Dienstag, 7. Juni 2016

Brian Wilson, Barcelona, 04.06.16


Konzert: Brian Wilson performs Pet Sounds
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona
Datum: 04.06.2016
Dauer: 80 min
Zuschauer: tausende (vor der Hauptbühne)



Es war das Konzert, vor dem ich am meisten Angst hatte beim Primavera-Festival. Was würde schlimmer sein? Brian Wilson zu verpassen? Oder ihn zu sehen?

Die Geschichte des genialen Kopfs der Beach Boys ist bekannt und zuletzt in Love & Mercy (2014) verfilmt worden. Psychische Erkrankungen, geldgierige Pyschologen, Drogen, eine Fastfoodsucht und ein Selbstmordversucht, Schreibblockaden, reihenweise unveröffentlichte Werke und dann ungezählt viele Welthits in den 60er Jahren. Beach Boys, das klingt immer nach den lustigen und unschuldigen Surfer-Songs, mit denen man als Kind zum ersten Mal in Kontakt kommt (als Alf zum ersten Mal im deutschen Fernsehen lief und da Help me Rhonda sang, kannte man das Lied seit Jahren). Nicht nur Brian Wilson sieht das vermutlich so: wenn man als Kind mit Musik in Kontakt kommt, wird man irgendwann zu dem Urteil kommen, daß die Beatles und die Beach Boys nicht nur im Alphabet nah beieinander sind, es sind die ersten beiden (größten) Pop-Bands, die man kennenlernt.

Pet sounds, Wilsons als solches geplantes Meisterwerk, wurde im Mai 50. Dieses Jubiläum feiert der Amerikaner mit Konzerten, auf denen er mit einer riesigen Band Pet sounds komplett spielt. Brian Wilsons Brüder und Bandkollegen Dennis und Carl leben schon lange nicht mehr, Cousin Mike Love geht mit einer (offenbar extrem unwürdigen) eigenen Interpretation seiner Beach Boys Vergangenheit auf Tour. Das Risiko, daß auch der Brian Wilson-Auftritt grausam werden würde, war groß. Ich enthscied mich aber trotzdem dafür - und damit gegen all die verlockenden Alternativen und stand umringt von Pet sounds-Shirts tragenden Menschen vor der Hauptbühne.

Bevor etwas passierte stellte jemand aus dem Bandumfeld eine Stoffgiraffe auf eines der Keyboards und machte ein Foto von Tier und Publikum. Um kurz vor acht liefen reihenweise Musiker auf, elf insgesamt. Kurz danach kam Brian Wilson, der leichenblaß aussah und sich an seinen Flügel setzte, auf den ein Helfer einen Bildschirm stellte. Dadurch war die meiste Zeit nur die Stirn des Komponisten zu sehen, da Wilson aber alles mitsang, brauchte er den Bildschirm wohl. 

Der Gesang kam - Beach Boys-Standard - von mehreren Sängern. Al Jardine, der Schuldfreund von Brian, der seit der Gründung dabei ist und ein wenig wie Wolfgang Overath aussieht, ist einer der Sänger. Sein Sohn Matt, der in der zweiten Reihe stand, singt alle hohen Töne. Brian Wilsons Stimme ist sehr kaputt, das kann man nicht schönreden. Bei seinen Ansagen klang sie manchmal lallend. Das hätte vielleicht ein Grund sein können, gleich wieder zu gehen, mir war das aber sofort egal, als ich die Begeisterung um mich herum spürte. Und auch wenn ich kein Beach Boys Ultra bin und nur mit der Musik der Kalifornier große geworden bin, erfasste die mich auch sofort. Ich empfand Brian Wilsons Zustand nicht als peinlich. Er ist alt, ganz offensichtlich in einem gesundheitlich schlechtem Zustand (der nicht nur am Alter liegt). Aber man spürte eben auch die Musikliebe des Manns, der sich diese Tour mit 100 mio verkauften Alben sicher nicht aus Geldgier antut, in jedem Takt. Manchmal wirkte das auf mich, wie ein sehr stolzes Kind, das den Großeltern eine Geschichte vorliest, die es geschrieben hat. Brian Wilson sagte zu vielen der Lieder kurze Einleitungen. Let's go away for awhile kündigte er als "a real treat for you" an. "A song with no voices, no voices!"

Das wiederholte er bei Pet sounds, I just wasn't made for these times lobte er für die "real good lyrics".

Auch wenn mich während des Konzerts immer mal wieder kleine todtraurige Momente packten, war der Auftritt ein großes Vergnügen. Natürlich waren auch immer musikalische Sachen dabei, die ich nicht mag - am schlimmsten waren die schrecklichen Gitarrensoli bei Sail on, sailor, ich fühlte mich aber schnell goldrichtig mit meiner Entscheidung, daß das Konzert nicht nur wegen der vermutlich einmaligen Chance, Brian Wilson zu sehen, eine Pflichtveranstaltung war.

Nach Pet sounds folgten weitere 40 Minuten Beach Boys, beginnend mit Good vibrations, das (wenn ich das richtig weiß - ungegoogelt) die Plattenfirma nicht mehr aufs Album packen wollte. Dann vielleicht das musikalisch schönste Lied der Band Surfer girl und am Ende Hit für Hit.

Wenn die Primavera-Macher unsicher gewesen sein sollten, ob es eine gute Idee war, Brian Wilsons Beach Boys-Songs um 20 Uhr auf der größten Bühne ihres Indie-Festivals spielen zu lassen (und dafür bei 13 Musikern sicher kein so kleines Budget auszugeben), brauchten sie sich nur die Masse an Menschen anzugucken, die die Show verfolgte. Und die glücklichen Gesichter der Menschen.

Es hätte alles schrecklich schlimm sein können und hat mich auch viel mehr bewegt als gewöhnliche Konzerte, der Nostalgieabend mit Brian Wilson war aber etwas, an das ich mich auch in Jahren noch erinnern werde. Einer dieser typischen Primavera-Momente, die kein anderes Festival hinbekommt.

Setlist, Brian Wilson, Primavera Festival: 

Pet sounds:
01: Wouldn't it be nice
02: You still believe in me
03: That's not me
04: Don't talk (Put your head on my shoulder)
05: I'm waiting for the day
06: Let's go away for awhile
07: Sloop John B
08: God only knows
09: I know there's an answer
10: Here today
11: I just wasn't made for these times
12: Pet sounds
13: Caroline, no 

14: Good vibrations
15: Surfer girl
16: Don't worry baby
17: Monster mash
18: Wild honey
19: Sail on, sailor
20: California girls
21: I get around
22: Help me Rhonda
23: Surfin' USA
24: Fun fun fun



Mehr Fotos später!



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