Es gibt immer wieder Konzertabende, über die ich hinterher eine Weile nachdenke, der verstörende Auftritt von Amy Winehouse im Palladium in Köln beispielsweise, in der Regel sind das aber andere Gedanken als der nach dem Abend mit Massive Attack gestern. Nach dem ging mir nämlich vor allem eines durch den Kopf. "Häh?"
Ich nähere mich dem Konzert chronologisch. Als ich in der Jahrhunderthalle ankam und gerade noch ein Instagram-Foto des Gebäudes mit dem vermeintlich lustigen Kommentar "Konzert im Kernkraftwerk" gepostet hatte, fühlte ich mich prophetisch. Drinnen liefen ohrenbetäubende monotone Bass-Töne, die vermutlich nur in Industriebetrieben wie Kraftwerken ähnlich sind. Sehr laut, sehr tief und sehr lang. Und ganz deutlich genau so gewollt. Als sich der kommunizierte Beginn von 20 Uhr näherte und die schlimmsten Bass-Phasen schon ein paar Minuten vorbei waren, lief ganz gedämpft vom Band Angels von Robbie Williams. Angels - Angel, erstes Lied von Mezzanine, ich hielt das für einen Gag. Es war einer, allerdings ein viel tiefgreifender. Auf Angels folgte Britney Spears, danach Aerosmith. Spätestens da verstanden wir, daß man uns die britischen Single-Charts von 1998 servierte. Die Lieder liefen aber nicht einfach so vom Band, sie klangen dumpf, so als stehe man an der Ampel neben der Dorfjugend und höre durch zwei Satz geschlossene Autoscheiben RPR1 in aller Schönheit, laut und gedämpft. Irgendwann googelten wir mit, sagten Brandy & Monica und Aqua richtig voraus. Mir gefiel das Spiel und die - so deute ich es - Kulturkritik in diesem Vorprogramm ganz ausgezeichnet. Vielleicht auch, weil Lemon tree zwei Jahre vorher erfolgreich war.
Setlist Britische Single-Charts von 1998:
01: Robbie Williams - Angels 02: Britney Spears - ... Baby one more time 03: Aerosmith - I don't want to miss a thing 04: All Saints - Never ever 05: Chumbawamba - Tubthumping 06: Madonna - Frozen 07: Cher - Believe 08: Brandy & Monica - That boy is mine 09: Savage Garden - Truly madly deeply 10: Aqua - Doctor Jones
Danach betraten die Vertreter der guten britischen Musik der 90er die Bühne. Massive Attack waren zu siebt. Zu Gesangsparts sollten später immer wieder Elizabeth Fraser und Horace Andy mit auf die Bühne kommen.
Die Tour heißt Mezzanine XX1 und feiert - Überraschung - 21 Jahre drittes Album. Das Konzept dazu ist durchdacht und ziemlich großartig: wir spielen alle Songs des Albums und covern dann die Lieder, die wir in unseren Stücken gesampelt haben. So begann das Konzert nach einer Strobo-Attacke mit I found a reason (The Velvet Underground), das in Risingson von Massive Attack zitiert wird. Untermalt wurde das Stück von Videos u.a. vom Jungenwangen streichelnden Saddam Hussein, der Hochzeitskutsche von Fergie und Andrew, hinter der die Prinzessinnen Di und Anne herliefen, von der Produktion von Barbiepuppen und einer künstlich aussehenden Stadt am Wasser.
Die Videoprojektionen der Tour stammen von Adam Curtis, der sie mit "The show tells the story of the strange journey we have all been on over the past twenty years since Mezzanine was released: How we have moved into a strange backward-looking world, enclosed by machines that read our data and predict our every move, haunted by ghosts from the past" beschreibt. Und genau die Projektionen waren es, die mich verunsichert zurückließen. Manipulation, das Abgreifen von Daten, unmenschliche Produktionsbedingungen, Krieg waren die Haupt-Themen. Und Prinzessin Di. Dazu kamen immer wieder Botschaften wie "die Vergangenheit hat die Zukunft geprägt" (auf Deutsch) oder bei See a man's face: "One people, one empire, one leader. - Wir sind das Volk. - Wir sind mehr." Was heißt das? Wir sagen auf, was uns aufgesagt wird? Alles schlecht, egal, worum es geht? Ich verstehe es nicht. Daß das Nazi-Mantra übersetzt wurde, hatte wohl Pietätsgründe. Sehr bedrückend waren die Bilder zum Cover Where have all the flowers gone? Man sah dort Tote, vermutlich Opfer von Krieg oder Terror und Trauernde, zivil wie militärisch. Nahaufnahmen der toten Menschen. Dann Alice im Wunderland, Putin auf dem Roten Platz und Trump.
Trump tauchte oft auf, mal morphten alle möglichen Gesichter in das des US-Präsidenten, mal hatte er Putins Augen. Das war alles sehr clever irgendwie, mir erschließt es sich aber nicht richtig. In anderen Videos waren die Namen von opioidhaltigen Medikamenten eingeblendet. The opioid crisis reaches Hoechst. Da die Projektionen ein zentraler Bestandteil der Show sind, machen sie dann natürlich auch einen wichtigen Teil des Eindrucks aus, den der Abend hinterläßt. Bei mir eben "häh?"
Zwischendrin aber auch eine wundervolle Idee! Zu Dissolved girl liefen über die Leinwand hinter der Band drei verschiedene youtube-Videos von Fan-Coverversionen, meist das von einer Frau namens Corey Styles. Wie toll!
Was mich musikalisch erwartete, wußte ich grob. Ich hatte keinen Vergleich, weil ich die Band vorher noch nie gesehen hatte. Es gab Phasen des Konzerts, die Längen hatten (die Gefahr gibt es ja immer, wenn eine Band eine Platte komplett spielt), andere waren anstrengend. Aber ich bin auch kein Hardcore-Fan und war vor allem aus Neugierde da. Von der Kombination aus Album und Cover-Versionen hatte ich gelesen. So etwas finde ich extrem spannend. Warum Massive Attack Avicii coverten, weiß ich nicht und ob Bela Lugosi's dead Sample-Grundlage eines ihrer Songs ist, auch nicht.
Die erschreckenste Erkenntnis des rätselhaft-eindrucksvollen (oder eindrucksvoll-rätselhaften) Abends war, daß ich vor der Haustür stehend "do youuuu believe in life after loooove" im Ohrhatte.
01: I found a reason
(The Velvet Underground Cover) 02: Risingson 03: 10:15 Saturday night
(The Cure Cover) 04: Man next door* 05: Black milk** 06: Mezzanine 07: Bela Lugosi's dead
(Bauhaus Cover) 08: Exchange 09: See a man's face
(Horace Andy Cover)* 10: Dissolved girl 11: Where have all the flowers gone?
(Pete Seeger Cover)** 12: Inertia creeps 13: Rockwrok
(Ultravox cover) 14: Angel* 15: Teardrop** 16: Levels
(Avicii cover) 17: Group four**
* gesungen von Horace Andy ** gesungen von Elizabeth Fraser
"We’re getting in touch to let you know that there’s been a change in delivery method to your tickets for the upcoming Sigur Rós show.
In an effort to ensure that your order is received in time for the show, all ticket orders have been updated to e-tickets. You can expect to receive your e-tickets within the next 7 working days. Please note your e-tickets will come from the email address..."
Drei Wochen vor dem Konzert war Songkick eingefallen, daß mein Anfang Februar bestelltes Ticket ja auch irgendwann mal verschickt werden muß. Mir dagegen war entfallen, daß ich nicht eins sondern zwei geordert hatte. Beim Ausdrucken des (jetzt) e-Tickets kamen zwei aus dem Drucker. Nach acht Monaten kann man so etwas mal vergessen.
Ich war gar nicht sicher, ob ich Sigur Rós wirklich sehen wollte. Ich liebe die Musik, keine Frage. Auch habe ich bisher kein schlechtes Konzert des Isländischen Nationalheiligtums gesehen. Aber zuletzt hatten Sigur Rós live nur noch als Trio gespielt - und das hatte ich schon gesehen. Aber wie so oft gilt: wenn die sich schon die Mühe machen, extra nach Deutschland zu kommen, dann kann ich schlecht absagen. Das wäre unhöflich. Beim Kauf meines ähh meiner Tickets hatte ich mich natürlich für Frankfurt und gegen das Palladium entschieden. Die Jahrhunderthalle hatte ich als viel angenehmer in Erinnerung (außer die Parksituation!). Als ich drin stand und problemlos sehr weit nach vorne kam, war diese Entscheidung noch einmal als sehr clever bestätigt. Es sollte um acht vorgruppenfrei beginnen, die zusätzliche halbe Stunde dummen Rumstehens war dann offenbar der Ersatzsupport und ein wenig ärgerlich. Eine der vielen Unsitten bei uns, Konzerte später beginnen zu lassen, um mehr Getränke zu verkaufen. Die halbe Stunde mehr war auch deshalb schwierig, weil die immergleiche Walgesang-CD lief und uns langsam müde machte. Um halb neun traten die drei übriggebliebenen Sigur Róse auf, Sänger Jónsi Birgisson, Bassist Georg Hólm und Schlagzeuger und Keyboarder Orri Páll Dýrason. Die Bühne war so, wie ich sie vom Primavera Sound Festival in Erinnerung hatte. Da hatte die Band hinter einer Art Metall-Vorhang gestartet, man sah die Musiker hinter dieser Projektionsfläche, wo sie dicht an dicht das neue Lied Óveður spielten. Auch in Frankfurt begann es mit etwas Neuem, es war allerdings Á (was auch immer das heißen mag). Und die Band stand vor dem Vorhang, der eine LED-Projektionsfläche war. Das Konzert war zweigeteilt, hatte ich vorher erfahren. Die erste Hälfte war im Prinzip recht ereignislos, was nicht negativ gemeint ist. Es fanden aber keine großen Aktionen auf der Bühne statt, nichts Überraschendes, keine Blaskapelle, die einmal quer durchs Bild marschiert, keine weiteren Musiker, keine Positionswechsel. Orri hatte eine spannende Kombination aus Schlagzeug und Keyboard - die Bassdrum war Teil der Keyboard-Befestigung. Wollte der Musiker also von den Drums zu den Tasten wechseln, musste er den Körper nur ein wenig drehen. Zweimal gab es Aktionen auf der Bühne. Nach dem fünften Lied sprachen sich Jónsi und Orri länger (und für Sigur Rós ungewöhnlich) ab. Es gab wohl technische Probleme, irgendetwas stimmte nicht. Beim letzten Lied Varða tauschten Georg und Orri die Plätze. Wir fragten uns, ob der Keyboard-Part vielleicht zu schwer zu spielen sei, die Melodie des neuen Stücks klang aber nicht zu kompliziert. Georg blieb sitzen und spielte weiter, während die beiden anderen die Bühne verließen. Warum er und nicht Orri diese Aufgabe hatte, wird ein Geheimnis blieben. Der erste Konzertteil war schön, manchmal aber auch ein wenig sehr ruhig. Es gab einige Postrock-Phasen, es gab aber auch viele wenig rabaukige Stellen. Vielleicht lag das auch an den drei neuen Liedern, die ich noch nicht kannte. Nach zwanzig Minuten Pause ging es weiter. Während die Band weg war, hatten Helfer einiges an den Stangen der Bühnenkonstruktion geändert, die Pause schien also durchaus technische Gründe zu haben. Teil zwei begann so wie der Barcelona-Auftritt. Die drei Musiker standen jetzt hinter der Vorhang und spielten Óveður. Dabei standen die drei dicht beieinander. Als während Sæglópur der Vorhang hochging und Sigur Rós nach vorne kamen, begann die stärkste Zeit des Konzerts. Denn jetzt war da nicht bloß eine Band, die vor einer LED-Wand und zwischen Pfosten, auf denen Lampen aufblitzten, spielten, in der zweiten Hälfte bekam die Bühne Tiefe, die optischen Effekte bekamen mehr Raum und damit eine dritte Dimension (im übertragenen Sinne). Nicht nur die Musik wurde immer aufregender, auch die visuelle Untermalung wurde es. Mal gab es Sternenhimmel, mal eine Art Nordlichter, mal (bei Ný batterí) ein Gewitter. In der ersten Konzerthälfte gab es durchaus Längen, die ich bisher bei Sigur Rós nicht erlebt habe, die zweite machte Lust, nicht bloß zwei sondern gerne auch vier Stunden dazubleiben. Bei Liedern wie Vaka, Festival, dem wuchtigen Kveikur und dem traditionell abschließenden Popplagið ist dies auch nicht schwierig.
Am Ende schmissen Jónsi seine Gitarre und Orri sein Schlagzeug um. Rock'n'roll, oder wie auch immer das auf Isländisch (oder Hopelandic) heißt. Jónsi bedankte sich in seiner Muttersprache (oder er beschimpfte uns, wer weiß das schon?), Zugaben gab es nicht.
Sigur Rós können mich durchaus auch in der abgespeckten Dreierversion begeistern. Wobei sie eigentlich ein heimliches viertes Mitglied auf der Bühne hatten - die irren optischen Untermalungen. Setlist Sigur Rós, Jahrhunderthalle, Frankfurt:
01: Á 02: Ekki múkk 03: Glósóli 04: E-bow 05: Dauðalagið 06: Niður 07: Varða
08:
Óveður 09: Sæglópur 10: Ný batterí 11: Vaka 12: Festival 13: Kveikur 14: Popplagið
Konzert: Moddi mit Support Precious Few Ort: St. Peter Café in Frankfurt/Main Datum: 29. März 2017 Dauer: 30 min + 115 min Zuschauer: etwa 70
Da dies war ein Abend, den ich mit lieben Menschen teilen durfte, gab es anschließend Gelegenheit, das gerade erlebte zu besprechen. Mit noch ganz frisch leuchtenden Herzen waren wir uns einig, dass Moddi uns einen ganz besonderen Abend geschenkt hatten. Eine Performance, die mit scheinbar leichtfüßig gewählten, tief ehrlichen Worten und den Liedern - viele von ihnen aus dem Unsongs-Album - etwas in uns angerührt hatte, das uns so bald nicht loslassen würde. Ganz besonders schön war, dass dies nicht nur vom Publikum enthusiastisch gefeiert wurde, sondern bis auf die hintersten Plätze und bis an die Bar wirklich absolute Ruhe und Aufmerksamkeit herrschte. Kein Schwatzen, kein wispern, kein Flaschenkegeln - ich weiß nicht, ob das schon einmal erleben durfte.
Dass ich unbedingt dieses Konzert in Frankfurt sehen wollte, hing auch damit zusammen, dass sich Moddi in den letzten drei Jahren sehr auf das Projekt der verbotenen Lieder konzentriert hatte und in Deutschland nicht so viel (relativ gesehen) mit Konzerten unterwegs gesesen war. Die einzige Chance - in Darmstadt im Herbst 2016 - hatte ich dann krankheitsbedingt auch noch sausen lassen müssen. Nun sollte es aber wirklich klappen!!
Kurz zuvor wurde noch ein neuer Support angekündigt: Precious Few. Zum Glück hatte Christoph seine Erlebnisse mit dieser Band (je als Vorband) hier im Konzerttagebuch ordentlich dokumentiert und es gab eine Besprechung des Albums bei Platten vor Gericht so hatte ich immerhin eine Idee, was mich erwarten würde.
Genauer gesagt klang es eigentlich sogar richtig spannend. Vor allem die dunkle Stimme von Barbara Hoefgen und die oft etwas spröden Songs trafen bei mir auf offene Ohren. Eigentlich schade war dabei, dass mit meist akustischer Gitarrenbegleitung durch Chris Wiegelmann bei mir fast jedes Mal das Gefühl blieb: Das müsste man doch eigentlich ein wenig mehr aufpeppen und dann wäre es so RICHTIG gut.... Es gab eigentlich keine Clichés (auch wenn der erste Song so heißt...). Zwischendurch gefielen mir die dunklen - fast orientalischen - Liedphrasen und das direkt tanzbare Tales of the City besonders. Interessant war auch der Tempobruch in Precious life von besinnlich auf schnell.
Während der Umbaupause gab es Zeit für ein etwas unerwartetes Treffen mit einer Freundin kurz vorm Bühnenrand und ich blieb danach ganz nah am Geschehen sitzen als Pål Moddi Knutsen mit seiner Gitarre und Katrine Schiøtt mit dem Cello die Bühne betraten. Ich hatte ganz vergessen, wie gut Moddis Deutsch bei Konzerten ist. Seine landessprachliche Begrüßung saß und es ging sofort los mit zwei der Stücke vom neuen Album. Da ich es schon eine Weile mein Eigen nenne, waren mir auch die neuen Stücke schon recht vertraut. Einige sind ja sogar schon über lange Zeit "draußen" mit Videos aus dem Prozeß, in dem Moddi sich nicht nur die Lieder suchte und aneignete sondern sich auch mit fast jedem Künstler, jeder Künstlerin traf um die Geschichten hinter den Songs festzuhalten und der Welt zu zeigen.
Nach zwei neuen Songs gab es zunächst eine Zäsur und er ging zeitlich zurück zu dem wundervollen Lied, das ihm weltweit Freunde gemacht hatte: House by the Sea. Außerdem berichtete er davon, was in der Zwischezeit passiert war in einer eindrucksvoll pointiert und fesselnden Art und Weise. Dafür wechselte er dann aber lieber ins Englische. Ich wusste das ja eigentlich alles im Prinzip - trotzdem war keine der Zwischenansagen für mich langweilig oder langatmig. Es wurde tatsächlich viel gelacht. Aber es fühlte sich schon ein wenig beängstigend an, wie das Phänomen ungeliebter Wahrheiten sich um die Welt und durch die Zeitläufe spannt.
Für mich war es ganz besonders eindrucksvoll, Punk Prayer live zu hören und die drei neuen Songs Baby's Eyes, The Architekt und Squares. Baby's Eyes traf ganz besonders ins Schwarze, denn es bezieht sich auf das Austauschen der Augen gegen Knöpfe, um sich der Zuwendung der anderen Mutter zu versichern in Neil Gaimans Buch Coraline. Moddi berichtete, dass er eine Knopfphobie hat und keine Kleidung mit Knöpfen tragen kann. Insofern hat dieses Bild der Knopfaugen für ihn eine ganz besondere Bedrohung. Ich bin selbst ein großer Freund von Neil Gaimans Büchern und mit Coraline hatte diese Freundschaft vor vielen Jahren einmal begonnen. Irgendwie passte es auch ganz gut in den Abend, dass in diesem Buch ein Motto steht, das in etwa lautet: Märchen und Geschichten sind wichtig, weil sie zeigen, dass man Drachen besiegen kann.
Großes Highlight war etwas später auch Army dreamer und das Josephslied. Die Geschichte ist Teil des Alten Testaments und des Korans und damit eine Brücke zwischen den Religionen. Und es war ein Lied, dessen Geschichte ein gutes Ende fand. Ein besonderer Abend fand so einen mitreißenden und gleichzeitig innigen Schlußpunkt, aber wir wünschten uns natürlich noch eine Zugabe und erhielten das tändelnde En sang om fly zum Abschied.
Dies beendete einen Abend, der heißer Anwärter auf das beste Konzert des laufenden Jahres ist, obwohl im Programm des Abends mein so sehr geliebter Train song (am liebsten in seiner norwegischen Fassung) fehlte....
Setlist Moddi: 01: June Fourth 1989 (Text: Liu Xiaobo) 02: A Matter of Habit (Text: Alona Kimhi/Musik: Izhar Ashdot) 03: House by the Sea 04: Eli Geva (Text: Richard Burgess) 05: Punk Prayer (Pussy Riot) 06: Parrot, goat and rooster (Text: Mario Quintero Lara) 07: Baby’s Eyes 08: The Architect 09: The Squares 10: Open Letter (Lounes Matoub) 11: Army Dreamers (Kate Bush) 12: Strange Fruit (Lewis Allan) 13: Where is my Vietnam? (Viet Khang) 14: Oh my father I am Joseph (Text: Mahmoud Darwish) 15: En sang om fly (Z)
Tour Moddi: 28.03. Erlangen E-Werk Club 29.03. Frankfurt St. Peter Café 30.03. Köln Gebäude 9 02.04. Münster Pumpenhaus 05.05. Berlin xJazz Festival 28.06. München Ampere 29.06. Nürnberg St. Katharina Open Air
Tourdaten Precious Few: 29.03. Frankfurt St. Peter Café 30.03. Köln Gebäude 9 12.04. Köln Blue Shell (mit Desperate Journalist)
Konzert: Wolf Alice Ort: Zoom, Frankfurt Datum: 03.09.2016 Dauer: Wolf Alice knapp 65 min, Gengahr 30 min Zuschauer: nicht ausverkauft aber recht voll
Die meisten Bands mag ich auf der Bühne lieber als auf Platte. Das Liverelebnis, die Lautstärke aber auch die fehlende Glättung der Musik, bla bla bla. Wahrscheinlich ist aber bei keiner der Bands, die ich mag, der Unterschied zwischen Platten und live so groß wie bei Wolf Alice. Mir ist das schon einige Male passiert, daß ich Freunde für die englische Gruppe gewinnen wollte und dabei "live sind die aber wirklich großartig" benutzte. Zum ersten Mal hatte ich Wolf Alice2013 beim End Of The Road Festival gesehen. Wir waren unvorbereitet zu diesem Auftritt gegangen, hatten an dem Nachmittag nichts Spannenderes und waren hin und weg!
Danach war es schwierig, die Londoner wiederzusehen. Wolf Alice wurden so schnell bekannt, daß Auftritte wegen Amerika-Touren und Headline-Konzerten in der Heimat ("aus produktionstechnischen Gründen") verlegt wurden. Für mein zweites Mal Wolf Alice musste ich a) in die Stadthalle Offenbach b) zu Alt-J gehen, im Februar fand dann endlich das zweimal (?) verlegte Köln-Konzert statt, mein erstes nach der Veröffentlichung des Debüt-Albums.
In Offenbach spielten vor Wolf Alice und Alt-J als erste Band Gengahr aus London. Ich fand die Songs der Briten gut, mochte aber die künstlich hohe Stimme des Sängers überhaupt nicht. Manchmal sang er normal, dann war es sofort gut. Aber der Rest war nichts. Meine Vorfreude, Gengahr auch im Zoom als Support zu sehen, hielt sich also sehr in Grenzen. Zu recht. Der Gesang ist nicht zu ertragen. Weil Sänger, die extra hoch trällern, dafür auch den Kopf immer dramatisch schräg halten (müssen), klang es nicht nur doof, es sah auch so aus. Instrumental oder mit richtigem Gesang hätte ich den Auftritt gemocht, so war ich dankbar, daß er nach einer halben Stunde vorbei war.
Bester Moment des Konzerts: die Ansage von Sänger Felix Bushe, es sei gut, wieder in Frankfurt zu sein. Da waren sie aber bisher noch nicht. Der Veranstalter des Alt-J Konzerts hatte den Bands Offenbach als Frankfurt verkauft. Schräg war auch die Fake-Linkshänder-Gitarre des links stehenden Musikers (mit Wirbeln unten). Fairerweise muß ich aber sagen, daß Gengahr sehr gut ankamen und ein paar (sicher viel schöner) mitsingende Hardcore-Fans die Londoner abfeierten. Setlist Gengahr, Zoom, Frankfurt:
01: Heroine 02: ? 03: Bathed in light 04: Whole again (neu?) 05: Fill my gums with blood 06: Where wildness grows (neu) 07: She's a witch 08: Powder Aber ich war ja nicht wegen der Vorgruppe da.
Wolf Alice begannen bereits um 21:15 Uhr. Das Zoom war recht gut gefüllt, es war aber sicher einiges entfernt von ausverkauft. Außerhalb von Großbritannien und den USA hat sich offenbar nicht rumgesprochen, wie großartig die Band ist.
Schon vor dem Beginn war mir etwas Bemerkenswertes aufgefallen: im Publikum unterhielten sich einige (sehr junge) Besucher darüber, wo sie Wolf Alice auf dieser Tour in Europa gesehen haben. Wolf Alice haben sich in kurzer Zeit eine Ultra-Szene erspielt, erstaunlich! Das Konzert war im Grunde ein Zwilling des Auftritts von Köln im Februar. Die Setlist war mit einer Ausnahme komplett gleich. You're a germ hat ein paar Plätze gutgemacht und wurde gleich nach dem Startstück Your loves whore gespielt, der Rest war exakt gleich. Aber eben auch gleich gut!
Ein ganz typisches Wolf Alice Stück ist 90 mile beach, von der bis vor zwei Wochen extrem wertvollen Blush EP (da erschien das 10" Vinyl noch einmal in einer Sammler-Box, damit hören dann auch die "verkaufst Du mir die, meine Tochter ist riesiger Wolf Alice Fan"-mails auf). Das Lied fing langsam und fast etwas harmlos an, wurde aber im Verlauf besser und besser. Auch das schwächste Stück im Set (Swallowtail), das Schlagzeuger Joel singt, entdet in noisigem Durcheinander. Swallowtail rettet das nicht, auch hier nervt mich der kunstvoll und künstlich hohe Gesang (unnötig!). Aber bei den vielen guten Liedern sind die lauten Enden dann eben die Kirsche auf dem Eisbecher!
Wenn die Band laut wird, drehen die beiden Bühnennachbarn von Sängerin Ellie Rowsell besonders auf! Bassist Theo (mit rappelkurzen Haaren), der sein Wetlook-Shirt schnell gegen Wetlook-Oberkörper eingetauscht hatte, hat einen herrlich irren Blick, wenn er mitbrüllt und sich ins Publikum beugt. Bei The wonderwhy oder Fluffy fehlte nicht viel, daß er sich auf uns gestürzt hätte, schien es.
Wolf Alice haben enorm viele Lieder, die live enorme Knüller sind. Bros, Fluffy, You're a germ, Moaning Lisa smile...
Mit Moaning Lisa smile endete der Hauptteil. Als die vier zurückkamen, zog sich Schlagzeuger Joel sein Hemd wieder an, daß er wohl backstage ausgezogen hatte. Da gibt es wohl auch keine Klimaanlage.
Die erste Zugabe war wieder Turn to dust, das erste Lied der Debüt-Platte, dem ich nichts abgewinnen kann. Es ist zu ruhig, als hätte die Band vergessen, den krachigen Teil ab der Mitte zuzufügen. Danach kamen die beiden fehlenden Riesenhits Blush und Giant peach.
Ich bin Team Pop und kann mit zu rockigem Rock nichts anfangen. "Grunge" als Beschreibung einer Band, senkt mein Interesse gewöhnlich gleich enorm. Wolf Alice machen für meinen Geschmack aber fast alles exakt richtig. Ich will diese dämliche Floskeln wie "Energie" und "Intensität" vermeiden, weiß daher nicht genau, wie ich das Besondere an den Liveauftritten der Engländer beschreiben soll. Vielleicht tue ich mich auch deshalb so schwer damit, Leute zu überreden, Wolf Alice mal live zu sehen. Das Fanwerden erledigen die dann mit 60 min Konzert.
(Und nach den letzten Takten von Wolf Alice lief Divine Comedy!) Setlist Wolf Alice, Zoom, Frankfurt:
01: Your loves whore 02: You're a germ 03: Freazy 04: Bros 05: Lisbon 06: 90 mile beach 07: Silk 08: The wonderwhy 09: Storms 10: Swallowtail 11: Fluffy 12: She 13: Moaning Lisa smile
Konzert: Einar Stray Orchestra Ort: Das Bett in Frankfurt Datum: 2. Juni 2016 Dauer: 90 min Zuschauer: knapp 40
Es ist mal wieder so weit: ich sitze total übermüdet, aber mit einem breiten Grinsen am Rechner, um über einen besonderen Abend zu berichten. Und auch (schon) wieder: Fast ist es des guten zu viel dieser Tage (*). Soll heißen, ich habe mir die Fahrt nach Frankfurt wirklich sehr, sehr gut überlegt. Aber nachdem ich das Einar Stray Orchestra beim Orange Blossom Festival im schönen Beverungen nicht sehen konnten, war mein Leidensdruck einfach zu groß um diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen und ich rede mir ein, ab Montag gibt es Winterschlaf (das Wetter ist ja danach!).
Fast wie eine Belohnung für meine Courage, mir mal wieder eine halbe Nacht um die Ohren zu schlagen, gab es für mich einen Überraschungsgast. Ein herrlicher Bonus, dieses Erlebnis teilen zu können! Zumal ich - nachdem mein Zug kurz vor Frankfurt noch 20 min verbummelt hatte - ein wenig kurz nach knapp in Das Bett hineinrauschte und ausnahmsweise mal ganz froh war, dass es nicht auf den Punkt losgegangen war. Mein geplanter Aufenthalt passte dann zum Glück auch fast auf die Minute zum Konzert (puh!).
Die Live-Stichproben nehme ich nun schon länger und am auffälligsten war für mich zunächst der neue Mann am Bass. Aber die Spielfreude war vom ersten Moment an als die alte zu erspüren. So waren Maja Gravoermoen Toresen: Violine & Gesang Ofelia Østrem Ossum: Cello & Gesang Einar Stray: Piano/E-Gitarre & Gesang Lars Fremmerlid: Schlagzeug & Gesang Steinar Glas: E-Bass, Gitarre & Gesang
mit großem Spaß dabei. Am meisten juckte es sie wohl die allerneusten - gerade aufgenommenen Lieder zu präsentieren. Aber bitte Vorsicht mit den neuen Titeln, die in der Setliste unten vermerkt sind! An die Bilder-Setlisten der Cellistin Ofelia bin ich ja schon gewöhnt und wäre enttäuscht, wenn sich etwas an dem Brauch ändern würde. Aber auf der ausgedruckten Setlist hatten viele Songs einen Schlabberversionsnamen.
Und für die neuen Songs habe ich ja keine anderen Informationen und kann nichts "berichtigen". Aber was sind schon Namen? Die Live-Versionen entsprechen ja auch nicht der Wohnzimmer-Fassung auf CD. Und dieser Hang zum Exzess wird meiner Meinung nach eher ausgeprägter über die Jahre, die ich nun schon das Glück habe, ab und zu ein Zipfelchen Live-Erlebnis zu erhaschen. Wieder (wie in Darmstadt) befreite sich Einar zwischendurch vom Stuhltanzen am Piano und war mit einer E-Gitarre auf der Bühne unterwegs. Die Bilder davon sind mir alle verwackelt...
Der inhaltliche Aufbau des Konzertes hatte für mich eine sehr einnehmende Regie. Zunächst einiges Neues (darauf war ich ja auch gespannt!) aber damit noch ungewöhntes - mit Titeln vom zweiten Album etwas gemischt bevor dann etwa ab der Hälfte nach und nach auch meine Lieblings-Kracher kamen. Zunächst - und das der erste richtige Ah-Moment -
Pocket full of Holes - wo ich seit dem Neujahrskonzert in Berlin immer mitgrölen muss - will I die inside before I die - und anschließend die immer und immer wieder Gänsehaut erzeugende acapella Schönheit For the Country. Jemand hielt das aufstellen hierfür schon für die Vorbereitung zur Abschiedsverbeugung... Anschließend wurde noch ein neues Stück eingeschummelt: Deer Beergotry - nee Dear Bigotry (das wurde zum Glück angesagt) um dann 3 - 2 - 1 - Takoff! das Gran Finale einzuläuten, das sich 45 min steigerte und immer weiter steigerte. Im regulären Set gab es nämlich noch meine Lieblinge vom ersten Album, die sich einfach nicht verschleißen und live schon wieder anders und wunderbar schimmern durften: Chiaroscuro und Caressed.
Während 40 Personen im Bett natürlich nicht wie ein volles Haus wirken, so war doch die Begeisterung von Anfang an spürbar und mit Rufen und Applaus wurde wahrlich nicht gespart. Natürlich hatten wir schon am Anfang auf die Liste gesehen, und mit Freude festgestellt, dass noch drei Zugaben vorgesehen waren, die dann auch episch zelebriert wurden (mehr als 20 min für drei Songs!).
Und obwohl ich eigentlich schon im siebten Himmer war, war die letzte Zugabe We are the core seed noch einmal wahnsinniger und mitreißender als alles, was bis dahin geboten worden war. Was für ein Abend - was für eine Band. Ich war rundum glücklich und fühlte mich vom Schicksal beschenkt.
Zwischendurch wurde gar nicht arg viel gesprochen. Außer über das Aufnehmen der neuen Song mit Blick auf den Atlantik, in dem sie jeden Morgen geschwommen wären (im Januar, in Norwegen...) und woher der Trinkspruch Skol im norwegischen kommt. Sie hätten einen Menschen skalpiert, um dann aus dem Skalp (dem Skol) zu trinken. Naja, den nordischen Humor muss man schon ein wenig mögen. Allerdings von Ofelia würde ich mir wohl alles erzählen lassen. Sie hat einfach den Schalk im Nacken! Und ich weiß jetzt auch (endlich), dass sie Einar Stray so aussprechen, wie wir das auch in (nord)deutsch machen würden: mit "ei" und stolper "st".
Leider reichte meine Zeit dann nicht mehr für ein persönliches Dankeschön, denn ich musste mich zum Zug sputen. Noch gibt es ja auch das neue Album nicht zu erwerben. Die Musik wärmte mein Herz noch bis ich drei Stunden nach Konzertschluss endlich auch im heimischen Bett angekommen war.
(*) Nämlich: 29.05. Konzert in KA, 01.06. Konzert bei uns (inkl. zwei Tagen drei Gäste
betreuen), ab 03.06. Maifeld Derby 04.06. Konzert bei uns (mit vier Gästen) und 05.06. noch ein mitorganisiertes Wohnzimmerkonzert.
Setlist: 01: Thrasymachus 02: Penny vor your thoughts 03: Caravelle 04: Arrows 05: Envelope 06: Honey 07: For the country 08: Pockets full of holes 09: Dear Bigotry 10: Chiaroscuro 11: Caressed
Konzert: Anna Ternheim Ort: Zoom, Frankfurt Datum: 10.04.2016 Dauer: gut 95 min Zuschauer: ausverkauft
Dieser Tage beginnt die neue Staffel der Vox-Sendung Sing meinen Song, die ich sehr gut finde. "Im Prinzip sehr gut", müsste es aber heißen. Das Konzept, die Lieder eines Künstlers von anderen aus anderen Genres singen zu lassen, ist toll. Die Musiker in der Regel nicht, Kurator ist der Aluhut-Träger Xavier Naidoo. Ein Sing meinen Song - Indie-Version empfände ich als enorm spannend. Bon Iver singt Stücke von blur, die von den Nerven, die von When Nalda Became Punk, die von Coeur de Pirate. Daß ich meine fabelhafte Idee einmal umgesetzt erleben würde, hatte ich mir nicht ausgemalt. Nach dem Anna Ternheim Konzert war ich schlauer. Mein schwedischer Liebling spielte im Zoom in Frankfurt nämlich Anna Ternheim Lieder, wie sie klingen würden, wenn sie von My Bloody Valentine, den Wise Guys, Anna Ternheim oder Bon Jovi* gecovert würden. Daß Anna diesmal wieder mit Band auftreten würde, war spätestens bei der Dimension des Tourbusses klar. In einem Interview hat die Schwedin uns einmal gesagt, sie spiele immer gerade in der Konstellation, nach der ihr sei. Die meisten ihrer Lieder geben das her. Die ersten beiden Alben waren sogar in jeweils einer normalen und einer abgespeckten akustischen Version erschienen. Zur Zeit ist ihr nach Krawall, dachte ich am Anfang. Nach und nach stellte sich aber heraus, daß die Sängerin April-Stimmung hat, die Instrumentierung des Abends reichte von Anna alleine ohne Instrument über Anna an der akustischen Gitarre bis zu alle mit Gitarrenwänden und 130 dB. Das nächste, was ich nach dem Tourbus sah, war die Schlange vor dem Zoom. Auf den Tickets, der Website und den Facebookseiten der Veranstaltung stand lediglich "20 Uhr", kein Verweis auf eine (oder keine) Vorgruppe, kein Hinweis, wann Einlass und wann Beginn ist. Für die, die nicht in Laufweite leben, wäre so etwas hilfreich. An der Tür stand dann, daß das Konzert um 20 Uhr beginne. Auf meine Nachfrage sagte der nette Security-Mann, es beginne gleich mit Anna Ternheim. Vielleicht gehe es aber auch erst um halb neun los. Vor und hinter mir standen da noch enorm viele Leute. E-Tickets, die von einer Frau gescannt werden müssen, die gleichzeitig die Gästeliste bedient und stempelt, hielten den Verkehrt weiter auf. Hätte es um acht begonnen, ein guter Teil des Publikums hätte den Konzertstart im Treppenhaus des Zoom erlebt. Als es im schrecklich vollen Saal dann losging, kam erst eine Gitarristin, dann ein Bassist (mit Kontrabass), eine Schlagzeugerin** und ein Keyboarder** auf die Bühne, sie begannen nacheinander ein Intro, das dann mit Anna Ternheim in Hours vom aktuellen Album For the young stammt. Ich mag die Platte und auch Hours, die Wucht, mit der das Stück vorgetragen wurde, ist bei Anna Ternheims Musik nicht so meines. Hours endete in einem wilden Postrock-Geballere mit quietschender Gitarre und headbangenden Musikern. Diese Postrock- oder Shoegaze- oder manchmal einfach nur Fiesrock-Elemente kamen in unterschiedlich starker Ausprägung immer mal wieder vor. Bei Girl laying down zum Beispiel knallte das Instrument der Gitarristin wahnwitzig laut und vermutlich viel zu früh in den Gesang von Anna Ternheim. Das Ende des Lieds hätten Ride oder My Bloody Valentine nicht anders interpretiert. Den Höhepunkt dieser Rock-Anna bildete Only those who love, bei dem die Sängerin ihre akustische Gitarre abgelegt hatte und die Gitarristin dies zu kompensieren versuchte. Uff. Dann ging die Band. Anna spielte Better be und The longer the waiting (the sweeter the kiss) akustisch. Ja, das mag ich lieber. Wie viel lieber machte mir dann der Anfang von What have I done deutlich. Keyboard und Schlagzeug stellten das nächste Genre vor: Eurodisco! Am Ende hielt Anna sich ihr Tambourin wie einen Heiligenschein über die neue Frisur. A french love danach war wundervoll. Das Stück ist eines ihrer schönsten, die Instrumentierung war schön, es war wie eigentlich immer eines der Highlights des Konzerts. Direkt im Anschluß kamen alle Musiker nach vorne, um - wie schon öfter seit 2008 - Summer rain komplett abgespeckt nur mit Annas akustischer Gitarre zu singen. Ich mag das Lied nicht so, es war aber vermutlich für alle anderen ein besonders schöner Moment. Leaving on a mayday begleitete das kundige Publikum mit rhythmischem Klatschen. Bei diesem Lied, das sie für ihren Vater geschrieben habe, führte die Sängerin eine Art Regentanz auf.
Und danach begann dann mein Konzert. My secret war wundervoll! Die erste Zugabe kannte ich nicht, hatte aber von ihr gehört. Ich hatte natürlich nicht stillhalten können und auf die deutsche Veröffentlichung von For the young warten können und hatte die Platte Monate vorher in Schweden bestellt. Auf der deutschen Version ist offenbar das Backstreet Boys Cover Show me the meaning of being lonely, das in der Anna Interpretation vollkommen unpeinlich war! Calling love beendete die ersten Zugaben. Auch wenn die ersten aufbrachen, keine Anna ohne Shoreline. Obwohl auch das Lied ein Cover ist (von Broder Daniel), ist Anna Ternheims Version sehr eigenständig und auch nach all den Jahren noch ein riesiger Hit. Danach folgte der Antipol zum Konzertauftakt: A voice to calm you down, nur von der Schwedin, komplett ohne Instrument gesungen. Es war - man liest das vielleicht zwischen den Zeilen raus - keines meiner besten Anna Ternheim-Konzerte. Die Schweinegitarre hat mir vieles verdorben. Aber es war natürlich trotzdem wieder eine gute Idee, zu ihr zu gehen. Vielleicht ist die nächste Begegnung ja wieder eine nur mit ihr und ihrer Gitarre. Setlist Anna Ternheim, Zoom, Frankfurt:
01: Hours 02: Still a beautiful day 03: To be gone 04: For the young 05: Girl laying down 06: Only those who love 07: Better be 08: The longer the waiting (the sweeter the kiss) 09: What have I done? 10: A french love 11: Summer rain 12: Leaving on a mayday 13: My secret
14: Show me the meaning of being lonely (Backstreet Boys Cover) (Z) 15: Calling love (Z)
16: Shoreline (Broder Daniel Cover) (Z) 17: A voice to calm you down (Z)
* Bon Jovi ist böse! Viel zu böse! Mit fiel (Schlafmangel) nur gerade keine Indieband mit fiesen Gitarren ein, sowas höre ich halt nicht. ** glaube ich. Ich war sichtbeschränkt.
Im April 2014 begegnete ich der Musik von Kirsty McGee aus Manchester und war sofort bezaubert. Das war geerdet und voll Liebe zum Leben mit einer so innigen Stimme und einer mich sehr anrührenden Aufrichtigkeit. Besonders froh machte mich aber, dass wir uns bei einem ganz besonderen Konzert in meinem Wohnzimmer im Oktober 2014 auch persönlich kennen lernen konnten. Lange leuchtete dieser Abend und das Album Those old demons noch in mir nach. Für Kirsty war aber nach der Tour im Herbst 2014 irgendwie die Luft raus. Sie war sich nach zwölf Jahren und sieben Alben nicht mehr sicher, ob sie weiter Musikerin sein konnte oder ob es nicht Zeit für einen neuen Lebensabschnitt sei. Bis sie in der kalifornischen Wüste zur Ruhe kam und dort schließlich auf Robert Garson traf. Während ihrer Zeit beim Joshua Tree Festival 2015stellten sie fest, dass die Musik des jeweils anderen in besonderer Weise Resonanz findet und Freude auslöst.
Der Plan für ein gemeinsames Projekt, das den Namen Ocotilloerhielt, war geboren. Kirsty benutzte ihr Netzwerk, um in Europa eine vierwöchige Tour zu buchen in Cafés auf kleinen Bühnen und in Wohnzimmern. Robert sollte natürlich auch so viel wie möglich von Europa sehen, hatte er doch die US-amerikanischen Küsten noch nie verlassen. Einige (ziemlich desaströse) Skype-Proben, und vier Tage in Manchester zum erarbeiten eines gemeinsamen Programms später machten sie sich auf den Weg. Kirsty sagte mir, diese Tour zu buchen wäre so leicht gefallen wie lange nicht und auch die bisherigen Tage wären für sie eine einzige große Freude und Gabe gewesen. Zunächst ging ihr Weg durch Großbritannien, dann aber auch "nach Europa", nämlich Brüssel, Prag, Wien und Bratislava und viele (meist) kleinere Städte in Deutschland und den Niederlanden.
Ursprünglich hatte ich gehofft, mir diese musikalische Zusammenarbeit während einer Konferenz in Bonn näher ansehen zu können, aber als ich diese Reise absagen musste, konnte ich zum Glück auf Frankfurt "ausweichen". Kirsty hatte mir den Kontakt vermittelt und zu meiner Freude hatte Peter - der Gastgeber in Frankfurt - keine Probleme, mich zum Konzert für Freunde in der WG dazu zu bitten. Sehr witziger Moment für mich war, auf der Strecke vom Bahnhof, die ich so oft schon - meist in Eile - gelaufen war zum ZOOM, zur Oper oder in andere Orte der Innenstadt, nun in eine Tür einzutreten und mich in einer Gründerzeit-Wohnung zu finden mit viel Atmophäre, hohen Räumen und auch vielen Bewohnern. Kurz später auch mit sehr vielen Gästen!
Das Set startete verführerisch tänzelnd im 20er Jahre Stil mit einem Song von Kirsty mit einem fast trotzigen Motto: Come what may. Der sofort beim Publikum einschlug. Richtig enthusiastisch wurde der Applaus aber nach dem zweiten Song, denn hier mischten sich die Stimmen zu einem wunderbaren Duett und das mit einem Bogen angestrichene Glockenspiel gab eine wunderbare weitere Farbe zu Roberts Blueslied. Und es zeigte sich, dass hier das Duo wirklich mehr als die Summe seiner Teile war. Sie ergänzten sich stimmlich und in der Musizierweise zu einem viel sprechenderen Ganzen als es jede/r für sich gewesen wäre.
Der Song Survival mit dem Refrain I'm a survivor klingt für mich immer wie Filmmusik, obwohl diese Rolle ja dem wunderbaren und von mir heiß geliebten Lied Sandman zufiel, das als nächstes auf dem Programm stand und mit Lapsteel geboten wurde. Für diesen Song könnte ich mir auch eine ganze CD mit Versionen vorstellen, wie für Gloomy Sunday... Robert erzählte uns, dass er den Instrumentenkasten des Lapsteel-Oldtimers (aus den 1950er Jahren) vor dem Abflug noch schnell ersetzen musste und sich als einzig praktikable Lösung die Hülle eines AK47 anbot.
Sie erzählten auch darüber, dass sie die langen Autofahrten dafür nutzten, ihre Duett-Fähigkeiten zu polieren. Der Blues Nobody knows von Robert wurde mit Hilfe der singenden Säge ganz besonders eindrucksvoll und irgendwie auch traurig. Leider war die Bassflöte kaputt darum fiel ein Lied des vorbereiteten Programms weg. Im nächsten Stück A trick of the light klang mir ihr inniges Duett wie Glen Hansard und Markéta Irglová aus dem Film Once. Eine der drei Gitarren aus Kirsties Sammlung, die mit auf die Reise kommen durften, stammt aus einem Laden in Aarhus und wird von ihr liebevoll Fritz genannt. Deshalb fände sie es immer wieder lustig, in Gegenden zu kommen, wo ihr Fritzcola angeboten würde - wie z.B. in Frankfurt an diesem Abend.
Die vielen eingesetzten Instrumente - von Kirsty zu beginn etwas salopp als bunch of toys kann man natürlich etwas belächeln; und sie sind unterwegs auch nicht nur von Vorteil. Aber ich fand im Laufe das Programms, dass jedes Mal das gewählte zusätzliche Instrument wirklich das Universum für den Song mit schuf und ermöglichte und damit keineswegs überflüssig war. Das galt auch für die Kalimba zu Come on und die Flöte im letzten Song des ersten Sets. Nach 50 min war die Herrlichkeit zunächst vorbei und in der Pause ergaben sich Gelegenheit zum CD-Kauf und auch zum Geschichtchen tauschen.
Für mich war zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass ich nach der Pause maximal noch für ein oder zwei Lieder des zweiten Sets bleiben können würde, weil mein Zug "rief". Zu meiner Freude stand das atemlos innige Pray als erster Song auf dem Programm - über eine ganze Strecke ganz acapella. Weitere elf Songs von der Setlist musste ich leider verpassen. Aber es überwog doch sehr deutlich und eindeutig die Freude über diesen ganz besonderen Abend über die Trauer, was ich verpassen musste. Alle Bilder
Setlist: 01: Come what may (K) 02: Fence building 03: Survival (K) 04: Sandman (K) 05: Nobody knows 06: A trick of the light (K) 07: Come on 08: Electricity (K) 09: Free life
10: Pray (K) usw. 11: Dollar (K) 12: Dark night 13: Little stars (K) 14: I'm just saying (singende Säge) 15: Dark Mary (gestrichenes Glockenspiel) 16: Imaginary kiss (K) 17: Drive on (Phono-Fidel) 18: Bad curiosity (singende Säge) 19: Madness & the moon (K)
English version In April 2014 I met the music of Kirsty McGee from Manchester and immediately was enchanted since it was grounded and full of love for life with so intimate a voice and to me very touching sincerity. For that I was particularly pleased with a (very special) concert in my living room in October 2014. For a long time now this evening and the album Those old demons have shown a light in my heart. But after this tour in autumn 2014 Kirsty was no longer certain, whether she would continue to be a musician or whether it was time for a new step in her life. Until she came to rest in the California desert, where finally she met Robert Garson. During their time at the Joshua Tree Festival in 2015, they found that the music of the other resonates in a special way and triggers joy.
The plan for a joint project, which was named Ocotillo, was born. Kirsty used her network to enroll in a four-week Europian tour in cafes, on small stages and in living rooms. Robert should, of course, also see as much as possible of Europe, as he had never left the US coasts before. Some (fairly disastrous) Skype renditions, and four days in Manchester to work out a common program later they were on their way. Kirsty told me to book this tour felt so easy to her and also the previous days of touring had been one great joy and gift for them both. First, their path had led through the UK, then "to Europe", namely Brussels, Prague, Vienna and Bratislava and many (usually) smaller towns in Germany and the Netherlands.
I had hoped to be able to have a closer look at this musical collaboration during a conference in Bonn. When I had to cancel this trip, fortunately, I was able to "sidestep" to Frankfurt. Kirsty had brought me in contact with the host in Frankfurt and to my delight Peter asked me to his concert for friends in his flat. A very funny moment for me was when on my route from the railway station, which I so often - usually in a hurry - take to ZOOM, to the opera or to other places downtown, now I could enter a door and find myself in a Wilhelminian apartment with high ceilings and many residents. Shortly afterwards, also with many guests!
The set started seductively prancing in a 20s-style with a song by Kirsty with an almost defiant motto: Come what may. This was immediately warmly welcomed by the audience. Really enthusiastic applause arose after the second song, because here the voices blended into a wonderful duet. Moreover, the bowglock gave a wonderful additional color to Robert's Blues song. And it turned out that here the duo was truly more than the sum of its parts. They complemented each other vocally and in the music-making.
The song Survival with the refrain I'm a survivor always sounds to me like music from a film, although this role fell to the wonderful and much loved song Sandman that was the next on the program and offered with Lapsteel. For this song I could imagine a whole CD with versions, as for Gloomy Sunday... Robert told us that he had have to replace the box for his Lapsteel Oldtimer very quickly before departure to Europe and as the only workable solution came up with the bag of an AK47.
We were also told that they used the long car trips to polish their duet skills. The Blues Nobody knows by Robert was made especially impressive by the singing saw and somehow really sad. Unfortunately, the bass flute was broken and for that a song of the prepared program had to fall away. In the next piece A trick of the light to me they sounded as intimate a duet as Glen Hansard and Markéta Irglova from the movie Once. One of the three guitars of Kirsties collection that were allowed to come along for the ride, came from a store in Aarhus and got the nickname Fritz. Therefore, Kirsty would find it always funny to come into areas where Fritz Cola is offered - such as in Frankfurt this evening.
The many instruments used - Kirsty casually called them our bunch of toys - can of course be laughed at; and while traveling they are not only beneficial. But during the program I found that every time the selected additional instrument really created the universe for the song and thus was not superfluous at all. This was also true for the kalimba in Come on and the flute in the last song of the first set. After 50 minutes, the glory was over for the moment and in the break there was time to get CDs and also a few stories were exchanged.
For me at that moment it was already clear that I would only stay for one or two more songs in the second set after the break, because my train "called". To my delight the breathless intimate Pray was the first song on the program - acapella over a long while. Unfortunately, another eleven songs from the setlist I had to miss. But very clearly and unambiguously the joy to have been part of this very special evening prevailed over the grief about what I had to miss.
Ocotillo European tour 2016 MARCH 02 Kings Arms: Salford, UK 04 Ireshopeburn Library Institute: Ireshopeburn, UK 05 Upfront Gallery: Penrith, UK 06 Nab Cottage: Ambleside, UK 08 The Wonder Inn: Manchester, UK 09 The Hawthorns: Glastonbury, UK 11 House concert: Brussels, Belgium 12 House concert: Neeritter, Netherlands 13 Sijf: Rotterdam, Netherlands 14 Cafe La Victoria: Bonn, Germany 15 Kater Murr: Nuremberg, Germany 16 Cayman Bar: Gunzenhausen, Germany 19 Schwarzberg (with Son of the Velvet Rat): Vienna, Austria 20 Rustique: Bratislava, Slovakia 22 House concert: Frankfurt, Germany 23 House concert: Wuppertal, Germany 24 Tom Bombadil Pub: Solingen, Germany 27 Kelmarsh Hall @ 1pm: Kelmarsh, UK 27 Green Note @ 8pm: London, UK 28 House concert: Hastings, UK APRIL 02 Churchtown Farm Barn Concert: Plymouth, UK
Aus unserem Archiv: Kirsty McGee, Karlsruhe, 19.10.14
Mein Zuhause. Mein Blog. ist als kleines privates Konzert- Tagebuch entstanden. Und weil es zur Zeit musikalisch so spannend ist, wächst unsere Sammlung schnell. Wir schreiben die Berichte spontan, unüberarbeitet und so zeitnah wie möglich. Die Reviews stehen meist noch in der gleichen Nacht online, spätestens jedoch am nächsten Tag. Musik ist für uns vor allem Spaß und keine Wissenschaft.
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