Sonntag, 30. November 2008

Polarkreis 18, Köln, 29.11.08


Konzert: Polarkreis 18 (& Bodi Bill)
Ort: Gebäude 9, Köln
Datum: 29.11.2008
Zuschauer: restlos ausverkauft
Dauer: Polarkreis 18 75 min, Bodi Bill 45 min


Normalerweise ernte ich meist fragende Blicke, wenn ich erzähle, welche Band ich mir ansehe. The Indelicates? I Like Trains? Tiger Lou? Nie gehört. Heute war das anders. Polarkreis 18 kennt man mittlerweile. Vergangenes Jahr war das noch anders. Als ich die Dresdner Band erstmals im März 2007 im Gebäude 9 gesehen hatte, sagte mir die Gruppe auch kaum etwas. In den Monaten danach sah ich Polarkreis 18 noch weitere vier Male, lernte sie immer mehr zu schätzen, an den fragenden Blicken änderte sich aber nichts. Polar was? Selbst eine Vorgruppe der Sachsen konnte sich den Namen nicht merken und kündigte sie im Kölner Underground als Polarkreis 7 an. Genau anderthalb Jahre später beim nächsten Konzert in Köln sollte ich mir dann plötzlich eine Band ansehen, die seit Wochen auf Platz eins der deutschen Singlecharts steht!

Als ich im August von dem Konzert gehört hatte, gab es noch keine Single und kein aktuelles Album. Zwischenzeitlich hatten sich die Ausgehalternativen in Köln für diesen Samstag massiv erweitert. Neben der Indie-Folk Band Dodos trat im Gloria die für den schwedischen Grammy nominierte Lykke Li auf. Keine leichte Entscheidung. Letztlich entschied ich mich aber doch am Tag vorher für Polarkreis 18, obwohl die beiden anderen Acts für mich neu gewesen wären. Aber ehrlich: wann sieht man schon einmal eine Nummer eins Gruppe? Also Gebäude 9!

Richtig früh war ich zwar nicht da - der Saal war geöffnet - trotz des ausverkauften Konzerts war aber viel Platz. Aufgebaut waren vor dem Polarkreis Equipment drei Keyboardständer mit Tastenkram und Notebooks. Bodi Bills Arbeitsgeräte. Von dem
Berliner Trio hatte ich schon viel (Gutes) gehört, es selbst aber noch nicht gesehen.

Und das, was kam, war grandios! Und sehr komisch. Allerdings sah man im Publikum sehr viele sehr verwirrte Blicke, denn Bodi Bill war nicht die typische Nummer eins Vorgruppe (woher will ich das eigentlich wissen...). Viele der Lieder der
Berliner waren wirklich sehr tolle Elektropoplieder. Allerdings war das nur ein Teil der Geschichte. Denn zur Darbietung gehörte auch eine exzentrische Bühneshow.

Die drei Musiker bedienten vor allem ihre Keyboards, Sampler und Notebooks. Aber auch Gitarre und Geige kamen oft zum Einsatz. Gleichwichtiges Stilelement waren
aber Tanzeinlagen. Vor allem der links stehende Keyboarder (ich glaube Anton), der ein herrliches ballonseidenes buntes Hemd anhatte, begeisterte mich immer wieder mit seinem Robot-Ausdruckstanz. Auch extrem beobachtungswert waren die vielen und schnellen Platzwechsel. Tanzte der eine gerade irgendwo (oder spielte er ein anderes Instrument), kam irgendwann einer der anderen an seinem Platz vorbei und drückte die gerade nötigen Tasten.

Während des zweiten Lieds (ich zögere, das ein Cover zu nennen, weil nur Teile des Textes von Nothing compares 2 u stammten) stieg der Sänger ins Publikum und sang da weiter. Als er zurückkam, zog er Strümpfe, Hemd und Hose aus und stand in Unterhose da. Das schien ihm schnell peinlich zu sein, er hielt nämlich dann irgendein Kleidungsstück vor den entblößten Körper. Später merkte er, daß der Strip blöd gewesen sei, so was könne man nicht rückgängig machen. Dann versuchte er irgendwann, das Polarkreis Schlagzeug zu erklettern, scheiterte aber
erst. Ich hatte einen riesigen Spaß, Bodi Bill zuzusehen - und abwechselnd den diversen sehr verwundert blickenden Zuschauern. Eine Frau guckte vollkommen verdutzt, daß in meiner Ecke viel geklatscht wurde. Ja, das meinte ich ernst! Einige der Lieder (die ohne zu lange nur-Beat-Phasen) gefielen mir außerordentlich gut!

Nach gut einer halben Stunde war gerade wieder so eine Phase nur mit Rhythmus. Der Sänger sagte uns da, daß sie noch zwölf Minuten hätten. Er wollte das so instrumental beenden und forderte seine Bandkollegen auf, den Spaß nicht zu verderben. Das taten sie aber und drückten die "falschen" Knöpfe, so daß noch Zeit für ein zusätzliches Lied war. Ein sehr erfrischender Auftritt, der aber auf den ein oder anderen gewirkt haben mag, als hätten sie oben Hühnern die Hälse durchgebissen.

Nachdem die Bühne für Polarkreis bereitet war (von den Bandmitgliedern selbst!),
begann als Intro das Lied, das der Grund für die Anwesenheit vieler war. Nach ein paar Takten (und dem Kinderchor) ging es dann aber in The colour of snow über, den Titelsong des neuen Albums. Ich mag das Lied sehr, trotz der ahhh-ahhhh Stelle, die exakt wie You're the voice von John Farnham, diese ekelhafte Scheußlichkeit aus den 80ern, klingt. Schon früh fiel auf, daß viele Elemente, die auf Platte wichtig sind, fehlen, die Streicher, die teilweise mächtigen Bläserarrangements waren im bayerischen Uphon-Studio geblieben, in dem die Band The colour of snow aufgenommen hat. Mit den Bläsern hatte ich ein wenig gerechnet. Bei früheren Konzerten hatten die Dresdner einige Hornisten dabei, Keyboarder Bernd hatte uns in einem Interview verraten, daß deren Einsatz vor allem Kostenfrage ist. Da der Charterfolg zumindest schon einmal tolles neues Licht (und einen großen Tourbus) ermöglicht hatte, war ich sicher, neben der Band auch Blasmusiker zu sehen. Aber die fehlten, man besann sich wohl auf die eigene Livequalität, sicher keine schlechte Entscheidung!

Beim Aufbau hatten die Polarkreise noch Zivil-Klamotten
an, beim Konzert trugen sie wieder polarweiße Sachen. Bassist Uwe Pasora trug zu weißer Hose und Muskelhemd einen weißen (eher crèmefarbenen) Bowler - elegant!

Sicherlich kannten nicht alle Zuschauer viel von Polarkreis 18 (ich habe ein paar solcher Gespräche vorher mitbekommen), die Hauptstilelemente, allen voran Felix' Stimme, die ja nicht nach Hitparade klingt, war aber sicher nicht überraschend. Ich bin immer wieder angetan davon, wie energisch Felix Räuber singt. Er reißt die Augen auf, leidet scheinbar jeden Ton mit! Mit ihm standen Schlagzeuger Christian Grochau (mit wenigen Haaren und riesigen Kopfhörern),
Bassist Uwe, die beiden (u.a.) Keyboarder Bernd (Silvester) Wenzel und Ludwig Bauer und Gitarrist Philipp Makolis auf der Bühne. Die Keyboarder wechseln regelmäßig ihre Positionen, mit perfekter Präzision und unter erschwerten Bedingungen. Der Platz für die Band und all ihre Instrumente war nämlich viel zu klein. Und dazu wurden in den Liedpausen alle Scheinwerfer runtergedreht, sodaß es stockdunkel war, wenn die Plätze getauscht werden mussten. Für die Künstler sicher nicht ganz leicht, für das Publikum ein sehr schöner Effekt! Meine Lieblingsszene war dabei vor dem Nummer eins Hit, als einer der beiden Keyboarder das Instrument vom anderen Platz mit einiger Mühe abbaute und zu sich rüberzog.

Prisoner, das zweite Lied, stammt auch vom aktuellen Album. Danach kam dann mit
Somedays sundays ein erstes Stück vom Debüt der Band - ein großartiger Titel! 130/70, das Stück über ein männliches Herz, ging dann über in das wundervolle instrumentale Herbstlied, bevor mit Crystal Lake und Comes around zwei Knüller vom Debüt folgten, beide mag ich sehr gerne und bei beiden war ich froh, das sie nicht aus dem Programm geflogen sind! Zu Comes around kletterte auch Felix ins Publikum und stellte sich rechts in der Halle auf eine Bank (vermute ich) und sang da weiter.

Zurück auf der Bühne verschwand die Band. Felix setzte sich ans Klavier und spielte da
River loves the ocean ganz allein. Allein das hätte meine Entscheidung für den Abend mit der Band aus Sachsen gerechtfertigt!

Dreamdancer (wieder mit Band) ist immer toll, ich habe aber schon bessere Versionen gehört. Nach
Name on my ID und Tourist von der neuen Platte folgte der Charthit, auf den viele lange gewartet hatten. Denn als jemand in das Intro reinrief, quittierte das jemand mit "Schnauze!" (also: Wenn du jetzt reinbrüllst, versaust du den ganzen Abend...?).

Nach kurzer Abwesenheit erschienen die Dresdner wieder zu den beiden Zugaben, Happy go lucky und Look, das alle meine bisherigen (regulären) PK 18 Konzerte beendet hatte. Dabei prügelte der Bodi Bill Geiger als zusätzlicher Schlageuger auf der einen alleine stehenden Trommel rum. Diese war vorher immer wieder zum Einsatz
gekommen, am eindrucksvollsten immer dann, wenn die beiden Klavieristen gleichzeitig (aber abwechselnd) den Rhythmus verstärkten.

Ein sehr schönes Konzert! Entgegen der
Indie-Leuten üblichen Skepsis gegenüber erfolgreich werdenden Lieblingen, hat es gar nicht wehgetan, eine Band, die jetzt auch Teil des Mainstreams ist, zuzusehen. Polarkreis spielt noch viele der Lieder, mit denen Radiohörer normalerweise nichts anfangen können. Also sorgen sie vielleicht dafür, daß der durchschnittliche Musikgeschmack ein kleines Stück besser wird. Denn wer Dreamdancer hört, kann in der Zeit keine Aufmerksamkeit Anastacia, Reamon oder anderen fiesen Sachen widmen. Ich habe also eine Art musikalisches Goethe-Institut erlebt. Und ich hatte Spaß dabei!

Setlist Polarkreis 18, Gebäude 9, Köln:

00: Intro
01: The colour of snow
02: Prisoner
03: Somedays sundays
04: 130/70
05: Herbstlied (kurz)
06: Crystal Lake
07: Comes around
08: River loves the ocean (Felix Solo)
09: Dreamdancer
10: Name on my ID
11: Tourist
12: Allein allein

13: Happy go lucky (Z)
14: Look (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Polarkreis 18, Dortmund, 29.03.08
- Polarkreis 18, Hohenfelden, 17.08.07
- Polarkreis 18, Haldern, 03.08.07
- Polarkreis 18, Köln, 20.05.07
- Polarkreis 18, Köln, 15.03.07
- mehr Fotos von Polarkreis 18 in Köln



5 Kommentare :

oliver r. hat gesagt…

Waren Coldplay nicht auf Platz eins, als Du sie gesehen hast?

Christoph hat gesagt…

Mit einer Single auf keinen Fall. Das Album auch nicht, glaube ich. Werde aber mal nachforschen!

Olly Golightly hat gesagt…

Ein Lob auch für das über zwei Sätze "versteckte" Allein Allein... So was mag ich :o)

Christoph hat gesagt…

Sehr aufmerksam! Auch wenn das natürlich Zufall war ;-)

polarkreis-18-guerilla hat gesagt…

Hej Christoph. vielen dank für deine ausführlichen und mit wachsenden lobhudeleien bestückten berichte über die polarkonzerte sowie für die tollen fotos. Ist ja auch eine brillante band, der man die aufmerksamkeit echt nur wünschen kann.

über das „allein. Allein“ hab ich mich auch gefreut, aber noch mehr über die herrlichen Verlinkungen (Ludwig Bauer, gell). btw: colour of snow -jaaaa ist ja dermaßen john farnham - gruselig.

grus grus

 

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