Freitag, 4. Oktober 2013

The Boys, Esslingen, 02.10.2013


Konzert: The Boys
Vorbands: The Pikes / Artificial Eyes
Ort: Komma, Esslingen
Datum: 02.10.2013
Dauer: The Boys, 59 min / The Pikes, 28 min / Artificial Eyes, 47 min
Zuschauer: vllt. 150



Die Stuttgarter Innenstadt ist dicht bevölkert. Hundertausende Touristen und Besucher werden zu den Feierlichkeiten zum Fest der deutschen Einheit im Land des diesjährigen Bundesratspräsidenten erwartet: Auf dem Schlossplatz spielt Max Herre, die in Berlin lebende Lichtgestalt des schwäbischen Hip-Hops, mit den Orsons im Vorprogramm und Afrob, Ex-Ex Joy Denalane, Casandra Steen, Samy Deluxe und dem Poisel-Philipp als Stargästen. 
Den Anhängern alternativerer Klänge bleibt nur die Flucht nach Vorne: Ins Galao, in die Wagenhallen zu den Shout Out Louds mit Empire Escape als Support oder eben zu einer Nacht im Zeichen der ersten Welle britischen Punks im Komma in Esslingen. Als Hauptact stehen The Boys auf der Bühne, Londoner Punk-Legenden um die Gründungsmitglieder Honest John Plain und Matt Dangerfield, die einst mit Mick Jones in der erfolglosen – und dennoch legendärsten – Punkband der allerersten Stunde spielten: London SS, aus der sich später The Clash formieren sollte, und die in den mittleren 70ern in ihrer kurzen Schaffenszeit mit der plakativen Koketterie mit NS-Symbolik im Namen, Auftritten mit Hakenkreuz-Shirts und Ähnlichem die späteren Provokationen eines Sid Vicious (und vieler weiterer britischer Punkbands bis hin zu dem „Arbeit macht frei“ der Libertines) bereits im echten Untergrund vorwegnahmen. 
Mit Casino Steel sind es noch drei Originalmitglieder der 1976 gegründeten Boys, die in Esslingen auf der Bühne stehen und ihre Punknummern mit großem Pop- und Keyboard-Appeal an der skurril-sympathischen Grenze zur Selbstkarikatur auf die Bühne bringen. Der Einfluss der Formation ist riesig, „Brickfield Nights“ war zurecht ein Hit, in Deutschland vor allem durch die gemeinsame Version mit den Toten Hosen bekannt, deren späterer Schlagzeuger Vom Ritchie lange Mitglied der Band war und mit denen Honest John Plain häufig zusammenarbeitete. Doch auch im Heimatland gab es immer wieder Zeichen der Anerkennung: Paul Wellers Rickenbacker-Gitarre auf der Rückseite des 1978er The-Jam-Meilensteins „All Mod Cons“ ziert ein Aufkleber mit The-Boys-Schriftzug. 
Dass The Pikes, die Vorband der Londoner Punk-Veteranen, denen der damals 20-jährige, spätere Modfather dezent Referenz erweist, ausgerechnet wie ein erfrischender Jam-Tribute klingt, ist also wenig verwunderlich. 


Im Esslinger Jungendzentrum und alternativen Musikklub Komma eröffnet die junge Berliner Band mit ihrer Vorstellung eines zeitgenössischen Mod-Punks den Reigen schneller, harter Nummern, die selten über drei Minuten lang sind und musikalische Grundlage, gemeinsamer Nenner der drei Bands mit divergierenden Ansätzen an diesem Abend sind. 
Eng geschnittene Anzüge, Hemden, ein Bassist mit schmaler Krawatte, chice Frisuren – in Stilfragen kann das Quartett um Frontmann Flo ebenso punkten wie mit ihrer authentischen Ehrerbietung an den Modrock und Northern Soul der 60er und vor allem das Mod-Revival um The Jam eineinhalb Jahrzehnte später. 
Gitarrist Jens spielt tadellose Weller-Riffs, der gemeinsame Backroundgesang mit Bassist Ulli und Drummer Matze ist selten harmonisch, aber immer sympathisch. Mit Northern Soul haben die Chöre wenig zu tun, klingen phasenweise wie Die Ärzte der jüngeren Zeit, reißen mit. Mit „Smash Your TV, „Small Town“ oder „Another Show Tomorrow“ werden keine Zweifel am Händchen für wunderbar eingängige Melodien gelassen; garniert mit schönen – wenn auch simplen – Refrains, sind es Stücke wie diese, die die Mod-Flagge Anno 2013 eindrucksvoll schwingen. Wie viele aktuelle Szenebands gibt es schon? Eben. 


Setlist The Pikes, Esslingen: 

01: Something's Going On 
02: Changing Of The Guard 
03: Another Show Tomorrow 
04: Smash Your TV 
05: Small Town 
06: Something New 
07: Trouble 
08: No-Name Street 
09: The Beat Goes On (Cover) 
10: Know Better Now 

Führt man sich die allgemeinen schwäbischen Klischees vor Augen, kann man sich nur schwer vorstellen, dass es in Stuttgart echte Punkbands geben könnte. Artificial Eyes, ein Zusammenschluss von Mitgliedern einiger Szene-Formationen wie Oigenz, Freiboiter, Murder Disco X oder Wärters Schlechte beweisen in knapp 50 Minuten mit harten Street-Punk, antifaschistischen Texten und aufrechter Attitüde das Gegenteil. Die Songs heißen „White Noise“, „Control“ oder Still Not Loving The Police", "Hey Little Rich Girl" und „Rude Boys“ zollen echten Skins und den legendären Specials aus Coventry Tribut. Der tätowierte, gepiercte Frontmann Tanio gibt den politischen Sänger mit Shouterqualitäten. Die Aversionen gegen das gleichzeitig stattfindende Fest in Stuttgart werden offen gezeigt, ebenso wie Vorbehalte gegen einen möglichen Polizeitstaat und der Hass auf Nazis. 

Natürlich strotzen die deutschen und englischen Texte nur so von Klischees, liefern den Soundtrack für den schwarzen Block auf Demos, sind aber doch gleichzeitig gelebte Gegenkultur. Nach einiger Zeit zieht das Quintett auch die Zuschauer in seinen Bann, überzeugt mit harten, schnellen Gitarren, bevor die Retro-Revue in die Punk-Historie mit den Boys ihren Anfang nimmt. 

Ziemlich genau eine Stunde bleiben Dangerfield (Gitarre und Gesang), Plain (Gesang und Gitarre), Steel (Keyboards und Gesang) und ihren Mitstreiter an Bass und Schlagzeug, um mit einer Menge Punk-Monotonie, einigen Dreiminuten-Wundern und wohl dosierter Selbstironie an die große Zeit des englischen Punks zu erinnern. 
Auch wenn es uns später Pop-Punk-Poser wie Green Day einbrachte, ist das selbstbetitelte Debüt auch 36 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch immer eine wichtige, eine spannende Platte, die mit schnellen Songs das Genre beeinflusste wie wenig andere. 
Das treibende „Living in the city“, die ironische Ode "Kamikaze" oder "T.C.P." und „U.S.I“ vom zweiten Album "Alternative Chartbusters" überzeugen mich in ihrer kompromisslosen Live-Darbietung. 


Honest John Plain, der mit Lederjacke, toupierten Haaren, Stirnband, Ohrringen, der klischeebelasteten roten Krawatte zum schwarzen Hemd und verspiegelter Pilotenbrille wie die Karikatur eines in die Jahre gekommenen Rockmusikers aussieht, sorgt mit pointierten Ansagen, seiner Freude über den Sieg des FC Bayern gegen den Milliardärs-Club Manchester City für Zwischenapplaus. Dann gibt es die Fußball-Hymne "Cast Of Thousands", ehrhabene Mienen und einen Grölrefrain.
Mit über 60 und jahrzehntelanger Bühnenerfahrung sitzt jede Pose auch beim x-ten Versuch ohne allzu routiniert zu wirken. Langeweile kommt trotz seltener musikalischer Abwechslung so gut wie nie auf. Als schließlich „Brickfield Nights“, der große Evergreen der Band, folgt, der ihr einst die Betitelung als Beatles des Punk durch den Hype und Superlativ vernarrten NME einbrachte, gibt es kein Halten mehr. 
Die gut 150 in Esslingen grölen den Refrain mit, ja, skandieren die Zeilen, die Mitglieder der Pikes lächeln glücklich. Die Band wird auf dem zweiten von gerade einmal fünf Deutschland-Terminen dieser Tour gefeiert wie Helden. 
Die Single ist der grandiose Beweis der Relevanz dieser Gruppe, mögen andere Songs, trotz erfolgreicher Chartsplatzierungen oder überschwänglichen Fanlobs, Fußnoten der Popkultur-Geschichte bleiben, ist „Brickfield Nights“ ein Meilenstein. 
Die Boys waren wahrscheinlich die ersten, die es verstanden, das Gitarrengeschrammel des Punks um Harmonien auszubauen und reinen Pop daraus zu gießen. Es sind drei Minuten, die meine Entscheidung nicht zu den Shout Out Louds zu gehen, rechtfertigen. 
Auf der Bühne stehen tatsächlich Musiker, die mal wichtig waren – und das nicht nur, weil sie mal im Vorgänger von The Clash spielten.


„No Money“ kann das Niveau einigermaßen halten, die Gitarren bleiben schnell, das Lächeln im Gesicht der Sonnenbrillen tragenden Musiker weitet sich aus. Im mittleren Teil des Sets verschossen, können die späteren Songs auch mit punkiger Attitüde und Klassenkampf-Pathos ("Fucking Job") nach den echten Perlen nicht mehr an die Intensität dieser Minuten heranreichen. Doch auch das ist höchstens nebensächlich, die Menge feiert, die Punk-Party ist gerettet und auch ich bin glücklich. Dangerfield in Lederweste und mit lederner Schiebermütze hält seine Gibson Les Paul mit der Eleganz eines Blues-Rockers, auch wenn er an die Qualitäten eines profilierten Genre-Gitarristen kaum heranreichen dürfte. Der Punk-Ethos muss schließlich gewahrt werden.

Nach etwas über 50 Minuten endet das reguläre Set, auch wenn die Band aus Zeitgründen nicht die Bühne verlässt. „Baby, I Love You“, jener 60er Schmalzfetzen wird den befreundeten Ramones gewidmet, die ihn unter der Regie Phil Spectors 1980 selbst aufnahmen, bevor nach dem sarkastischen "Cop Cars" „Sick On You“, gesungen vom Keyboarder Casino Steel, den Abend würdig beschließt. 
Manchmal reicht ein brillanter Song und das Glück zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen zu sein, um seinen gerechtfertigten Platz in der Rockgeschichte zu finden. The Boys haben es verdient. 
Um Punkt 24 Uhr endet das Konzert mit ins Publikum geworfenen Plectrums und der Patina des ewigen Punks.


Setlist The Boys, Esslingen: 

01: T.C.P.
02: See You Later
03: Terminal Love
04: Weekend
05: U.S.I.
06: Cast Of Thousands
07: Kamikaze
08: Memory
09: Soda Pressing
10: I Don't Care
11: Brickfield Nights
12: No Money
13: Fucking Job
14: First Time
15: Living In The City

16: Baby, I Love You (The Ronettes- bzw. The Ramons-Cover) (Z)
17: Cop Cars (Z)
18: Sick On You (Z)


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