Freitag, 3. Juni 2016

John Carpenter, Barcelona, 02.06.16


Konzert: John Carpenter
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona (Primavera Stage)
Datum: 02.06.2016
Dauer: 50 min
Zuschauer: Tausende




[Disclaimer: keine Ironie!] Als ich noch recht klein war und meine Eltern abends eingeladen waren, passte die 19-jährige Tochter von Freunden auf meine Schwester und mich auf. Im Fernsehen lief an dem Abend The Fog - Nebel des Grauens, den ich mit dem Babysitter gucken durfte. Ich liebte The Fog und seine herrlichen Gruselmomente, die Vorbild für Generationen von Filmen wie Scream wurden. Der Babysitter hielt die meiste Zeit das Sofakissen vors Gesicht und hatte panische Angst. 


Vielleicht hat einer der Primavera-Booker ähnliche Kindheitserinnerungen, vielleicht sind die Organisatoren des besten großen Festivals aber auch einfach nur so unendlich viel cooler als ihre Kollegen und buchten den Regisseur von The Fog zur Headliner-Zeit auf die drittgrößte Bühne. Ich musste nachgucken, als wie üblich alle Bands auf einen Schwung veröffentlicht wurden. DER John Carpenter? Der Regisseur von Das Ding aus einer anderen Welt, Die Klapperschlange, Vampire, Halloween I-III? Und von Dark Star?

Daß Carpenter auch die Musik zu vielen seiner Filme geschrieben hat, wusste ich. Daß er in den vergangenen Jahren zwei nicht-Film-Platten komponiert hat und mit denen und seinen Film-Lieder auf Tour geht, nicht. 



Mit der Euphorie eines sehr guten Explosions In The Sky-Konzerts ging ich quer übers Gelände zur Primavera-Bühne. Ich war zwar sehr vorfreudig, meine Erwartungen waren aber nicht besonders hoch. Ich hatte ein Video von einem der neuen Stücke des Komponisten gesehen, daß es geht so war. Als John und seine fünf Begleiter (u.a. sein Sohn Cody als "Lead-Keyboarder") mit dem ersten Stück begannen - Escape from New York (Die Klapperschlange) und dazu im Hintergund Ausschnitte aus dem Film mit Kurt Russell liefen, war ich hin und weg. Und nicht nur ich, der riesige Platz feierte den Künstler!



Natürlich sind nicht all die Stücke musikalisch hochgradig spannend. Sie haben als Eröffnungs- oder Abspannthemen eines Films ja auch eine andere Funktion. Aber die Kombination aus Melodien, die man in- und auswendig kennt, aus der Filmuntermalung dazu und die Präsenz dieses Mannes, der in keinem Lexikon der künstlerisch größten Regisseure auftauchen wird, der aber jeden, der in den 80er Jahren (ich schreibe nicht wie viele Medien "des letzten Jahrhunderts", weil das ja irgendwie klar ist, oder?) eine ganze Generation von Leuten geprägt hat, die ihre ersten Horrorfilme gesehen hat, das war - schlechter Wortwitz, auf den ich mich seit gestern freue - großes Kino!

John Carpenter ist Jahrgang 48 und sieht klischeehaft exakt so aus, wie ein Horrorfilm-Regisseur aussehen müsste, den ich casten würde, wenn ich einen Film über einen drittklassigen Filmemacher besetzen müsste. Die weißen Haare sind vorne weg und hinten zu einem Zopf gebunden, dazu trägt Carpenter einen Lemmy-Schnauzbart. Er knatschte mit offenem Mund Kaugummi, sodaß ich zunächst dachte, er wolle auch singen oder später, bei den ersten Ansagen, daß sein Mikro kaputt sei. "Yeah! My name is John Carpenter!" Alles schön langsam gesprochen, damit wir ihn verstehen. Es war wundervoll! 



Später sagte er immer mal wieder etwas zu den Stücken. In Big Trouble in Little China habe ein guter Freund von ihm mitgespielt (Kurt Russell, der auch in vier anderen Carpenter-Filmen zu sehen war), der auf der Suche nach diesem grünäugigen Mädchen sei (klick!). Das einzige nicht vom ihme komponierte Stück stellte er als das Werk des großen Filmkomponisten Ennio Morricone vor, den er damit ehren wolle, die Melodie des grandiosen Das Ding aus einer anderen Welt (The Thing). Dazwischen kamen eigene Lieder von den beiden Alben Lost themes (2015) und Lost themes II (2016), Vortex und Distant dream



Nach dem Big Trouble-Thema kam Johns musikalisch größter Hit, die Melodie von Halloween! Spätestens da war meine These von den weltcoolsten Festivalbookern bewiesen. 



Die beiden Lieder danach (ich denke, es waren nur zwei) kannte ich nicht. Es waren wohl die Titel von Prince of Darkness und In The Mouth Of Madness (mit Jürgen Prochnow und dem Waffen-Lobbyisten Charlton Heston), bevor der weißhaarige Mann einen kleinen Abschlußappell sprach: "There's only one thing I have to tell you!" Jetzt würde der Aufruf folgen, Bernie Sanders (oder doch Donald Trump?) zu wählen. "Please, please drive home carefully! Christine is out there!"

Setlist John Carpenter, Primavera Festival, Barcelona:

01: Escape from New York (Main Title)
02: Assault on Precinct 13 (Main Title)
03: Vortex
04: The Fog (End Title)
05: They Live (End Title)
06: The Thing (End Title) (Ennio Morricone Cover)
07: Distant dream
08: Big Trouble in Little China (Main Title)
09: Halloween (Main Title)
10: In the Mouth of Madness (Main Title) (?)
11: Prince of Darkness (End Title) (?)
12: Christine (Main Title)




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