Montag, 7. September 2015

Owen Pallett, Essen, 06.09.15


Konzert: Owen Pallett & s t a r g a z e
Ort: PACT Zollverein, Essen
Datum: 06.09.2015
Dauer: gut 70 min
Zuschauer: knapp 350 (wohl ausverkauft)



Als ich vor einigen Monaten sah, daß Owen Pallett im September zwei Konzerte im Rahmen der Ruhrtriennale spielen würde, wollte ich da natürlich hin, hocheuphorisch war ich allerdings nicht. Owen Palletts Konzerte sind grundsätzlich toll, ich habe aber eine ganze Menge davon in den letzten Jahren gesehen. Mal Owen alleine, mal mit mehr oder weniger rockiger Band, mal als Final Fantasy, mal unter seinem Namen. Daß in Essen ein Orchester dabei sein würde, war auch nicht vollkommen neu, in Eindhoven hatten wir den Kanadier schon mit einem großen Ensemble in einer Kirche gesehen.

Als ich ein paar Stunden vor dem Konzert nach der Anfangszeit suchte, fand ich die Beschreibung des Abends und den Hinweis, Owen Pallett spiele mit dem s t a r g a z e Ensemble Stücke eines neuen, unveröffentlichten Albums. Und schon war meine Aufmerksamkeit da. 

Das PACT auf dem Gelände der Zeche Zollverein ist einer dieser modernen Theaterräume in einer ehemaligen Industrieanlage. Der Gang vor dem Saal ist weiß gefliest, was uns vermuten ließ, daß hier früher die Bergleute geduscht haben werden. Der Raum selbst hat hohe Decken, eine hervorragende Lichtanlage und war vorne fünf Reihen bestuhlt und hatte hinten eine Tribüne. Auf der Bühne stand ein Flügel und um ihn eine Menge Notenständer, ganz links ein Schlagzeug.

Um kurz nach acht traten die Musiker des s t a r g a z e Orchesters auf, fünf Bläser (Horn, Posaune, Oboe, Saxophon und Bassflöte), fünf Streicher (Kontrabass, Cello, drei Geigen) und ein Schlagzeuger (und Glockenspielist). Owen Pallett kam nach einer kleinen Kunstpause dazu und stellte sich zunächst ans Mikro vorne am Bühnenrand und begann On a path von der letzten Platte In conflict.

Bei seinen Konzerten in einem weniger hochkulturellen Rahmen spielt der Kanadier Violine und Keyboard und baut die Songs mit seiner Loop-Technik auf. Er nimmt kleine Melodie- oder Rhythmus-Schnippsel auf, spielt darauf etwas anderes und bastelt so nach und nach die Lieder zusammen. Das ist enorm spannend anzusehen und klingt viel aufregender als meine Beschreibung vermuten lässt. Bevor er das macht fliegen allerdings seine Stiefel im hohen Bogen in die Ecke. Owen Pallett ist Barfuß-Künstler.

Der Abend in Essen war komplett anders. Owen behielt die Schuhe an und spielte nur Klavier. Seine Geige, sein rotes Keyboard und die Loopstation waren nicht mitgekommen. Aber natürlich fehlte nichts an seiner üblichen Souveränität, obwohl es erst das dritte Konzert mit diesem Orchester war. Sänger, die sonst immer auch ein Instrument spielen, wirken oft schrecklich hilflos, wenn sie nur singen sollen. Davon war Owen Pallett nichts anzumerken, wenn er alleine vor dem Mikro stand und sich nicht aufs Loopen oder sein Keyboard konzentrieren musste.

On a path stand die orchestrale Begleitung ausgezeichnet. Ich bin zu wenig Experte, um die Güte eines Orchesters seriös beurteilen zu können. Die elf Musiker des Ensembles unter Leitung von André de Ridder klangen in meinen Ohren aber fantastisch. Wenn er nicht sang, drehte sich Owen Pallett zur Seite und beobachtete die Musiker.

Nach On a path erklärte der Kanadier, was uns erwartete. Er arbeite an einem neuen Album namens Island, das sich inhaltlich an sein vorletztes Heartland anschließe und u.a. inspiriert sei von der deutschen Romantik. In einem Lied werde Protagonist Lewis (der auf Heartland schon auftauchte und u.a. sein Hemd auszog) "fucked into space", damit ende die Platte.

Selbstverständlich kannte ich keines der neuen Lieder, leider auch keine Titel. Daher ist es etwas mühsam, sie zu beschreiben, vor allem, weil die Instrumentierung dann letztendlich vermutlich eine andere sein wird. Die ersten drei dieser Lieder gingen ineinander über. Owen Pallett saß dabei am Klavier. Das erste neue Stück (mit der Textzeile "this emptiness is a gift") begann sehr getragen mit schweren Bläsern, bevor mit dem Einsatz der Streicher etwas Luftigkeit dazukam. Ein toller Einstieg! Das anschließende zweite Stück war durch einen Schlagzeug-Rhythmus eine Spur flotter und hätte von Hearland stammen können. Wie schwer es ist, über solche unveröffentlichten Lieder zu schreiben, habe ich jetzt hoffentlich bewiesen.

Alle neuen Stücke - Owen spielte neun, also mindestens einen Großteil der Platte - waren hervorragend, keines langweilig. Drei ragten für mich heraus, Lewis is fucked into space, das mit Flöten- und klackernden Schlagzeug-Tönen begann und mich damit an Step into my office, baby von Belle & Sebastian erinnerte, dann ein sehr getragen klingender Song unmittelbar davor (im Text kommt der Inhalt seines Magens vor und die Zeile "we made a pact") und das fünfte Stück mit viel Glockenspiel und Bläsern, von dem ich leider keinen Text mitbekam.

Das - die neuen Stücke, die wundervolle Instrumentierung, der fabelhafte Klang im Saal - machte die ersten zehn Lieder (On a path und die neuen) schon zu einem riesigen Vergnügen. Ich hätte gar nicht mehr gebraucht für ein perfektes Konzert, halte mich mit solchen Aussagen aber zurück, da der Sänger irgendwann fragte, ob wir den German Music Opinion twitter kennten. Dort seien Kritikpunkte von deutschen Konzertbesuchern gesammelt, denen ausländische Bands ausgeliefert seien. Am ersten Abend in Essen habe ein Gast ihn gefragt, warum er nur 60 min gespielt habe? "Weil sie mich gebeten hatten, 60 min zu spielen." Daß es am Sonntag länger ging, gefiel mir aber auch ohne Angst vor Twitter-Ruhm gut. 

Nach den letzten Tönen des letzten neuen Lieds machte Owen eine Kreisbewegung. Ich verstand das als Hinweis, The Arctiv Circle spielen zu wollen, das Orchester auch. Es folgte ein weiterer seiner alten Songs, als er noch als Final Fantasy Musik gemacht hat, The Pooka sings. "I don't know if I played this one before!" (auch auf die Gefahr hin... click).

Die Zugaben, die wir dem mündigen Konzertgänger vom Vorabend zu verdanken hatten, begannen mit The secret seven von In conflict, das Owen Pallett alleine am Klavier spielte. Das Orchester setzte sich zwanglos auf den Bühnenboden. Das war eine dieser Sachen, die die Musiker grundsympathisch machten. Da war nichts Aufgesetztes auszumachen. Sie machten ihren Job offenbar mit großer Freude und genossen den Auftritt. Davon daß das Publikum sich voll und ganz auf die Musik konzentrieren konnte, lenkten allenfalls die zum Teil (für einen Laien wie mich) ungewöhnlichen Instrumente ab (die Flöte und das sehr lange Saxophon). Und das wundervoll schwarz-weiß gestreifte Kleid der Flötistin.

Zum letzten Titel I'm not afraid spielte das s t a r g a z e Ensemble wieder mit. Das plötzlich einsetzende Schlagzeug war dabei ein besonderer Moment.

Islands wird eine tolle Platte, gar kein Zweifel. Eine der Premieren (jaja, ist Quatsch) mit solch aufregender Instrumentierung miterlebt zu haben, war aber sicher noch eine ganze Ecke toller. Und wie schön, daß die "habe ich alles schon gesehen"-Ignoranz, die ich an mir so hasse, sich als großer Blödsinn rausgestellt hat.

Setlist Owen Pallett & s t a r g a z e, PACT Zollverein, Essen:

01: On a path
02: neu ("this emptiness is a gift")
03: neu
04: neu ("collapsing buildings")
05: neu

06: neu ("we talked about the drugs")
07: neu ("wild horses")
08: neu ("we made a pact")
09: neu ("fucked into space")
10: neu ("mistaken for a planet")
11: The Arctic Circle (Final Fantasy)
12: The Pooka sings (Final Fantasy)

13: The secret seven (Z)
14: The riverbed (Z)
15: I am not afraid (Z)

Links: 

- aus unserem Archiv:
- Owen Pallett, Storkow, 22.08.15
- Owen Pallett, Münster, 15.04.15
- Owen Pallett, Karlsruhe, 30.11.14
- Owen Pallett, Köln, 29.11.14
- Owen Pallett, Dresden, 17.06.14
- Owen Pallett, Paris, 11.12.12
- Owen Pallett, Düsseldorf, 26.05.12
- Owen Pallett, Eindhoven, 11.11.11
- Owen Pallett, Köln, 23.06.11
- Owen Pallett, Paris, 22.02.11
- Owen Pallett, Eindhoven, 18.02.11
- Owen Pallett, Paris, 01.06.10
- Owen Pallett, Barcelona, 28.05.10
- Owen Pallett, Frankfurt, 15.03.10
- Final Fantasy, Haldern, 14.08.09



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