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Es ist schon 21 Uhr 35, als ich Richtung Bataclan aufbreche. Dummerweise muß ich auch 7 Minuten auf die nächste U-Bahn warten, quasi die Höchststrafe in Paris. Im Bataclan komme ich um 21 Uhr 55 an. Wahnsinnig spät also. Der Laden ist knackig voll und es ist schwül warm wie eigentlich immer hier. Ich versuche mich nach vorne durchzuarbeiten, aber etwa in der Mitte breche ich mein Vorhaben ab und sehe den Rest des Konzertes aus relativ weiter Entfernung an. Florence schreit rum, als stünde ihr Leben auf dem Spiel. Bei einem Stück hält sie ihre Stimme sekundenlang. Solche Spielchen finde ich immer eher nervig. Was soll dieses eitle Zur-Schau-Stellen der stimmlichen Kapazitäten?
Man kennt das von Heulbojen wie Celine Dion oder Mariah Carey, die auf Teufel komm raus zeigen müssen, was für eine kraftvolle Stimme sie haben. Das macht mich fertig. In den üblen Casting Shows schreien die Mädels auch immer rum, als müssten sie die Jury zu Kleinholz singen. Nicht mein Wetter. Schon nach zwei bis drei Liedern stelle ich fest, daß ich nicht viel verpasst habe, denn der Sound ist mir trotz einer Harfe zu scheppernd und glattgeschmirgelt. Indiemusik ist das nicht und das Publikum sieht auch entsprechend aus. Es wird größtenteils von 20-25 jährigen Mädchen gebildet, darunter auch wieder viele Engländerinnen. Die Stimmung ist allerdings ohne Frage prima,
die Leute klatschen alle permanent mit. Mag ich ja auch nicht so gerne. Ab und zu ist das gut und normal, aber systematisches Mitgeklatsche erinnert mich unangenehm an die Hitparade mit Dieter Thomas Heck. So stelle ich mir das auch in einer Touridisko auf dem Ballermann vor.* Das macht mich fertig. Die Hauptdarstellerin auf der Bühne genießt hingegen die Welle der Sympathie,
die ihr die Franzosen (und Engländer) entgegenbringen, scherzt rum, hat einen enormen Aktionsradius und brüllt permanent weiter. Ein Kerl neben mir tanzt zu jedem noch so kleinen Beat euphorisch mit und glotzt mich dauernd etwas seltsam an, weil ich stocksteif da stehe und versuche, Fotos zu knipsen. Er denkt sicherlich:
"Was ist denn das für ein lahmer Miesepeter?" Das macht mich fertig. Ich wechsele meinen Platz und gelange ein Stück weiter nach vorne, so daß ich die hübschen roten Haare von Florence besser sehen kann. Eine sympathische Erscheinung, diese Senkrechtstarterin aus London! Die Erfole der letzten Monate scheinen sie selbstsicher gemacht zu haben, arrogant wirkt sie hingegen nicht. Ich mag sie. Nur ihre Musik ist irgendwie nix für mich. Dann wird den Leuten auch noch demonstriert, wie sie zum letzten Lied des offiziellen Teils mithüpfen sollen und alle machen mit. Wie im Club Med oder Robinson. Das macht mich fertig. Ich bleibe wie angewurzelt an meinem Platz. Irgendwann hat es sich ausgehüpft und die Truppe verlässt unter tosendem Beifall die Bühne.
Zugaben gibt es natürlich auch und das allerletzte Lied, den Hit Rabbit Heart (Raise It Up) kenne ich sogar. Zu dumm, daß die rotharige Beauty die hohen Töne nicht trifft und der ganze Rhythmus des Songs nicht zu stimmen scheint. Aber das ist egal, denn ich weiß zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon, daß Florence The Machine nicht meine Lieblingssängerin wird.
Einem geschenkten Maul schaut man nichts ins Maul, besagt das Sprichwort. Ins Maul geguck habe ich der Chanteuse ja auch nicht, aber meinen Senf, den gebe ich immer gerne zu allem!Setlist Florence & The Machine, Le Bataclan, Paris:
01: Coffins
02:Kiss With A Fist
03: Hurricane
04: Lungs
05: Drumming Song
06: Cosmic Love
07: Blinding
08: Ghosts
09: Hospital Beds
10: Howl
11: Dog Days
12: Got The Love
13: Rabbit Heart
Fazit: Die in der Presse hoch angepriesenen englischen Sängerinnen der letzten Jahre sind nicht gerade das Gelbe vom Ei, obwohl es Lichtblicke gibt:
- Kate Nash: scheußlich und zwar in jeder Hinsicht
- Little Boots: ungenießbar, trotz der hübschen Schuhe und der süßen Stubsnase
- Pixie Lott: unerträglich
- La Roux: so grauenvoll wie ihre Haarspray Frisur
- Bat For Lashes: geht so; war mal toll, wird aber immer glatter
- Lily Allen: eigentlich ganz nett. Ihre Lieder kann man gut unter der Dusche pfeifen.
- Adele: nicht untalentiert, aber zu schmalzig
- Florence & The Machine: siehe oben
- Amy Mac Donald: ganz nette Melodien, aber zu flache Texte und Arrangements
- Amy Winehouse: großartig, aber unbeständig (logischerweise)
- Duffy (kommt aus Wales, also nicht England, ich weiß): Amy Winehouse light
- Laura Marling: wundervoll
Wer nach richtig guten englischen Sängerinnen sucht, die kaum in der Presse, dafür aber auf dem Konzerttagebuch besprochen werden:
Sharron Kraus
Sharron Kraus, Paris, 21.05.08Rozi Plain
Rose Kemp
Rose Kemp, Paris, 23.04.07This Is The Kit
This Is The Kit, Paris, 09.06.09
This Is The Kit, Paris, 11.03.09
This Is The Kit, Paris, 06.03.09
This Is The Kit, Paris, 26.03.08
This Is The Kit, Paris, 01.02.08Rachael Dadd
Rachael Dadd, Paris, 11.03.09
Rachael Dadd, Paris, 06.03.09Essie Jain (lebt nun in New York)
Essie Jain, Paris, 16.02.09
Essie Jain, Paris, 03.10.08
Scout Niblett (lebt ebenfalls in den USA)
Scout Niblett, Paris, 24.05.08
Scout Niblett, Paris, 17.12.07Blue Roses
Nancy Elizabeth
Nancy Elisabeth, Paris, 09.05.08Joanne Robertson
Joanne Robertson, Paris, 23.04.08Serafina SteerSerafina Steer, Paris, 03.07.09
Serafina Steer, Paris, 28.10.07
Liz Green
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wenn es ein Fußball-Deutschland gibt, warum dann nicht ein Musik-England?