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Dienstag, 7. November 2017

Cigarettes After Sex, Köln, 06.11.17

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Konzert: Cigarettes After Sex
Ort: KulturKirche, Köln
Datum: 06.11.2017
Dauer: knapp 65 min
Zuschauer: seit Wochen ausverkauft



"Nein, ist nicht bestuhlt!" Mein größte Sorge nach der Suche nach einem Parkplatz in Nippes galt der Frage, ob ich Cigarettes After Sex im Sitzen würde sehen müssen. Natürlich liebe ich die Platte der texanischen Band abgöttisch, wie könnte ich nicht? Aber die Gefahr, daß die sehr sehr langsamen Lieder mich einlullen könnten und das Konzert todlangweilig werden könnte, hielt ich für groß. Dann wenigstens stehen, um nicht einzunicken!

"Nein, keine Vorgruppe!" war die nächste gute Nachricht etwas später am Einlaß. Im Herbst muß ein Support schon sehr überzeugen, um nicht lästig zu sein. In den letzten Wochen hatte ich ein paarmal wirklich Glück, das sollte man nicht überstrapazieren.

Die KulturKirche in Nippes war seit Wochen ausverkauft, Cigarettes After Sex hätten auch viel größere Säle ausverkauft. Nach dem Konzert war die Rede von absurd hohen Summen, für die Tickets bei ebay verkauft worden seien. Glücklicherweise blieb es bei der KulturKirche, in der ich viel zu lange nicht mehr war. 


Um halb neun kamen die vier komplett in schwarz und viel Leder gekleideten Musiker auf die Bühne. Die Sängerin, die viele erwartet hatten, war ein älterer Mann mit Vollbart, Greg Gonzalez. Ich hatte irgendwann ein Live-Video gesehen und war vorbereitet. Nicht vorbereitet war ich darauf, wie sehr mich die Zeitlupenmusik in Bann zog. Die Lieder sind fantastisch, keine Frage. Aber ich war ziemlich sicher, daß die Musik der Band eine Albumschönheit sein würde. Obwohl sie das Langsame konsequent bis in jedes Detail umsetzten, war keine Minute des Konzerts langweilig. Zwischen den Liedern bewegten sich die Musiker im Takt der Musik, also sehr lahm. Ich mochte das aber sehr gerne.


Cigarettes After Sex lösten bei mir live eine Menge Assoziationen aus. Da war natürlich viel Mazzy Star rauszuhören, allerdings auch Mercury Rev oder Slow-Galaxie 500. Nothing's gonna hurt you baby klang für mich wie eine Camera Obscura Single auf 33. Ich bin nicht so der Meister der Komplimente, merke ich gerade. Das ist aber alles äußerst positiv gemeint. Mich überzeugte alles diesem Abend. Auch wenn ich einen wichtigen Teil wegen meines Platzes unter der Kanzel erst gegen Ende entdeckte: die wundervoll ästhetischen Videos, die die Optik der Band (alles, sogar die Instrumente war(en) schwarz) perfekt ergänzten.

Selbst das Cover des fiesen Keep on loving you von REO Speedwagon war schön! Daß ich sowas mal schreibe... 

Cigarettes After Sex spielten vor allem Songs des Debütalbums, dazu die fantastische Single Affection und Lieder von der ersten EP I. (vermutlich wie K. nach einer Frau benannt).  

Das Konzert dauerte 65 Minuten und endete mit der Zugabe Dreaming of you, das nicht das beste Stück des Abends war. Ich habe selten ein aufmerksameres Publikum in Köln erlebt. Die vielen geschlossenen Augen, die ich befürchtet hatte, gab es überall in der Kirche. Aber es lag nicht an Langeweile, es lag an dem kompletten Eintauchen in den Dream- oder Ambientpop der Texaner!

Setlist Cigarettes After Sex, KulturKirche, Köln:

01: Young & dumb

02: Opera house
03: K.
04: Sunsetz
05: Sweet
06: John Wayne
07: Affection
08: Keep on loving you (REO Speedwagon Cover)
09: Nothing's gonna hurt you baby
10: Each time you fall in love
11: Apocalypse

12: Dreaming of you (Z)




Donnerstag, 29. Oktober 2015

Yo La Tengo, Köln, 28.10.15

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Konzert: Yo La Tengo
Ort: Kulturkirche Köln
Datum: 28.10.2015
Dauer: gut 40 und gut 70 min
Zuschauer: rund 600 (ausverkauft)



"An Acoustic Evening with YO LA TENGO featuring: Dave Schramm", stand auf den Tickets. Man wusste also sehr genau, was man bekommen würde. Daß dieser akustische Abend vor allem aus Coversongs bestehen würde, kam auch nicht überraschend, da das aktuelle Album der Amerikaner Stuff like that there wie Fakebook 1990 eine Sammlung vieler fremder Stücke ist. Damit hatte es sich aber auch mit der Planbarkeit. Yo La Tengo haben in ihrer mehr als 30jährigen Karriere schließlich hunderte von Coversongs gespielt. Meine extrem einseitige musikalische Prägung - außer von den Beatles, Richie Valens, Elvis und Peter, Paul & Mary kenne ich keine Musik, die älter als die der Ramones ist - würde mir ohnehin einen abwechslungsreichen Abend garantieren.


Das Konzert begann sehr früh (um 20.15 h) und ohne Vorgruppe. Die drei Stammmitglieder der Band hatten Dave Schramm, der in den 80er Jahren Yo La Tengo Gitarrist war, als Gast dabei. Die vier Musiker - Dave Schramm, James McNew (Kontrabass), Georgia Hubley (Schlagzeug) und Ira Kaplan (Gitarre) - standen nebeneinander auf der Bühne und spielten mit enorm zurückgenommener Lautstärke. Es war nicht komplett akustisch - das wäre bei der Publikum-Größe, die Yo La Tengo anlockt, nicht durchführbar - es kam einem Akustik-Konzert aber schon nahe. Georgias Schlagzeugspiel war irre leise. Sie stand hinter zwei Trommeln und spielte die oft nur mit diesen Besendingsen. 


Die Lieder passten zu dieser ruhigen Instrumentierung. Der erste Teil des Konzerts bestand aus elf Liedern, von denen nur eines flotter war (Corona von den Minutemen). Ruhig, leise und getragen war das Motto der Show. Wurde es schneller, fiel das deutlich aus dem Rahmen, wurde aber gleich danach wieder zurückgebremst. Nach Corona war dies Friday I'm in love von The Cure (dem in meinem Kosmos bekanntesten Stück des Abends). 



Die meisten Stücke des Konzerts kannte ich nicht (daher ist die Setlist auch bitte mit Vorsicht zu genießen, falls Ihr mitschreibt, setlist.fm). Das war aber auch überhaupt nicht schlimm, es machte den Abend besonders spannend. Ab und zu sagte Ira etwas zu den Liedern. Viel Zeit bleib dafür aber nicht, denn das zweite Set nach der fast halbstündigen Pause war noch einmal ein gutes Stück länger. Wir hatten vorher überlegt, ob der zweite Teil irgendwie anders sein würde, schneller oder eigener (also weniger gecovert). Er war es nicht. Er war noch eine Spur kurzweiliger als der erste, empfand ich, und enthielt mit Griselda (The Holy Modal Rounders) und Ohm (Yo La Tengo) und den Zugaben My little corner of the world (Anita Bryant) (mit atemberaubendem Pfeif-Solo von der Kanzel der Kirche - und ich bin ausgesprochenener Pfeif-Kritiker!) und Speeding motorcycle (Daniel Johnston) die besten Stücke des Abends.

Irgendwann, vielleicht nach zwanzig Minuten, hatten Yo La Tengo meine Müdigkeit weggespielt und von Lied zu Lied meine Begeisterung vergrößert. Als sie fast zweieinhalb Stunden nach dem ersten Stück die letzten Takte von Speeding motorcycle beendet hatten, hätte ich gerne noch viel mehr mir vollkommen unbekannte Coversongs gehört. Aus dem "zu Yo La Tengo geht man halt" war lange schon ein besonders toller Konzertabend geworden. Auch wenn sich leise, sehr sehr ruhige Lieder und große Müdigkeit eigentlich nicht vertragen.




Einmal wurde es doch richtig laut. Bei einem der späteren Lieder fiel das Cover des aktuellen Albums, das neben einigen anderen Leinwänden auf Notenständern hinter der Bühne stand, laut krachend zu Boden. Bei vielen anderen akustischen Konzerten hätte das manchen Besucher wieder wach werden lassen, hier war dieser Effekt nicht nötig.

Setlist Yo La Tengo, Kulturkirche Köln:

01: The summer
02: This diamond ring (Gary Lewis & The Playboys Cover)
03: Rickety
04: My heart's not in it (Darlene McCrea Cover)
05: The point of it
06: I can feel the ice melting (The Parliaments Cover)
07: Naples (Antietam Cover)
08: The ballad of red buckets
09: Corona (Minutemen Cover)
10: Friday I'm in love (The Cure Cover)
11: Before we stop to think (Great Plains Cover)

12: Automatic doom (The Special Pillow Cover)
13: Double dare
14: Awhileaway
15: Butchie's tune (The Lovin' Spoonfull Cover)
16: Bottled up (DEVO Cover)
17: Take it or leave it (The Rolling Stones Cover)
18: Today is the day
19: Pass the hatchet, I think I'm goodkind
20: Wasn't born to follow (The Byrds Cover)
21: Griselda (The Holy Modal Rounders Cover)
22: Ohm
23: Our way to fall

24: My little corner of the world (Anita Bryant Cover) (Z)
25: God's children (The Kinks Cover) (Z)
26: Speeding motorcycle (Daniel Johnston Cover) (Z)


Links:


- aus unserem Archiv:
- Yo La Tengo, Paris, 02.11.13
- Yo La Tengo, Den Haag, 20.11.09
- Yo La Tengo, Paris, 11.09.07
  




Donnerstag, 30. Januar 2014

Poliça, Köln, 28.01.14

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Konzert: Poliça
Ort: KulturKirche, Köln
Datum: 28.01.2014
Dauer: Poliça 75 min, Marijuana Deathsquads 38 min
Zuschauer: ausverkauft



Beim End Of The Road Festival im vergangenen Herbst hatte ich Poliça verpasst, obwohl mich die Band nicht zuletzt wegen der Aussicht auf die beste Konzertfrisur des Jahres gereizt hatte. Ich verquatschte mich aber mit einem englischen Fotografen und als Menschen, in deren Elternhaus die Kinderstube nicht durch ein Fernsehzimmers ersetzt worden war, verließen wir dafür das Zelt, in dem die amerikanische Band auftrat. Hinterher erzählten mir eine Freundin und Kollege Oliver, deren Geschmack nicht immer deckungsgleich ist, daß das Konzert sehr gut gewesen sei ("sehr gut" bedeutet aber bei einem exzellent besetzten Festival wie dem EOTR auch noch nicht viel).


Das ist die Vorgeschichte, warum ich am Dienstagabend sehr zeitig in der ausverkauften KulturKirche in Nippes stand. Warum die Veranstaltung schon seit einer Weile ausverkauft war, weiß ich nicht. Ist die Musik von Poliça in Deutschland so erfolgreich? Oder liegt es am Veranstaltungsort? Sehr vieles in der evangelischen Kirche in Nippes ist schnell vergriffen. Wäre meine Post-Festival-Neugierde nicht gewesen, wäre ich vermutlich nicht gekommen, so wichtig ist mir Poliça nicht, vielen anderen aber scheinbar doch.

Um acht begann die Vorgruppe Marijuana Deathsquads, die wie die Hauptband aus (der halben Twin-City) Minneapolis stammt. Marijuana Deathsquads und Poliça verbindet nicht nur die Herkunft. Poliça-Gründer Ryan Olson ist Mitglied bei Marijuana Deathsquads, Sängerin Channy Leaneagh und Schlagzeuger Drew Christopherson sind regelmäßige Gäste. Auch ist ein doppeltes Schlagzeug Element beider Gruppen.


Neben den beiden Schlagzeuger standen zunächst drei Mann um einen Tisch mit Macbook und vielen Dingen, an denen man drehen kann. Durch die beiden Trommler hatte die elektronische Musik der Gruppe einen viel "echteren" (ich will das fiese Wort "organisch" umgehen) Charakter, als man das anhand des Knopfdrehens und Rumhüpfens der drei in der Mitte vermuten konnte. Da statt Gesang nur ab und an geisterhafte Stimmen aus dem Mikro kamen, blieb die Geschichte aber sehr experimentell. Für Freund von Bands wie !!! und ähnlichen (ich bin da wenig bewandert, daher fehlen mir die Referenznamen), sind Marijuana Deathsquads vermutlich eine große Erfüllung, ich empfand sie als kurzweilig.


In der zweiten Hälfte des Konzerts wurde es dann noch besser. In der Kanzel über dem Altar stand schon eine Weile ein Zuschauer, ich hielt ihn für den Tourmanager, mit Bierflasche und guckte zu. Irgendwie angelte er sich von oben das verwaiste Mikro links, zob es zur Kanzel und sang (oder sprach) verzerrt mit. Später tauchte er wieder als Bassist von Poliça auf. Auch Sängerin Channy kam jetzt dazu, noch in Hose und Kapuzenpulli gekleidet und sang (wirklich) mit. Jetzt wurde es auch für mich nicht nur unterhaltsam, sondern auch gut.


Nach knapp vierzig Minuten war das Vorprogramm beendet. Eigentlich ist das lang für eine Band diesen Stils, aber in den drögeren Phasen konnte ich immer noch den beiden Schlagzeugern zusehen, die mal synchron, mal gegenläufig trommelten.

Als Poliça um kurz nach neun auf die Bühne kamen, war nicht viel umgebaut worden. Die beiden Schlagzeuge blieben, Channys Keyboard war ein wenig verrückt worden und Sängerin und Bassist hatten die Pullis abgelegt. 

Es begann mit Spilling lines vom im Herbst erschienenen Album Shulamith. Mir gefiel das (wie alles danach) ziemlich gut, der Funke sprang aber nicht über. Das kenne ich schon von den beiden Poliça-Platten; live hatte ich mir mehr Begeisterung erhofft. Erst Dark star, fast schon am Ende des Konzerts, gefiel mir richtig gut, der Rest war ok, nie langweilig, packte mich aber eben nicht.


Zu Torre kam einer der Marijuana Deathsquads Musiker (oder war das Ryan?) auf die Bühne und bediente Channys Synthie, der Rest der Lieder verlief immer sehr ähnlich: der Rhythmus der beiden Schlagzeuge, der Keyboards und des Basses und dazu Channys leicht soulige Stimme. Alles war sehr tanzbar, aber eben auch sehr ähnlich. 


Aber zwei besonders bemerkenswerte Dinge passierten dann doch noch. Gleich am Anfang (bei Very cruel) flog ein leerer Plastikbecher auf die Bühne. Gehört so etwas in Großbritannien zur Konzertfolklore, ist es in Deutschland doch sehr assig, vor allem bei einer Band wie Poliça. Sängerin Channy quittierte das mit einem düsteren Blick und sagte vor dem nächsten Stück in sehr ruhigem Ton, daß das Konzert sofort ende, fliege noch ein Becher.


Die letzte der beiden Zugaben (nachdem Poliça zehn Lieder vom aktuellen und sechs vom ersten Album gespielt hatten) war dann noch ein wundervollen Cover, das auch im Stil der Band toll funktionierte: You don't own me, der Evergreen von Lesly Gore. Ich mag es nicht, Lieder fremder Künstler mehr zu mögen als die eigenen, das Cover war aber neben Dark star das Highlight des Konzerts.  

Riesiger Poliça-Fan bin ich nicht geworden (und von der Frisur war ich es schon vorher), den Konzertausflug bereue ich aber trotzdem überhaupt nicht.

Setlist Poliça, KulturKirche, Köln:

01: Spilling lines
02: Lay your cards out
03: I see my mother
04: Very cruel
05: Amongster
06: Smug
07: Tiff
08: Warrior lord
09: Vegas
10: Chain my name
11: Torre
12: Dark star
13: I need $
14: Wandering star
15: So leave

16: Leading to death (Z)
17: You don't own me (Lesley Gore Cover) (Z)

Links: 

- aus unserem Archiv:
- Poliça, Paris, 15.07.12
- Poliça, Paris, 05.06.12



Sonntag, 22. Dezember 2013

Erdmöbel, Köln, 18.12.13

2 Kommentare

Konzert: Erdmöbel
Ort: Kulturkirche, Köln
Datum: 18.12.2013
Dauer: Erdmöbel 120 min, Friedemann Weise 30 min
Zuschauer: ausverkauft



von Ursula von neulich als ich dachte

Schon verrückt, dass man heutzutage einfach per Bahn von Frankfurt innerhalb einer Stunde nach Köln düsen kann. In meiner Jugend wäre das nicht möglich gewesen, aber nun kann ich um 18 Uhr das Büro verlassen und bereits gegen halb 8 durch Nippes irren und diese Kulturkirche, von der immer alle reden (in ihr finden durchaus öfter einmal poppige Konzerte statt), suchen. 

Als die Kirche schließlich gefunden war, bot sich mir ein Bild, das ich sonst nur von der Christmette kenne: Noch keine Veranstaltung im Gange, aber alle Bänke in der weihnachtlich mit glitzernden Kugeln und Lichterketten geschmückten Kirche dicht besetzt von gut gelaunten Besuchern in allen Altersklassen. Lediglich der ausgiebig genutzte Kölschverkauf im Eingangsbereich ließ erahnen, dass die Leute nicht zum Gottesdienst erschienen waren. 

In dem ganzen Gewühl noch einen Sitzplatz zu finden, erwies sich als schwierig, von diesem aus letztendlich die Bühne zu erspähen, als unmöglich. Die ergatterte Sitzbank befand sich nämlich nicht im Mittelschiff, sondern lief parallel zur Wand, was zu dem Problem führte, dass sich noch später kommende Zuschauer einfach davor und damit direkt in die Sicht zur Bühne stellten. Immer mehr Gäste drängten sich in den Gängen, beziehungsweise quetschten sich auf Biermission an einem vorbei, und meine Stimmung sank bereits kontinuierlich, als auch noch der ansässige Pfarrer verkündete, dass nun als Support erst einmal Friedemann Weise auftreten werde - den kannte ich bereits von einem früheren Erdmöbel-Konzert und hatte keine sonderlich positiven Erinnerungen. 

Herr Weise war ebenfalls nicht allerbester Laune und sagte sich, nachdem er die Ankündigung durch den Pfarrer als zu unenthusiastisch zurückgewiesen hatte, gleich noch einmal selbst gebührend an. Zunächst hatte ich den Eindruck, der Sänger habe bei seiner Anreise aus Köln Ehrenfeld an einem Glühweinstand vorgeglüht und sei somit angetrunken, nachdem er aber bei seinem verdächtig schleppendem Tonfall wohlartikuliert war und blieb, litt er wohl nur unter der Erkältung, die ihn nach eigenen Angaben quälte. 

Ich weiß nicht, ob es meinen niedrigen Erwartungen oder der bessere Songauswahl lag, aber an diesem Abend überzeugte mich Weise viel mehr als bei der früheren Gelegenheit. Der Versuch, den Ausdruck "Narzißtische Persönlichkeitsstörung" singbar zu machen, ist immerhin beeindruckend, ein Popsong über Abmahnanwälte originell und einige der Zwischengags (etwa, während niemand mitsang, den letzten Refrain eines Lieds mit "und jetzt ich alleine!" anzusagen, später folgte noch "und jetzt die Verrückte da vorne!") waren tatsächlich ziemlich lustig, unterhaltsam und kurzweilig. 

Ein noch unvollendeter Song, der eine Aufzählung zahlreicher Tourauftrittsorte nebst der Erlebnisse des Sängers dort beinhaltet, wurde anscheinend von Ekki Maas mit Insterburg & Co. verglichen, was Weise mit "Wenn dich das an die erinnert, bist du zu alt" kommentiert wurde. Ob die kirchenkritischen Kommentare des Sängers zu Heiligenbildern oder auch missbrauchten Messdienern beim Pfarrer sonderlich gut ankamen, ist nicht bekannt - immerhin wurde nur über die katholische Kirche gelästert. 

Setlist Friedemann Weise, Kulturkirche, Köln: 

01: Narzißtische Persönlichkeitsstörung 
02: Ein Hundejahr 
03: Abmahnanwalt 
04: Toursong (unvollendet) 
05: Keine Songwriter 
06: Weißt du noch 
07: Tina, geh' nicht in die Sekte 


Nun war es Zeit für den Hauptact, Erdmöbel betraten mit dem Bekleidungsmotto "rosa" und weiteren Christbaumkugeln an den Gitarren- und Basshälsen die Kirchenbühne, nur Christian Wübben war zunächst als Nikolaus verkleidet, legte sein Outfit aber schnell wieder ab. Markus Berges hat sich von dem Vollbart, den er Ende Oktober in Frankfurt trug, zwischenzeitlich getrennt, allerdings wäre der zurückgebliebene Clark Gable-Schnurrbart auch überdenkenswert. Nach dem Opener Cardiff erfuhren wir die Abendplanung: Es sollte bei Kung Fu Christmas zwei Konzertteile geben, nämlich zunächst Kung Fu und dann Christmas

Konzertteil eins konzentrierte sich dann auch hauptsächlich auf Songs aus dem aktuellen Album Kung Fu Fighting und sparte ältere Lieder wie Wurzelseliger oder Dreierbahn, die sonst im Programm stehen, aus. Zunächst ging es aber weiter mit dem älteren Ausstellung über das Glück und dem Hinweis auf ein am Schlagzeug installiertes Instrument (Chimes), mit dem man durch Entlangstreichen ein zartes, weihnachtliches Klimpern erzeugen konnte und das an diesem Abend reichlichen Einsatz finden sollte. Wir erfuhren auch, dass Sting dieses Teil angeblich in jedem seiner Songs verwendet. Wolfgang Proppe behauptete darüber hinaus, entdeckt zu haben, dass sich Tonleitern besondern weihnachtlich anhören, weshalb es diese äußerst freigiebig einsetzte und in zahlreiche Songs einbaute. 

Als nächstes folgte das von eifrigem Mitgesang unterstützte Club der senkrecht Begrabenen, sowie Vivian Meier. Zum Kung Fu Fighting-Titelsong wurde im Hintergrund der Bühne das mich etwas verstörende zugehörige Kuss-Video gezeigt. Nach Gefäße, ebenfalls vom neuen Album, folgte mit Wort ist das falsche Wort laut Ekki Maas das traurigste Lied des Vorgängeralbums Krokus - beim Konzert im Frankfurter Nachtleben hatte er behauptet, es sei sein Lieblingslied dieses Albums, aber das eine schließt das andere ja auch nicht aus. Mit In den Schuhen von Audrey Hepburn spielte die Band danach einen der sehr wenigen älteren Songs, um dann mit Blinker wieder in die Gegenwart zurückzukehren und den "Kung Fu-Teil" des Abends abzuschließen. 

Konzertteil zwei bestand, da Erdmöbel seit geraumer Zeit jedes Jahr eine Weihnachtssingle veröffentlichen, hauptsächlich aus diesem Repertoire, auf das nur im Rahmen der Weihnachtskonzerte in der Kulturkirche zurückgegriffen wird. Los ging es hier mit der Aufforderung an das Publikum, man solle möglichst schnell alle deutschen Bundeskanzler aufsagen. Die Liste ("Merkel Schröder Kohl Schmidt Brandt Kiesinger Erhard Adenauer") gehört zu Muss der heilige Nikolaus sein, zu dem Wolfgang Proppe ans Akkordeon wechselte und bei dem, wie auch zu allen folgenden Weihnachtsliedern, wiederum das Video eingespielt wurde. 


Nach Der letzte deutsche Schnee spielte man mit Erster Erster einen Song, der zwar thematisch in die Jahreszeit passte, aber gar keine Weihnachtssingle ist sondern vom Album Krokus, bei Fräulein Frost konnte man im Video die ganze Band erfrieren sehen und bei Lametta kam als Gastsängerin nicht die eigentliche Co-Interpretin Maren Eggert sondern Suzie Kerstgens von Klee mit auf die Bühne. Sie hatte sich passend zum Rosa-Bekleidungsmotto der Band ein pinkes Oberteil angezogen und trug ihren Christbaumschmuck in Form eines weihnachtlich goldenen Sterns im Ohr. Zum darauf folgenden Last Christmas wurde erklärt, dass es laut Wolfgang Proppe die Melodie des Todes enthalte. Begleitend zu dem Song wurden aus den Klingelbeuteln der Kirche ans Publikum Bonbons verteilt, was Markus Berges vor der aktuellen Weihnachtssingle Ding Ding Dong (Jesus weint schon), die vermutlich an diesem Abend ihre Live-Premiere feierte, zu der Frage veranlasste, ob wir denn auch mit vollem Mund mitsingen könnten. 

Das klappt dann sehr gut, Friedemann Weise und Suzie Kerstgens kehrten auf die Bühne zurück und bildeten mit einigen Publikumsmitgliedern eine Background-Sing- und Tanzgruppe. Vorher hatte Ekki Maas das aus dem Video zum Lied bekannte "Bitte folgen!"-Schild gezückt und angedroht, dass wir nun gemeinsam zwar nicht bis zum Eigelstein, aber zumindest um die Kirche wandern würden. Nach unzähligen Wiederholungen des Ding Ding Ding Dong-Refrains erhielten die beiden Gaststars Geschenke (Whiskey für Suzie und Blumen für Friedemann) und das Konzert war offiziell beendet, doch das Publikum ließ sich nicht beirren und sang so lange allein den Refrain weiter, bis die Band zurückkehrte. 

Durch die Anwesenheit von Suzie Kerstgens bot es sich für Erdmöbel natürlich an, den Song zu spielen, den sie mit der Band aufgenommen hatte, und so folgte nun Vergnügungslokal mit Weinzwang. Nachdem sich Suzie mit Umarmungen von den Bandmitgliedern verabschiedet hatte, rief jemand aus dem Publikum Das Leben ist schön!, was dann prompt anschließend gespielt wurde. Mit Nah bei dir, einem Song, der fast schon traditionell Erdmöbel-Konzerte abschließt, endete der Konzertabend dann nach zwei Stunden wirklich, wobei die Band hinterher noch eifrig mit dem Signieren von allem möglichen beschäftigt war und dank des Heimatauftritts natürlich auch viele der Gäste persönlich kannte. 

Auch wenn Erdmöbel sich nicht sicher waren, zum wievielten Mal sie ihren Weihnachtsauftritt in der Kulturkirche absolvierten, hatte uns der Pfarrer bereits in der Ankündigung mitgeteilt, dass es auch kommendes Jahr wieder einen geben wird. Wie versierte Christmettenbesucher wissen wir dann auch, dass man für die guten Plätze besonders früh erscheinen muss. 

Setlist Erdmöbel, Kulturkirche, Köln: 

01: Cardiff 
02: Ausstellung über das Glück 
03: Club der senkrecht Begrabenen 
04: Vivian Meier 
05: Kung Fu Fighting 
06: Gefäße 
07: Wort ist das falsche Wort 
08: In den Schuhen von Audrey Hepburn 
09: Blinker 
10: Muss der Heilige Nikolaus sein 
11: Der letzte deutsche Schnee 
12: Erster Erster 
13: Fräulein Frost 
14: Lametta (mit Suzie von Klee) 
15: Last Christmas 
16: Ding Ding Dong (Jesus weint schon) 

17: Vergnügungslokal mit Weinzwang (mit Suzie von Klee) (Z)
18: Das Leben ist schön (Z)
19: Nah bei dir (Z) 

Links:

- aus unserem Archiv:
- Erdmöbel, Frankfurt, 30.10.13
- Erdmöbel, Köln, 08.09.12
- Erdmöbel, Frankfurt, 03.12.11
- Erdmöbel, Hachenburg, 30.10.11
- Erdmöbel, Frankfurt, 10.10.10

- Fotos: Dirk von Platten vor Gericht

 


Donnerstag, 18. Oktober 2012

Prag, Köln, 17.10.12

3 Kommentare

Konzert: Prag
Ort: KulturKirche Köln
Datum: 17.10.2012
Zuschauer: sehr gut gefüllt aber nicht ausverkauft
Dauer: gut 70 min 



Heute mittag habe ich die letzte Platte der wundervollen Sky Larkin endlich einmal wieder gehört und enorme Sehnsucht nach dieser fabelhaften Band aus Leeds entwickelt. Mein Lieblingsstück auf Kaleide ist Anjelica Huston. Lieder über Schauspielerinnen sind nicht selten, ein besonders eingängiges verfolgt mich seit ein paar Wochen und war der Grund, heute in die KulturKirche nach Nippes zu fahren.

"Wir waren alle so verliebt in Sophie Marceau, sag nicht, es war nicht so, und alle Mädchen standen auf Pierre Cosso." Einfach, aber sehr wahr!


Diese Zeile stammt von Erik Lautenschläger (Erik & Me), der mit seinen Kollegen Tom und Nora die junge Berliner Band Prag bildet (doof zu googeln, aber daran denken Musiker ja nie). Ob Prag schon Prag hießen, bevor sie die Stücke für ihr im Januar erscheinendes Debüt dort mit dem Czech Film Orchestra aufnahmen, weiß ich nicht - wie ich überhaupt wenig von Prag (Band) weiß - außer, daß Nora und Erik sich aus dem Schulchor kennen und Tom u.a. bei Stereo Deluxe gespielt hat. Also quasi ein Blinddate, nachdem man mal ein zerknittertes Foto gesehen hat, das aber vielversprechend war. "Sag nicht, es war nicht so."


In der Nippeser Lutherkirche war groß aufgebaut. Die Instrumente und Stationen hätten für drei Bands gereicht, als Gemeindepfarrer Thomas Diederichs herzlich wie immer die Besucher begrüßte. Keine Vorgruppe, also gehörten all die tollen Instrumente zu Prag!

Bevor die dies aber bewiesen, ging erst einmal der Fernseher an, um in einem zehnminütigen Film von den Arbeiten am unveröffentlichten Album zu berichten. Das war neu und sicher aus Marketing-Gesichtspunkten sehr clever, wirkte aber auch ein wenig merkwürdig.


Nachdem wir dann also auf dem neuesten Stand über Prag (in Prag) waren, erschienen die ersten der reichlich vielen Musiker. Drei Streicherinnen (Violine, Bratsche, Cello), Schlagzeuger, Trompeter, Bassist und Keyboarder kamen zunächst, bevor Nora, Erik und Tom auftraten. Das erste Lied (Leisestreichler) war noch instrumental aber enorm schmissig. "Opulent", habe ich in mein Notizbuch geschrieben. Aber als Einordnung der Pragschen Musik reichte dies noch nicht, es fehlte der Gesang.

Das zweite Stück Zeit sang Erik. Es handelte von Leonard Cohen und den Beatles, löste bei mir aber Assoziationen zu Bands wie Wolke oder Erdmöbel aus. Auch wenn die Bandbreite der Musik der Berliner von Chanson über Pop bis zu Jazz-Anleihen reichte, war Wolke-Erdmöbel immer wieder der Referenzrahmen, der mir in den Sinn kam (und auch einmal Karel Gott, ganz unabhängig von dessen Heimatstadt - und diese Assoziation ist gar nicht böse gemeint). Je höher Erik sang, desto weniger gefiel es mir (zum Beispiel bei Sie ham's ja so gewollt).


Toll wurde es, wenn Erik und Nora Duette sangen (mit unterstützender Stimme von Tom). Warten, Zweiter und Einfach (ist gar nichts) sind Beispiele dafür und nach dem ersten Hören die stärksten Stücke der Band! Neben dem Ohrwurm natürlich! Sophie Marceau wurde erstaunlich früh angestimmt, als viertes Stück. Erik erklärte das damit, daß sie unsicher gewesen seien, wie die unbekannten Lieder ankämen. Daher sollten wir früh das einzig bekannte Stück hören (der andere veröffentlichte Titel Wieder gut, die B-Seite, stand nicht im Set).


Vermutlich bekamen wir die ganze Platte serviert. Nicht alles davon eignet sich als Singles. Das komplexe Jeder hält die Luft an, das sie gar nicht mit auf Tour nehmen wollten, weil es zu kompliziert sei, wie Erik sagte, enthält einen radikalen Bruch und geht dann in New Orleans Jazz über. Warten dagegen, das die zweite Single werden soll, war sehr catchy.

Man merkte den drei Prags an, daß sie trotz unterschiedlicher Bühnenerfahrung diese neue Bandsituation noch ungewohnt finden. Das war überaus sympathisch, auch wenn es ein paar mal kurz davor war, daß der Fluß zwischen den Stücken verloren ging. Das ist nicht ganz leicht zu beschreiben. Während der Lieder saß alles, auch wenn es beim ersten Stück eine Panne gab und bei Drehbuch Nora und Erik in einen Lachanfall ausbrachen. Insbesondere die Sängerin war hochbeschäftigt, weil sie bis zu vier Instrumente pro Lied spielte (Gitarre, eine sehr eindrucksvolle riesig große - 50 cm vielleicht - Mundharmonika, Glockenspiel, Hackbrett, Vibraphon). In den Pausen war die Routine dann verflogen, es kam etwas Unsicherheit durch. Aber auch das mochte ich.


Daß Prag schon vor den Zugaben knapp eine Stunde spielten, empfand ich als sehr ungewöhnlich. Noch keine Platte aber 55 min Konzert, das ist nicht selbstverständlich. Darauf packten die zehn Musiker noch drei Zugaben (die ersten allerdings ohne die drei Streicher). Drehbuch, die erste, war wieder eines dieser schönen Duette, das mich ein wenig an Rue Royale erinnerte.

Zum Abschluß Schicht im Schacht kamen die Streicher zurück, allerdings singend. Sie seien dazu überredet worden, "die sind eigentlich sehr unmusikalisch."


Ich tue mich schwer damit, einzuschätzen, wie die Karriere von Prag verlaufen wird. Der Auftritt in Köln wirkte (alleine wegen der vollen KulturKirche) enorm professionell, obwohl die Band noch nicht viele Konzerte gespielt haben kann (bei lastfm gab es nur zwei vorher). Dabei blieb aber der Charme von fehlender Routine oder besser Abgezocktheit immer präsent. Am Merch-Stand gab es neben einer Sophie Marceau 7" Vinylsingle (mit von Eric gemaltem Bandporträt auf dem Cover) Postkarten und Prag-Briefmarken, damit wir nicht nur per Facebook zu Hause erzählen sollten, wie das Konzert war (meine Patenkinder werden staunen!). Das alles sieht zwar viel zu clever für eine DIY Band aus, aber genauso ist es. Prag vertreiben ihre Musik auf einem eigenen Label, der Marketingapparat, den man hinter den vielen guten Ideen vermuten könnte, sind die Bandmitglieder.

Ich hoffe sehr, daß Prag mit ihrer Platte Erfolg haben werden. Die Musik legt ihnen da auch sicher Steine in den Weg. Ich habe heute einige sehr schöne Stücke gehört, über die ich mich im Radio freuen würde. Es war also kein enttäuschendes Blinddate. So richtig "blind" war es auch nicht, Erik erinnerte mich nämlich frappierend an eine jüngere Version von Steve Buscemi!

Setlist Prag, KulturKirche, Köln: 

01: Leisestreichler 
02: Zeit 
03: Sie ham's ja so gewollt 
04: Sophie Marceau 
05: Zweiter 
06: Einfach (Du liebst es einfach) 
07: Ende
08: Jeder hält die Luft an 
09: Vögel 
10: Bis einer geht 
11: Warten 
12: Einfach (ist gar nichts) 
13: Argumente 1000fach 

14: Drehbuch (Z) 
15: Einkauf (Z) 
16: Schicht im Schacht (Z)



Sonntag, 12. Februar 2012

Anna Ternheim, Köln, 11.02.12

4 Kommentare

Konzert: Anna Ternheim
Ort: KulturKirche Köln

Datum: 11.02.2012
Zuschauer: ausverkauft
Dauer: gut 90 min


Anna Ternheim ist ein dankbares Objekt für Konzertberichte.* Obwohl ich heute mein x-tes Konzert der Schwedin gesehen haben (und mich nicht traue, nachzuzählen, wie viele es waren), ist es nicht wie bei anderen Künstlern, die ich häufig erlebt habe und zu denen mir irgendwann einfach nichts mehr einfällt. Bisher glich keine Tour der Musikerin den vorherigen, und wenn man meint, alles gesehen zu haben, muß man diese Erkenntnis wieder um mindestens eine Tournee nach hinten verschieben.

Anna Ternheim hat mit Bands gespielt, mit hoch unterschiedlichen, sie ist alleine aufgetreten, mit einem Akustiktrio und zuletzt in Berlin im November mit dem Amerikaner Matt Sweeney, mit dem sie ihre vierte Platte The night visitor eingespielt hat.

Mit Matt und seinem eindrucksvollen Trucker-Schnauzbart hatte ich heute auch wieder gerechnet. Daß der aus Nashville stammende Dave Ferguson, ein Freund und Produzent Johnny Cashs, dabei sein würde, hatte ich gelesen. Es klang also nach einer (Country-)Band, die Anna Ternheim begleiten würde. Eine von vielen Fehleinschätzungen heute.

Die nächste wäre dramatischer geworden. Auf meinem Onlineticket stand nur eine Uhrzeit, nämlich 20.00 Uhr. Ich deutete das als Einlasszeit, da die Kölner Unsitte, ausgerechnet samstags wegen der anschließenden Disco Konzerte extrem früh beginnen zu lassen, für die KulturKirche wohl nicht gilt. Ich wollte also pünktlich zum Einlass da sein und einen guten Platz suchen, da es bestuhlt sein würde.

Bestuhlt war es auch nicht - aber voll, als ich um acht in die Lutherkirche kam. Um zehn nach acht begann Anna Ternheim, das hätte also ordentlich schief gehen können.

Daß ich mit der Band falsch liegen sollte, konnte ich da noch nicht sehen, weil wir links vorne am Rand standen und da die Sängerin zwar sehen konnten, die Sicht sich aber - sobald sie weiter hinten stand - auf ihre schwarzen Stiefel beschränkte. Da hätte ein Kinderchor im Hintergrund stehen können, gesehen hätte ich den nicht.

Die ersten Stücke spielte die Schwedin alleine. Solitary move und What remains stammen beide vom neuen Album und passen zu den ersten beiden Platten der Musikerin. In der Soloversion hörte ich die Besonderheiten von The night visitor nicht heraus. Ihre uralte Gitarre, auf der sie das Album eingespielt hat, klingt für geübte Ohren sicher besonders, für mich Banausen ist eine Gitarre eine Gitarre. Die beiden Stücke sind sehr schön, der erste Knüller war allerdings das folgende alte Lied, der Wedding song, eines meiner Anna-Lieblingsstücke (das sie früher immer als fröhliches Lied ankündigte, nachdem sie die vorherigen Stücke eines Konzerts immer als "das handelt von einem gebrochen Herzen" oder "das ist ein trauriges Lied" vorgestellt hatte). Wer fröhliche Lieder mag, wird zwar nicht ernstgenommen, das ist der Song aber wert.

Anna setzte sich anschließend ans Klavier - nicht mehr ihr schönes rotes, das so nach Pippi Langstrumpf aussieht - es war schwarz und mit einer Wohnzimmerleuchte dekoriert. Dort spielte sie Shoreline, einen weiteren alten Liebling, im Original von ihren Landsleuten Broder Daniel. I'll follow you tonight danach, und es hätte noch ein normales Konzert sein können.

Statt einer Band trat dann zunächst nur Dave Ferguson in den Altarraum und stellte sich an seinen Kontrabass. Dave Ferguson ist Ende 40 (ich hatte einen alten Mann erwartet... aber das passt ins Bild) und hat als Toningenieur für Johnny Cash und andere amerikanische Folklegenden gearbeitet. Wichtiger für heute war aber, daß Dave eine ausgewachsene Cowboy- und Country-Stimme hat. Bei der Albumversion des wunderbaren Duetts The longer the waiting (the sweeter the kiss) ahnt man die bereits, aber der Mann verdient ja sein Geld damit, Dinge anders klingen zu lassen. In seinem Fall unnötig, denn schon sein erster Einsatz bei Lorelie-Marie, zwar noch dezent nur beim Refrain, gefiel mir ausgezeichnet. Ich glaube nicht, daß ich Countrymusik mag, auch die gute nicht, aber die Mischung Schwedin und Cowboy passte punktgenau!

Wie gut die Stimmen der beiden harmonieren, zeigte sich beim nächsten Lied, dem schon erwähnten The longer the waiting... Bei ihrem Showcase-Konzert in Berlin im November hatte Anna das Stück noch alleine gespielt, gemeinsam mit dem brummenden Amerikaner wird es aber erst perfekt!

Noch schöner jedoch war das nächste Duett im Anschluß. All shadows habe ich bislang nicht als riesigen Knüller wahrgenommen, wenig überraschend also heute, daß es eines der schönesten Lieder des Abends werden sollte!

Auch die nächsten drei Titel stammten von The night visitor. Sie alle waren hervorragend, die schönste Szene dabei hatte aber nichts mit Musik zu tun. Anna Ternheim kündigte Come to bed als "It's a love song" an, worüber Dave kurz nachdachte, um dann in ein herzhaftes Lachen auszubrechen! Bei God don't know spielte der Musiker Banjo, ansonsten war sein Platz meist am Kontrabass, der er aber nicht zwangsläufig dann auch spielte (auch ein running gag der letzten Woche).

Dann wurde es wieder spektakulär: Anna verschwand nämlich. Das war aber offenbar geplant (gesehen habe ich nichts, ihre Schuhe waren nur plötzlich weg). Dave war davon weniger überrascht, er spielte Baby is gone von Jack Clement bzw. Charley Pride, mit denen er auch in Nashville gearbeitet hat. Die letzte Zeile des Stücks lautet "who want's to sing when his baby is gone?" Schon dafür hatte es sich gelohnt!

Aber das war es noch lange nicht (ich wollte mich wirklich kürzer fassen!). Anna ging zum schwarzen Klavier und spielte eine sehr abgespeckte Version von Terrified, einem Stück vom dritten Album, das ich wegen seiner wuchtigen Produktion nicht mehr gerne höre. Daß ein Lied davon gerade so besonders abgespeckt vorgetragen wurde, gefiel mir gut.

Johnny Cash wurde nicht nur erwähnt, er wurde auch zitiert, indem Anna und Dave sein The great divide spielten. Das Lied ist Teil einer Tour EP mit vier Coversongs, die bei einer geplanten Probesession in Nashville entstanden ist. Wie auch bei ein, zwei anderen Stücken verpatzten die beiden erst einmal den Einsatz. Dave stand nämlich an Annas Mikro, merke dann, daß es viel zu hoch für ihn hing, drehte es runter, und schon passte es nicht mehr.

Und dann wurde es noch einmal sehr speziell. Let it rain, auch vom viertbesten Album stammend, spielte Anna noch einmal abgespeckter als Terrified. Abgespeckter als nur mit Klavier funktioniert eigentlich einfach: die Sängerin legte ein Mikro neben das Metronom auf dem Klavier, schon das an und begleitete diesen monotonen Rhythmus nur mit ihrer Stimme. Erst gegen Ende stieg Dave mit seinem Kontrabass ein, der eintönige Klang änderte sich aber nicht mehr, wundervoll!

Nach Bow your head (wieder Night visitor) war erst einmal Schluß. Anna kam kurz später wieder, alleine. Ich hatte da auch schließlich kapiert, daß weder Matt Sweeney noch andere zusätzliche Musiker dabei sein würden, mir genügte es so aber auch vollkommen. Zugaben der in New York lebenden Schwedin sind oft eine Wunschrunde. Ein Stammgast in der ersten Reihe erbat sich Halfway to Fivepoints. Anna war unsicher, ob sie den Text kennte, spielte auch irgendwann intrumental weiter. Als ihr das an einer zweiten Stelle passierte, brach sie ab und versprach, das Stück morgen in Hamburg nachzuholen. Zugaben waren dann Better be und Black light shines (noch einmal aktuelle Platte).

Obwohl die Hintergrundmusik dann schon lief (Johnny Cash, oder?), kam Anna noch einmal zurück, um ein weiteres Lieblingslied zu spielen, My secret.

Ich lag in so vielem heute grundverkehrt. Daß es ein wundervolles Konzert werden würde, und daß ich nicht wie ein abgestumpfter Musikjunkie, der schon alles gesehen hat, gelangweilt am Rand stehen würde, hatte ich aber immerhin richtig eingeschätzt.

Setlist Anna Ternheim, KulturKirche, Köln:

01: Solitary move
02: What remains
03: Wedding song
04: Shoreline (Broder Daniel Cover)
05: I'll follow you tonight
06: Lorelie-Marie
07: The longer the waiting (the sweeter the kiss) (Pat McLaughlin/Roger Cook Cover)
08: All shadows
09: Come to bed
10: God don't know
11: Walking aimlessly
12: Baby is gone (Dave Ferguson solo) (Jack Clement Cover)
13: Terrified
14: The great divide (Johnny Cash Cover)
15: Let it rain
16: Bow your head

17: Halfway to Fivepoints (Z)
18: Better be (Z)
19: Black light shines (Z)

20: My secret (Z)

Links:

- Interview mit Anna Ternheim (2007)
- aus unserem Archiv:
- Anna Ternheim, Berlin, 03.11.11
- Anna Ternheim, Nyköping, 24.11.09
- Anna Ternheim, Paris, 23.09.09
- Anna Ternheim, Fribourg, 20.09.09
- Anna Ternheim, Köln, 13.09.09
- Anna Ternheim, Haldern, 14.08.09
- Anna Ternheim, Paris, 29.04.09
- Anna Ternheim, Frankfurt, 28.04.09
- Anna Ternheim, Nijmegen, 24.04.09
- Anna Ternheim, Stockholm, 08.12.08
- Anna Ternheim, Paris, 01.10.07
- Anna Ternheim, Köln, 26.09.07
- Anna Ternheim, Heidelberg, 25.09.07
- Anna Ternheim, Paris, 31.05.07
- Anna Ternheim, Köln, 12.03.07
- Anna Ternheim, Paris, 12.12.06

* und zum Anhimmeln

Konzert: Blouse

Ort: King Georg, Köln
Datum: 11.02.2012
Zuschauer: vielleicht 50
Dauer: 5 min

Weil es noch so früh war, als ich die KulturKirche verließ (21.45 Uhr), das King Georg nicht weit weg ist und da die fabelhaften Blouse spielen sollten, die ich gestern bereits gesehen hatte, wollte ich mir die Amerikaner nicht entgehen lassen. Um 21.00 Uhr sollte die Vorgruppe o F F aus London auftreten. Um fünf nach zehn, als ich vor dem Club stand, sollte ich also höchstens ein Lied verpasst haben. Es war ähnlich. Ich hörte noch die letzten Takte von Into black, dann den Dank von Sängerin Charlie und immerhin die komplette Zugabe Nights and days.

Links:

- Blouse, Luxemburg, 10.02.12




Mittwoch, 29. Juni 2011

Warpaint, Köln, 28.06.11

6 Kommentare

Konzert: Warpaint
Ort: KulturKirche Köln
Datum: 28.06.2011
Zuschauer: voll aber nicht überfüllt
Dauer: 85 min


Warpaint mausern sich mehr und mehr zu einer Lieblingsband. Ein gutes Stück dieser Zuneigung basiert auf zweieinhalb Liedern, die ich live im Mai letzten Jahres in Brüssel gesehen hatte; es war Liebe auf den ersten Blick. Damals gab es erst eine EP, im November, als die Kalifornierinnen eine kleine Tour in Deutschland spielten, war das Repertoire schon um die Stücke der ersten Platte The Fool erweitert und in Frankfurt ein atemberaubend gutes, 70 minütiges Konzert abgeliefert.

Im Mai beim Primavera Festival in Barcelona das gleiche Bild: trotz der riesigen Konkurrenz, trotz Pulp, Sufjan Stevens, Mercury Rev, Belle & Sebastian oder The National, das beste Konzert des Wochenendes stammte von den Amerikanerinnen.

Heute nun spielten Warpaint ihr einziges
"Club"konzert in Deutschland. Sie hatten vorher bei Southside / Hurricane und vergangenes Wochenende in Glastonbury Auftritte und überbrücken die Zeit bis zu den nächsten Festivals (Werchter, Sankt Gallen, Arras) mit einigen ausgewählten Shows. Dazu gehörte der heutige Club, die Nippeser KulturKirche, die mit der Veranstaltung wieder einmal ihr gutes Händchen bewies.

Es war heiß in Köln. Ich kam bei 32° an. Daß dann ausgerechnet eine Vorgruppe mit dem Namen Heat eröffnete, war mir zu viel, die mussten ohne mich auskommen.

Die KulturKirche war ziemlich aber wohl nicht ganz voll. Vielleicht verkauft man aber auch nicht so viele Karten, denn vor der Kiche suchten Leute noch Tickets. Nach der Begrüßung durch den Hausherrn Gemeindepfarrer Thomas Diederichs begannen die vier Musikerinnen aus LA um kurz nach neun ihr Konzert.

Das Konzert begann mit Jubilee, einem älteren Lied, das es aber nicht aufs Debütalbum geschafft hatte. Jetzt hat die Band das Stück neu aufgenommen und wird es vermutlich in den kommenden Monaten als Single veröffentlichen. Gesungen wurde Jubilee wie die meisten der Stücke von Gitarristin Emily Kokal. Emily, die rechts stehende Frau, wirkte in ihrem bodenlangen Abschlußballkleid sehr untypisch für eine Rockgitarristin, kam aber offenbar an alle Pedale, denn nichts klang, als schränke sie irgendetwas ein.

Über den Kleidungsstil der vier Frauen hatte ich mich bisher immer amüsiert, da waren mal Witwe-Bolte-Schleifen im Haar, sehr häßliche Overalls, Jogginghosen und Holzfällerhemden zu bewundern. Heute schien die Band sich aber chic gemacht zu haben, dabei stach neben Emilys Kleid vor allem das Dings ins Auge, das Bassistin Jenny Lee Lindberg trug. Das Dings war ein Kleid, vielleicht ein Kaftan, es war giftgrün, weit und lang, aber nicht lang genug, um die stahlblauen Socken und die
roten Turnschuhe zu verdecken. Aber das sollte es wohl auch nicht. Ein echter Hingucker! Das ist der LA-Faktor der Band, ganz ohne Extravaganz geht es wohl nicht. Aber - und das ist entscheidend - sie kann es sich leisten. Warpaint versuchen nicht, musikalische Schwächen durch Outfits (oder Skandale, bekloppte Auftritte oder was auch immer man da nehmen kann) zu übertünchen. Denn sie sind so gut, daß sie auch gerne in lustigen Tierkostümen oder hinter Schattenwänden spielen könnten, schaden würde es nicht.

Und wie gut sie sind, sollte gestern wieder klargeworden sein. Auch wenn man objektiver als ich ist. Die Stücke der Band leben von sagenhaften Melodien, die immer wieder Brüche, Tempowechsel durchlaufen. Immer wieder scheint es, als ginge ein Lied in das nächste über, weil sich die Richtung des Stücks geändert hat. Opfer der Tempowechsel wurden einmal die plötzlich aufkommenden Mitklatscher. Neben uns stand einer, der dabei so weit ausholte, daß der Ordner am Bühnenrand ihn sogar wegschubsten mußte, um keine Ohrfeigen zu bekommen. Das nervige Mitklatschen war aber schnell vorbei, als der Rhythmus sich plötzlich änderte und keiner mehr mitkam!

Am deutlichsten wurde die Komplexität der Melodien bei der zweiten Zugabe Beetles. Da sang erst die links stehende Gitarristin Theresa Wayman, irgendwann nach einem Bruch setzte dann Emily ein, später sang Theresa weiter. Das Lied war gut 15 Minuten lang und endete in einem Postrockgewitter, das keinen Vergleich mit Größen des Genres scheuen muß. Ein Freund kommentierte das mit "die letzten fünf Minuten waren besser als das ganze Mogwai Konzert in der Live Music Hall!"

Ein anderer Höhepunkt des Abends war der Song Warpaint am Anfang des Konzerts, aber sie gaben sich alle nicht viel. Warpaint verfügen über ein unverschämt gutes Repertoire, obwohl sie bisher so wenig veröffentlicht haben. Und dazu kommt, - und das unterscheidet sie von anderen Lieblingen wie The Organ - daß die Amerikanerinnen dies auch live in mindestens gleicher Güte umsetzen können. Man merkt der Band an, daß sie seit 2004 besteht, wenn auch in leicht anderer Besetzung (anfangs war noch Jennys Schwester Shannyn Sossamon Schlagzeugerin). Das Spiel, vor allem das Zusammenspiel ist enorm ausgereift. Besonders gut gefallen mir bei ihren Konzerten die Stellen, wenn die treibenden Beats einsetzen, die aus postrockartigen Stücken plötzlich tanzbare Musik machen!

Vielleicht ist es das, was Warpaint nicht bloß zu einem Abklatsch irgendeiner schon
dagewesenen Band macht. Bei den eben genannten The Organ war das ähnlich, auch wenn die beiden musikalisch nicht viel gemein haben. Aber sowohl die Lieblingskanadierinnen als auch Warpaint haben einen eigenen musikalischen Charakter und sind eben nicht die Mischung aus fünf anderen Bands, die nach schneller Starteuphorie schrecklich zu langweilen anfängt. Warpaint werde ich auch in zwei Jahren noch lieben, daran zweifele ich keine Sekunde.

Ob das jetzt das beste Konzert des Jahres war, wie ich noch adrenalingeschädigt direkt nach der Show dachte, weiß ich allerdings nicht. Es gibt schließlich starke Konkurrenz... Warpaint beim Primavera.


Setlist Warpaint, KulturKirche Köln:

01: Jubilee
02: Bees
03: Warpaint
04: Burgundy
05: Composure
06: Undertow
07: Set your arms down
08: Majesty
09: Elephants

10: Baby (Emily solo) (Z)
11: Beetles (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Warpaint, Amsterdam, 19.06.11

- Warpaint, Barcelona, 28.05.11
- Warpaint, Frankfurt, 11.11.10
- Warpaint, Paris, 06.11.10
- Warpaint, Brüssel, 16.05.10


 

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