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Mittwoch, 9. Oktober 2013

Waves Vienna Festival, Wien, 05.10.13

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Konzert: Waves Vienna Festival
Ort: Flex, Wien
Datum: 05.10.2013
Dauer: Sin Fang 40 min, Kreisky 45 min, múm 60 min
Zuschauer: ca. 300



von Ursula von neulich als ich dachte

Nachdem auch der dritte und letzte Abend unseres Besuchs beim Waves Vienna-Festival im Flex stattfand, bleibt nun statt einer Clubvorstellung ein wenig Zeit, vom Festival an sich zu berichten. Ich zitiere zunächst einmal faul von der Wikipedia-Seite: Das Waves Vienna soll ... 

"insbesondere noch wenig bzw. eher regional bekannten Bands und Musikern die Möglichkeit bieten, ein größeres Publikum zu erreichen und über Genre- bzw. die jeweiligen Landesgrenzen hinaus bekannt zu werden. Neben den Konzerten finden im Rahmen der Waves Vienna Music Conference Vorträge, Diskussionen und Workshops statt. Einen Schwerpunkt bildet unter dem Motto 'East meets West' die Einladung osteuropäischer Musikschaffender."

Das Festival, bei dem sich die Bandauftritte auf eine Vielzahl von Veranstaltungsorten verteilt, fand dieses Jahr zum dritten Mal statt, erstmalig konnte man 2013 per Shuttlebus auch Konzerte in Bratislava besuchen. Doch bei über 100 Bands in Wien auf 16 Bühnen (für 51 Euro) hatte man vor Ort auch so genug zu tun. Reichlich Informationen bekam jeder Besucher über ein mehr als 200 Seiten dickes Programmbuch. Da wir uns "unsere" Bands bereits vorab ausgesucht hatten, haben wir von den meisten der Veranstaltungsorte überhaupt nichts mitbekommen, was ein wenig schade ist. Andererseits ist es sicherlich befriedigender, sich einige Konzerte aufmerksam anzusehen und -zuhören, als rastlos von einer Bühne zur nächsten zu hetzen und dann doch nichts richtig mitzubekommen. Für Features wie eine stets im Kreis fahrende Straßenbahn, in der DJs auflegen, waren wir möglicherweise sowieso zu alt. Immerhin den "Red Bull Brandwagen", eine winzige Freilichtbühne in einem Minibus, haben wir im Vorbeigehen gesehen. 

Gestern Abend war es eigentlich eher ein Vorbeilaufen, denn zwischen Kulturprogramm und Abendessen hatten wir uns zeitlich ein wenig verkalkuliert, so dass wir das Flex nun im Laufschritt ansteuerten, um den ersten Bandauftritt nicht zu verpassen. Tatsächlich stand bei unserem Eintreffen bereits ein einzelner junger Mann auf der Bühne hinter Laptop und Synthesizer und produzierte Eurodico-Sound. Hatte die Band also noch nicht begonnen? Oder hatte Sin Fang, der als Ersatz für The Electric Soft Parade erst verspätet ins Programm aufgenommen worden war, etwa auch abgesagt? Aber halt, an den tätowierten Armen konnten wir erkennen, dass es doch schon Sin Fang war! 

Der junge Isländer bestritt seinen Auftritt tatsächlich allein. Wir schienen nur einen Teil des ersten Songs verpasst zu haben, nun folgten einige vom aktuellen, sehr poppigen Album Flowers. Anders als bei seinem Auftritt in Wiesbaden, bei dem meine Versuche, die Setliste mitzuschreiben, durch nuschelige Zwischenansagen vereitelt wurden, kommunizierte Sindri Már Sigfússon dieses Mal vergleichsweise deutlich - auch wenn er für seine "Thank you"s häufig unter seinen Synthesizern verschwand. 

Er spielte nicht nur Lieder von Flowers, sondern auch von seinen anderen Veröffentlichungen Summer Echoes und aus dem als Sin Fang Bonus erschienenen Clangou, sowie Walk With You von der Half Dreams EP, zusätzlich noch die anscheinend unveröffentlichten Clinger und Rosemary. Dennoch blieb er als einziger Künstler unter den für ihn angesetzten 45 Minuten. Zumeist war er eingehüllt in Nebel und drehte mit der rechten Hand an irgendwelchen Knöpfchen, während er ins Mikrofon sang, das er in der linken hielt. 

Da ich einige Lieder nicht kannte und wir ja außerdem den Beginn verpasst hatten, ist es nur dem mutigen Einsatz meines Begleiters zu verdanken, dass wir doch noch eine vollständige Setliste bekommen haben, er fragte Sindri nämlich einfach später am Merchandise-Stand danach. Bei dieser Gelegenheit erfuhr er auch, dass Sin Fang, wenn er das Vorprogramm bestreitet, stets allein anreist, anders lohnt sich das wohl finanziell nicht. Außerdem bestätigte Sindri die Vermutung, dass wir ihn beim späteren Auftritt seiner Tourneepartner und Landsleute múm noch einmal wiedersehen würden. 

Setlist Sin Fang, Waves Vienna Festival, Wien: 

01: Clangour and Flutes 
02: Clinger 
03: Young Boys 
04: What's Wrong With Your Eyes 
05: Look At The Light 
06: Walk With You 
07: Rosemary 


Nach Sin Fangs Auftritt, der recht gut besucht gewesen war, leerte sich der Saal beinahe vollständig, was mich bezüglich der nun folgenden und uns gänzlich unbekannten Band Kreisky Schlimmes ahnen ließ. Laut Programmheft erwartete uns krachiger Rock aus Österreich in deutscher Sprache und mit guten Texten. Das dann tatsächlich von der Band Gebotene war in jedem Fall tatsächlich sehr laut. 

Zu sagen gäbe es dazu auch so einiges, zum Beispiel erklärte Sänger Franz Wenzl durchaus korrekt, dass man sich ein Festivalpublikum stets neu erspielen müsste und gab fortan sein bestes, um das zu Konzertbeginn doch noch zahlreich erschienene Publikum zu überzeugen. Lediglich in der ersten Reihe hatten sich einige Kreisky-T-Shirt-Träger eingefunden, die dann bei einigen Gelegenheiten mitsingen durften - zuletzt beim Brüllen eines häufig wiederholten "Dann gehen wir auch!". Jeder Song wurde als super und ihr größter Hit angekündigt. An einer Stelle erklärte Wenzl, bei einer derartigen Hitdichte müsse man sich "anschiffen", um dann hinzufügen, dass das für das internationale Festivalpublikum schwer zu übersetzen sei. 

Die Lieder an sich richteten sich recht zielstrebig an ein Publikum von österreichischen Rockfans und Sprechgesang im Stil von Mark E. Smith. Nachdem ich keines von beiden bin, könnte ich folgerichtig wenig damit anfangen, muss aber zugeben, dass der Auftritt beim Publikum generell sehr gut ankam - es wurden sogar zwei Lieder als Zugaben gespielt - und auch zahlreiche Plattenkäufe auslöste. Immerhin mit einem Lied, Wildnis, konnten Kreisky auch mich zum Schmunzeln bringen, darin hieß es: "Der Mensch gehört nicht in die Wildnis / Das ist wieder die Natur / Der Mensch gehört in eine Wohnung / Auf eine Sofagarnitur". 

Zu erwähnen wäre auch noch die Erzählung Wenzls, er habe am Bahnhof in einer Musikzeitschrift eine Liste der "Top 111 deutschsprachigen Songs" gefunden, dann bescheiden erst bei Platz 6 mit der Lektüre begonnen, aber enttäuscht feststellen müssen, dass seine Band überhaupt nicht dabei war. Dem Publikum wurde nun ein Boykott sämtlicher Musikzeitschriften ans Herz gelegt. 

Ansonsten war ich eher erleichtert, als das Strobo- und Krachfeuerwerk damit ein Ende fand, dass, während Gitarrist und Bassist noch die letzten Rückkopplungen erzeugten, der Sänger, der zunächst noch mit dem Mikrophon durchs Publikum marschierte und Zuschauer mitsingen ließ, zum Merchandise-Stand ging, in aller Ruhe T-Shirts und CDs auspackte und mit dem Verkauf von LPs begann. 

Setlist Kreisky, Waves Vienna Festival, Wien: 

01: Alpen 
02: Bitte Bitte 
03: Vandalen 
04: Körper an Körper 
05: Selbe Stadt, anderer Planet 
06: Wildnis 
07: Asthma 
08: Dow Jones 

09: Pipelines (Z) 
10: Die Menschen sind schlecht (Z) 

Nach diesem Stilbruch ging es musikalisch zurück nach Island. Das Publikum verdichtete sich erheblich, und um uns herum entdeckte ich auffällig viele junge Leute mit "Artist"-Anhängern - múm sind bei ihren Musikerkollegen offensichtlich sehr beliebt. Auch Thom Luz von My Heart Belongs To Cecilia Winter, die wir am Vorabend an gleicher Stelle hatten sehen können, fand sich als Zuschauer ein. 

Das Konzert der isländischen Band begann höchst dramatisch, indem Schlagzeuger Samuli langsam einen leuchtenden Eimer auf die Bühne trug, schließlich neben dem Schlagzeug abstellte und Klänge erzeugte, in dem er eine Art silbernen Teller darin wusch. Nach und nach kamen auch die anderen Mitglieder der Band auf die Bühne. 

Überhaupt machte der Auftritt auch später vielfach einen theatralischen Eindruck. Einen gewissen Kontrast dazu bildeten die trocken-nüchternen Zwischenansagen von Gunnar Örn Tynes, der etwa nach dem ersten Lied Sveitin milli sanda lapidar feststellte: "This was our first song. We will now play our second song." Es folgte nach Slow Down die angekündigte Bühnen-Rückkehr von Sin Fang, der zu The Colourful Stabwound Synthesizer spielte. 

Im Mittelpunkt standen die beiden Sängerinnen Silla, die in ein Kleid gehüllt war, das an die Gemälde von Klimt denken ließ, die wir zuvor im Museum gesehen hatten, sowie Gyða Valtýsdóttir, die mittlerweile zu múm zurückgekehrt ist, und an diesem Abend barfuß auftrat und ein dünnes, bauchfreies Oberteil und einen zerfransten Rock aus gleichem Material trug. 

Bei The ballad of the broken birdy record wurden wir Zeugen eines sehr seltsamen "Tanzes" von Gyðam der wirkte, als breche sie sich selbst wieder und wieder das Genick, um dann zu Boden zu fallen - das sah ziemlich schmerzhaft aus. Bereits vorher hatte sie mit ihrem überlangen Rock, der aus einem umgehängten Bettlaken zu bestehen schien, eine Art Bandgymnastik veranstaltet. Erinnerungen an die kuriose Bühnenshow von CocoRosie wurden wach. 

Wie zu erwarten, kam bei múm eine Fülle von Musikinstrumenten zum Einsatz: Die beiden Sängerinnen betätigten sich an der Melodika (bei unserem Waves Vienna-Besuch eine Art Standardinstrument), einer viereckigen Gitarre, zahlreichen Glöckchen und einem Kontrabass ohne Corpus. Dazu sahen und hörten wir mehrere Gitarren, Synthesizer und eine Mini-Mandoline. 

Vor One Smile meldete sich Gunnar nochmals zu Wort und erklärte, dieser Auftritt sei der letzte von múms aktueller Tournee: "We will now crawl back into our cave and not come out for many years!". Besonderen Dank wollte die Band ihrem Fahrer Terry entgegenbringen, dem deshalb auch gleich der nächste Song gewidmet wurde. Vor dem letzten Lied Now there is that fear again wurde auch dem Soundmann und dem Helfer vom Merchandise-Stand explizit gedankt. Nach dem Lied folgte noch eine gemeinsame Verbeugung, dann war, trotz lauter "Zugabe"-Rufe, Schluss - was auch in Ordnung war, die Band hatte die ihr zugedachten 60 Minuten komplett aufgebraucht und im Vergleich zu regulären eigenen Konzerten die Setliste um 5 Songs reduziert. 

Damit war gegen kurz nach Mitternacht auch unser erster Besuch beim Waves
Vienna beendet und wir konnten im Hotelzimmer feierlich unsere Bändchen durchschneiden. Ich halte das Konzept des Festivals ohne Festivalgelände für sehr gelungen, die 45-Minuten-Auftritte ermöglichten es außerdem, in kurzer Zeit viele Bands kennenzulernen. Damit, dass man mehr noch als bei einem regulären Festival stets nur Bruchstücke des Line-ups sehen kann, muss man sich als Besucher eben abfinden. 

Setlist múm, Waves Vienna Festival, Wien:

01: Sveitin milli sanda 
02: Slow down 
03: The Colourful Stabwound (zusammen mit Sin Fang) 
04: A little Bit, sometimes 
05: Green Grass of tunnel 
06: The ballad of the broken birdy records 
07: Toothwheels 
08: One Smile 
09: Now there's that fear again 

Fotos: Dirk von Platten vor Gericht
 


Waves Vienna Festival, 03.10.13

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Konzert: Waves Vienna Festival
Ort: verschiedene Locations am Donaukanal
Datum: 03.10.2013


Was für so ziemlich jede mitteleuropäische Stadt gilt, trifft auf Wien besonders zu: Winter sind nicht so lustig. Kann natürlich sein, dass ich bei der Kleidungswahl noch ein wenig in Sommernostalgie schwelgte (ein komisches Präteritum) und gleich zum Island-Pullover hätte greifen sollen, aber so oder so sind 5° ein bisserl wenig.
Nur gut, dass sich mittlerweile schon fast alle Festivitäten ins Innere verzogen haben und Festivals auch wenn sie so heißen, nichts mehr mit Outdoor zu tun haben. Das erste Oktoberwochenende wartet da traditionell mit großem Veranstaltungsgebot auf, wenn man will, kann man es gar auf zwei Großereignisse reduzieren: das höchst originäre Konstrukt "Wiener Wiesen" und das "Waves Vienna". Beide betonen im Namen schon den Bezug zur Hauptstadt, doch die jeweils transportierten Weltvorstellungen liegen eher weit auseinander, einzig die Liebe zum Bier eint die beiden Zielgruppen. Den Raum zwischen Donaukanal und Prater dominieren ein Wochenende lang also Dirndl, Lederhosen, Waves-Umhängetaschen und Timetable-Booklets.
Warum ich hier so herumschwafle über die Wiesen, wo doch eh jeder weiß, dass es nicht um Bierzeltbelustigungen gehen wird? Weiß ich auch nicht so genau. Wohl deshalb, weil Kollegin Ursula in ihrem Bericht über das Waves schon einiges erzählt hat. Und weil ich heuer keine lustigen musikalischen Sozialisierungsversuche von angeheiterten Wiesenbesuchern vorm Fluc und Beschwerden über die Lautstärke (von der Wiesen ans Waves wohlgemerkt) erleben durfte, aber doch so gerne darüber schreiben würde. Und natürlich auch, um einfache Dichotomien herzustellen, á la Orwells "Vierbeiner gut, Zweibeiner böse". Alle Vierbeiner lesen also bitte trotz langatmiger Einleitung weiter, es wird nämlich endlich musikalisch.

Dem Manchester-Boy Magic Arm war nämlich die Ehre (oder Bürde, je nachdem) überlassen, den Abend im Odeon zu eröffnen, einem wunderschönen, sehr großen Theater, das zu der frühen Uhrzeit (dreiviertel sieben) erst eine Handvoll Early Birds angelockt hatte. Wie durch Zauberhand allerdings hatte der bärtige Kollege schnell eine atmosphärische Dichte geschaffen, in den Pausen zwischen den Songs glänzte er zwar nicht als großer Erzähler, vermittelte aber das Gefühl, sich gerne mit dem Publikum auszutauschen und sich über jeden einzelnen zu freuen. Die zu erzählenden Geschichten nahmen sich in musikalischer Form sowieso ganz hervorragend aus, wurden von sehr verspielten Arrangements begleitet und ein besonderes Faible hatte der hinter dem Alias steckende Marc Rigelsford fürs Loopen. Bisweilen erinnerten die Klangwelten des Magic Arm da stark an jene von A Thousand Fuegos.
 

Die Kurzweiligkeit des Konzerts ist zum Teil sicher auch auf die Spontaneität des Künstlers zurückzuführen, der in den Pausen oft umdisponierte, andere Songs als geplant spielte und seinen Mitstreiter Ben, der nach drei Songs erstmals die Bühne betreten hatte, abwechselnd auf die Bühne zitierte und wieder wegschickte. Auf nette Art und Weise natürlich, der Typ ist grundsympathisch, aber doch irgendwie verwunderlich, dass er seinen Kollegen nicht auf der Bühne haben wollte, wenn ein Song ohne dessen Beteiligung auskam. Platz wäre da jedenfalls genug gewesen. Ob die acht Tage, die die beiden zu diesem Zeitpunkt schon gemeinsam auf Tour waren, bereits Abnutzungserscheinungen verursacht hatten? Am Tag zuvor hatten die beiden jedenfalls in München in einer Garage oder Werkstatt gespielt, was Ben zu dem berechtigten Kommentar hinriss, das Odeon sei doch ein wenig ein anderes Kaliber. Ziemlich genau nach 45 Minuten war das Konzert jedenfalls vorüber, eine kurze Verbeugung und weg waren sie. Ein schöner Start ins Festival, recht lange sacken konnte ich diesen aber nicht, da im doch ein Stückchen entfernten Flex Amatorski anstanden.

Eine Viertelstunde deren Konzerts hatte ich bei Ankunft zwar schon verpasst, die restliche halbe Stunde war aber so dermaßen gut, dass sie dieses kleine Ärgernis schnell vergessen ließ. Dabei hatte ich mich erst am gleichen Tag zum ersten mal mit Amatorski beschäftigt, war zufällig auf den Namen im Timetable gestoßen und natürlich gleich an die kürzlich im Konzerttagebuch verfassten Lobeshymnen auf eine Band dieses Namens gedacht. Amatorski klingt ja sprachlich ziemlich slawisch eigentlich, hatte ich mir gedacht, und  einen musikalischen Import Olivers von seiner Russlandreise vermutet. Im Timetable stand allerdings ein (BE). Belgien und Slowenien waren nämlich die heurigen Gastländer im Rahmen des Veranstaltungscredos "East meets West".
Für Amatorski gilt "Post-Rock meets Schüchter-Pop", zwei musikalische Hängematten, in die
ich mich besonders gern flausche. Wie ein Mangalitza-Schwein (einfach weils ein schöner Name ist) suhlte ich mich im musikalischen Schlamm der Belgier und verlor dabei jeglichen Bezug zum Rundherum. Wobei der Begriff Schlamm die Tonart, die Amatorski anschlagen, ja gänzlich verfehlt. Aber in der Konsistenz gleicht er dem Konzert gewissermaßen, so dicht und einhüllend, richtig wärmend war es. Außerdem haben Amatorski spirituell angehauchte Metaphern wie "engelsgleich" und "überirdisch" sicher schon hundert Mal gehört. Also passt Schlamm irgendwie doch ganz gut. Heißt ja außerdem auch "Perlen vor die Säue" oder? Und ich glückliche, tagebuchschreibende Sau, die dieses Konzert fast verpasst hätte, erlebte also eine sphärische Welt aus Glockenspiel, samten vorgetragenem Schlagzeug, komplex ineinandergreifender Instrumentierung und gehauchtem Gesang.
Dadurch, dass die Band rund um Sängerin Inne zwischen den Songs kaum zum Publikum sprach (dafür oft Instrumente bzw. Plätze wechselte, die Bühne war wohl zu viert mit soviel Equipment doch etwas eng), entwickelte sich eine ganz eigene Atmosphäre, die man nicht zwangsläufig mögen muss. Für viele ist ein Konzert ja erst dann richtig gut, wenn möglichst viel interagiert wird und der Kontakt zwischen Publikum und Band ausgereizt wird, aber ich habs halt hin und wieder gern so schwelgerisch, weltvergessen. Und die Leute rundherum - auffallend viele ältere und professionell wirkende, mit Akkreditierungen ausgestattete Männer übrigens, wohl Leute aus dem Business - schienen mehrheitlich diesen Ansatz zu teilen, den filigranen Songs wurde durch äußerstes Schweigen Respekt erwiesen, ganz am Ende bei Never Told tänzelten glückselige Gesichter durch den Raum (also die Körper zu den Gesichtern), durch die nebelverhängte Bühne verabschiedeten sich die etwas schüchternen Belgier leider schneller, als man überlegen konnte, was "Zugabe" wohl auf flämisch heißen möge. Zauberhaft gutes Konzert, das Hunger auf sehr viel mehr macht, heißt in diesem lustigen Kauderwelsch jedenfalls Amatorski, das steht schon mal fest. Zum Glück hatte die Band in einem Anflug auf Gesprächigkeit vor dem letzten Song schon versprochen: "See you very soon!"

Schauplatzwechsel und raus in die Kälte once again. Zum Glück nur zehn Minuten lang im Eilschritt und nicht länger - so wie die Bands auf dem Red Bull Brandwagen, der hundert Meter vom Flex positioniert war. Der hatte letztes Jahr (damals am Praterstern aufgestellt) gar nicht so schlecht funktioniert, allerdings war da auch das Wetter besser und der Platz doch deutlich belebter als der Donaukanal, wo die Leute vorbeieilten, um schnell wieder ins Warme zu kommen.
So allerdings spielten die zwei für diesen Tag angesetzten Bands in ziemlicher Kälte und vor publikumstechnischer Minimalbesetzung. Vielleicht hätte man da einfach schon am Nachmittag beginnen sollen, wo die Konkurrenz der anderen Bühne sich noch in Grenzen gehalten hätte...

Im Odeon ist es aber schön warm und Frida Hyvönen konnte also in einem sehr luftigen, farbenfrohen Kleid auftreten. Von der schwedischen Songwriterin erlebte ich nur mehr die letzte Viertelstunde, die zwar musikalisch nicht ganz meinen Nerv traf (oder Amatorski zuvor waren einfach zu gut, auch möglich), aber dafür ein wenig mehr auf der Entertainment-Schiene unterwegs war als die Belgier.
Ein Apfel, der auf ihrem Klavier lag, dürfte als Running Gag eine große Rolle gespielt haben, auch mit ihrer Begleitung an den Backvocals erlaubte sie sich den einen oder anderen Scherz, der letzte Song Dirty Dancing blieb mir auch spaßig in Erinnerung. Er handelte von der alten Jugendliebe, die man irgendwann aus den Augen verliert und dann plötzlich als Rauchfangkehrer vor der Tür steht. Erinnern an vergangene Zeiten - Dirty Dancing mit dem kohlschwarzen Homie, schönes Wortspiel. Vergangene Zeiten müssen aber gar nicht so lang her sein, es reicht auch das Jahr 2007, als Frida Hyvönen mit Au Revoir Simone in den USA unterwegs gewesen sei und die nachfolgende Band sehr schätzen gelernt habe, man möge doch bitte bleiben.


 

Kein Problem - von denen hatte ich mir sowieso sehr viel versprochen. Viele andere taten das ebenfalls, denn der Saal füllte sich deutlich und bald waren alle Sitzplätze besetzt. Die Umbauphase bescherte der Bühne eine auf drei Pulte reduzierte Möblierung, die dann bald von den drei Mädchen in Beschlag genommen wurden. Die im Hintergrund montierten Leinwände wurden (im Unterschied zu farbenfroheren Visuals bei den Künstlern zuvor) anfänglich hauptsächlich grau-weiß bestrahlt, das weiße Bühnenlicht tauchte die Bühne in eine etwas düstere Atmosphäre und dürfte ein schönes Fotomotiv abgegeben haben. Ich fand den Anblick der fünf Fotografen, die am Steinboden vor der Band im Halbkreis saßen, lagen und sich verrenkten, sehr unterhaltsam. Wie fünf Raubtiere, die potenzielle Beute belagern. Rein fotografische Beute natürlich...
Optisch ansehnlich, rissen mich Au Revoir Simone jedoch nicht völlig mit, das Konzert geriet deutlich beatlastiger als ich es von den CDs gewohnt war und generell regierte etwas mehr die hippe Coolness als die Spielfreude, schien mir. Trotzdem bleiben die Songs der Brooklyner Band ausgesprochen gut, treibend und ausgelassen zugleich, gehen leicht ins Ohr und die abwechselnd eingesetzten Stimmen sorgen irgendwie für den Eindruck, bei jedem Song eine neue Person entdecken zu können.
Relativ am Ende gabs dann ein Cover von Mazzy Star, war halt kein ausgefallenes, sondern Fade into You, eh klar. Das war eigentlich recht gut und damit, die leicht distanzierte oder entrückte Coolness des Songs zu transportieren, taten sich die New Yorker auch nicht allzu schwer. Generell finden sich zwischen diesen beiden Bands einige Parallelen bzw. gemeinsame Vorlieben, Mazzy Star sind halt im Endeffekt doch gitarrenlastiger. Und eigentlich gefiel mir dieses Cover fast am Besten am gesamten Konzert, denn das abschließend präsentierte Shadows, auf das ich mich sehr gefreut hatte, erfasste mich nicht völlig. Soundtechnisch war das Konzert gegen Ende hin dafür nach einigen Adaptierungen sehr überzeugend und auch nicht mehr ganz so dumpf und unausgewogen wie zu Beginn. 


 Nach einem kurzen Besuch im Flex, um jemand abzuholen und 10 Minuten CSS (been there, done that), ging es dann ins Fluc, wo eine Labelnight anstand und die heimischen Velojet ihr mittlerweile viertes Album, glaub ich, vorstellten. Die Location war relativ voll und die Sicht auf die Bühne daher für mich eher eingeschränkt, ich hatte die Band aber zwei Wochen zuvor schon in ihrer Heimatstadt bei einem bumvollen Konzert - Heimspiel nennt man sowas wohl - erlebt und daher auch eine ungefähre Ahnung, was sich da so abspielt. Die vier wagen mit dem neuen Album Panorama nämlich gewissermaßen einen Neuanfang, allerdings eher in vermarktungstechnischer Hinsicht, das Album erscheint nämlich auf einem neuen Label, ist in Finnland aufgenommen worden und besonderer Wert wurde diesmal auf Vinyl gelegt. Die Songs sind von gewohnt hoher handwerklicher Qualität. Mit ihrer Mischung aus Indie-Rock, leicht melancholischem Songwriting und eingängigen Vocals werden Velojet zwar vermutlich nicht reich und berühmt, aber das Herzblut und die Energie, die sie in Musik und Liveauftritte stecken, macht die Band höchst sympathisch. Mit einer guten Stunde Auftrittszeit zwischen dreiviertel elf und dreiviertel zwölf hatten sie auch einen der besten Slots des ganzen Festivals und aufgrund geografischer Lage des Fluc auch kaum Konkurrenz zu dieser Zeit.
Vor allem Sänger Réne nutzte diesen Umstand und feierte mit dem Publikum ein Freudenfest, animierte es zum Mitsingen, der Schweiß rannte ihm von der Stirn und so erging es auch dem Publikum. Neben neueren Songs wie Angeldust, Cold Hands und Away! Away!! kamen gegen Ende hin auch einige wenige Stücke älteren Datums hinzu. Irgendwann kam dann mein Lieblingssong vom neuen Album, The Sea is the Ocean is the Sea. Eine interessante Gleichung!

Mathematisch auf einen Nenner kam ich allerdings nicht mit der Vorliebe der Band, die schönen gelben Vinyls wie beim Diskuswurf durch den Raum zu schleudern und derart zu verschenken, wie sie es schon beim erwähnten Konzert in Steyr geschehen war. Ein bissi mehr Liebe, herst!
Zu Ende ging das Konzert dann mit dem Klassiker I follow my Heart, das zu einer etwa zehnminütigen Version ausgebaut wurde und zur Manifestation der Livequalitäten der Band geriet. Alles in allem ein sehr gelungenes Release-Konzert der Band, für mich auch gleichzeitig das letzte des Abends.

Leider hat mir einmal mehr die Arbeit einen Strich durch ein vollständiges Waves-Wochenende gemacht, das Erlebte hat aber einmal mehr von der ambitionierten Umsetzung des Festivals überzeugt. Schlicht großartig, was da jedes Jahr auf die Beine gestellt wird - und jährlich kommt etwas dazu. Für Musikdiskurs-Interessierte sei daher auch gleich die superb besetzte Konferenzschiene des Festivals herausgehoben, von Panels zum slowenischen Musikmarkt, Feedback-Sessions mit Musikexport-Chefs aus ganz Europa (und Island vor allem
♥) und Diskussionen zu Vermarktungsstrategien von Indielabels war da so ziemlich alles dabei. Sollte man sich alles im Hinterkopf behalten - es muss ja nicht jedes Jahr das Primavera sein! (Also eigentlich schon, aber das Waves kann man als ideale Ergänzung ja trotzdem dazunehmen!) Das nächste Waves kommt nämlich ganz bestimmt. Aber bis dahin fließt noch ein wenig Wasser die Donau hinunter... 

aus unserem Archiv:

- Frida Hyvönen, Fontenay-Sous-Bois, 18.12.12
- Frida Hyvönen, Rennes, 21.03.09
- Frida Hyvönen, Paris, 08.12.08
- Frida Hyvönen, Paris, 12.12.06
- Au Revoir Simone, Paris, 20.04.09
- Au Revoir Simone, Paris, 18.04.09
- Au Revoir Simone, Paris, 26.02.07
- Amatorski, Stuttgart, 04.10.13
- Amatorski, Frankfurt, 30.09.13
- Amatorski, Wiesbaden, 07.02.13 (Christoph)
- Amatorski, Wiesbaden, 07.02.13 (Gudrun)


Vielen Dank für die Fotos vor allem an Patrick!


Dienstag, 8. Oktober 2013

Waves Vienna Festival, Wien, 04.10.13

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Konzert: Waves Vienna Festival, Tag 2
Ort: Flex, Wien
Datum: 04.10.2013
Dauer: Nowhere Train 45 min, My Heart Belongs To Cecilia Winter 45 min, Slut 65 min
Zuschauer: ca. 250



von Ursula von neulich als ich dachte 

Das Wiener Flex besteht bereits seit den Achtziger Jahren. Der am Donaukanal in einen verlassenen U-Bahn-Schacht gebaute Club war die zweite Spielstätte des Waves Vienna, die wir aufsuchten, und der Kontrast zum Odeon hätte kaum größer sein können: Während es am Vorabend keinerlei Einlasskontrolle gegeben hatte (abgesehen vom Blick aufs Festivalbändchen natürlich), man aber dafür mit Gehörschutz und Programmheftchen versorgt worden war, gab es im Flex nichts dergleichen, dafür aber seitens der zahlreichen Security-Mitarbeiter einen intensiven Blick in die Taschen der Besucher. 

Damit hatte ich nach der Erfahrung des Vorabends nicht gerechnet und hatte mir deshalb am Nachmittag noch zwei Gläser Marmelade der Luxusmarke Meinl gekauft - die nun prompt nicht mit hinein durften. Ich weiß nicht, ob es am generell harmlosen Ruf von Marmelade lag, am österreichischen Patriotismus (ich hatte nicht nur bei Meinl gekauft, sondern auch noch die sehr heimatverbundenen Sorten "Marille" und "Powidl" erworben) oder der betreffende Securitymensch einfach ein Marmeladenfreund war. Jedenfalls wurde mir angeboten, die Gläser für die Dauer meines Aufenthalts einzusperren, während einer Besucherin hinter mir, die irgendeine Flüssigkeit dabei hatte, und die zögerte, diese wegzuschütten, lediglich gesagt wurde, sie könne auch gerne draußen bleiben. 

Innen entpuppte sich das Flex als kleiner als erwartet, und als (noch) ziemlich leer. Die erste Band des Abends Nowhere Train hatte aber ausreichend eigene Fans mitgebracht, so dass ihr schon bald nach unserem Eintreffen beginnender Auftritt dennoch von Beginn an bejubelt wurde. Die siebenköpfige, austro-amerikanische Folkband war mit all ihren Instrumenten (Banjo, Mandoline, Akkordeon, Kontrabass, Hawaiigitarre, 12 String Guitar, Bassdrum) kaum auf der recht kleinen Bühne unterzubringen. Optisch orientierte man sich an Mumford & Sons (Liam Gallagher würde sagen "an den Amish People"), musikalisch zeigte die gebotene Folkmusik aber deutliche Country-Einflüsse. 

Bereits beim zweiten Lied (das erste war Nowhere Train gewesen, eine Art Theme Song also) wurde das Publikum aufgefordert, mitzuklatschen, beim dritten gab es eine Art Klatschchoreographie, später kam dann mit Get Right Friends noch ein A-Capella-Song, bei dem sich die Band am Bühnenrand aufreihte und das Publikum mitsingen durfte beziehungsweise sollte. 


Wer mich ein bisschen kennt, weiß, dass ich meist die Flucht ergreife, wenn Mitklatschen oder gar Mitsingen eingefordert werden, und auch Folkmusik begeistert mich nur selten. Dennoch waren Nowhere Train eine sympathische und unterhaltsame Truppe, deren sichtbare Begeisterung für die eigene Musik sich mühelos aufs Publikum übertrug. Die Tatsache, dass fast jedes Bandmitglied in einem Song die Lead Vocals übernahm sorgte zusätzlich für Abwechslung. 

Besonders lustig (auch für die Band) war die Situation, als an die letzte Zeile des Songs With A Lot Of Love spontan "I broke the fucking pedal" angefügt wurde - ab diesem Zeitpunkt war die Bass Drum nicht mehr mit von der Partie. Mit Outrageous durfte die Band am Ende sogar noch eine Zugabe geben. 

Setlist Nowhere Train, Waves Vienna Festival, Wien: 

01: Nowhere Train 
02: Annabelle 
03: Walking Man 
04: Rules Of Engagament 
05: To All My Demons 
06: With A Lot Of Love 
07: Black Air 
08: Get Right Friends 
09: Ashes 

10: Outrageous (Z) 


Der nächste Auftritt kam von My Heart Belongs To Cecilia Winter aus der Schweiz. Man könnte die einzelnen Bandmitglieder schon lange vor dem Auftritt beim Aufbau beobachten, und mein Begleiter stellte fest, dass der Sänger gar nicht so verrückt aussähe, wie man das sonst bei ihm gewöhnt sei. Er hätte sich keine Sorgen machen müssen, denn beim "echten" Konzertbeginn hatte er dann nicht nur eine Art Brille aus Glitzermakeup angelegt, sondern trug unterm T-Shirt auch eine Art Engelsflügel. 

Witzigerweise begann auch diese Band ihr Konzert mit einem nach sich selbst benannten Song. Von den weiter hinten positionierten Bandmitgliedern (neben Schlagzeuger Kusi Gerber war dort auch ein wohl für die aktuelle Tournee engagierter Zusatzkeyboarder am Werk) konnte man dank der nun vorhandenen dichten Nebelschwaden auf der Bühne praktisch nichts sehen. Die Publikumsaufmerksamkeit konzentrierte sich folglich meist auf den verkleideten Thom Luz und Betty Fischer, beide sangen die meisten Lieder auch gemeinsam.

Thom erklärte gleich bei der Publikumsbegrüßung, dass sich mit dem Auftritt im Flex und der Positionierung vor dem Headliner Slut gleich zwei seiner Wünsche von der To-Do-Liste des Lebens erfüllt hätten - nun müsse er nur noch einen Baum pflanzen und wahre Liebe finden. Hierfür nehme er auch gerne Hilfe aus dem Publikum entgegen. Trotz der später mehrfach wiederholten Sympathiebekundung fürs Flex blieben die Publikumsreaktionen aber relativ verhalten. Wir hatten bereits seit Nowhere Trains Auftritt nahe bei der Bühne gestanden, vor uns wäre aber durchaus noch Platz gewesen. Trotzdem ging niemand an uns vorbei. Anscheinend waren wir also die größten anwesenden Fans von My Heart Belongs To Cecilia Winter. Traurig, weil ich die Band vorher eigentlich gar nicht richtig kannte. 

Die Band hatte kein neues Album zu promoten und spielte Lieder aus den beiden bereits erschienenen Our Love Will Cut Through Everything und Midnight Midnight. Bei Airplane Window kam eine Art Hackbrett zum Einsatz, während im Hintergrund Betty und Kusi an zwei Instrumenten spielten, die ich überhaupt nicht einordnen konnte. Es klang auf jeden Fall nach Glockenspiel, wirkte aber eher wie eine Pfeifenorgel ... 

Nach diesem sehr schönen Song erklärte Thom, der besinnlich-traurige Teil des Abends sei nun beendet, jetzt komme der lustig fröhliche. Das geschah auch so und kulminierte schließlich bei You You You darin, dass Kusi mit nacktem Oberkörper und einer Umhängetrommel nach vorne kam - wo er natürlich kräftig auf die Trommel eindrosch - und Betty mit zwei Glöckchen wedelte. Kurz vorher hatte Thom bereits Silberschnitzel aus einer Art Kanone geschossen, wie ich sie bereits bei den Flaming Lips gesehen hatte. 

Ein ebenfalls gelungener Auftritt. Mein Herz konnten sich My Heart Belongs To Cecilia Winter zwar noch nicht ganz erspielen, aber es hat Spaß gemacht, ihr Konzert zu besuchen. 

Setlist My Heart Belongs To Cecilia Winter, Waves Vienna Festival, Wien: 

01: My Heart Belongs To Cecilia Winter 
02: Battle Scar 
03: The Wind That Moves The Clouds 
04: Future 
05: Airplane Window 
06: Never Ever Mountain 
07: Eighteen 
08: When The Devil Speaks My Name 
09: Battle Cry 
10: Objects In The Mirror Are Closer Than They Appear 
11: You You You 


Nun war es also Zeit für Slut, die nicht nur als einzige Band des Abends nicht von der uns mittlerweile vertrauten Stimme vom Band angekündigt wurden, sondern auch darauf verzichteten, ihr Set mit einem nach sich selbst benannten Song zu eröffnen (ich glaube auch nicht, dass sie ein Lied namens Slut haben).

Der Sänger Christian Neuburger erklärte gleich zu Beginn, die Band freue sich, beim Waves Vienna auftreten zu dürfen, denn gerade die Öffnung nach Osten (Teile des Festivals finden auch in Bratislava statt, und viele osteuropäische Gruppe treten auf) mache die Sache interessant. Außerdem habe man heute ihren Produzenten Tobias Siebert aus Berlin als Gitarrist dabei, denn ausgerechnet Sluts einziges österreichisches Mitglied weile aktuell in Thailand. Leider konnte ich per Webrecherche kein österreichisches Slut-Mitglied identifizieren, vermute aber, dass René Arbeithuber abwesend war. 

Slut haben aktuell mit Alienation ein neues Album, das ihnen live anscheinend noch nicht so leicht von der Hand geht, denn Anybody Have A Roadmap musste zweimal begonnen werden, weil man am Anfang "nicht bis vier sondern bis sechs" zählen muss. Der wahrnehmbar guten Laune der Band schadete das aber nicht. Live konnte man die auch auf der Platte hörbaren Parallelen der Band zu Radiohead erkennen, denn zeitweise waren alle Bandmitglieder bei diesem Song mit trommeln beschäftigt, wie es die britische Band letztes Jahr auch bei There There getan hatte. 

 Tatsächlich wurden auch nur fünf Titel von Alienation gespielt, der Rest des Sets setzte sich aus älteren Titeln zusammen. Die Instrumente wurden dabei zwischen den Bandmitgliedern häufig gewechselt. Überrascht war ich, als beim vorletzten Lied, Reminder, Christian Neuburger ganz verschwunden zu sein schien, aber immer noch hörbar sang. Tatsächlich spielte er nun im hinteren Teil der Bühne Keyboard, und dort war es auch jetzt noch sehr neblig. Zu dem Song wurde von Tobias Siebert auch eine riesige Rassel geschwungen, die ich ebenfalls nur schemenhaft erkennen konnte. 

Mit Holy End (ebenfalls mit Neuburger am Keyboard) und den Worten "Sie waren ein sehr gutes und aufmerksames Publikum" endete passenderweise das Set, aber Slut kehrten anschließend für zwei Zugaben zurück. Die Ansage zur Ballade von Mecki Messer verriet uns, dass das Brecht-Projekt der Band nach wie vor sehr am Herzen liegt, anschließend wurde mit Easy to Love quasi der Tophit gespielt, nach dem seitens des Publikums auch bereits verlangt worden war. In einer kurzen Pause des Songs, in der die relative Stille im Publikum hörbar wurde, sagte Neuburger "So gefällt mir das!" 

Uns auch, das Konzert hatte Spaß gemacht und eine Art Slut-Retrospektive geboten. 

Setlist Slut, Waves Vienna Festival, Wien: 

01: Staggered And Torn 
02: Time Is Not A Remedy 
03: Anybody Have A Roadmap 
04: Remote Controlled 
05: Still No 1 
06: Rocket 
07: All Show 
08: If I Had Heart 
09: Next Big Thing 
10: Interference 
11: Reminder 
12: Holy End 

13: Die Moritat von Mecki Messer (Z) 
14: Easy To Love (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Slut, Mannheim, 21.05.11
- Slut, Mannheim, 21.05.11
- Slut, Wien, 12.11.10
- Slut, Köln, 10.11.10
- Slut, Bielefeld, 15.03.08

Fotos: Dirk von Platten vor Gericht



Sonntag, 6. Oktober 2013

Waves Vienna Festival, Wien, 03.10.13

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Konzert: Waves Vienna Festival
Ort: Odeon, Wien
Datum: 03.10.2013
Dauer: Magic Arm 45 min, Frida Hyvönen 45 min, Au Revoir Simone 45 min
Zuschauer: anfangs 30, am Ende ca. 250

 

von Ursula von neulich als ich dachte 

Wenn man das Wiener Odeon betritt, erscheint es als ideale Konzertlocation: Ein prachtvoller Säulensaal schafft eine feierliche Atmosphäre, während bequem gepolsterte Zuschauerplätze auf einer kleinen Tribüne eine gute Sicht garantieren und schmerzende Füße vermeiden. Ganz automatisch richtet man seine volle Konzentration auf das Bühnengeschehen, und die Akustik stimmt auch. 

Am Eingang des Gebäudes steht etwas von "Börse", und tatsächlich handelt es sich um die ehemalige Rohstoffbörse, die im 2. Weltkrieg beschädigt wurde: Bis 1989 wurde das Gebäude überhaupt nicht genutzt, dann übernahm es die Theatergruppe Separations Ensemble und erweckte es zum Leben. Zum Glück, denn sämtliche Künstler, die wir gestern dort sahen, waren voll Lob für den schönen Auftrittsort. 


Der erste von ihnen, Magic Arm, wurde von einer aufgezeichneten, englischsprachigen Stimme feierlich angekündigt, und erschien dann als eine Art Anti-Höhepunkt: ein einzelner bärtiger Mann mit einem vollgepacktem Rucksack, als käme er gerade direkt vom Bahnhof. Auf der Bühne befanden sich bereits Gitarre, Keyboard und ein winziges Schlagzeug, in das auch ein Hartschalenkoffer eingebaut worden war. 

Die ersten Lieder, Is History, Daft Punk is playing at my house und You schuld know, trug der Künstler allein vor, wobei er sich beim letztgenannten auch selbst an der Mundharmonika begleitete. Er griff auch immer wieder auf die Loop-Technik zurück, um sich unterschiedlichen Instrumenten widmen zu können, während das vorherige quasi allein weiter spielte oder er mit sich selbst im Duett sang. 

Nach diesen drei Songs betrat ein weiterer junger Mann, der uns als Ben vorgestellt wurde, die Bühne, und nahm am Schlagzeug platz. Er begleitete den nächsten Song auf der Klarinette (Put your collar up), betätigte aber später ebenfalls das Schlagzeug, spielte Melodika (Six cold feet of ground) und pfiff (Tonight I walk Alone). 


Die beiden erzählten uns, dass sie am Vorabend in München in einer Art Werkstatt gespielt hätten, und das der Kontrast zum Odeon nicht hätte größer sein können. Außerdem sei man erst seit acht Tagen gemeinsam unterwegs. Die fehlende Routine erklärte vielleicht, dass der arme Ben nach drei Liedern die Bühne wieder verlassen musste, weil Mark das folgende Lied Warning Sign allein darbieten wollte. Dafür wurde Ben bei seiner darauf folgenden Rückkehr nochmals vorgestellt: "This is Ben, you've met him before". 

Aber gerade die sich gelegentlich ändernde Konstellation auf der Bühne sowie der Einsatz unterschiedlicher Instrumente - zusätzlich zu den bereits genannten wurde die Gitarre auch mit Geigenbogen bedient - ließ den Auftritt und die Präsentation des Album Images Rolling kurzweilig wirken, die 45 Minuten gingen schnell vorbei. Der Saal hatte sich zwischenzeitlich gefüllt, statt ca. 30 Zuschauern am Anfang waren wir nun eher 60. 

Setlist Magic Arm, Waves Vienna: 

01: Is history 
02: Daft Punk is playing at my house 
03: You should know 
04: Put your collar up 
05: Six cold feet of ground 
06: Tonight I walk alone 
07: Warning sign 
08: Great Life 
09: Widths and Heights 
10: Rested Bones 

Nach einer kurzen Pause ging es weiter mit der Schwedin Frida Hyvönen. Diese kannte ich im Vorfeld überhaupt nicht, hatte aber im Programmheft gelesen, bei ihr sei alles - Lieder, Auftreten, Konversation- sehr "anders". Als die Künstlerin die Bühne in einer Art Elvis-Superhelden-Papageienkostüm betrat, dessen Schleppe von einer schwarzgekleideten Frau getragen wurde, begann ich zu verstehen, was der Programmheftautor gemeint haben könnte. 

Frida stellte uns ihre Kollegin als ihre beste Freundin Marlene vor und erklärte zusätzlich, dass sie normalerweise gerne erzähle, man aber heute nur 45 Minuten für den Auftritt habe und sie deshalb versuchen wolle, möglichst wenig zu sagen. Los ging es also mit dem ersten Song Djuna, bei dem sich Frida selbst am Flügel begleitete (was bei allen folgenden Liedern so bleiben sollte), wobei Marlen gelegentlich dazu trat und mitspielte. Anschließend begab sie sich auf die andere Bühnenseite, spielte dort Keyboard und sang häufig mit. 

Frida biss zwischen den einzelnen Liedern immer wieder von einem mitgebrachten Apfel ab - das hatte ich bei einem Konzert auch noch nie gesehen. Immerhin bekamen wir später das Angebot, ebenfalls abzubeißen, dem allerdings niemand nachkam. 

Trotz des selbst auferlegten Redeverbots bekamen wir einiges erzählt, so handelt das Lied Farmor von Fridas Großmutter, bei der sie als Kind viel Zeit verbrachte. Das darauf folgende Picking Apples erzählt, wie die Künstlerin am Haus der mittlerweile verstorbenen Großeltern vorbeifuhr und dort spontan die Apfelbäume aberntete - sollte der mitgebrachte Apfel etwa eine Anspielung auf diese Geschichten über ihre Familie sein? 


Auch für das Kostüm bekamen wir eine Erklärung: Frida hatte es sich in Russland designen lassen, als "a mix between the Pope and a rainbow". Da sie bei der Materialwahl auf Seide bestanden habe, sei das Endergebnis sehr teuer geworden, so dass sie nun quasi gezwungen sei, es für die gesamte Tournee zu tragen. 

Vielleicht wegen des doch nicht ganz vermeidbaren Redeflusses geriet die Künstlerin dann doch noch in Zeitnot: Während auf der Setliste bereits im Vorfeld drei Lieder durchgestrichen worden waren, musste sie auch das dort noch vermerkte Terribly Dark weglassen und beendete das Konzert mit Dirty Dancing, einem Song über die Wiederbegegnung mit ihrer Jugendliebe. 

Auch dieses Konzert erwies sich durch die Skurrilitätenkabinett des Auftritts, aber auch durch die Geschichtenlastigkeit der Lieder als ausgesprochen kurzweilig. Das Publikum war mittlerweile auf etwa 150 Personen angewachsen. 

Setlist Frida Hyvönen, Waves Vienna: 

01: Djuna! 
02: Birds 
03: Once I was a serene teenaged child 
04: I drive my friend 
05: Farmor 
06: Picking apples 
07: Saying Goodbye 
08: You never get me right 
09: Dirty Dancing 


Weiter ging es mit den Headlinern dieses Abends im Odeon, den New Yorkerinnen Au Revoir Simone. Aus irgendeinem Grund halfen nur Heather (schwarzhaarig) und Annie (brünett) beim Aufbau der Synthesizer - vielleicht fühlte sich Erica (blond) mit ihrer Entscheidung, im Gegensatz zu ihren dunkel-schick gewandeten Kolleginnen eine unförmige weiße Karottenhose zu tragen, doch nicht so wohl? Heather hatte mit auffälligen Haarreif, Minirock und kurzem T-Shirt bereits beim Auftritt von Frida Hyvönen vor uns gesessen, was uns aber erst klar wurde, als wir sie nun wieder sahen. 

Wenig später fanden sich alle drei Bandmitglieder hinter ihren Keyboards von Nord, Roland und Korg ein und begannen zu spielen. Aber so richtig wollte der Funke nicht auf mich überspringen, denn anders als ihre Vorgänger erwiesen sich Au Revoir Simone zunächst als nicht sonderlich unterhaltsam. Es gab nicht nur quasi keine Kommunikation mit dem Publikum, auch der Gesang fiel meist, insbesondere, wenn Heather involviert war, allzu leise aus. 

Am meisten Unterhaltung bot noch Annie, die nach wenigen Liedern ihre Pumps auszog und am mittleren Keyboard seltsame Verrenkungen veranstaltete. Nachdem Au Revoir Simone zunächst Songs ihres neuen Albums Move In Spectrums präsentiert hatten, kündigten sie einen Song einer ihrer Lieblingsbands aus den 90ern an: Bei der (leider auch nicht sonderlich gelungenen) Mazzy Star-Coverversion Fade into you teilten sich die drei Damen den Gesang, griff Annie zum Bass und lief spielend auf der Bühne hin und her. 

Ab der neuen Single Crazy wurde aber alles besser: Die Songs wurden stärker und Heathers Stimme hörbarer. Für die letzten drei Songs - auch Au Revoir Simone waren letztlich vom strikten 45-Minuten-Zeitlimit überrascht - könnte ich mit einem Mal verstehen, was die Leute (inzwischen mussten es weit mehr als 200 geworden sein) an der Band finden. Beim letzten Song Shadows griff zur Abwechslung Erica zum Bass. 

Anschließend hätte man im Foyer noch mit sämtlichen Künstlern des Abends sprechen können. Die Au Revoir Simone-Damen überraschten dabei, indem sie, die auf der Bühne so distanziert gewirkt hatten, nun mit großer Begeisterung und Freundlichkeit ihre (anscheinend ausschließlich männlichen) Fans begrüßten. 

Setlist Au Revoir Simone, Waves Vienna: 

01: Just like a tree 
02: Gravitron 
03: Only you can make you happy 
04: We both know 
05: Knight of wands 
06: Let the night win 
07: Fade into you (Mazzy Star Cover)
08: Crazy 
09: Somebody who 
10: Shadows 

Links:

- aus unserem Archiv:
- Frida Hyvönen, Fontenay-Sous-Bois, 18.12.12
- Frida Hyvönen, Rennes, 21.03.09
- Frida Hyvönen, Paris, 08.12.08
- Frida Hyvönen, Paris, 12.12.06
- Au Revoir Simone, Paris, 20.04.09
- Au Revoir Simone, Paris, 18.04.09
- Au Revoir Simone, Paris, 26.02.07

Fotos: Dirk von Platten vor Gericht
 



 

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