Montag, 9. April 2012

Lonely Drifter Karen & Summer Camp, Paris,07.04.12


Lonely Drifter Karen & Summer Camp (Callmekat, Her Magic Wand)

Ort: La Fléche d'or, Paris

Datum: 07.04.12

Zuschauer: viele, bestimmt 450



Inzwischen schon eine nervige Tradition in der Pariser Fléche d'or. Der Act, der mich (vordergründig) am meisten interessiert, wird an erster Stelle platziert. Verheizen von Talenten, zu frühes Verballern von Munition nenne ich sowas!

Und es ist in jedem Falle ärglich, egal was auch passiert. Komme ich pünktlich, kriege ich zwar den ersten Künstler mit, aber die Ränge sind noch leer und kaum jemand nimmt Notiz. Komme ich zu spät, ärgere ich mich ebenfalls.

Es ist mir ein Graus, wenn ich mir die vielen Beispiele aus der Vergangenheit noch einmal vergegenwärtige. Da spielt eine Mia Doi Todd (Archivfoto) vor 20 Zuschauern und irgendwelche Heinis später rocken vor 200 Leuten ab. Da wird eine Laura Gibson als Erste in den Ring geschickt und nur wenige schauen zu. Da wird ein Karl Blau als Appetizer verheizt und danach kommt nur noch Käse. Schlimm sowas. Nein mehr noch, es nervt mich so gewaltig, daß ich glatt Lust hätte, in der Fléche d'or mal ein Häufchen auf den Tresen zu machen.

Ob ich heute allerdings soviel verpasst habe, weiß ich nicht so genau. Callmekat hätte ich mir jedenfalls gerne angesehen, aber wenn sie die um 20 Uhr 15 antreten lassen, ist es bei meiner langen Anreise nur zu normal, daß ich die verpasse. Sei's drum.

Als ich eintrat spielten gerade Her Magic Wand. Ich war allerdings so mürrisch und miesepetrig, daß das Konzert an mir vorberrauschte. Irgendwie klangen die Franzosen nach Radiohead, aber ein solcher Allgemeinplatz hilft uns sicherlich nicht viel weiter...


Dann kam mit Lonely Drifter Karen eine Frau (mit angeschlossener Band), die mich schon deutlich mehr reizte. Ich hatte ihr erstes Album gekauft und für richtig gut befunden. Heuer steht das aktuelle Werk Poles in den Läden und davon stammten fast alle Stücke des Sets. Lonely Drifter Karen sind die Österreicherin Tanja Frinta (Gesang), der Spanier Marc Melia Sobrevias (Keyboards) und der Italiener Giorgio Menossi (Drums), werden aber inzwischen auch noch Clement Marion an der Gitarre begleitet.



Tanja hat so ziemlich den flottesten Pferdeschwanz, den ich seit langem gesehen habe, aber das war natürlich nicht so wichtig wie das Genießen ihrer sehr schönen Stimme. Sie hat eine leicht jazzige Klangfarbe und Tanjas Akzent beim Singen der englischen Texte ist perfekt. Eine Wohltat, wenn man ansonsten ständig Franzosen hört, die die Sprache Shakespeare's verhunzen.

Stilistisch sind Lonely Drifter Karen, die inzwischen in Belgien leben, aber gar nicht so leicht einzuordnen. Letztlich ist ihre Musik eine Mischung aus Pop, Indie, Loungemusic, Kabaret, Folk und experimenteller Musik. Manchmal musste ich an Stereolab denken, dann auch an Amanda Palmer Saint Etienne, Goldfrapp, Hooverphonic, Chairlift, Brisa Roché oder Frida Hyvönen, aber so richtig zu greifen bekam man die Sache keineswegs. Das war prickelnder Hochglanz-Pop, aber mit ständig wechselnder Schattierung. Kein Lied klang gleich, jedes einzelne Stück beackerte andere musikalische Felder. Es kam vor, daß Songs eine Weile ziemlich beschaulich voranschritten ,dann aber in einen zuckersüßen, bombastischen Refrain abdrifteten (Beispiel Comet, ein Hit!), bevor sie wieder zurückwanderten und eine andere Richtung einschlugen. Man musste ständig mit neuen Überraschungen rechnen.


Das Ganze klang kosmisch, perlend, elegant und sexy, kam opulent, bunt und mondän rüber. Manchmal verwirrend, aber nie langweilig oder abgedroschen.

Das Konzert machte mich so neugierig, daß ich mir hinterher die neue CD Poles zulegte. Das Machwerk ist ein veritables Überraschungsei, genau passend zu Ostern!


Es war schon fast 23 Uhr, als die Headliner des Abends, Summer Camp aus London,endlich loslegten. Ein Paar im Leben wie in der Musik, bestehend aus Jeremy Warmsley (Gitarre, Gesang) und der attraktiven Elizabeth Sankey. Die beiden trödelten ziemlich lange, überprüften mehrfach, ob ihre Videonalage auch ja funktionieren würde und Elizabeth ging auch sicher, daß ihr roter Lippenstift tadellos aussah. Dann verschwanden sie noch einmal, ließen den starren Bildschirm mit der Aufschrift ihres Debütalbums Welcome To Condale zurück und 5 Minuten später kamen sie endlich auf die Bühne. Sie trug eine weiße Bluse, einen sexy roten Rock und Plateauschuhe (Foto ganz oben), er ein scheußliches Hemd und schwarze Sneaker. Der Nerd und die Glamourdame. Ein Anblick, den Amerikanerinnen neben mir mit : "oh isn't she georgeous!?" kommentierten.


Das hatte was von The Beauty and The Geek, dieser komischen Reality-TV Show, bei der immer verpickelte Streber mit Brille und ohne sexuelle Erfahrungen, versuchen mussten, ein attraktives Mädchen zu erobern. Aber ich dachte irgendwie auch an Olivia Newton John und John Travolta, obwohl Warmsley wirklich nicht wie Travolta aussah.

Vor der Leinwand mit den Videos, die uns alte Tanzstreifen zeigten (u.a. Dirty Dancing, würg!), zogen die beiden ihre Show ab. Oder vielmehr, sie zog die Show ab, er schrammelte (sehr melodisch!) lediglich im Halbdunkel auf seiner Gitarre, während sie theatralisch und lasziv ihre Runden zog und mit 60ies Pop-Stimme trällerte, was das Zeug hielt. Die Bühne gehörte ihr, er war fast nur Beiwerk, genau wie der zusätzliche Drummer, der ganz weit außen spielte.

Ihr Songmaterial gefiel mir unterschiedlich gut. Ein paar Lieder waren wirklich sehr catchy und stimmungsaufhellend, bei anderen gab es mir zu viel Synthesizer und 80er Jahre Assoziationen. Ich war hin- und hergerissen. Einserseits war Elizabeth sehr charismatisch und mit Talent für die Bühne gesegnet, andererseits überstieg der musikalische Kitschfaktor manchmal meine persönliche Grenze. In ein paar Momenten war man nicht mehr allzu weit von Eighties Italo Disco entfernt. Sehr gemischte Gefühle also, die es mir nicht erlaubten, mich auf eine Seite zu schlagen. Lieben oder hassen? Keine Ahnung...


Eine gute Stunde unterhielten Summer Camp auf jeden Fall das Publikum ausgezeichnet und erhielten großen Jubel für ihren Auftritt. Ich denke 2012 werden sie ihren Weg gehen. Ich muss ja nicht unbedingt mitwandern, würden ihnen aber keine Steine in den Weg werfen...







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