Montag, 2. April 2012

Frank Turner & The Sleeping Souls, Frankfurt, 01.04.12


Konzert: Frank Turner & The Sleeping Souls (& Emily Barker & Red Clay Halo)
Ort: Unionhalle, Frankfurt
Datum: 01.04.2012
Zuschauer: 700* (voll)
Dauer: Frank Turner 90 min, Emily Barker 33 min


Wie komme ich an Frank Turner? Vor zwei Jahren, beim fantastischen Latitude Festival hatte ich den Sänger mit seiner Band gesehen, es hatte mich aber überhaupt nicht bewegt, ich blieb eigentlich nur vor der Obelisk Stage, weil ich nach nächtlicher Anreise zu müde war, wieder wegzugehen. Beim Fest Van Cleef Ende 2011 sah ich Frank Turner wieder, diesmal solo und diesmal extrem mitreißend. Also wollte ich ihn auch an diesem Aprilsonntag erleben.

Der Engländer spielte in der Unionhalle, die als Ausweichquartier des Mousonturms dient und eine wirklich schöne Konzertstätte ist.

Eröffnet wurde der Abend von der Australierin Emily Barker, die in England lebt und als Emily Barker & The Red Clay Halo mit drei Begleitmusikern heute ihr erstes Deutschlandkonzert spielte. Die Instrumentierung ihrer Kolleginnen wies die Richtung, es würde folkig werden. Cello, Geige und Akkordeon (später Querflöte und eine zweite Gitarre) ließen da wenig Platz für Genre-Phantasien.

Typisch australisch hat Emilys Musik einen kräftigen Country-Anstrich. Vor allem die häufig eingesetzte Saloon-Geige unterstrich dies. Je weniger Wilder Westen in den Stücken steckte, desto besser waren sie allerdings. Mir gefielen das nach Chumbawamba klingende Ropes, das ruhige Pause und Calendar am besten.

So gut die Australierin war, so mies war das Publikum! In allen Läden, in denen die Bar im gleichen Raum ist, ist es laut. So schrecklich laut wie heute habe ich aber selten ein Publikum erlebt. Als Emily vor dem Titel Pause bat, etwas leiser zu sein, senkte der Pegel sich zwar kurz, den Großteil der Krachmacher beeindruckte das aber nicht. Natürlich passte die Vorgruppe nicht perfekt zum Rabauken-Rock eines Frank Turner. Aber es ist sicher nicht zuviel verlangt, mal 30 Minuten den Künstlern da vorne etwas Respekt (ein gefährliches, weil oft mißbrauchtes Wort) entgegenzubringen. Wenn man schon Musik nicht kauft, kann man doch wenigstens den Mund halten, um dem Künstler nicht allzu deutlich zu zeigen, daß die ach so aufregenden Wochenend-Geschichten der Saufkumpels (und -kumpelinen) viel spannender sind als die Kunst der Menschen auf der Bühne. Ich gucke im Flugzeug immer zu, wenn das Bordpersonal (bei Billigfliegern noch nicht durch Bildschirme ersetzt, Menschen sind offenbar billiger) die Sicherheitsdinge erklärt. Ich bin belesen genug zu wissen, daß mir Informationen über Notwasserungen und das Ausziehen von Stöckelschuhen bei keinerlei Luftkatastrophe helfen werden. Das wissen die Stewardessen auch. Trotzdem ist es ihr Job, die Pararettung zu erklären. Und es gebietet die Höflichkeit, dann da zuzusehen, bilde ich mir ein. Wenn eine Band für Publikum spielt, hat man zumindest solange auch zuzuhören, bis sie sich durch ekelhaftes Verhalten (Glasvegas und viele doofe Vorgruppen in Köln) um dieses Privileg bringt. Und Emily und ihre Mitmusikerinnen waren alles andere als ekelhaft. Sie waren nett, musikalisch vermutlich für viele der Leute zu wenig hart, daher gehörte es sich, zuzuhören.

Besonders ekelhaft sind übrigens die Leute, die stören, dann aber laut klatschen, wenn das Lied vorbei ist. Lasst das gefälligst, oder bleibt besser ganz zu Hause, da kostet das Bier auch weniger.

Setlist Emily Barker & The Red Clay Halo, Unionhalle, Frankfurt:

01: Blackbird
02: Ropes
03: Billowing sea
04: Pause
05: Calendar
06: Fields of June (mit Frank Turner)
07: Disappear

Frank Turner passte schon besser zur Bierfeststimmung. Er (und seine Hardcorefans) werden das sicher abstreiten, aber strenggenommen macht der Engländer nicht viel anders als beispielsweise die Kaiser Chiefs, er spielt Mitgröhllieder, die auch bei jeder Indiekirmes auf dem Programm stehen. Ich mag die Kaiser Chiefs, ich mag auch "Stimmungsmusik", daher machte mir der Abend Spaß. Nicht nur mir: das Publikum wirkte zum großen Teil euphorisch. Mir fehlte allerdings die echte Begeisterung, die der Trierer Soloauftritt noch geliefert hatte.

Ich glaube, meine Ernüchterung lag vor allem an den Gedanken, die ich mir gleich zu Beginn des anderthalbstündigen Sets gemacht habe. Wie würde Frank Turners Musik wohl ohne seine grandiose Gröhlstimme klingen? Oder gar auf Deutsch? Das war ein wenig ernüchternd, weil seine Musik schon extrem von der Stimme lebt. Natürlich sind auch die Texte clever, was nutzt das aber bei überschaubaren Melodietiefen? Das Problem besteht ja nun einmal nicht, weil Franks Stücke eben auch von ihm gesungen werden.

Also Gedankenspiele aus und zuhören.

Frank Turner spielte zwei neue Stücke von einer Platte, die in einigen Monaten erscheinen soll. Foru simple words, das langsam anfing und sich dann wie ein
Toydolls-Stück massiv beschleunigte, war toll! Spektakulär war allerdings Where art thou. Gene Simmons, das entstanden ist, nachdem Frank die Biographie des Kiss-Sängers gelesen habe, der wohl ein riesiges Arschloch sei und damit prahle, mit 4.600 Frauen geschlafen zu haben. Er wisse das so genau, weil er das Gesicht jeder dieser bemitleidenswerten Groupies mit einer Polaroidkamera geknipst und in ein Album eingeklebt (wahrscheinlich das einzig künstlerich wertvolle seiner fiesen Karriere).

Fies ist ein schönes Stichwort. Die fieseste Popgruppe, die mehr als einen Hit hatte
(Opus also ausgenommen), ist bekanntlich Queen. Aus deren Repertoire ekelhafter Lieder coverte Frank Turner Somebody to love, einschließlich einiger Mercury-Gesten, vollkommen ironiefrei vorgetragen, was viel Mut aber auch wenig Ehrgefühl erfordert.

Schade, daß der zweite Gitarrist und der Bassist ihr hohes Anfangstempo (ich darf das, ich hasse Fußball) nicht halten konnten. In der ersten Viertelstunde boten die beiden eine irre Show, es war herrlich, den beiden zuzusehen, wie sie über die Bühne tobten!

Der Abend hatte schlechte Momente, überwiegend hatte ich aber Spaß. Nicht so viel Spaß wie die Leute mit den bunten Armen in der Mitte, bei denen die Einlasser Probleme hatten, eine freie Stelle für den Stempel zu finden.

Setlist Frank Turner & The Sleeping Souls, Unionhalle, Frankfurt:

01: Eulogy
02: Try this at home
03: If I ever stray
04: Glory hallelujah
05: Wessex boy
06: Peggy sang the blues
07: I am disappeared
08: Love, ire & song
09: Substitute
10: The real damage
11: Linoleum (NOFX Cover)
12: Where art thou, Gene Simmons (neu)
13: Long live the queen
14: I knew Prufrock before he got famous
15: Sons of liberty
16: Four simple words (neu)
17: The road
18: I still believe
19: Somebody to love (Queen cover)

20: Sailor's boots (Z)
21: The ballad of me and my friends (Z)
22: Photosynthesis (Z)

Links:

- Frank Turner, Trier, 10.12.11

* Frank Turner sagte, zu seinem ersten Londoner Konzert seien 2 Leute gekommen, zu seinem ersten in Frankfurt heute 350 mal so viele



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