Donnerstag, 4. November 2010

Anika & Dag för Dag, Paris, 03.11.10


Konzert: Anika & Dag för Dag (Screaming Females)

Ort: Le Divan Du Monde
Datum: 03.11.2010
Zuschauer: mittlere Raumauslastung



Da sieht man mal wie schlaftrunken ich von den vielen Konzerten und durchgemachten Nächten bin!

Ich Trottel bringe es doch tatsächlich fertig, in die Boule Noire zu latschen, mir mein Ticket abreissen zu lassen, mit Vorfreude im Bauch Richtung Konzertsaal zu gehen, nur um dann darauf aufmerksam gemacht zu werden, daß mein Festivalpass erst ab dem 4. November gültig ist! Der Kartenabreisser hat eine geschlagene Viertelstunde gebraucht, um ihn wieder zu finden.

Nix also mit School Of Seven Bells, sondern Rückzug auf die Straße. Was tun? Nach Hause fahren? Nö, kommt gar nicht in die Tüte! Zufällig hatte ich mitbekommen, daß im gleich um die Ecke liegenden Divan Du Monde auch ein Konzertabend läuft. Glücklicherweise kenne ich die Veranstalter und die lassen mich prompt gratis eintreten. Weil ich Konzertblogger bin wohlgemerkt, nicht weil ich so nett gucke.

Drinnen sind die Screaming Females bereits mit ihrem Programm durch. Der Zuschauerandrang hält sich in recht engen Grenzen, was auch damit zu tun hat, daß im November unzählige gute Konzerte gleichzeitig stattfinden. Egal, so hat man Luft zum Atmen. Die Schweden Dag för Dag stehen nun an. Schon beim ersten Song sieht man, wie wild die drauf sind! Das Geschwister-Pärchen Sarah und Jacob Snavely (begleitet von dem Drummer Chuck Bukowski) rockt ab wie Hölle! Sarah ist besonders aufgestachelt, sie spielt barfuß und reißt ihren Fuß wie eine Ballettänzerin nach oben, performt aber dennoch auf einem Bein lässig weiter. Saucool! Der Sound ist garagig, melodiös und treibend, die Schweden denken nicht im Traum daran, ruhigen Folk-Pop wie ihre zahlreichen Landsleute zu spielen. Als Referenzen schießen mir die Kills, die Handsome Furs oder Joe Gideon and The Shark in den Kopf, aber was die Skandinavier hier treiben, ist dennoch eigen. Neben der Gitarre und dem Bass gehören auch vereinzelt eine Geige und eine Trommel zum Instrumentarium dazu. Die gespielten Lieder kenne ich nicht, aber das macht nichts, das Material ist catchy genug, um mich gut zu entertainen. Sarah erzählt in einer Szene irgend etwas von ihrer Schwangerschaft, aber ich kapiere nicht so recht, ob sie zur Zeit schwanger ist, oder schwanger war. Hinterher sagt man mir, daß sie bereits Mutter geworden ist (ob das stimmt?) und deshalb wieder volle Pulle losrocken kann. Wenn das Kind nach der Mami kommt, dann wird es ein Temperamentsbündel!

Zum letzten Song machen die Snavelys noch einmal die allerletzten Kräfte frei. Die Haare von Sarah fliegen wie bei Heavy Metal Musikern durch die Luft und zusammen mit Jacob hüpft sie meterhoch im Gleichklang. Abgefahren! Mein Freund Michael kauft hinterher ihre CD Boo, die beim Haldern Pop-Label erschienen ist.

Setlist Dag för Dag, Le Divan du Monde, Paris:

01: Light on your feet
02: Cry cry (?)
03: Hands an knees
04: ?
05: Hearts and bones
06: Boxed in pine
07: In hiding
08: Animal
09: Traffic jam
10: Ring me, Elise

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Haldern Pop ist auch das Stichwort beim letzten Act des Abends. Die Deutsch- Engländerin Anika, erzählte mir nach ihrem Konzert, daß sie seit 10 Jahren für das schöne Festival am Niederrhein helfenderweise tätig ist und von der Arbeit am Kassenhäuschen bis hin zur Betreuung im Backstage-Bereich schon alle Jobs gemacht hat. Anika pendelt zwischen Berlin und Bristol und hat kürzlich ihr erstes selbstbetiteltes Album auf den Markt gebracht. Songs von diesem Werk, in den meisten Fällen ungewöhnliche Cover, performt sie auch beim heutigen Konzert. Ganz in schwarz gekleidet, erscheint die bildhübsche Blondine auf der Bühne und wird musikalisch von einer mehrköpfigen Rhythmustruppe begleitet. Ihre Musik ist extrem düster, trist, monoton. Und genau diese Tristesse ist es, die mich fasziniert! Sie erinnert mich an die Anfänge von Joy Division aber auch an die Young Marble Giants. Kein Gramm Zucker wird dem minimalistischem Sound hinzugemischt, alles ist karg, nüchtern, deprimierend. Toll, ich liebe das! Anika bewegt sich keinen Zentimeter auf der Bühne. Wie angewurzelt murmelt sie die Texte ins Mikro (es ist mehr ein Sprechen als ein Singen) und wirkt dabei wie eine moderne Nico. Von Lied zu Lied bin ich mehr begeistert. Vor allem das Cover von Masters Of War ist der Hammer! Ich verbringe eine ganz tolle Zeit, bin hingerissen vom kühlen Charisma der Blondine und den gemeinen Bassläufen, die viele Songs begleiten. Selbst die Drummachine erinnert an She's Lost Control von Joy Division. Joy Division, immer wieder Joy Division*, tausende aktuelle Bands versuchen den Stil der Kultband zu reproduzieren. Aber so gut wie Anika hat es in den letzten Jahren kaum jemand hinbekommen, die suizidäre Atmosphäre von Manchester in die Neuzeit und andere Städte zu übertragen. Anika hat ihr Album mit den Leutchen von Beak aufgenommen. Dahinter steckt unter anderem Geoff Barrow, Mastermind von Portishead. Kein Wunder, daß das Resultat so überzeugend geworden ist!

Kurzum: Anika ist granatenhaft toll! Eine spitzenmäßige Neuentdeckung! Und sie hat seltsamerweise noch nie in Deutschland gespielt...

Was für ein feiner Konzertabend, bestimmt besser als der ursprünglich angedachte in der Boule Noire. Die Leute, die bei School Of Seven Bells dabei waren, äußern sich nämlich hinterher sehr enttäuscht. Meine Verpenntheit hat also doch manchmal gute Nebeneffekte!

Setlist Anika, Le Divan du Monde, Paris:

01: Terry
02: End of the world
03: No one's there
04: He hit me
05: Yang Yang
06: Go to sleep
07: Masters of war
08: Love buzz
09: Officer officer
10: Sadness hides the sun

Setlist Screaming Females, Le Divan du Monde, Paris, klick!


* man könnte natürlich auch andere Bands von Factory nennen, zum Beispiel A Certain Ratio, Cabaret Voltaire und The Durutti Column. Ansonsten Sucide, Blondie oder Throbbing Gristle. Aber lassen wir am besten das Namedropping...




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