Freitag, 10. Dezember 2010

Karaocake & Munch Munch & Marnie Stern, Paris, 09.12.10


Konzert: Karaocake & Munch Munch & Marnie Stern

Ort: La Flèche d'or Paris
Datum: 09.12.10
Zuschauer: ungefähr 250


Der Winter zeigt weiterhin sein wahres Gesicht. Obwohl es so langsam taut, ist der Verkehr in Paris noch beeinträchtigt und wenn man nicht aufpasst, kann man auf den vereisten Bürgersteigen ausrutschen und sich so richtig schön auf die Fresse legen. Ich gönne das ja ein wenig den gelackmeierten Anzugträgern, die mit ihrem Blackberry in der Hand immer so sauwichtig gucken, als gehöre ihnen die Welt. Und davon gibt es nicht wenige in Paris. Schadenfreude? Nö, ach wieso denn? Leid tun mir allerdings die Clochards, die nun schon frühabends in ihre Schlafsäcke kriechen und in den U-Bahnstationen pennen. Aber was bringt ihnen Mitleid? Davon werden sie nicht satt und eine feste Bleibe finden sie dadurch auch nicht. Moloch Großstadt. Paris, die angeblich romantischste Stadt der Welt, kann so grausam sein.

Wenn man nicht weiß, wie man wirklich helfen kann, bleibt nur Ablenkung. Wegsehen. Auf Konzerte gehen und alles hinter sich lassen. Seine eigenen Sorgen und die der Mitbürger.



Die Pariser Karaocake standen als Erste auf der Bühne. Sie hatten bereits begonnen, als ich gegen 21 Uhr 15 einschneite (im wahrsten Sinne des Wortes!). Auf Grund der schwierigen Wetterverhältnisse fuhren weniger U-Bahnen und ich brauchte deutlich länger als sonst zur Flèche d'or. Dennoch sah ich den Großteil des Sets und tat mich gütlich daran. Karaocake sind ein Trio, mit der Brille tragenden Camille an der Spitze, dem Soundtüftler Domotic an der Gitarre und dem Bass und Charlotte Sampling (ein Herr wohlgemerkt, der Name ist natürlich eine Anspielung auf die Schauspielerin) am Keyboard. Ihr manchmal an Au Revoir Simone erinnernder Dreampop hat dennoch genügend Klasse und Ohrwurmigkeit um selbstständig bestehen zu können. Auf dem Debütalbum Rows & Stitches (Clapping Music) finden sich zahlreiche zartschmelzende, unschuldig süße und sanft melancholische Seelentröster, die zum Besten gehören, was dieses Jahr im Bereich Elektro Pop in Frankreich veröffentlicht wurde. Natürlich spielten sie heute fast komplett die Stücke dieses feinen Machwerks, aber gegen Ende versuchten sie sich auch an einem neuen Stück, das mir auf Anhieb gut ins Ohr ging. Der Abschluß dann mit Medications, einem schwungvollen, euphorisierenden Fetzer, der weniger veträumt und melancholisch daherkam, als der Großteil des vorgehenden Programms. Karaocake hatten mich erneut beeindruckt. Ich bleibe am Ball!

Mit Munch Munch wurde etwa zwanzig Minuten später eine junge Band aufs Publikum gehetzt, die noch nie zuvor in Paris gespielt hatte. Richard, Tom, Jack und Sarah stammen aus Bristol, klangen aber nicht nach Trip Hop wie die aus der gleichen Ecke kommenden Portishead und Massive Attack, sondern vielmehr nach Animal Collective, Deerhoof, Jonquil, Los Campesinos!, Dirty Projectors und auch den (verfluchten) Klaxons. Ihr Set war von Anfang bis Ende schwungvoll, energiegeladen und mit überraschenden Wendungen nur so gespickt. Bei Munch Munch gibt es nicht nur den Bandnamen gleich doppelt, sondern es kamen auch gleich zwei Keyboards, zwei Glockenspiele und zwei (in der Mitte der Bühne befindliche) Drumkits zum Einsatz. Ich stand gleich in der Nähe der einzigen Dame, die rasant und fingerfertig orgelte, als sei sie von der Tarantel gestochen worden. Am anderen Ende der Bühne sang ein blonder Bursche oft im Falsett und drückte dabei auf alle möglichen Knöpfchen. Die Songs galloppierten oft in völlig verschiedene Richtungen, aber irgendwie schafften es die jungen Heißsporne, halbwegs einen roten Faden beizubehalten und die Lieder vor dem Abdriften in völlig experimentelle Gefilde zu retten. Beste Titel? Vielleicht das an Yeasayer erinnerde Wolfman's Wife? Oder Wedding, bei dem Jonquil, Stereolab, Modest Mouse und Deerhoof eine wilde Ehe eingingen? Wie auch immer, Munch Munch sind etwas für Leute die schrägen Indiepop lieben und dazu abtanzen wollen.

Cooles Konzert von ihnen heute in der Fléche d'or! Spreche hiermit eine Liveempfehlung aus.



Das Gleiche gilt für die als Letzte auf das Publikum gehetzte Marnie Stern. Die Blondine gerierte sich nämlich als wahre Rampsensau, die nie den Fuß vom Gaspedal nahm, mathrockig und innovativ auf ihrer Gitarre spielte und sich die Seele aus dem Leib schrie. Richtig geil auch ihr Drummer. Der tätowierte Kerl vermöbelte sein Fell so brutal, daß es in den Ohren weh tat. Wahnsinn, wie der draufknallte! Aber er konnte nicht nur prügeln, sondern beherschte auch den abrubten Tempo-und Rhythmuswechsel auf dem Eff-Eff. Es war eine Freude ihm zuzuhören- und zu sehen. Der Bassist trat hingegen spielerisch etwas in den Hintergund, lieferte sich in den Pausen zwischen den Liedern aber immer wieder sehr komische Dialoge mit Marnie, die ihm, wenn sie nicht weiter wußte, einfach das Wort abschnitt: "Oh, shut up!"

Eine kesse Göre, diese Marnie, die bei allem was sie tat und sagte authentisch, natürlich und humorvoll rüberkam. Stilistisch erinnerte das Ganze an Hole (Courtney Love), aber auch Sleater-Kinney, Don Caballero oder The Mars Volta. Eine kunterbunte Mischung also, die nur eine Richtung kannte: nach vorne! Balladen? Fehlanzeige! Melodien? Musste man aus der Kakophonie raushören, aber es gab sie. Bestes Lied? Vielleicht For Ash? Dieses Stück blieb zumindest auf Anhieb im Ohr kleben und bestach erneut durch das völlig verrückte Schlagzeuspiel. Noch schriller war aber Nothing Left, in dem man Spurenelemente von Siouxsie and The Banshees und den Yeah Yeah Yeahs finden konnte. Mit 300 Sachen fetzte die Nummer durch die Flèche d'or und ich fragte mich, wie der Drummer ein solches Tempo halten konnte, ohne permanent die Drumsticks zu verlieren bzw. einen Tennisarm zu bekommen!

Etwa 45-50 Minuten lang wurde geküppelt und gerockt, was das Zeug hielt und das Publikum zeigte sich absolut angetan. Völlig überrascht von dem guten Empfang, war der Trommler nach dem letzten Lied schon von der Bühne gehüpft, wurde aber noch einmal zurückgepfiffen, weil noch eine nicht geplante Zugabe gespielt wurde. Er sprang also wieder auf die Stage und ließ es noch ein letztes Mal krachen. Ein hammerhartes Set!



Fotos und Setlisten gleich!

Achtung: Munch Munch heute live im Tsunmai in Köln, 10. Dezember 2010! Weitere Termine:

11.12.2010: Cafe Rocas, Luxemburg,
12.12.2010: Café Video, Ghent, Belgien





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