Dienstag, 4. November 2008

Built To Spill, Paris, 03.11.08


Konzert: Built To Spill

Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 03.11.2008
Zuschauer: gute Raumauslastung, vermutlich ausverkauft
Konzertdauer: gut 90 Minuten



Irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieser schrammelige Indie-Rock mit den endlos langen Gitarrenschlaufen, den Built To Spill da spielen, einen genau so langen Bart hat, wie der kauzige Frontmann Doug Martsch. Will heißen: Der Stil der bärtigen Amis scheint mir gnadenlos out zu sein! Wenn es so etwas wie den Sound der 90er gab, dann klang er so wie die Mucke, die uns gestern abend in der Pariser Maroquinerie aufgetischt wurde!

Heute ist doch Math-Rock angesagt, desweiteren New Rave, Freak Folk, oder dieser afrikanisch angehauchte Indie-Pop wie ihn Vampire Weekend spielen. Oder etwa doch nicht?

Eins ist von vornherein klar: An Moden oder Trends haben sich Doug Martsch und seine Kumpels nie orientiert. Weder musikalisch, noch sonst in irgendeiner Hinsicht. Man muß sich nur einmal diese schwarzen Quadratlatschen von Douggie-Baby angucken! Solche Treter trug damals mein Physiklehrer. Wizigerweise hatte mein Pauker auch den gleichen Bart wie der Built To Spill - Chef, da scheint es Parallelen zu geben...

Ich habe mich immer gefragt, in welcher Welt solche Kauze wie Doug Martsch leben. Irgendwie schaffen sie es, allen idiotischen Trends zu trotzen und sich einen feuchten Kericht darum zu scheren, was die anderen von ihnen halten.

Allerdings irritiert, ja nervt mich diese Je - m'en- Foutisme- Attitüde (zu deutsch: Mir-Ist-alles-scheißegal-Haltung!) am Anfang des Konzerts sehr. Schon klar, was die damit ausdrücken wollen, sie wollen klarmachen, daß sie sich für nichts und niemanden verbiegen werden und auch kein Zahnpasta-Lächeln aufsetzen, um zugänglicher zu wirken. Stattdessen leiern sie ihr Programm runter und atmen nach jedem Lied erst einmal in Ruhe durch. Dann werden Zigarettchen geraucht, Gitarren gestimmt und man überlegt kurz, welches Lied denn eigentlich dran ist. Eine Setlist haben Built To Spill nicht. Aber wozu auch? Sie haben anscheinend kurzfristig entschieden, ihr altes Album Perfect From Now On komplett zu spielen. Ein Klassiker, der von Kritikern höchstes Lob erfahren hatte.

Vor ein paar Jahren lief dieses Meisterwerk des modernen Gitarrenrocks bei mir rauf und runter und allzu gerne hätte ich Built To Spill in dieser Zeit einmal live gesehen. Stattdessen kamen sie erst im Mai 2007 nach Paris und spielten neben Liedern von ihrem zu jenem Zeitpunkt aktuellen Album You In Reverse auch drei Stücke von Camper Van Beethoven. Songs von Perfect Form Now On? Fehlanzeige!

Heute schreiben wir November 2008 und das Klassikeralbum hatte ich schon lange nicht mehr gehört. 2008 wahrscheinlich kein einziges Mal. Und was pasiert? Logisch, jetzt wird es entmottet und dem Pariser Publikum serviert! Ein auffallend gemischt-geschlechtliches Publikum im Übrigen, in dem man neben den üblichen männlichen Vollbartträgern auch so manche junge Frau sah. Wer hätte das vorher gedacht? Vielleicht ist die sexuelle Anziehungskraft von Kuschelbärchen Doug Martsch ja doch größer als man vermuten könnte!

Anti-Star Doug tut allerdings nicht viel dafür, Wirkung auf das andere Geschlecht zu entfalten, wie immer trägt er Labber - T-Shirt und eine unförmige Hose, da hat sich nichts geändert seit dem letzten Mal.

Allerdings wirkt er heute besessener, engagierter als noch vor 17 Monaten. Sobald er ein Lied begonnen hat, taucht er ab in eine Art Parallelzustand, schließt die Augen und wackelt mit seinem halbkahlen Köpfchen, so daß die Backen hin und herfliegen. An seinem Einsatz während der Songs ist also nichts auszusetzen, störender wirkt, daß er in den immer recht langen Pausen, keinen Ton sagt, sondern nur wortlos die Klampfe stimmt. Nach dem dritten Stück Stop The Show dauert die Pause treffenderweise besonders lange. Grund dafür ist eine während des Liedes gerissene Saite. Mister Martsch geht zu einem Kästchen, wühlt darin herum und holt eine Ersatzsaite raus, die er seelenruhig befestigt. Sein links von ihm stehender Gitarrist versucht währenddessen das Publikum zu unterhalten. Er beginnt von den anstehenden Präsidentschaftswahlen zu labern, seit Wochen ein beliebtes Thema bei amerikanischen Bands. Auf seinem Arbeitsgerät ist recht deutlich abzulesen, auf wessen Seite der Kerl steht, es ist geziert mit Spontisprüchen, "No Corporate" liest man da, "Muerte", aber witzigerweise auch "Keine Sau".

"Tell me about the Dow Jones" wirft ein Zuschauer ein und der Gitarrist winkt ab und sagt, daß er davon keine Ahnung habe. Bevor er aber seine poltischen Ansichten und seine Sicht der Dinge in Worte fassen kann, unterbricht ihn der Chef abrupt. Seine Saite ist nämlich endlich repariert und er will nicht labern, sondern Musik spielen. Er fängt einfach an zu singen und loszurocken, so als wolle er ausdrücken: "Halt jetzt mal die Fresse, jetzt wird weitergemacht!"

Ich lache mich innerlich kaputt und vergesse ein wenig meinen Zorn darüber, daß das Konzert nicht richtig in die Gänge kommt. Die ganzen Pausen, das Rumgerauche, all dies zerstört den Fluß. Hinzu kommt, daß gerade der Drummer, aber auch der Bassist, saumäßig gelangweilt und müde wirken. Am liebsten würde ich ihnen zurufen: "Ey, ihr Bastarde, arbeitet gefälligst! Ich habe 22 Euro für Euch hingeblättert, ich will etwas mehr Einsatz für mein Geld! Überhaupt scheint mir das ein wichtiger Punkt zu sein: Die Typen da vorne sollten sich im Klaren darüber sein, daß sie den Fans etwas bieten müssen und zwar etwas, daß über den Genuß des Livehörens eines Lieblingsalbums hinausgeht. Circa ab Out Of Site kommt die schwerfällige und hüftsteife Kapelle dann wirklich mehr in Schwung, das Konzert scheint endlich richtig losgegangen zu sein. Zum Glück! Wie kann man denn auch eine solche Perle wie I Would Hurt A Fly so lustlos runterspulen? Wie oft habe ich diesen Knüller damals gehört? 30 mal, 50 mal? 100 mal? Bis irgendwann jedes Gitarrenriff geläufig war. "I listend the shit out of this song," sagen die Engländer zu diesem Phänomen und es war wirklich so, ich war einmal süchtig danach. "I can't get that sound you make out of my head I can't even figure out what's making it", der Text traf es ganz genau.

Seltsam, daß mich das heutzutage so relativ kalt läßt. Aber wie gesagt, ab der Mitte des Konzertes wurde die zähe, depressive Gitarrensuppe flüssiger, die alten Herren waren endlich auf Betriebstemperaturen gekommen. Und im Zugabenteil drehten sie noch einmal richtig auf. Der alte Klassiker In The Morning hat nach wie vor Biss und eine tolle Melodie, Some war auch nicht von schlechten Eltern und Car ist sowieso einer der besten Songs der vergangenen 20 Jahre. "I wanna see movies out of my dreams", heißt es da, ein spitzenmäßiger Text zu einem famosen Lied. Besser geht es fast gar nicht, Built To Spill, eine der genialsten Bands der Musikgeschichte, hier beweisen sie es! Überraschender ist allerdings der Abschluß. Die Lyrics kommen mir unglaublich bekannt vor, aber ich komme erst einen Moment später darauf, was da gespielt wird. Paper Planes ist das, ursprünglich ein Hip Hop - Song von M.I.A. aus dem Jahr 2007. In der Version von Built To Spill wird eine Noisekeule daraus, die einem mindestens zwanzig Minuten lang brachial auf den Kopf einschlägt. Die Gitarrensoli wollen einfach kein Ende nehmen und ein paar Musiker der Band haben sich schon verpisst und ihre Instrumente an Mitglieder der Vorgruppe Disco Doom (die nicht schlecht waren) und einem unbekannten Typen (den Tourmanager?) weitergericht. Doug kriegt das gar nicht mit, er spielt sich in einen wahren Rausch und guckt ganz verträumt. Wie bekifft hebt er am Ende die Gitarre in die Luft und trägt das Teil auf seiner breiten Schulter in die Kabine. Kurz vorher guckt er aber zum ersten Mal halbwegs direkt ins Publikum und ruft seinen Fans zu: "Thanks for coming down, thank you so much!" Dieser schüchtern platzierte Satz wirkt so aufrichtig, wie man das ansonsten nie von anderen Musikern zu hören bekommt. Ich glaube er hatte richtig Spaß, er hat nur eben eine etwas eigenwillige Art dies zu zeigen!

Für diesen Abgang hätte ich Douggie-Baby knuddeln können, das war so unglaublich liebenswürdig! Der Stil von Built To Spill mag out sein, aber das ist mir jetzt scheißegal! Doug soll seinen Bart behalten und möglichst oft wiederkommen. Seine Band ist nämlich Built To Last und eben nicht Built To Spill!

P.S.: Douggie- Bärchen: Oliver Peel loves you!

Setlist Built To Spill, La Maroquinerie, Paris:

01: Randy Described Eternity
02: I Would Hurt A Fly
03: Stop The Show
04: Made-Up Dreams
05: Velvet Waltz
06: Out Of Site
07: Kicked It In The Sun
08: About Someone Else

09: In The Morning
10: Some
11: Car
12: Paper Planes (M.I.A Cover)


Links:

- mehr Fotos von Sexsymbol Doug Martsch und Built To Spill hier
- Video: Stop The Show live, brauchbare Qualität
- Kicked It In The Sun live @ The Cat's Cradle
- I Would Hurt A Fly, Doug Martsch solo, akustisch, herzerwärmend!
- Car, Videoclip
- Car + Paper Planes live in Verona, beschissene Aufnahmequalität, aber man bekommt eine Idee von dem gecoverten Lied.




4 Kommentare :

Christina hat gesagt…

Perfect From Now On von Anfang bis Ende???? Ich bin sowas von neidisch! Das ist eines meiner allerliebsten Alben aller Zeiten.

E. hat gesagt…

dann hätte ich davon gern einen beitrag "zu in fester hand", christina! ;-)
sehe auch keinen grund, dass du beschwerde führst, oliver!

Christina hat gesagt…

@e.: du gibst aber auch nicht auf! Ich habe es tatsächlich schon in Erwägung gezogen, etwas über dieses Album zu schreiben. Es gäbe da viele Geschichten zu zu erzählen. Und mittlerweile besitze ich auch die Vinylversion!

stefan hat gesagt…

hab sie am 18.10 in heidelberg gesehn
glaub die songauswahl war gemischter, mir kam es auch so vor als würden sie teils vom publikum vorgeschlagene lieder spielen,
goin against your mind war leider nicht dabei obwohl auch mehrfach gewünscht!
und als ich nach dem konzert aufgrund der kurzen entfernung fragte wieso war doug natürlich total angepisst von mir, naja schade hat mir damit dann doch irgendwie das geniale konzert vermiest.
würd sie mir aber evtl trotzdem nochmal angucken

 

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