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19:09
Konzert: Sigur Rós
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona
Datum: 04.06.2016
Dauer: knapp 90 min
Zuschauer: tausende
Sigur Rós ist eine dieser Bands, denen man verfallen sein muß, um sie zu lieben. Man geht nicht zu Sigur Rós, um mal reinzuhören und sich eine Weile unterhalten zu lassen. Dafür ist die Musik der größten isländischen Band viel zu nervig, wenn man sie eben nicht extrem gerne mag.
Bei den letzten Liedern des Primavera-Konzerts stand ein Spanier hinter mir, der jede Zeile mitsang. Jede einzelne. Auch bei den Liedern in Hopelandic, der bandeigenen Phantasie-Sprache. Wenn man die Gruppe mag, dann richtig.
Vor Sigur Rós hatte PJ Harvey ein eindrucksvolles Konzert auf der gegenüber liegenden Heineken-Bühne gespielt. Dabei war schon das Bühnenbild, in meiner Facebook-Timeline perfekt als riesiges Ikea-Expedit-Regal beschrieben, ein Knüller. Bei Sigur Rós waren zuerst nur Metall-Streben, die von der Mitte des Bühnenhintergrunds nach vorne strahlten, zu sehen. Wie eine um 90° gedrehte und sehr hübsch designte Wäschespinne. Als es um Mitternacht losging, war die Bühne vorne von einer Art Metallvorhang bedeckt, auf der bunte Lichtinstallationen zu sehen waren. Die Band - drei Musiker - stand dicht an dicht in der Mitte ganz hinten und war durch diese Metall-Licht-Sache nur schemenhaft zu sehen.
Das erste Lied zu diesem visuell verhutschelten Anfang war etwas Neues. Óveður. Ich kann nicht viel dazu sagen, weil einfach zu viel gleichzeitig passierte, um die Aufmerksamkeit auf ein neues Stück zu lenken. Während dieser Ouvertüre schossen immer wieder Lichtblitze dreidimensional durch die Bühne, es war eindrucksvoll (viel bessere Lichteffekte als bei Joffreys Hochzeit!).
Beim zweiten Stück (Starálfur von Ágætis byrjun) liefen blaue Linien dreidimensional über und durch die Bühne. Es sah aus wie ein gigantischer Windows-Bildschirmschoner, in dem drei Musiker spielten.

Bei Sæglópur (Takk...) fuhr das Gitter nach oben, die drei Musiker verließen ihren winzigen Platz hinten und kamen nach vorne und nutzten dort die ganze Breite der Bühne. Daß Sigur Rós zur Zeit live nur zu dritt auftreten, ohne Orchester, ohne Streicher, ohne Gäste, hatte ich vor dem Konzert gelesen. Jón Þór Birgisson mit seiner gestrichenen Gitarre, Bassist Georg Hólm und Schlagzeuger Orri Páll Dýrason, das war alles. Natürlich bedeutet das, daß vieles vom Band kommen muß, damit die Stücke so klingen wie auf Platte oder groß besetzten Konzerten. Ich empfand das aber nicht als problematisch, ich habe Sigur Rós schon mit unzähligen Musikern erlebt, und egal wie viele Menschen auf der Bühne stehen und Glöckchen bedienen, im Mittelpunkt stehen nun einmal Jónsis Stimme, seine mit Geigenbogen gestrichene Gitarre und das wahnsinnig tolle Schlagzeug.

Das Set war ein klassisches Best-of mit Liedern von allen Platten außer Valtari. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten spielen Sigur Rós auf dieser Tour wieder Starálfur live (zuletzt vorher 2007), der Rest war nicht weiter überraschend. Aber meinetwegen könnten Sigur Rós auch anderthalb Stunden lang Rezepte für Lundi süßsauer vertonen, ich fände es großartig! Und der Mann hinter mir hätte auch die mitgesungen.
Sigur Rós nachts bei einem Festival... viel mehr geht livemusikalisch nicht. Die erhabene Schönheit der Lieder der Band wirken auf live und vor allem laut so viel besser als auf einer Hifi-Anlage. Am Ende des Konzerts stand eine Zugabe, das fast 15-minütige Popplagið. Perfekt! Ich hätte mir schon noch Moderat sofort im Anschluß angesehen. Aber nach diesem Ende hätte das nicht mehr richtig viel Spaß gemacht.
Setlist, Sigur Rós, Primavera Festival:
01: Óveður
02: Starálfur
03: Sæglópur
04: Glósóli
05: Vaka
06: Ný batterí
07: E-bow
08: Festival
09: Yfirborð
10: Kveikur
11: Hafsól
12: Popplagið (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- Sigur Rós, Düsseldorf, 25.11.13
- Sigur Rós, Frankfurt, 24.11.13
- Sigur Rós, Esch-sur-Alzette, 23.11.13
- Sigur Rós, Larmer Tree Gardens, 31.08.13
- Sigur Rós, Rom, 28.07.13
- Sigur Rós, Hilvarenbeek, 23.06.13
- Sigur Rós, Wien, 04.09.12
- Sigur Rós, Paris, 15.11.08
- Sigur Rós, Köln, 11.08.08
um
17:22
Konzert: A.R. Kane
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona
Datum: 04.06.2016
Dauer: 30 min
Zuschauer: 400 vielleicht
A.R. Kane gelten als eine der wichtigsten unterschätzten Bands der späten 80er und frühen 90er Jahre. Ich schreibe das gleich an den Anfang, weil auch mir die Band vollkommen durch die Lappen gegangen ist. A.R. Kane haben den Begriff Dreampop eingeführt, waren bei 4AD zu einer Zeit, als das das Label all meiner Lieblingsbands war und gelten als Wegbereiter des Shoegaze oder auch des Triphop. Und - auch das wusste ich nicht oder nicht mehr - sie waren die eine Hälfte hinter M|A|R|R|S und Pump up the volume, dem größten Erfolg von 4AD (eine Nummer eins in den britischen Singlecharts) und damit auch eine wichtige Kraft für den Erfolg des Acid House in Europa.
All das hatte ich nicht im Kopf, als ich im Innenhof des Zentrums für zeitgenössische Kultur (oder so) in der Innenstadt Barcelonas im Schatten saß, nachdem Die Katapult ihr wundervollen Konzert beendet hatten und eigentlich nur auf Freunde und dann Robert Forster warten wollte.
Was da von der Bühne kam, klang gar nicht schlecht! Das erste Lied war ruhig, sphärisch und passte perfekt zu Tageszeit und Ort. Ich hatte den Auftritt eigentlich ignorieren und stattdessen meinen Festivaltag planen wollen - und wollte dabei nicht zu sehr gestört werden. Aber die Musik da vorne zog mich immer mehr in ihren Bann. Spätestens beim dritten Lied When you're sad hatten mich A.R. Kane. When you're sad von 86 könnte eine Blaupause für so viele Shoegaze-Helden sein und war für mich der beste musikalische Moment des Festivals. Nachmittags um 14:15 Uhr.
A.R. Kane waren ursprünglich Alex Ayuli und Rudy Tambala. Beim Primavera trat Rudy mit seiner Schwester Maggie und einem dritten Musiker (Andy Taylor vermutlich) auf.
Natürlich war eine halbe Stunde viel zu wenig für einen richtigen Eindruck. Aber den "echten" Auftritt hatte ich ja leider verpasst (da hatte ich Air gesehen! Air!). Aber das ist ja einer der vielen Vorteile des Primavera Festivals, es gibt häufig zweite Chancen!
Und ein wenig beruhigte mich hinterher, daß ich erst nach dem Konzert gemerkt habe, was für pophistorisch wichtige Musik ich gerade gehört hatte. Und daß die mich auch ganz unbedarft sehr begeistert hat.
Setlist, A.R.Kane, Primavera Festival:
01: Spermwhale trip over
02: So blue
03: When you're sad
04: Sweet dreams
05: Love from outer space
um
12:00
Konzert: Explosions In The Sky
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona
Datum: 01.06.2016
Dauer: knapp 60 min
Zuschauer: einige tausend

Als Kind hatte ich eine Idee für Wetten Dass??? Ich war überzeugt davon, nur anhand des Geschmacks herauszufinden, aus was für einer Flasche oder Dose Fanta stammen würde, die ich vorgesetzt bekäme. Ich fand meine Wette nicht ganz fair, weil es ja wahnsinnig einfach war, Fanta aus Dosen, 0,2 l, 0,33 l oder 0,5 l Glas-, Plastik- oder den großen Glasflaschen, die es damals noch gab, zu unterscheiden. Weil die Sendung zu eklig und mein Sendungsbewußtsein zu klein waren, habe ich mich aber nie beworben. Im kleineren Rahmen haben wir den Fanta-Test Jahr(zehnt)e später an einem Silvesterabend nachgeholt, als das Flaschen- und Dosenangebot bei weitem nicht mehr so groß wie in der goldenen Fanta-Zeit in den 80ern war, als es noch Kräuter- und vor allem Apfel-Fanta gab (deren Verschwinden ein Verbrechen ist!). Mit nur drei oder vier Fanta-Proben war es natürlich vollkommen unmöglich, die nicht unterscheiden zu können! Trotzdem weiß ich bis heute nicht, ob ich das auch wirklich mit sieben oder acht gleichen Fantas aus unterschiedlichen Quellen gekonnt hätte oder ob Limo aus Dosen nur deshalb nach Dose schmeckt, weil unser Kopf das so erwartet. So wie er bei einer 0,2 l Fanta automatisch diesen Geschmack der Flüssigkeit mit dem abgesetzten Kram in den kleinen Flaschen vorhersieht. Am leckersten war Fanta damals übrigens aus den grünen 0,5 l Flaschen.

Mit Explosions In The Sky ist es irgendwie genauso. Ich bin felsenfest davon überzeugt, daß die texanische Band auf dem Primavera-Festival am besten ist. Genau wie Beach House oder The xx. Das sind Bands, die mir in Hallen oder Clubs oder bei anderen Festivals hervorragend gefallen, die aber eben nachts in Barcelona noch drei Nummern besser sind. Auch da kann mein Hirn fantasieren, das glaube ich aber nicht. Die sphärischen Klänge dieser Bands, seien es elektronische (The xx), eine Stimme (Beach House) oder euphorische Gitarren (Explosions In The Sky), passen perfekt zum Primavera-Gelände zwischen den modernen Hochhäusern und dem Meer, zum klaren Himmel, zu den T- und Poloshirts mitten in der Nacht.

Explosions In The Sky spielten nach den langweiligen Air auf der Hauptbühne. Für den frühen Headliner-Slot wieder einmal eine gewagte oder kreative Ansetzung. Eine Postrockband zur besten Zeit auftreten zu lassen und nicht auf eine der eher nerdigen Bühnen zu verbannen, ist typisch Primavera. Weil sich die Massen schon früh für Tame Impala auf der gegenüberliegenden H&M oder dann nach Explosions In The Sky für LCD Soundsystem an der Heineken-Bühne gesammelt hatten, kamen vermutlich auch viele in den Genuß die Instrumental-Amerikaner zu sehen, ohne sie zu kennen. Denen boten sich ein paar Typen, die mit ihren Gitarren atemberaubende Soundwälle erzeugten, dabei das Tempo variierten wie ein guter Radrennfahrer, der seine Gegner zermürben will. In atemberaubender Schönheit!
Sonderlich komplex ist die Musik der Texaner nicht. Aber trotz der Einfachheit der Melodien ist sie nicht banal und wird erstaunlicherweise niemals langweilig. Bei Air hatte ich noch eine Konzertnachbarin, die ihren Kopf an ihren Freund gelegt hatte und weggenickt war. Die Stücke von Explosions In The Sky sind vermutlich viel zu erhaben, um zum Einschlafen zu ermutigen.
EITS spielten viele Stücke ihres letzten Albums The Wilderness, das im April erschienen ist. Ich kannte es natürlich noch nicht, das war aber auch vollkommen egal. Eigentlich war sogar egal, was für Stücke die Band spielte. Alles wäre toll gewesen! Ein ganz besonderer Knüller war aber das Abschlußstück The only moment we were alone mit seinem irren Ende!
Fanta trinke ich seit vielen Jahren nur noch in Ausnahmefällen. Explosions In The Sky werde ich auch bei ihrem nächsten Primavera-Auftritt wieder sehen!
Setlist, Explosions In The Sky, Primavera Festival:
01: Wilderness
02: The birth and death of the day
03: The ecstatics
04: Catastrophe and the cure
05: Colors in space
06: Your hand in mine
07: Disintegration anxiety
08: The only moment we were alone
Links:
- aus unserem Archiv:
- Explosions In The Sky, Paris, 30.01.12
- Explosions In The Sky, Haldern, 13.08.11
- Explosions In The Sky, Barcelona, 27.05.11
- Explosions In The Sky, Paris, 20.05.11
um
18:02
Konzert: Daughter
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona
Datum: 02.06.2016
Dauer: knapp 60 min
Zuschauer: viele tausend
Als ich vor ein paar Jahren mit Daughter über die langsam größer werdenden Säle gesprochen hatte und die wenig mutige Prognose geäußert hatte, daß die Bühnen riesig würden, die sie in den nächsten Jahren bespielen würden, guckten mich Elena, Igor und Remi lachend an. Jetzt ist die Band aus London genau da angekommen, auf den Festival-Hauptbühnen. Da, wo in Barcelona später noch LCD Soundsystem oder Radiohead spielen sollten.
Sound und Erscheinung haben sich kaum geändert seit damals. Elena ist zwar weniger schüchtern, die meisten Ansagen übernimmt aber weiterhin Gitarrist Igor, der gebürtige Schweizer.
Was genau den Reiz der Musik von Daughter für mich ausmacht, kann ich schwer greifen. Elenas wundervolle, tiefe Stimme und die fantastischen Gitarren sind sicher Hauptgrund der Faszination der Musik der Band. Auch wenn ich keinen Ahnung von Schlagzeugen haben, ist aber auch Remis Anteil am herrlichen Sound nicht zu unterschätzen. Die drei haben früh ihren Klang gefunden und perfektionieren den seitdem.
Wie schon in Köln im Januar waren es aber nicht nur die drei Musiker auf der Bühne. Live werden Daughter von Lucy Parnell an Keyboard und Bass unterstützt. Immer mal wieder singt Lucy auch zweite Stimme. Ob sich das auf die Songs der zweiten Platte beschränkt, weiß ich nicht.

Im Januar in der Live Music Hall hatte die Londoner Band noch gleich viele Lieder von den beiden Alben gespielt, mich hatte das bei der Tour zur zweiten Platte überrascht. Von den fünf Liedern, die im Vergleich zur Köln-Setlist fehlten, waren vier alt - Winter, Amsterdam, Shallows und Home. Ansonsten spielt die Band das gleiche Grundgerüst wie damals. Obwohl das schrecklich langweilig sein muß, was nichts negativ Routiniertes auszumachen, ganz im Gegenteil. Die Sängerin hatte blendende Laune und strahlte. Die Daughters sahen allerdings aber auch verdammt müde aus. Sie hatten bereits vor und nach der ersten Platten endlos getourt und sind auch mit Not to disappear schon lange unterwegs (incl. Nordamerika und Asien). Zwei Top-20-Plätze in den britischen Album-Charts hätten früher vermutlich gute Einnahme-Quellen dargestellt - für Band und Label. Heute jagt man Bands immer und immer wieder um den Globus, weil von den Platten niemand leben kann.

Hoffentlich finden Daughter zwischen all dem Touren auch Zeit für Ideen für neue Lieder. So weit ich weiß, hat die Band bisher nichts Neues gespielt.
Ob die Bühnen noch größer werden? Ich weiß es nicht. Ich würde es Elena, Remi und Igor gönnen.
Setlist, Daughter, Primavera Festival:
01: How
02: Tomorrow
03: Numbers
04: Alone / With you
05: Human
06: Doing the right thing
07: No care
08: Smother
09: New ways
10: Youth
11: Fossa
Links:
- aus unserem Archiv:
- Daughter, Mannheim, 05.06.16
- Daughter, Köln, 31.01.16
- Daughter, Larmer Tree Gardens, 31.08.13
- Daughter, Mannheim, 31.05.13
- Daughter, Frankfurt, 16.04.13
- Daughter, Köln, 08.04.13
- Daughter, Brüssel, 04.04.13
- Daughter, Luxemburg, 10.11.12
- Daughter, Paris, 07.11.12
- Daughter, Haldern, 11.08.12
- Daughter, Haldern, 11.08.12
um
17:25
Konzert: Lush
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona (Hidden Stage)
Datum: 03.06.2016
Dauer: knapp 60 min
Zuschauer: 300 ("ausverkauft")
Ein weiteres Geständnis aus meinem kleinen Lush-Universum: vor ziemlich genau drei Jahren hatte ich die Idee, endlich etwas zu unternehmen, damit meine Lieblingsband sich wiedervereinigt. Ich würde einen Brief (also ein mail) an Miki Berenyi schreiben und ihr eine Crowdfunding-Kampagne vorschlagen, um am 13.06.2014 den 20. Geburtstag von Split mit einem Konzert in London zu feiern. Das Konzert sollte bereits im Vorfeld durch eingesammelte Fangelder finanziert werden. Arbeitstitel der Idee: Lush (Un)Split. Charmant beim Crowdfunding ist nicht nur der direkte Weg des Gelds vom Fan zum Künstler, ohne, daß fünf Zwischenstationen mitverdienen möchten. Toll finde ich vor allem die Möglichkeiten, Extra-Gimmicks zu verkaufen. Eine Liste mit möglichen Paketen hatte ich natürlich erstellt.
Mikis berufliche mail-Adresse konnte ich recherchieren, das Schreiben war auch schnell fertig, allein, ich schickte es niemals los. "Es hätte auch nichts geholfen, wir wollten niemals nur eine einmalige Sache", beruhigte mich Emma Anderson vor dem Konzert beim Primavera, als ich sie und Bassist Phil King interviewen konnte.
Als sich die Hinweise spätestens im vergangenen Jahr konkretisierten, daß es eine Lush-Reunion geben würde, war ich vollkommen sicher, daß das Primavera dabei zumindest die Finger im Spiel haben würde. Die spanischen Festival-Macher mit dem tollen Musikgeschmack hatten großen Anteil an den Reunions von My Bloody Valentine, Slowdive und Ride. Als wir auf der letzten Metro-Fahrt nach dem Festival 2015 wie immer unsere Vorhersagen machten, wer 2016 beim Primavera spielen würde, war meine Liste

Lush fingen irgendwann an, Konzerte anzukündigen. Das Primavera fehlte. Als das Festival dann seinen großen Schwung Bands bekanntgab, fehlte Lush immer noch. Mir war das ein Rätsel, zumal die Briten plötzlich am gleichen Wochenende das This is not a love song Festival spielen würden. Das ist, als gäbe es den Zuckerwatte-Stand nicht auf der Kirmes sondern ein paar Straßen weiter in der Metzgerei, das macht einfach keinen Sinn. Als letzte Nachzügler wurden dann noch die sechs Konzerte der kleinen Heineken Hidden Stage angekündigt und siehe da, Lush war dabei. Aber eine Band, die so gut ins eigene Konzept passt, auf der 300er Bühne unter der Erde ansetzen? Das war eine ganz schöne Verschwendung.

Lush spielten am Freitag parallel u.a. zu Savages. Der schlimmstmögliche Clash. Noch schlimmer war, daß man für die Konzerte auf der Hidden Stage Tickets reservieren muß. Wir waren gut eine halbe Stunde vor Öffnung des Geländes da und mussten rennen. Der Infostand, an dem es die gratis Reservierungen gab, war sofort überlaufen, es bildete sich eine riesige Schlange. Wir bekamen unsere Tickets und waren um halb acht im Parkhaus unter dem Primavera-Bühnen-Vorplatz.

Daß den Streß mit den Tickets kein Laufpublikum mitgemacht hatte, war eigentlich klar. Als das Konzert begann, wurde das bestätigt. Zwei Reihen vor mir stand ein Spanier, der eine Stunde lang verzückt die Arme bewegte, überall glückliche Gesichter. Wenn ich bei der Lush-Reunion ein Haar in der Suppe gesucht hätte, wäre es höchstens die gleichbleibende Setlist gewesen. Bei meinen drei Londoner Konzerten war sie nämlich immer exakt gleich. Beim deutlich kürzeren Primaverakonzert flogen zwangsläufig ein paar Lieder raus. Aber vor allem die Reihenfolge wurde kräftig durchgerüttelt. Desire lines, eine der Zugaben bisher, kam ziemlich früh und war wieder einmal einer der Stars im Set. Kiss chase, Hypocrite, Thoughtforms, Light from a dead star und Desire lines nacheinander - wow!
Auch die Art, wie einige der Lieder gespielt wurden, war anders. Besonders auffallend war das bei Ladykillers von der von der Band wenig geliebten letzten Platte. "Do you want a shoegaze or a britpop song?" frage Miki vorher. "Well, this song isn't very shoegazing!" Aber er war auch nicht so wie immer. Es war jetzt vielmehr punkig und eine ganze Ecke schneller als zuletzt.
Bei meiner kurzen Interview vorher hatte ich Emma und Phil gefragt, wie ihre Planung mit Lush sei. Ein Album sei schon ihr Wunsch. Ansonsten lasse man mal alles auf sich zukommen. Ich hoffe sehr, daß die Lust der Band noch eine Weile andauert. Für zwei Konzerte habe ich noch Tickets, die Lust reicht noch eine Ecke weiter. Und - ein weiteres kleines Geständnis - ich möchte Lush noch für künftige spanische Konzerte Linda Guilala als Vorgruppe empfehlen. Alleine dafür müssen sie also noch ein wenig live aktiv bleiben.
Setlist Lush, Primavera Sound Festival, Barcelona:
01: De-luxe
02: Lit up
03: Kiss chase
04: Hypocrite
05: Thoughtforms
06: Light from a dead star
07: Desire lines
08: Breeze
09: Etheriel
10: Scarlet
11: Out of control
12: For love
13: Ladykillers
14: Downer
15: Sweetness and light
Links:
- aus unserem Archiv (daß ich das mal schreiben kann!):
- Lush, London, 07.05.16
- Lush, London, 06.05.16
- Lush, London, 11.04.16
um
18:14
Konzert: Julien Baker
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona
Datum: 02.06.2016
Dauer: genau 30 min
Zuschauer: ein paar hundert
In unserer Reisegruppe wurde Donnerstag beim Frühstück über das Genre "einzelne Frau mit Gitarre" gesprochen. Diese traurigen Frauen klängen doch alle gleich (was für das Schwesterngenre "einzelner Mann mit Gitarre" natürlich auch gilt). Für mich klangen die wenigen Dinge, die ich von Julien Baker mitbekommen hatte, trotzdem spannend genug, dafür auf irgendetwas anderes zu verzichten (das muß man nämlich fast immer).
Es gibt eine NPR's music tiny desk Aufnahme von Julien Baker, auf der sie das neue Lied Funeral pyre spielt und damit ankündigt, daß das Stück nur einen Arbeitstitel habe "sad song number eleven" - "Because I had ten sad songs before." Für fröhliche, tanzbare Musik kämen ja später noch LCD Soundystem ergänzte die 20jährige Sängerin aus Tennessee.
Die Stücke der Amerikanerin sind schon recht trüb, sie sind aber nicht spröde und langweilig. Natürlich hat man Ähnliches schon oft gehört, mich packte das Konzert aber trotzdem. Julien Baker war früher Mitglied einer Band (The Star Killers), ich bin aber nicht sicher, ob mir ihre Stücke mit Begleitern nicht zu aufgeblasen wären. Ihr Stimme, die Gitarre und ein paar Loops recihten mir vollkommen aus, um ein sehr schönes Konzert zu erleben (und heute noch mal hinzufahren). Neben Assoziationen, die auf der Hand liegen (Torres, Waxahatchee) erinnerte mich ihre Musik bei Vessels zum Beispiel auch an Daughter.
Ein paar Chancen gibt es noch, die Amerikanerin live zu erleben, sie spielt heute abend in Frankfurt, Mittwoch in Dortmund und Donnerstag in Köln, bevor am 14.06. ihre Deutschland-Tour in Berlin endet.
Setlist, Julien Baker, Primavera Festival:
01: Sprained ankle
02: Everybody does
03: Vessels
04: Rejoice
05: Funeral pyre
06: Good news
07: Something
um
12:24
Konzert: Brian Wilson performs Pet Sounds
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona
Datum: 04.06.2016
Dauer: 80 min
Zuschauer: tausende (vor der Hauptbühne)
Es war das Konzert, vor dem ich am meisten Angst hatte beim Primavera-Festival. Was würde schlimmer sein? Brian Wilson zu verpassen? Oder ihn zu sehen?
Die Geschichte des genialen Kopfs der Beach Boys ist bekannt und zuletzt in Love & Mercy (2014) verfilmt worden. Psychische Erkrankungen, geldgierige Pyschologen, Drogen, eine Fastfoodsucht und ein Selbstmordversucht, Schreibblockaden, reihenweise unveröffentlichte Werke und dann ungezählt viele Welthits in den 60er Jahren. Beach Boys, das klingt immer nach den lustigen und unschuldigen Surfer-Songs, mit denen man als Kind zum ersten Mal in Kontakt kommt (als Alf zum ersten Mal im deutschen Fernsehen lief und da Help me Rhonda sang, kannte man das Lied seit Jahren). Nicht nur Brian Wilson sieht das vermutlich so: wenn man als Kind mit Musik in Kontakt kommt, wird man irgendwann zu dem Urteil kommen, daß die Beatles und die Beach Boys nicht nur im Alphabet nah beieinander sind, es sind die ersten beiden (größten) Pop-Bands, die man kennenlernt.
Pet sounds, Wilsons als solches geplantes Meisterwerk, wurde im Mai 50. Dieses Jubiläum feiert der Amerikaner mit Konzerten, auf denen er mit einer riesigen Band Pet sounds komplett spielt. Brian Wilsons Brüder und Bandkollegen Dennis und Carl leben schon lange nicht mehr, Cousin Mike Love geht mit einer (offenbar extrem unwürdigen) eigenen Interpretation seiner Beach Boys Vergangenheit auf Tour. Das Risiko, daß auch der Brian Wilson-Auftritt grausam werden würde, war groß. Ich enthscied mich aber trotzdem dafür - und damit gegen all die verlockenden Alternativen und stand umringt von Pet sounds-Shirts tragenden Menschen vor der Hauptbühne.
Bevor etwas passierte stellte jemand aus dem Bandumfeld eine Stoffgiraffe auf eines der Keyboards und machte ein Foto von Tier und Publikum. Um kurz vor acht liefen reihenweise Musiker auf, elf insgesamt. Kurz danach kam Brian Wilson, der leichenblaß aussah und sich an seinen Flügel setzte, auf den ein Helfer einen Bildschirm stellte. Dadurch war die meiste Zeit nur die Stirn des Komponisten zu sehen, da Wilson aber alles mitsang, brauchte er den Bildschirm wohl.
Der Gesang kam - Beach Boys-Standard - von mehreren Sängern. Al Jardine, der Schuldfreund von Brian, der seit der Gründung dabei ist und ein wenig wie Wolfgang Overath aussieht, ist einer der Sänger. Sein Sohn Matt, der in der zweiten Reihe stand, singt alle hohen Töne. Brian Wilsons Stimme ist sehr kaputt, das kann man nicht schönreden. Bei seinen Ansagen klang sie manchmal lallend. Das hätte vielleicht ein Grund sein können, gleich wieder zu gehen, mir war das aber sofort egal, als ich die Begeisterung um mich herum spürte. Und auch wenn ich kein Beach Boys Ultra bin und nur mit der Musik der Kalifornier große geworden bin, erfasste die mich auch sofort. Ich empfand Brian Wilsons Zustand nicht als peinlich. Er ist alt, ganz offensichtlich in einem gesundheitlich schlechtem Zustand (der nicht nur am Alter liegt). Aber man spürte eben auch die Musikliebe des Manns, der sich diese Tour mit 100 mio verkauften Alben sicher nicht aus Geldgier antut, in jedem Takt. Manchmal wirkte das auf mich, wie ein sehr stolzes Kind, das den Großeltern eine Geschichte vorliest, die es geschrieben hat. Brian Wilson sagte zu vielen der Lieder kurze Einleitungen. Let's go away for awhile kündigte er als "a real treat for you" an. "A song with no voices, no voices!"
Das wiederholte er bei Pet sounds, I just wasn't made for these times lobte er für die "real good lyrics".
Auch wenn mich während des Konzerts immer mal wieder kleine todtraurige Momente packten, war der Auftritt ein großes Vergnügen. Natürlich waren auch immer musikalische Sachen dabei, die ich nicht mag - am schlimmsten waren die schrecklichen Gitarrensoli bei Sail on, sailor, ich fühlte mich aber schnell goldrichtig mit meiner Entscheidung, daß das Konzert nicht nur wegen der vermutlich einmaligen Chance, Brian Wilson zu sehen, eine Pflichtveranstaltung war.
Nach Pet sounds folgten weitere 40 Minuten Beach Boys, beginnend mit Good vibrations, das (wenn ich das richtig weiß - ungegoogelt) die Plattenfirma nicht mehr aufs Album packen wollte. Dann vielleicht das musikalisch schönste Lied der Band Surfer girl und am Ende Hit für Hit.
Wenn die Primavera-Macher unsicher gewesen sein sollten, ob es eine gute Idee war, Brian Wilsons Beach Boys-Songs um 20 Uhr auf der größten Bühne ihres Indie-Festivals spielen zu lassen (und dafür bei 13 Musikern sicher kein so kleines Budget auszugeben), brauchten sie sich nur die Masse an Menschen anzugucken, die die Show verfolgte. Und die glücklichen Gesichter der Menschen.
Es hätte alles schrecklich schlimm sein können und hat mich auch viel mehr bewegt als gewöhnliche Konzerte, der Nostalgieabend mit Brian Wilson war aber etwas, an das ich mich auch in Jahren noch erinnern werde. Einer dieser typischen Primavera-Momente, die kein anderes Festival hinbekommt.
Setlist, Brian Wilson, Primavera Festival:
Pet sounds:
01: Wouldn't it be nice
02: You still believe in me
03: That's not me
04: Don't talk (Put your head on my shoulder)
05: I'm waiting for the day
06: Let's go away for awhile
07: Sloop John B
08: God only knows
09: I know there's an answer
10: Here today
11: I just wasn't made for these times
12: Pet sounds
13: Caroline, no
14: Good vibrations
15: Surfer girl
16: Don't worry baby
17: Monster mash
18: Wild honey
19: Sail on, sailor
20: California girls
21: I get around
22: Help me Rhonda
23: Surfin' USA
24: Fun fun fun
Mehr Fotos später!
um
22:45
Konzert: Robert Forster
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona (CCCB)
Datum: 04.06.2016
Dauer: 38 min
Zuschauer: ein paar hundert
Als einige Minuten vor dem Konzertbeginn von Robert Forster noch im Halbschatten rumdämmerte, sagte der Australier, der seit ein paar Minuten auf der Bühne stand, daß er jetzt anfange. Die angesetzte halbe Stunde am Samstagnachmittag reichte dem Sänger der Go-Betweens wohl nicht. Genausowenig war er mit der Idee des Festivals einverstanden, seinen Zusatzauftritt solo und mit akustischer Gitarre zu bestreiten. "Ich habe eine Band dabei, also spiele ich auch mit der."

Seit wir zum Primavera fahren, sind die Konzerte außerhalb des Festivalgeländes am Samstag und Sonntag ein wirkliches Highlight. In den vergangenen Jahren fanden diese Nachmittags-Shows in einem Park statt. Als es im Vorfeld dieser Ausgabe hieß, statt im Grünen müssten wir jetzt in den Höfen rund ums Museum für zeitgenössische Kunst (MACBA) Bands gucken, klang das nach einer Verschlechterung. Die beiden Bühnen im Parc de la Ciutadella sind unerreicht, aber die neue Lösung im CCCB (Centre de Cultura Contemporània de Barcelona)ist wirklich auch nicht schlecht. In den beiden Innenhöfen sind Bühnen aufgebaut (Daypro und Martini), eine dritte befindet sich im Theatersaal des CCCB. Alles ist unmittelbar nebeneinander und angenehm luftig organisiert. Die Bands spielten am Nachmittag jeweils 30 Minuten, jeweils abwechselnd. Nur Robert Forster mochte sich eben nicht an diese Vorgaben halten und begann bereits acht Minuten früher.

Der Australier hatte vier Musiker dabei: seine Frau Karin Bäumler an der Violine, Schlagzeuger Chris O'Neill und die beiden Gitarristen bzw. Bassisten Luke McDonald und Scott Bromiley. Das Lied, das ich zunächst noch für den Soundcheck hielt, war eines von Roberts Soloalbum Songs to play von 2015 (Learn to burn). Später spielte er auch noch I can do von einer früheren Platte, der Rest der Songs stammte von den Go-Betweens.
Und wie toll die waren! Draining the pool for you oder Clouds oder Surfing magazines. Wow! Je länger das kurze Konzert dauerte, umso mehr bedauerte ich, nicht auch seinen Auftritt am Freitag im Auditori gesehen zu haben. Bei mehr als 80 Bands pro Tag kann man nicht immer alle Künstler sehen, die einen wirklich interessieren. Umso schöner, daß ein paar von denen dann auch noch einmal nachmittags spielen.
Ganz oft habe ich am Wochenende gelesen, wie großartig daß Primavera besonders deshalb ist, weil es oft komplett anders als andere Festivals bucht. Wer John Carpenter oder Brian Wilson zur besten Zeit auf den großen Bühnen auftreten lässt, verdient jedes Lob! Und der bucht dann eben auch Suede oder Mudhoney (die mir egal sind) für Gratis-Konzerte außerhalb des eigentlichen Programms oder eben musikalische Perlen wie den zusätzlichen Auftritt von Robert Forster!
Wo gibt es das schon, daß eines der besten Konzerte des Wochenendes mittags um drei ganz woanders stattfindet?
Setlist Robert Forster, Primavera Festival, Barcelona:
01: Learn to burn
02: Head full of steam (The Go-Betweens)
03: Born to a family (The Go-Betweens)
04: Draining the pool for you (The Go-Betweens)
05: I can do
06: Clouds (The Go-Betweens)
07: Surfing magazines (The Go-Betweens)
08: Too much of one thing (The Go-Betweens)
um
17:44
Konzert: Die Katapult
Ort: Primavera Festival, CCCB
Datum: 04.06.2016
Dauer: knapp 30 min
Zuschauer: vielleicht 150
Irgendwann im letzten Jahr hatte ich für etwas Elefant Aufzeichnungen in Madrid zu bitten. Da Spanien Porto so schrecklich teuer ist, ich versuche, Großaufträge hinzuzufügen. In diesem speziellen Fall, bestellte ich eine "eine unbekannte spanische Band die EP, weil ich mit Namen angezogen wurde. Das Katapult." 10 Catapult "oder" [dai] Katapult! "? Seltsam. Nach ein paar Tagen, die Platte Wein. Catapult ist ein Duo aus Elektro Madrid, gebildet von Anna Fredriksson und Elena Comas. Die Songs der EP haben nichts als schöne Melodien, sind die unbestrittenen Highlights der Buchstaben. Ana und Elena auf Deutsch singen, klar, aber ohne die Sprache zu kennen. Sie hören nicht direkt, welche Sprache Frauen zu singen, auch wenn bekannt ist.
Ich werde den nächtlichen Auftritt auf dem Festival verpassen, aber das Katapult wollte die Alternative einer Matinee um zu sehen, unbedingt blied. Der spanisch-schwedische Duo spielte bei 13 Uhr im Museum of Modern Art in der Mitte.
Zunächst folgt das Katapult sehr überschaubar Öffentlichkeit gespielt (13 Stunden!) Aber gefüllt. Sie begannen mit einem Song der EP, deutschen Fernsehen. Elena spielt Bass, Keyboards Anna, wechseln sich ab mit beiden singen. erkennen Textfragmente, die Liste der Probleme zu beenden schwierig ist. Viele der Songs kam aber von den Elefanten Aufzeichnungen EP und wusste. Mein Lieblings EP ist Brown, auch durch die Tatsache, dass Dynastie Fanfare passiert! Der bekannteste Song ist wahrscheinlich, aber Schweinsteiger, dessen Übersetzung der Aussagen von Bastian ist (etwas mit Chips).
Überraschenderweise einer der Songs in der Mitte des Satzes gut verstanden wurde, war der Text auf Französisch. Papier Kampf ist vielleicht eine Abdeckung, wurde mir klar, dass es nicht. Kein Gag deutschen Texten arbeiten auch das Katapult. Papier Kämpfen war ausgezeichnet, nur in einer etwas anderen Ebene.
Ich mochte die Leistung so viel Spaß, dass Ich mag das Katapult, um zu sehen, auch in Deutschland, glücklich zu sein! Olaf?
Das letzte Lied war wieder einmal im Besonderen. Ich liebe es, wenn Bands ihre eigene Hymne haben. (The Frank & Walters, Wenn Nalda wurde punk, Belle & Sebastian ...). Das Katapult katapultieren das Ende.
Das ist auch der Frühling ... DC diese Art von Edelsteinen auf dem Festival am Morgen hat! Wunderbar!
[Irgendwann im vergangenen Jahr hatte ich etwas bei Elefant Records in Madrid zu bestellen. Weil das Porto aus Spanien so schrecklich teuer ist, versuche ich, Sammelbestellungen hinzubekommen. In diesem konkreten Fall bestellte ich eine 10" EP einer mir unbekannten spanischen Band mit, weil mich deren Name reizte. Die Katapult. "Die Katapult" oder "die [dai] Katapult!"? Komisch. Nach ein paar Tagen kam die Platte. Die Katapult sind ein Elektro-Duo aus Madrid, bestehend aus Anna Fredriksson und Elena Comas. Die Lieder der EP haben schöne Melodien, der unbestreitbare Clou sind aber die Texte. Anna und Elena singen auf Deutsch, ganz eindeutig aber ohne Sprachkenntnisse. Man hört nicht direkt, in welcher Sprache die Frauen singen, auch nicht, wenn man es weiß.
Da ich den abendlichen Auftritt auf dem Festivalgelände verpassen werde, Die Katapult aber unbedingt sehen wollte, blied die Alternative einer Matinee. Das spanisch-schwedische Duo spielte um 13 Uhr am Museum für moderne Kunst in der Innenstadt.
Die Katapult spielten anfangs noch vor sehr überschaubarem Publikum (13 Uhr!), es füllte sich aber. Sie begannen mit einem Lied der EP, Deutsche TV. Elena spielt Bass, Anna Keyboard, mit dem Gesang wechseln sich beide ab. Textfetzen zu erkennen, um die Setlist mitzuschreiben, ist schwierig. Viele der Lieder stammten aber von der Elefant-Records-EP und die kannte ich ja. Mein Liebling der EP ist Braun, auch wegen der darin vorkommenden Denver-Clan-Fanfaren! Der bekannteste Song ist aber vermutlich Schweinsteiger, dessen Text aus Zitaten von Bastian besteht (nichts mit Chips).
Überraschenderweise war eines der Lieder in der Mitte des Sets gut verständlich, dessen Text ist auf französisch gewesen. Bouts de papier ist vielleicht ein Cover, erkannt habe ich es aber nicht. Ohne den Gag der deutschen Texte funktionieren Die Katapult genauso gut. Bouts de papier war hervorragend, nur eben auf einer etwas anderen Ebene.
Mir hat der Auftritt so viel Spaß gemacht, daß ich Die Katapult zu gerne einmal in Deutschland sehen würde! Olaf?
Das letzte Lied war noch einmal besonders. Ich liebe es, wenn Bands ihre eigene Hymne haben. (The Frank & Walters, When Nalda Became Punk, Belle & Sebastian...). Die Katapult spielten Die Katapult am Ende.
Auch das ist das Primavera... Gleich schon solche Perlen am Festival-Morgen! Wundervoll!]
Setlist, Die Katapult, CCCB, Barcelona:
01: Deutsche TV
02: Euromillionen
03: Sommer in Russland
04: Was machst Du hier
05: Frieden
06: Bouts de papier
07: Kristall Reinheit
08: Total beschissen
09: Braun
10: Schweinsteiger
11: Die Katapult
um
10:02
Konzert: John Carpenter
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona (Primavera Stage)
Datum: 02.06.2016
Dauer: 50 min
Zuschauer: Tausende
[Disclaimer: keine Ironie!] Als ich noch recht klein war und meine Eltern abends eingeladen waren, passte die 19-jährige Tochter von Freunden auf meine Schwester und mich auf. Im Fernsehen lief an dem Abend The Fog - Nebel des Grauens, den ich mit dem Babysitter gucken durfte. Ich liebte The Fog und seine herrlichen Gruselmomente, die Vorbild für Generationen von Filmen wie Scream wurden. Der Babysitter hielt die meiste Zeit das Sofakissen vors Gesicht und hatte panische Angst.
Vielleicht hat einer der Primavera-Booker ähnliche Kindheitserinnerungen, vielleicht sind die Organisatoren des besten großen Festivals aber auch einfach nur so unendlich viel cooler als ihre Kollegen und buchten den Regisseur von The Fog zur Headliner-Zeit auf die drittgrößte Bühne. Ich musste nachgucken, als wie üblich alle Bands auf einen Schwung veröffentlicht wurden. DER John Carpenter? Der Regisseur von Das Ding aus einer anderen Welt, Die Klapperschlange, Vampire, Halloween I-III? Und von Dark Star?
Daß Carpenter auch die Musik zu vielen seiner Filme geschrieben hat, wusste ich. Daß er in den vergangenen Jahren zwei nicht-Film-Platten komponiert hat und mit denen und seinen Film-Lieder auf Tour geht, nicht.
Mit der Euphorie eines sehr guten Explosions In The Sky-Konzerts ging ich quer übers Gelände zur Primavera-Bühne. Ich war zwar sehr vorfreudig, meine Erwartungen waren aber nicht besonders hoch. Ich hatte ein Video von einem der neuen Stücke des Komponisten gesehen, daß es geht so war. Als John und seine fünf Begleiter (u.a. sein Sohn Cody als "Lead-Keyboarder") mit dem ersten Stück begannen - Escape from New York (Die Klapperschlange) und dazu im Hintergund Ausschnitte aus dem Film mit Kurt Russell liefen, war ich hin und weg. Und nicht nur ich, der riesige Platz feierte den Künstler!

Natürlich sind nicht all die Stücke musikalisch hochgradig spannend. Sie haben als Eröffnungs- oder Abspannthemen eines Films ja auch eine andere Funktion. Aber die Kombination aus Melodien, die man in- und auswendig kennt, aus der Filmuntermalung dazu und die Präsenz dieses Mannes, der in keinem Lexikon der künstlerisch größten Regisseure auftauchen wird, der aber jeden, der in den 80er Jahren (ich schreibe nicht wie viele Medien "des letzten Jahrhunderts", weil das ja irgendwie klar ist, oder?) eine ganze Generation von Leuten geprägt hat, die ihre ersten Horrorfilme gesehen hat, das war - schlechter Wortwitz, auf den ich mich seit gestern freue - großes Kino!
John Carpenter ist Jahrgang 48 und sieht klischeehaft exakt so aus, wie ein Horrorfilm-Regisseur aussehen müsste, den ich casten würde, wenn ich einen Film über einen drittklassigen Filmemacher besetzen müsste. Die weißen Haare sind vorne weg und hinten zu einem Zopf gebunden, dazu trägt Carpenter einen Lemmy-Schnauzbart. Er knatschte mit offenem Mund Kaugummi, sodaß ich zunächst dachte, er wolle auch singen oder später, bei den ersten Ansagen, daß sein Mikro kaputt sei. "Yeah! My name is John Carpenter!" Alles schön langsam gesprochen, damit wir ihn verstehen. Es war wundervoll!

Später sagte er immer mal wieder etwas zu den Stücken. In Big Trouble in Little China habe ein guter Freund von ihm mitgespielt (Kurt Russell, der auch in vier anderen Carpenter-Filmen zu sehen war), der auf der Suche nach diesem grünäugigen Mädchen sei (klick!). Das einzige nicht vom ihme komponierte Stück stellte er als das Werk des großen Filmkomponisten Ennio Morricone vor, den er damit ehren wolle, die Melodie des grandiosen Das Ding aus einer anderen Welt (The Thing). Dazwischen kamen eigene Lieder von den beiden Alben Lost themes (2015) und Lost themes II (2016), Vortex und Distant dream.
Nach dem Big Trouble-Thema kam Johns musikalisch größter Hit, die Melodie von Halloween! Spätestens da war meine These von den weltcoolsten Festivalbookern bewiesen.
Die beiden Lieder danach (ich denke, es waren nur zwei) kannte ich nicht. Es waren wohl die Titel von Prince of Darkness und In The Mouth Of Madness (mit Jürgen Prochnow und dem Waffen-Lobbyisten Charlton Heston), bevor der weißhaarige Mann einen kleinen Abschlußappell sprach: "There's only one thing I have to tell you!" Jetzt würde der Aufruf folgen, Bernie Sanders (oder doch Donald Trump?) zu wählen. "Please, please drive home carefully! Christine is out there!"
Setlist John Carpenter, Primavera Festival, Barcelona:
01: Escape from New York (Main Title)
02: Assault on Precinct 13 (Main Title)
03: Vortex
04: The Fog (End Title)
05: They Live (End Title)
06: The Thing (End Title) (Ennio Morricone Cover)
07: Distant dream
08: Big Trouble in Little China (Main Title)
09: Halloween (Main Title)
10: In the Mouth of Madness (Main Title) (?)
11: Prince of Darkness (End Title) (?)
12: Christine (Main Title)
um
15:03
Konzert: Suede
Ort: Primavera Sound Festival 2016
Datum: 01.06.2016
Dauer: gut 70 min
Zuschauer: viele Tausend
In unserem ersten Jahr Primavera haben wir eine ganze Menge Anfängerfehler gemacht. Der schmerzhafteste war die zigstündige Besichtigungs-Tour am Anreisetag, der blödeste, erst am Donnerstag, dem ersten richtigen Festival-Tag anzureisen. Wir hatten damit nämlich die Konzerte am Mittwoch verpasst, dem Tag, an dem die Veranstalter der Stadt Bands präsentieren, ohne dafür Eintritt zu verlangen. Neben vielen anderen haben The Wedding Present oder OMD in den letzten Jahren mittwochs gespielt.
Gestern waren Suede Gratis-Headliner im Parc del Fòrum, in dem ab heute rund 80 Bands pro Tag auftreten werden.
Suede sind zur Zeit auf einer Tour, in der die Band ihr aktuelles Album Night Thoughts und ein anschließendes Best of spielt. Beim Primavera Festival teilen sie dies auf, das Album-Konzert, zu dem ein Film gehört, findet im Auditori statt, das Best of am ersten Abend im Parc del Fòrum. Bei Suede - ähnlich wie bei OMD im letzten Jahr - gibt es verdammt viel im Bandkatalog. Damit kann man locker 70 Minuten bestreiten.
Brett Anderson (48) hatte nach einer Handvoll Songs den ersten großen Riß unter der Achsel. Wenn es den Ausdruck "Rampensau" noch nicht gäbe, diese Art von Entertainer nennte man irgendwas mit "Anderson". Der Suede-Frontmann hetzte wie üblich über die Bühne, rannte zigmal durch den Fotograben, kletterte zum Publikum und auf eines der Kamera-Podeste. Wobei er dabei Probleme hatte, es sah ein wenig unbeholfen aus. Zu dem Zeitpunkt hatte Brett aber bereits einige Kilometer zurückgelegt.

Daß ein Set (wenn man Suede mag) nicht schlecht sein kann, wenn Lieder wie Trash, Killing of a flashboy, Animal nitrate, We are the pigs, So young und und und gespielt werden, ist klar. Weit weit weg von der Bühne mit zigtausend anderen verpufft aber ein Teil der Britpop-Magie. Wir kamen spät, ein paar Minuten vor Konzertbeginn auf dem Gelände an und wollten uns nicht in die ersten Reihen vorkämpfen. Wenn man dann noch von Leuten umgeben ist, die nicht oder nicht vorrangig wegen der Musik da sind, fühlt sich so ein Auftritt mehr nach einer Party mit gutem Mixtape an. Was nicht schlecht aber anders als ein Konzert ist. Mein letztes Suede-Konzert im AB in Brüssel im Februar war eine Klasse besser. Aber eben der Umstände wegen.
Trotzdem ist es natürlich toll, daß das Primavera so etwas anbietet, seien es die Gratis-Konzerte am Samstag und Sonntag in der Stadt oder der erste Tag mit Konzerten im Forum.
Und die neben mir, die sich sonst laut unterhielten, wechselten bei den großen Hits auch die Sprache und sangen mit.
Nach The beautiful ones folgten zwei Zugaben, das akustische She's in fashion und New generation. "Erinnert mich an Udo Jürgens", sagte irgendwann ein Freund neben mir. "Stimmt. Auch das Aussehen." Es war wieder einmal toll mit Suede!
Setlist Suede, Primavera Festival, Barcelona:
01: Introducing the band
02: Outsiders
03: Killing of a flashboy
04: Trash
05: Filmstar
06: Animal nitrate
07: We are the pigs
08: Sometimes I feel I'll float away
09: Everything will flow
10: The drowners
11: Still life
12: For the strangers
13: So young
14: Metal Mickey
15: The beautiful ones
16: She's in fashion (Z)
17: New generation (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- Suede, Brüssel, 06.02.16
- Suede, London, 30.03.14
- Suede, Köln, 21.11.13
- Suede, London, 30.03.13
um
18:40
Konzert: Ride
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona
Datum: 29.05.2015
Dauer: 85 min
Zuschauer: 25.000*
Auf der Fahrt zum Flughafen zurück vom 2014er Primavera Festival hatten wir uns darüber unterhalten, welches große Comeback wohl 2015 stattfinden würde. Die Macher des Primavera haben in den vergangenen 15 Jahren nicht nur das beste Festival dieser Art auf dem europäischen Festland geschaffen, sie haben sich vor allem auch unter Musikern einen so guten Ruf aufgebaut, daß sie Jahr für Jahr große Comebacks alter Helden präsentieren können.
Der erste Name, der im letzten Jahr in der Metro fiel, war Ride. Ein paar Tage vorher hatten Slowdive gerade ihr größtes Konzert bis dahin gespielt und vor 25.000 Zuschauern bewiesen, wie sinnvoll die richtigen Reunions sind. Ride gehörten unserer Meinung nach natürlich auch in diese Kategorie.
Mitte November tauchten Fotos eines riesigen Posters an einem Haus in Barcelona auf. RIDE. Auch beim Bestätigen ihrer Buchungsknüller beweist das Festival am Meer enorm viel Stil.
Ride hatten in den Wochen vorher bereits ein ganze Menge Konzerte gespielt, das erste Anfang April in Oxford, fast zwanzig Jahre nach dem letzten Auftritt damals in Benicàssim. Ich hatte mir so gut wie nichts davon angesehen, ich wollte möglichst viele aha (einer meiner Tipps für 2016) -Effekte erleben.
Kurz vor Mitternacht, also zur Primavera Primetime, kamen die vier Engländer auf die Bühne. Hinter ihnen wieder das riesige "Ride". Sie begannen furios! Ach, das ist Unsinn... das ganze Konzert war so wie der Beginn. Aber gut, Ride begannen eben auch irre toll. Leave them all behind vom zweiten Album Going blank again. Der Sound war wundervoll; spätestens als die Stimmen der beiden Sänger einsetzten, war klar, daß es schon nicht mehr ganz schlecht werden würde. Polar bear, Seagull... genauso hatte ich mir mein erstes Ride-Konzert gewünscht! Mein erstes überhaupt leider, nicht mein erstes seit 20 Jahren. Wie so viele andere damals (und heute) wichtige, weil gute Bands habe ich auch die Engländer in den 90ern nur auf Platte gehört. Aber eine warme Nacht in Barcelona, rechts das Meer, vorne diese Shoegaze-Götter, links die Stadt, hinten zigtausend mitjubelnde Menschen und überall dieser wunderschöne Krach, das ist vermutlich nicht der schlechteste Weg, eine Band live "zu entdecken".

Sehr schnell war ich in diesem Zuhör-Rausch, den nur solche Musik erzeugen kann. Solche Musik, laut gespielt! Da ist es dann vollkommen egal, ob Lieblinge fehlen, zwischendrin mal ein weniger aufregender Song kommt oder ein Stück ein sehr plötzliches Ende hat (Time of her time). Ich habe das Konzert als anderhalbstündiges Gitarrenparadies erlebt, ohne störende Unterbrechungen. Andy Bell und Mark Gardener machten zwar einige kurze Ansagen, beschränkten sich aber auf das Wesentliche. Der einzige Bruch war das fünfminütige Noisegewitter bei Drive blind gegen Ende des Konzerts.
Die Setlist war wohl so, wie man sie erwarten konnte, wenn man das denn tat. Viele Stücke von den ersten beiden Platten und den ersten drei EPs, allerdings nur Black nite crash von den beiden letzten Alben.
Mouse trap und Chelsea girl, fast als Medley gespielt, beendeten den Auftritt nach knapp 90 min. Zugaben gab es nicht, warum auch? Es war alles gesagt. "Now you've got all what you wanted. Are you really satisfied?" Oh ja! Danach hätten noch einige spannende Bands gespielt, wir taten es aber vielen anderen nach und gingen heim.
Als wir Montag nach dem Festival unsere Vorhersagen für 2016 machten, hätte ich am liebsten mit "egal, Hauptsache Ride und Slowdive" geantwortet, aber so einfach gestrickt sind die Primavera-Leute leider nicht.
Setlist Ride, Primavera Sound Festival, Barcelona:
01: Leave them all behind
02: Like a daydream
03: Polar bear
04: Seagull
05: Sennen
06: Black nite crash
07: OX4
08: Dreams burn down
09: Time of her time
10: Chrome waves
11: Paralysed
12: Taste
13: Vapour trail
14: Drive blind
15: Mouse trap
16: Chelsea girl