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um
21:25
Konzert: Sufjan Stevens
Ort: Essen
Datum: 19.09.2015
Dauer: 125 min.
Zuschauer: 2.000
Sufjan Stevens Welt scheint ein Paralleluniversum zu sein. Einer der Geister im Showbiz, die einfach unberechenbar bleiben und nicht für den schnellen Erfolg komponieren oder spielen. Vieles was er bisher veröffentlicht hat war mutig, vieles schräg, nicht alles war gut. Doch gerade das macht ihn aus.
Ein Künstler im wahren Sinne des Wortes.
Stevens füllt nun zum zweiten Mal das Collosseum in Essen bis auf den letzten Platz. Eine wirklich schöne, umgebaute Fabrikhalle die immerhin 2.000 Leuten Platz bietet. Die letzte Show war ein wilder, bunter Ritt der alle begeisterte. Doch die Fans wissen das Stevens, wie vielleicht sonst nur noch die Eels, seinen Liedern bei jeder Tour immer wieder neues abverlangt.
Nicht umsonst wird die Halle sonst eher für Musicalabende gebucht. Ein Drama soll heute hier aufgeführt werden und es wird eine große Oper.
Dazu sind Hipster aller Länder zusammengekommen, schöne Menschen und besonders viele Spanier und Niederländer sind zu hören. Die aktuelle Tour durch Europa ist kurz und vielen ist wohl ein Konzert zu wenig.
Dann geht es endlich los. Und es startet wie ein leiser Rausch, wie eine Ouvertüre. Drei ganz ruhige Songs eröffnen den Zyklus, darunter das unsagbar schöne "Should have known better" der aktuellen Platte.
Die Lichtshow ist gewaltig, die Spots kreisen durch das Auditorium wie sonst nur bei Stadionkonzerten, allerdings nur über den Musikern. Auf der in Streben geteilten Leinwand laufen dazu parallel Videos und geben das Motto des Abends vor. Einzeln Bruchstücke, ergeben sie zusammen doch ein klares Bild. Genauso wie Stevens seine Kindheit und die Beziehung der Eltern auf seiner neuen CD umschreibt.

Im weiteren folgen immer mehr neue Songs, fast alle bekommen gegen Ende ein elektronisches Gewand. Tanzbar wirken sie, aber immer ist nur ein Ansatz erkennbar. Die Band spielt weitestgehend im Dunkeln, ist für die Zuschauer leider kaum zu erkennen, aber sie leistet perfekte Arbeit. Unzählige Instrumente werden gespielt und getauscht, Stevens spielt abwechselnd am Piano, Keyboard oder der Gitarre.
Dazu seine etwas kindliche, aber glasklare Stimme. Überhaupt der Sound, öfter wünschte man sich hier Konzerte.
Es gibt keine Ansagen, keine Unterbrechungen in diesen ersten 95 Minuten. Das ist anstrengend, es erfordert höchste Aufmerksamkeit denn man möchte ja nichts verpassen. Ein normales Konzert ist es nicht.
Einzelne ältere Lieder werden eingestreut, kaum auszumachen in des Königs neuen Kleidern. Immer öfter bricht sich jetzt die Elektronik Bahn und übernimmt den Rhythmus. Die Versionen werden länger, das Licht wieder dunkler und die Stimmung düster. "Vesuvius" und "I want to be well" deuten das Ende an, das Publikum gefesselt während der Lieder möchte jetzt gerne mehr teilhaben an der Show, etwas "echtes" von ihrem Künstler hören oder sehen. Die Perfektion wird kurzzeitig zum Fluch.
"Blue Bucket of Gold" bildet den Schlussakkord, und er dauert zu lange. 15 Minuten quält sich der Song in einer Mischung aus gekonnter Sigur Ros Emotionalität und zutiefst nervigem Krautrock. Stevens geht hier zu weit, überschätzt sein Publikum oder fordert es extra heraus. Wer kann es wissen.
Natürlich ist der Applaus trotzdem riesig, als das Licht zum ersten Mal den Saal erleuchtet. Zu gut waren die ersten 80 Minuten.
Erst jetzt wirkt Stevens gelöst, lacht und winkt ins Publikum. Ein toller Twist dann bei den Zugaben. Hier spielt die Band in gleißendem, weißen Licht sonst sperrige Songs im einfachen Gewand des Folk. Die genaue Umkehrung des ersten Sets. Das ist fabelhaft und bietet Raum für abendliche Songwechsel. Heute spielt er unter anderem "The Dress looks nice on you" und "Chicago".
Stevens kündigt seine famose Band an und bezeichnet sich und die anderen als "..hardest working Band in Showbiz". Er sagt es als Witz, doch die Kunst dahinter wird genauso aussehen.
Natürlich ist es leichter jedes Jahr Hauptstadtfestivals mit seiner Best of..Show zu beglücken. Echte Kunst kommt von können und oft auch von zwanghaftem müssen. Sufjan Stevens Show ist live nichts anderes als echte Kunst. Vielleicht wird er deshalb als Musiker auch nie ein Weltstar. Die Zuschauer heute wissen aber, er hat ein Kunstwerk für sie geschaffen. Auch wenn es nur für einen Abend war.
Aus unserem Archiv:
Sufjan Stevens, Barcelona, 26.05.11
Sufjan Stevens, Berlin, 07.05.11
Sufjan Stevens, Köln, 10.11.06
Sufjan Stevens, Paris, 09.11.06
um
08:02
Konzert: Sufjan Stevens (& DM Stith)
Ort: Auditori, Primavera Sound Festival, Barcelona
Datum: 26.05.2011
Zuschauer: ca. 3.000 (so gut wie voll)
[Leider ist das Livebloggen vom Primavera Festival wieder schwierig, weil WLAN zwar auf dem Gelände vorhanden ist, es aber nicht tut, wie man in Köln sagt]
Der erste Tag des Primavera Festivals gestaltete sich als viel komplizierter als geplant. Erst funktionierte der technische Teil nicht richtig. Zusätzlich zum Bändchen erhält man eine Plastikkarte, die seit diesem Jahr neu auch Zahlfunktion an den Getränkeständen hat. Dafür muß man diese allerdings im Internet freischalten. Diese Aktivierung war aber auch Voraussetzung dafür, gewonnene Sufjan Stevens Tickets im Auditori nutzen zu können. Aber dazu später.
Nachmittags, nachdem wir die Bändchen und Karten abgeholt hatten, funktionierten die Server nicht mehr, eine Aktivierung der Karte klappte nicht. Erst vor Ort konnte das Problem behoben werden, da hatte die erste Band, die wir sehen wollten, ihr Programm schon fast beendet. Immerhin war durch die Aktivierung gewährleistet, daß wir Sufjan Stevens sehen konnten.
Der Amerikaner spielt zwei Shows während des Festivals, beide allerdings außerhalb des Geländes in einem Konzertsaal. Da der nur gut 3.000 Zuschauern Platz bietet, wurden die Tickets verlost. Freitag ist die Show vor dem eigentlichen Festivalprogramm, daher hatte ich gehofft, Karten dafür zu gewinnen. Es wurde dann immerhin Donnerstag, das riss unsere Planung aber komplett auseinander, weil parallel zu der Show zum Beispiel P.I.L. spielen sollten, die ich unbedingt sehen wollte.
Daß Sufjan Stevens dann zwei Stunden spielte, brachte die Pläne endgültig aus dem Tritt. Aber das war nach der Neon-Show vollkommen egal, denn vermutlich habe ich schon gleich zu Beginn das beste Konzert des Festivals gesehen. Brillanter Sound, 12* Musiker auf der Bühne, ein Raumschiff, eine Begrüßungsrede auf Spanisch, riesige Luftballons, eine grandiose Zugabe... wow! Das war so unglaublich viel besser, als ich erwartet hatte!
[Genaueres in den nächsten Tagen, wenn das mit dem Netz besser klappt!]
Setlist Sufjan Stevens, Primavera Sound Festival, Barcelona:
01: Seven swans
02: Too much
03: Age of adz
04: The one I love (R.E.M. Cover)
05: I walked
06: Now that I'm older
07: Get real get right
08: Vesuvius
09: I want to be well
10: Futile devices
11: Impossible souls
12: Chicago (Z)
Aus unserem Archiv:
- Sufjan Stevens, Paris, 10.05.11
- Sufjan Stevens, Berlin, 07.05.11
- Sufjan Stevens, Köln, 10.11.06- Sufjan Stevens, Paris, 09.11.06
* mindestens
- Fotos Sufjan Stevens, Primavera Festival, Barcelona, klick!
um
02:12
Konzert: Sufjan Stevens
Ort: L'Olympia, Paris
Datum: 10.05.2011
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: 2 Stunden 25 Minuten!
Meine Pariser Konzertfreunde erzählen sich sagenhafte Dinge vom Auftritt von Sufjan Stevens im legendären Olympia. Vielen hat besonders die opulente Bühnenshow enorm gefallen. Wir haben gute Chancen in Kürze einen Gastbericht zu bekommen, ich fand aber bereits die Kommentare meiner Freunde bei Facebook stark. Am prägnantesten sicherlich: "Hier j'ai vu Dieu", gestern habe ich Gott gesehen. Erwähnenswert auch, daß ein Bekannter angewidert die Show frühzeitig verlassen hat, weil ihn Sufjan an Robbin Williams (!) erinnerte...Hier ein Auszug der Kommentare: (ich denke, daß man nicht besonders gut französisch beherrschen muss, um das zu verstehen):
Marguerite:" Magnifique!!!! Opéra cosmique!!! ca.2h25min, 15 titres, 5 costume changes. Des ballons,des paillettes,des danseuses, une brass section, du r'n'b!"Sarah: "jamais je n'ai vécu un concert aussi spectaculaire, Sufjan nous a pris aux tripes...!! enchanting ghost;) "
Julien: "C'était génial le concert! L'un des meilleurs auxquels il m'a été donné d'assister!"Sophie: "Je ne regrette vraiment pas de l'avoir vu, ce mec est complètement barré et il te fait partager son univers." Bref plus de 2h de délire entrecoupées de qq balades et un rappel superbe avec d'anciennes chansons.Laurence: "Hier j'ai vu Dieu."
Que dites vous??Setlist Sufjan Stevens, Olympia, Paris (merci à Philippe D.)
01: Seven Swans
02: Too Much
03: Age Of Adz
04: Enchanting Ghost
05: I Walked
06: Now That I'm Older
07: Vesuvius
08: Get Real Get Right
09: Heirloom
10: I Want To Be Well
11: Futile Devices
12: Impossible Soul
13: Concerning The Ufo Sighting Near Highland, Illinois
14: John Wayne Gacy, Jr.
15: Chicago
- Regardez les très belles photos de Sufjan Stevens @ Olympia par Sarah Bastin, ici
Aus unserem Archiv:
Sufjan Stevens, Köln, 10.11.06
Sufjan Stevens, Paris, 09.11.06
Sufjan Stevens, Berlin, 07.05.11
um
13:43
Konzert: Sufjan Stevens & DM StithOrt: Admiralspalast, BerlinDatum: 07.05.2011Zuschauer: 1500 vielleicht?Der herzige Inhaber des Café Nord-Sud, ein Franzose wie er im Bilderbuch steht, schaute bestürzt, als wir ihm plötzlich mitteilten, dass wir augenblicklich wegmüssten und auf die Nachspeise verzichten würden. Wir wollen gar nicht wissen, was sich der Herr dachte (Familientragödie? Revolution in der Heimat?), ebenso wenig wie die Passanten, die uns wohl für Zechpreller hielten, so rasant wie wir wegstürzten.Was war passiert? Ein Freund hatte uns ein Sms geschrieben, dass DM Stith schon mit seinem überraschend kurzen Set fertig sei und Sufjan Steven mit dem Umbau ebenso. Das ist blöd, wenn man noch nicht im Konzertsaal ist, sondern woanders gemütlich zu Abend isst. Noch blöder allerdings, wenn man extra für Sufjan Stevens nach Berlin reist und dann vielleicht nur die Hälfte sieht.Zum Glück liegt das Nord-Sud, hinter dem Tacheles, nicht weit vom Admiralspalast, weswegen wir kurz nach halb zehn dort eintrafen und unsere Plätze bezogen. Nach zehn Minuten war uns klar, dass der ganze Stress nicht nötig gewesen wäre, nach fünfzehn läuteten die Pausenglocken und nach zwanzig kam Sufjan Stevens auf die Bühne.
Und spielte gleich mal einen alten Song. Seven Swans wars und verdammt gut. Das Paar von mir hatte die Bedeutung von andächtiger Stille und Theateratmosphäre leider nicht ganz verinnerlicht, aber ansonsten war weit und breit ein jeder Atem anhaltend gespannt und aufgeregt. Eine ganz außerordentlich erhabene Location, dieser Admiralspalast!Nach diesem Song, im Halbdunkel und hinter einem transparenten, schwarzen Vorhang gespielt, bedankte sich der Amerikaner und entschuldigte sich für die lange Abwesenheit in Berlin.
Er hätte eine tolle Zeit untertags in der Sonne und auf seinem Fahrrad gehabt. Recht hat er, es war ein wunderbarer Tag, es hatte deutlich über 20°, während in Wien wettermäßig eher Trübsal geblasen wurde.In einer Indoor-Location kann man sich aber nicht auf gutes Wetter als Stimmungsgarant verlassen und so musste das Mr. Stevens himself übernehmen. Gut gelaunt und charmant führte er durch die Setlist, die er als von neuen Stücken dominiert und tanzbar vorstellte, erzählte mal hier eine Anekdote, mal dort ein philosophisches Geschichtchen.
Das ihn begleitende Orchester erwies sich als großartig, die Tänzerinnen im Hintergrund hatten phasenweise leichte Probleme, die Choreographie einzuhalten, ergänzten aber die musikalische Darbietung sehr schön. Auf eine Leinwand wurden ab und zu strange Visuals projeziert, mal auch auf den Bühnenvorhang, mal stakste Sufjan Stevens mit großen Flügeln über die Bühne, mal trug er futuristische Kopfbedeckungen und gebrauchte Stimmverzerrer.Vorläufiger Höhepunkt, und mit nichts anderem hatte ich gerechnet, wurde Vesuvius. Ein Wahnsinnssong! "Follow me now, as I favor the ghost..."Wen einem hier nicht Tränen kommen dürfen, dann weiß ich auch nicht. Hinter dem Vorhang - eine Szene wie aus einer anderen Welt, aus einer Zwischenebene von Dies- und Jenseits, wie der Gesang der Sirenen. Wunderschön, betörend - so nahe geht einem selten ein Song.In der Tonart ging es weiter, Sufjan Stevens gab eine Biografie eines Malers zum Besten, der ihn sehr inspiriert hatte, eine etwas skurrile Geschichte. Jedenfalls widmete er diesem, man nannte ihn Royal Robertson,
sein Album und recht viel größere Geschenke darf man auf dieser Erde eigentlich nicht erwarten.Nach Futile Devices meinte er lapidar, dreiminütige Folk-Songs zu schreiben sei ja ganz nett, hier käme allerdings ein fünfundzwanzigminütiges, psychotherapeutisches Epos. Ob wir bereit dafür seien? Und ob!Herausfordernd, körperlich wie seelisch, war es auch vor allem für den Sänger und seine Musiker, weniger für uns. Denn Sufjan Stevens zog echt beinhart Impossible Soul durch. Was das für ein Kraftakt gewesen sein muss, kann sich wohl nur vorstellen, wer vor Ort war. Gegen Ende des Songs begann das Publikum dann zum ersten Mal aufzustehen, mitzuklatschen, bisweilen auch zu singen. "Boy, we can do much more together..."Impossible Soul geriet zum Triumphzug.
Danach verdrückten sich die Protagonisten in den Hintergrund, das Publikum nahm sich allerdings nicht zurück und erreichte nach zehn Minuten rhythmischen Klatschens, Stampfens und Rufens die Rückkehr des Mister Stevens, der vorerst die ganze Bühne für sich alleine hatte und alles Tempo radikal raus nahm. Concerning the Ufo Sighting Near Highland, Illinois stand auf dem Programm.Dann aber kam die Band zurück, die ersten Akkorde von Chicago erklangen und wie auf Kommando riss es alle aus den bequemen Stühlen, noble Zurückhaltung war längst vergessen, hier wurde ein Kunstwerk zelebriert.
Luftballone schwebten von der Saaldecke herab, Bühne und Saal erstrahlten in leuchtenden Farben, im Hintergrund lauerte die schwarze Wand.Ist der Hinweis auf seine christliche Haltung fixer Bestandteil (kritischer) Betrachtungen der Person Sufjan Stevens, so muss man seinem Konzert Spiritualität im besten Sinne attestieren. Im Sinne einer Heimat, nicht im Sinne von starrer Dogmatik. Die Welt, möge sie doch rational nicht erklärbar sein, Sufjan Stevens versteht sie auch nicht, aber er liebt sie und als wäre das noch nicht Hippie genug, gibt er diese Liebe auch weiter. Und ich bin mir sicher, hätte Jean-Claude vom Cafe Nord-Sud gewusst, weswegen wir so Hals über Kopf abgedampft waren, was ihm da entging, er hätte es uns bestimmt gleich getan. Wenn sich diese Wochenendfahrt nicht ausgezahlt hat... It's the age of Sufjan!Setlist Sufjan Stevens, Admiralspalast, Berlin:01: Seven Swans02: Too Much03: Age Of Adz04: Heirloom05: I Walked06: Now That I'm Older07: Vesuvius08: Enchanting Ghost09: Get Real Get Right10: All For Myself11: I Want To Be Well12: Futile Devices13: Impossible Soul14: Concerning The Ufo Sighting Near Highland, Illinois (Z)15: John Wayne Gacy, Jr. (Z)16: Chicago (Z)Die hübschen Fotos stammen von Anne-Hèlène Lebrun (merci beaucoup). Sie enstanden im Admiralspalast und wurden bereits für ihre Webseite le Cargo.org verwendet. Ihre gesamten Fotoarbeiten kann man auf ihrer Webseite frall-photo.com bewundern.
um
01:00
Konzert: Sufjan Stevens
Ort: Gloria Köln
Datum: 10.11.2006
Zuschauer: Ausverkauft
Ich mag Veranstaltungen im Gloria besonders gerne, weil die Atmosphäre in dem Theater perfekt für schöne Konzerte ist. Vielleicht liegt das auch ein wenig daran, daß ich da mit Klee, Divine Comedy und Silje Nergaard bisher nur Highlights erlebt habe. Diese Bands kannte ich allerdings vorher gut, zu Sufjan Stevens ging ich recht unbefleckt. Außer ganz wenigen Liedern und ein paar Geschichten rund um den Songwriter, der über jeden US-Staat eine Platte schreiben möchte (die zum Beispiel), kannte ich nichts.
Das Publikum in der langen Schlange vor dem Gloria war schon ziemlich anders als das im Palladium am Vortag; ich hatte manchmal das Gefühl, die Eltern der kleinen Mädchen vom Mando Diao Konzert vor mir zu haben.
Im knallvollen Gloria trat dann irgendwann eine zierliche Frau mit E-Gitarre und blauer Wollbaskenmütze auf die Bühne. Sie stellte sich als St. Vincent vor und begann gleich mit einem märchenhaft schönen Lied namens "Paris is burning". Annie Clark (bürgerlich) spielte Gitarre, Klavier, stampfte ab und zu mit festen Tritten auf und instrumentierte damit ihren wundervollen Gesang.
Nach acht sehr schönen Liedern (darunter "Marry me"), Unverständnis über Unwissenheit des Publikums, das Johnny Hartman nicht kannte ("Oh my god, where am I?") trat St. Vincent von der Bühne.
Nach kurzer Pause ging dann ein echtes Spektakel los. Die vielen Instrumente auf der Bühne ließen schon erahnen, daß eine ziemlich musikalische Band kommen sollte. Bevor dann aber die Band erschien, wurden zuerst zig aufgeblasene Nikoläuse
und Supermänner überall auf der Bühne verteilt. Das Klavier war kaum noch zu sehen. In dem Stil ging es dann auch weiter, als die Band und Sufjan Stevens auf die Bühne traten. Stevens trug Plastik-Adler-Schwingen auf dem Rücken, seine Band (u.a. St. Vincent) Federmasken und Schmetterlingflügel. Die mit Instrumenten, Superhelden und Nikoläusen vollgestopfte Bühne wäre schon für die neun- (oder zehn-?) köpfige Band zu klein gewesen, die Flügel machten sämtliche Bewegungen noch schwieriger.

Das anderthalbstündige Konzert begann mit dem wundervollen Sister. In der nächsten Pause stellte sich Stevens vor: "Hello, my name is Siegfried Stevens", um dann zu erzählen, daß Deutsch seine erste Fremdsprache gewesen sei und so wie John Johannes bedeute, heiße sein Name eben Siegfried. Das Publikum war schon weitestgehend lied- und textsicher, also wenig Laufkundschaft wie ich. "Casimir Pulaski Day" stellte er vor als Lied über einen polnischen Einwanderer (in Illinois?). Die, die merkten, worum es geht, haben applaudiert, worauf Sufjan scheinbar erstaunt mit "Ach, der ist hier auch so beliebt" reagierte.
Vor "Predatory Wasp" kam eine lange Einleitung über ein traumatisches Erlebnis, des aquaphoben jungen Sufjan, in einem Ferienlager, in dem geschwommen, gerudert und sonstwie am Wasser Zeit verbracht wurde. Die Geschichte war lang aber amüsant. Vor seinem Superman gewidmeten Lied flogen dann die aufgeblasenen Helden ins Publikum. Ich stand links, da flogen keine hin. Vor "Worst Christmas" flogen dann die Nikoläuse hinterher, ein wirklich sehr schönes Bild. Damit paßte es perfekt zum Abend, denn das Konzert war einfach schön, musikalisch herausragend, stimmungsvoll und abwechslungsreich. Der reguläre Teil endete mit dem Hit "Chicago", dem nach kurzer Pause drei Zugaben folgten. Ich war nicht alleine mit meiner Meinung, die Begeisterung des Publikums war riesig.
Setlist:
um
07:14
Konzert: Sufjan Stevens
Datum:9.11.2006
Location: Bataclan, Paris
Zuschauer: ausverkauft
Als ich um 21 Uhr 5 die schwarze Eingangstür zum Konzertraum eindrückte, traute ich meinen Augen kaum. Das Konzert von Sufjan Stevens war bereits in vollem Gange. Ich schaute mich etwas verdutzt um und konnte ein relativ gesetztes Publikum ausmachen. Das gesetzt bezog sich hier aber nicht nur auf das Alter der Zuschauer, sondern auf die Tatsache, daß entgegen sonstiger Gewohnheiten im Bataclan der Raum vor der Bühne komplett bestuhlt war. Das dumme daran war, daß alle Stühle restlos besetzt waren. Ich mußte das Konzert folglich im Stehen bestreiten. Vielleicht lag es daran, daß meine Laune zunächst ziemlich gedämpft war. Auch ein Blick auf die Bühne brachte mich kaum zum Schmunzeln. Dabei hätte es hierzu Anlaß gegeben, denn Sufjan hatte Adlerflügel von einem Kinderdrachen auf seinen Rücken gespannt und die neun anderen Musiker hatten, wenn ich das richtig erkannte, Schmetterlingsflügel umgebunden. 'Finden die das etwas komisch?', dachte ich mir, immer noch etwas angesäuert. Als dann Herr Stevens in etwa zehn geschlagene Minuten lang, Erlebnisse von einem Sommercamp aus der Jugendzeit berichtete, war meine Geduld schon fast aufgebraucht. Ich kam mir vor, als sei ich Zeuge eines Abschlussballs einer Ivy-League Uni. Ach, was sind die jungen Leute talentiert, was spielen sie so herzallerliebst. Eltern wären mit Sicherheit stolz auf ihre musizierenden Kinder gewesen. Nach dem circa. dritten Titel, "John Wayne Gacy, Jr.", konnte ich aber gar nicht anders , als aus meinem Schmollwinkel rauszukommen. Wie der junge Amerikaner da die ersten Songzeilen "His father was a drinker, and his mother cried in bed" anstimmte, war dermaßen anrührend, daß einem das Herz fast überlief. Zudem war das Ganze so fabelhaft instrumentiert, daß man nur noch mit geöffnetem Mund dasitzen konnte. Die nächsten Lieder unterstrichen diesen Eindruck nur noch deutlicher. Sufjan Stevens machte mit seiner Stimme, was er wollte. Mal sang er samtweich und sentimental, dann wieder eunuchenhaft hoch, oder auch mal wimmernd und weinerlich. Verblüffend dabei war, daß er stimmlich immer äußerst stabil war. Da war kein einziger Wackler drin. So was habe ich zuletzt nur von Morrissey gesehen. Ein Höhepunkt in der Mitte des Sets war mit Sicherheit ein ganz neuer Titel über einen Vogel, ... "Snow bird". Hier zeigten die zahlreichen Trompeter, Hörnbläser, Streicher etc. und natürlich Sufjan selbst, der übrigens zahlreiche Instrumente beherrscht, ihr ganzes Können. Ein echter Hörgenuss und auch was fürs Auge, denn sämtliche Titel wurden visuell mittels einer Leinwand sehr schön unterstrichen. Auch einen Weihnachtstitel hatte die Band im Gepäck und auch dieser fand großen Anklang. Abgeschlossen wurde das Konzert erwartungsgemäß von Chicago, diesmal schon wieder in einer neuen Version. Die Musiker verließen kurz die Bühne und bekamen die völlig verdiente standing ovation. Sehr gerührt kam Sufjan zurück und mit Tränen in den Augen sagte er, er hoffe, daß das Konzert ein wenig gefallen hätte, trotz der merkwürdigen und etwas langen Geschichten, die er erzählt hatte. Ein wenig gefallen? Warum die falsche Bescheidenheit? Es war schlichtweg grandios, ganz ganz fabelhaft!!! Man kann ein solches Multitalent vielleicht nervig finden, das ändert aber herzlich wenig an der herausragenden musikalischen Qualität dieses Ausnahmemusikers. So und nun bestellt sofort Karten für seine Konzerte, sonst verpasst Ihr was!!
von Oliver