Freitag, 18. Oktober 2013

Vienna Teng, Karlsruhe, 16.10.13


Konzert: Vienna Teng
Ort: Tollhaus in Karlsruhe
Datum:  16. Oktober 2013
Dauer: 110 Minuten
Zuschauer: 250


Es kommt selten vor, dass ich mir im Konzert Textfetzen mitschreibe. Aber als  Vienna Teng  wiederholt Somebody hears you - you know that inside säuselte war das gleichzeitig so tröstlich und abgründig, dass ich mir das notieren musste. Der Kontext - Ausbeutung unserer Menschlichkeit durch die Social Media Riesen klingt zu platt, um einen guten Song daraus machen zu können. Den Gegenbeweis erlebte ich live und in Farbe im Tollhaus.


Ich kannte Vienna Teng nicht bevor ich auf die Konzertankündigung des Tollhauses stieß. Ich hätte mich wohl auch nicht zum Plattenkauf animiert gefühlt durch Hinweise von Freunden auf ihr neues Album Aims, weil das für meinen Geschmack zu glatt produziert ist. Zweifelsfrei hört man auch in diesen Hochglanz-Liedern, dass sie eine tolle Stimme hat und man hängt auch an dem einen oder anderen Wort-Fetzen. Aber erst im Nachlesen der Lyrics verfängt die Meisterschaft der Frau hinter der Platte.



Ins Tollhaus ging ich, weil ich darauf gespannt war, wie diese Stimme live klingt und weil es versprach, ein interessanter und angenehmer Abend zu werden. Etwas überrascht war ich dann davon, dass es offensichtlich eine Schar von treuen Fans gab. Denn die Frau musst ihr Publikum gar nicht für sich gewinnen. Sie betrat die Bühne mit einem Wasserglas in der Hand in Jeans und Shirt, setzte sich an den Flügel und begann mit einem sehr ruhigen Stück den Abend. Das Publikum lag ihr vom ersten Moment an zu Füßen.



In der Live-Umsetzung des Abends stand ihr dabei Jordan Hamlin an Gitarre, Waldhorn und Klarinette zur Seite sowie Alex Wong  an Gitarre, Percussion und Flügel. Beides Künstler mit eigenen Projekten und gestandene Produzenten. Die Chemie auf der Bühne stimmte und auch die zwischen Bühne und Publikum. 

Einerseits war der Abend natürlich dem neuen Album gewidmet und brachte in der ersten Hälfte auch diverse druckvolle Songs. Höhepunkt sicher Copenhagen wo Jordan und Alex mit Getränkebechern auf der Abdeckung des Gitarrenamps den Rhythmus schlugen und dabei einen Heidenspaß hatten. Dafür gab es einen Wahnsinnsapplaus.


Intensiver und packender waren für mich jedoch die ruhigeren Songs, in denen ich auch den Texten folgen konnte. Die zweite Hälfte begann Vienna Solo am Flügel mit einem alten Wiegenlied, das aus dem Publikum gewünscht worden war, um dann das Wiegenlied mit dem oben zitierten Refrain anzuschließen. Hier kam auch zum ersten Mal zum Vorschein, dass sie im Herzen ein kleiner Nerd ist, der Spaß an elektronischem Spielzeug hat. Mit einem Vocal harmonizer, der an ihr keyboard angeschlossen ist, wird sowohl ihre Stimme als auch die gespielten Tasten vocal in variablen Tonhöhen und Hüllkurven wiedergegeben, was phänomenale Ergebnisse produziert. Sie präsentierte uns z.B. mit sehr viel Spaß ihren Imogen Heap und Barry White button.



Im Anschluss gab es einen Horrorfilm-Soundtrack zu The Breaking light  orchestriert mit Glasorgel, einem Strick an der E-Gitarre und einem lustigen Instrument, dass Alex mit dem Geigenbogen strich. 

Ein weiterer Höhepunkt für mich unzweifelhaft auch der Grandmothers song. Ganz in Blues-Tradition reduziert dargeboten forderte sie dazu auf, aus dem Publikum zu brüllen und Seiten zu ergreifen. Der Großmutter darin zuzustimmen, dass es eine große Dummheit ist, sich auf Musik als Karriere einzulassen oder Vienna, die ihren eigenen Weg gehen will. Das gab einigen Aufruhr! Das Set endet dann mit Gitarre und drei Singstimmen akustisch so ruhig wie es begann.


Zugaben mussten bei der tollen Chemie des Abends natürlich sein. Es werden am Ende vier Stücke sein. Begonnen wurde durch Vienna solo - sie fragte nach Wünschen und nahm City Hall auf und später auch noch Gravity. Dazwischen hatte ein Song von Alex seinen Platz, der an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich als Vorbild und Inspiration gewürdigt wurde und als Ko-Autor vieler Lieder von Vienna.


Für das allerletzte Lied mischten sich alle drei unters Publikum, das auch selbst begeistert mitsang. Ich bin sehr froh, dass ich diesem Vorschlag des Tollhauses gefolgt bin. Ich bin einer besonderen jungen Frau begegnet, die mich nicht nur bestens unterhalten hat, sondern die mich auch über diesen Tag hinaus inspiriert - vor allem mit ihren Texten. Dies alles in einer ruhigen Selbstverständlichkeit und mit einer Hingabe, die sich keiner entgehen lassen sollte. Noch gibt es Termine auf ihrem Weg durch Deutschland, wo man sich selbst eine Meinung bilden kann.



The Hymn of Acxiom

somebody hears you. you know that. you know that.
somebody hears you. you know that inside.
someone is learning the colors of all your moods, to
(say just the right thing and) show that you’re understood.
here you’re known.

leave your life open. you don’t have. you don’t have.
leave your life open. you don’t have to hide.
someone is gathering every crumb you drop, these
(mindless decisions and) moments you long forgot.
keep them all.

let our formulas find your soul.
we’ll divine your artesian source (in your mind),
marshal feed and force (our machines will)
to design you a perfect love—
or (better still) a perfect lust.
o how glorious, glorious: a brand new need is born.

now we possess you. you’ll own that. you’ll own that.
now we possess you. you’ll own that in time.
now we will build you an endlessly upward world,
(reach in your pocket) embrace you for all you’re worth.

is that wrong?
isn’t this what you want?
amen.

Setlist Karlsruhe:
01: Harbor
02: Blue Caravan
03: Level up
04: Close to home
05: Oh mama no
06: Copenhagen
07: In the 99  
-- Pause --  
08: Lullabye For A Stormy Night
09: The hymn of Acxiom
10: The Breaking light
11: Antebellum
12: Flyweight love
13: Landsailer
14: Grandmother song
15: Goodnight New York

16: City Hall (Z)
17: In the creases (Alex Wong) (Z)
18: Gravity (Z)
19: Soon love soon (Z)



Tourdaten in Deutschland:

18 Oct     Freiburg     Jazzhaus Freiburg
19 Oct     Stuttgart     Theaterhaus
20 Oct     Nürnberg     Maritim  
22 Oct     Helmbrechts     Bürgersaal  
23 Oct     Dresden     Lukaskirche  
24 Oct     Leipzig     Peterskirche  
25 Oct     Kassel     Staatstheater  
26 Oct     Worpswede     Music Hall  
27 Oct     Bernau bei Berlin     Ofen Bar  
28 Oct     Hamburg     Fabrik  
29 Oct     Neustadt (Hannover)     Schloss Landestrost
30 Oct     Heppenheim     Café Bistro Am Eckweg 
31 Oct     Mainz     Frankfurter Hof 


Mehr Fotos:




4 Kommentare :

Wolfgang Vogt hat gesagt…

Danke für die schöne Kritik - zumal von einem "Newcomer" was Vienna angeht. Für mich ist sie seit Jahren eine meiner Lieblings Singer-/'Songwriterinnen ((wobei ich die "alte" Vienna - also nicht "elektronisch" doch noch besser finde.
Habe ihr Konzert im Cafe Hahn, Koblenz, erlebt, wo sie - recht selten im Cafe vorkommt - am Schluss Standing Ovations bekam. Ich hoffe sie wieder (dann ein 4es Mal) live erleben zu können :-)

Torsten hat gesagt…

Danke Gudrun, ja sie hat eine tief berührende Stimme. Übrigens seit ihrem 2.Studienabschluß hat sie auch ihr Label verlassen und nimmt alles selbst in die hand. Das kürzliche Crowdfunding lief phänomenal und sie gibt die Musik das aktuellen Album unter CC-Lizenz für private Nutzung frei.
Ich freue mich riesig auf den 23.10.!

Torsten

whr hat gesagt…

Cynthia (Vienna) ist schon häufig in DE auf Tour gewesen und hat dabei den Südwesten immer gut versorgt. Ich hatte sie u. a. 2007 und 2009 auch im Tollhaus gesehen, und wäre beinahe auch in diesem Jahr hingekommen. Da ich aber schon das Ticket für Stuttgart gestern hatte, habe ich es dabei belassen - obwohl ja jede Show wieder etwas anders ist.

Ein paar Photos davon gibt es im VT-Forum.

Gudrun hat gesagt…

Vielen herzlichen Dank an die alten "Vienna Teng Hasen" für das Lob. Das hat mich ganz besonders gefreut.

 

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