Mittwoch, 26. August 2026

Lowlands Festival - Biddinghuizen/NL - 20.-24.08.2026

 


Konzert: Lowlands Festival
Ort: Biddinghuizen/NL
Datum: 20.08.-24.08.2026
Dauer: 4 Tage
Zuschauer: ca. 60.000


Gastautorin Sonja berichtet:


 „Here We Go Again“ Lowlands 2026: Für mich war Lowlands in diesem Jahr mehr als nur ein Festival. Es war eine persönliche Reise und eine Herausforderung. Zum ersten Mal fuhr ich nicht im Team, sondern alleine. 

Was sich zunächst ungewohnt anfühlte, wurde schnell zu einer besonderen Erfahrung. Ich musste mich auf mich selbst verlassen, neue Menschen kennenlernen und durfte feststellen, dass man auch alleine Teil von etwas Größerem sein kann. 

Gleichzeitig steht das Lowlands Festival  selbst vor Herausforderungen. Eine neue Leitung, wirtschaftlicher Druck und die Frage, wie sich ein Festival immer  weiterentwickeln kann, ohne dabei seine Identität zu verlieren. 

Zwischen großen Erwartungen, einem vielfältigen Publikum und dem Anspruch, an Bewährtem festzuhalten und zugleich Neues zu wagen, muss sich das Festival immer am eigenen, extrem hohen Anspruch messen lassen. 


Die Reise begann am ersten Tag etwas holprig. Das medizinische Team rettete zunächst mein Festivalwochenende, dafür noch einmal ein riesiges Dankeschön. Somit konnte der erste Festivaltag ruhig und gefühlvoll mit dem irischen Newcomer Dove Ellis starten. 

Zwischen Indie-Folk, sanften Gitarren und seiner außergewöhnlichen, fast schwebenden Stimme entwickelte sich schnell eine ganz besondere Atmosphäre. Auch wenn ich leider nur die letzten drei Songs erleben durfte, war sofort zu spüren: Hier entsteht gerade etwas Besonderes. Ellis hat eins DER Alben des Jahres (auch wenn es im Dezember 2025 erschien) geschaffen, und ist eine echte Entdeckung.


Der Kontrast zu COBRAH hätte nicht größer sein können. Ihre Show war eine wilde, kinky Mischung aus Clubmusik, Industrial-Electro und provokanter Performance. Harte Beats, hypnotische Hooks und eine selbstbewusste Bühnenpräsenz machten den Auftritt zu einem körperlichen Erlebnis. Hier blieb wirklich niemand lange still stehen.

Mit Blood Orange wurde es anschließend wieder musikalischer und atmosphärischer. Zwischen R&B, Indie, Funk und Art-Pop entstanden warme, volle Klangwelten, die deutlich ruhiger wirkten, aber trotzdem eine enorme Sogwirkung entwickelten. 


Danach übernahmen die Viagra Boys und brachten ihre ganz eigene, mittlerweile gut bekannte Festival-Attitüde mit. Zwischen Post-Punk, dreckigen Gitarren, treibenden Beats und jeder Menge schrägem Humor wurde es laut, wild und herrlich chaotisch. Genau, diese Mischung aus Punk-Energie und absurdem Charme macht die Viagra Boys live so besonders. 

Den Abschluss machten für mich FCUKERS und damit vermutlich einer der heißesten Newcomer des Festivals. Das New Yorker Duo verbindet House, Garage, Breakbeats und den Sound der 90er- und 2000er-Clubkultur mit einer ordentlichen Portion Indie-Attitüde. 

Ihre Songs sind direkt, tanzbar und gemacht, um live zu funktionieren. Genau das spürte man auch im Publikum: Energie bringt das Zelt zum schwingen und bildet einen perfekten Abschluss für diesen völlig diversen ersten Festivaltag.


Good Morning Lowlands, Tag zwei startete mit dem Ziel Boys Noize um 3:30 Uhr noch zu erleben. Doch zwischen Start und Ziel kann viel passieren. Der Start beginnt mit Violet Grohl musikalisch stark. Sie stand selbstbewusst auf der Bühne und wirkte dabei überhaupt nicht so, als müsste sie sich hinter ihrem berühmten Namen verstecken. 

Auch Keo sorgten mit Ihren rohen Gitarren, eingängigen Melodien und 90er-Grunge-Einflüssen für einen energiegeladenen Sound, der Freude machte. Mein persönliches Highlight war an diesem Tag aber eindeutig der Auftritt von Geese im Bravo, dem zweitgrößten Dome des Festivals.

Die Band spielte fast ohne Spots auf der Bühne, und genau das machte den Auftritt so besonders. Die Songs klangen live viel verzerrter, rauer und intensiver als auf dem Album. Vor allem die Stimme von Cameron Winter ging mir direkt unter die Haut. Es war einer dieser Auftritte, bei denen ich irgendwann einfach nur noch dastand und mich von der Musik mitreißen ließ und überrascht war, als es plötzlich vorbei war. Ja, Geese hatten einen Hype. Aber diese Band wird zurecht auch noch eine lange Zukunft haben.  


Danach ging es mit einem kurzen Sprint für einen kurzen Abstecher ins Alpha. Der New Yorker "Shane Boose", besser bekannt als Sombr, ist gerade einer der spannendsten jungen Künstler zwischen Dance und Alt-Pop. Seine Musik begann als Bedroom-Pop, bevor Songs wie „12 to 12“ und „undressed“ ihn in kürzester Zeit international bekannt machten. Ich wäre aufgrund der super Stimmung auch gerne länger geblieben, doch dafür war keine Zeit. 

Relativ kurz vorab erst angekündigt spielten Royal Blood im Heineken-Zelt. Jetzt wurde es wieder laut und körperlich. Das britische Duo schafft es mit Bass, Schlagzeug und Gesang, einen unglaublichen Druck zu erzeugen. Der Sound drückte, die Energie war sofort da, und langsam fragte ich mich nicht mehr, ob ich bis 3:30 Uhr durchhalte, sondern nur noch, wie. 

Und dann war es tatsächlich so weit. Nach einem kurzen Abstecher zum Adonis (der großen Gay und Trans Disco auf dem Gelände) ging es zu Boys Noize ins Bravo. Hinter dem Namen steckt der deutsch-irakische Produzent Alexander Ridha, der seit über zwei Jahrzehnten für einen ungewöhnlichen, düsteren Mix aus Electro, Techno, House und Hip-Hop steht. Genau das bekam ich jetzt zu spüren: Die Beats waren hart, treibend und völlig kompromisslos. 

Eigentlich war ich längst zu müde, aber daran war plötzlich nicht mehr zu denken. Der Sound ging direkt in den Körper und ich tanzte mich noch einmal völlig frei. Aus dem „Schaffe ich das überhaupt bis 3:30 Uhr ? war plötzlich eine Party bis 4:30 Uhr morgens geworden. Erst danach war wirklich keine Energie mehr da. „Good Morning Lowlands“! und ab ins Bett.

Uups, schon der letzte Tag! Und dabei gibt es noch so viel zu entdecken: Kunstinstallationen wie „Chasing the Dot“ von Philip Vermeulen, die mit Licht, Farbe und Wahrnehmung spielt, den Wellnessbereich, das Kino und vieles mehr. Leider schafft man einfach nicht alles. 


Aber gerade an diesem letzten Tag gab es noch einmal unvergessliche Momente, die diese Reise besonders machten. Zum Aufwachen und Ankommen: Anaiis, die französisch-senegalesische Sängerin und Songwriterin aus London, verzaubert mit ihrer warmen Stimme und einer Mischung aus Soul und R&B und sorgt damit für die erste Gänsehaut des Tages.

Nach einer kurzen Stärkung an einem der unzähligen Foodstände ging es für die nächsten vier Stunden ins Alpha. Für zwei Konzerte, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch beide auf ihre ganz eigene Art herausragend waren. 


Turnstile waren pure Energie: wild, rau, körperlich und voller Lebensfreude. Kaum ein Moment zum Durchatmen. Dafür Springen, Tanzen, Moshpits und eine unglaubliche Verbundenheit im und mit ihrem Publikum. Selbst Crowdsurfing im Rollstuhl wurde hier möglich. 

Das sind die Momente die für mich perfekt zeigen, was diese Musik auslösen kann: Freiheit, Gemeinschaft und pure Freude. Zwischen Turnstile und Lorde der berühmte Sonnenuntergang im Alpha. Jedes Jahr aufs Neue schafft dieser Moment eine ganz besondere Atmosphäre. Wenn die Sonne langsam verschwindet, das Licht weicher wird und für einen Augenblick alle einfach innehalten, fühlt sich ein Festivalabend plötzlich ganz besonders an.


Und dann kam Lorde. Ich war ehrlich gesagt gespannt, denn natürlich kennt man ihre Songs, aber wie würde das live funktionieren ? Die Antwort kam mit voller Wucht. Eine außergewöhnlich intensive Show zwischen Intimität und großer Inszenierung: bewegliche Würfel wurden zu Videowänden und Bühnen, dazu Licht, Kamerabilder aus unmittelbarer Nähe und eine Choreografie, die ihre Songs immer wieder in völlig neue Bilder übersetzte. 

Besonders diese Nähe hat mich gepackt: Lordes Gesicht riesengroß auf den Screens, ungefiltert und ganz nah, während sie gleichzeitig über die Bühne tanzte und mit voller Energie in ihren Songs aufging. Es fühlte sich weniger wie ein klassisches Popkonzert und mehr wie ein perfekt inszeniertes Gesamtkunstwerk an. Und irgendwann war dieser Moment da, in dem aus „mal sehen, wie sie live ist“ ein „wow, das werde ich so schnell nicht vergessen“ wurde. 

Die letzten Akkorde, die Lichter und dieser eine Moment, in dem man noch einmal auf ein intensives Wochenende zurückblickt. Plötzlich zählen keine Zahlen, keine Zweifel und keine offenen Fragen mehr. Es bleibt nur dieses Gefühl von Freiheit, Gemeinschaft und Dankbarkeit. Denn genau dieses Gefühl ist es, das uns immer wieder an diesen magischen Ort zurückbringt.

Lowlands ist soviel mehr als ein paar große Bühnen auf der grünen Wiese. Hier verbinden sich Kultur und Subkultur, Unterhaltung und Wissenschaft, Fakten und Emotionen zu einer Stadt mit 60.000 Einwohnern. Diesen Anspruch in der Zukunft mit der gleichen Leidenschaft fortzuführen, wird die große Herausforderung für die nächsten Jahre.     

Lowlands 2027……. „Here we go again“!


 

Konzerttagebuch © 2010

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