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Donnerstag, 29. Oktober 2015

Yo La Tengo, Köln, 28.10.15

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Konzert: Yo La Tengo
Ort: Kulturkirche Köln
Datum: 28.10.2015
Dauer: gut 40 und gut 70 min
Zuschauer: rund 600 (ausverkauft)



"An Acoustic Evening with YO LA TENGO featuring: Dave Schramm", stand auf den Tickets. Man wusste also sehr genau, was man bekommen würde. Daß dieser akustische Abend vor allem aus Coversongs bestehen würde, kam auch nicht überraschend, da das aktuelle Album der Amerikaner Stuff like that there wie Fakebook 1990 eine Sammlung vieler fremder Stücke ist. Damit hatte es sich aber auch mit der Planbarkeit. Yo La Tengo haben in ihrer mehr als 30jährigen Karriere schließlich hunderte von Coversongs gespielt. Meine extrem einseitige musikalische Prägung - außer von den Beatles, Richie Valens, Elvis und Peter, Paul & Mary kenne ich keine Musik, die älter als die der Ramones ist - würde mir ohnehin einen abwechslungsreichen Abend garantieren.


Das Konzert begann sehr früh (um 20.15 h) und ohne Vorgruppe. Die drei Stammmitglieder der Band hatten Dave Schramm, der in den 80er Jahren Yo La Tengo Gitarrist war, als Gast dabei. Die vier Musiker - Dave Schramm, James McNew (Kontrabass), Georgia Hubley (Schlagzeug) und Ira Kaplan (Gitarre) - standen nebeneinander auf der Bühne und spielten mit enorm zurückgenommener Lautstärke. Es war nicht komplett akustisch - das wäre bei der Publikum-Größe, die Yo La Tengo anlockt, nicht durchführbar - es kam einem Akustik-Konzert aber schon nahe. Georgias Schlagzeugspiel war irre leise. Sie stand hinter zwei Trommeln und spielte die oft nur mit diesen Besendingsen. 


Die Lieder passten zu dieser ruhigen Instrumentierung. Der erste Teil des Konzerts bestand aus elf Liedern, von denen nur eines flotter war (Corona von den Minutemen). Ruhig, leise und getragen war das Motto der Show. Wurde es schneller, fiel das deutlich aus dem Rahmen, wurde aber gleich danach wieder zurückgebremst. Nach Corona war dies Friday I'm in love von The Cure (dem in meinem Kosmos bekanntesten Stück des Abends). 



Die meisten Stücke des Konzerts kannte ich nicht (daher ist die Setlist auch bitte mit Vorsicht zu genießen, falls Ihr mitschreibt, setlist.fm). Das war aber auch überhaupt nicht schlimm, es machte den Abend besonders spannend. Ab und zu sagte Ira etwas zu den Liedern. Viel Zeit bleib dafür aber nicht, denn das zweite Set nach der fast halbstündigen Pause war noch einmal ein gutes Stück länger. Wir hatten vorher überlegt, ob der zweite Teil irgendwie anders sein würde, schneller oder eigener (also weniger gecovert). Er war es nicht. Er war noch eine Spur kurzweiliger als der erste, empfand ich, und enthielt mit Griselda (The Holy Modal Rounders) und Ohm (Yo La Tengo) und den Zugaben My little corner of the world (Anita Bryant) (mit atemberaubendem Pfeif-Solo von der Kanzel der Kirche - und ich bin ausgesprochenener Pfeif-Kritiker!) und Speeding motorcycle (Daniel Johnston) die besten Stücke des Abends.

Irgendwann, vielleicht nach zwanzig Minuten, hatten Yo La Tengo meine Müdigkeit weggespielt und von Lied zu Lied meine Begeisterung vergrößert. Als sie fast zweieinhalb Stunden nach dem ersten Stück die letzten Takte von Speeding motorcycle beendet hatten, hätte ich gerne noch viel mehr mir vollkommen unbekannte Coversongs gehört. Aus dem "zu Yo La Tengo geht man halt" war lange schon ein besonders toller Konzertabend geworden. Auch wenn sich leise, sehr sehr ruhige Lieder und große Müdigkeit eigentlich nicht vertragen.




Einmal wurde es doch richtig laut. Bei einem der späteren Lieder fiel das Cover des aktuellen Albums, das neben einigen anderen Leinwänden auf Notenständern hinter der Bühne stand, laut krachend zu Boden. Bei vielen anderen akustischen Konzerten hätte das manchen Besucher wieder wach werden lassen, hier war dieser Effekt nicht nötig.

Setlist Yo La Tengo, Kulturkirche Köln:

01: The summer
02: This diamond ring (Gary Lewis & The Playboys Cover)
03: Rickety
04: My heart's not in it (Darlene McCrea Cover)
05: The point of it
06: I can feel the ice melting (The Parliaments Cover)
07: Naples (Antietam Cover)
08: The ballad of red buckets
09: Corona (Minutemen Cover)
10: Friday I'm in love (The Cure Cover)
11: Before we stop to think (Great Plains Cover)

12: Automatic doom (The Special Pillow Cover)
13: Double dare
14: Awhileaway
15: Butchie's tune (The Lovin' Spoonfull Cover)
16: Bottled up (DEVO Cover)
17: Take it or leave it (The Rolling Stones Cover)
18: Today is the day
19: Pass the hatchet, I think I'm goodkind
20: Wasn't born to follow (The Byrds Cover)
21: Griselda (The Holy Modal Rounders Cover)
22: Ohm
23: Our way to fall

24: My little corner of the world (Anita Bryant Cover) (Z)
25: God's children (The Kinks Cover) (Z)
26: Speeding motorcycle (Daniel Johnston Cover) (Z)


Links:


- aus unserem Archiv:
- Yo La Tengo, Paris, 02.11.13
- Yo La Tengo, Den Haag, 20.11.09
- Yo La Tengo, Paris, 11.09.07
  




Freitag, 8. November 2013

Pitchfork Festival Paris, 3. Tag, Paris, 02.11.13

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Konzert: Pitchfork Festival, Paris, dritter und letzter Tag, mit Youth Lagoon, Majical Cloudz, Omar Souleyman, Yo La Tengo, Hot Cip, Glass Candy u.v.a.
Ort: Grande Halle de la Villette, Paris
Datum: 02.11.2013
Zuschauer: 2000 glaube ich (oder mehr?)
Konzerte von 17h bis 6 Uhr am nächsten morgen


Man kann sie nicht mehr hören. Die ganzen Kommentare zu den Hipstern. Gerade beim Pitchfork Festival sind sie inflationär, weil die Veranstaltung als große Messe der Hipster dieser Welt gilt. Vor drei Jahren fand ich es selbst noch lustig (oder war das vor zwei?), aber inzwischen langweilt das Thema auf brutale Weise. Reden wir also nich pauschal über Typen mit Bart, Wollmütze, bis obenhin zugeknöpften Holzfällerhemden und Tattoos, sondern über die Zuschauer, die dieses Event bevölkern. Wie sind sie drauf, wo kommen sie her? Die erste Frage ist schwierig (die passende Antwort wäre wohl: kommt drauf an), Letztere ist einfacher zu beantworten. Sie kommen wirklich aus der ganzen Welt. Aus den USA, England, Schweden, Deutschland, Italien... und natürlich Frankreich, schließlich sind wir in Paris. Manche Leute reisen wirklich von ganz weit an, nur für das Pitchfork Paris, welches 3 Tage dauert und Leuten, die alle Konzerte sehen wollen, einiges abverlangt. Aufgrund der hohen Preise (130 Euro für den 3-Tages Pass, 80 für den 2-Tages Pass und 50 Euro für die Tageskarte), könnte man vermuten, daß es sich um Wohlstandsjünglinge und höhere Töchter handelt, aber ich will keine Klischees pflegen, ich weiß nicht aus welchen Kreisen die Leute kommen. Eigentlich ist das ja auch ganz egal. Fest steht aber, daß man tief in die Tasche greifen muss, um beim Pitchfork dabei zu sein. Wohl dem, der wie ich in Paris wohnt und keine teure Übernachtung bezahlen muss, die die Rechnung noch üppiger werden lässt. 

Auf dem Gelände selbst fließt das Geld auch nur allzu schnell ab. Jetons muss man im Mindestwert von 10 Euro erwerben (Zwangsumtausch wie damals beim Grenzübergang nach Ost Berlin?), darunter machen sie es hier nicht. Aber man braucht eh mehr Jetons, wenn man konsumieren will, denn 0,5 Liter Bier kosten 7 Euro (3, 5 Jetons), ein Burger schlägt mit 8 Euro (4 Jetons) zu Buche und der Rest ist auch nicht viel günstiger. Bedenkt man, daß die Konzerte um 17 Uhr beginnen und teilweise die ganze Nacht lang laufen (so war es zumindest am letzten Samstag), wird man also genötigt sein, ein paar mal die Fressbuden aufzusuchen und auch für Getränke ordentlich zu blechen, will man nicht verdursten. Ich persönlich habe 15 Jetons= 30 Euro verballert, das dürfte aber eher unterer Durchschnitt sein. Der Abend am Samstag kostete mich also 80 Euro. Da ich bis 3 Uhr blieb und die letzte U-Bahn nicht später, sondern um 2 Uhr fuhr, musste ich auch noch ein Taxi nehmen. Kostenpunkt für meine Strecke: 20 Euro. Musste ich aber nicht zahlen, weil ich mir das Taxi mit freundlichen und großzügigen Leuten geteilt habe, die meinten, meine Strecke hätte eh auf dem Weg gelegen. Glück gehabt, sonst wäre ich schon bei 100 Euro gewesen! Tja und dann gab es da ja auch noch die CD Stände (Rough Trade, Balades Sonores), an denen man sein Geld loswerden konnte, schließlich macht es ja Spaß, die Silberlinge der auftretenden Bands zu erwerben, um zu Hause noch einmal in Erinnerungen zu schwelgen. Ich selbst war brav und habe nur zwei CDs gekauft, Kostenpunkt 27 Euro. Der ganze Abend kostete mich also 107 Euro.

Was hat er mir aber gebracht? War er die Kohle wert?

Nun, der Beginn war schon einmal recht ernüchternd. Und damit meine ich noch nicht den musikalischen Teil, sondern die Einlasskontrolle. Schlimm wie man da von allen Seiten und an allen Körperteilen betatscht wurde, ärgerlich, daß meine Bridge-Kamera nicht durchkam. Ich musste sie an der Garderobe abgeben und verlor Zeit, um das (für mich) erste Konzert zu sehen. Beim End Of The Road Festival konnte man gut sehen, daß man gar keine Einlasskontrollen braucht, wenn das Publikum gesittet ist. Ziehen etwa die Picthfork Bands Rüpel an? Die Frage muss erlaubt sein...

Drinnen dann: nix los. Gegen 18 Uhr war noch kaum ein Schwein da, die Stimmung bei Majiical Cloudz deshalb auch mau, ohne daß es einen Bezug zur Güte der Band geben musste. Zwei Lieder bekam ich von den Burschen noch mit, zu wenig, um mich näher über sie auszulassen.

Die danach startende Sky Ferreira war dann ein schlechter Witz. Das war eine Art Indie Avril Lavigne und dermaßen öde, daß ich schon zu diesem Zeitpunkt draußen ein Bier trinken gehen musste, um die ganze Veranstaltung zu ertragen. Totengräberstimmung, miese Künstler, es konnte nur besser werden!

Mit Youth Lagoon wurde es das auch dann. Eine Band aus Boise, Idaho stellte sich vor, hatte aber musikalisch mit den Landsleuten Buil To Spill wenig zu tun. Statt saftigem gitarrengetriebenen Indierock wie bei Doug Martsch gab es viele Synthiesizer und recht wenige Gitarren zu hören, wenngleich man nicht von einer reinen Elektropband sprechen konnte. Es war eher ein Grenzgänger zwischen sphärischem Pop mit Synthieeinsatz und Rock der leicht pathetischen und psychedelischenArt. Von Bombast will ich nicht reden, aber mitunter wurde es recht episch.

Sehr auffällig die Stimme des Sängers. Eine knatschige, hohe, kindliche Stimme, die Assoziationen zu MGMT, den Flaming Lips und Mercury Rev heraufbeschwor. Trevor Powers heißt der Lockenkopf der Youth Lagoon vorsteht (und eigentlich die Band ist) und mit seinem sehr speziellen Gesangesorgan sicherlich polarisiert.

Aber es gab auch recht lange Instrumentalphasen, in denen er (logischerweise) schwieg und die Keyboards, die Gitarren und das Schlagzeug einen Wettkampf ausfochten. Die Songs dauerten deshalb teilweise bis zu 10 Minuten und durchlebten mehrere Phasen, in denen Stimmung, Rhythmus und Intensität variierten. Das war faszinierend, wenngleich es Geduld erforderte, die nicht bei allen Leuten im Publikum vorhanden war (blöde Labertaschen immer!).

Nehmen wir zum Beispiel den Track Dropla, der voller Nuancen und Feinheiten steckte, quirlig und poppig perlend klang, gleichmäßig und mit viel Schlagzeugeinsatz voranschritt und nach etwa 5 Minuten in eine dreampoppige Sequenz abdriftete, in der die hübsche kleine Pianomelodie ständig wiederholt wurde. Das Ganze hatte auch eine kosmische Note und erinerte insofern umso mehr an die Flaming Lips. 






Oder nehmen wir auch Sleep Paralysis. Ein verhuschter, verwunschener Song mit windschiefen Synthies, dem kennzeichnenden Quäckgesang und einem stark melancholischen Moment. Als Hörer wanderte man durch psychedelische Traumlandschaften und konnte sich der Sogwirkung des Tracks schwerlich entziehen. Zwar nervten ein paar Leute in meiner Umgebung, aber stören lassen wollte ich mich dadurch nicht. Wuchtig arbeitete sich das Schlagzeug durch den ansonsten sehr feinziselierten Titel, der ebenfalls mit einer markanten Klaviermelodie glänzte und irgendwie auch wie eine traurige Hymne zu einem Kindergeburtstag wirkte. Schwer zu beschreiben wie sich das Ganze auf die Psyche ausschlug. Man war irgendwie gleichzeitig schwermütig und freudig gestimmt, es war ein Wechselbad der Gefühle. Schön, aber auch aufwühlend zugleich.

Ansonsten macht es aber wenig Sinn, einzelne Songs herauszugreifen. Pausen gab es so gut wie keine, die Lieder gingen ineinander über und die Sequenzen dazwischen wurden meist durch mystische Töne überbrückt. Letztlich klang das ganze Konzert fast wie ein Soundtrack, alles war miteinander verwoben und gehörte zusammen. Das sehr spezielle Ambiente, die kreierte Atmosphäre zählte mehr als bestimmte Songs. Dennoch verdichtete sich das Ganze am Ende. Es wurde immer dramatischer und intensiver. Nicht wie bei einem klassischen Postrockkonzert wo zum Schluß die Gitarren wie wild aufheulen und die Bandmitglieder auf dem Boden liegend spielen, sondern auf recht subtile Weise übermannend. Die letzten 10 Minuten haben mich wirklich umgeblasen und bereits zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Kauf der teuren Karte zumindest teilweise schon gelohnt!

Im Anschluß hieran spielten Baths. Deren Sound fand ich aber schon nach ein paar Minuten derart seicht und synthetisch, daß ich wieder nach draußen flüchtete. Viele bekannte Gesichter waren auf den Fluren unterwegs. Der aus Dresden nach Paris zurückgekehrte Brite Thos Henley, die Pariserin Mina Tindle, Labelmenschen, Booker, Musikmanager, alle schienen sie hier zu sein. Draußen abzuhängen war gar nicht so übel, da konnte man ein wenig plaudern und in Ruhe die trendigen Leute beobachten, wie sie ihre Pommes in sich reinstopften, oder sich gegenseitig abknipsten.



Nach ein paar Minuten war mir es feilich an der frischen Luft zu kühl und mich zog es wieder rein in die große Halle. Dort war Partytstimmung angesagt. Der syrische Musiker Omar Souleyman spielte auf und ließ die Puppen tanzen. Er hatte einen DJ dabei, der den rein elektronischen Sound, der mit starkem Orienteinschlag gewürzt war, abspulte. Was live performt wurde und was nicht, war mir nicht ganz klar, aber das Ganze hatte etwas von einer Karaokeshow. Omar selbst sang zu den synthetischen und sehr tanzbaren Ryhthmen auf arabisch und kurdisch und peitschte das Publikum immer wieder mit enstprechenden Handbewegungen an, oder klatschte einfach nur im Takt in die Hände. Mit seiner Djelaba, der rot weißen Kufiya (bei uns bekannt unter dem Namen Palästinenser-oder Arafta-Tuch) und der dunklen Sonnenbrille was er der coolste Typ weit und breit. Er wirkte fast wie eine Karikatur, hatte aber das Publikum fest im Griff und hielt es mindestens 45 Minuten unter Strom. Er entpuppte sich als glänzender Showman und Entertainer, was das Ganze msuikalisch wert war, fiel mir aber sehr schwer einschätzbar. Berühmte Musiker wie Björk und Damon Albarn haben schon mit ihm zusammengearbeitet, aber ist das ein sattelfestes Argument für seine Güte?

Dann aber endlich Yo La Tengo! Waren sie Headliner? Nach der Spielzeit zu beurteilen nicht, denn Hot Chip wurden später 20 Minuten mehr gewährt. Für mich nicht nachvollziehbar, aber es gibt anscheinend viele, die die Clowns von Hot Chip lustig finden, warum auch immer.

Ich aber war für Yo La Tengo genommen. Nur für Yo La Tengo. Der Rest war mir egal. Zumindest weitestgehend egal. Ich wollte die super Band aus Hoboken endlich mal wieder live sehen. Schändlicherweise hatte ich in den letzten Jahren viele ihrer Auftritte verpasst und somit war das heute auf jeden Fall ein Pflichttermin um begangenen Schaden wenigstens halbwegs wieder gut zu machen. Eigentlich gehört ja jedem Blogger die Lizenz entzogen, wenn er zu selten über Yo La Tengo schreibt. Aber nun gut, für mich gelten natürlich mildernde Umstände und Ausnahmen...

Der Gig begann mit Stupid Things, einem Albumtrack des neuesten Outputs Fade. Laut und kraftvoll dröhnte es aus den Boxen, Ira Kaplan bewegte sich wie ein Zappelphilipp und schien weiterhin der ewig junge Mann zu sein, der nie so richtig erwachsen wird, seine immer äußerst dezent und zurückhaltend auftretende Frau Georgia Hubley spielte bei diesem Song Bass und der recht füllig gewordene James McNew Schlagzeug. Leider war der Sound nicht optimal. Die Stimme von Ira hörte man nicht so richtig, das Ganze klang zudem zu breiig und verzerrt. Aber das war nicht so dramatisch, denn schließlich wollten wir hier keine punktgenaue und keimfreie Albumwiedergabe haben, sondern rohe Liveversionen der Songs.

Roh, krachig und ungehobelt blieb es auch noch bis zu Super Kiwi, das wahnsinnig schrammelig und lofi klang. Mit The Point Of It, ebenfalls von Fade wurde es aber zum ersten Mal besinnlicher und deutlich poppiger. Nun kam die sonnige und sanfte Seite von Yo La Tengo zum Tragen, Ira sang herzerweichend schön ( "when you're screaming in my head, waht's the point of it?") Georgia hatte längst hinter dem Schlagzeug Platz genommen und James spielte ganz lässig Akustigittarre.



AuchTrack Nummer 6, I'll be Around war soft und wundervoll, plätscherte ganz gemächlich vor sich hin und lud viele Leute dazu ein, mit geschlossenen Augen zuzuhören. Es war herrlich.

Dann kam Georgia fast wie ein schüchternes Mädchen nach vorne getrottet und sang mit der schönsten aller Stimmen Before We Run. Die Natürlichkeit und der Charme des Songs und des Vortrages waren atemberaubend, es war quasi unmöglich sich der entzückenden Wirkung zu entziehen. Ich persönlich schmolz auf jeden Fall dahin und hätte Georgia hinterher gerne ein kleines Küsschen auf die Wange gedrückt.



Im letzten Drittel wurde aber dann wieder die Noisekeule geschwungen. Sugarcube vom 1999er Album I Can Hear The Heart Beating As One besaß viel Lofi-Attitüde und trotzdem hübsche Gitarrenmelodien.

Der das neue Album eröffnende Midtempo Song Ohm bereitete schließlich auf das große Finale vor, welches nun folgen sollte. Der Blue Line Swinger, der Closer des 1995er Albums Electr-O-Pura, wurde nämlich zum krönenden Abschluß unter lautem Getöse abgefeuert und wütetete atemberaubende 10 Minuten lang wie ein Derwish. Definitiv eines der besten Livelieder die ich 2013 gehört habe, der fetzige Rhythmus war einfach unwiderstehlich, die Melodie wahnsinnig packend, das Zusammenspiel von Gitarre und Schlagzeug eine Wucht!

Dann aber verstummten die Gitarren und nach lediglich einer Stunde war schon Schluss. Ira Kaplan hatte es sich während der Show nicht nehmen lassen, gegen die Leute in der VIP Lounge zu ätzen. Den genauen Wortlaut seiner Kritik habe ich zwar nicht verstanden, aber er mahnte inhaltlich mehr Gerechtigkeit beim Pitchfork an. Die Verantwortlichen sollten nicht so stark zwischen VIPs und Fußvolk differenzieren, nicht die einen begünstigen und die anderen die überhöhte Zeche zahlen lassen. Recht hatte er!

Setlist

01: Stupid Thing
02: Big Day Coming
03: Super Kiwi
04: The Point Of It
05: ?
06: I'll Be Around
07: Before We Run
08: Sugarcube
09: Ohm 
10. Blue line Swinger

Demnächst geht es hier noch ein bißchen weiter...
 .

Samstag, 21. November 2009

Yo La Tengo, Den Haag, 20.11.09

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Konzert: Yo La Tengo
Ort: Koninklijke Schouwburg Den Haag (Crossing Border Festival)
Datum: 20.11.2009
Zuschauer: ausverkauft; Saal voll
Dauer: 75 min


Ein sehr schöner Auftakt meines Besuchs beim Crossing Border Festival. Detaillierte Schwärmereien in Kürze.

Setlist Yo La Tengo, Crossing Border Festival, Den Haag:

01: Here to fall
02: More stars than there are in heaven
03: Stockholm Syndrome
04: Tears are in your eyes
05: If it's true
06: Mr. Tough
07: Tom Courtenay
08: When it's dark
09: Sugarcube
10: Periodically double or triple
11: Nothing to hide
12: The story of Yo La Tengo
13: Our way to fall



Mittwoch, 12. September 2007

Yo La Tengo, Paris, 11.09.07

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Konzert: Yo La Tengo
Ort: Le Trabendo, Paris
Datum: 11.09.2007
Zuschauer: ca. 700 ( fast ausverkauft)



"Qui cherche des places?" (wer sucht noch Karten?), vernehme ich aus etlichen Schwarzmarkthändler-Kehlen, als ich mittels Rolltreppe den Ausgang der U-Bahnstation Porte de Pantin erreicht habe. Die Tickets werden mir von den Typen förmlich unter die Nase gerieben, aber ich lehne dankend ab, da ich für "mein" Konzert bereits Plätze habe und ich zu meinem Schrecken bemerke, daß die fleißigen Händler Karten für... Elton John (!) anbieten, der auf dem gleichen Gelände im riesigen Zénith auftreten wird.


Da ziehe ich das mittelgroße Trabendo doch eindeutig vor, vor allem weil dort im Gegensatz zum Zénith kein Schnulzensänger mit häßlichen Brillen auftritt, sondern eine ganz fabelhafte Band: Yo La Tengo! Aber ich muß mich sputen, bin spät dran, da ich dummerweise zunächst mein Ticket zu Hause vergessen hatte und dies erst bemerkte, als ich schon drei Stationen mit der Metro gefahren war...

Glücklicherweise komme ich trotzdem genau rechtzeitig an, die dreiköpfige Band aus New Jersey hat gerade ihr erstes Stück begonnen. Es ist brechend voll im Trabendo, so wie sich das für eine Band dieser Güteklasse auch gehört. Irgendwann schaffe ich es aber dennoch weiter nach vorne durchzudringen und die Hauptakteure des Abends in Aktion zu sehen. Als da wären: Georgia Hubley am Schlagzeug und Gesang, Ira "Ringelshirt" Kaplan, Gesang, Gitarre, Keyboard und der leicht rundliche Bassist James McNew, der gegen Ende gleichzeitig mit Georgia Schlagzeug spielte.

Eine Frau an den Drums zu haben ist ja an sich schon einmal enorm cool, wenn diese dann aber dazu noch so gut und sympathisch wie Georgia Hubley ist, ist das kaum zu toppen! Eine tolle Frau, trotz, oder gerade wegen ihres für die Musikbranche schon fortgeschrittenen Alters!

Auch die beiden anderen Musiker mag ich auf Anhieb (ich sehe Yo La Tengo heute zum ersten Mal!), die haben einfach Charakter und Klasse. Ira ist besonders gut aufgelegt, so fragt er sich beispielsweise irgendwann, ob sie spontan mal eine Cover-Version von Elton John bringen sollten, denn der spielt ja schließlich um die Ecke. "'Rocket Man' wäre vielleicht nicht übel", sinniert der Lockenschopf, verwirft aber die Idee kurzerhand wieder, weil sie dieses Lied nicht auf dem Kasten haben. "Eine klasse Band erkennt man daran, daß sie spontan irgendwas ungeprobt spielen kann, aber so spontan sind wir auch nicht", grinst er vergnügt. Also nichts von Sir Elton heute abend, ist vielleicht auch besser so, zumal Yo La Tengo hochwertigere Cover-Versionen im Repertoire haben. Stattdessen gibt es selbstgemachte Leckerbissen, so zum Beispiel das famose "Stockholm Syndrome", welches nach dem Opener "Barnaby, Hardly Working" angestimmt wird und sofort begeistert aufgenommen wird. Danach gibt es zum ersten Mal Kost von dem letzten Album "I'm Not Afraid Of You And I Will Beat Your Ass", nämlich das psychedelisch angehauchte "The Room Got Heavy", welches nicht auf jedem Konzert zur letztjährigen Tour gespielt wurde. Ohnehin gibt es bei den Amerikanern so etwas wie lustloses Runterspulen einer ewig gleichen Setlist nicht. Wunderbar wird von Konzert zu Konzert gewechselt und gekonnt Neues und Altes bunt durchgemischt. Die positive Überraschung des heutigen Tages gelingt ihnen mit einem traumhaft schönen Lied von ihrem 2003er Album Summer Sun. "Season Of The Shark" heißt dieses Antidepressivum ohne ungewünschte Nebenwirkungen und kann ohne Rücksprache mit dem Arzt bedenkenlos eingenommen werden. Natürlich wird es im Verlaufe des Abends wieder phasenweise deutlich noisiger, manchmal gar punkig ("Watch Out For Me Ronnie"), aber im Mittelteil dominieren die eher lieblichen Stücke. "The Weakest Part" ist eines der Highlights, Georgia singt hier so wunderschön und trommelt so gekonnt, daß ich mir glatt wünsche, daß sie meine Mutter wäre (nun gut, so alt ist sie auch nicht, bzw. ich auch nicht mal so jung und natürlich mag ich vor allem meine eigene Mutter...). Ich komme jedenfalls aus dem Schwärmen nicht heraus und das trotz meines etwas ungemütlichen Stehplatzes neben einem Pfeiler. Zumindest habe ich dort aber gute Gesellschaft, denn Martin, ein sehr netter französischer Bekannter steht neben mir und genießt ebenfalls das tolle Konzert. Neben der starken Musik sind auch noch ein paar lustige Sprüche von Ira genießenswert. "Ihr hattet doch hier in Frankreich vor nicht allzu langer Zeit Wahlen, oder?" - Zustimmung vom Publikum - "aber da wir Amerikaner sind und Amis nun mal nicht wissen, was in anderen Teilen der Welt so passiert, habe ich keinen blassen Schimmer, ob der Premierminister oder der Präsident gewählt wurde." "Und selbst wenn ich es wüßte, könnte ich den Namen eh nicht richtig aussprechen." Die Pariser lachen vergnügt, der Mann hat Humor, zumal Mister Ringelshirt noch hinzufügt: "ich glaube der Kerl versteht sich doch gut mit unserem Herrn Bush, oder?"...

Ob sich Sarkozy gut mit Bush versteht, weiß ich nicht so genau (zumal Nicolas von unserer Angie zur Zeit angeblich genervt ist), aber eins ist sicher: das Pariser Publikum versteht sich gut mit Yo La Tengo und das zu recht. Selten habe ich ein solch abwechslungsreiches und hochkarätiges Konzert gesehen wie heute. Hinzu kommt noch, daß sich die drei "Oldies" (YLT wurde bereits 1984 gegründet) auch körperlich voll ins Zeug legen, vor allem Ira, der in einer Szene wie wildgeworden auf seinem Keyboard abrockt und hierbei zwei schwarze Rasseln in der Hand hält. Beim letzten Lied des offiziellen Teils, "The Story Of Yo La Tengo" ist sein Einsatz gar noch größer, er schleudert seine Gitarre mehrfach knapp über den Boden, zerstört sie aber letzlich nicht, schließlich ist er nicht Jimmi Hendrix...

The "Story Of Yo La Tengo" hat es wirklich in sich, nach einem sehr langen und ruhigen Intro bekommen wir eine 20minütige Noisekeule geboten, die gar nicht enden will. Unter großem Jubel verlässt das Trio schließlich erstmals die Bühne. Natürlich kommen sie zurück, wir sind ja nicht bei den Artic Monkeys und somit geht es erst mal wieder munter weiter. "Kennt ihr noch Sky Dog Records?", will Herr Kaplan wissen. Nur wenige melden sich. "Okay, anyway this is a song published on Sky Dog Records." Leider weiß ich nicht, wie er heißt.* Dafür kenne ich aber die nächste Zugabe "Nuclear War". Die Zuschauer werden aufgefordert den "Yeah-Refrain" zu übernehmen, was sie auch bereitwillig tun. Die Stimmung ist in diesem Moment fabelhaft, wenngleich die meisten Fans aufgrund ihres schon reiferen Alters vorher nicht unbedingt ausgerastet waren. Dann gehen die drei Musiker noch einmal kurz raus, bevor Georgia mit Bierglas in der Hand das wundervolle "My Little Corner Of The World" singt und das Konzert würdig abschließt.

Wow, was für eine famose Band! An diesen Abend werde ich noch lange zurückdenken, da bin ich sicher! Und wer war noch einmal Elton John? Kenn' ich nich, meine Helden heißen Yo La Tengo!

Setlist Yo La Tengo, Trabendo, Paris (in dieser Reihenfolge):

01: Barnaby, Hardly Working
02: Stockholm Syndrome
03: The Room Got Heavy
04: ?
05: Tears Are In Your Eyes
06: Season Of The Shark
07: Weakest Part
08: Mr. Tough
09: I Feel Like Going Home
10: From A Motel 6
11: I Should Have Known Better
12: Watch Out For Me Ronnie
13: The Story Of Yo La Tengo

14: Slow Death (Flamin' Groovies Cover) (Z)
15: Nuclear War (mit Mike Ladd) (Z)
16: My Little Corner Of The World (Z)

* es handelte sich um "Slow Death", ein Flamin' Groovies Cover.


Weitere Fotos gibt es hier

Und hier, die Fotos von Robert Gil sind wie immer am besten!
Der Artikel von Eike auf seinem klienicum zu einem Konzert von Yo La Tengo 2006 ist natürlich auch sehr lesenswert!




 

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