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Samstag, 9. November 2024

Die Sterne - Villa Krupp - Essen - 02.11.2024

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Konzert: Die Sterne
Ort: Villa Krupp - Essen
Datum: 02.11.2024
Dauer: 100 Min.
Zuschauer: ausverkauft


Häufige Konzertbesuche wecken die Hoffnung nach außergewöhnlichen Momenten. Ein als, "erstes Popkonzert" im Weltkulturerbe der Villa Hügel angekündigtes Event, scheint diese Hoffnung zu bestätigen. Kein Wunder also, das der Abend in Rekordzeit ausverkauft war. 

Schon die Anfahrt, an einem dunklen Novemberabend, ist beeindruckend. Der Eingangspforte folgt eine lange, beleuchtete Straße, man wähnt sich auf dem Grundstück von Mr. Burns. Dann steht man vor dem beeindruckenden Bau aus der Mitte des 19.Jahrhunderts. 


Wikipedia spricht von 399 ! Räumen und 28 Hektar Park mit Blick auf den Baldeneysee. Das Konzert findet in der riesigen Halle/Kaminzimmer in der obersten Etage statt. Wandteppiche, Ölgemälde und schwerer Parkettboden sind allgegenwärtig. Das hier in einer Stunde "Die Sterne" ihren Hit "Fickt das System" anstimmen sollten, ist ein mehr als interessanter Kontext. 

Licht, Sound und Bühne sind großzügig gestaltet. Der Raum hat eine fantastische Anmutung, die Glaskuppel wird erstmal als das bevorzugte Fotoobjekt genutzt. Während der Vorgruppe (Plastic Peaches/Essen) steht Sänger Frank Spilker bereits neben der Bühne, beobachtet das Publikum und die Reaktionen im Saal. Man spürt, das ist kein normaler Konzertabend. 


"Die Sterne" tourten in diesem Jahr bereits ausgiebig und spielen passend zum erschienenen "Best of" Album "Grandezza" zur Zeit ein Set voller Lieblingslieder.  Da im großen Saal keine Getränke erlaubt sind, macht die Band sogar eine Pause und der Bruch ist, wahrscheinlich gewollt, recht deutlich. 

Im ersten Teil geht es noch ruhiger zu, die Nervosität ist greifbar, aber Spilkers Stimme hat noch immer diesen tollen, jugendlichen Klang. Danach steht die Gitarre mehr im Vordergrund. 


Eine ausladende Version vom schon erwähnten "Fickt das System", incl. "a DJ saved my live.." Coversnippet von Indeep bringen das Publikum zum Tanzen. Es folgen, wie im Stakkato, noch fast alle anderen Hits aus 30 Jahren Bandgeschichte. Als Zugabe hält Spilker noch ein kurze Ansage zu "Universal Tellerwäscher" und die ersten Jahre in Hamburg. Um einen herum schaut man in bewegte Gesichter.  


Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht der letzte Abend war, an dem die Popkultur einen Platz in der Villa Hügel findet. Kultur ist Vielfalt und sollte auch so in verschiedensten Locations präsentiert werden. Das Verlassen der Komfortzone ist für die Macher und Besucher gleichermaßen spannend und Vorureile verfliegen schnell.      



Fotos: Michael Graef


Dienstag, 6. August 2024

Heimspiel Knyphausen Festival - Eltville - 26.07.-28.07.24

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Konzert: Heimspiel Knyphausen Festival
Ort: Eltville
Datum: 26.07.-28.07.24
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: ausverkauft


Gisbert lädt ein. Frederik öffnet die Pforten, Benjamin und Anna kuratieren und produzieren. Ein tolles Team bringt alles aufs Gelände. Auf ein Neues in 2024. Das Weingut Baron Knyphausen, direkt am Rhein gelegen mit dem feinen Sinn für musikalischen Geschmack und nicht nur für guten Riesling, begrüßt einmal im Jahr eine treue Fangemeinde zu gutem Essen, besten Weinen und hervorragendem Lineup. 

Newcomer, gestandene Singer-Songwriter, Hamburger Schule und immer wieder überraschende Topacts, über die sich alle freuen, aber die irgendwie nie jemand auf dem Zettel hat. Brockhoff, Dekker, Die Sterne, Gisbert himself oder Emilíana Torrini. Auch so geht LineUp.


Anreise am Donnerstag. Base auf der Obstwiese. In diesem Jahr gänzlich Familien vorbehalten, alle anderen können erstmals ein zweites Camp auf dem Sportplatz bevölkern. Erster Überblick und einmal "Hallo" im Headquarter I (der Vinothek) und im Headquarter II (dem Produktionsbüro). Völlig neu ab diesem Jahr ein Graben vor der Bühne. Ich feiere ihn. Und mit Doro kommt eine Fulltime Stagemanagerin.

Zwei Neuerungen, die auf den immer professionelleren Impact dieses außergewöhnlichen Liebhaberfestivals hinweisen. Freitagmorgen und es regnet. Gehört ja dazu. Dennoch startet alles entspannt. Frühstück, Hardware einrichten, ein Glas Wein… 16:00 Uhr Einlass. 

Brockhoff als Opener. Beim OBS wetterbedingt noch aus der Ferne vom FOH gehört und fotografiert, nun erstmals im neuen Festivalgraben. Die Hamburgerin zieht schnell die Aufmerksamkeit auf sich. Mit 23 Jahren das Heimspiel so souverän zu eröffnen, spricht für sich und ihr Potential. Ihre Songs musikalisch ausgereift, stimmlich ginge bestimmt noch etwas.


Ganz anders Dekker. Der fotoscheue amerikanische Singer-/ Songwriter Brookln Dekker zeigt sich von seiner fast besten Seite. Üblicherweise mit seiner Ehefrau Rue Royals unterwegs, seit 2020 mit Erscheinen des Debütalbums „Slow Reveal: Chapter One“ auch Solo. Ein wenig genervt wirkend spielte er sein Set routiniert durch. Und dennoch sind alle hin und weg. Kein Wunder, der zelebrierte Indie-Folk findet den Takt zum Publikum. Dies ist eben ihre Insel.


Gisbert Knyphausen & Band sind der Headliner am ersten Tag. Wenn eine Band nach Jahren wieder zusammenkommt, das Publikum nicht weiß, ob es Regen oder Tränen im Gesicht sind, dann braucht es keinen Text mehr. Der Abend verklingt dabei ganz wunderbar. 

Samstagmorgen und es regnet schon wieder. Warum auch nicht? Dennoch, Haare und Hardware richten und ab zur Reederei Robert Stolz, am Anleger Eltville unterhalb der Burg Kratz. Wahl-Düsseldorfer Rob Godwin spielt sein neustes Projekt, abseits von The Slow Show. Irgendwie, aber zunächst alles verzögert. Rob hatte die Ruhe weg und der Regen ließ nach. Als das Set startete war dann doch irgendwie alles wie immer. Stimmlich ließ Rob nichts vermissen. 


Dabei klangen die Songs noch einen Tick dunkler und tiefer als sonst. Wenn das überhaupt noch möglich sein konnte. Aber ohne Graben und Bühne, dicht davor konnte es schnell, ganz intensiv werden. Konzerte auf dem Heimliner sind eben auch ganz besondere Konzerte.

KaBi & Kuchen mit Anna und Jana, sowie Wein & Käse mit Stefan und Katharina im Rahmenprogramm des Heimspiels. Zwei grossartige Weinproben mit viel Hintergrundwissen und besten Weinen aus dem Rheingau, feinstem Backwerk aus dem Geisenheimer Plattenstübchen und klar, Käse aus dem Eltviller Käseladen. KaBi steht übrigens für Riesling Kabinet und passt tatsächlich besser zum Kuchen als Kaffee. Das Ende vom Lied war jedoch, dass ich mich derart verspätete, dass Soft Loft diesmal ohne mich zurechtkommen mussten. 

Susan O‘Neil; Für mich im nun schon dritten Konzert wächst die irische Songwriterin immer mehr über sich hinaus. Tiefgründig und stimmgewaltig zieht sie die geneigte Hörerschaft in ihren Bann. Es ist begeisternd.


Die Sterne vertreten in diesem Jahr, die zur Zeit heiß diskutierte Hamburger Schule und Frank Spilker macht kurzen Prozess mit der musikalischen Zeitreise durchs Wirken und nichts Müssen. 

Timber Timbre gab es für mich nur aus der Ferne zu verfolgen. Die engen Vorgaben der Band um Taylor Kirk wollten keine Fotografen im Graben. Sei’s drum. Die erste Reihe wird es gefreut haben, bot sich doch nun von Beginn an ungestörter Folkblues mit reichhaltigen musikalischen Facetten. Mal düster, fast morbide, dann wieder poppig daherkommend. Ein eindrucksvolles Rundumsorglospaket. 

Wer wie ich Calexico noch nie live erlebt hat, war erstmal beeindruckt. Eine souveräne Kapelle, die mexikanischen Mariachi, Folk-, Tex-Mex, Country Rock und Latin Jazz vereint. Das musst du erstmal so machen und damit so erfolgreich eine Vielzahl von Festivalbühnen bespielen. Wenn am Ende des Konzertes sowohl Susan O’Neill als auch Festivalmacher Gisbert zu Knyphausen auf die Bühne zu gemeinsamer Performance gebeten werden, dann ist ein musikalisches Erlebnis perfekt, und ein großartiger Abschluss eines dichtbepackten und verregneten Festivalsamstags gelungen.


Am Sonntag schaut dann endlich die Sonne vorbei und traditionell früh, nach Yoga mit Nina und dem Wellness-Frühstück startet mit Willow Parlo die erste Band des Tages. Die Hamburger stehen für verträumten Indie-Pop, und Frontfrau Noemi Bunk bietet dazu stimmlich etwas an, was tatsächlich nachklingt. Meine persönliche Überraschung an diesem Wochenende. 

Der Songwriter Enno Bunger vertont bedeutsame Meilensteine seines Lebens im Piano Pop Style. Tiefsinnig und melancholisch. Nicht selten traurig und tränenrührend. Um der Schwere auch mal die Last zu nehmen, kommt schon mal das Applausometer zum Einsatz und das Publikum darf abstimmen, ob der nächste Song von Depressionen handeln oder die Klimakrise besingen soll. 

Aber ein wenig Selbstironie ist bei dieser Tragik wohl notwendig und hilft nebenher auch dem geneigten Festivalbesucher nicht den Glauben an "… am Ende wird alles gut…" zu verlieren.


Zum grandiosen Abschluss des diesjährigen Heimspiels lässt Emilíana Torrini Miss Flower über Freundschaft, Liebe, Begehren und letztendlich doch beständige Unabhängigkeit erzählen. Das Ganze wird eingerahmt mit Songs aus ihrer jetzt schon langen Bühnenkarriere. Ein ganz ein feiner Abschluss. 


Und dann war es das auch schon wieder. So schnell wie sich am Freitag die Wiese mit Picknickdecken und Familien gefüllt hatte, so schnell leerte sie sich auch wieder. Jeder hatte die wunderbaren Festivalweingläser und den Festivalriesling in der limitierten Edition im Gepäck. Eine großartige Tradition des Heimspiels. Aufräumen, Aftershow und ab nach Hause. 

Sämtliche Spenden, und auch das hat Tradition, ob in bar oder als Pfandspende, gingen in diesem Jahr übrigens an die Eltviller Tafel. 


Am 01.08.2024 startet schon der VVK für das Heimspiel Knyphausen vom 25.-27.07.2025. Schnell sein lohnt sich, das Festival ist seit Jahren stets ausverkauft und wir freuen uns jetzt auf die nächste Ausgabe.

Text und Fotos: Denis Schinner

Sonntag, 9. Juli 2017

Open Source Festival, Düsseldorf, 08.07.2017

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Konzert: Open Source Festival
Ort: Düsseldorf, Galopprennbahn Grafenberg
Datum: 08.07.2017
Dauer: 1 Tag
Zuschauer: 7.000 ausverkauft



Einmal im Jahr pilgern auch die nicht am Pferdesport interessierten, zur ehrwürdigen Galopprennbahn im feinen Düsseldorfer Stadtteil Grafenberg. 

Wer die Vision hatte, hier ein Festival, ohne stilistische Grenzen stattfinden zu lassen, musste sich zumindest um die fehlende Wirkung eines Sonnenuntergangs keine Sorgen machen. 

Wer zu später Stunde den Blick von der Tribüne über die unverbauten, bewaldeten Hügel neben und hinter der Hauptbühne schweifen lässt, vergisst für Minuten den Trubel und die laute Musik, für die er eigentlich angereist ist.



Bei gutem Wetter, und am Samstag war das Wetter perfekt, gibt es also eigentlich gar keine Ausreden, den Tag nicht mit netten Menschen in Grafenberg zu verbringen. Das Line-Up ist wie immer buntgemischt. 

Entscheiden kann man sich zwischen Newcomern auf der kleinsten Bühne, aufstrebenden (meist elektronischen Künstlern) auf der "Carhartt-Stage" oder den bekannteren Acts auf der Hauptbühne, während man lässig auf der Wiese oder Tribüne Platz nimmt. 

Obwohl der "richtig große" Name dieses Jahr fehlte,  ist das Festival mit fast 7.000 Besuchern ausverkauft. Geboten wird für ein Tagesfestival viel, Kunststudenten präsentieren ihre Arbeiten in kleinen Zelten, diverse Foodtrucks bereichern das normale Festivalessen. Selten auch sieht man so viele Familien im Verbund anreisen.



"Die Sterne" beginnen zu früher Stunde, leider mit mäßigem Sound, auf der Hauptbühne. Sänger "Frank Spilker" schwitzt in der gleißenden Sonne und versucht alles, die Zuschauer schon zu etwas Bewegung zu animieren. 

Das gelingt naturgemäß eher bei den älteren Mitsingklassikern wie "Universal Tellerwäscher" und "Was hat die bloß so ruiniert". Viele fragten, ob das eine Comeback-Tour sei, aber die Sterne waren nie ganz weg in den letzten 25 Jahren. 

Auch das neue Material ist gewohnt anspruchsvoll und voller guter Lyrik und tanzbaren Elementen. 

Danach hatten es "Austra" aus Kanada ebenfalls nicht leicht. Auch ihr, eigentlich sehr tanzbarer Elektropop, fiel der chilligen Atmosphäre des Nachmittags zum Opfer. 



Beim Heimspiel der "Antilopen Gang" hatte ich eigentlich fest mit einem späteren Slot im Ablauf gerechnet, so mussten auch die sprachbegabtesten Düsseldorfer noch im Sonnenschein antreten.

Zunächst klassisch mit drei Mann am Mikro und einem DJ, im zweiten Teil dann mit heruntergerissenem Vorhang, hinter dem sich eine "Punkband" verbarg. 

So wurden alle Fixpunkte des Antilopen-Kosmos abgedeckt. Schon immer stand hinter dem festen HipHop-Konzept ein Spiel mit Gitarren und Schlagzeug, dass die Wurzeln des Düsseldorfer Punk nicht verbergen konnte und wollte.



Der Legende nach (davon gibt es allerdings viele), stammt ja der Name aus einer negativen Abwandlung des ersten Hosen-Albums "Opel Gang" als "Anti-(l)open Gang". 

Eigentlich zu logisch, um nicht wahr zu sein. 2011 hatten die Antilopen bereits einen besonderen Auftritt beim "Open-Source". Damals mieteten Sie auf eigene Faust, einen der beschriebenen Pavillions und rappten von früh bis spät für kleines Geld auf Zuruf. 

Schon damals war der erfrischende Humor der Truppe einzigartig. Mein unscharfes Handy-Video von damals zeigt eine frühe Version von "F... die Uni". Leider ist die ebenfalls erworbene Live-Beschimpfung ("Dissen für Kleingeld nach Vornamen") nicht mehr auffindbar. 



Zum Glück ist nichts von dem kindlichen, aber perfekten Witz verloren gegangen. Völlig zurecht ist die "Gang" in den letzten Jahren einen riesigen Schritt nach vorne gestürmt.

Unpeinlicher HipHop, der stilistisch aber immer das Genre ernstnimmt, ist leider selten anzutreffen. 

Zeilen wie "Ich bin perfekt, guck mich an, ich trink Sekt, der nach Himbeer schmeckt", gepaart mit offenen, politischen Aussagen machen das Konzert zu einem Genuss, den man auch verstehen kann, wenn einem ansonsten Sprechgesang wenig bedeutet.

Am 23.12.2017 geben die "Antilopen" ein Klubkonzert im Düsseldorfer "Stahlwerk", ein "Fest der Liebe".



Passend zur Musik von "The Temper Trap" ging dann die Sonne langsam unter. Leider hat es die Band nicht leicht. Zu gut war ihr erstes Album "Conditions", das zweite viel zu perfekt produzierter Pop und beim dritten wollte dann keiner mehr so richtig hinhören. So ist das im schnelllebigen Popgeschäft. 



Der charismatische, indonesische Sänger "Dougy Mandagi" bietet immer noch alles, was man von einer tollen Indierockband erwartet, nur leider erwarten die Zuschauer nur die alten Hits.

So bleibt der Zuspruch vor der Hauptbühne geringer als zuvor und erst am Ende mit den Klassikern "Drum Song" und "Sweet Desposition" lebt das Publikum wieder auf. 




"Trentemoller" aus Dänemark machen danach dann noch den Deckel drauf. Eine perfekt inszenierte Live-Show beendet das Festival gegen Mitternacht.

Alles in allem wieder einmal ein gelungener Tag in Düsseldorf. Das Konzept ,viel Musik zu einem wirklich überschaubaren Eintrittspreis (36,00 EUR) auf einem tollen Gelände zu präsentieren, ging wieder einmal perfekt auf. 

Kleinere Kritikpunkte, wie die langen Wartezeiten am Ausschank (gefühlte drei Zapfhähne reichen einfach nicht) und den Toiletten, sollten im nächsten Jahr schon der Vergangenheit angehören. Auf ein neues, beim "Ascot" der Festivals, in Düsseldorf. 

Fotos: Michael Graef


Freitag, 9. November 2012

Die Sterne, Frankfurt, 08.11.12

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Konzert: Die Sterne
Ort: Zoom, Frankfurt
Datum: 08.11.2012
Zuschauer: ziemlich voll
Dauer: Die Sterne 95 min, Zucker?



Es ist so schade, daß es kein anständiges Indie-Klatsch Magazin gibt! In den USA und Großbritannien sind solche Websites weit verbreitet, deutsche Musikjournalisten dagegen sind die Verteidiger der Sachlichkeit und gehen grundsätzlich mit dem nötigen Ernst ans Aufarbeiten von Musik.

Wie langweilig!

Hat man in einer unserer Fachzeitungen schon mal gelesen, daß die Juli Sängerin backstage eine Perücke trägt (vielleicht um von Künstlerkollegen nicht erkannt zu werden?)? Oder wer gerade mit wem zusammen ist? Wieso der Schlagzeuger einer englischen Band nach dem ersten gemeinsamen Konzert gleich wieder gefeuert wurde? Vielleicht mal am Rande. Aber viel wichtiger ist doch immer, warum jetzt das aktuelle Album in einer Berghütte im Allgäu aufgenommen wurde, mit welchen Schuhen man die Effekte am besten trifft oder ob nun die dritte oder vierte Can-Platte den größeren Einfluß auf die strahlende Karriere der neuen Hype-Band aus Detmold hat. Langweilig eben!

Es braucht dringend eine Indie-Bunte, oder? Hat jemand Lust? Mail an mich bitte! Ich suche schon mal den Schlüssel vom Giftschrank.


Wenn es die Indie-Bunte nämlich schon gäbe, wüsste ich auch, ob Dyan Valdés immer noch mit Eddie Argos liiert ist. Die Blood Arm Frau spielte heute bei den Sternen Keyboard, gemeinsam mit dem in Berlin lebenden Art Brut Sänger bildet sie außerdem die Band mit dem besten Namen der Szene (Everybody Was In The French Resistance... Now). Weil sich Eddie Argos bekanntlich als Vertreter der Hamburger Schule versteht, wäre diese Geschichte ganz charmant und ein toller Übergang zu den Sternen, aber mit fehlt der Hintergrund-Klatsch. Mist, elender!

Wenn nicht... naja, zumindest glich Sterne Sänger Frank Spilker manchmal verblüffenderweise dem Briten! Aber da hat mir vielleicht auch meine Phantasie einfach einen Streich gespielt.

Obwohl die Sterne eine der wichtigsten deutschen Bands der letzten 20 Jahre sind, habe ich sie noch nie live gesehen. Das war das typische "kann ich ja irgendwann mal machen". Gestern hatte ich aber plötzlich Lust - auch weil das Zoom in Frankfurt sich immer mehr zu einem Club entwickelt, in den ich sehr gerne gehe (und damit quasi das Gebäude 9 Frankfurts ist).


Ich war spät dran, die Vorgruppe war mir vorher nicht wichtiger als die zusätzliche halbe Stunde zu Hause. Dabei hatten mir die letzten Supports-Bands im Zoom alle gefallen. Dummerweise war das auch bei Zucker so, ich hatte wohl etwas verpasst. Höchstens die Hälfte des Sets der zwei jungen Frauen bekam ich noch mit. Zucker sind Christin Elmar Schalko und Pola Lia Schulten und kommen aus Hamburg. Sie hätten bisher zwanzig Konzerte gespielt, das im Zoom sei jedoch das größte. Die Spex beschreibt Zucker mit "Ungelenk ist wieder schick." Und wirklich erinnerte mich das Gehörte an Bands wie die Heiterkeit oder (früher) die Lassie Singers. Wenn das ein Trend ist, daß zur Zeit (Frauen)Bands entstehen, die etwas schief klingen aber tolle Lieder schreiben - ich bin dabei! Zucker sahen nach Rockstars aus und hörten sich toll an! Leider haben sie noch nichts veröffentlicht außer einer Split-Kassette (die es hier gibt).

Um zehn nach zehn ging das Hauptprogramm los.*

Das letzte Sterne Album stammt von 2010, ist also nicht mehr ganz frisch. Weil es also nicht mehr die Tour zum Vermarkten der Platte ist, war das Programm deutlich mehr über alle Phasen der Band verteilt, als dies bei Konzerten kurz nach der Veröffentlichung üblich ist. So waren neben dem neunten Album 24/7 (2010) mit fünf Liedern die beiden frühen Platten Posen (1996) und Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die Interessanten (1997) mit je vier Titeln fast gleich stark vertreten. Natürlich sind Konzerte grundsätzlich besser, wenn sie keinen Marketingvorgaben zu folgen haben, Abende ohne aktuelle Platte sind also immer zu begrüßen.


Die Sterne sind aktuell ein Trio, bestehend aus den drei Gründungsmitgliedern Frank Spilker (Gesang & Gitarre), Thomas Wenzel (Bass) und Christoph Leich (Schlagzeug). Den 2009 ausgestiegenen Keyboarder Richard von der Schulenburg ersetzte Dyan Valdés (Los Angeles) - und sie hatte offenbar sehr viel Spaß an ihrem Job, sie strahlte nämlich immer wieder quer durchs Gesicht!

Irgendwann mußte Frank Spilker erklären, daß die Sterne ja eigentlich eine Gitarrenband seien; in der ersten Hälfte des Sets spielte der Sänger bei höchstens jedem zweiten Stück auf seinem Instrument. Die Lieder ohne Gitarre waren tanzlastiger (Convenience Shop zum Beispiel). Das animierte so sehr zum Tanzen, daß bei Deine Pläne plötzlich jemand aus dem Publikum zwischen Schlagzeuger und Sänger stand und da zappelte. Nach dem Lied ging der Tänzer vor den verwunderten Augen des Sängers kommentarlos von der Bühne.


Neben den vielen guten Liedern hinterließen bei mir vor allem die vielen netten Szenen nebenher einen so guten Eindruck. Schon Frank Spilkers Begrüßung "Und sonst so?" nach Widerschein war großartig! Bei Life in Quiz vergaß er den Text. "Die Zeile war übrigens 'denn bist du fertig, leckst deine Wunden, du bist ein Nichts, ganz ohne Kunden,'" erklärte er hinterher. Toll! Auch der Text von Inseln klappte nicht flüssig, was ihn während des Singens lachen ließ. "Ist auch egal!"

Nach Depressionen aus der Hölle war ich sicher, daß bald Schluß wäre. Der Frontmann drohte: "Ich kann nicht mehr! Aber was soll's, muß ja." Es sollten noch elf Lieder folgen. Muß ja.

Das war wirklich ein hervorragendes Konzert. Auch wenn diese ganze Fraktus Sache sehr komisch und offenbar toll inszeniert ist, machen mir echte Bands viel mehr Spaß. Die Sterne machen ihren Job scheinbar immer noch sehr gerne, und ihre Lieder (ich hatte vergessen, wie viele Hits sie haben) machen immer Sinn (Frank Spilker: "wir haben ganz gute Lieder"). Die besten von denen waren Risikobiographie, Wahr ist was wahr ist, In diesem Sinn, Das bisschen besser und natürlich Was hat dich bloß so ruiniert, Fickt das System und Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt.

"Wenn ihr Spaß habt, haben wir auch Spaß, dann spielen wir viele Zugaben." Es wurden je zweimal zwei, darunter Fickt das System und St. Pauli und eins aus dem Hamburg Englands. Transmission von Joy Division war an den ersten Takten zu erkennen. Frank Spilkers Stimme passt nicht zu dem Stück, trotzdem war die Sterne-Version von "dance, dance, dance to the radio" kein Sakrileg, das Cover war gut. Ich hatte aber auch nicht das Gefühl, daß die Sterne an diesem Abend überhaupt irgendetwas falsch machen konnten. Ich hatte das auch nicht, als ich mich eine Stunde vorher entschieden hatte, den Abend in Frankfurt zu verbringen!

Setlist Die Sterne, Zoom, Frankfurt:

01: Widerschein
02: Big in Berlin
03: Abstrakt
04: Convenience Shop
05: Life in Quiz
06: Deine Pläne
07: Inseln
08: Das bisschen besser
09: Trrrmmer
10: Depressionen aus der Hölle
11: Gib mir die Kraft
12: In diesem Sinn
13: Wahr ist was wahr ist
14: Aber andererseits
15: Risikobiographie
16: Die Interessanten
17: Was hat dich bloß so ruiniert?

18: Ganz normaler Tag (Z)
19: Fickt das System (Z)

20: Transmission (Joy Division Cover) (Z)
21: Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt (Z)


* keine Sterne-Wortwitze, versprochen!




 

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