie ein Vogel über den Wolken. Gleich von drei Seiten wurde ich emotional bombadiert. Zu einem war da das in moll gehaltene Klavierspiel von Faustine, das mich ungemein bewegte. Schon als Jugendlicher war ich hin und weg ,wenn mir meine Klavierlehrerin nach der Übungstunde etwas vorspielte. Ich saß dann in ihrem bequemen Ohrensessel und alle Sorgen waren plötzlich wie weggeblasen. Manchmal klimperte sie eine viertel Stunde, aber wenn ich um Nachschlag bat, kam ich auch oft in den Genuß einer halbstündigen Berieselung. Ich fühlte mich dann immer wie in Watte gepackt und ging mit wunderschönen Gefühlen nach Hause. Genau jene Gefühle weckte Faustine heute wieder in mir und ich hätte sie dafür umarmen können. Aber auch ihr Bruder an der Gitarre bearbeitete meine Seele. Seine postrockigen Riffs klangen so unendlich traurig, aber auch gleichzeitig so wunderschön, daß ich weiche Knie bekam. Schließlich war es auch der sehnsuchtsvolle und wehklagende Chorgesang der Truppe, der mir durch Mark und Bein ging. Mit A Silver Mount Zionscher Dramatik sangen sie, als stünde ihr Leben auf dem Spiel und erreichten phasenweise fast die unglaubliche Dichte und Spannung der kanadischen Kultband. Schon sensationell, was da auf französischem Boden heranwächst! Auf die Talentschmiede des famosen Labels Collectif Effervescence aus Nantes ist eben Verlaß. Neben Faustin Seilman beherbergen sie solch innovative Bands wie Papier Tigre, La Terre Tremble !!!, oder Chevreuil und zeigen den auf Kommerz getrimmten Engländern mal was eine Harke ist. Schwer zu sagen, wer bei den Nantern das beste Pferd im Stall ist, aber wahrscheinlich wird mich zumindest live niemand so sehr in einen Rausch steigern können wie Faustine. Allein ihre Mimik zu beobachten ist ein ganz besonderer Genuß. Ihr verträumter Blick zu Beginn der Songs, dann der weit aufgerissene Mund, wenn sie richtig drauflos singt und schließlich das schüchterne Lächeln, wenn nach dem Vortrag eines Liedes der Applaus aufbrandet. Völlig verdienter Applaus natürlich, denn die neuen Lieder sind wirklich ganz dufte. Prison Of Gold, The Young Man and The Sea oder The Shepherd, das war vieles dabei, was mir auf Anhieb saumäßig gut gefiel.

Faustine Seilman live ist immer wieder etwas ganz Besonderes. Nicht oft schaffen es Musiker, mich dermaßen mit Haut und Haaren zu verschlingen. Die französische Pianistin kann das mühelos. Sie ist für mich eine ganz Große. Jetzt schon. Merci , Faustine!

Auszug aus der Setlist Faustine Seilman @ International, Paris

- Locked
- Lost Friends
- The Ballad Of A Starving Man
- Facing The Ocean
- Prison Of Gold
- The Young Man And The Sea
- Laissez Nous La
- The Shepherd


* nach einer Recherche bei Youtube stelle ich fest, daß ich mit dieser Behauptung falsch liege. Faustine Seilman hat am 22. April 2010 im Vorprogramm von A Silver Mt. Zion im Alhambra gespielt. Schade, daß ich nicht dabei war. Hier gibt es ein tolles Livevideo von dieser Sho
w.

Aus unserem Archiv:

Faustine Seilman, Paris, 25.03.09
Faustine Seilman, Paris, 20.11.07




Sonntag, 25. April 2010

Maud Lübeck, Paris, 23.04.2010

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Maud Lübeck

Ort: Les Trois Baudets, Paris

Datum: 23.04.2010

Zuschauer: hmm, 100 vielleicht?

Konzertdauer: 40-45 Minuten




Leute, die sich über alle Maßen begeistern können, die über das wunderbare Gotteschenk der Euphorie verfügen, fand ich schon als kleiner Junge toll. Damals mit etwa 10 Jahren lief mir zum ersten Mal ein kalter Schauer den Rücken runter, als der Schwede Björn Borg nach verbittertem Kampf das Wimbledon Finale gegen John McEnroe gewann, vor Freude auf die Knie sank und überglücklich seinen Schlänger gen Himmel rammte. Von da an habe ich fast immer eine Gänsehaut gehabt, wenn sich Sportler auf emotionale Weise über den Sieg freuen, egal ob ich ihr Fan war oder nicht. Auch die oft weinenden unterlegenen Kontrahenten haben mich alles andere als kalt gelassen. Ungefälschte Emotionen, das ist es, was ich schätze.

Aber nicht nur im Sport, sondern auch bei der Musik geht es um starke Gefühle. Wer eingefleischter Fan von einer oder mehreren Bands bzw. Solokünstlern ist, weiß wovon ich rede. Immer wieder famos, wenn das Publikum bei Konzerten mitgeht, klatscht, schreit, oder auch vor Rührung weint. In meinen Konzertberichten versuche ich deshalb, meine Eindrücke so unverfälscht wie möglich, zu schildern. Ich schreibe so schnell es geht, damit nichts verwässert wird und ich keine Zeit habe, über das Erlebte lange zu reflektieren. Überarbeit werden die Reviews in inhaltlicher Hinsicht (fast) nie. Daß ich ab und an zu euphorisch, oder (seltener) zu bärbeißig werde, nehme ich hierbei in Kauf. Authenzität hat Vorrang vor Abwägung.

Schön, daß es auch andere Musikkritiker (falls ich ein solcher als brotloser Blogger überhaupt sein sollte) gibt, die ihren Emotionen freien Lauf lassen. JD Beauvallet von der renommierten Postille Les Inrockuptibles ist einer von diesem Schlag. Geradezu veschlungen habe ich seine himmelhochjauchzenden Ausführungen zu der Pariser Pianistin Maud Lübeck. Meine Fresse, den Kerl muß es wirklich voll erwischt haben! Maud Lübeck hat ihm wohl alle Sinne geraubt. Bis ins kleinste Detail beschreibt er in seinem Artikel, was die Dame mit ihm gefühlsmäßig anstellt. Er wirft eingangs die Frage auf, ob es in einer Gesellschaft, die die Polygamie ablehnt, duldbar sei, daß man als verheirateter Mann emotional heftig fremd flirtet. Das man an eine andere Frau (natürlich Maud Lübeck) ständig denkt, so stark, daß man unglaublich genervt ist, wenn das Telefon bimmelt, oder jemand and der Wohnungstür klopft. Dann erzählt er von den Liedern der Chanteuse. Wie sie sich langsam und feinfühlig an ihn herangepirscht haben, einer nach dem anderen. Wie sie ihn schließlich vollkommen überwältigt haben. Wie sie ihm gleichzeitig enorm gut und schrecklich weh tun. Und dies obwohl die Sängerin noch kein Album auf den Markt gebracht, ja noch nicht einmal ein Plattenlabel hat! Er vermag sich gar nicht auszudenken, welche süchtig machende Wirkung die Stücke entwickeln, wenn sie neu arrangiert werden, z.B. mittels Violinen. Seine euphorischen Ergüsse schließt JD Bauvallet mit einem Vergleich. Maud Lübeck würde bei ihm die gleichen Gefühle auslösen, wie dereinst Barbara (eine klassische französische Chanson-Sängerin). Und Lieder von Barbara hätte er seit frühester Jugend jede Woche seines ganzen Lebens gehört...

An diese Lobgesänge erinnerte ich mich wieder, als ich durch Zufall aufschnappte, daß Maud Lübeck ab dem 23. April im Trois Baudets einige Konzerte im Rahmen des Festivals Les Zéphémères geben würde. Von den liebestollen Zeilen des renommierten Kritikers angefixt, notierte ich sofort den 23. rot im meinem Kalender. Rot waren dann auch die Sessel im Trois Baudets, der austragenden Location. Umgeben von einer Frauengruppe um die 60 (wirkte fast wie ein regelmäßiges Treffen zu kulturellen Veranstaltungen) wartete ich auf den Auftritt der Lübeck. Dann wurde das Licht auf der Bühne plötzlich intensiver und eine Frau trat auf den Plan. Sie stellte sich als Maud Lübeck vor und fügte grinsend hinzu, daß sie ihre Haare blond gefärbt und ein paar Kilos zugelegt habe. War natürlich alles nur ein Gag, denn bei der Frau handelte es sich um die Ansagerin und nicht die Künstlerin. Die Pianistin selbst kam erst zwei Minuten später aus der Kabine gekrochen. In der Tat sehr schlank, fast dürr und mit brünetten Haaren, die schon einen leichten Grauton hatten. Im Laufe ihres Konzertes sprach sie nicht viel. Sie konzentrierte sich stattdessen auf ihr gefühlvolles Spiel und hatte mich damit auch ziemlich rasch weichgeklimpert. Ob JD Beauvallet recht hatte? Die erotische Säuselstimme im Stile einer Jane Birkin konnte einen wirklich high werden lassen! Hinzu kam dann noch diese typisch französische, Gainsbourg'sche Melancholie und die weltklugen , poetischen Texte. Keine Frage, da vorne ließ ein großes Talent ihren zarten Pfoten in die Tasten gleiten! Sie hatte irgendwie alles, was Franzosen schwach werden lässt. Eleganz, Fragilität, Sanftheit, zarte Schwermut. Und da ich mich dem Volk der Froschfresser und Champagnersäufer sehr verbunden fühle, bekam ich auch weiche Knie. Wo war eigentlich JD? Man berichtet, er lebe in Brighton. Schade, ich hätte gerne seinen feierlichen Blick und seine glasigen Augen gesehen. Stattdessen musste ich mich an zwei eher gelangweilten Franzmännern vorbeiarbeiten, die bräsig ihre Füße gegen die Vordersitze gestreckt hatten, so daß ich nicht durch kam. Ich wollte nämlich die Seiten wechseln, um gute Fotos von der Lübeck zu schießen. Bisher hatte ich sie nur im Profil abgelichtet, nun aber wollte ich ihr ganzes Gesicht drauf kriegen. Das gelang mir auch. Hübsche Züge hat sie. Kleine Grübchen um den Mund und die ersten Fältchen um die Augen, aber mit einem solch gütigen und intelligenten Blick ausgestattet, daß ich sie sofort ins Herz schloß. Auf Anhieb erkannte ich die belesene und hochintellektuelle Frau in ihr, die eher schlicht und schüchtern auftritt, aber weiß, was sie will: Konzerte geben und noch andere Kritiker (und natürlich auch Zuschauer) um ihre Pianistinnenfinger wickeln. Eine Karriere im Mainstream dürfte sie hingen eher nicht anstreben, aber wer weiß? Immerhin hat sie schon ein sehr hübsches Duett mit dem in Frankreich sehr bekannten Vincent Delerme (auch so ein Poet!) eingespielt, das sie heute aber ohne ihn vortrug. "Je t'aimas trop, a perdre mon bolout, a perdre mon dodo, a perde la ligne" (ich liebte dich zu sehr, so daß ich meine Arbeit verlor, meinen Schlaf und auch die Zugverbindung).

Ob ich ihr auch so verfallen war? Hmm, schau' mer mal! Das Konzert war sehr schön, aber die ungebremste und zügellose Schwärmerei überlasse ich erst einmal meinem Kollegen JD. Ich habe ja auch noch ein wenig Zeit. Maud Lübeck spielt in den nächsten Wochen und Monaten noch ein paar mal in den Trois Baudets. Ich denke, ich komme wieder! À très vite, Maud!

Schlußbemerkung: Mit Porco Rosso (ein recht kräftiger Bursche mit Brille und Gitarre + recht lustigen Texten) und Oshen (eine attraktive Lady mit beißendem Humor und einem Cover von Elliott Smith, Between The Bars) traten noch zwei weitere französische Künstler mit französischen (und ab und zu englischen) Texten auf und machten ihre Sache ebenfalls ordentlich. Ich war aber einzig und allein für Maud Lübeck gekommen, die, diesmal ohne Piano, auch noch gemeinsam ein Lied mit Oshen performte.



 

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