Mittwoch, 24. Februar 2010

Oh No, Not Again! & Florence & The Machine, Paris, 24.02.10


Konzert: Oh No, Not Again! & Florence & The Machine

Ort: Les Disquaires (Oh No, Not Again), Le Bataclan (Florence & The Machine)
Datum: 24.02.2010
Zuschauer: 40-50 Oh No, Not Again! ; ausverkauft, d.h. 1500 bei Florence & The Machine

Konzertdauer: 20 Minuten Oh No, Not Again!, 80-85 Minuten Florence & The Machine



Vor ein paar Tagen bekam ich eine e-mail von der in Paris lebenden Schwedin Rebecka, die unter dem Pseudonym Mad Man bereits eine Oliver Peel Session bei uns gespielt hatte. Sie wies mich darauf hin, daß sie am Mittwoch ein Konzert "chez Les Disquaires" geben würde und hocherfreut wäre, mich dort anzutreffen. Ich sagte natürlich zu, denn Musiker, die einmal bei uns im Wohnzimmer aufgetreten sind, behalte ich grundsätzlich im Auge. Das versteht sich sozusagen von selbst.

Am Montag fragte mich dann mein Freund Fabien, ob ich am Mittwoch schon etwas vor hätte. Falls nicht, würde er mir seine gewonnene Karte für Florence & The Machine im Bataclan zuschanzen. Ich kam ins Grübeln, denn ich wollte ja an diesem Tage zu Rebecka. Die hatte mir allerdings gesagt, daß sie nur 20 Minuten spielen würde. Ich solle pünktlich sein, sie fange um 21 Uhr an. Dies ist aber auch die Startzeit für die jeweiligen Hauptgruppen im Bataclan. Eine kleine Zwickmühle. Dennoch nahm ich die Einladung von Fabien an, denn ich wollte mir mal selbst ein Bild von dieser Florence Welch machen, von der ganz Musik-England* redet und schwärmt. Ich bin einfach ein neugieriger Kerl. Die Platte hatte ich nie gehört, nur die zwei Singles, die bei MTV in Dauerschlaufe laufen. Umwerfend fand ich You Got The Love und Rabbit Heart nicht, das Ganze ist mir einfach zu 80 ieslastig. Irgendwie klingt Florence ja wie das Pendant zu Jimmy Somerville. Und wer aus meiner Generation (also steinalte Säcke, auf die vierzig zugehend) hat schon noch Bock auf den Kerl? Keiner, eben! Die jungen Leute sind da unbefangener, die haben die Auswüchse der 80 er Jahre nicht am eigenen Leibe erleiden müssen...

Der 24. Februrar steht auf dem Kalenderblatt und noch immer habe ich keinen Plan, wie ich es managen soll, zwei Konzerte, die zur gleichen Zeit beginnen, an verschiedenen Orten, zu sehen. Spontan fahre ich erst einmal ins Bastille Viertel zu "meiner" Schwedin Rebecka. Die sitzt da gegen 20 Uhr 30 zusammen mit zwei Landsfrauen (hach, diese feschen Schwedinnen, verdammt noch mal!) an einem Tisch und versucht ihr Lampenfieber in den Griff zu bekommen. Sie scheint aufrichtig happy zu sein, mich zu sehen. Etwas kleinlaut erzähle ich ihr, daß ich auch noch ein Kärtchen für Florence & The Machine im Bataclan habe. Sie sagt, daß sie es vollkommen verstehen könne, wenn ich jetzt schon fahre und auf ihr kurzes Konzert verzichte. Das kommt aber gar nicht in die Tüte, denn wenn ich schon hier bin, möchte ich sie auch in Aktion sehen, zumal sie auch ihre neue, hübsche Gitarre bekommen hat. Ich warte. Und warte. Und warte. Der Programmgestalter verschiebt den Auftritt von Rebecka, die inzwischen unter dem Moniker Oh No, Not Again! firmiert, um fast eine halbe Stunde nach hinten. Mist! Gegen 20 Uhr 20 geht es endlich los und ich bekomme immerhin vier von fünf geplanten Liedern mit. Becky wie sie von Freunden genannt wird, performt mindestens genauso toll wie bei der Oliver Peel Session, wo sie viele unserer Gäste restlos begeistert hat. Sie hat eine sehr hübsche Stimme mit jazziger Note und ihr Gitarrenspiel ist variabel und ideenreich. 3 der 4 Lieder kenne ich, eines ist neu. Ihr heutiger Look - an den Füßen trägt sie Waverschuhe wie dereinst Robert "The Cure" Smith- , hat mit ihrer Musik nichts zu tun. Keine Spur New Wave, sondern feiner Singer /Songwriter Folk mit guten Texten. Talent kann ich ihr allemal bestätigen und es wird höchste Eisenbahn , daß sie ihre eigene Webseite oder zumindest ein MySpace-Profil kreiert, denn bisher kann man nirgendwo ihre Musik anhören. Aber es gibt ein kleines Video von der Oliver Peel Session gefilmt mit einem I-phone. Singt sie nicht wunderschön? Hier kann man sich das Ganze anhören. Natürlich miaut unsere dicke Katze wieder in die Aufnahme hinein (nach 1:11 Minuten). Argh!

Es ist schon 21 Uhr 35, als ich Richtung Bataclan aufbreche. Dummerweise muß ich auch 7 Minuten auf die nächste U-Bahn warten, quasi die Höchststrafe in Paris. Im Bataclan komme ich um 21 Uhr 55 an. Wahnsinnig spät also. Der Laden ist knackig voll und es ist schwül warm wie eigentlich immer hier. Ich versuche mich nach vorne durchzuarbeiten, aber etwa in der Mitte breche ich mein Vorhaben ab und sehe den Rest des Konzertes aus relativ weiter Entfernung an. Florence schreit rum, als stünde ihr Leben auf dem Spiel. Bei einem Stück hält sie ihre Stimme sekundenlang. Solche Spielchen finde ich immer eher nervig. Was soll dieses eitle Zur-Schau-Stellen der stimmlichen Kapazitäten? Man kennt das von Heulbojen wie Celine Dion oder Mariah Carey, die auf Teufel komm raus zeigen müssen, was für eine kraftvolle Stimme sie haben. Das macht mich fertig. In den üblen Casting Shows schreien die Mädels auch immer rum, als müssten sie die Jury zu Kleinholz singen. Nicht mein Wetter. Schon nach zwei bis drei Liedern stelle ich fest, daß ich nicht viel verpasst habe, denn der Sound ist mir trotz einer Harfe zu scheppernd und glattgeschmirgelt. Indiemusik ist das nicht und das Publikum sieht auch entsprechend aus. Es wird größtenteils von 20-25 jährigen Mädchen gebildet, darunter auch wieder viele Engländerinnen. Die Stimmung ist allerdings ohne Frage prima, die Leute klatschen alle permanent mit. Mag ich ja auch nicht so gerne. Ab und zu ist das gut und normal, aber systematisches Mitgeklatsche erinnert mich unangenehm an die Hitparade mit Dieter Thomas Heck. So stelle ich mir das auch in einer Touridisko auf dem Ballermann vor.* Das macht mich fertig. Die Hauptdarstellerin auf der Bühne genießt hingegen die Welle der Sympathie, die ihr die Franzosen (und Engländer) entgegenbringen, scherzt rum, hat einen enormen Aktionsradius und brüllt permanent weiter. Ein Kerl neben mir tanzt zu jedem noch so kleinen Beat euphorisch mit und glotzt mich dauernd etwas seltsam an, weil ich stocksteif da stehe und versuche, Fotos zu knipsen. Er denkt sicherlich: "Was ist denn das für ein lahmer Miesepeter?" Das macht mich fertig. Ich wechsele meinen Platz und gelange ein Stück weiter nach vorne, so daß ich die hübschen roten Haare von Florence besser sehen kann. Eine sympathische Erscheinung, diese Senkrechtstarterin aus London! Die Erfole der letzten Monate scheinen sie selbstsicher gemacht zu haben, arrogant wirkt sie hingegen nicht. Ich mag sie. Nur ihre Musik ist irgendwie nix für mich. Dann wird den Leuten auch noch demonstriert, wie sie zum letzten Lied des offiziellen Teils mithüpfen sollen und alle machen mit. Wie im Club Med oder Robinson. Das macht mich fertig. Ich bleibe wie angewurzelt an meinem Platz. Irgendwann hat es sich ausgehüpft und die Truppe verlässt unter tosendem Beifall die Bühne. Zugaben gibt es natürlich auch und das allerletzte Lied, den Hit Rabbit Heart (Raise It Up) kenne ich sogar. Zu dumm, daß die rotharige Beauty die hohen Töne nicht trifft und der ganze Rhythmus des Songs nicht zu stimmen scheint. Aber das ist egal, denn ich weiß zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon, daß Florence The Machine nicht meine Lieblingssängerin wird.

Einem geschenkten Maul schaut man nichts ins Maul, besagt das Sprichwort. Ins Maul geguck habe ich der Chanteuse ja auch nicht, aber
meinen Senf, den gebe ich immer gerne zu allem!

Setlist Florence & The Machine, Le Bataclan, Paris:

01: Coffins
02:Kiss With A Fist
03: Hurricane
04: Lungs
05: Drumming Song
06: Cosmic Love
07: Blinding
08: Ghosts
09: Hospital Beds
10: Howl
11: Dog Days

12: Got The Love
13: Rabbit Heart

Fazit: Die in der Presse hoch angepriesenen englischen Sängerinnen der letzten Jahre sind nicht gerade das Gelbe vom Ei, obwohl es Lichtblicke gibt:

- Kate Nash: scheußlich und zwar in jeder Hinsicht
- Little Boots: ungenießbar, trotz der hübschen Schuhe und der süßen Stubsnase
- Pixie Lott: unerträglich
- La Roux: so grauenvoll wie ihre Haarspray Frisur
- Bat For Lashes: geht so; war mal toll, wird aber immer glatter
- Lily Allen: eigentlich ganz nett. Ihre Lieder kann man gut unter der Dusche pfeifen.
- Adele: nicht untalentiert, aber zu schmalzig
- Florence & The Machine: siehe oben
- Amy Mac Donald: ganz nette Melodien, aber zu flache Texte und Arrangements
- Amy Winehouse: großartig, aber unbeständig (logischerweise)
- Duffy (kommt aus Wales, also nicht England, ich weiß): Amy Winehouse light
- Laura Marling: wundervoll

Wer nach richtig guten englischen Sängerinnen sucht, die kaum in der Presse, dafür aber auf dem Konzerttagebuch besprochen werden:

Sharron Kraus
Sharron Kraus, Paris, 21.05.08

Rozi Plain
Rose Kemp
Rose Kemp, Paris, 23.04.07

This Is The Kit
This Is The Kit, Paris, 09.06.09
This Is The Kit, Paris, 11.03.09
This Is The Kit, Paris, 06.03.09
This Is The Kit, Paris, 26.03.08
This Is The Kit, Paris, 01.02.08

Rachael Dadd
Rachael Dadd, Paris, 11.03.09
Rachael Dadd, Paris, 06.03.09

Essie Jain (lebt nun in New York)
Essie Jain, Paris, 16.02.09
Essie Jain, Paris, 03.10.08

Scout Niblett (lebt ebenfalls in den USA)
Scout Niblett, Paris, 24.05.08
Scout Niblett, Paris, 17.12.07

Blue Roses
Nancy Elizabeth
Nancy Elisabeth, Paris, 09.05.08

Joanne Robertson
Joanne Robertson, Paris, 23.04.08

Serafina Steer
Serafina Steer, Paris, 03.07.09
Serafina Steer, Paris, 28.10.07
Liz Green


* wenn es ein Fußball-Deutschland gibt, warum dann nicht ein Musik-England?
* bezeichnenderweise gibt es ein Livevideo von Florence & The Machine, wo sie in Ibiza rumbrüllt, als wolle sie Anastacia Konkurrenz machen. Klick!



9 Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Zu viel Senf kann auch Übelkeit hervorrufen.

Oliver Peel hat gesagt…

Stimmt, vor allem wenn er anonym dazu gegeben wird.

E. hat gesagt…

deiner trennung in 'doof' und 'klasse' kann ich zu großen teilen ungeniert folgen. eine meinung zu haben, ist sowieso geil!
und ich kann senf löffeln. echt!

musikmeisterin hat gesagt…

Kate Nash: scheußlich und zwar in jeder Hinsicht

???

Also ich muss doch sehr bitten...

Christoph W. hat gesagt…

Von Kate Nash gibts bald ein neues Album und zumindest äußerlich ist sie kaum wiederzuerkennen. Vielleicht gehts ja dann auch musikalisch etwas aufwärts (abwärts ist ja kaum).

Zu Florence & The Machine muss ich mir noch eine abshließende Meinung bilden - momentan geht sie mir aber sehr auf die Nerven.

Anonym hat gesagt…

immer wieder nett, unser Oliver, wer austeilt sollte besser auch einstecken können, aber bei so viel Eitelkeit...

Oliver Peel hat gesagt…

Aber ich kann doch einstecken! Hast Du nicht meinen Boxkampf gegen Rocky Balboa im Fernsehen gesehen, madame/monsieur anonym? Wie ich nach jedem Wirkungstreffer ganz uneitel wieder aufgestanden bin und weitergekämpft habe?

Oliver Peel hat gesagt…

@ Christoph W: Kate Nash macht weiter? Oh je...

Christoph W. hat gesagt…

Jawohl, sie macht weiter. Am 20.4. erscheint ihr neues Album und ich glaube, ich habe mich getäuscht, als ich sagte, dass es musikalisch nicht weiter abwärts gehen könne bei ihr.

Bei Pitchfork kann man nämlich einen ersten Song von der neuen Platte anhören und der klingt sehr gewöhnungsbedürftig: http://pitchfork.com/reviews/tracks/11802-i-just-love-you-more/

 

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