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Samstag, 9. November 2024

Die Sterne - Villa Krupp - Essen - 02.11.2024

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Konzert: Die Sterne
Ort: Villa Krupp - Essen
Datum: 02.11.2024
Dauer: 100 Min.
Zuschauer: ausverkauft


Häufige Konzertbesuche wecken die Hoffnung nach außergewöhnlichen Momenten. Ein als, "erstes Popkonzert" im Weltkulturerbe der Villa Hügel angekündigtes Event, scheint diese Hoffnung zu bestätigen. Kein Wunder also, das der Abend in Rekordzeit ausverkauft war. 

Schon die Anfahrt, an einem dunklen Novemberabend, ist beeindruckend. Der Eingangspforte folgt eine lange, beleuchtete Straße, man wähnt sich auf dem Grundstück von Mr. Burns. Dann steht man vor dem beeindruckenden Bau aus der Mitte des 19.Jahrhunderts. 


Wikipedia spricht von 399 ! Räumen und 28 Hektar Park mit Blick auf den Baldeneysee. Das Konzert findet in der riesigen Halle/Kaminzimmer in der obersten Etage statt. Wandteppiche, Ölgemälde und schwerer Parkettboden sind allgegenwärtig. Das hier in einer Stunde "Die Sterne" ihren Hit "Fickt das System" anstimmen sollten, ist ein mehr als interessanter Kontext. 

Licht, Sound und Bühne sind großzügig gestaltet. Der Raum hat eine fantastische Anmutung, die Glaskuppel wird erstmal als das bevorzugte Fotoobjekt genutzt. Während der Vorgruppe (Plastic Peaches/Essen) steht Sänger Frank Spilker bereits neben der Bühne, beobachtet das Publikum und die Reaktionen im Saal. Man spürt, das ist kein normaler Konzertabend. 


"Die Sterne" tourten in diesem Jahr bereits ausgiebig und spielen passend zum erschienenen "Best of" Album "Grandezza" zur Zeit ein Set voller Lieblingslieder.  Da im großen Saal keine Getränke erlaubt sind, macht die Band sogar eine Pause und der Bruch ist, wahrscheinlich gewollt, recht deutlich. 

Im ersten Teil geht es noch ruhiger zu, die Nervosität ist greifbar, aber Spilkers Stimme hat noch immer diesen tollen, jugendlichen Klang. Danach steht die Gitarre mehr im Vordergrund. 


Eine ausladende Version vom schon erwähnten "Fickt das System", incl. "a DJ saved my live.." Coversnippet von Indeep bringen das Publikum zum Tanzen. Es folgen, wie im Stakkato, noch fast alle anderen Hits aus 30 Jahren Bandgeschichte. Als Zugabe hält Spilker noch ein kurze Ansage zu "Universal Tellerwäscher" und die ersten Jahre in Hamburg. Um einen herum schaut man in bewegte Gesichter.  


Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht der letzte Abend war, an dem die Popkultur einen Platz in der Villa Hügel findet. Kultur ist Vielfalt und sollte auch so in verschiedensten Locations präsentiert werden. Das Verlassen der Komfortzone ist für die Macher und Besucher gleichermaßen spannend und Vorureile verfliegen schnell.      



Fotos: Michael Graef


Montag, 14. Dezember 2015

Kraftwerk, Essen, 20.11.15

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Konzert: Kraftwerk
Ort: Lichtburg, Essen
Datum: 20.11.2015
Dauer: 125 min
Zuschauer: 1.250 (ausverkauft) 



Vielleicht habe ich es ein wenig übertrieben mit Kraftwerk. Als die Katalog-Konzerte in Düsseldorf für den Januar 2013 angekündigt wurden und ich drüber nachdachte, welche der acht gespielten Platten ich mir den angucken wollte - oder eher welche nicht - kam ich zu dem Schluß, daß es dann doch alle sein müssten. The Mix nicht unbedingt, Tour de France vielleicht auch nicht. Aber wenn ich sechs Abende für zwei Stunden Kraftwerk nach Düsseldorf fahren würde, wäre es ja auch albern gewesen, die beiden anderen auszulassen. Dem Patenkind zuliebe folgte noch eines in Eindhoven, dem Burgtheater zuliebe zweieinhalb in Wien und wieder dem Patenkind zuliebe eines in Karlsruhe. Vor dem Konzert in Essen hätte ich nicht unbedingt gedacht, noch einen weiterer Abend mit "fah'n, fah'n, fah'n auf der Autobahn" und "Musique non stop, techno pop" verbringen zu müssen. Auch das Patenkind beantwortete die Frage "Kraftwerk oder Belle and Sebastian?" ohne großes Nachdenken mit Indie- statt Elektropop. Belle and Sebastian sagte ihre Tour aber ab, also saßen wir um kurz vor acht im Saal der Lichtburg in Essen.


Die Lichtburg ist eines dieser prunkvollen Kinogebäude aus einer Zeit, als noch Geld für Kultur ausgegeben wurde. Der Saal des im Krieg zerstörten Baus wurde 1950 wiedereröffnet und erinnert eher an eine Kulisse für Opern als für The Fast and the Furious 1 bis 10. Also genau richtig für Kraftwerk.


Um kurz nach acht öffnete sich der Vorhang für Nummern und Kraftwerk. Die Elektropioniere spielen in den vergangenen Jahren zwei verschiedene Arten von Konzerten, Best-of-Shows, die weitestgehend thematisch sortiert sind und Katalogkonzerte, die mit der Platte des Abends beginnen und anschließend einen anderthalbstündigen Best-of-Teil haben. Einen großen Unterschied macht das nicht, die Hüllen der 3D-Brillen und die Reihenfolge der Stücke sind anders - und an den Plattenabenden werden auch die "kleineren" Lieder des jeweiligen Albums gespielt (Morgenspaziergang bei Autobahn beispielsweise). Die anderen Shows sind aber eben keinen Trostpreise, weil auch sie den wesentlichen Teil des Werks ab Autobahn bieten. Essen würde ein Best-of-Wochenende werden, das stand vorher fest.


Anders als sonst begann das Konzert mit dem Computerwelt-Block. Anders - und das ist all den "Ausverkauf-", "die brauchen Geld-" oder "das ist nicht live, die gucken youtube, habe ich auf youtube gesehen-" Typen gewidmet - ist auch vieles andere von Konzert zu Konzert. Ich kann nicht beurteilen, wie viel genau live erzeugt wird, wir hatten aber einen schönen Blick auf die Konsolen und konnten Ralf Hütter beim Keyboard-Spiel zusehen. Daß sein Gesang live ist, wird niemand bestreiten können. Daß auch die Video-Sequenzen auf der 3D Leinwand live zugeschaltet werden, haben wir an Abenden erlebt, an denen es Pannen gab und die Reihenfolge nicht passte. Ich bin überzeugt, daß alles an den Abenden live erzeugt wird, weil auch die Lieder von Mal zu Mal (oder von Stadt zu Stadt) variieren. Tour de France ist ein gutes Beispiel dafür. In Essen waren die aneinander gereihte klassische Version und die spätere (ich gehe davon aus, daß Etape 1 bis 3 gespielt wurden, die zu unterscheiden fällt mir aber schwer) unendlich lang. Das haben Kraftwerk anderswo kürzer gestaltet. Auch Computerliebe kam mir anders vor als bisher, Autobahn gibt es ebenso in verschieden langen Versionen. 


Auch die Videos werden verändert. Am deutlichsten wird das bei Spacelab. Seit wir in Eindhoven Kraftwerk in einem Museum, das einem gelandeten UFO nachempfunden ist, gesehen haben und im dortigen Spacelab-Video das UFO durchs All fliegt und schließlich landet, ist die Schüssel fester Bestandteil der 3D-Filme. In Karlsruhe setzte es neben dem Museum auf, in Essen flog es erst über google-Maps und stand dann in der Fußgängerzone neben der Lichtburg.

Einer Band vorzuwerfen, Geld mit ihrem Job verdienen zu wollen, mag ein romantischer Gedanke sein, ist aber auch ein sehr doofer. Ich bin dankbar dafür, daß Ralf Hütter nicht seit Jahren im Ruhestand ist und mir damit die Gelegenheit gab, seine Band live zu sehen. Und obwohl ich vorher sicher war, daß das Konzert mir nichts Neues bieten würde und eher eine Pflichtübund sein würde, waren die 125 min erneut ein riesiges Erlebnis und keinen Moment langweilig, selbst das 13. Mal Autobahn nicht.

Am Anfang lief nicht alles rund. Bei Computerwelt gab es einen Verspieler ("kommt doch alles vom Band!"), bei Mensch-Maschine sagte der Band-Kopf leise "Synthesizer und Computer sind im Synch."


Die ersten anderthalb Stunden waren etwa das, was man erwarten konnte. Etwas überraschend waren für mich der Schwerpunkt auf Tour de France und Lieder wie Nachrichten (Lied trifft es nicht richtig) und Electric café. Der Rest waren die großen Hits - dargeboten in brillantem Sound!


Nach 90 min ging der Vorhang zu. Bevor er sich wieder öffnete, erklangen die ersten Töne von Die Roboter. Als die Bühne wieder frei war, standen dort statt der vier Musiker ihre vier Roboter-Ichs! Eine wundervolle Überraschung! Der Vorhang schloß sich danach wieder, die vier Musiker kamen zurück und spielten noch einmal 25 min und endeten mit Boing boom tschak, Techno pop und Musique non stop. 

Nein, das war keine schlechte Idee, Kraftwerk noch einmal zu sehen!

Setlist Kraftwerk, Lichtburg, Essen:

01: Nummern
02: Computerwelt
03: It's more fun to compute
04: Heimcomputer
05: Computerliebe
06: Die Mensch-Maschine
07: Spacelab
08: Das Modell
09: Neonlicht
10: Nachrichten
11: Geigerzähler
12: Radioaktivität
13: Electric café
14: Tour de France
15: Prologue
16: Tour de France Etape 1*
17: Tour de France Etape 2*
18: Tour de France Etape 3*
19: Trans Europa Express
20: Metall auf Metall (Moses Pelham Cover)
21: Abzug

22: Die Roboter

23: Aero dynamik
24: Planet der Visionen
25: Boing boom tschak
26: Techno pop
27: Musique non stop

Links:

- aus unserem Archiv:
- Kraftwerk, Wien, 17.05.14
- Kraftwerk, Wien, 16.05.14
- Kraftwerk, Eindhoven, 18.10.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 20.01.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 19.01.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 18.01.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 17.01.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 16.01.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 13.01.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 12.01.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 11.01.13



Sonntag, 8. November 2015

Giorgio Moroder - Klaus Fiehe - DJ Sets - Essen, Kreuzeskirche, 07.11.2015

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Konzert: Giorgio Moroder / Klaus Fiehe DJ-Sets
Ort: Essen, Kreuzeskirche
Datum: 07.11.2015
Dauer: 60 + 90min
Zuschauer: 600



Zum 12. Geburtstag des "Hotel Shanghai" in Essen machte sich Veranstalter ein großzügiges Geschenk. 2 DJ`s die zusammen um die 134 Jahre alt sind. Wer dafür nach Essen kommen soll? Ganz schön viele, immerhin waren Radiolegende Klaus Fiehe als Support und der König der Producer Giorgio Moroder als Hauptakt engagiert worden. Das das Ganze auch noch in einer tollen Kirche mitten in Essen stattfand, machte die Entscheidung noch leichter. 



Die Kreuzeskirche ist ein imposanter Bau, wohl noch nicht entweiht aber trotzdem Ort der Begegnung aller Arten von Kultur und Kunst. Komplett in weiss verputzt und ohne Bankreihen erinnert nur noch das schlichte Kreuz und die Orgel auf der Empore an klassische Gottesdienste. 

Klaus Fiehe, einer der letzten Musikautoren des Formatradios und das Musik-Gehirn des zuletzt, nach erneuter Programmumstellung leider etwas verblichenen Jugendsenders 1LIVE in Nordrhein Westfalen, eröffnet den Abend mit seinen zunächst gewohnt sphärischen Beats, die meistens dem Dubstep und Trip-hop entliehen sind. Fiehe, dessen Sendung sich wie ein Radiokrimi um die locker gesponnenen Geschichten seiner Woche dreht, um von dort aus Fixpunkte für die Auswahl der Tracks herzustellen, kommt mit seiner Musikauswahl hier voll zur Geltung. 



Nicht immer sind alle Übergänge und mutigen Wechsel gelungen, aber er präsentiert wie im Radio Musik die scheinbar zusammenhanglos ins Leere läuft um dann durch einzelne, prägnante Wendungen doch zu fesseln.. Kein Track wirkt verschenkt, auch wenn alle CD`s lose verstreut vor ihm liegen, hier zählt nur das Bauchgefühl, der richtige Moment, keine strategischen Überlegungen oder Anbiederung an seine Zuhörer. Daher ist seine Wahl als Support viel mutiger als gedacht. Denn Moroders Musik zielt nur auf den Effekt, den zufriedenen Kunden, und entlarvt ihn so später nachträglich als Rattenfänger im Rentenalter.

Er betritt winkend und lachend die Bühne und viel mehr wird auch in den nächsten 90 Minuten nicht mehr passieren. Der Mann ist 74 Jahre alt, hat nach eigener Aussage in Interviews in den letzten 20-25 Jahren mehr Kreuzworträtsel gelöst als Musik gemacht. Daher fehlt es natürlich an einigem technischen Verständnis. Ein Apple-Laptop steht natürlich bereit, ansonsten bleibt außer einem Fader für das Mikro für kurzen Ansagen nichts zu tun. 



In dieser Hinsicht bewegt sich Moroder natürlich auf dem neuesten Stand der Auflegerszene. Seine jungen Nachfolger lassen sich ja zur Zeit auch nur in zwei Lager einteilen. Die reinen USB-DJ´s, die ebenfalls nichts anbrennen lassen und die Kollegen die über die erstgenannten lauthals schimpfen. Erfolgreicher ist natürlich die erste Kategorie. 

Warum hat Moroder nun einen solchen Einfluss auf unsere Zeit, und warum war er seiner Zeit so weit voraus? Wenn man sein Set heute Abend hört ist es eigentlich ganz einfach. Moroder ist klarer Verfechter des "Megamixes", jener tollen Erfindung aus einer Zeit, in der es eigentlich noch gar keine Mixe gab.

Ich fand in der Plattensammlung meines Vaters nur drei Vertreter dieser Musik, die vielleicht mehr zur Entstehung unserer Generation beitragen haben als uns lieb ist. Herb Alpert und James Last brachten damals die Partys zum klingen, indem sie sämtliche Hits der noch kurzen Musikgeschichte verbanden um sie mit einem konstanten Beat tanzbarer zu machen. Moroder lieferte diesen Beat in seinen Songs der Disco Ära damals direkt mit und auch heute stampft der Megamixbeat breitbeinig, fast konstant durch das Kirchenschiff. 

Daher ist es auch logisch das Daft Punk ihn, und nicht den verträumten Jean Michel Jarre als ihr Idol ins Studio einluden. Daft Punk sind ebenfalls dem perfekten Song verpflichtet, nicht dem Album. An "Get lucky" drei Jahre zu arbeiten ist für sie kein Problem, solange das Ergebnis herausragend ist. Moroder spielt in Essen keinen Song aus, er könnte ja dem einen oder anderen nicht gefallen. In der Tat sind Songs wie "Neverending Story" heute selbst für die Dauertänzer neben mir eher belustigend. Aber selbst das reicht ihm nicht, er webt unter seine gefühlten 50 Hits noch aktuelle Chartware, die den Set noch kommerzieller werden lässt.



Das ist perfekter Dienst am Kunden, nur Kunst ist es heute nicht mehr. Die aufgebaute Anlage macht das Ganze jedoch trotzdem zu einem Riesenspaß. Hier wurde nicht gespart, glasklar klingen die Höhen und Bässe, auf den Punkt macht die Musik genau den Druck, der in die Beine geht. Wer mehr erwartet hatte, war wohl von anderen Musikern in seinem Alter zu sehr verwöhnt worden. Moroder ist der Schelm und Charmeur des Pop, ein Auftragsproduzent und genialer Zuhörer am Puls seiner damaligen Fans. Heute war er nur zu Gast bei seiner eigenen Party.


Samstag, 24. Oktober 2015

Schnipo Schranke, Essen, 23.10.15

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Konzert: Schnipo Schranke
Ort: Hotel Shanghai, Essen
Datum: 23.10.2015
Dauer: 70min
Zuschauer: ca.150



Das Hotel Shanghai ist einfach ein toller Ort. Viele Jahre ist es her, das mit dem alten Namen "Kalei" Rockmusik der härteren Gangart geboten wurde. Seit Jahren ist das Shanghai nun schon Anlaufstelle für diverse Elektro-Partys und DJ-Sets im Ruhrgebiet. Die spröde Schönheit des Ladens hat kaum gelitten, fast wirkt es wie eine kleine Schwester der legendären Königsburg in Krefeld, mit seinen kleinen Nischen und liebevollen Details.

Auch Live-Konzerte stehen nun wieder auf dem Programm, ein schöner Beginn in den Abend auch für die eigentlich Tanzwütigen, die den Abend erst später beginnen würden. Mit Schnipo Schranke spielte im Shanghai die (neben den "Nerven"-siehe Bericht aus Bonn) zur Zeit vielleicht interessanteste Band aus Deutschland. 



Völlig überraschend war der Song mit dem einfachen Namen "Pisse" ja letztes Jahr von der Intro-Redaktion bereits zum "Song des Jahres" gewählt worden, was den ein oder anderen zunächst an den youtube-Player getrieben haben dürfte. Was dort zu sehen war, gab allerdings doch Anlass zu noch größerer Verwirrung. War das jetzt witzig, ernst oder ironisch, kann man sowas machen..oder ist es einfach nur doof ?

Daher waren die Fronten ziemlich schnell geklärt. Eine Band für Grautöne wird Schnipo Schranke hoffentlich nie werden. Schön zu hören war allerdings, das die Stücke auf dem Album viel mehr boten als Provokationen. Im Gegenteil, viele Texte waren einfach, aber genial. In ihrer Direktheit natürlich völlig anders als bei den "Nerven" oder "Tocotronic". Aber gerade das machte es neu und aufregend. 

Wie hier zwei junge Frauen einem, in doch zumeist (hoffentlich) fiktiven Songs ("Schrank" ist einfach großartig) praktisch ins Gesicht springen, ist neu. Auf der Bühne bilden sie ein Trio, die Instrumente werden locker getauscht, alles ist herrlich kumpelhaft und locker.



Das muss man mögen, wer gerne Stars auf der Bühne sehen möchte, ist hier falsch. Die Ansagen sind witzig, das Publikum keift kräftig mit und bricht so leider manchmal den Fluss des Vortrags. Alle kleinen Hits werden gespielt, "Cluburlaub" und "Ich küss dich tot.." werden gefeiert. Leider werden auch hier wieder, die für mich eher schwächeren Stücke "Störenfried" und "Harry Potter" erst am Ende gespielt. Aber das ist bei erst einem Album zu verzeihen.

Songs über die Liebe gibt es ja eigentlich genug, Schnipo Schranke beschreiben meistens aber das Scheitern der Liebe und dies mit viel Humor. Hoffen wir, das dieses textliche Talent auch bei weiteren Songs erhalten bleibt. Vor allem aber, dass sich der Charme mit der Zeit nicht abnutzt, wenn die Hallen größer und die Tourneen länger werden. Für diesen Abend war es eine toller Einblick in das Schnipo Universum. Mehr davon.


Montag, 21. September 2015

Sufjan Stevens - Colosseum Theater, Essen, 19.09.2015

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Konzert: Sufjan Stevens
Ort: Essen
Datum: 19.09.2015
Dauer: 125 min.
Zuschauer: 2.000



Sufjan Stevens Welt scheint ein Paralleluniversum zu sein. Einer der Geister im Showbiz, die einfach unberechenbar bleiben und nicht für den schnellen Erfolg komponieren oder spielen. Vieles was er bisher veröffentlicht hat war mutig, vieles schräg, nicht alles war gut. Doch gerade das macht ihn aus. 

Ein Künstler im wahren Sinne des Wortes. Stevens füllt nun zum zweiten Mal das Collosseum in Essen bis auf den letzten Platz. Eine wirklich schöne, umgebaute Fabrikhalle die immerhin 2.000 Leuten Platz bietet. Die letzte Show war ein wilder, bunter Ritt der alle begeisterte. Doch die Fans wissen das Stevens, wie vielleicht sonst nur noch die Eels, seinen Liedern bei jeder Tour immer wieder neues abverlangt. 

Nicht umsonst wird die Halle sonst eher für Musicalabende gebucht. Ein Drama soll heute hier aufgeführt werden und es wird eine große Oper. Dazu sind Hipster aller Länder zusammengekommen, schöne Menschen und besonders viele Spanier und Niederländer sind zu hören. Die aktuelle Tour durch Europa ist kurz und vielen ist wohl ein Konzert zu wenig. 

Dann geht es endlich los. Und es startet wie ein leiser Rausch, wie eine Ouvertüre. Drei ganz ruhige Songs eröffnen den Zyklus, darunter das unsagbar schöne "Should have known better" der aktuellen Platte. Die Lichtshow ist gewaltig, die Spots kreisen durch das Auditorium wie sonst nur bei Stadionkonzerten, allerdings nur über den Musikern. Auf der in Streben geteilten Leinwand laufen dazu parallel Videos und geben das Motto des Abends vor. Einzeln Bruchstücke, ergeben sie zusammen doch ein klares Bild. Genauso wie Stevens seine Kindheit und die Beziehung der Eltern auf seiner neuen CD umschreibt. 



Im weiteren folgen immer mehr neue Songs, fast alle bekommen gegen Ende ein elektronisches Gewand. Tanzbar wirken sie, aber immer ist nur ein Ansatz erkennbar. Die Band spielt weitestgehend im Dunkeln, ist für die Zuschauer leider kaum zu erkennen, aber sie leistet perfekte Arbeit. Unzählige Instrumente werden gespielt und getauscht, Stevens spielt abwechselnd am Piano, Keyboard oder der Gitarre. Dazu seine etwas kindliche, aber glasklare Stimme. Überhaupt der Sound, öfter wünschte man sich hier Konzerte.

Es gibt keine Ansagen, keine Unterbrechungen in diesen ersten 95 Minuten. Das ist anstrengend, es erfordert höchste Aufmerksamkeit denn man möchte ja nichts verpassen. Ein normales Konzert ist es nicht. Einzelne ältere Lieder werden eingestreut, kaum auszumachen in des Königs neuen Kleidern. Immer öfter bricht sich jetzt die Elektronik Bahn und übernimmt den Rhythmus. Die Versionen werden länger, das Licht wieder dunkler und die Stimmung düster. "Vesuvius" und "I want to be well" deuten das Ende an, das Publikum gefesselt während der Lieder möchte jetzt gerne mehr teilhaben an der Show, etwas "echtes" von ihrem Künstler hören oder sehen. Die Perfektion wird kurzzeitig zum Fluch. 

"Blue Bucket of Gold" bildet den Schlussakkord, und er dauert zu lange. 15 Minuten quält sich der Song in einer Mischung aus gekonnter Sigur Ros Emotionalität und zutiefst nervigem Krautrock. Stevens geht hier zu weit, überschätzt sein Publikum oder fordert es extra heraus. Wer kann es wissen. Natürlich ist der Applaus trotzdem riesig, als das Licht zum ersten Mal den Saal erleuchtet. Zu gut waren die ersten 80 Minuten. 



Erst jetzt wirkt Stevens gelöst, lacht und winkt ins Publikum. Ein toller Twist dann bei den Zugaben. Hier spielt die Band in gleißendem, weißen Licht sonst sperrige Songs im einfachen Gewand des Folk. Die genaue Umkehrung des ersten Sets. Das ist fabelhaft und bietet Raum für abendliche Songwechsel. Heute spielt er unter anderem "The Dress looks nice on you" und "Chicago". 

Stevens kündigt seine famose Band an und bezeichnet sich und die anderen als "..hardest working Band in Showbiz". Er sagt es als Witz, doch die Kunst dahinter wird genauso aussehen. 

Natürlich ist es leichter jedes Jahr Hauptstadtfestivals mit seiner Best of..Show zu beglücken. Echte Kunst kommt von können und oft auch von zwanghaftem müssen. Sufjan Stevens Show ist live nichts anderes als echte Kunst. Vielleicht wird er deshalb als Musiker auch nie ein Weltstar. Die Zuschauer heute wissen aber, er hat ein Kunstwerk für sie geschaffen. Auch wenn es nur für einen Abend war. 

Aus unserem Archiv:
Sufjan Stevens, Barcelona, 26.05.11
Sufjan Stevens, Berlin, 07.05.11
Sufjan Stevens, Köln, 10.11.06
Sufjan Stevens, Paris, 09.11.06



Montag, 7. September 2015

Owen Pallett, Essen, 06.09.15

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Konzert: Owen Pallett & s t a r g a z e
Ort: PACT Zollverein, Essen
Datum: 06.09.2015
Dauer: gut 70 min
Zuschauer: knapp 350 (wohl ausverkauft)



Als ich vor einigen Monaten sah, daß Owen Pallett im September zwei Konzerte im Rahmen der Ruhrtriennale spielen würde, wollte ich da natürlich hin, hocheuphorisch war ich allerdings nicht. Owen Palletts Konzerte sind grundsätzlich toll, ich habe aber eine ganze Menge davon in den letzten Jahren gesehen. Mal Owen alleine, mal mit mehr oder weniger rockiger Band, mal als Final Fantasy, mal unter seinem Namen. Daß in Essen ein Orchester dabei sein würde, war auch nicht vollkommen neu, in Eindhoven hatten wir den Kanadier schon mit einem großen Ensemble in einer Kirche gesehen.

Als ich ein paar Stunden vor dem Konzert nach der Anfangszeit suchte, fand ich die Beschreibung des Abends und den Hinweis, Owen Pallett spiele mit dem s t a r g a z e Ensemble Stücke eines neuen, unveröffentlichten Albums. Und schon war meine Aufmerksamkeit da. 

Das PACT auf dem Gelände der Zeche Zollverein ist einer dieser modernen Theaterräume in einer ehemaligen Industrieanlage. Der Gang vor dem Saal ist weiß gefliest, was uns vermuten ließ, daß hier früher die Bergleute geduscht haben werden. Der Raum selbst hat hohe Decken, eine hervorragende Lichtanlage und war vorne fünf Reihen bestuhlt und hatte hinten eine Tribüne. Auf der Bühne stand ein Flügel und um ihn eine Menge Notenständer, ganz links ein Schlagzeug.

Um kurz nach acht traten die Musiker des s t a r g a z e Orchesters auf, fünf Bläser (Horn, Posaune, Oboe, Saxophon und Bassflöte), fünf Streicher (Kontrabass, Cello, drei Geigen) und ein Schlagzeuger (und Glockenspielist). Owen Pallett kam nach einer kleinen Kunstpause dazu und stellte sich zunächst ans Mikro vorne am Bühnenrand und begann On a path von der letzten Platte In conflict.

Bei seinen Konzerten in einem weniger hochkulturellen Rahmen spielt der Kanadier Violine und Keyboard und baut die Songs mit seiner Loop-Technik auf. Er nimmt kleine Melodie- oder Rhythmus-Schnippsel auf, spielt darauf etwas anderes und bastelt so nach und nach die Lieder zusammen. Das ist enorm spannend anzusehen und klingt viel aufregender als meine Beschreibung vermuten lässt. Bevor er das macht fliegen allerdings seine Stiefel im hohen Bogen in die Ecke. Owen Pallett ist Barfuß-Künstler.

Der Abend in Essen war komplett anders. Owen behielt die Schuhe an und spielte nur Klavier. Seine Geige, sein rotes Keyboard und die Loopstation waren nicht mitgekommen. Aber natürlich fehlte nichts an seiner üblichen Souveränität, obwohl es erst das dritte Konzert mit diesem Orchester war. Sänger, die sonst immer auch ein Instrument spielen, wirken oft schrecklich hilflos, wenn sie nur singen sollen. Davon war Owen Pallett nichts anzumerken, wenn er alleine vor dem Mikro stand und sich nicht aufs Loopen oder sein Keyboard konzentrieren musste.

On a path stand die orchestrale Begleitung ausgezeichnet. Ich bin zu wenig Experte, um die Güte eines Orchesters seriös beurteilen zu können. Die elf Musiker des Ensembles unter Leitung von André de Ridder klangen in meinen Ohren aber fantastisch. Wenn er nicht sang, drehte sich Owen Pallett zur Seite und beobachtete die Musiker.

Nach On a path erklärte der Kanadier, was uns erwartete. Er arbeite an einem neuen Album namens Island, das sich inhaltlich an sein vorletztes Heartland anschließe und u.a. inspiriert sei von der deutschen Romantik. In einem Lied werde Protagonist Lewis (der auf Heartland schon auftauchte und u.a. sein Hemd auszog) "fucked into space", damit ende die Platte.

Selbstverständlich kannte ich keines der neuen Lieder, leider auch keine Titel. Daher ist es etwas mühsam, sie zu beschreiben, vor allem, weil die Instrumentierung dann letztendlich vermutlich eine andere sein wird. Die ersten drei dieser Lieder gingen ineinander über. Owen Pallett saß dabei am Klavier. Das erste neue Stück (mit der Textzeile "this emptiness is a gift") begann sehr getragen mit schweren Bläsern, bevor mit dem Einsatz der Streicher etwas Luftigkeit dazukam. Ein toller Einstieg! Das anschließende zweite Stück war durch einen Schlagzeug-Rhythmus eine Spur flotter und hätte von Hearland stammen können. Wie schwer es ist, über solche unveröffentlichten Lieder zu schreiben, habe ich jetzt hoffentlich bewiesen.

Alle neuen Stücke - Owen spielte neun, also mindestens einen Großteil der Platte - waren hervorragend, keines langweilig. Drei ragten für mich heraus, Lewis is fucked into space, das mit Flöten- und klackernden Schlagzeug-Tönen begann und mich damit an Step into my office, baby von Belle & Sebastian erinnerte, dann ein sehr getragen klingender Song unmittelbar davor (im Text kommt der Inhalt seines Magens vor und die Zeile "we made a pact") und das fünfte Stück mit viel Glockenspiel und Bläsern, von dem ich leider keinen Text mitbekam.

Das - die neuen Stücke, die wundervolle Instrumentierung, der fabelhafte Klang im Saal - machte die ersten zehn Lieder (On a path und die neuen) schon zu einem riesigen Vergnügen. Ich hätte gar nicht mehr gebraucht für ein perfektes Konzert, halte mich mit solchen Aussagen aber zurück, da der Sänger irgendwann fragte, ob wir den German Music Opinion twitter kennten. Dort seien Kritikpunkte von deutschen Konzertbesuchern gesammelt, denen ausländische Bands ausgeliefert seien. Am ersten Abend in Essen habe ein Gast ihn gefragt, warum er nur 60 min gespielt habe? "Weil sie mich gebeten hatten, 60 min zu spielen." Daß es am Sonntag länger ging, gefiel mir aber auch ohne Angst vor Twitter-Ruhm gut. 

Nach den letzten Tönen des letzten neuen Lieds machte Owen eine Kreisbewegung. Ich verstand das als Hinweis, The Arctiv Circle spielen zu wollen, das Orchester auch. Es folgte ein weiterer seiner alten Songs, als er noch als Final Fantasy Musik gemacht hat, The Pooka sings. "I don't know if I played this one before!" (auch auf die Gefahr hin... click).

Die Zugaben, die wir dem mündigen Konzertgänger vom Vorabend zu verdanken hatten, begannen mit The secret seven von In conflict, das Owen Pallett alleine am Klavier spielte. Das Orchester setzte sich zwanglos auf den Bühnenboden. Das war eine dieser Sachen, die die Musiker grundsympathisch machten. Da war nichts Aufgesetztes auszumachen. Sie machten ihren Job offenbar mit großer Freude und genossen den Auftritt. Davon daß das Publikum sich voll und ganz auf die Musik konzentrieren konnte, lenkten allenfalls die zum Teil (für einen Laien wie mich) ungewöhnlichen Instrumente ab (die Flöte und das sehr lange Saxophon). Und das wundervoll schwarz-weiß gestreifte Kleid der Flötistin.

Zum letzten Titel I'm not afraid spielte das s t a r g a z e Ensemble wieder mit. Das plötzlich einsetzende Schlagzeug war dabei ein besonderer Moment.

Islands wird eine tolle Platte, gar kein Zweifel. Eine der Premieren (jaja, ist Quatsch) mit solch aufregender Instrumentierung miterlebt zu haben, war aber sicher noch eine ganze Ecke toller. Und wie schön, daß die "habe ich alles schon gesehen"-Ignoranz, die ich an mir so hasse, sich als großer Blödsinn rausgestellt hat.

Setlist Owen Pallett & s t a r g a z e, PACT Zollverein, Essen:

01: On a path
02: neu ("this emptiness is a gift")
03: neu
04: neu ("collapsing buildings")
05: neu

06: neu ("we talked about the drugs")
07: neu ("wild horses")
08: neu ("we made a pact")
09: neu ("fucked into space")
10: neu ("mistaken for a planet")
11: The Arctic Circle (Final Fantasy)
12: The Pooka sings (Final Fantasy)

13: The secret seven (Z)
14: The riverbed (Z)
15: I am not afraid (Z)

Links: 

- aus unserem Archiv:
- Owen Pallett, Storkow, 22.08.15
- Owen Pallett, Münster, 15.04.15
- Owen Pallett, Karlsruhe, 30.11.14
- Owen Pallett, Köln, 29.11.14
- Owen Pallett, Dresden, 17.06.14
- Owen Pallett, Paris, 11.12.12
- Owen Pallett, Düsseldorf, 26.05.12
- Owen Pallett, Eindhoven, 11.11.11
- Owen Pallett, Köln, 23.06.11
- Owen Pallett, Paris, 22.02.11
- Owen Pallett, Eindhoven, 18.02.11
- Owen Pallett, Paris, 01.06.10
- Owen Pallett, Barcelona, 28.05.10
- Owen Pallett, Frankfurt, 15.03.10
- Final Fantasy, Haldern, 14.08.09



Dienstag, 25. November 2014

Morrissey, Essen, 24.11.14

5 Kommentare

Konzert: Morrissey
Ort: Colosseum, Essen
Datum: 24.11.2014
Dauer: Morrissey gut 85 min (abgebrochen), Anna Calvi 42 min
Zuschauer: knapp 1.500 (ausverkauft) - darunter 10 Idioten 



"Remember me, forget my fate", zitierte Morrissey Klaus Nomi, als er mit seiner Band wieder auf die Bühne kam, um Zugaben zu spielen. Es wäre einer der emotionalen oder aufwühlenden Momente gewesen, wären nicht Augenblicke später einige Schwachköpfe auf die niedrige Bühne geklettert, um die Aufmerksamkeit, die sie in ihren langweiligen Leben nicht bekommen, vor 1.500 Zuschauern zu erfahren. Morrissey hatte die erste Zeile von Everyday is like sunday noch nicht beenden können, als er sich von allen Seiten bedrängt sah und die Bühne eilig verließ. Die Band folgte einen Augenblick später - das Konzert war nach gut 85 Minuten beendet.


Schade, daß ein sehr schöner Abend so endete. Und leider bleibt ja genau das hängen. So wie eine tranig schmeckende letzte Pistazie im Beutel.



Wären die Menschen ohne Kinderstube nicht gewesen, würde ich mich an dieses vermutlich letzte meiner Morrissey-Konzerte ganz anders erinnern. Als eines in einem überraschend schönen und kleinen Saal (in das Colosseum passen nicht einmal 1.500 Leute!), mit einem blendend aufgelegt wirkenden Sänger, der die Schwächen in der Setlist mit seinen Entertainer-Qualitäten wegwischte!


Vor dem Konzert hatte ich Bedenken, daß die Stimmung in dem bestuhlten ehemaligen Industrie-Bau nicht gut werden könne. Als wir nach herrlich unkompliziertem Einlass auf unseren Plätzen in der neunten Reihe ankamen, wurden die nicht kleiner. Die Sesselreihen waren zu dicht hintereinander, um Stimmung aufkommen zu lassen, dachte ich. Noch dazu diskutierten die Ordner mit jedem, der nach dem Anna Calvi Support vorne stand, daß er sich bitte setzen möge. Als Morrissey um neun auftrat, stand allerdings jeder auf und von verhaltener Stimmung war nichts zu merken. Das war die angenehme Niederlage der Securities.


Eröffnet hatte den Abend die Engländerin Anna Calvi. Wie üblich waren die Veranstalter nicht in der Lage, die Anfangszeiten anzugeben. Auf Nachfrage im Colosseum erhielten Gäste wohl die Auskunft, Anna Calvi gehe um acht auf die Bühne. Sie begann aber bereits um 19:45. Bei früheren Morrissey-Supports mag das niemand gestört haben, Anna Calvi kam aber bei der überwiegenden Mehrheit der Zuschauer gut an, sie und ihre drei Begleiter bekamen mehr als nur höflichen Applaus.


Die Musik der Britin ist eigentlich weit jenseits meiner Bluesrock-Toleranzschwelle. Sie hatte mich aber schon in Haldern und in Köln 2011 beeindruckt. Ein Großteil des Konzerts kam mir auch wie die damaligen vor. Obwohl Anna 2013 ihr zweites Album One breath veröffentlicht hat, das hervorragende Kritiken erhielt (das ich aber bisher ignoriert habe), waren die meisten Stücke älter. Jezebel, Desire, First we kiss, Love won't be leaving und Blackout waren dann auch mit Abstand die besten Lieder des Sets. Schon gut, daß Kristeen Young Morrissey verhext hat (wenn ich das richtig verstanden habe) und nicht mehr als Lieblingssupport eingesetzt wird.

Setlist Anna Calvi, Colosseum, Essen:

01: Suzanne and I
02: Eliza
03: Cry
04: Surrender
05: Blackout
06: First we kiss
07: I'll be your man
08: Desire
09: Love won't be leaving
10: Jezabel (Frankie Laine Cover) 

In der Pause lief eine neue Auflage des Zusammenschnitts von Musik, Interviews und Filmausschnitten. Nach den Ramones, Chris Andrews oder den New York Dolls kam am Ende vom Band The bullfighter dies ("gaga in Malaga") und dazu Stierkampf-Videos, in denen der Stier gewann. Die brutalen Bilder waren verstörend. Sie waren aber auch wieder aus meinem Kopf raus, als Augenblicke später Morrissey in einem 50er-Jahre US-Mechaniker Hemd (ich alter Modeblogger!), seine Band in weißen Hemden mit Hosenträgern auf die Bühne kamen und mit Suedehead eröffneten. Ich hatte gehofft, das endlich live zu hören, es war toll! Morrissey war der gewohnt große Entertainer, er schmiss das Mikrokabel, guckte theatralisch, litt mit jeder Zeile des Abends mit, berührte viele Hände, ohne sich (wie vor ein paar Jahren) danach angeekelt die Hand and der Hose abzuwischen. Es war gut! Richtig gut!


Daß die Lieder der neuen Platte nicht wie gehofft live besser zünden als auf Platte, war da egal. Einige sind gut, einige langweilig - in der Essen-Setlist war das Verhältnis neu-alt leider zu sehr Richtung neu ausgerichtet. Aber das wäre nicht weiter ärgerlich gewesen, da dazwischen ja immer wieder Perlen zu finden waren, meist alte Perlen. The Queen is dead oder How soon is now? von den Smiths, die B-Seite Yes, I'm blind (von Ouija board, ouija board), Trouble loves me. Lediglich das wundervolle I'm throwing my arms around Paris war sehr kurz und hatte ein lustloses Ende.


Das mit Abstand lahmste der neuen Stücke ist Kick the bride down the aisle, das dazu noch schrecklich lang ist. In der Zeit hätte man vier Freundinnen im Koma beweinen können. Oder fünf. 



Vor Meat is murder wurde es wieder aufwühlend. "I'm not American! They celebrate Thankskilling. Can anybody with a working brain tell me why?" Zu dem Smiths-Stück liefen Videos über Tiermißhandlungen in der Lebensmittelindustrie, nach "Produktgruppen" unterteilt. "Eggs", "Dairy", "Poultry." Morrissey stand in der langen Instrumentalphase in der Mitte mit hinter dem Kopf verschränkten Armen direkt vor der Leinwand, noch jenseits des Schlangzeugers und guckte zur Dokumentation.

Musikalisch kam danach mein Highlight, Speedway von Vauxhall and I von 1994. Das Stück, das Langzeit-Gitarrist Boz Boorer (von Morrissey als "more in hope than in anger" vorgestellt) geschrieben hat, hatte ich noch nicht bei einem Konzert gesehen und als (heimlich) bestes Stück des Abends empfunden!

Und dann kam Klaus Nomis melancholisches Zitat, das vor dem Hintergrund, daß eine weitere Tour auch unabhängig von Morrisseys Erkrankung höchst unwahrscheinlich war, noch eine Spur trauriger wirkte. Bevor aber da zu viele Grübeleien entstehen konnten, vertreuten die Irren diesen Kloß-im-Hals-Moment.


Weil es bei so einem ADHS-Ausbruch ja wohl um Aufmerksamkeit geht, bekommt Ihr die jetzt noch einmal: Idioten, Idioten, Idioten!

Setlist Morrissey, Colosseum, Essen:

01: Suedehead
02: Staircase at the university
03: The Queen is dead (The Smiths)
04: Kiss me a lot
05: I'm throwing my arms around Paris
06: World peace is none of your business 
07: Scandinavia
08: Earth is the loneliest planet
09: Istanbul
10: One of our own
11: Trouble loves me
12: How soon is now? (The Smiths)
13: Yes, I'm blind
14: Neil Cassady drops dead
15: Kick the bride down the aisle
16: Meat is murder (The Smiths)
17: Speedway

18: Everyday is like sunday (abgebrochen nach wenigen Takten) (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Morrissey, Lüttich, 05.07.12
- Morrissey, Dublin, 31.07.11
- Morrissey, Köln, 11.06.09
- Morrissey, Offenbach, 09.06.09
- Morrissey, Esch, 05.06.09
- Morrissey, Lille, 19.01.08
- Morrissey, Frankfurt, 12.12.06
- Morrissey, Paris, 25.08.06
- Anna Calvi, Karlsruhe, 05.08.14
- Anna Calvi, Paris, 14.02.14
- Anna Calvi, Paris, 07.11.11
- Anna Calvi, Köln, 05.10.11
- Anna Calvi, Saint Cloud, 29.08.11
- Anna Calvi, Haldern, 11.08.11
- Anna Calvi, Paris, 04.11.10
- Anna Calvi, Paris, 22.06.10
- Anna Calvi, Paris, 15.06.11





Sonntag, 23. November 2008

Travis, Essen, 22.11.08

9 Kommentare

Konzert: Travis
Ort: Grugahalle Essen (Rockpalast Festival)
Datum: 22.11.2008
Zuschauer: wieder deutlich leerer; erschütternd leer
Dauer: 70 min


Wieso habe ich den gleichen Fehler noch einmal gemacht, nämlich Travis derart massiv zu unterschätzen. Ich mag die schottische Band seit ihrer ersten Platte, habe auch eifrig immer alle folgenden gekauft - nur gehört habe ich Travis in den letzten Jahren selten. Und dann kam ein Konzert im vergangenen Jahr in Köln, zu dem ich vor allem wegen der fabelhaften Vorgruppe The Taste aus München gegangen bin, und Travis waren alles andere als langweilig und haben sich vollkommen in mein Herz gespielt.

Und danach habe ich sie wieder selten gehört...

Fleet Foxes und Rascals hatten mich schon überzeugt, und damit war genug auf der Pro-Schale der Rockpalast Waage, sodaß ich eigentlich von Travis nicht mehr viel erwartete. Ein Fehler wie gesagt.

Das erste Stück hatte mich noch nicht umgehauen. Ich kenne aber auch Ode to J. Smith, die aktuelle Platte, noch viel zu wenig. Aber schon dabei bekam man einen
guten Eindruck davon, daß das Spielen von Konzerten den vier Schotten offenbar unglaublich viel Freude bereitet. Sie bewegen sich viel, wandern über die Bühne, hüpfen und machen dabei grundsätzlich ein fröhliches Gesicht, es ist eine wahre Freude!

Nach
Chinese blues mußte Fran erst einmal die Gitarre stimmen. Während er das tat, klagte er, daß das jetzt langweilig sei, das Konzert werde schließlich übertragen. Und das in seinem herrlichen Singsang-Schottisch, viel besser verständlich als das Grummel-Schottisch von Glasvegas.

Mein Gesicht wurde dann erstmals bei
Selfish Jean, dem zweiten Stück fröhlich. Selfish Jean ist ein gutes Argument gegen die Nörgler, die sagen, Travis seien nur früher gut gewesen. Das Lied von der Platte vor Ode to J. Smith (The boy with no name) gefällt mir ganz ausgezeichnet, immer wieder!

Und Fran hüpfte und drehte sich und tanzte!

Wenn ich eben von den vier Schotten spreche, ist das zwar richtig, aber nicht ganz.
Vier Schotten waren auf der Bühne. Zusätzlich war aber auch wieder der schwedische Keyboarder Claes Björklund mit von der Partie.

Travis spielten Lieder all ihrer Platten. Dabei wurde das Set immer älter. Anfangs kam mit Writing to reach you vom zweiten Album nur ein altes Stück, mit der Zeit wurden die Lieder immer klassischer. Natürlich bildeten Songs von Ode to J. Smith absolut den größten Anteil, insgesamt kamen aber jeweils die Hälfte der Lieder von den ersten bzw. den letzten drei Platten. Besonders schön dabei war, daß Travis ihr Debüt Good
feeling nicht mißachteten. Mit Falling down, U16 girls und ihrem ersten gemeinsam gespielten Lied All I want to do is Rock 'n' Roll wurde das angemessen bedacht.

Und wieviele dieses Lieder sind schon jetzt zeitlose Klassiker? Sing, Driftwood, Turn, das wundervolle Side, Writing to reach you, Closer, bei dem nur das Publikum den Refrain sang und der Sänger kommentierte - "Closer" - "Nice" - "Closer" - "Nicer" - "Closer" - "ok."

Zwei der schönsten Lieder hatten sich Fran, Dougie, Neil, Andy & Claes für die Zugaben aufgehoben. Von letztem Jahr kannte ich schon die Flowers in the window Version, bei der alle Bandleute mit einer Gitarre Arm in Arm singen. Sie taten das vor den Mikros am Bühnenrand, also ganz akustisch. Und auch wenn ich es schon kannte - es war unglaublich schön, fast rührend, wenn das nicht so theatralisch klänge.

Danach, zu Why does it always rain on me, sollten alle hüpfen, pogen, verlangte Fran
(der Hut trug). Und wir sollten auf gar keinen Fall cool sein! "Being cool stops at eleven o'clock!"

Es ist für viele uncool, Travis toll zu finden, da bin ich ganz sicher. Aber die tun der Band unrecht (und sich selbst keinen Gefallen), denn auch als nicht-jeden-
Tag-Travishörer hat man live mit dieser unglaublich sympathischen Gruppe wahnsinnigen Spaß. Eine der besten Livebands, die ich kenne, da bin ich mir nach zwei Konzerten ziemlich sicher.

Das Rockpalast Festival war eine wirklich schöne Sache. Die Auftritte der Fleet Foxes (Tagessieger), von Travis und den Rascals waren in meinen Ohren ganz hervorragend. Ben Folds hat mir Spaß gemacht, Glasvegas leider nicht. Und unser (Vor)urteil, daß bei den Schilderungen, wie Donavon Frankenreiter sein würde, einige Male zu oft Jack Johnson als Referenz genannt wurde, bestätigte sich eindrucksvoll. Auf der Suche nach Sitzmöglichkeiten war man leider auf die Tribünen im Saal angewiesen. Und da spielte leider Donavon. Leider, weil es belanglos und seicht war. Ansonsten war der Tag und Abend wirklich sehr lohnenswert und hätte deutlich mehr Zuschauer verdient gehabt!

Setlist Travis, Rockpalast Festival, Grugahalle Essen:

01: Chinese blues
02: Selfish Jean
03: Writing to reach you
04: J Smith
05: Something anything
06: Long way down
07: Re-offender
08: Love will come through
09: Side
10: Sing
11: Falling down
12: U16 girls
13: Closer
14: Driftwood
15: All I want to do is Rock 'n' Roll
16: Before you were young
17: Turn

18: Flowers in the window (Z)
19: Why does it always rain on me (Z)

Links:

- Travis im E-Werk in Köln (Oktober 2007)
- mehr Fotos von Travis in Essen




Ben Folds, Essen, 22.11.08

4 Kommentare

Konzert: Ben Folds
Ort: Grugahalle Essen (Rockpalast Festival)
Datum: 22.11.2008
Zuschauer: recht volle Halle (den Umständen entsprechend)
Dauer: 65 min


Nachdem die Donavon (o-a-o, kein Witz!) Frankenreiter Abendess-Pause vorbei war, stand das Konzert auf dem Programm, auf das ich eigentlich am neugierigsten war. Ich habe mich bisher mit Ben Folds nämlich viel zu wenig beschäftigt, ihn auch noch nie live gesehen.

Auffällig war erst einmal der Bühnenaufbau! Zentrales Stück (bildlich; er stand am linken Rand) bildete Bens Flügel. Wir fragten uns, ob er den mit auf Reisen nehme oder vor Ort jeweils ein Leihgerät bereitstehe. Beides erzeugt interessante Jobs. Flügelleiher oder Flügellogistiker könnte ich mir ganz gut vorstellen. Zu diesen Berufen gehört aber nicht das Reinigen des Instruments, der schöne Klavierlack sah nämlich aus wie ein Jeep nach einer Dschungeltour. Hinter Bens Flügel befand sich
auf einer Empore der Arbeitsplatz des Percussionspielers. Allerlei Glöckchen und Bimmelkram konnte man da erkennen, dazu eine fest installierte Triangel.

Keyboarder, Schlagzeuger und Bassist komplettierten die Band. Ben Folds kannte ich natürlich von Bildern. In Natura sieht er genauso nerdig aus, wie ich mir das
vorgestellt hatte. Mit seiner Woody Allen Brille und dem braun-orange gestreiften Polohemd hätte er auch gut und gerne eine Software Firma gründen können.

Das neue Album Way to normal hatte ich erst einmal gehört, daher war vieles für mich relativ neu. Denn fast alles beim Auftritt des Amerikaners (der aus dem wundervollen North Carolina stammt) kam von der aktuellen Platte. Es fing an mit dem Titelsong, gefolgt von Brainwascht (ja, mit "t", vielleicht ist das Hessisch) mit dem Text "But if you had to say it all with a pop song, couldn't you at least have written me a good one?" Toll!

Ben Folds bewegte sich zwar durchaus viel während des Konzerts, aber nur hoch und runter von seinem Klavierhocker. Dafür rannte der Percussionmann kräftig über die
Bühne. Irgendwann nah er einen Stuhl, stellte ihn mit der Rückenlehne zum Publikum und "spielte" da sitzend Tambourin, nicht ohne dabei dramatische Gesten zu zeigen!

Von den ersten fünf Liedern stammte nur eines nicht von Way to normal - und war das beste (Annie waits von Rockin' the suburbs). Im Anschluß wurde es ungewöhnlich. Denn Ben spielte zunächst die falsche Dr. Yang Version (die mit anderen Liedern vor Album Veröffentlichung angeblich ins Internet geleakt wurde - mir fällt kein sinnvolles Wort dafür ein, das dieses fiese geleakt ersetzen könnte - diese Stücke sind mit wenigen Ausnahmen aber alles alternative Liedversionen; ein kleiner Gag der Band). Er kündigte es an mit "This song is called 'Dr. Yang!'". Danach kam:
"This song is called 'Dr. Yang!'" und der Dr. Yang vom Album. Daß er auch ein drittes Lied gleichen Namens direkt danach ansagte, war ein Scherz, es kam nämlich "Cologne".

Danach alte Sachen, zwei Lieder von Songs for Silberman, bevor Ben mit Free Coffee wieder zu Neuem zurückkehrte. Für dieses Stück, das mich witzigerweise an die Dresden Dolls erinnert (Ben hat das Soloalbum von Amanda Palmer produziert), mußte der Sänger das Klavier präparieren, indem er irgendwas auf die Saiten packte. Es klang dann auch wirklich wie solch ein automatischen Piano, das man aus Western oder dem Phantasialand kennt.

Dann war wieder Finde-die-Unterschiede-Zeit. "The next song is called 'The bitch went nuts'"... und
"The next song is called 'The bitch went nutz'", mit s vom Album, mit z aus dem Internet. Die s-Version gefiel mir besser, sie war ganz großartig!

Von seinem ersten Soloalbum nach dem Ende der Ben Folds Five stammte dann noch das letzte Lied Zak and Sara, bevor nach gut einer Stunde Schluß war. Ich fand Ben Folds' Auftritt hochamüsant und musikalisch sehr gelungen. Aber meine Begleiter, die ihn schon häufiger gesehen hatten, waren vom Programm enttäuscht, wegen all der neuen Sachen, der beiden Fakes und fehlenden Lieblingen. Also ein gut-aber...-Auftritt.

Setlist Ben Folds, Rockpalast Festival, Grugahalle, Essen:

01: Way to normal
02: Brainwascht
03: Effington
04: You don't know me (ohne Regina Spector)
05: Annie waits
06: Dr. Yang (fake)
07: Dr. Yang (Album Version)
08: Cologne
09: You to thank
10: Landed
11: Free coffee
12: The bitch went nuts (Album Version)
13: The bitch went nutz (fake)
14: Zak and Sara

Links:

- mehr Fotos aus Essen



Fleet Foxes, Essen, 22.11.08

3 Kommentare

Konzert: Fleet Foxes
Ort: Grugahalle Essen (Rockpalast Festival)
Datum: 22.11.2008
Zuschauer: halb volle Halle (sehr optimistisch)
Dauer: 55 min


Welch großartige Band! Ich mache nie Listen mit den Platten des Jahres, wäre das anders, Fleet Foxes wäre sicher auf einem der ganz vorderen Plätze! Wie schön diese mehrstimmigen Lieder doch sind! Eines sind sie nicht: Rockmusik. Der Name der veranstaltenden Fernsehsendung machte den Washingtoner Hippies dann auch viel Freude. "Rock palace? Palace of Rock! You are Rock subjects! We tell you, when we gonna rock!"

Daß die Band, die mir schon in Haldern musikalisch viel Freude bereitet hatte, auch jenseits der Lieder Freude liefert, war mir neu. Im Spiegelzelt in Haldern hatten sie Pausen mit dem Stimmen ihrer Instrumente verbracht. Teilweise unterbrach das den Spielfluß sehr. In Essen verging kaum eine Liedpause ohne Gespräche zwischen Fleet Foxes und uns.

Auch wenn die Pausen dadurch kurzweilig waren, erzeugten natürlich die überragenden hymnischen Lieder die große Begeisterung.

Den Auftakt bildete Sun giant von der gleichnamigen EP. Vorher hatte Sänger Robin
Pecknold allerdings das Publikum sehr spektakulär begrüßt: "Hallo, schön hier zu sein. Hier in Essen, der europäischen Kulturhauptstadt 2010, siebtgrößte Stadt Deutschlands. Trotz des Industrieerbes eine grüne Stadt." "We know all about you, Essens!"

Sun giant war also der Beginn. Das Lied fängt a cappella an, nur von gelegentlichem Klopfen auf Robins Gitarre unterstützt. Es ging dann nahtlos in Sun rises über, die zweite Liedhälfte zu Red Squirrel, dem Eröffnungstitel der Platte. Ich brauchte ein wenig, das so zu erkennen.

Es folgten Drops in the river und English house von Sun giant. Dabei fiel mir erstmals auf, daß Gitarrist Skyler Skjelset (der einzige, der nicht singt, wenn ich das richtig gesehen habe), seine Gitarre mit Geigenbogen spielte. Die singenden Fleet Foxes sind
neben Robin Keyboarder Casey Westcott, der auch Ukulele spielte, Schlagzeuger Josh Tillman und Bassist Christian Wargo.

Nach oder während English house pfiff jemand im Publikum: "Stop whistling! No, just kidding. Everybody whistle!" - "There's one very aggressive bird!" ergänzte Joshua.

Mit
White winter hymnal, Ragged wood und dem schönsten Lied der Welt, Your protector, hatte das Set etwa zu Halbzeit seine stärkste Phase. Diese zehn, zwölf Minuten waren schlicht wundervoll! Also noch ein wenig wundervoller als der Rest, der war es ja auch.

Nach Your protector (schönstes Lied der Welt, nicht vergessen!) spielte Robin zunächst alleine weiter. Vorher aber wieder ein köstlicher Dialog! Eine Frau brüllte ein für mich nicht ganz nachvollziehbares Kompliment nach vorne. "You love my hand? You love my hair! Thanks!" Der Sänger erklärte dann das Schönheitsgeheimnis seines wallenden Haupthaars: "Du darfst Deine Haare anderthalb Wochen nicht waschen, dann ist es perfekt." Als das geklärkt war, ging es mit den Sololiedern los. Das erste war Crayon angels, von dem es eine Black Cab Session gibt (siehe unten). Das Lied stammt im Original von der amerikanischen Singer/Songwriterin Judee Sill.

Crayon angels ging dann in Oliver James von Fleet Foxes (der Platte) über. Die Band
nahm wieder Stellung, um einen weiteren Monsterhit (Robin) zu spielen, He doesn't know why. Ein weiterer solcher (Mykonos) bildete schon fast den Schlußpunkt. Dazu muß man nicht viel sagen, das Stück ist natürlich fabelhaft. Danach folgte die unschöne aber souverän gekonterte Stelle des Konzerts. Ein besonders schlauer Zuschauer (wir haben uns verständigt, hier nie beleidigend zu werden) meinte, daß eine Band aus Seattle gefälligst Ansagen auf Deutsch zu machen habe. Er bezeichnete Robin und Kollegen, diese netten Hippies, also schnell als "Arschlöcher," was die erst nicht verstanden. Auf Nachfrage übersetzte aber jemand. "He called us assholes?" Aber sie nahmen es gelassen und machten ihre Späße. Ob der Schreier beim nächsten Thailand Urlaub auch Thai spricht? (keine Beleidigung, schönes Land und so).

Nach dem würdigen Abschluß
Blue Ridge Mountains setzte enormer Beifall ein! Hochverdient, denn das Konzert war perfekt (abgesehen von den störenden Betrunkenen, die rhythmisches Klatschen, das nur ganz wenig neben dem eigentlichen Rhythmus lag, für eine gute Idee hielten, wobei "ganz wenig" relativ ist)! Von dem minutenlangen Applaus bekam die Band restlos alles mit, denn nach dem letzten verklungenen Ton bauten die Fleet Foxes ihre Instrumente und Effekte selbst ab, ohne von der Bühne verschwunden zu sein.

Setlist Fleet Foxes, Rockpalast Festival, Grugahalle Essen:

01: Sun giant
02: Sun rises
03: Drops in the river
04: English house
05: White winter hymnal
06: Ragged wood
07: Your protector
08: Crayon angels (Judee Sill Cover) (Robin Pecknold solo)
09: Oliver James
(Robin Pecknold solo)
10: He doesn't know why
11: Mykonos
12: Blue Ridge Mountains


Links:

- Fleet Foxes in Paris (12.11.08)
- und beim Haldern Festival
- sowie in Paris (02.06.08)
- mehr Fotos von den Fleet Foxes beim Rockpalast (ähh Palace of Rock)




 

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