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Sonntag, 23. August 2015

Alinae Lumr Tag 1, Storkow, 21.08.15

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1. Tag Alínae Lumr Festival - meine Auswahl
  The Black Atlantic 45 min
  And the Golden Choir 50 min
  Hundreds (akustik) 70 min
Ort: Kirche in Storkow (Mark)
Datum:  21. August 2015
Zuschauer: für die ersten Sets etwa 200, dann etwa 350


Die Berliner habens schon gut mit ihrem grünen Gürtel von Wäldern und Seen. Auf das Alinae Lumr Festival, das diese Jahr zum ersten Mal im beschaulichen Storkow südöstlich von Berlin stattfindet, bin ich eher zufällig aufmerksam geworden. Ich wollte Sea & Air möglichst in der ersten Woche nach dem Erscheinen des neuen Albums Evropi live sehen und da wir für die letzten beiden Augustwochen Urlaub geplant hatten, kam Tübingen nicht in Betracht. Aber mit diesem herrlichen Festival kam mir die Idee, dass wir doch an einem dieser famosen Seen zuschauen, wie die Berliner so ausspannen. Und - wie sich nun herausstellte - das ganze bei herrlichstem Sommerwetter.


Mit dem Fahrrad erkundeten wir schon am Donnerstag den Weg nach Storkow und meine Vorfreude wuchs, nachdem ich den beschaulichen Ort schon im Normalzustand sehr liebenswert, wenn auch etwas verschlafen fand. Für den Freitag, den ersten Festivaltag, hatte ich mir überlegt, dass ich mir Aufregung erspare - also den Wechsel zu anderen Bühnen, auf denen auch für mich interessantes stattgefunden hätte, komplett weglasse. Statt dessen würde ich mich ganz entspannt für vier Stunden in die Kirche setzen. 


Die freundliche Entspannung begann schon mit dem Eintauschen des Tickets gegen ein Bändchen im Festivalbüro am Markt und als ich 17:30 Uhr an der Kirche eintraf war dort schon alles für die drei Acts des Abends vorbereitet. Ein ziemlich schwerer Duft nach den Lilien verteilte sich vom Altar im Raum und Eva Milner besprach noch ein paar Details für später. Aus der Sakristei klang das Warmspielen von Geert van de Velde für das erste Set. Ein sehr stimmungsvoller Anfang.


Das Festival wurde schließlich 18 Uhr vom Angelusläuten eröffnet, das Geert van de Velde doch ein wenig aus dem Konzept brachte, nachdem es mehr als sechs mal geschlagen hatte. Er kommentierte das anschließend mit Welcome to the Black Atlantic Service - we will talk about Jesus. Aber im Ernst wäre auf der Aufnahme zu dem Lied Haul, das er als erstes spielen würde auch am Schluss der Aufnahme zufällig eine Glocke zu hören. Das Set passte wirklich hervorragend in diesen Ruhe schaffenden Raum. 


Meine heimlichen Höhepunkte waren die beiden ganz besonders innigen Stücke The Aftermath (of This Unfortunate Event) und Fragile Meadow (mit der Ukulele vorgetragen). Mit einigen zum Teil ausführlich erzählenden Passagen (z.B. eine Geistergeschichte über the previous owner aus Schweden) entstand eine sehr intime Atmosphäre, die anscheinend auch von ihm selbst sehr geschätzt wurde, denn er bedankte sich vor dem letzten Stück sehr ausführlich ... and thanks for giving me smiles and stuff.... Ich freue mich besonders, dass wir uns in knapp vier Wochen in Karlsruhe schon wiedersehen werden!


Setlist:
01: Haul
02: Enshrine
03: Sun Battered
04: Madagascar
05: Quiet, Humble Man 
06: The Aftermath (of This Unfortunate Event)
07: Reverence for Fallen Trees
08: Fragile Meadow


Der Umbau zu And the golden choir  verlief eigentlich sehr schnell, obwohl Tobias Siebert allerhand Instrumentarium nötig und dabei hatte. Natürlich seinen Plattenspieler, aber auch ein Harmonium, ein Hackbrett, eine Gitarre und eine Autoharp. Die Begleitung von Schallplatte zog sich als roter Faden durch das Set. Ich fand es ja etwas mutig, in der Aufregung des Konzerts auch noch die Nadel jeweils ruhig an den rechten Platz zu setzen, aber in der Regel klappte das erstaunlich gut. Die meisten der Songs waren hochdramatisch und beim unverstärkten Stück in der Mitte erschien er mir doch so recht als Troubadur. Trotzdem klang das Set mit neueren Stücken sehr tanzbar aus. Mein Höhepunkt in diesem Set war das letzte Stück Angelina. Seinen Rotwein im Altarraum einer Kirche kommentierte er kokett: Ich habe es versucht, aber mein Wasser ist immer gleich zu Wein geworden.


Setlist:
01: Holy Diamond 
02: The Transformation 
03: Brother´s Home 
04: Another Half Life 
05: Corpus Cristi Carol 
06: My Heaven Is Lost 
07: It´s Not My Life 
08: In Heaven 
09: The Queen Of Snow 
10: In Rain 
11: Angelina

 
Als letzter Punkt des Tages für mich stand Hundreds mit einem akustischen Set auf dem Programm. Unsere Wege hatten sich an diesem Tag schon mehrfach gekreuzt. Ich finde es ja toll, wenn Bands selbst auch ein bisschen die Festivals genießen können, auf denen sie selbst auftreten. Während ich die Umbaupause noch für ein Bierchen nutzte, begegneten wir uns z.B. in der Pizzeria und vor dem Set durfte noch Junior alles inspizieren (er saß dann später sehr aufmerksam und mucksmäuschenstill fast bis zum Ende des Konzertes in der ersten Reihe). Inzwischen war auch die Sonne in Glanz und Glorie untergangen und die Kirche lag in verheißungsvollem Dunkel. Auf die letzten Minuten füllten sich alle Bänke und die Empore und schließlich auch alle Ecken, Gänge und Nischen bis auch der letzte Winkel voller vorfreudiger Menschen war.


Auch wenn das Set akustisch heißt, wurde natürlich verstärkt. Philipp Milner saß links vor zwei übers Eck gestellten Tasteninstrumenten, Xylophon und einem Computer, rechts war ein komplettes Schlagzeug für Florian Wienczny aufgebaut und natürlich sang Eva Milner durch ein Mikrophon. Es begann sehr getragen und ruhig mit nur Piano und erst danach Gesang. Der Schlagzeuger hatte noch ein bisschen Pause (bis zum dritten Stück). Nachdem die Snare auch festgezogen war, war der Sound ergreifend schön. Höchstwahrscheinlich eine Meisterleistung am Mischpult, das in dem Kirchenraum stabil zu kriegen und vielleicht auch etwas ungewohnt, aber sogar in der ersten Reihe hatte ich einen herrlichen Eindruck und habe das sehr genossen. Das Publikum war auch wirklich ganz ruhig und aufmerksam und honorierte die Stücke mit herzlichem in enthusiastischem Applaus.


Besonders in mein Herz drangen an diesem Abend Please rewind in all seiner Melancholie und das sich anschließende Stück - das sich wie eine Musik für einen inneren Film anfühlte. Das Björk-cover (ohne drums) Who is it fand ich sehr gelungen (was ich nicht unbedingt erwartet hätte, nachdem es angesagt worden war, denn - seine wir ehrlich - Björk ist schon sehr speziell!) Für das letzte Stück musste Florian mit an die Tasten und es war ein tolles Bild, wie im Dunkel der Bühne alle drei Künstler auf engstem Raum ihr Klankunstwerk schufen. Es gab tosenden Applaus und deshalb schließlich auch eine Zugabe: It's a wonderful live wirkte auf mich  wirklich irgendwie das an diesem Ort gebotene Gehet-hin-in-Frieden-Ding. Und natürlich musste ich den Refrain mitsingen ... Dank sei Gott dem Herrn ...


Leider hing es mir den ganzen nächsten Tag noch im Ohr.

Setlist:
folgt

Alle Fotos vom Festival:



Aus unserem Archiv:
Tag 2
Tag 3
The Black Atlantic, Düsseldorf, 07.10.12
The Black Atlantic, Karlsruhe, 24.01.13
The Black Atlantic, Köln, 28.01.12
The Black Atlantic, Paris, 06.06.10

And The Golden Choir, Stuttgart, 08.04.13
And The Golden Choir, Köln, 13.01.14 

Hundreds, Mannheim, 31.05.14
Hundreds, Köln, 20.03.14
Hundreds, Frankfurt, 14.11.11
Hundreds, Mannheim, 21.05.11



Dienstag, 14. Januar 2014

Slut, Köln, 13.01.14

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Konzert: Slut
Ort: Gebäude 9, Köln
Datum: 13.01.2013
Dauer: Slut 100 min, And The Golden Choir 40 min
Zuschauer: nicht ausverkauft (aber recht gut gefüllt)


Im August erschien ein neues Slut-Album (Alienation), das stilistisch eine Veränderung zu seinen Vorgängern darstellt. Anders klingen die Stücke durch "diese neuen Computerg'schichten", erklärte Sänger Christian Neuburger nach den ersten beiden Liedern des Konzerts. Auch die Herangehensweise ans Album war ungewöhnlich. Slut wollte mit fünf Produzenten in verschiedenen Städten jeweils zwei Lieder aufnehmen. Bei Tobias Siebert (Sänger von Klez.e und Gitarrist von Delbo) fand man in Berlin aber einen so guten Partner, daß aus den geplanten zwei Titeln fünf wurden und Tobias gleich als Support-Band und zusätzlicher Live-Musiker angeheuert wurde.

Ich habe Alienation bisher kaum beachtet - ich komme zu wenig zum Plattenhören (und höre dann immer nur Lush, The Organ oder die Smiths) - die erste Hälfte des Konzerts, die fast ausschließlich aus neuen Songs bestand, war also eine erste Chance, die Lieder konzentriert zu hören. Dabei waren die Computerg'schichten zu bemerken, sie waren aber alles andere als ein Bruch. Wenn so alle Band-Weiterentwicklungen funktionierten, würde ich heute auch die Editors noch mögen. Von den sechs Stücken, die den Anfang des Konzerts bildeten und die alle von Alienation stammten, überzegten mich Anybody have a roadmap mit enorm vielen Trommlern auf der Bühne und das auf Platte auf den ersten Blick* unscheinbare Never say nothing ganz besonders. Zwei große Knüller!

Mit Remote controlled endete der Alienation Block vorerst. Andy von Lookbook und seine beiden weitestgehend instrumentalen Plattennachbarn Big mistake und Swingquest stellten aber nur theoretisch einen Bruch dar. Daß die drei quasi zusammengehörenden Lieder ohne Pause gespielt wurden, war nicht überraschend. Aber auch sonst gingen viele Songs ineinander über, es sei denn Christian sah Bedarf, Stücke zu erläutern. Den Hintergrund des Alienation-Titelsongs erklärte es ausgiebig. Vor einigen Jahren habe ihr damaliges Kölner Label der Band einen Marketing-Experten geschickt, mit dem Slut in Ingolstadt bayerisch essen gehen sollte. Dabei erklärte der Experte, der hoffentlich heute nicht im Gebäude 9 war (vermutlich haben solche Label-Marketing-Experten aber eh keine Zeit für Konzerte, da sie ja Bands beraten), daß der Name Slut problematisch sei und die Band sich doch "Slut aus Ingolstadt" nennen solle. Nach "lyrics slut" zu googlen ist wirklich kein Vergnügen, allerdings sind Namesänderungen von Bands aus Vermarktungsgesichtspunkten natürlich nichts, über das Künstler, die wir mögen, ernsthaft nachdenken würden. Also schickte Slut den Experten nach dessen bayerischen Wiener Schnitzel zurück nach Köln. Mit Alienation hat diese Geschichte insofern etwas zu tun, daß das Lied von Ingolstadt handelt. Zwar eine weite Überleitung - aber sowohl beim Konzert, als auch jetzt zu schön, um sie auszulassen.

Die nächsten sechs Lieder waren das, was der Musikexpress eine Slut-Werkschau nannte, Stücke aus allen Phasen der langen Bandgeschichte, darunter StillNo1 mit wundervollem Coldplay-Piano, der Kracher If I had a heart oder... ach, das sind natürlich alles Hits! Nach gut 80 Minuten beendete ein letztes Alienation Lied den Hauptteil - Holy end, der ruhige Schlußpunkt des Albums. Dabei stand nur noch die halbe Mannschaft auf der Bühne, darunter Produzent Tobias. Überhaupt spielte der Klez.e- bzw. Delbo-Mann eine wichtige Rolle während des Konzerts. Er übernahm immer wieder Hauptrollen und bewegte sich so sicher über die Bühne, wie es Gastmusiker eigentlich gewöhnlich nicht tun.

Zu den Zugaben, die wegen einer Anreise-Verzögerung der Band erst um kurz vor halb zwölf begannen, wurden wieder alle Gitarren und Krachmacher benötigt. Das herrlich laute Dreigroschenoper-Cover von Sluts 2006er Platte war - so ungern ich das über Cover sage - einer der Höhepunkte des Konzerts! Aber auch Easy to love von Nothing will go wrong waren vorzüglich. Den Abschluß bildete das laut Christian ewig nicht mehr gespielte Hope. Überprüfen kann ich das nicht, es existieren kaum Slut Setlisten im Internet. Hier ist eine (für die diebischen Kollegen):

Setlist Slut, Gebäude 9, Köln:

01: Silk road blues
02: Anybody have a roadmap
03: Broke my backbone
04: Never say nothing
05: All show
06: Remote controlled
07: Andy
08: Big mistake
09: Swingquest 10: Alienation
11: If I had a heart
12: StillNo1
13: Stagged and torn
14: Why pourquoi (I think I like you)
15: Homesick
16: Reminder
17: Holy end

18: Die Moritat von Mackie Messer (Kurt Weill Cover) (Z)
19: Easy to love (Z)
20: Hope (Z)

Mein erstes Konzert des Jahres wird nicht wie sein Vorgänger 2013 am Ende das beste gewesen sein, es war aber sehr gut - im Gegensatz zu meiner Kondition. Wie schnell man doch die Fähigkeit verliert, bis spät (und lange) aufmerksam zu sein, nach einer jahreszeitlich bedingten Konzertpause! Heute fiel der Support And The Golden Choir dem zum Opfer. Ich mochte Tobias Sieberts Set zum Teil sehr. Mir gefiel auch die Idee, daß er sich von je einer selbstbespielten Schallplatte pro Lied selbst begleiten ließ ("ich habe mir die Band gespart"). Dabei war ihm immer wieder wichtig, daß er trotzdem live spiele - ein kleines Stückchen Unsicherheit, von dem danach, vor allem beim Slut-Auftritt, nichts mehr zu spüren war. Aber über 40 min hielt meine Aufmerksamkeit nicht. Aber das ist sicher nur mir anszulasten.

Links:

- aus unserem brandneu überarbeiteten Archiv:
-
Slut, Wien, 04.10.13
- Slut, Mannheim, 21.05.11
- Slut, Mannheim, 21.05.11
- Slut, Wien, 12.11.10
- Slut, Köln, 10.11.10
- Slut, Bielefeld, 15.03.08

Fotos später!

* ein Blick-Äquivalent fürs Hören gibt es wohl nicht? Ein Fall hierfür.



Mittwoch, 10. April 2013

Naked Lunch, Stuttgart, 08.04.2013

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Konzert: Naked Lunch
Vorband: And The Golden Choir
Ort: Zwölfzehn, Stuttgart
Datum: 08.04.2013
Zuschauer: ziemlich voll; vielleicht 150
Dauer: Naked Lunch 95 Minuten; And The Golden Choir 23 Minuten



„Als Österreicher bin ich froh in Stuttgart zu sein.“ 
Oliver Welter nimmt einen Schluck aus der Plastikwasserflasche einer großen Discounter-Kette und lächelt in den gut gefüllten schwäbischen Club. „Seltsam, oder? Ich weiß nicht, woran das liegt.“ Lakonisch verdruckst fährt er pointiert fort. „Wahrscheinlich liegt es an Martin Harnik, gebt ihm mehr Einsatzminuten.“ Die beim Hamburger Indie-Label „Tapete Records“ veröffentlichende Vorzeigeband Klagenfurts und der in Hamburg geborene österreichische Fußball-Nationalspieler, der für den VfB spielt. Ein naheliegender Schulterschluss, der dennoch für großen Applaus sorgt.

Zuvor ist Support Act Tobias Siebert als And The Golden Choir für etwas über 20 Minuten auf der Bühne, der Rotwein trinkend im Vorprogramm eine mittelmäßige Figur macht, Akustikgitarre spielt und singt, während seine Band von einer Schallplatte kommt, die er auf der Bühne spielen lässt. Das Konzept hätte gelingen können, doch dann bleibt die Platte immer wieder hängen, was zu unschönen Momenten führt. "Entschuldigt bitte, meine Band hat gestern zu viel getrunken." Stimmlich ähnelt das Ganze eine Spur zu epigonenhaft Thom Yorke, doch immerhin ist die Ausstrahlung ziemlich sympathisch. 
Vielleicht sollte ich dem jungen Musiker im dunklen Jacket bei einem Soloauftritt eine weitere Chance geben. Potential haben seine opulenten Lieder nämlich zweifelsohne, was auch schon Me And My Drummer erkannt haben, die scheinbar gut mit ihm befreundet sind und ihn im vergangenenen Winter mit auf Tour nahmen. 
Doch zurück zu Naked Lunch: Bands aus Österreich sind in der deutschen Musikszene erstaunlich unterpräsentiert. Erfolgreiche Musiker und Bands? Was fällt einem da schon ein; Falco, Wolfgang Ambros, der unvergessene Meister des deutschprachigen Song Noir Ludwig Hirsch, oder ganz schlimme Dinge wie Opus. Alles - zugegebenermaßen - ältere Projekte; zwei der genannten Musiker sind seit Jahren tot. Dann gibt es noch Udo Jürgens, auch aus Klagenfurt und ein eher älteres Semester.
Denkt man an Indie-Bands aus Österreich wird das Ganze - zumindest für mich - noch schwieriger. Blicke ich in die vergangenen Jahre zurück, so muss ich mir doch eingestehen, gerade einmal drei Musikprojekte aus unserem Alpennachbarland gesehen zu haben: My Glorious, mit denen ich im letzten Jahr auf dem Soundgarden Festival in Bad Nauheim flüchtig Bekanntschaft machte, ein Act zum vergessen; Chansonette Gustav, die mich mit ihrer nicht katalogisierbaren Musik 2011 beim Berliner Poesiefestival verzauberte, wo sie PeterLicht und Thomas Meinecke die Show stahl; und Ja, Panik!, die ich lange feierte, die aber seit einiger Zeit in Berlin zuhause sind – und auch genau so klingen.
Umso größer war die Motivation, zu Naked Lunch in einen meiner Lieblingsclubs, dem Zwölfzehn, zu gehen, einer von nur sechs Tournee-Stationen in Deutschland. Auch wenn es für eine Rockband sicherlich nicht sonderlich originell ist, sich nach einem Roman des Beat Generation – Autors William S. Burroughs zu benennen, wissen Oliver Welter (Gesang und Gitarre), Herwig Zamernik (Gesang und Bass), Stefan Deisenberger (Keyboards) und Alex Jezdinsky (Schlagzeug) mit ungewöhnlichen Popsongs zwischen The Notwist, The Cure und The National zu bestechen, wobei sich die Ähnlichkeit mit den amerikanischen Indie-Helden vor allem im Bühnengebaren Welters zeigt, vor allem in den Momenten, in denen er die Gitarre zur Seite legt, um den staksenden Frontmann zu geben, der weltentrückte Popsongs singt.

Während Naked Lunch in Österreich ein klares Vorzeigeprodukt alternativer Musik sind, blieb das Quartett in Deutschland immer ein Nischenprodukt eingeweihter, verschworener Liebhaber. Dabei sind die meisten Alben der 1991 gegründeten Formation weitaus mehr als solides Handwerk. 1997 erkannte das große Major-Label „Mercury“ die Qualitäten der Band aus der großen Stadt am Wörthersee, der ja eher für unsäglich seichte Schlagerfilmchen mit Roy Black oder unerträglichen Stumpfsinn wie diesen „Supernasen“-Film bekannt ist, als für herausragende popkulturelle Kunst. Naked Lunch ist da der bestmögliche Gegenpol. „Nenn' mich nicht Gerd Höllerich“, wie Bernd Begemann sagen würde. Das erste Album bei „Mercury“, „Superstardom“, erschienen 1997, klingt noch ganz anders, als der sphärische, Synthesizer getragene Indie-Pop, den die Band in der jüngeren Vergangenheit und auch im Zwölfzehn ekstatisch zelebriert. Vor 16 Jahren dominierten Punkeinflüsse und rockige Gitarren. Songs wie „We are Universe“ lassen mich bei Naked Lunch gar an ein österreichisches Pendant zu den frühen Placebo denken. Mit der musikalischen Weiterentwicklung, die sich vor allem auf den beiden - meines Erachtens besten - Naked Lunch-Alben „This Atom Heart Of Ours“ (2007) und dem gerade veröffentlichten Album „All Is Fever“, dem ersten bei meinem Lieblingslabel, haben auch die Fans der ersten Stunde kein großes Problem. Die Band hingegen steht konsequent zur weiterentwickelten Ausrichtung und folgt nicht dem Wunsch eines Zuschauers, der sich „Tambourine“, eine Single aus „Superstardom“, lautstark wünscht.
„Keep It Hardcore“ der Opener des aktuellen Albums besteht den Livetest grandios. Der fast sechs minütige Song, der mit bedrohlichem Basseinsatz und Schlagwerkbehandlung beginnt, bevor Gitarre und Keyboard einen weichen Gegenpol bilden, ist der ideale Beginn des Konzert. Es vergehen über zwei Minuten bis Welters Gesang einsetzt, Bassist Zamernik steuert von jetzt an immer wieder bezaubernde Harmonien hinzu. „Keep it hardcore / Keep it real.“ Als Germanistik-Student, der ständig daran erinnert wird, auf Intertextualität zu achten, suche ich nach Bezügen zu dem meisterhaften Pulp-Album „This is Hardcore“, finde diese aber nur in kurzen Momente, wenn die Liedästhetik ähnlich gewählt ist, was hauptsächlich auf die Harmonien zutrifft.
„My Country Girl“, zweiter Song heute Abend, rührt mich in seiner schlichten Folkhaftigkeit. Hier wird die Nähe zur Weilheimer Szene um The Notwist, zu deren Umfeld Naked Lunch bekanntlich zählen, überaus deutlich. Die Musik ist reduziert, Welter klingt heiser. „So take me to the woods and the hey / step into a place I've never been / down there where the sea meets the sky / take me to the wasteland of your mind.“ Der Song steigert sich. Zamernik, der die Melodie mitsingt, wird immer hektischer, Welter folgt ihm. Das ist dann bedrohlich, nicht einmal pathetisch. Und wunderschön.

„41“ ist nicht minder brillant und alles versinkt bereits beim dritten Song in andächtiger Weltentrücktheit. Es geschieht nicht oft, dass einen Klangtrips derartig physisch mitnehmen. Spätestens bei „Militairy Of The Heart“, der Single des 2007er Albums tanzt man auf engen Raum, vereinzelt wird mitgesungen. Der Pathos ist schlicht, die Bilder passen zur Musik. „I walk on with my seven inch boots / I cross this planet in a day / I madly climb the highest mountain / I swim the deepest ocean / only to be with you.“ Die sechs großen symmetrisch verteilten Glühbirnen blinken im Takt, Wärme füllt den Raum.
„God“ von „Songs for the exhausted“ (2003) ist eines der ältesten Stücke, die es heute gibt, bevor die fünf folgenden Songs des regulären Sets ausnahmslos von meinen genannten zwei Lieblingsalben stammen.
Nach einer winzigen Pause kehren die vier (eigentlich drei, denn Keyboarder Deisenberger verlässt sie gar nicht erst, sondern "versteckt" sich hinter seinem Instrument) auf die Bühne zurück, um „The Sun“, die aktuelle Single, die mit Synthie-Streichern und einer eingängigen Melodie, den wohl größten Pop-Appeal des Band d'oeuvres besitzt. Danach gibt es verzichtbare Zurufe aus dem Publikum und „King George“, das deutliche Referenz auf „My Friend George“ von Lou Reed nimmt, hier habe ich meine Intertextualität, man muss doch immer nur suchen.
„The Funeral“ soll dann der letzte Song heute Abend werden. Es ist das emotionalste Lied des Konzerts, was der Titel bereits nahe legt. Die Musik kommt vom Band, während die gesamte Gruppe und der Vorband-Musiker nebeneinander stehen und zauberhafte Harmonien beisteuern und Welter in melancholischer Schlichtheit einen Suizid besingt; ein todtrauriges Lied, man lauscht andächtig. Hier wird nicht ungeschickt auf die Tränendrüse gedrückt, ich muss schlucken. Nacheinander verlassen die Musiker die Bühne, nachdem man wieder an den Instrumenten Platz nahm.

Der Applaus fällt frenetisch aus. Welter kehrt alleine auf die Bühne zurück, um eine weitere wohl nicht geplante Zugabe zu spielen: „Shine on“ vom aktuellen Album, das heute in seiner erstklassigen Ganzheit gespielt wurde. Der eigentlich nur vier Minuten lange Song wird heute in die Länge gezogen. Irgendwann stehen alle Mitmusiker auf der Bühne und alle singen den Refrain zusammen.Keyboarder Deisenberger spielt Schlagzeug. Dann endet ein Abend in sphärischer Ekstase mit einer Band, die fraglos die Speerspitze österreichischer Indie-Musik darstellt. Chapeu, Naked Lunch. Wir sehen uns wieder. Shine on!



Setlist, Naked Lunch, Stuttgart:

01: Keep It Hardcore
02: My Country Girl
03: 41
04: Town Full Of Dogs
05: First Man On The Sun
06: In The Dark
07: Militairy Of The Heart
08: Into Your Arms
09: At The Lovecourt
10: God
11: Dreaming Hiroshima
12: Hammer It All
13: My Lonely Boy
14: Waterfall
15: Colours

16: The Sun (Z)
17: King George (Z)
18: The Funeral (Z)

19: Shine On (Z)




 

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