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Montag, 16. Mai 2011

Bernhard Eder, Wien, 15.05.11

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Konzert: Bernhard Eder

Ort: B72, Wien
Datum: 15.05.2011
Zuschauer: um die 50
Konzertdauer: etwa 90 Minuten


Mein neuntes Mal Bernhard Eder. Eigentlich beschämend für mich, dass ich mich (und meine Arbeitsmoral) jetzt erst zu einem ersten Konzerbericht des ganz sicher besten Songwriters Österreichs überwinden kann. Aber es ist einfach wirklich an der Zeit, "Meister Eder", wie er von manchen liebevoll genannt wird, hier vorzustellen.
Oft wird es in Rezensionen so dargestellt, als hätte der gelernte Automechaniker ganz plötzlich seine Berufung im Songschreiben gefunden, dabei hat er sich mit einem Gesangsstudium und einigen Bands schon einen Namen gemacht, bevor es "Bernhard Eder" gab. Dass er auch in Deutschland recht bekannt ist, liegt an seinen Jahren in Berlin. Vor wenigen Monaten veröffentlichte er sein drittes Album, To disappear doesn't mean to run away, ein wahnsinnig großartiges Werk, das seine bekannten Stärken konzentriert und ein dichtes, wunderschön instrumentiertes Stimmungsbild zeichnet.

Ein Glück (für mich jedenfalls), dass Bernhard Eder so oft live zu sehen ist. Wie zum Beispiel sonntags im B72. Die Wahl des Wochentags und das Wetter dürften aber einige nicht aus dem Bett gelockt haben, es hat schon Konzerte mit deutlich mehr Besuchern gegeben. Soll sein, war das halt eher eine kleine Freundesrunde!

Weshalb mit In a foreign land der erste Song solo und mit Ukulele im Publikum gespielt wurde, bevor Eder den Wiener Linien für die fünfminütige Fahrplanpause über unseren Köpfen mit einer Abschwur vom Schwarzfahren dankte und sein Dream-Team auf die Bühne bat. Man könnte auch sagen: "Allstar-Team", so viele Mitglieder anderer Bands der Szene waren vertreten. So zum Beispiel die Geschwister Lacherstorfer von Velojet mit Kontrabass und Geige und der Garish-Schlagzeuger Markus Perner. Weitere Gastauftritte sollte folgen, weiter gings jedenfalls mit einem älteren (Künstleraussage: "nostalgischen") Stück, Buried in oblivion.

Den kuriosen Umstand, dass er diesmal Wasser statt des geliebten Bieres trinke, erklärte Eder dann mit einem falsch bestellten Falafel-Sandwich. Rohe Zwiebeln und er, das seien keine Freunde. Gut, es soll nichts schlimmeres passieren und auch ohne Bier war er so gut gelaunt wie immer.

Die folgenden Songs stammten allesamt vom neuen Album, so das famose Lisbon und With my head in hands, mit der tollen Glockenspielmelodie gegen Ende. Kleinere Fehler sorgten dabei für Erheiterung. Six eight 1 wurde gespielt, den Songtitel kann sich Eder selbst nicht erklären, den des folgenden Songs, Fog over land, schon: Der Nebel im Hausruckviertel, den es dort monatelang beständig gäbe, hat sich dieses Stück verdient. "Auch wenn der Wettbericht vielleicht Restösterreich und sogar dem Nachbarort Sonnenschein verspricht, bei uns gibts nur Nebel." Und ja, das stimmt wohl wirklich, ich bin mit solchen Gegenden bestens vertraut. Fakt auch, dass abgeschiedene Landregionen einen mit ihrer Einsamkeit und der wenig berührten Natur zu Großem inspirieren können. Auch To disappear... ist am elterlichen Bauernhof (welchen zu übernehmen sich Eder übrigens strikt geweigert hat) entstanden, im alten Jugendzimmer zwischen Relikten früherer Tage.

Normalerweise käme jetzt wohl das AC/DC-Cover von Thunderstruck (einer der Fälle, wo mir das Original völlig wurscht ist, das Cover jedoch großartig) und der Geschichte seiner Jugend als Teil einer Motorrad-Gang und dem dazugehörigen Soundtrack. Aber da heute ja Tag des Herrn sei ("kleiner Scherz"), wolle man lieber etwas Anderes covern. "Brave Musik", wie Marlene Lacherstorfer, die Kontrabassistin, ein Cover ihrer Band Velojet ankündigte.

I follow my heart ist sowas wie ein österreichischer Indie-Hit, seit einigen Jahren fixer Bestandteil diverser Playlists und auch live ein energiegeladener Genuss. Von diesem Song gibt es auch eine Live-Version aus dem Radiokulturhaus, gesungen von Eder gemeinsam mit Velojet-Sänger Mühlberger - ein wunderschönes Stück Musik.
Aber auch Eder alleine kann sehr toll singen und so wird diese Darbietung mit extra viel Applaus bedacht.

Mein Highlight stand aber noch aus. Zwei Songs später kam Good to be, ein neues Stück, und mit Julian Schneeberger (ebenfalls von Garish) kam Unterstützung an der zweiten Gitarre. Diese setzt nach einigen Takten der ersten Gitarre ein und errichtet eine hübsch ineinander verstrickte Songstruktur, die den Lyrics Raum zur Entfaltung gibt. "So I have built a wall around me, to find out it's better to be open..." Von der Erfahrung, wie schön es doch sei, zu leben und der Gewissheit, dass immer jemand hilft, um es mit Ilija Trojanow zu sagen: "Die Welt ist groß und Hoffnung lauert überall."

Ein weiteres "to be"-Stück folgte. Nachdem Bernhard Eder nicht gerade selten mit Nick Drake verglichen wird, ist es legitim und ironisch zugleich, einen Song des Großmeisters zu bearbeiten: Place to be. "And I was green, greener than the hill. Where the flowers grew and the sun shone still. Now I'm darker than the deepest sea, just hand me down, give me a place to be."

Was für ein schönes Ende. Schade nur, dass hinten irgendein Subjekt unfähig war, die Klappe zu halten. Hätte ich mehr im Oberarm als im Oberstübchen, hätte ich so eine Situation sicher schon mal selbst beendet.
Fürs Klatschen jedenfalls reicht mein Bizeps und nachdem das auch bei allen anderen der Fall war, wurde mit Polen #1 die erste Zugabe gespielt. Älterer Song übrigens.
Beim darauffolgenden Now's the time kam es, wie man es bereits bestens gewohnt ist, im Mittelteil zur Aufforderung, den Takt klatschend zu übernehmen und da der Großteil wohl schon einem Eder-Konzert beigewohnt hat funktionierte das bestens. Auch dieser Song ist älteren Semesters, von sehr melancholischer Sprache und Instrumentierung und dennoch ein Beweis für die Lebensfreude des Herrn Eder. Mögen seine Songs noch so dunkel sein, für diesen Burschen ist der Grat zwischen Melancholie und Lebensbejahung ein Spaziergang.

Das Publikum hatte jedenfalls noch immer nicht genug und so gab es eine weitere Zugabe. Being boring von den Pet Shop Boys wurde in lustigen Version gecovert, dass der Titel nicht die Stimmung dieses Abends traf, muss glaube ich nicht erwähnt werden.


Mit Konzerten von Bernhard Eder ist es ein wenig mit dem sonntäglichen Kirchgang überzeugter Christen (um auf den Tag des Herrn zurückzukommen): Im Grunde bekommt man immer das gleiche serviert, schon mit Raum für spontane Ideen, aber mit einem guten Teil, auf den man sich verlassen kann. Und dennoch kommt man immer wieder gerne: ist es die sympathische Erscheinung des Songwriters, seine erstklassige Musik oder die Freude, mit der die Leute immer bei der Sache sind - Bernhard Eder-Konzerte gehören jedenfalls zu den schöneren Seiten eines Sonntags. Besonders wenn dieser wettertechnisch grau in grau ausfällt. Wie im gesamten Leben: Man muss nur den Farbtupfen finden...

Setlist Bernhard Eder, B72, Wien:

01: In a foreign land
02: Buried in oblivion
03: Lisbon
04: With my head in hands
05: Six eight 1
06: Fog over land
07: Until the end*
08: Sad ballad man
09: I follow my heart (Velojet Cover)
10: Unexpected
11: Good to be
12: Place to be (Nick Drake Cover)

13: Polen #1 (Z)
14: Now's the time (Z)

15: Being boring (Pet Shop Boys Cover) (Z)

*Hier war ein weiterer Gast am Werken, nämlich Stephan Stanzel von A Life, A Song, A Cigarette an der Hawai-Gitarre - auch ganz hervorragend!

Ausgewählte Konzerttermine von Bernhard Eder:

27.05. - Esterhazygassenfest, Wien
03.06. - Röda, Steyr
19.07. - WUK-Hofkonzert, Wien
09.08. - B-Flat, Berlin
12.08. - Polarstation, Schellhorn (D)
03.09. - SoB-Festival, Dresden

Die Bilder sind allesamt Pressebilder.


Sonntag, 14. November 2010

Slut & Pelzig, Wien, 12.11.2010

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Konzert: Slut, Pelzig
Ort: B72, Wien
Datum: 12.11.2010
Zuschauer: bummvoll, 250 Leute
Konzertdauer: Pelzig 40 Minuten, Slut 90 Minuten



Aus Ingolstadt, der kleinen bayrischen Großstadt, kommt ja so einiges. Nach Beliebtheit bei den „Ösis“ – in aufsteigender Reihenfolge – gereiht: die EADS-Machenschaften namens Eurofighter, schnelle und teure Autos von Audi und zu bester Letzt: Slut.


Die deutsche Band mit dem sympathischen Wuschelkopf Christian Neuburger als Frontmann darf getrost als Wegbereiter und –begleiter des englischsprachigen Alternative im deutschsprachigen Raum bezeichnet werden, aber auch als Band, die sich stetig weiterentwickelt und zunehmend auch von herkömmlichen Formaten weg bewegt. Vor ein paar Jahren erarbeitete man etwa Lieder des Brecht-Freundes Kurt Weill und gab die Interpretationen auch im Theater zum Besten. Letztes Jahr wilderte man wieder in literarischen Kontexten und begleitete Juli Zeh auf einer kleinen Tour zu ihrem Buch Corpus Delicti mit eigens dafür komponiertem Material.


Und dieses Jahr? Dieses Jahr begaben sich Slut, ganz im Stile großer Legenden, auf die Spuren ihrer Frühzeit, wie es so schön heißt: „back to the roots“, und legten ihre lange seit Jahren vergriffenen ersten beiden Werke „For Exercise And Amusement“ und „Interference“ neu auf. Und machten sich aus diesem Anlass auf, die seit fast einem Jahr Absenz regelrecht nach Slut dürstenden Bühnen des deutschen Landes und seiner südlichen Nachbarschaft zu beehren.


Und ganz offensichtlich hatte auch die Zuseherschaft die Ingolstädter bereits vermisst, denn der Vorverkauf für diese besondere Tour lief ganz hervorragend. Natürlich in München und auch in Wien, wo bereits einen Monat im vorhinein alle Karten vergriffen waren. Der Teenbeatclub, der wieder als Veranstalter auftrat, hatte nämlich seine Liebe zu den Lokalen am Gürtel manifestiert und das B72 für diesen Abend auserkoren, welches nun mal nicht unbedingt zu den größten Locations zählt. Diese bewusst erzwungene Intimität stieß natürlich auf wenig Gegenliebe bei all jenen, die keine Karte ihr Eigen nennen durften, auf umsomehr dafür beim Publikum des Abends. Und Slut machen es einem ja auch wirklich leicht, sie zu mögen: Melancholische, aber zügige Gitarrenmusik, eingängige Melodien und die charakteristische Neuburger-Stimme zeichnen für eine große Fangemeinde verantwortlich.


Ob zu dieser auch jene Dame (ganz offensichtlich vom horizontalen Gewerbe) gehörte, die etwa drei Stunden vor Konzertbeginn im B72 auftauchte und etwas verwirrt auch sofort wieder ging, ist unbekannt. Vielleicht hat sie auch die wörtliche Übersetzung des englischen „slut“ zu wörtlich genommen…


Bei Pelzig gibt es keine Übersetzungsschwierigkeiten, die Schwesterband von Slut ersetzte an diesem Abend The Strange Death Of Liberal England, die bis dahin als Support fungiert hatten, sich an diesem Abend aber lieber alleine ins Flex wagten. Die Besucherzahlen dort sollten dieser Entscheidung eher nicht Recht gegeben haben…


Pelzig jedenfalls waren ganz offensichtlich glücklich mit dem erschienenen Publikum und spielten nach anfänglichen technischen Problemen ein zackiges Set runter. Dass ihre Musik ähnlichen Einschlags wie die von Slut ist, hat wohl auch damit zu tun, dass sich im Kader von Pelzig (ich muss bei dem Namen immer an ein Schnabeltier denken, an was denkt ihr???) zwei Kollegen von Slut befinden. Nur der glatzköpfige/kürzesthaarige Sänger hatte wenig mit Chris von Slut zu tun (auch haarmäßig nicht), er spielte auch kein Instrument, bediente sich dafür des Öfteren eines Megafons.


Waren eigentlich alles recht hübsche Songs, so wirklich nachhaltig im Gedächtnis wollte sich bei mir aber keines einnisten, nur Stuck In gefiel mir ganz gut. Das kannte ich allerdings schon davor. Nach knapp 40 Minuten machten sich Pelzig dann an die schwerste Übung dieses Abends und kämpften sich von der Bühne durchs Publikum in Richtung wohlverdientes Abendessen.


Auch das gemeine Fußvolk war hungrig, hungrig nach der zweiten Ingolstädter Band des Abends. Der Appetit sollte rasch gestillt werden. Schon auf dem Weg zur Bühne empfing das Quintett Jubel. Nach Ground (von For Exercise And Amusement), Interference (vom gleichnamigen Album) und dem gebührenden Applaus machte sich Neuburger daran, die Erwartungshaltungen vor der Bühne zu evaluieren, man werde heute „vornehmlich, aber nicht ausschließlich“ aus den zwei ersten Werken zum Besten geben. Ergebnis der Evaluation: Programm angenommen.


Mit dem Auftrag des Volkes ausgestattet, wie es in der politischen Berichterstattung so eloquent heißt (in Wien wurde an diesem Tag übrigens die erste rot-grüne Stadtregierung der Geschichte besiegelt), machten sich Slut an die Verwirklichung ihres Wahlversprechens und das besser als man es in Österreich gewohnt ist.


Abwechselnd und zu gleichen Teilen kamen die beiden genannten Alben zum Zug und dieses alte, bereits über zehn Jahre alte Material klang frisch wie nur irgendwas. Man könnte an dieser Stelle von einer zweiten Jugend sprechen, man könnte aber auch – noch pathetischer – von einer Wiederauferstehung dieser live zuvor selten gespielten Songs sprechen. Muss man aber nicht. Man kann sich (als noch in der ersten Jugend Steckender) einfach darüber freuen, dass man Dokumente einer Zeit miterleben darf, die man ohne Slut zu kennen verbracht hat.


Als kleine Leckerbissen boten Slut all jenen, die vorrangig den aktuellen Werkkatalog kennen, zwischendurch Songs jüngeren Datums, etwa Homesick und das in einer großartig reduzierten Version vorgebrachte Staggered And Torn. Beide wurden begeistert aufgenommen, aber das wurden eigentlich alle Songs.


So verging eine Stunde, die kurzweiliger nicht hätte sein können und in der es im prall gefüllten B72 noch um eine gefühlte Pudelmütze heißer wurde und mit Cloudy Day kam man zum Ende. Der richtige Song, um die Wetterlage zu beschreiben, aber in Wien war der Kuchen noch nicht gegessen, nach frenetischen Klatsch, Ruf- und Pfifforgien brach noch einmal die Sonne zwischen den Wolken hervor und das tolle If I Had A Heart wurde ausgepackt, dass ganz hervorragend gelang. Zwei weitere Songs hatte man noch in petto, bevor schweißüberströmt der nächste Anlauf, die Bühne zu verlassen, gewagt wurde. Es blieb bei dem Versuch, was Slut alles andere als störte, man bedankte sich bei Wien und sprach dann: „Achtung Theater!“


Ein ganz essenzieller Song aus dem Schaffen wurde also ausgepackt, es wurde der Dreigroschenoper und ganz besonders Kurt Weill gehuldigt, als Die Moritat von Meckie Messer unter anfänglicher mithilfe des Publikums angestimmt wurde. „Und der Haifisch, der hat Zähne…“


Ein zahnloser Auftritt war das heute mitnichten, schön, dass Bands sich hin und wieder noch auf ihre Anfangszeiten zurückbesinnen, besonders wenn aus diesen Zeiten so großartige Musik stammt, wie sie Slut eben gemacht haben.

Die Ingolstädter Hierarchie wurde also gefestigt, vor EADS und Audi brauchen Slut wirklich keine Angst zu haben. Zumindest nicht in Wien.


If I had a heart, I would give it to slut. Thank you Slut, thank you Teenbeatclub, goodnight Vienna.


Setlist Slut, B72, Wien (noch im Entstehen, sachdienliche Hinweise zur Vervollständigung werden freudig erwartet):


01: Ground

02: Interference

03: I Know

04: Soda

05: Homesick

06: Medea

07: Wait

08: Bussova

09: Staggered And Torn

10: Wishes

11: Evergreen

12: Rocket

13: Cloudy Day


14: If I Had A Heart (Z)

15: Blow Up (Z)

16: Easy To Love (Z)

17: Die Moritat von Mackie Messer (Kurt Weill “Cover”)


Aus unserem Archiv:


Slut, Köln, 10.11.2010


 

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