Mittwoch, 1. September 2010

Beirut, Festival Rock en Seine, Paris, 29.08.10


Konzert: Beirut

Ort: Domaine National de Saint Cloud, Festival Rock en Seine bei Paris

Datum: 29.08.10

Zuschauer: mehrere zehntausend

Konzertdauer: etwa 50Minuten




Ja was denn nun? Ist Beirut jetzt total langweilig oder doch hoch spannend?


Da scheiden sich die Geister. Einige Musikfans, die die Festival- Auftritte von Beirut beim Haldern Pop und bei Rock en Seine gesehen hatten, äußerten sich ziemlich negativ. "Zum Einschlafen!, so ihr hartes Urteil. Andere wiederum schnalzten mit der Zunge und schwärmten von den herzerwärmenden Trompeten-Konzerten. Schwer zu sagen, wer recht hat. Gerade bei Festivals kommt es sicherlich auch darauf an, wo man sich auf dem Gelädne befindet. Wenn man weit weg ist und das Geschehen nur am Rande verfolgt, ist es nur logisch, daß die Sache an einem vorbeigeht. Am besten man ist nahe dran und bekommt neben der Musik auch noch die Mimik und die Gestik der Künstler mit. Bei einer Sophie Hunger beispielsweise kann ich mir gar nicht vorstellen, wie man mitfiebern will, wenn man die packende Mimik der Schweizerin nicht sieht (wie sie den Mund verzieht, leidet, explodiert, toll!).

Im Falle von Beirut bei Rock en Seine hieß es deshalb für mich: Mittendrin statt nur dabei! Ich ließ meinen Hunger Hunger sein (hat jetzt grad nix mit der Sophie zu tun) und stellte mich 40 (!) Minuten vor Beginn des Konzertes vor der Hauptbühne an. So etwas mache ich sonst nie, aber hier musste es sein, denn das Gelände der Domaine National de Saint Cloud ist so riesig, daß man von weitem die Akteure nur auf der Leinwand sehen kann. Ich wollte aber kein Kino, sondern ein richtiges Liveerlebnis. Also stand ich bereits um 17 Uhr 20 in der dritten Reihe und wartete auf Godot, ähem nein, auf Beirut natürlich! Viele Mädchen standen und saßen um mich rum, was darauf schließen lässt, daß Zach Condon mit seinem Lausbubencharme gut bei den Weibern ankommt. Dabei dachte ich immer, daß Frauen nicht auf Softies und Romantiker stehen, aber anscheinend gibt es Ausnahmen, wenn der Softie Trompete und Ukulele spielen kann. Nun gut.

Pünktlich um 18 Uhr kam dann Zach zusammen mit seiner Band wirklich auf die Bühne geschlichen, ein Köfferchen und einen Fotoapparat in der Hand. Wohl immer noch erstaunt darüber, inzwischen vor zigtausend Leuten zu spielen, schoß der Trompeten-Titan ein Foto von den Zuschauern. Dann ging es mit Schwung los. Im Nu wurde im Publikum zu Nantes geschunkelt und mitgesungen. Die Stimmung war prima und viele Mädchen kletterten auf die Schultern ihrer Freunde, um besser sehen zu können. Zach und seine Mitstreiter bliesen mit der Kraft der drei Trompeten den Leuten den Marsch. Der Drummer grinste währenddessen wie ein Honigkuchenpferd und der Akkordeonspieler erinerte mich mit seinen schwarzen Locken und dem blaßen Teint an Robert Smith. Eine lustige und hochsympathische Truppe! Der Chef selbst sprach in den Pausen zwischen den Songs immer mal wieder in gebrochenem französisch, was beim patriotischen Publikum sehr gut ankam. Schließlich hatte Zach eine ganze Weile in Paris gelebt und nicht nur Nantes, sondern auch Cherbourg, eine andere französische Stadt, besungen. Das Pariser Indiepublikum hat deshalb früh eine Liebesbeziehung zu Beirut aufgebaut, die auch durch tolle Videosessions mit der Blogothèque befeuert wurde. Daß der engelsgleiche Knabe aber vor solch vielen Leuten wie heute spielt, war neu. In ganz kleinen Locations hatte er angefangen und nun das: Ein Auftritt auf der Hauptbühne bei einem der größten Festivals in Frankreich! Sein berühmt-berüchtigtes Lampfenfieber schien Zach aber dennoch gut im Griff zu haben. Sein Gesang war fest und sicher und Trompete und Ukulele spielt er noch im Schlaf.

Das Set war songtechnisch gut durchgemischt, alte und neue Stücke hielten sich die Waage. Ich persönlich freute mich am meisten über Elephant Gun und Postcards From Italy, denn mit diesen melancholischen Liedern hatte ich den Künstler aus New Mexiko entdeckt. Am besten kam beim Publikum aber die Schlußphase an. Mit A Sunday Smile (von tausenden Kehlen mitgesungen), Mount Wroclai und dem berauschenden The Gulag Orkestar landete die Band einen lupenreinen Hattrick. Die Mädels jubelten und Zach verabschiedete sich auch noch mit einer charmantenLiebeserklärung: "Je vous aime."

Beirut mag in einem mittlgroßen Club zwar besser zu gefallen, seine Auftritte bei Festivals als langweilig zu bezeichnen, finde ich aber unfair.




Setlist Beirut, Festival Rock en Seine 2010, Paris:

01: Nantes
02: The Shrew
03: Elephant Gun
04: Cocek
05. Postcards From Italy
06: Scenic World
07: Carousels
08: Cherbourg
09: East Harlem
10: The Akara
11: A Sunday Smile
12: Mount Wroclai (Idle Days)
13: The Gulag Orkestar




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