Dienstag, 18. Dezember 2007

Scout Niblett, Paris, 17.12.07


Konzert: Scout Niblett (+ The Twilight Sad)

Ort: Le Nouveau Casino, Paris
Datum: 17.12.2007
Zuschauer: gut besuchte Veranstaltung


"Mensch, die Scout wird Dir Freude machen, das ist ein saftiges, wildes Weib! Ganz nach meinem Geschmack, weit ab von Zicke, Fräulein, oder feiner Agathe! Die rockt Mit Schmackes!"

Mit gewohnt blumigen Worten hat mein lieber Blogger-Kollege Eike (sein Blog ist für Leute mit einem exquisiten Geschmack sehr zu empfehlen!) auf die Ankündigung reagiert, daß ich Scout Niblett am Ende des Konzertjahres noch erleben werde. Er sollte Recht behalten, die Engländerin ist in der Tat ein saftiges, wildes Weib!

Bevor ich mich davon überzeugen konnte, mußte ich aber zunächst noch ein Weilchen ausharren, denn vorher traten noch Castanets und die Shotten The Twilight Sad auf. Von Castanets bekam ich nur noch die letzten zwei Titel mit. Zu diesem Zeitpunkt stand nur noch ein Bursche mit einem waldschratigen Bart auf der Bühne; ob vorher eine ganze Band gespielt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Auftritt war zu kurz, um mir ein Urteil zu erlauben, Interessierte mögen seine MySpace Seite besuchen.

Die darauffolgende Band hingegen, machten es mir mit einer Ersteinschätzung leicht. The Twilight Sad aus Glasgow gefielen mir nämlich auf Anhieb. Ich stehe nun einmal auf Himalaya hohe Gitarrenwände und von denen gab es selbst in den viel zu kurzen 30 Minuten reichlich! In breitestem Schottish stellte Sänger James Graham die Band vor und brachte zum Ausdruck, daß sie so froh seien, in Paris ( das "a" wie im Deutschen ausgesprochen, das "r" stark gerollt) aufzutreten: "it means a lot to us". Die Freude lag ganz auf meiner Seite, ist doch herrlich wenn man so kurz vor Jahresende noch eine Gruppe präsentiert bekommt, die einen spontan fesselt. Im Gegensatz zu dem, was Christoph von Amy Mac Donald berichtet hat, findet man den starken Akzent auch in den Liedern wieder, da strozt es nur so vor Wörtern mit dem wunderbar gerollten "r". Ohne großartig nachzudenken, kam mir gleich Aidan Moffat von Arab Strap in den Sinn, der auch wenn er singt, nicht auf seine heimische Mundart verzichtet. Kein Wunder also, daß die inzwischen aufgelöste Kultband auch als Referenzgruppe genannt wird. Daneben finden sich auch Shoegaze-Legenden wie My Bloody Valentine und The Jeus & Mary Chain in der Auflistung vergleichbarer Bands.

Neben der Musik war aber besonders die Ähnlichkeit zwischen Sänger James und Ian "Joy Division" Curtis frappierend. Diese bezog sich nicht nur auf Frisur, Gesichstform und Statur, sondern auch die Mimik. Geradezu angsteinflößend war es, wenn der Frontmann irren Blickes in sein Mikro bellte. Trotzdem schienen mir diese Posen zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt, dafür machten die Schotten einen viel zu natürlichen Eindruck. Beim großen Finale kauerte der Curtis-Klon gar vor seinem Schlagzeug, während die anderen Musiker ihre Gitarren schrammeln ließen. Ich genoß das in vollen Zügen! Das von den Kritikern stürmisch aufgenommene Debütalbum " Forteen Autumns & Fifteen Winters" werde ich mir blind kaufen, auch wenn ein Teil meiner anwesenden Freunde das Ganze ziemlich schrecklich fand (warum eigentlich, das war doch fabelhaft?!).

Setlist The Twilight Sad, Paris, Le Nouveau Casino:

01: Cold Days From The Birdhouse
02: And She Would Darken The Memory
03: Talking With Fireworks
04: That Summer, At Home I Had Become The Invisible Boy
05: I'm Taking The Train Home

Mehr Bilder von The Twilight Sad hier

"We all gonna die, we all gonna die".

Hups, war ich etwa wie Christoph kürzlich bei Malcolm Middleton gelandet? Tourt der Schotte nun durch ganz Europa,
um sein Vorhaben, das Lied mit dem äußerst pessimistischen Titel zum Weihnachtshit Nummer 1 zu machen, verwirklichen zu können? - Nein, der gute Malcolm war nicht da. Und leider auch nicht Bonnie Prince Billy, der Scout Niblett bei einigen Liedern ihres aktuellen Albums stimmlich begleitet hatte. Die Britin Emma Louise Niblett, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, war zunächst ganz alleine auf der Bühne. Bekleidet mit einem herben Holzfällerhemd und einer fluoreszierenden Bauarbeiterweste ( war sie zuvor mit dem Fahrrad unterwegs und hatte vergessen, diese auszuziehen?), erkundigte sie sich erst einmal nach den wichtigsten Dingen, die vorab zu klären waren: "Has anyone any questions? und "Is there anyone's birthday today?" Kaum jemand muckte, vielleicht weil alle zu überrascht waren, nicht mit der Standardfrage "How are you Paris" begrüßt zu werden. Gleich zu Beginn bekam man also eine wunderbare Kostprobe des verrückten Wesens der kauzigen Engländerin geboten. Spontan war ich in das quirlige Persönchen verschossen! In einer Zeit, in der Indie-Künstler sich angepasst wie biedere Angestellte verhalten, ein Genuß! Es gibt sie also noch, die launigen Musiker, die einen auch mal gegen den Strich bürsten, anstatt eine Schleimspur zu hinterlassen. Sogar regelrecht angeschrien wurde man von der Wahl-Amerikanerin. Wenn sie losgiftete, wurde man sich bewußt, daß das eigene Schätzchen zu Hause eigentlich ein zahmes Lämmchen ist. Das Besondere dabei: Scout wirkte im Grunde genommen meist schüchtern, ihre (musikalischen) Wutausbrüche erwischten einen deshalb regelmäßig auf dem falschen Fuß. Heute kam hinzu, daß ihr Temperament auf eine harte Probe gestellt wurde. Nachdem sie (leider ohne Billy, schluchz!) die Ballade "Do You Want To Be Burried With..." vorgetragen hatte, stoppte sie nach ein paar Takten des zweiten Liedes und meinte verzweifelt: "there's something really wrong here, I can't really hear anything." "I can't do a hole set like this!" Au weia! Tonprobleme! Die Leute von der Technik kamen ins Schwitzen und versuchten alles, was in ihrer Macht stand, um das Problem zu beheben. Zunächst vergeblich! Laut Scout gab es keinerlei Verbesserung. Nun galt es, Zeit zu überbrücken. "Does anyone know any jokes?" "Any questions, any comments, we have some time now?!"

Es mußte improvisiert werden und darauf verstand sich die Sängerin prächtig. Sie setzte sich spontan mitsamt Gitarre ans Schlagzeug und machte weiter. Den Leuten war nicht ganz klar, 0b das jetzt ein Souncheck war, oder ob es sich bei den vorgetragenen Stücken, um Teile des Sets handelte. Bevor das Publikum aber allzu lange sinnieren konnte, kam dann ein zuvor beschriebener plötzlicher Temperamentsausbruch zum Vorschein. Scout prügelte nämlich nach einem langsamen intro urplötzlich wie eine Besessene auf die Drums ein. Ich konnte mir ein herzliches Lachen nicht verkneifen...

Etwas später dann eine erneute Kostprobe ihrer widerspenstigen Natur. "Gimme an "L", gimme an "O", gimme an "V", gimme an "E", for Lovers!" Selten habe ich eine Musikerin so spitz schreien gehört! Fast zuckte ich zusammen! Zitierte Passage gehörte zu dem alten Titel "It's All For You", ein sperriges Etwas, wie so manche ihrer Lieder. Aber wer glattgebügelte Musik will, sollte halt eben nicht zu Scout Niblett's Konzerten kommen.

Kurze Zeit später stieg ihr Schlagzeuger ins Programm mit ein, Kristian Goddard heißt der wild prügelnde Bursche. Das verleihte dem Set mehr Schmackes und siehe da, jezt war auch Fräulein Niblett mit dem Sound zufrieden. "Everything's o.k. now" ließ sie erleichtert verlauten und auch das Publikum konnte aufatmen. Also doch noch ein "richtiges" Konzert. Zu dessen Höhepunkt gehörte vor allem eine Passage im letzten Drittel, in dem die drei famosen Stücke "Dinosaur Egg", "No-Ones- Wrong" und "Nevada" hintereinander weg gespielt wurden. Hier war ihre Vorliebe zu Künstlern aus der Grunge-Periode wie Mudhoney und natürlich Nirvana zu spüren. Daß sie sich aber auch auf Folk im Stile einer Cat Power, oder auch PJ Harvey versteht, wurde im Laufe des Abends auch deutlich. Wobei klar sein muß, daß bei Emma Louise alles eine Spur ruppiger und unangepasster ist. Gut so, denn wie langweilig wäre die Musikwelt, wenn uns nur noch leicht zu konsumierende Kost vorgesetzt würde? Scout Niblett hat gehöriges Nervpotential, keine Frage; allerdings hat mich kaum eine Sängerin neugieriger auf ihre bizarre Welt gemacht wie sie...

Auszüge aus der Setlist Scout Niblett, Nouveau Casino, Paris (in dieser Reihenfolge):

- Do You Want To Be Buried With...
- Pom Poms
- Your Beat Kicks Back Like Death
- It's All For You (we all gonna die)
- Handsome
- Hot To Death
- Lullaby For Scout In 10 Years
- Let Thine Heart Be Warmed
- Dinosaur Egg
- No- Ones Wrong (Giricocola)
- Nevada

Neue Konzerttermine von Scout Niblett im Mai 2008:

08.05.2008: Brüssel, Botanique
10.05.2008: Dresden
11.05.2008: Beverungen, Orange Blossom Festival
13.05.2008: Wiesbaden, Schlachthof
14.05.2008: München, Registratur
15.05.2008: Schorndorf, Manufaktur
16.05.2008: Bremen, Lagerhaus
17.05.2008: Utrecht, Tivoli
24.05.2008: Paris, La Maroquinerie



3 Kommentare :

undertaper hat gesagt…

unglaublicher Mut zur Häßlichkeit, aber so wird man wenigstens nicht von Hr. Sarkozy abgeschleppt ;)
die Grungevergleiche hab ich schon öfter diesbezüglich gelesen, kann ich gar nicht nachvollziehen.

oliver r. hat gesagt…

Ich persönlich finde sie nicht häßlich. Und mit Carla Bruni bin ich doch auch schon gegangen, dazu braucht man nicht Präsident zu werden, lol!

Die Grunge-Vergleiche liegen auf der Hand, das hat sie ja oft genug in Interviews selbst geäußert und zudem auch schon einmal live "Verse Chorus Verse" von Nirvana gecovert. Auch mit deren Produzenten Steve Albini hat sie schon gearbeitet.

Mit dem neuen Album geht sie aber weitestgehend neue Wege. Das Zusammenspiel mit Bonie Prince Billy ist dabei fabelhaft.

E. hat gesagt…

fragen- antwort- kaspereien, soundprobleme, schlagzeug- spielen, woran erinnert mich das? ach ja, an einen scout niblett auftritt! jeden abend ein neues programm vom leder ziehen, fällt wohl auch so einer ausnahmegestalt wie ihr schwer. allerdings verkauft sie ihre "show" nicht second-hand. da ist nichts geborgt, nichts auf komission. das macht den unterschied. 'grunge' ist ein zu großer abziehbild, wie ich finde, scout hat ihre eigene kleine nische. ich würde sie gern zusammen mit billy bragg auf einer bühne sehen. die würden sich gut ergänzen.

 

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