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um
01:21
Konzert: LoneLady
Ort: Maison de Radio France, Black Session France Inter, C'est Lenoir
Datum: 29.03.2010
Zuschauer: so einige frei Plätzchen
Konzertdauer: eine Stunde
Auf meinen Kopfhörer läuft Siouxsie and The Banshees und zwar das legendäre Album The Scream. Ich bin auf dem Weg zu den Radiostudios von France Inter, die im 16. Pariser Arrondissement liegen. Für mich ist das ein halbstündiger Fußmarsch und eine gute Gelegenheit, mich ein wenig zu bewegen. Nachdem ich 2004 noch einmal meine engsten Jeans zumachen konnte,
bin ich inzwischen wieder richtig fett geworden. Das passt irgendwie nicht zur (Post)-Punk Musik. Da sind sie alle dürr, vermutlich weil sie sich den Hunger wegrauchen oder gar harte Drogen nehmen. Auch Julie Campbell aka LoneLady, die heute bei France Inter auf dem Programm steht, ist hager und knochig. Aber irgendwie steht ihr das genau wie die schwarzen Waver-Klamotten perfekt. Sie ist noch so jung, daß sie Siouxsie and The Banshees, Joy Division und die Gang Of Four nicht aktiv miterlebt haben kann. Vielleicht hat sie alte Platten auf dem Speicher der Eltern gefunden und ist so mit dem New Wave Virus infiziert worden. War ja auch eine faszinierende Zeit damals in Manchester als das kultige Label Factory (Joy Division,
A Certain Ratio, The Durutti Column etc.) seine Glanzzeiten hatte und alle in die Hacienda gepilgert sind. Vieles wird rückblickend natürlich auch verklärt und idealisiert, das ist ja immer so. Tennisfans die heutzutage behaupten, Tennis sei damals spannender gewesen, sollen sich mal ein Match von Borg gegen Vilas ansehen. Wegschnarchen würden sie ob des lahmen Rumgeeiers! Genau wie ich während des Auftritts der Französin Raymonde Howard , die kurzerhand als Erste auf die Bühne von France Inter geschickt wird. Sie war auf dem Programm nicht ausgewiesen und ist so etwas Ähnliches wie die Vorgruppe von Lonelady. Ihr Garagenrock, den sie mit einem schlechten englischen Akzent vorträgt, ist belanglos. Eine halbe Stund verstreicht ohne besondere Vorkommnisse.
Dann macht sich die rotblonde LoneLady bereit. Zusammen mit ihren zwei Begleitmusikern an Keyboard und Schlagzeug fängt sie erst um 22 Uhr 30 an und hat lediglich eine halbe Stunde Spielzeit. Leider ist zu konstatieren, daß dies völlig ausreichte, denn die Monotonie und die fehlenden Varianten innerhalb der Lieder ist doch frappierend.
Ein Song gleicht dem nächsten. Immer der gleiche Schlagzeug-Rhythmus, repetitive Gitarrenriffs und ein Synthiespiel mit zwei Fingern. In der Maroquinerie vor ein paar Tagen hat mir das Ganze doch wesentlich besser gefallen. Erst mit dem schnellsten Lied des Sets, Early The Haste Comes, kommt etwas Bewegung in die Sache. Das gestochen scharfe Gitarrenriff erinnert an die Gang Of Four (Andy Gil), die Julie Campbell verehrt. Ihre fragile, brüchige Stimme ist gar nicht schlecht, aber an Siouxsie zu Glanzzeiten kommt sie keinswegs ran. Die war doch wesentlich angriffslutiger, bissiger und energischer.
Mit Marble wird kurz vor Schluß der beste Song performt. Die Synthiemelodie ist gothisch düster und später kommt auch noch die kurz angerissene Gitarre ins Spiel. Ohne Frage ein starkes Lied, auf das noch das ebenfalls gelungene Intuition zum Abschluß gepackt wird. Dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack. Das soll jetzt der heißeste Post Punk Revival Act aus Manchester sein? Punk is dead, Post Punk is dead and the Post Punk Revival is dead too! Oder so. Aber es gibt doch The XX?! Stimmt! Angesichts einer bei Licht betrachtet doch recht mittelmäßig prickelnden LoneLady relativiert sich der Hype um die Band mit den zwei Buchstaben. The XX haben es wohl doch überzeugend hinbekommen, mit minimalistischen Mitteln etwas Spannendes zu schaffen.Auf dem Rückweg höre ich erneut Siouxsie and The Banshees. Diesmal das Album Juju. Wesentlich abwechslunsgreicher und komplexer als das, was uns eben ihre Nacheiferin LoneLady geboten hat!Aus unserem Archiv:
LoneLady, Paris, 23.03.2010
um
02:24
Konzert: Jessie Evans & Lonelady (Festival les femmes s'en mêlent)
Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 23.03.2010
Zuschauer: so gut wie ausverkauft
Konzertdauer. Jessie Evans etwa eine Stunde, LoneLady ungefähr 45 Minuten
Beinchen heben kennen wir ja schon zur Genüge, wenn wir mit unserem Hund Gassi gehen. Bei Konzerten war mir diese Geste aber ziemlich neu. Ob die Saxofonistin Jessie Evans ein dringendes Bedürfnis hatte? Nein! Das Beinchen heben gehört bei ihr zu Show. Frei nach dem Motto: "Guckt mal alle her, ich spiele Saxofon auf einem Bein und falle nicht um."Nur einer der vielen Gimmicks der heißblütigen Kalifornierin, die ich schon am Vortag bei eiern Black Session bei France Inter gesehen hatte. Hier und heute in der Maroquinerie war die Atmosphäre aber ganz anders als in den sterilen Radiostudios.
Die Leute gingen voll mit, tanzten zu den stakkatischen Rhytmen wild ab und bekamen zur Belohnung immer wieder eine Wasserdusche verpasst. Jessie hatte die seltsame Angewohnhei, alle 10 Minuten ihre unzähligen Wasserfläschen über den Köpfen der Besucher zu entleeren. Vielleicht wollte sie uns abkühlen, nachdem sie uns mit ihrer sexgeladenen Show massiv aufgeheizt hatte. Am Ende war auch ihre Bühne überall nass und einmal war sie auf dem feuchten Boden gar ausgerutscht. Sensationell wie elegant sie diese gefährliche Szene meisterte! Anstatt wie bei Fußballspielern üblich, den sterbenden Schwan zu spielen,
schwang sie sich federleicht wieder auf und machte weiter als sei nichts passiert. Nichts und niemand konnte sie in ihrem Elan stoppen. Gleich mehrfach verließ sie die Bühne und rannte mitten durch die laut johlenden Zuschauer hindurch. Sie verausgabte sich völlig, gab 200 Prozent.
Aber auch ihr Smoking und Fliege trangender Drummer Toby Dammit verdiente sich Bestnoten. Ungemein raffiniert und virtuos sein Schlagzeugspiel. Seine Stäbe hielt er wie ein chinesischer Tischtennisspieler. Zusätzlich hatte sie heute auch noch eine Bongospielerin, die dem Sound eine Afronote verlieh. Stilistisch ist das Ganze schwer zu definieren. Was ist das? Burlesker Tango Punk? Ich weiß es nicht so recht. Aber man braucht ja auch nicht für alles eine Schublade. Bei Jessie Evans werden einfach unglaublich viele Stile miteinander vermischt. Das Ergebnis ist unglaublich tanzbar und hypnotisierend,
trotz oder gerade wegen seiner (gewollten) Monotonie und Repetivität. Highlights des explosiven Sets waren Stücke wie Scientist Of Love, Let Me On (ooh ooh , you know my love is true) oder der auf spanisch gesungene Tango Ninos Del Espacio.Irgendwann konnte sich niemand mehr der Power der Frau mit dem Schlangenkostüm entziehen. Sie hatte auf ganzer Linie abgeräumt und die Maroquinerie in ein Tollhaus verwandelt. Wenn Jessie Evans nicht noch deutlich bekannter wird, fress ich 'nen Besen, das Weib ist einfach ein Vulkan und wie für die Bühne geschaffen!
Ob man das auch über die im Anschluß auftretende Engländerin Julie Campbell aka LoneLady sagen konnte? Nun, das hängt natürlich immer von dem Musikstil ab. Julie macht New Wave à la Gang Of Four, Joy Division oder Siouxsie, folglich gehört sie zu einer Gattung, die so gar nichts mit dem bunten Karneval einer Jessie Evans zu tun hat. Bei LoneLady dominiert die Frabe schwarz und zwar von Kopf bis Fuß. Halt! Stimmt nicht so ganz. Der Kopf bzw die Haare sind nämlich rötlich bei Miss Campbell. Und ihre Frisur ist toll! Volles Rohr achtziger Jahre,
aber mit deutlich weniger Haarspray versehen als bei ihrer (völlig uninteressanten) Landsfrau La Roux. Ich mochte die kühle Ausstrahlung von Julie von Beginn an. Sie wirkte schüchtern und reserviert, aber dennoch charismatisch und faszinierend. Ich war auf ihr zusammen mit einem Drummer und einem Keyboarder bestrittened Konzert gespannt. Würde sie mich begeistern können? Zunächst blieb alles ein wenig blass. Schrammelig-wavige Rhtymen, ein punkiger Gesang und ein peitschenartiges Schlagzeug, eigentlich alles toll, aber dennoch wollte der Funke nicht so recht überspringen.
Die ersten drei Lieder konnten mich noch nicht aus der Reserve locken. Dann aber forcierte die Dame das Tempo und spilelte mit viel Pepp Early The Haste Comes. Ich zuckte wild mit dem Fuß und fing an, warm zu werden. Nun hatte LoneLady einen Lauf. Die letzten vier Songs gefielen mir durch die Bank weg. Saucool wie Julie rasant schnell und hochelegant Gitarre spielte. Marble klang mit seiner Synthielinie unfassbar nach Joy Division, aber auch nach The XX. Ein Hammersong, den ich dieses Jahr sicherlich noch 1000 mal hören werde! Intuition beschloss dann letzlich das recht kurze Set der neuen New Wave Ikone, die ich hinterher dann auch noch am Merch traf. Nett, die Julie. Aber sie sollte öfters lächeln. Setlist LoneLady, La Maroquinerie, Paris:
01: Immaterial
02: If Not Now
03: Nerve Up
04: Early The Haste Comes
05: Army
06: Bloedel
07: Marble
08: IntuitionPhotos Lonelady hier