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Mittwoch, 17. August 2022

Haldern Pop Festival 2022

2 Kommentare

 


Konzert: Haldern Pop Festival 2022
Ort: Haldern
Datum: 11.-13.08.22
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: fast ausverkauft



Die Zeiten ändern sich. Wenn dies sogar bis zum Haldern Pop Festival durchdringt, kommt keiner mehr daran vorbei. 

War das Festival zwar in Sachen Line-Up schon lange Vorreiter, dauerten Entwicklungen an der Organisation schonmal etwas länger. Schlimm war das nie, schließlich stand ja an allen Ecken und Enden immer das Persönliche beim Haldern Pop im Vordergrund. Dieses Jahr gab es also viel Neues zu entdecken. 

Durch die Corona-Pause und der letztjährigen, „kleinen“ Ausgabe war wohl Zeit und Willen genug da, die Dinge anzugehen. Der „Pop-Taler“ ist Geschichte, eine APP oder alternative Prepaidkarten erleichtern das ansonsten schwere Portmonee der Vorjahre und auch der Zeitplan und die Bandinfos sind digital verfügbar. 


Auf eine Änderung hatten die Macher wohl hoffentlich keinen direkten Einfluss. Waren früher Gummistiefel und Regenjacke Pflichtausstattung und wurden aus Routine sogar an sonnigen Tagen getragen, sollte man mittlerweile dringend über den Kauf eines etwas hochpreisigeren Pavillons für den Sonnenschutz nachdenken. Er wird in den nächsten Jahren wohl immer wichtiger. 

Die Sonne brannte an allen Tagen unerbittlich bis in die späten Abendstunden. Das Festival wollte daher noch mehr als sonst „erarbeitet“ werden. Aber es sollte sich bei dieser Ausgabe besonders lohnen. Sieht man in anderen Line-Ups fettgedruckte Namen und Bandlogos, die den Ticketpreis rechtfertigen sollen, geht das Haldern auch hier bewusst einen anderen Weg. Alle Bands sind alphabetisch auf dem Poster angeordnet. Soll doch jeder selber herausfinden, wer seine Helden sind. Und davon gibt es bei genauerem Hinsehen sehr viele. 


Fast alle relevanten Newcomer Bands des letzten Jahres sind vertreten, auch wenn die kurzfristige Absage von Yard Act schmerzte. Husten und 1000 Robota eröffnen die neue, kleine Marktplatzbühne noch etwas verhalten, zuerst wollen ja alle alten Bekannten begrüßt werden, viele trifft man schließlich nur einmal im Jahr hier. Doch spätestens mit Wu-Lu als erstem Hauptbühnenact kommt echte Freude auf. Ein wilder Mix aus Rap und Indie peitscht von der Bühne auf das heiße Gras. 


Danach ein, bei der Hitze gewagter Abstecher zum Spiegelzeit, das entgegen aller Vorurteile, schon seit Jahren fast immer ohne Wartezeiten begehbar ist. Das gleißende Licht des Sonnenuntergangs strahlt durch die bunten Zierfenster und man wähnt sich eher in einem Wüstenzelt in Kairo, als am Niederrhein. Sports Team, vor drei Jahren noch eher ein Pavement-Klon, spielen mittlerweile breitbeinigen Rock mit Indie-Attitüde. Sänger Alex Rice springt daher gerne auch schonmal mit nacktem Oberkörper in die Menge und trägt sehr zur Unterhaltung bei. In England schon eine große Nummer, bleibt hier aber noch Potential nach oben.

Danach zwei weitere Acts auf der Hauptbühne, die Viele feierten, mich aber leider nicht berührten. Sons of Kemet sind ohne Frage ein besondere Band und natürlich auch besondere Musiker, aber Emotionen kann ich hier genauso wenig empfinden, wie bei dem zwar sehr schönen, aber auch etwas dahin gehuschten Auftritt von Nilüfer Yanya. Die Geschmäcker sind halt verschieden, und Auswahl gibt es ja vor Ort wahrlich genug. 


Daher wieder der fliegende Wechsel in das Zelt, wo nach den recht überzeugenden Newcomern von Geese noch ein besonderes Highlight anstand. Dry Cleaning, innerhalb weniger Monat vom flüsternden Geheimtipp zum „next big thing“ geworden, passen perfekt in den Nachtslot von 2.00 bis 3.00 Uhr morgens. Eine eigentlich „unmögliche“ Band, von der ich gerne wissen würde, wo die Musiker sich gefunden haben. Da ist einerseits die extrem charismatische Sängerin Florence Cleopatra Shaw, die mit „toten“ Augen, aber live auch oft lächelnd ins Publikum starrt. Ein Bassist mit wehendem Haar und Bühnenventilator, dazu ein Fäuste ballender Gitarrist mit riesigem Schnauzbart und ein unscheinbarer Indie-Drummer. Zusammen spielen sie einen betörenden Indierock, wie man ihn lange vermisst hat. Oder wie das Haldern Pop selber schrieb: „Eine skurrile Sinneserfahrung.“ Großartig. 

Der Freitag beginnt für viele mit einem Sprung in den nahen Badesee. Viel bringt das nicht. Spätestens, als man zu Mittagszeit den Weg vom Zeltplatz zum Markt geschafft hat, brennt die Sonne wieder auf den schon geröteten Nacken. Passend dazu gibt es entspannten Indierock mit hawaiianischen Anleihen und passenden Hemden. Schöne, kleine Popperlen von Eli Smart sorgen für gute Stimmung. Überhaupt ist die Bühne hier ein voller Erfolg. Für viele, denen das Programm in der Kirche vielleicht zu speziell ist, ergibt sich eine sinnvolle Alternative doch ins Dorf zu schlendern. 


Genau, die Kirche…natürlich findet auch hier wieder ein extrem abwechslungsreiches Programm statt. Zum Beispiel die mit dem „Montreux Jazz Talent Award“ ausgezeichnete und in Belgien schon zum Star avancierte Meskerem Mees. Sie hat keine Show oder große Bühnenansagen nötig. Wie einst Tracy Chapman weiß sie nur mit ihren Songs und ihrer Ausstrahlung jedes Publikum zu begeistern. Eine besondere Empfehlung. Danach kann man zwischen einer italienischen Roadshow und einer Art Kraftwerk-Cover-Konzert von 1000 Robota mit stargaze wählen. Das kann wohl auch kein anderes Festival von sich behaupten. 

Erst dann startet die Hauptbühne mit einem lupenreinen Klon der Killers, Mid City sind im Dorf. Als Auftakt sicherlich OK, aber auch schnell wieder vergessen. Das behaupteten viele auch von dem folgenden Auftritt von Friedberg. Natürlich wirkt das auf der Bühne schon fast zu schön um wahr zu sein. Aber die Songs sind gut und extrem poppig. Sängerin Anna Friedberg erzählte von einer Supporttour in den USA mit Hot Chip. Das passte bestimmt gut zusammen. 

Das harte Doppel von Shame und Gilla Band musste dann für mich hitzebedingt leider ausfallen. Zwei Eiskaffee später wurde der Abend dann zunächst mit perfektem Soul von Curtis Harding eingeleitet, bevor es zu einem weiteren, echten Highlight kommen sollte. 

Squid begeisterten mit einer Spielfreude, die auf der Hauptbühne manchmal vermisst wurde. Ein wahnsinniger Ritt aus Elektronik, harten Gitarren und dem singenden Drummer Ollie Judges. Bis zum letzten, irrsinnigen Song zieht die Band das Tempo und die Intensität immer weiter bis ins Zeltdach, bis alles in sich zusammenfällt. Magisch. 


Verlassen wir nun kurz den kontinuierlichen Ablauf und schauen auf die beiden vermeintlichen Headliner. Anna Calvi und Kae Tempest sind eine sehr gute Wahl. Beide treten nicht zu häufig auf Festivals in Deutschland auf und beide haben ein gutes, neues Album im Gepäck. Das war es aber dann auch schon an Gemeinsamkeiten. Anna Calvi macht uns den Prince, oder den Hendrix, je nach Song. Sie kniet, liegt und wälzt sich über die Bühne, alles schreit nach riesigen Emotionen und großem Drama. Alleine, es will sich nicht übertragen. So bleibt der kühle Blues, die Einsamkeit und eine Band, die nie aus dem Dauernebel tritt. 


Ganz anders bei Kae Tempest. Kae schafft es, die ganze Bandbreite an Emotionen nicht durch Taten, sondern nur durch Worte und unbändige Präsenz zu vermitteln. 75 Minuten peitscht Kae ihre Reime und Songs ins Publikum. Man müsste kein Wort Englisch verstehen, um den Lippen Sekunde um Sekunde zu folgen. Kae Tempest ist für mich die modernste und beste kunstschaffende Person der aktuellen britischen Musikszene. Das Set beginnt, wie fast immer, mit der aktuellen Platte in voller Länge, danach erst gibt es eine Art „Best of..“ mit älteren Songs. 

Trotzdem gibt es gibt keine Brüche in diesem Set. Es ist eine Bestandsaufnahme unserer Zeit, untermalt von harten Bässen und glasklaren Höhen. Und ganz am Ende, kommt dieses Wunder von einem Song, der alle Dämme brechen lässt, wie es damals nur Glen Hansard schaffte: „Peoples faces“. Die zarte Pflanze Hoffnung ist noch vorhanden, in 5 von 75 Minuten. 


Der Feuerball „Sonne“ brennt auch am letzten Tag unerbittlich, doch der Gang ins tropische Spiegelzelt ist ohne Alternative. Chartreuse sind eine live überraschend Gitarren lastige Indieband, die mir letztes Jahr mit ihrem wirklich tollen Song „Woman, I´m crazy“ aufgefallen waren. Genau den spielen sie heute leider nicht. Aber Sängerin Harrriet Wilson sprach von einem baldigen Auftritt in der Pop-Bar in Haldern. Also eine neue Chance diese junge Band nochmal zu erleben. 

THUMPER zerlegen im Anschluss erwartungsgemäß das Zelt zu Sperrholz und Black Country, New Road erproben ausschließlich neues Material auf der Hauptbühne. 


King Hannah haben vielleicht schon jetzt mein Lieblingsalbum für dieses Jahr veröffentlicht und auch ihr Auftritt hier, ließ mich weiter schwärmen. Ja, es ist klassischer Indierock. Hier wird nichts neu erfunden, aber die Güte der Songs und die natürliche Spielfreude sind einfach beeindruckend. Und dann war es das auch schon fast wieder, aber Haldern wäre ja nicht Haldern, wenn es nicht bis zum Finale noch spannend wäre. 

DJ St. Paul übernimmt mit seinem, immer auch etwas ironischen DJ-Set (danke für den „Pass the Dutchie“-Ohrwurm) den Rausschmeißer auf der Hauptbühne, während sich Großes anbahnt. Wer noch irgendwie stehen kann, oder wie mein Freund treffend meinte, „noch eine Stunde im Tank hat“, schleppt sich zum letzten Gefecht ins Spiegelzelt, wo unter extrem professionellen Aufbau nicht weniger als die Indie-Sensation des Jahres wartet: Wet Leg spielen zum Tanz. 



Es wird ein ekstatisches Finale mit bestens aufgelegten Wet Leg. Der Gig in Köln vor ein paar Wochen konnte mich nicht wirklich begeistern, aber hier und jetzt passt einfach alles. Und so bildet „Chaise Longue“ tatsächlich den Schlusspunkt des Festivals. Was für ein Coup.
 

Das Haldern Pop hat nach der schon wunderschönen, kleinen Ausgabe im letzten Jahr nun auch in der „echten“ Ausgabe zu alter Form und Stärke zurückgefunden. Das Line-Up war exzellent, die Neuerungen wohl durchdacht und perfekt umgesetzt. Eine Instanz, für die Stillstand keine Option ist. 


Freitag, 8. Februar 2019

Anna Calvi, Paris, 30.01.19

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Konzert: Anna Calvi
Ort: Salle Pleyel, Paris
Datum: 30.01.2019
Zuschauer: ungefähr 2000 
Konzertdauer: 80 Minuten
Fotos: Stéphane Guilley ©, merci !



Anna Calvi hatte ich lange nicht mehr live gesehen. Der Besuch eines Konzertes der stylischen Britin mit dem korsischen Nachnamen war somit überfällig. Schliesslich hat sie über die Jahre bewiesen, dass sie zu einer festen Grösse des Indierock geworden ist. Gerade in Zeiten in denen der Gitarrenrock immer seltener wird, braucht diese Musikrichtung zugkräftige Namen wie Anna Calvi. So war der nicht gerade kleine Salle Pleyel denn wohl auch ausverkauft. Ein klassischer Konzertsaal, der ab und zu auch Rock-und Popkonzerte empfängt.

Eine Vorgruppe im eigentlichen Sinne gab es nicht. Lediglich ein DJ Set der in Paris lebenden Kanadierin Melissa Laveaux. Musikalisch ging das querbeet, es war vor allem viel Hip Hop dabei. Mit dem Stil einer Anna Calvi hatte das alles wenig zu tun.


Dann um 21 Uhr endlich das Hauptprogramm. Alle Augen (und die filmenden Kameras von arte live) waren nun nach vorne gerichtet. Und da kam sie auch schon! Im Schummerlicht! Anna! Mit weissen Stiefelchen, dunkler Anzugsweste und einem roten Leder-BH. Heiss! Ihre Band, eine Dame an den Keyboards (Molly) und ein Herr (Alex) an den Drums, waren zu Statisten verdammt, zumindest in optischer Hinsicht, nicht aber in musikalischer. Denn obwohl Anna auch solo tolle Konzerte geben kann, sind sie doch noch einen Tick besser mit Schlagzeug und Synthesizern.



Der Einsteig erfolgte sogleich mit dem Titeltrack des aktuellen Albums Hunter. Ein atmosphärisches Stück mit einem langen intro. Man liess es erst einmal langsam angehen, stolperte nicht gleich mit der Tür ins Haus. Aber bereits im Laufe des Songs wurde die Stimme von Anna lauter und fester, das Gitarrenspiel verzerrter und schwerer.

Beim zweiten Lied Indies Or Paradise wurde der Sound gemeiner und geheimnisvoller. Anna hauchte zunächst wie eine PJ Harvey in ihren Anfangszeiten, das Tempo war langsam, die Atmosphäre heiss und schwül wie in der Wüste. Stonerrock wie man damals sagte. Die Gitarre von Anna heulte gegen Ende wie verrückt auf, das Solo dauerte unendlich, die Haarre der Sängerin flogen wie wild durch die Luft. "Your Beauty will comme save me" sang sie.

Zu As a Man wurde zum ersten mal das Tempo etwas hochgefahren. Das Lied erinnerte mich recht stark an Walking In The Rain von Grace Jones. Es war das bisher eingängiste Stück, auch das melodischste.

Fetzige repetitive Riffs eröffneten Wish, bevor das Tempo und die Lautstärke erst einmal zurückgenommen wurden, nur um dann noch wilder zurückzukommen. Von diesem Wechselspiel lebte der ganze Song, der mit vielen überraschenden Wendungen begeisterte. Im Mittelteil wurde es kurzfristig richtig mild und lieblich bevor wieder saftiger Rock das Sagen hatte. Ein sagenhaftes Lied, das bisher beste im Set, ein nicht endender Höllenritt, der sich über 10 Minuten erstreckte!

Inzwischen waren 29 Minuten absolviert, aber erst vier Lieder gespielt worden. In der Kürze liegt die Würze galt hier nicht. Calvi hatte reichlich von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, sich auf der Rampe auf und ab zu bewegen und so dem Publikum bedrohlich nahe zu sein. Wie ein Panther schlich sie sich heran und warf laszive Blicke ins Rund. Natürlich alles zuvor einstudiert, aber glänzend dargeboten.



Zu Eden wurde es wieder deutlich ruhiger. Ein langes A-capella intro leitete in das melancholische Stück ein, das eine feierliche Stimmung erzeugte. Es war fast wie an Weihnachten, herrlich.

Das Tempo blieb erst einmal gedrosselt. Away war fast wie Eden Part 2, mit ähnlichem Ambiente.

Mysteriös wurde es zu Swimmingpool. Ein fantastisches, feinperliges Lied mit einem gewissen James Bond Soundtrack Feeling. Voller Anmut und Klasse performte die zierliche Sängerin diese Ballade und zeigte erneut ihre erstaunliche stimmliche Bandbreite. Ich dachte die ganze Zeit an den französischen Film gleichen Namens, bei dem Alan Delon am Ende tot im Pool lag.

Die bedächtige Phase war nun beendet, jetzt gab es wieder saftigen, donnernden Rock. Suzanne and I und I'll be Your Man vom Debütalbum hatten nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Zu der letzten Nummer liess sie am Ende Minuten lang ihre Gitarre aufheulen und auch der Schlagzeuger ging phasenweise auf Ganze. Ein Höllenritt.

Mit Don't Beat The Girl Out Of My Boy wurde es wieder freundlicher und eine Spur poppiger. Nicht unbedingt das stärkste Lied auf dem neuen Album aber live mit viel Pfeffer und Theatralik dargeboten. In einer Szene wälzte Anna Clavi sich gar auf dem Boden, ein Moment der von tausenden Handkameras eingefangen wurde (Unter uns: eine Unsitte)



Alpha war dann das letzte Lied des offiziellen Teils. "The lights are on, the TV is on, my body is still on" sang sie eingangs dazu ganz sexy, bevor sie den Refrain geradezu stöhnte: I'm an ah ah alpha, ah ah alpha woman". Ein starker, dramatisch aufgebauter Song mit einem regelrechten Gitarrengewitter der verzerrten Sorte, Drums wie Donnerschlägen und wild wallendem Haar. Es wurde laut, so richtig laut! In den letzten Sekunden schlug Anna gar die Gitarre mehrfach auf den Boden, warf sie am Ende sogar weg und liess sich mit erhobenen Armen wie eine Gladiatorin feiern.



Der Zugabenteil dann mit altbekannten Stücken wie Jezebel (in der französischen Version) und Desire, die nach wie vor hervorragend beim Publikum ankamen.



Spannender war aber noch der allerletzte Song des Sets, Ghostwriter, ein Cover der kultigen Punkband Suicide. Eine bissige, aggressive Nummer mit bedrohlichen, dröhnenden Synthies, zu der Calvi fast auf dämonische Weise sang. Hier konnte sie noch einmal herrlich ihre Show abziehen, zeigen was für ein wildes Weibsbild sie ist. Sie kämpfte geradezu mit Ihrer Gitarre, schleudert sie schliesslich erneut weg und verschwand unter lautem Applaus von der Bühne.

Setlist:

Hunter
Indies Or Paradise
As A Man
Wish
Eden
Away
Swimming Pool
Suzanne and I
I'll be your Man
Don't Beat The Girl out Of My Boy
Alpha

Jezebel
Desire
Ghost Rider (Suicide Cover)



Dienstag, 25. November 2014

Morrissey, Essen, 24.11.14

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Konzert: Morrissey
Ort: Colosseum, Essen
Datum: 24.11.2014
Dauer: Morrissey gut 85 min (abgebrochen), Anna Calvi 42 min
Zuschauer: knapp 1.500 (ausverkauft) - darunter 10 Idioten 



"Remember me, forget my fate", zitierte Morrissey Klaus Nomi, als er mit seiner Band wieder auf die Bühne kam, um Zugaben zu spielen. Es wäre einer der emotionalen oder aufwühlenden Momente gewesen, wären nicht Augenblicke später einige Schwachköpfe auf die niedrige Bühne geklettert, um die Aufmerksamkeit, die sie in ihren langweiligen Leben nicht bekommen, vor 1.500 Zuschauern zu erfahren. Morrissey hatte die erste Zeile von Everyday is like sunday noch nicht beenden können, als er sich von allen Seiten bedrängt sah und die Bühne eilig verließ. Die Band folgte einen Augenblick später - das Konzert war nach gut 85 Minuten beendet.


Schade, daß ein sehr schöner Abend so endete. Und leider bleibt ja genau das hängen. So wie eine tranig schmeckende letzte Pistazie im Beutel.



Wären die Menschen ohne Kinderstube nicht gewesen, würde ich mich an dieses vermutlich letzte meiner Morrissey-Konzerte ganz anders erinnern. Als eines in einem überraschend schönen und kleinen Saal (in das Colosseum passen nicht einmal 1.500 Leute!), mit einem blendend aufgelegt wirkenden Sänger, der die Schwächen in der Setlist mit seinen Entertainer-Qualitäten wegwischte!


Vor dem Konzert hatte ich Bedenken, daß die Stimmung in dem bestuhlten ehemaligen Industrie-Bau nicht gut werden könne. Als wir nach herrlich unkompliziertem Einlass auf unseren Plätzen in der neunten Reihe ankamen, wurden die nicht kleiner. Die Sesselreihen waren zu dicht hintereinander, um Stimmung aufkommen zu lassen, dachte ich. Noch dazu diskutierten die Ordner mit jedem, der nach dem Anna Calvi Support vorne stand, daß er sich bitte setzen möge. Als Morrissey um neun auftrat, stand allerdings jeder auf und von verhaltener Stimmung war nichts zu merken. Das war die angenehme Niederlage der Securities.


Eröffnet hatte den Abend die Engländerin Anna Calvi. Wie üblich waren die Veranstalter nicht in der Lage, die Anfangszeiten anzugeben. Auf Nachfrage im Colosseum erhielten Gäste wohl die Auskunft, Anna Calvi gehe um acht auf die Bühne. Sie begann aber bereits um 19:45. Bei früheren Morrissey-Supports mag das niemand gestört haben, Anna Calvi kam aber bei der überwiegenden Mehrheit der Zuschauer gut an, sie und ihre drei Begleiter bekamen mehr als nur höflichen Applaus.


Die Musik der Britin ist eigentlich weit jenseits meiner Bluesrock-Toleranzschwelle. Sie hatte mich aber schon in Haldern und in Köln 2011 beeindruckt. Ein Großteil des Konzerts kam mir auch wie die damaligen vor. Obwohl Anna 2013 ihr zweites Album One breath veröffentlicht hat, das hervorragende Kritiken erhielt (das ich aber bisher ignoriert habe), waren die meisten Stücke älter. Jezebel, Desire, First we kiss, Love won't be leaving und Blackout waren dann auch mit Abstand die besten Lieder des Sets. Schon gut, daß Kristeen Young Morrissey verhext hat (wenn ich das richtig verstanden habe) und nicht mehr als Lieblingssupport eingesetzt wird.

Setlist Anna Calvi, Colosseum, Essen:

01: Suzanne and I
02: Eliza
03: Cry
04: Surrender
05: Blackout
06: First we kiss
07: I'll be your man
08: Desire
09: Love won't be leaving
10: Jezabel (Frankie Laine Cover) 

In der Pause lief eine neue Auflage des Zusammenschnitts von Musik, Interviews und Filmausschnitten. Nach den Ramones, Chris Andrews oder den New York Dolls kam am Ende vom Band The bullfighter dies ("gaga in Malaga") und dazu Stierkampf-Videos, in denen der Stier gewann. Die brutalen Bilder waren verstörend. Sie waren aber auch wieder aus meinem Kopf raus, als Augenblicke später Morrissey in einem 50er-Jahre US-Mechaniker Hemd (ich alter Modeblogger!), seine Band in weißen Hemden mit Hosenträgern auf die Bühne kamen und mit Suedehead eröffneten. Ich hatte gehofft, das endlich live zu hören, es war toll! Morrissey war der gewohnt große Entertainer, er schmiss das Mikrokabel, guckte theatralisch, litt mit jeder Zeile des Abends mit, berührte viele Hände, ohne sich (wie vor ein paar Jahren) danach angeekelt die Hand and der Hose abzuwischen. Es war gut! Richtig gut!


Daß die Lieder der neuen Platte nicht wie gehofft live besser zünden als auf Platte, war da egal. Einige sind gut, einige langweilig - in der Essen-Setlist war das Verhältnis neu-alt leider zu sehr Richtung neu ausgerichtet. Aber das wäre nicht weiter ärgerlich gewesen, da dazwischen ja immer wieder Perlen zu finden waren, meist alte Perlen. The Queen is dead oder How soon is now? von den Smiths, die B-Seite Yes, I'm blind (von Ouija board, ouija board), Trouble loves me. Lediglich das wundervolle I'm throwing my arms around Paris war sehr kurz und hatte ein lustloses Ende.


Das mit Abstand lahmste der neuen Stücke ist Kick the bride down the aisle, das dazu noch schrecklich lang ist. In der Zeit hätte man vier Freundinnen im Koma beweinen können. Oder fünf. 



Vor Meat is murder wurde es wieder aufwühlend. "I'm not American! They celebrate Thankskilling. Can anybody with a working brain tell me why?" Zu dem Smiths-Stück liefen Videos über Tiermißhandlungen in der Lebensmittelindustrie, nach "Produktgruppen" unterteilt. "Eggs", "Dairy", "Poultry." Morrissey stand in der langen Instrumentalphase in der Mitte mit hinter dem Kopf verschränkten Armen direkt vor der Leinwand, noch jenseits des Schlangzeugers und guckte zur Dokumentation.

Musikalisch kam danach mein Highlight, Speedway von Vauxhall and I von 1994. Das Stück, das Langzeit-Gitarrist Boz Boorer (von Morrissey als "more in hope than in anger" vorgestellt) geschrieben hat, hatte ich noch nicht bei einem Konzert gesehen und als (heimlich) bestes Stück des Abends empfunden!

Und dann kam Klaus Nomis melancholisches Zitat, das vor dem Hintergrund, daß eine weitere Tour auch unabhängig von Morrisseys Erkrankung höchst unwahrscheinlich war, noch eine Spur trauriger wirkte. Bevor aber da zu viele Grübeleien entstehen konnten, vertreuten die Irren diesen Kloß-im-Hals-Moment.


Weil es bei so einem ADHS-Ausbruch ja wohl um Aufmerksamkeit geht, bekommt Ihr die jetzt noch einmal: Idioten, Idioten, Idioten!

Setlist Morrissey, Colosseum, Essen:

01: Suedehead
02: Staircase at the university
03: The Queen is dead (The Smiths)
04: Kiss me a lot
05: I'm throwing my arms around Paris
06: World peace is none of your business 
07: Scandinavia
08: Earth is the loneliest planet
09: Istanbul
10: One of our own
11: Trouble loves me
12: How soon is now? (The Smiths)
13: Yes, I'm blind
14: Neil Cassady drops dead
15: Kick the bride down the aisle
16: Meat is murder (The Smiths)
17: Speedway

18: Everyday is like sunday (abgebrochen nach wenigen Takten) (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Morrissey, Lüttich, 05.07.12
- Morrissey, Dublin, 31.07.11
- Morrissey, Köln, 11.06.09
- Morrissey, Offenbach, 09.06.09
- Morrissey, Esch, 05.06.09
- Morrissey, Lille, 19.01.08
- Morrissey, Frankfurt, 12.12.06
- Morrissey, Paris, 25.08.06
- Anna Calvi, Karlsruhe, 05.08.14
- Anna Calvi, Paris, 14.02.14
- Anna Calvi, Paris, 07.11.11
- Anna Calvi, Köln, 05.10.11
- Anna Calvi, Saint Cloud, 29.08.11
- Anna Calvi, Haldern, 11.08.11
- Anna Calvi, Paris, 04.11.10
- Anna Calvi, Paris, 22.06.10
- Anna Calvi, Paris, 15.06.11





Samstag, 9. August 2014

Anna Calvi, Karlsruhe, 05.08.14

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Konzert: Anna Calvi
Ort: Zeltival im Tollhaus in Karlsruhe
Datum: 5. August 2014
Dauer: 80 min
Zuschauer: etwa 700



Die Musikerin Anna Calvi zieht schon länger an meinem Horizont ihre Bahnen. Die Reaktionen meiner Freunde zwischen Wahnsinn und unnnahbar auf der Bühne - zu perfektionistisch. Ich war also ganz besonders darauf gespannt, sie nun im Rahmen des Zeltivals endlich selbst live zu erleben und das was ich bisher vor allen von Bildern kannte, mit der Musik "abzugleichen". 

(c) Guido Engler

Für das Tollhauspublikum waren auf der Bühne

Anna Calvi mit  Gitarren,
Mally Harpaz verschanzt hinter einem Instrumentenzoo aus Harmonium, Bass Pedal, Percussion und ab und zu Gitarre
Glenn Callaghan spielte Keyboards und Bass
Alex Thomas am Schlagzeug. 



Sie lieferten ein sehr dichtes und kompaktes Set von 80 min ab, in dem nicht mit großer Geste gespart wurde und das ich persönlich sehr vielfältig und überzeugend fand. Anna Calvi nutzte Rockerposen und Bluesgesten, aber sie erschienen mir nicht leer. Im Gegenteil erlebte ich sie sehr präsent und fast schon charismatisch.

Sehr weiblich aber ohne den vielen Schemata Material zu liefern, denen sich Frauen auf der Bühne ja unweigerlich ausgesetzt sehen. Was mich zugegebenermaßen sehr beeindruckte.

 
(c) Guido Engler

Es drängten sich mir innerlich Vergleiche mit Patti Smith auf (die zeitgleich auf dem Killesberg ein umjubeltes Set ablieferte), aber auch mit Emily Jane White. Das Set enthielt oft von ihr gespielte Stücke wie Suzanne & I  (gleich als Begrüßung), I will be your manDesire Love won't be leaving, First we kiss und Jezebel, das mich als letztes Stück der Zugabe in seiner Intensität mit einem vollen Herzen in die Nacht entließ. 




Eliza mit den hymnischen Gesänge oder Suddenly in seiner wabernd tänzelnden Geste zeigten mir schon am Anfang des Konzertes, welche verschiedenen Register ihr musikalisch zur Verfügung stehen und ich ließ mich in der Folge gern darauf ein. Auch auf leicht ausufernde Instrumentenzwischenspiele und Kakophonie.  Nicht jedes Stück verfing bei mir gleich, aber es gab immer wieder diese Glanzpunkte, die auch sofort mein Herz eroberten. In besonderer Weise war dies für Desire und Love won't be Leaving zum Ende des regulären Sets der Falles und in der Auswahl der Zugaben erwies sich, dass das Publikum noch einmal ordentlich emotional aufgekocht werden sollte. Das Rezept ging am Abend im Tollhaus auch bestens auf.



Setlist:
01: Suzanne & I
02: Eliza
03: Suddenly
04: Sing to me
05: Cry
06: Rider to the Sea
07: Blackout
08: I'll be your Man
09: Love of my life
10: Surrender (Elvis Presley Cover)
11: Carry me over
12: Desire
13: Love won't be Leaving

14: Kiss to your twin
15: First we kiss
16: Jezebel (Frankie Lain cover)

Mitschnitt in Paris am 26. September 2013:




Tollhaus-Ankündigung 
Fotos von Paul Needham
Lie in Sound zur aktuellen EP
Platten vor Gericht zum Debutalbum

Aus unsererm Archiv:
Anna Calvi, Paris, 14.02.14
Anna Calvi, Köln, 05.10.11
Anna Calvi, Saint Cloud, 29.08.11
Anna Calvi, Haldern, 11.08.11
Anna Calvi, Paris, 04.11.10
Anna Calvi, Paris, 22.06.10
Anna Calvi, Paris, 15.06.11


Mehr Fotos:







Montag, 10. März 2014

Anna Calvi, Au Revoir Simone, St. Vincent, Paris, 14.02., 16.02., 18.02.14

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Konzerte: Anna Calvi, Au Revoir Simone, St. Vincent
Orte: Le Trianon, Le Trabendo, La Cigale, Paris
Daten: 14., 16. und 18.02.2014
Zuschauer: Anna Calvi und Au Revoir Simone ausverkauft, St. Vincent nicht ausverkauft
Konzertdauer: Anna Calvi: etwa 1 Stunde 10, Au Revoir Simone 1 Stunde 15, St. Vincent 1 Stunde 20

Klassischer Hattrick! Drei Konzerte in Folge, die ich alle als etwas gekünstelt, zu stark einstudiert und seelenlos empfand: Anna Calvi, Au Revoir Simone, St. Vincent. Wo ist da die Natürlichkeit geblieben? Ich bin sicher, daß jedes Konzert von diesen drei Acts auf der jeweiligen Tour exakt gleich klingt. Das ist fast wie Fließbandarbeit, die Konzerte sind handwerklich tadellos gemacht, werden aber dennoch irgendwie runtergeritten, ein aufgesetztes Lächeln (Au Revoir Simone), oder eine übertriebene Rockstarpose eingenommen (Anna Calvi, St. Vincent), aber echte Emotionen kommen da kaum auf. Zumindest nicht bei mir.

Nun, ich bin sicherlich etwas hart in meinem Urteil, aber das sind eben die Eindrücke, die ich von diesen Konzerten gewonnen habe. 

Gehen wir vielleicht mal chronologisch vor:

Anna Calvi im Trianon, 14.02.2014:

Anna Calvi spielte im wundervollen Theater Trianon gleich zwei ausverkaufte Shows hintereinander. Etwa 3000 Leute wollten also Anna live sehen, beindruckend.

Ich war beim ersten Konzert am 14. Februar dabei und von der technischen Klasse von Anna Calvi begeistert, aber in emotionaler Hinsicht letztlich kaum bewegt. Deutlich zu erkennen war hier, daß jedes Hochreißen der Gitarre, jeder Ausfallschritt, ja selbst die Mimik komplett einstudiert waren. Nun sah ich Anna Calvi nicht zum ersten Mal. Insgesamt komme ich auf mindestens 5 Konzertbesuche. Neu war allerdings, daß ich sie in einer solch großen Venue erlebte. War ich vorher immer nahe dran, stand ich dieses mal recht weit von der Bühne entfernt. Mein Platz war wahrlich nicht toll, ich stand außerhalb des eigentlichen Publikumsbereichs, umringt von vielen Leuten, mit mitelmäßigem Blick und an dieser Selle nicht perfektem Sound. Oliver Peel im Abseits. So oder so ähnlich war das.

Aber davon unabhängig erinnerte mich der Auftritt an etliche andere, die ich von Calvi bereits gesehen hatte. Das langweilte mich, obwohl sie wie immer hervorragend (wenngleich wahnsinnig theatralisch) sang, perfekt Gitarre spielte (der Wahnsinn, was sie da drauf hat!) und natürlich auch wie aus dem Ei gepellt aussah.

Hohes Niveau, das Abend für Abend abgerufen wird, aber nicht wirklich der Inbegriff für Rock'n Roll is wie ich ihn verstehe. Wo ist da Platz für Improvisation, für eine spontane Änderung der Setlist, für eine ungeplante Aktion, für irgend etwas in dieser Richtung? Nicht vorgesehen. Da wird keinerlei Risiko eingegangen. Alles muss perfekt sein. Genauso perfekt wie die Haare und die Klamotten. Hochglanzbluesrock für Modemagazine. Wenn Anna Calvi nicht so klein wäre, könnte sie selbst noch auf dem Catwalk laufen und unser Karl Lagerfeld würde mit seinen beknackten Halbhandschuhen dastehen und Beifall klatschen.

Wobei man definitiv nicht sagen konnte, daß nur die jeweiligen Alben Note für Note nachgespielt wurden. Da gab es durchaus längere Versionen mit ausgeprägten Gitarrenparts so zum Beispiel bei dem vorzüglichen I'll Be Your Man, das mit einem langen Instrumental begann und in der Folge zwischen explosiven Ausbrüchen und ruhigen, sinnlichen Phasen hin und her tänzelte.

Sehr sexy und PJ Harvyesk (aber auch stonerrockig a la Queens Of The Stone Age) Love Of My Life. Da stöhnte sie ähnlich wie eine Maria Sharapova auf dem Tennsicourt, fast so als würde sie ein Oliver Peel persönlich rannehmen.

Nach Piece By Piece kam bei Carry Me Over erneut sehr langer Instrumentalpart in der Mitte, der deutlich von der Albumversion abwich. Ähnliches Bild bei dem das offizielle Set abschließenden Love Wont Be Leaving.

Dazwischen coverte sie sehr sinnlich und sexy Bruce Springsteen (Fire) und liefert mit A Kiss To Your Twin eine hübsche Ballade ab.

Desire war sogar richtig groß, besonders die Harmoniumpassage am Anfang klang herrlich feierlich.

Was allerdings auffiel war, daß sich viele Stücke untereinander ähnelten. Die aufgebaute Dramatik wurde ein bißchen mit Ansage erzeugt, das folgte vieles einem ähnlichen Strickmuster zwischen ruhigen Passagen und feurigen Ausbrüchen.

Da ich das alles schon kannte, konnte mich Anna eben nicht wirlich aus der Reserve locken, selbst wenn ich die 2. Zugabe Blackout nach wie vor umwerfend fand.

Setlist Anna Calvi

01: Suzanne & I
02: Eliza
03: Sing To Me
04: Suddenly
05: Cry
06: Rider To The Sea
07: First We Kiss
08: I'll Be Your Man
09: Love Of My Life
10: Piece By Piece
11: Carry Me Over
12: A Kiss To your Twin (Ballade)
13: Fire (B. Springsteeen)
14: Desire
15: Love Won't Be Leaving

16: Bleed Into Me
17: Blackout
18: Jezebel

Au Revoir Simone, Paris, Le Trabendo, Paris, 16.02.2014


Die Show zum aktuellen Album von Au Revoir Simone hatte Christoph Konzerttagebuch ein paar Tage vor mir bereits in Köln gesehen. Er fand sie langweilig, belanglos, das synchrone Wippen der Sängerinnen machte ihn sogar seekrank. Er stellte die These auf, daß die Platten des weiblichen Trios toll seien, die Band live aber nicht überzeugen könne.


Und in der Tat, den Vorwurf der Belanglosigkeit kann man Au Revoir Simone durchaus machen. Wobei man dabei aber selbstverständlich die Alben mit einbeziehen sollte, denn die sind nun einmal eher leichte Kost, gar seicht wenn man besonders kritisch ist. Die Liveautfritte spiegeln letztlich nur den Charakter der Alben wieder, wobei ich finde, daß die drei Mädels aus New York das Beste aus dem Studiomaterial herausholen und live eher stärker als auf Platte sind. Sie wippen hinter ihren Keyboards wild rum, ja stimmt, aber was sollten sie sonst machen? Statisch bleiben wie Kraftwerk? Wäre cooler, aber auch spannender?



Mein persönliches Problem beim Konzert in Paris war eh ein anderes. In meiner Umgebung wurde sehr laut geplaudert. Drei Italienerinnen hinter mir plapperten ohne Unterlass, kommentierten ein ums andere Mal das gute Aussehen der New Yorkerinnen  auf der Bühe (kein Wort zur Güte der Lied hingegen) und sangen auch (leider falsch!) mit. Das nervte irgendwann so sehr, daß ich mich bald woanders hinstellte, aber auch da wurde ungeniert geschwatzt. Das Publikum fiel wirklich unangenehm auf. Optisch eine Mischung aus Hipstern und Modeblogerinnen (was ja eigentlich wurscht ist), vom Verhalten her einfach nur respektlos. Als ginge es nur ums Sehen und Gesehenwerden. Haben Au Revoir Simone ein solches Publikum verdient? Sind sie etwa gar selbst oberflächlich und arrogant? Au weia, das würde ich ihnen nicht unterstellen wollen! Nur weil sie hübsch sind, müssen sie noch lange keine kratzbürstigen Diven sein. Andererseits spielen sie auch perfekt die Rolle der drei dauerlächelnden Charme-Prinzessinen. Das gehört bei ihnen einfach dazu. Warscheinlich ist ihnen in der Tat oft zum Lächeln zumute, weil sie es lieben auf der Bühen zu stehen, aber ich bin auch davon überzeugt, daß sie selbst dann lächeln würden, wenn es ihnen mal nicht so gut geht (Tod der kleinen Katze oder so...) Anders als eine Scout Niblett die beim letzten Konzert mürrisch dreinblickte, weil sie kränkelte und keinen Bock hatte dies zu kaschieren.




Aber reden wir mal von den performten Songs. Waren die wirklich nur so mittelmäßig wie Christoph sagte? Weil das neue Album nicht so doll ist? Kann ich nicht bestätigen. Stücke wie Crazy, Just Like A Tree oder Someboy Who sind äußerst catchy und stehen den alten Nummern in nichts nach. Man musste freilich das aktuelle Album ein paar mal gehört haben, um das Material live vollends zu genießen. Also Belanglosigkeit hin oder her, die gespielten Lieder waren keineswegs schlecht und wenn das Publikum nicht so genervt hätte, wäre es möglich gewesen, sich diesem gezuckerten Dream Pop vollends auszuliefern.



So aber wurde der Genuß getrübt, wenngleich ich dieses Konzert von Au Revoir Simone als besser und berührender empfand als die Shows von Anna Calvi und von St. Vincent. In manchen Momenten wurde mir durchaus deutlich, warum ich diese Band mag und warum sie so viel Erfolg hat. Da wurde eine Unschuld und Sorglosigkeit vermittelt, die wohltuend wirkte und gute Melodien haben Erika, Anne und Heather sowieso. Wenn es so sahnig gerührt kredenzt wurde wie bei Another Likely Story oder The Lead Is Galloping ("just put your hands up") wurden gar hohe Gipfel erklommen. Dahinplätschernde Stücke wie Let The Night Win oder We Both Know waren aber in der Tat Rohrkrepierer.



Nach knapp einer Stunde wurde das offizielle Set mit dem flotten Shadows abgeschlossen, zum dem die Zuschauer deplatzierterweise mitklatschten. Hier wurde auch etwas Bass gespielt und der ansonsten durchgängig synthetische Sound um ein organisches Element bereichert.


Die erste Zugabe All Or Nothing war dann ein wirkliches Highlight, hier wurden gekonnt zackige Rythmen mit einem ohrwurmigen Refrain und melancholisch-luftigen Parts verbunden. Stay Golden im Anschluß daran sehr getragen und sentimental, bevor mit Knight Of Wands dann noch einaml das Tempo angezogen wurde.

Leider entsprach die Setliste bis auf das I-Tüpfelchen anderen Setlists der aktuellen Tour, was meine These bestätigt, daß da jeden Abend das Gleiche runtergeleiert wird. Kann man nach 4 Alben nicht zumindest ein wenig abwandeln?

Setlist Au Revoir Simone

01: More Than
02: Just Like A Tree
03: Gravitron
04: Another Likely Story
05: Tell Me
06: Let The Night Win
07: Only You Can Make Me Happy
08: We Both Know
09: The Lead Is Galloping
10: Anywhere You Looked
11: Crazy
12: Somebody Who
13: Shadows

14: All Or Nothing
15: Stay Golden
16: Knight Of Wands

St. Vincent, La Cigale, Paris, 18.02.2014


St Vincent stand am 18.02.2014 in der ehrwürdigen Cigale auf dem Programm. Ein wundervolles altes Theater in dem ich zuletzt Bill Callahan gesehen hatte. Heute setzte ich mich zum ersten Mal ganz nach oben auf den Balkon und hatte eine super Sicht.


Visuell wurde dann auch einiges geboten. Wobei mir persönlich der bloße Anblick der hübschen Annie gereicht hätte. Die Räkelnummer auf den weißen Treppenstufen, das übertheatralische Gitarrenspiel, die perfekt durchinszenierte Choreographie, die geprobten Tanzschritte, all dies hätte sie für mich nicht aufbieten müssen.

So erinnerte mich dann auch dieses Spektakel an jene großer Mainstream Pop Diven wie Madonna (der Song Prince Johnny erinert sogar musikalisch an die Ciccone) oder Gwen Stefani. Eine große amerikanische Show, die wenig Freiraum ließ für Natürlichkeit oder charmanten Amateurismus. Zugeben, aus künstlerischer Sicht war das gut gemacht, allein schon atemberaubend wie Annie mit ihren hohen Boots so flink laufen und hüpfen konnte und wie elegant und grazil sie sich in einer Szene die Treppenstufen runtergleiten ließ. Aber: wer brauchte das? Ich jedenfalls nicht.


Zumal mir auch die Musik nicht immer wirklich zusagte. Zwar war das Gitarrenspiel von Annie technisch brillant, aber das Ganze war mir viel zu funkig (Funk mochte ich noch nie), klang zu sehr nach Prince und David Bowie in der Glamphase, strotzte nur so vor (freilich gewollten) Disharmonien und Brüchen. Es wirkte, als wolle uns die Künstlerin auf fast streberhafte Weise zeigen, was sie alles so drauf hat. Dabei wussen wir doch alle längst, daß sie ein großes Talent ist. Mir persönlich hätten etwas eingängigere Lieder besser gefallen. Das neue Material sagte mir kaum zu.



So hatte das Konzert für mich dann auch die besten Momente, wenn alte und ohrwurmige Klassiker wie Cruel oder Cheerleader kamen, bei denen auch mal ein Refrain haften blieb. Ansonsten wurden oft Lieder zerhackt, überfrachtet und mutwillig ihrer Melodie beraubt. Kritiker stehen auf so was, kriegen eine feuchte Hose und schwärmen von der unglaublichen Kreativität, ich aber sehnte mich nach richtigen Songs. 



Schon der erste Titel Rattlesnake gab mir fast Kopfschmerzen und endete mit einem krachigen Gitarrenpart äußerster Theatralik. Besser aber Birth In Revers, der mit seinen abrasiven Riffs an die Gang Of Four erinnte.


Das für mich gelungenste Lied des neuen Albums war Huey Newton, da spielte Annie nämlich zumindest im ersten melancholischen Part ihre schöne Stimme aus, bevor der zweite Teil mit saftigen Gitarren aufwartete.

Hatte das Konzert also musikalisch ein paar gute Momente, irritierte mich durchgängig die Kühle, die von dem Vortrag ausging. Ich merkte quasi nie eine direkte Verbindung zwischen Musikerin und dem Publikum und hatte den Eindruck, daß man in jeder Stadt der Tour exakt das Gleiche sehen würde.

Vielleicht gab es auch deshalb diese seltsame Phase, in der Anne scheinbar spontan Fragen in die Runde warf, obwohl sie noch nicht einmal die Antworteten abwartete. Ob jemand schon einmal das Gefühl gehabt hätte, die eigene Hand gehöre jemand anderem, war eine der Fragen und ein paar Leute im Publikum hoben ihren Arm in die Höhe. Ich war mir sicher, daß sie exakt die gleichen Fragen jedes Mal stellen werde, deshalb hörte ich da gar nicht richtig hin. Es wirkte, als wolle sie krampfhat versuchen, ihre kühle Show etwas aufzulockern.

Nach den gespielten 80 Minuten war ich deshalb nur mittelmäßig begeistert. Das Publikum tobte, aber ich war mir nicht sicher, ob ich St.Vincent in absehbarer Zeit noch einmal live sehen wollte. Ihre Entwicklung geht leider Eichtung Showstar und somit gen Mainstream. Eher nix für mich. Schade.

Setlist St. Vincent

01: Rattlesnake
02: Digital Witness
03: Cruel
04: Birth In Reverse
05: Regret
06: I Prefer Your Love
07: Pieta
08: Laughing With A Mouth Of Blood
09: Surgeon
10: Cheerleader
11: Every Tear Disappears
12: Prince Johnny
13: Year Of The Tiger
14: Black Rainbow
15: Marrow
16: Huey Newton
17: Bring Me Your Lovers
18: Northern Lights
19: Krokodil

20: The Bed
21: Your Lips Are Read 







 

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