Donnerstag, 10. Oktober 2013

Svavar Knutur, Leipzig, 09.10.13

Konzert: Svavar Knutur
Ort: Hafenbar in Leipzig
Datum: 09.10.2013
Dauer: 140 min
Zuschauer: ca. 40-50


Gestern steppte der Bär in der Leipziger Hafenbar. Das ist auf verschiedenen Bedeutungsebenen wahr. Es war in dem Laden recht voll, es wurde gelacht, gesungen, geklatscht und sogar ein bisschen getanzt. Aber hauptsächlich imitierte Svavar Knutur in seiner Cole-Porter-Cover-Zugabe einen Stepptanz, der diesen Satz in meinem Kopf aufblitzen ließ.

Vorangegangen war ein Tipp, sich doch Svavar Knutur unbedingt live zu besehen und die Erkenntnis, dass das tatsächlich an einem meiner Arbeitstage in Leipzig passte - die Hafenbar sogar in einigermaßen fußläufiger Entfernung von meiner Unterkunft.


Leider waren aber die Angaben zum Beginn nicht ganz vertrauenswürdig gewesen. Laut Hafebar-Event sollte es 20:30 Uhr losgehen. Als ich 20:20 Uhr ankam, war das Konzert aber schon im Gange. Später fand ich heraus, dass es auch Ankündigungen mit 20 Uhr gegeben hatte. Aber eigentlich hatte ich den Eindruck (nach den Ansagen) gerade in das erste Lied gestolpert zu sein und so war es so einigermaßen ok.

Die Hafenbar ist L-förmig. Ein Schenkel des Raumes liegt einige Stufen höher und beherbergt die Bar an der inneren langen Seite. Tische waren einladend verteilt und bei meinem Eintreffen schon gut besetzt. Am Ausgang zum Garten standen einige, die keine Sitzplätze mehr gefunden hatten. Im Laufe des Abends füllte es sich auch noch im Bereich der Eingangstür mit stehenden Konzertbesuchern. Svavar stand auf einer Bühne in der Höhe des Barteiles an dem Ort, wo beide L-Schenkel zusammentreffen. Um sich an sein Publikum zu wenden, konnte er sich zwei Richtungen aussuchen. Die eine Richtung auf seiner Ebene, für die andere Seite des Raumes war er deutlich erhöht wie auf einer "richtigen" Bühne.


Seine wahrscheinlich erste Ansage setzte gleich den Ton für den Abend. Er würde uns sicher das eine oder andere Mal horrifyen, aber er vertraue auf das Stockholmsyndrom und wir als Opfer würden sicher am Ende Sympathie mit ihm empfinden. Er wolle keine Vorschusslorbeeren dafür, dass er aus dem gehypten Island kommt und nicht vorwiegend als Isländischer novelty eskimo wahrgenommen werden, sondern Leute sollten durch seine Musik für ihn eingenommen werden. Im Verlaufe des Abends wurde aber schnell klar, dass die Faszination des Abends nur zur Hälfte der gebotenen Musik entsprang. Die war zwar herzergreifend und zum Herz wiegen und lächeln. Aber die Geschichten zwischendurch, die Filme und Situationen imitierenden Phrasen, wo er zum Teil ganz schön die Sau raus ließ, das machte den Abend wirklich einzigartig in seiner Art. Persönlicher Höhepunkt für mich vielleicht, wie er bei The humble hymn (ich zitiere: God bless our mistakes) nachdem alle mitsangen, den Fernsehprediger gab. Göttlich!




Er machte sich ein bisschen lustig auf Kosten der deutschen rudeness, ist aber wohl doch in einer Art Hassliebe an die deutsche Kultur gebunden. Ausführlich wurde immer wieder die deutsche Sprache aufgenommen und gewendet. Dass doch Gemeinschaft ein gemeines Wort sei und wir die einzigen sind, die so etwas wie Schadenfreude so benennen. Andererseits sang er Johannes Brahms In stiller Nacht in Deutsch in vielen Strophen. Und Oh wie schön ist Panama bekam auch einen eigenen Song Tiger and Bear. Nach seiner Tourerfahrung seien ohnehin die Englischen Touristen am schlimmsten, weil sie sich überall wo man ihnen auf der Welt begegnet nur sinnlos betrinken und dann sein Bett vollkotzen. Die Lieder des Abends umfassten u.a.
 

Don't be afraid
Girl from Vancouver
There must be an angel (Eurythmics cover)
Impossible
I want to hold you while the Earth burns
The glorious catastrophy


Letzteres wurde eingeleitet durch ein filmreifes Skript über den Weltuntergang (als Alternative zum Film Armageddon), mit viel Blut und massenweise theatralisch und qualvoll sterbenden Menschen und schwerelos im Raumschiff treibenden Ejakulatskugeln als Endeinstellung.

Mir gefielen auch sehr die isländischen Lieder, wenngleich ich vom Text nichts verstehe. Immer wieder wurde dabei auch thematisiert, dass Isländer dressiert höflich sind. Er nannte das passive aggressiv - being angry is as forbidden as shitting in your pants.

 
Immer wieder mal musste er das während des Konzertes bei schwatzenden Zuschauern vorführen, wie er sie höflich aber doch aggressiv zur Ruhe bringt. Höhepunkt zu diesem Thema war aber die fast szenische Vorstellung seiner Hassphantasien, die er in einem Zug der Deutschen Bahn durchlitt. Hier wurden Köpfe abtrennt und das Blut floss in Strömen. Der Trommelruf der Vorfahren, die Odin lebendige Opfergaben darbrachten voll präsent. 




Das Finale des Abends in der Hafenbar bildeten ein deftiges Lieder über Durchfall auf Reisen und schließlich  Lets get fucked up in Leipzig (das zum großen Teil vom Samstag davor in Hamburg handelte), in das Cover-Versionen eingeflochten waren, die mit Folk nichts zu tun haben, die sich nach der Story des Liedes die betrunkene Hamburger auf der Straße von ihm gewünscht hatten mitten in der Nacht auf dem Heimweg vom Konzert. Einfach beeindruckend und natürlich köstlich!



Als 23 Uhr alles vorbei war, war ich doch etwas erschöpft, aber auch angesteckt vom Knutur-Virus. Diesen Steppbären sollte man wirklich nicht ungeprüft vorbeiziehen lassen. 
 

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