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Mittwoch, 31. Oktober 2018

Motorama, 24.10.18

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Konzert: Motorama
Ort: Petit Bain, Paris
Datum: 24.10.2018
Zuschauer: etwa 450, ausverkauft



Wie heisst noch mal diese Band aus Russland deren Musik süchtig macht? Ach, Motorama, ja genau! Jede neue Platte ein Volltreffer, jede neue Tour ein enthusiasmierendes Erlebnis und dies nun schon seit einigen Jahren. Motorama hängen mir immer noch nicht zum Halse raus, im Gegenteil! Sie sind so clever, schnell neue Alben zu veröffentlichen und nicht Jahre zu warten wie andere. So bleiben sie immer aktuell, immer aktiv. Zwar überschreiten die "Longplayer" selten die 30 Minutenmarke und im aktuellen Fall bleiben sie sogar darunter, aber das Erlebnis ist trotzdem oder gerade deshalb sehr intensiv.



Die Frage war natürlich wie sich die neuen Sachen von Many Nights live schlagen würden. Nach dem Konzert würde ich sagen, dass sie gut rüber kamen, allerdings weniger fetzig und dynamisch als die alten Stücke vom Erstling Alps. Auf Alps waren Motorama wirklich noch eine Post Punk Band, heutzutage ist ihre Musik elektronischer und sanfter geworden, es geht teilweise Richtung Ambient. So war das Pariser Konzert dann auch erstaunlich ruhig und wenig krawallig. Sogar seine Brille behielt Sänger Vlad Parshin heuer durchweg auf der Nasenspitze, in der Vergangenheit hatte er sie oft hyperaktiv an- und ausgezogen oder beim Rumwirbeln auf der Bühne verloren. Das Konzert glänzte weniger durch Power als durch profunde Schönheit, wenngleich diese Schönheit natürlich einen leicht morbiden Anstrich hatte. 


Videos mit kargen Bäumen, Wellen und alten Häusern untermalten die Songs, währen die drei Musiker auf der Bühne vor der Leinwand ihre Kunst ausübten. 



Beim genauen Hinsehen fiel auf, das der Drummer gewechselt hat. Der alte Drummer Oleg Chernov ist nicht mehr dabei, der neue heisst Mikhail Nikulin. An Gitarre und Bass aber weiterhin Maxim Polivanov und vorne natürlich der grossgewachsene Vlad Parshin mit seinem Stoppelhaarschnitt. Seine Grabesstimme klang toll wie immer aber er schonte sie mehr als sonst. Er schrie in keiner Phase, sondern sang durchgängig sehr zart und melancholisch.


Dem überaus zahlreich erschienenen Publikum gefiel das Ganze mehrheitlich, das sah man an den zufrieden Gesichtern. Freilich hatte der Publikumsandrang zur Folge, dass man eng an eng stand und kaum Platz zum Tanzen hatte. Viele junge Leute unter den Zuschauern, auch einige Russen aus der russischen Gemeinde von Paris, aber auch ein paar Deutsche und Fans aus Asien. Es war wirklich ein internationaler Abend. Motorama haben Fans auf der ganzen Welt und touren auch immer mal wieder in Südamerika und Asien.


In Südamerika sollen die Konzerte sehr wild sein, alle singen die Texte mit und feiern, in Paris hingegen läuft das Ganze immer dezenter ab.

Das erste Lied, das mich so richtig in Stimmung brachte war Wind In Her Hair mit seinem fast tropischen Flair und etwa zehn Minuten später der neue Titel From The Choir, der mit den für Motorama typischen hochmelodischen Gitarren punkten konnte. Zweifelsohne ein Hit.



Auch Two Stones vom Zweitliga Calendar mochte ich nach wie vor sehr. Ein nur mittelschneller Titel, eher beschaulich, mit sonnigen Gitarren und einem nahegehenden Text: "hold your breath and die with me, just like two little stones on the water."

Kurzes Zeit später mit Rose In The Vase ein weiteres Highlight von Calendar.

Sie brachten auch Ship, ein wundervolles Lied vom Erstling Alps, weniger elektronisch als die neuen Sachen, basslastiger und scheppernder.



Im letzten Drittel kam dann mit Second Part ein sehr poppiger, an New Order erinnernder Titel und natürlich auch Alps, der vielleicht nach wie vor beste Song von Motorama. Da konnte ich einfach nicht mehr still halten. "I'm slow slow slowly dying, my blue coloured eyes are almost blind." Ghost wurde gleich noch hinterhergeschickt.

Die Zugabe bestand dann noch aus zwei Liedern, das Konzert wurde von dem poppigen Tell Me beendet und ich hatte mal wieder einen glänzend Abend mit einer meiner Lieblingsbands verbracht. Im Februar 2019 kommen die 3 Russen dann auch wieder nach Deutschland. Ich hätte glatt Bock hinzufahren und mir jede einzelne Show anzusehen!

Setlist



He Will Disappear

Heavy Wave
Homewards
Wind In Her Hair
I See You
No More Time
Voice From The Choir
Dispense Energy
Two Stones
This Night
Rose In The Vase
You & The Others
Ship
Empty Bed
Kissing The Ground
Second Part
Devoid Of Color
Alps 
Ghost


Hard Times
Tell Me



Mittwoch, 10. Januar 2018

My Years in List- die 30 besten Konzerte (Oliver Peel)

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Leider habe ich 2017 sehr wenige Konzertberichte geschrieben und dies obwohl ich erneut viele Konzerte gesehen habe. Zwischen 150 und 200 werden es schon gewesen sein, je nachdem ob man Festivalgigs einzeln zählt oder nicht. Da fällt das Festlegen auf die "30 besten" schwierig, aber ein Versuch einer Auflistung nach Güte und persönlicher Präferenz ist dennoch unterhaltsam. Hier nun also meine Liste der Top 30 Konzerte:


01 Benefit Konzert für Erica Buettner, 17. März 2017 
mit Françoiz Breut, Clare Louise, Blondy Brownie, Castus, Le Ton Mité, Brüssel, Belgien, Centre Garcia Lorca

Für diesen Konzertabend bin ich extra spontan nach Brüssel gefahren. Die amerikanische Folksängerin Erica Buettner ist an Krebs erkrankt und da das amerikanische Gesundheitssystem ist, wie es ist, brauchte sie Spenden, um die Behandlungskosten zu bezahlen. Auf die Initiative der besten belgischen Undergroundmusiker, insbesondere Boris Gronemberger von V.O wurde kurzerhand ein Musikabend in einem alternativen belgischen Club organisiert. In künstlerischer Hinsicht war das Ganze ein Genuss. Es gaben sich ganz vorzügliche Musikerinnen und Musiker die Klinke in die Hand und man konnte sehen wie vielfältig und kreativ  die Szene in Belgiens Hauptstadt ist. Viele darunter waren keine "echten" Belgier, sondern Franzosen, die im Vergleich zu Paris günstigerem Brüssel Exil gefunden haben, wie Clare Louise, oder Françoiz Breut.


02 Peter Hook, Trianon, Paris, 28. Oktober 2017

Hooky hatte noch am Nachmittag in einem Plattenladen Autogramme geschrieben, um sein neues Buch "Substance" zu vermarkten und am Abend spielte er dann jenes Album in Gänze. Erster Teil New Order, zweiter Teil Joy Division, beide Teile gleich grandios. Fast drei Stunden baden in Nostalgie. Unfassbar gut!


03 Nick Cave, Le Zénith, Paris, 04. Oktober 2017

Weltweit schwärmte man zurecht in höchsten Tönen von den umwerfenden Konzerten von Nick Cave und seinen Bad Seeds. Zwar war es jeden Abend das exakt gleiche Programm und selbst höchst improvisiert aussehende Passagen waren genauestens einstudiert, dennoch bestachen die Shows durch eine unglaubliche musikalische und emotionale Wucht. Auch ich war begeistert und sah die Show gleich zweimal hintereinander.


04 Fleet Foxes, Trianon, Paris, 20. November 2017

Wer hatte nach der langen Pause eigentlich noch die Fleet Foxes auf der Rechnung? Ich gebe zu, dass ich selbst vorher skeptisch war, wurde aber eines Besseren belehrt. Nie spielten die Fleet Foxes so dynamisch und freudvoll auf, nie zuvor war Robin Pecknold so entspannt und gut gelaunt. Ein Wahnsinnskonzert mit betörend schönen Harmoniegsängen und unzähligen Folkhits.


05 The Shins, Green Man Festival, Wales, 18. August, 2017
Wer hatte eigentlich noch die Shins auf der Rechnung? Die waren doch vor 10 Jahren in, aber inzwischen doch recht out, oder ? Auf in oder out sei geschissen, die Festivalautritte der Band von James Mercer waren der helle Wahnsinn, bei denen vor allem die alten Hits fantastisch klangen. Und seine neue Band war viel fetziger als die träge alte Truppe, die damals mit ihm auf der Bühne stand.


06: Lift To Experience, Green Man Festival, Wales, 18. August 2017

Postrock aus Texas mit dem Countrysänger Josh T. Pearson an der Spitze. Lift To Experience, die sich schon seit Mitte 2000 zurückgezogen hatten, gaben eines ihrer seltenen Konzerte um den Rerelase von "The Texas Jerusalem Crossroads" (2001) zu feiern. Ein richtiges Comeback war es dennoch nicht, weil aller Bandmitglieder ausser Josh inzwischen andere Berufe ergriffen haben und nichts mehr mit dem Musikbusiness zu tun haben. Ich wähnte mich glücklich, diese energiegeladene, packende Vorstellung miterlebt zu haben.


07: Pixies, Lollapalooza Festival, Paris, 23. Juli 2017

Die Pixies werden auch nicht jünger und in letzter Zeit diskutierte man mehr über die Bassistinnen der Pixies als über ihre Musik. Dabei ist diese nach wie vor sensationell gut. Gerade die alten Sachen von den Kultalben kamen sehr gut rüber, Frank Black war in Topform und das Publikum begeistert. Selbst diejenigen, die den Pixies eigentlich ansonsten oft mässige Konzerte attestierten, fanden diesen Festivalauftritt zu recht hervorragend.


08: Motorama, Le Garage, Paris, 26. Juni 2017

Meine Lieblingsband aus Russland spielte einen gewohnten wilden und ultrarasanten Gig in einem undergrundigen Garagenclub und ich tanzte mir mal wieder die Seele aus dem Leib. Die Russen hatten allerdings Pech, ihr Tourbus war kurz zuvor aufgeknackt worden, der Schaden war hoch. Dennoch gaben sie alles. Toll.


09 Albin de la Simone, Paul B, Massy bei Paris 19. Dezember 2017
Albin de la Simone ist ein sehr feingeistiger Chansonier. Seine Lieder sind melancholisch und witzig zugleich, er verbindet Traurigkeit mit Ironie und Humor. Das Konzert war fast komplett akustisch und dauerte um die 2 Stunden. Absolut wundervoll was uns vor den Toren von Paris in diesem schönen Saal geboten wurde.


10 La Féline, La Boule Noire, Paris, 29. November 2017

In England wird La Féline gerade von der Musikkritik in höchsten Tönen gelobt, ihr Album erhielt bei Uncut 9/10 Punkten und bei Mojo 4 von 5 Sternen. Agnès wie La Féline bürgerlich heisst, wird aber in der Tat immer besser. Sie hat Ausstrahlung, Charme und Grips, ihr Frenchpop Tiefgang. Famoses Konzert, das von ihren Fans gefeiert wurde. Und ihre Gruppe spielte auch ausgezeichnet.


11 Juliette Armanet, 26. November 2017, La Cigale, Paris

French Pop ist gerade wieder total angesagt in Frankreich und Juliette Armanet steht zurecht an der Spitze dieses Nouvelle Chanson Revivals. Was für eine Performerin !


12 Future Islands, Green Man Festival, Wales, 18. August 2017

Was für ein Performer dieser Samuel T.Herring! Und wie der tanzt! Das Konzert der Amerikaner Future Islands bei diesem Festival in Wales war absolut umwerfend.


13: The Wedding Present, Petit Bain, Paris, 8. November 2017

Die Weddos feierten 30 Jahre George Best und die Songs dieses Kultalbums klangen immer noch spitze.


14 Slowdive, Rock en Seine Festival, Paris, 27. August 2017

Slowdive spielten in der Abendstunde auf einer relativ kleinen Bühne, euphorisierten aber alle mit ihrem atmosphärischen Dreampop.


15 Peter Perrett, Le Point Ephémère, Paris, 14. November 2017

Der alte Peter ist besser drauf als vor 10 Jahren, das bestätigten alle. Der Sänger der britischen Kultformation The Only Ones bestach mit einem feinen Gig mitsamt seiner Söhne in der Begleitband.


16 The Bats, Petit Bain, Paris, 10. Juni 2017

Die kultigen Neuseeländer hatten ihr aktuelles Album im Gepäck und spielten quasi alles davon + alte Schönheiten. Sehr charmant.


17 Bernard Laviliers, Olympia, Paris, 3. Dezember 2017

Laviliers gilt in Frankreich als Varietée Française, sprich Mainstream, aber wer sich auf diese Etiketten verlässt, verpasst einen grossartigen Musiker und Entertainer, der besonders live Spitzenklasse ist. Seine Begleitband war sehr erlesen, seine tiefe Stimme klang super und am Ende kletterte er sogar auf den Balkon und sang direkt neben mir!


18 Alice et Moi et Uto, Pop-up, 27. April 2017

Die junge Französin Alice macht fast kariös zu nennenden Pop. Dabei legt sie immer eine solche Spielfreude an den Tag, das es schwer ist, ihr zu widerstehen. Auch toll: die an Björk erinnernde Vorband Uto.


19 Einstürzende Neubauten, La Villette, Paris, 28. Mai 2017

Wahnsinn, endlich habe ich mal die Neubauten gesehen! Die deutsche Kultband spielt eigentlich relativ regelmässig in Frankreich und hat hier auch so manche Fans, aber ich hatte sie bis dato immer verpasst.


20 Kate Tempest, Haldern Pop Festival, 12. August 2017

Die Wut und die Wucht mit der die Britin rappte war beeindruckend.


21 Sleaford Mods, Rock en Seine, 26. August 2017

Die beiden Working Class Heroes von Sleaoford Mods sind live brillant und höchst unterhaltsam. Der Sänger schreit sich die Kehle aus dem Leib, der Keyboarder säuft wippenderweise Bier. Hatte sie kurz zuvor auch schon in Wales gesehen. Beide Konzerte höchst cool.


22 PJ Harvey Rock en Seine, 26. August 2017

Polly Jean und ihre Band waren toll wie immer, allerdings war die Show auch wie immer. Hat man einen ihrer Tourneeauftritte gesehen, hat man alle gesehen.


23 Interpol, Trianon, 5 September 2017

Paul Banks hatte Stimmprobleme, ansonsten wäre diese Jubiläumstour für das erste Album "Turn On The Bright Lights" sicherlich in den Top 10 gelandet, bei dem Songmaterial...


24 Superbravo, La Marbrerie, Montreuil bei Paris, 14. September 2017

Nochmal Frenchpop, diesmal mit Superbravo, einem Trio (2 Frauen, ein Mann) welches von der ehemaligen Holden Sängerin Armelle Pioline angeführt wird. Das ist feinster Dreampop mit subtilen Arrangements und guten Texten, der die Leute in der undergroundigen Mabrerie im Pariser Vorort Montreuil beglückte.


25 Fishbach, La Cigale, Paris 14. März 2017

Die junge Flora Fischbach ist DIE Senkrechtstartern der neuen französischen Chansonszene und ihr an Rita Mitsuko erinnernder New Wave Pop begeisterte die altehrwürdige Cigale.


26 Spoon, La Maroquinerie, Paris, 5. Juli 2017

Spoon sind live eine Bank, kommen aber viel zu selten auch Europa. Das Konzert fand an einem der heissesten Tage statt, drinnen herrschten sicherlich auch 40 Grad, aber die Band um Britt Daniel mit seiner Reibeisenstimme zog ihr Programm trotzdem voll durch.

 

27 The National, Le 104, Paris, 22. Juni 2017

Noch heisser als der 5. Juli war der 22. Juni in Paris. 38 Grad Celsius! Drinnen ging es aber einigermassen, bei diesem Testgig um die neuen, zu dem Zeitpunkt noch unveröffentlichten Lieder zu testen. Ein sogenannter Warm Up Gig, fast intim und wunderschön.

 

28 Julie Byrne, Pop-up du Label, Paris, 31. Mai 2017

Julie Byrne ist eine der betörendsten Folksängerinnen zur Zeit. Sanft, sanfter, Julie Byrne. Das war mehr ein Hauchen als ein Singen. Zum Niederknien.


29 Aldous Harding, Haldern Pop Festival, 11. August 2017

Viele rätselten hinterher wie die unzähligen Grimassen von Aldous Harding während ihres Auftrittes zu deuten waren. Ein Spleen, schräger Humor oder unverfälschter Ausdruck erlebter Gefühle?Wie auch immer, das Songmaterial war so stark, dass man unter dem Strich ein richtig gutes Konzert attestieren konnte.


 

30 Frontier Ruckus, Le Pop In, Paris 31.März 2017

Eine ganz feine Folkrockband, diese Frontier Rucks, aus Michigan. Sie spielten in einem kleinen Clubkeller, legten sich aber ins Zeug, als würden sie in einem grossen Saal vor Tausenden auftreten. Ich liebe sie.


Fünf andere Konzerte, die es auch verdient gehabt hätten, in dieser Liste zu landen

  • The Divine Comedy, Folies Bergère, Paris, 24. Januar 2017
  • The Frank and Walters, Petit Bain, Paris 15. Dezember 2017
  • Gareth Dickson und House Of Wolves, Mains d'oeuvres, Saint Oben bei Paris, 22. Februar 2017
  • Raoul Vignal und Seabuckthorn, Trois Baudets, Paris 3. Mai 2017
  • Agnes Obel, La Philharmonie, Paris, 14. Mai 2017


Mittwoch, 21. Dezember 2016

Emily Jane White, Motorama, Flotation Toy Warning, Paris und Bordeaux 9.und 12.11.16

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Konzerte: Emily Jane White, Flotation Toy Warning, Motorama
Orte: La Maroquinerie, Paris, Le Rocher de Palmer, Bordeaux
Daten: 9 November 2016 Paris, 12. November 2016 Bordeaux 


Das absolut wundervolle französische Label Talitres feierte seinen 15. Geburtstag in Paris und Bordeaux und da musste ich natürlich dabei sein! Was hat mir Labelchef Sean Bouchard mit seinen Veröffentlichungen über die ganzen Jahre hinweg für eine Freude bereitet! Der Teufelskerl hat einen Grossteil meiner Lieblingsalben der 2000er Jahre veröffentlicht! Zu seinem Katalog gehörten und gehören unter anderem Longplayer von: The Organ, I liketrains, Swell, The Wedding Present, Kim Novak, The National (Album Sad Songs For Dirty Lovers), Rachael Dadd, The Walkmen, Rozi Plain, The Apartments! 

Alben die mein Leben verändert und mir viel Mut und Hoffung gegeben haben, ja die auch mit dazu beitrugen, dass ich mit diesem Blog hier überhaupt angefangen habe. Die Platte von The Organ haben Christoph und ich geliebt und das hat uns Lust gegeben, uns täglich mit dem Schreiben über Musik die wir mögen zu beschäftigen.

Das musikalische Programm der Jubiläumsfeierlichkeiten von Talitres sah dann im Detail so aus:

Paris,  La Maroquinerie:

09.11.16: Motorama, Emily Jane White
10.11.16: Motorama, Flotation Toy Warning, Will Samson

Bordeaux, Le Rocher de Palmer

11.11.16: François And The Atlas Mountains, Stranded Horse, Will Samson
12.11.16: Emily Jane White, Flotation Toy Warning, Motorama

Natürlich wollte ich eigentlich jeden Abend mitfeiern, aber es gab da ein paar Probleme. Zunächst einmal war da mein Tinnitus zu nennen, den ich mir beim Konzert von The Wedding Present ein paar Tage zuvor zugezogen hatte und dann war meine Freundin auch noch auf die gute, aber mich in eine Zwickmühle bringende Idee gekommen, für den 9. November Karten für John Carpenter im Pariser Grand Rex zu ordern. Ausgerechnet an jenem Abend waren aber eben Emily Jane White und Motorama in der Maroquinerie angesetzt! Was also tun? Meine Lösung sah folgendermassen aus: am 9. zu John Carpenter gehen und dann am 12. nach Bordeaux fahren, um dort den in Paris verpassten Auftritt von Emily Jane White nachzuholen. Die Reise nach Bordeaux trat ich dann auch wirklich an, das Konzert von John Carpenter am 9 Novemver verliess ich aber nach nur einem einzigen Lied, weil es mir dort mit meinen schmerzenden, pfeifenden Ohren viel zu laut war, trotz Ohrenstöpseln.

Eine Tag später, am 10. November, versuchte ich erneut zu testen, ob meine Ohren dem Lärm eines Konzertes stand halten würden und da ich meine Laucherchen fest mit Wachs verschlossen hatte, ging das dann schliesslich auch.


Als ich die sehr gut gefüllte Maroquinerie betrat, hatten die Briten Flotation Toy Warning gerade angefangen. Labelchef Sean von Talitres hatte bereits nach dem nachmittäglichen Soundcheck die Erwartungen weiter angeheizt als er postete, die Proben hätten sensationell geklungen. 

Und schön wurde es in der Tat! Popstar Researching Oblivion wurde angestimmt und die grandiose Studioversion klang auch live toll. Natürlich konnten nicht alle kleinen Details der Plattenversion wiedergegeben werden, weil dort mit so vielen Chören, Effekten, Geräuschen und Computerprogrammen gearbeitet worden war, dass es unmöglich war, das Ganze genau wiederzugeben. Die Bläserparts fehlten sogar gänzlich. Aber das hatte natürlich auch mit Kostengründen zu tun. Schon jetzt standen sehr viele Musiker auf der Bühne die bezahlt werden wollten, hätte man jetzt noch Bläser und Streicher eingeflogen, wäre das nicht mehr finanzierbar gewesen. "Trying to understand it all" croonte Bandleader Paul Carter und die feierliche Kammerpopatmosphäre des Stücks legte sich über die Maroquinerie. Nun wurden mit Controlling The Sea und Foxgloves viel versprechende Neulinge gespielt, die man 2017 auf ein neues Album pressen will.


Der Mittelteil des Konzerts war eine Art Dankeschön an Labelchef Sean und seine Mitarbeiter, die auf die Bühne zitiert wurden und zusammen mit der Band ein Lied im Chor sangen. Das anschliessende kurze Made From Tiny Boxes war für den heutigen Abend extra umgeschrieben worden, der Text war nun französisch! Die Parolen handelten logischerweise von Glückwunsch-und Dankesbekundungen an Talitres. Natürlich kam das gut an, es war auch wirklich eine nette, aufrichtig gemeinte Geste.


Der Abschluss erfolgte mit Even Fantastica, einem melancholischen Stück das fast schon vorweihnachtliche Stimmung verbreitete und besinnlich vor sich hin schlenderte, teilweise aber auch die für die Band typischen spacigen Weltraumpassagen aufwies.

Ein paar Tage später in Bordeaux klang das irgendwie noch besser, die Gruppe schien eingespielter zu sein, der Sound war nuancierter, meine Aufmerksamkeit und Empfänglichkeit höher. Zwar wurde auch hier nicht ganz das sensationelle Niveau der Platte erreicht, aber das Konzert war dennoch weit überdurchschnittlich.


Setlist Flotation Toy Warning

01: Postar Researching Oblivion
02: Controlling The Sea (neu)
03: Foxgloves (neu)
04: Driving 
05: When The Boat Comes Inside Your House
06: Sings, mit Sean von Talitres
07: Made From Tiny Boxes auf französich
08: Even Fantastica


Dann Motorama! Ich war gespannt wie ein Flitzebogen wie mir die neuen Songs von Dialogues in der Liveversion gefallen würden. Das Studioalbum selbst hatte ich noch nicht gehört, da ich ganz unbefangen an die Sache rangehen und das neue Material im Konzert entdecken wollte.


Sofort gab es 3 Neulinge hintereinander weg. Es wurde schnell klar, dass der Sound genauso basslastig wie früher, aber elektronischer und softer war. Synthieplayer Alex hatte mehr zu tun als früher, aber Drummer Oleg trommelte genau so schnell und stakkatisch wie bei der Tour zum letzten Album von Poverty. Von Letzgenanntem wurden heuer nur das herrlich melodiöse Heavy Wave und Corona gespielt, der Akzent lag ansonsten ganz klar auf Dialogues. Und die ersten beiden gespielten Stücke dieses aktuellen Outputs hatten es bereits in sich, sie gehören sicherlich zu den Highlights des Werkes und auch live kamen sie Tadellos rüber. Tell Me klang so wunderbar sanft, war catchy wie gewohnt und blieb schnell im Ohr hängen. Sign begeisterte ebenfalls.

Mit Wind in Her Hair und Above The Clouds liessen die Russen dann die Sonne rein, wer behauptet Motorama seien nur düster, wurde hier eines Besseren belehrt. Wind In Her Hair hatte fast ein tropical feeling mit seinen lässigen sonnengetränkten Gitarren. Es sollte nicht der einzige Titel von Alps bleiben, Ghost kam ebenfalls, der famose Titeltrack des Erstlings aber nicht, obwohl die Russen den Song gerne als Zugabe gespielt hätten. Aufgrund der recht späten Stunde und des frühen Curfews kam es aber im Gegensatz zum Vortageskonzert in der Maroquinerie nicht mehr dazu. Schade ! Gerade in der Schlussphase hatte Sänger (und Gitarrist und Bassist) Vlad Parshin mächtig aufgedreht, ja sich regelrecht in einen Rausch gespielt! Wild fuchtelte er mit seiner Gitarre bzw. seinem Bass um sich, tänzelte wie Elvis Presley auf Zehenspitzen hin und her schien wie von Sinnen zu sein. Seine Brille hatte er zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr auf. Bevor er ausrastet, zieht er die immer sicherheitshalber ab.


Das dynamische Finish hatte selbt diejenigen überzeugt, die vorher, unwissend wie sie waren, gegen Motorama gestichelt hatten. 

Am 12 November in Bordeaux wiederholten Motorama dann noch einmal die Show zu ihrem neuen Album und da ich die Stücke inzwischen besser kannte, kam ich noch mehr auf meine Kosten, hatte noch mehr Spass, selbst wenn das Publikum in Bordeaux eher schüchtern reagierte und sich kaum bewegete. Und dies obwohl vorne mit 350 Sachen gespielt wurde!

Setlist Motorama

01: By Your Side
02: Tell Me
03: Sign
04: Wind In Her Hair
05: Above The Clouds
06: I See You
07: Heavy Wave
08: Ghost
09: Hard Times
10: Holy Day
11: Alps
12: Reflection
13: To The South
14: Corona
15: Eyes 


Und wer fehlt noch in meiner Zusammenfassung ? Na klar, Emily Jane White! Die hatte wie erwähnt bereits am 9. November in Paris gespielt und stand dann am 12. November in Bordeaux als Erste auf der Bühne. Ich war gerade noch rechtzeitig angekommen und schleppte sogar meinen Reisekoffer mit rein, freilich nachdem ich minutenlang gefilzt worden war. Das Sicherheitspersonal hielt mich sicherlich für verrückt zu den Konzerten mit einem Koffer anzurücken, aber ich hatte keine Zeit mehr diesen vorher in die Wohnung meines mich beherbergenden Freundes zu bringen.

Den Auftritt von Emily Jane White genoss ich trotzdem in vollen Zügen, trotz meines bepackten Zustandes, denn den Koffer stellte ich einfach in eine Ecke und meinen Mantel hatte ich auch schnell ausgezogen.


Sehr erfreulich war der hervorragende Sound in der Venue, wirklich brillant und perfekt ausgesteuert, was da aus den Boxen kam. Und nicht nur zu meiner Freude war heute auch noch ein Geiger mit dabei, der sehr einfühlsam und virtuos spielte. Das Line Up komplettierten wie schon zur Tour im Frühjahr die Bassistin Laura aka Foxtails Brigade und der Drummer und Lover von Emily Jane namens Nick.

Das 2016 er Album gefällt mir ganz ausgezeichnet und natürlich lag auf diesem Machwerk auch der Schwerpunkt. Emily Jane White hat sich bei den neuen Songs wirklich auf ihre Stärken besonnen, Songs wie Frozen Garden oder Nightmares On Repeat glänzten mit wundervoller Instrumentierung, melodisch-melancholischem Ambiente, guten Texten und der sanftweichen Stimme von White.

Was die Lyrics anbelangt, beschäftigte sich die Kalifornierin auch mit aktuellen politischen Themen wie der Black Live Matters Bewegung, die die oft unberechtigte Polizeigewalt gerade gegen schwarze vermeintliche Straftäter anprangert. Black Dove ging unter die Haut, begeisterte durch regelrechte Trommelwirbel, tolle Chöre und eine verführerische Klaviermelodie. 

Oh Katherine vom Album Ode To Sentience widmete Emily dann Labelgründer Sean und als sie am Ende das sublime Dagger spielte, hatten alle im Publikum einen Kloss im Hals.

Unter dem Strich waren die Konzerte zum 15. Geburtstag von Talitres ein voller Erfolg. Es kamen viele Zuschauer, die Gigs waren exquisit und es wurde auch hinterher viel Vinyl verkauft.

Setlist Emily Jane White

01: Antechamber (neu)
02: Moulding (neu)
03: Frozen Garden (neu)
04: Hands (neu)
05: Rupturing (neu)
06: Nightmares On Repeat (neu)
07: Liza (Victorian America)
08: Stairs (Victorian America)
09: O Katherine (Ode to Sentience)
10: The Black Dove (neu)
11: Dagger( Dark Undercoat)


Sonntag, 25. Oktober 2015

Motorama, Arlon, 23.10.15

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Konzert: Motorama
Ort: L'Entrepôt, Arlon
Datum: 23.10.2015
Dauer: Motorama knapp 70 min, Thousand 40 min, Cyclorama vermutlich 35 min
Zuschauer: etwa 100



In meiner Kindheit gab es zwei schreckliche Bedrohungen, von denen eine früher oder später den sicheren Untergang bedeuten würde. Treibsand und die Russen. Einige Jahr(zehnt)e später hat der menschenverschluckende Sand seinen Schrecken (vermutlich zu Unrecht) verloren. Mit Russland habe ich heutzutage deutlich häufiger als mit Treibsand zu tun, eine meiner liebsten Bands kommt von dort. Und weil mir Motorama so wichtig sind, schreckte mich (um im Bild zu bleiben) auch nicht ab, daß das Konzert erst gegen halb eins in einem kleinen Städtchen in Belgien enden sollte. Wenn die Band schon aus Rostow am Don anreist (3.000 km), zieht das Entfernungsargument ohnehin nicht.


Im Februar und im Mai waren Motorama bereits in Westeuropa unterwegs. Das Label der Russen stammt aus Frankreich (Talitres - Heimat u.a. auch von The Organ), daher sind immer wieder kleine Touren durch Benelux und Frankreich auf dem Programm. 


Arlon ist ein kleines Städtchen im Südosten Belgiens. Von Deutschland kommend muß man Luxemburg einmal durchfahren, das luxemburgische Luxemburg, denn Arlon ist die Hauptstadt des belgischen Luxemburg. Das L'Entrepôt ist ein wirklich wundervoller kleiner Club mit tollem Programm und professioneller Licht- und Bühnentechnik. Und wie überall außerhalb Deutschlands üblich, macht der Club auch kein Geheimnis aus den Anfangszeiten. Ich wusste also vor der Abfahrt, daß ich mich nicht sonderlich beeilen müsste. Nach zwei Vorgruppen sollten Motorama erst um 23:20 h beginnen. 


Als ich ankam hatte sich der Zeitplan um eine halbe Stunde verschoben, statt der zweiten Vorgruppe Thousand spielten noch Cyclorama aus Luxemburg, sie hatten gerade erst begonnen. Cyclorama hatten nicht bloß einen tollen Namen, sie gefielen mir auch musikalisch sehr gut. Die Band bestand (zumindest live) aus einem Gitarristen und einem Schlagzeuger und spielte lange, oft herrlich repetitive Instrumentalstücke, mehr oder weniger shoegazig und psychedelisch. 


Thousand danach war mir für die Tageszeit zu ereignislos. Hinter Thousand verbirgt sich der Franzose Stéphane Milochevitch, der alleine mit Gitarre und vom PC begleitet seine Lieder vortrug. Das zweite Stück war das mit Abstand stärkste und erzeugte in mir die Assoziation, eine Ein-Mann-Version der Talking Heads zu erleben.

Nach 40 min Thousand hing der Zeitplan noch zwanzig Minuten hinterher. Es folgte der sachlichste Soundcheck meines Lebens. Motorama räumten die großen Strahler, die die Bühnentechniker des schönen Lichts wegen zwischen den Instrumenten platziert hatten, wieder weg, spielten ein, zwei Akkorde auf der Gitarre, Sänger Vlad klickte kurz mit dem Finger aufs Mikro und die Geschichte war erledigt. Motorama hatten nicht nur die 20 Minuten Verspätung aufgeholt, sie begannen sogar fünf Minuten früher als geplant.

Wie bei den anderen Konzerten 2015 fehlte Bassistin Irene Parshina. Vlad und Irene sind vor einigen Monaten Eltern geworden, die Tour jetzt kam offenbar zu früh. Motorama haben die fehlende Bassistin aber schon im Frühjahr ganz pragmatisch ersetzt. Statt wie vorher mit zwei Gitarren, Bass, Keyboard und Schlagzeug aufzutreten, sind die irenelosen Motorama ein Quartett. Den Bass spielt jetzt vor allem Vlad, die Gitarre Maxim. Allerdings wechseln die beiden immer mal wieder die Instrumente, auch das pragmatisch, ohne die Kabel umzustecken. Natürlich fehlt dadurch etwas, vermutlich sind zur Zeit auch nicht alle Lieder spielbar, schlimm ist das aber überhaupt nicht. Es klingt sofort nach Motorama.

Der Saal war leider bei weitem nicht voll. Aber was will man auch erwarten in einem 27.000 Einwohner Nest. Die Band aus Rostow begann mit Winter at night, der B-Seite der 2013er Single Eyes. Daß das Konzert mit einer B-Seite begann, klingt spektakulär, ist es aber nicht. Die Motorama B-Seiten sind Hits, die eigentlich nichts auf einer Single-Rückseite zu suchen haben. Auch das später gespielte Special day (von der letzten 7" She is there) ist ein grandioser Song und alles, aber kein Lückenfüller. 


Die aktuelle Platte Poverty, die ich beim ersten Hören als nicht so catchy empfand wie die beiden Vorgänger, wird besser und besser, je öfter ich sie höre. Also super, daß viele der Lieder gespielt wurden. Noch superer wären zwar auch noch Old, Write to me und Similar way gewesen, gerade Old ist ein Sensations-Lied. Aber weil es keinerlei Pausen zwischen den Liedern gab und der Schlagzeuger sofort wieder lostrommelte, wenn ein Stück beendet war, spielten Motorama erstaunliche 18 Lieder in 70 Minuten. 

Natürlich sind Alps, Rose in the vase, To the South die großen Hits und natürlich hätte man alleine mit den Liedern, die nicht gespielt wurden, ein Wahnsinns-Konzert bestreiten können (Young river, During the years, Old, Compass, Anchor, Wind in her hair, Warm eyelids...), meine Lieblinge waren aber so Stücke wie Impractical advice, Empty bed, Red drop, Heavy wave und die beiden neuen Lieder. Das nach Red drop kannte ich wohl schon von einem der beiden letzten Konzerte, das zweite neue kam mir neu-neu vor. Beide waren klasse und werden ganz sicher veröffentlicht werden. 

Ich gönne jeder Band, die ich mag, jeglichen kommerziellen Erfolg und riesige Hallen und Stadien. Daß Motorama in ihrer Heimat wegen einer fehlenden Indieszene nicht so riesig sind, mag ich gerade aber auch, denn so sind sie oft bei uns. Oder in erreichbareren Nachbarländern.

Setlist Motorama, L'Entrepôt, Arlon:

01: Winter at night
02: Corona
03: Dispersed energy
04: She is there
05: Red drop
06: ? (neu)
07: Rose in the vase
08: Heavy wave
09: Lottery
10: Two stones
11: ? (neu)
12: Special day
13: Impractical advice
14: Empty bed
15: Alps
16: Ghost
17: Eyes
18: To the South

Links:

- aus unserem Archiv:
- Motorama, Köln, 20.05.15
- Motorama, Wiesbaden, 13.05.15
- Motorama, Straßburg, 14.02.15
- Motorama, Esch-sur-Alzette, 11.02.15
- Motorama, Frankfurt, 03.06.14
- Motorama, Mannheim, 31.05.14
- Motorama, Luxemburg, 26.02.14
- Motorama, Paris, 13.12.13
- Motorama, Köln, 25.09.13
- Motorama, Paris, 19.09.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Esslingen, 05.03.13
- Motorama, Paris, 25.02.13
- Motorama, Paris, 27.11.12


Donnerstag, 21. Mai 2015

Motorama, Köln, 20.05.15

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Konzert: Motorama
Ort: Blue Shell, Köln
Datum: 20.05.2015
Dauer: 75 min
Zuschauer: gut 150



Seit wir mit dieser Konzertsache angefangen haben, bemühen wir uns vor allem darum, daß unsere Berichte ohne jede Objektivität* auskommen. Wer wissen will, ob ein Musiker technisch gut ist oder ein Instrument auf A, B oder C gestimmt ist, ist bei uns vollkommen falsch. Da empfehle ich dann Fachliteratur. Mit der unbedingten Subjektivität steigt leider aber die Verantwortung. Wenn ich von einer Band schwärme, macht das ja nicht zwangsläufig jeder andere auch. Ansonsten spielten When Nalda Became Punk in Stadien und Westernhagen im Autohaus. Mich macht es nervös, wenn Freunde einer meiner Schwärmereien auf den Leim gehen, zu einem Konzert mitkommen und es nachher vielleicht hassen.

Bei Motorama sollte ich es langsam eigentlich wissen. Die sind super, da kann nichts passieren. 



Sie waren auch heute wieder super, gar keine Frage! Eine Woche nach meinem letzten Motorama Konzert (im tollen Kesselhaus im Schlachthof in Wiesbaden) war der 75 minütige Auftritt nicht die Spur langweilig, auch wenn die Setlist fast gleich war, da variieren Motorama einfach nicht viel. Anders als vor acht Tagen war die Stimmung. In Wiesbaden wurde das Konzert sehr ordentlich gefeiert, in Köln war es aber um Hausnummern ausgelassener. Ab To the south war der Abend im Blue Shell eine Tanzveranstaltung. 

Freitag, 15. Mai 2015

Motorama, Wiesbaden, 13.05.15

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Konzert: Motorama
Ort: Schlachthof, Wiesbaden (Kesselhaus)
Datum: 13.05.2015
Dauer: knapp 75 min
Zuschauer: ca. 220

 

Eigentlich wollte ich kommende Woche in Macclesfield Peter Hooks Gedenken an seinen vor 35 Jahren gestorbenen Frontmann Ian Curtis ansehen. Der Bassist wird in der Christ Church von Macclesfield alle jemals aufgenommenen Joy Division Stücke spielen. Daß ich nicht hinfahren kann, habe ich zwar sehr bedauert, ein Motorama-Konzert rückt meine Musikwelt aber schnell wieder zurecht.

Die Joy Division- (oder Smiths- oder Cure- oder Interpol- oder was auch immer-) Referenzen nerven Motorama sicher sehr. Sie sind auch unnötig, weil die russische Band ebenso einen eigenen Stil hat wie jede der angeblichen Blaupausen (und im Gegensatz zu Peter Hook & The Light hat Motorama einen Sänger, der gleichzeitig singen und Bass spielen kann).

Ich frage mich immer, was Motorama als Liveband so reizvoll macht. Ich habe die Russen vor zwei Jahren zum ersten Mal gesehen und seitdem keines ihrer Konzerte in Reichweite (und das ist ein dehnbarer Begriff) ausgelassen. Trotzdem haben deren Auftritte keinen Deut Reiz eingebüßt. Meine Vorfreude war also wieder riesig, obwohl die letzten Motorama Gigs gerade mal drei Monate her sind.


Im Februar war die Band aus Rostow am Don erstmals ohne Bassistin auf Tour. Die Frau von Sänger Vlad hat ein Kind bekommen und ist vorübergehend ausgestiegen. Die beiden bisherigen Gitarristen Vlad und Maxim teilen sich seitdem den Bass-Job. Spätestens beim zweiten Konzert in der neuen, kleineren Konstellation fehlte mir nichts mehr. Ob es Stücke gibt, die Motorama mit nur einer Gitarre nicht spielen können, weiß ich nicht. Vor der letzten Tour war die dritte Platte der Band (Poverty) erschienen, deren Lieder den Großteil der Konzerte ausmachen. Dafür sind viele alte Lieblinge aus dem Programm geflogen. Da Poverty aber wieder ein großer Wurf ist, ist das gut und gerne zu verkraften!


Seit Mittwoch sind Motorama wieder in Deutschland auf Tour. Am Samstag hatte die Band noch in Mexiko gespielt - am Ende einer Süd- und Mittelamerika-Tour, während der sie einige Male in Lima aufgetreten ist (vor bis zu 1.000 ausflippende Fans). Vom Anreise-Streß (Mexiko-Paris-Wiesbaden) war nichts zu merken, als die vier Musiker um viertel nach neun auf die Bühne des neuen Kesselhauses im Wiesbadener Schlachthof kamen. Wie üblich ging der Soundcheck ganz pragmatisch ins erste Lied über. Wären Motorama keine so großartige Band, wäre das (und die fehlenden Ansagen vielleicht) ein wenig störend, aber die Frage stellt sich ja nicht.


Das Kesselhaus, das die baufällige Räucherkammer als kleinen Saal des Schlachthofs abgelöst hat, ist ein wundervoller Konzertort, auf Anhieb ein neuer Lieblingsclub. Es war wohl nicht ganz ausverkauft, der Saal war aber fast voll. 

Motorama spielten am Anfang das gleiche Set wie bei den Konzerten im Februar. Impractical advice und Corona vom neuen Album, die ich beide schon sehr liebe, dann der große Hit To the south, Dispersed energy und Red drop von Poverty und dazwischen die Single She is there. Alles ohne große Pause nacheinander. 

Nach Red drop wurde es anders. Und spannend. Motorama haben einen riesigen Output an Veröffentlichungen (drei Alben, zwei EPs, mehrere Singles) und spielen regelmäßig trotz des riesigen Katalogs auch B-Seiten (heute Special day). Das Lied nach Red drop war aber neu, ich kannte es wenigstens nicht. Später kam noch ein zweites neuen Stück (mit "laaalala"-Text am Ende). Das erste neue Lied klang, als stamme es von der neuen Platte, es war toll! Der große Knüller war aber das zweite Stück, hoffentlich spielen das Motorama jetzt regelmäßig!

Neben den ganz besonderen Lieblingen To the south, Rose in the vase, She is there waren Special day und Heavy way die besten Lieder - ach, das ist albern, alle sind sagenhaft toll. Und sie klangen so gut wie nie! Motorama hatten kaum Equipment neben den Instrumenten mitgenommen. Sie spielten nicht vor Verstärker-Wänden, die Bühne sah eher so aus wie bei einer Vollplayback-Aufnahme einer Fernsehsendung, weil sie fast leer war. Auch wenn das My Bloody Valentine und J Mascis anders sehen, es braucht keine mannhohen Boxentürme für ordentlich Dampf!

Bei During the years flippte Vlad für seine Verhältnisse extrem aus. Er schrammelte mindestens eine Saite seiner Gitarre durch, was die Zugaben beeinflusste. Sie könnten nur noch ein Lied mit Bass und Keyboard spielen. Das wurde das herrlich monotone und düstere Write to me. Dabei stand Vlad lange am linken Bühnenrand, er hatte ja nichts zu tun, bevor der Gesang einsetzte.


Ich freue mich zwar wieder darauf, wenn Bassistin Irene Parshina* wieder dabei ist, die Band hat auf ihre Mutterschutz-Pause aber perfekt reagiert, indem Vlad (bei den meisten der Lieder) und Maxim (beim Rest) Bass spielen.

Müssen wir euch noch auffordern, Motorama in den nächsten Tagen anzugucken? Sicher nicht, oder?


Setlist Motorama, Schlachthof, Wiesbaden:

01: Impractical advice
02: Corona
03: To the south
04: Dispersed energy
05: She is there
06: Red drop
07: neu
08: Heavy wave
09: Lottery
10: Rose in the vase
11: Old
12: Similar way
13: Special day 
14: neu
15: Ghost
16: Alps
17: During the years

18: Write to me (Z) 

Tourdaten Motorama, Mai 2015:

15.05.15 Berlin (Magnet) 

16.05.15 Dresden (Beatpol) 
17.05.15 Jena (Café Wagner) 
18.05.15 Münster (Gleis 22) 
19.05.15 Nürnberg (K4 Zentralcafé) 
20.05.15 Köln (Blue Shell) 
21.05.15 Oberhausen (Druckluft) 
22.05.15 Mannheim (Maifeld Derby Festival) 
23.05.15 Krems (AT) (Jazzkeller)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Motorama, Straßburg, 14.02.15
- Motorama, Esch-sur-Alzette, 11.02.15
- Motorama, Frankfurt, 03.06.14
- Motorama, Mannheim, 31.05.14
- Motorama, Luxemburg, 26.02.14
- Motorama, Paris, 13.12.13
- Motorama, Köln, 25.09.13
- Motorama, Paris, 19.09.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Esslingen, 05.03.13
- Motorama, Paris, 25.02.13
- Motorama, Paris, 27.11.12 


* oder Irina? Bei Instagram heißt sie Irene




Sonntag, 15. Februar 2015

Motorama, Straßburg, 14.02.15

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Konzert: Motorama
Ort: La Laiterie, Straßburg (kleiner Saal)
Datum: 14.02.2015
Dauer: Motorama knapp 70 min, The Grand Bay gut 40 min
Zuschauer: ca. 200 (voll) 



Wie unterschiedlich doch zwei Konzerte der gleichen Band mit den gleichen Liedern innerhalb weniger Tage sein können! Waren Motorama am Mittwoch in Esch-sur-Alzette zwar gut (weil sie Motorama sind!), durch miesen Sound aber arg beeinträchtigt, war das Konzert im kleinen Saal der Laiterie in Straßburg am Samstagabend überragend gut!

Der Auftritt im Elsaß war der letzte der kleinen Release-Tour zum dritten Album Poverty. Die Band aus Rostow am Don hat live einige Besetzungsänderungen seit ihrer Gründung vorgenommen, seit ich sie kenne war bisher aber immer Bassistin Irene Parshina dabei. Bei dieser Tour macht die Frau des Frontmanns Vladislav Babypause. Ende des Jahres sei sie wieder bei Konzerten dabei. Durch die schrecklich schlechte Abmischung in der Rockhal vor ein paar Tagen hatte ich den Eindruck, daß die Notlösung der Band, eine der Gitarren zu streichen und die Bassparts von Vlad und Gitarrist Maxim abwechselnd übernehmen zu lassen, eben wirklich eine Notlösung wäre. Es war gut, bei weitem aber nicht so brillant wie vorherige Konzerte. Nur fehlte mir in Luxemburg nicht die zweite Gitarre, mir fehlten alle. Denn ausgerechnet dieses Instrument war deutlich zu leise. 

In der Laiterie klangen Motorama besser denn je. Bei meinen meisten Konzerten der Russen war die Stimme von Vlad kaum zu hören. Der Sänger selbst mag es nicht, wenn er zu laut klingt. Also ist sein Gesang meist so leise, daß man ihn hinter den anderen Instrumenten nur schemenhaft mitbekommt. Das passt natürlich zum Stil der Band, ist aber trotzdem schade. Hier passte alles. Vlad war gut zu verstehen, die Gitarre war glasklar, Keyboard und Schlagzeug nicht zu laut. Es klang wie eine Band, nicht wie einzelne Instrumente. 

Die Setlist unterschied sich kaum von der vom vergangenen Mittwoch. Motorama stellten ihr drittes Album vor, also spielten sie auch alle Songs der Platte. Ich fand Poverty anfangs schwächer als die beiden Vorgänger. Vielleicht ist es das wirklich, allerdings gefallen mir alle Lieder mittlerweile enorm gut, ich brauchte ihre Liveversionen, um ihre Großartigkeit auch auf Platte zu erkennen. Wenn das funktioniert, ist das ein besonderes Gütemerkmal einer Band.

Einige der neuen Stücke spielen Motorama deutlich schneller als auf Platte. Wenn die Musik auf den Album wunderschön, manchmal aber auch eine Spur behäbig ist, sind Motorama-Konzerte das Gegenteil (wobei ich nicht so genau weiß, was das Gegenteil von behäbig ist). Die besten der neuen Titel... ach, eigentlich sind sie ausnahmslos großartig. Ich mag neben dem herrlich repetitiven Write to me Old wahnsinnig gerne. Das Lied hat live einen viel längeren Instrumentalstart, auf dem Album fängt ganz unvermittelt der Gesang (von Alkohol und Zigaretten) an. Aber auch alle anderen sind fabelhaft! 

Die unterschiedlichen Liveversionen der Stücke bereiteten auch dem Sänger der Vorgruppe kleinere Probleme. Er stand eine Weile neben mir und versuchte einen Titel zu shazamen, ohne Erfolg. Bei Madonna-Konzerten mag das gehen, bei Motorama nicht (es war Heavy wave!).

Die einzige Abweichung in der Setlist war die zweite Zugabe. Statt Scars war das Anchor von einer der frühen EPs (Horse). Neben den üblichen Verdächtigen (Alps, Rose in the vase, To the south) war Special day das beste Stück des Abends. Special day ist die B-Seite von der Single She is there. Und das spricht nicht gegen das restliche Repertoire der Band, es spricht für die unglaubliche Qualität, solche Knüller auf der Rückseite einer Single zu verstecken!

Vlads herrlichen Tanzstil kenne ich bereits von früheren Konzerten. Neu waren mir zwei wundervolle andere Marotten des Sängers. Bei Lottery sang bewegte der blonde Mann seinen Kopf beim Singen rechts und links am Mikro vorbei, immer hin und her. Viel Effekt hatte das scheinbar nicht, es sah aber sehr schrullig aus. Und bei Write to me am Ende vor den beiden Zugaben, bei dem er keine Gitarre spielt (und Maxim Bass), baute Vladislav nach und nach mindestens zwei der Schlagzeug Mikros ab und sang auch in die! 

Ich habe dieses Jahr noch nicht viele Konzerte gesehen, dieses wäre aber auch das bisher beste, wenn es bereits Nummer dreißig gewesen wäre. Es war mittlerweile schon mein achtes Mal Motorama (Himmel hilf!) und ich freue mich schon jetzt auf die nächsten im Mai, wenn die Band wieder nach Deutschland kommt (Termine weiter unten!).

Vor Motorama spielte eine unterhaltsame Vorgruppe aus Straßburg ein immerhin vierzigminütiges Programm. "Aus Straßburg" ist allerdings irreführend. Sänger Lukass ist Lette, in Münster geboren und aufgewachsen und lebt und studiert in Straßburg. Er kam mit einem Bassisten auf die Bühne und sang das erste Lied von E-Gitarre begleitet in seiner Muttersprache. Das Stück klang ein wenig nach Daughter, fand ich (war also toll!). Danach kam zum nächsten Lied ein Schlagzeuger dazu und Lukass spielte Keyboard. Beim nächsten Lied stieß ein Rapper* (The Thinker) dazu. Es war ein sehr breiter Stilmix der Band (The Grand Bay), der war aber unterhaltsam. Auch Lukass selbst rappte bei einem Stück. Aufnahmen gibt es wohl noch nicht. Überregionale Konzerte auch nicht, bisher trat die Band nur in Straßburg auf. Auch wenn The Spectors als letzter Motorama-Support unerreicht blieben, war der Aufritt von The Grand Bay gar nicht verkehrt und kam hervorragend an!

Setlist Motorama, La Laiterie, Straßburg:

01: Impractical advice
02: Corona
03: To the south
04: Dispersed energy
05: She is there
06: Red Drop
07: Heavy wave
08: Lottery
09: Rose in the vase
10: Old
11: Similar way
12: Special day
13: Ghost
14: Alps
15: During the years
16: Write to me

17: Eyes (Z)
18: Anchor (Z)

Tourtermine Motorama im Mai:
 

13.05. Wiesbaden: Schlachthof 
14.05. Hamburg: Molotow 
15.05. Berlin: Magnet 
16.05. Dresden: Beatpol 
17.05. Jena: Café Wagner 
18.05. Münster: Gleis 22 
19.05. Nürnberg: K4 Zentralcafé 
20.05. Köln: Blue Shell 
21.05. Oberhausen: Druckluft

Links:

- aus unserem Archiv:
- Motorama, Esch-sur-Alzette, 11.02.15
- Motorama, Frankfurt, 03.06.14
- Motorama, Luxemburg, 26.02.14 
- Motorama, Paris, 13.12.13
- Motorama, Köln, 25.09.13
- Motorama, Paris, 19.09.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Esslingen, 05.03.13
- Motorama, Paris, 25.02.13
- Motorama, Paris, 27.11.12

* le rappeur (oder so) 

- mehr Fotos später!




Donnerstag, 12. Februar 2015

Motorama, Esch-sur-Alzette, 11.02.15

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Konzert: Motorama
Ort: Rockhal, Esch-sur-Alzette
Datum: 11.02.2015
Dauer: Motorama 65 min, The Spectors gut 30 min
Zuschauer: 50 - 60



Wenn mir jemand Ende der 80er Jahre gesagt hätte, eine meiner Lieblingsbands 25 Jahre später komme aus Russland, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Russland war damals an der Schwelle der großen Umbrüche im Osten für den Indiemusikhörer im Rheinland eine fremde Welt, wie sie fremder nicht sein konnte. Heute tragen die russischen Militärflugzeuge zwar wieder den roten Stern, ist die Hymne Russlands wieder die zwischenzeitlich ersetzte sowjetische, die Öffnung des Landes und der Kultur der letzten zweieinhalb Jahrzehnte hat dies aber nicht rückgängig gemacht. 

Daß Motorama westeuropäische Musikeinflüsse haben, ist unverkennbar. Sie verbinden diese aber mit einer sehr eigenen Note, bilde ich mir ein. Aber nicht das macht die Faszination der Musik der Band aus Rostow am Don aus. Ich mag Motorama nicht wegen der für Indiemusik exotischen Herkunft, ich mag Motorama wegen der grandiosen Platten und der wundervollen Konzerte!

Als der erste Abschnitt der Europatour* angekündigt wurde, war die Rockhal in Esch in Luxemburg dabei mit einem neuen, kleinen Saal. Bisher hatte das Konzertzentrum mit der großen Halle (für Bands wie Indochine oder die Pixies), dem kleineren Saal (Get Well Soon oder Morrissey) und dem Café (Showcases) drei mir bekannte Auftrittsorte. Der Club im ersten Stock, der vermutlich 100 bis 150 Zuschauern Platz bietet, füllt damit eine Lücke. 

Als ich zwanzig Minuten vor Beginn der Hauptgruppe ankam, waren erst vier andere Gäste da. Ich hatte eine kurze Beschreibung des Supportacts gelesen und war so neugierig geworden, daß ich The Spectors aus Belgien nicht verpassen wollte. Als die fünfköpfige Band ihr Konzert begann, waren etwa 50 Zuschauer im Saal, einige ganz offensichtlich Freunde der Musiker. Meine Neugierde kam auf ihre Kosten, das halbstündige Set der Spectors gefiel mir sehr gut. Ich kannte vorher kein Lied, hatte nur gelesen, daß es sich um eine Shoegaze / Dream Pop Gruppe handele, die Twin Peaks mag. So was reicht locker, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen.!

The Spectors kommen aus Flamen und bestehen aus Sängerin und Bassistin Marieke Hutsebaut, Keyboarderin Hannah Vandenbussche, den beiden Gitarristen Emiel van den Abbeele und Maxiem Charlier und Schlagzeugerin Stefanie Mannaerts. Als ich im Booklet meiner nach dem Konzert gekauften Debüt-CD nach den Namen guckte, stieß ich auf "additional synth parts on several songs" und "produced by Chris Urbanowicz"! Der Ex-Editors Keyboarder, nach dessen Ausstieg ("In a decision entirely based upon future musical direction")** meine ehemalige Lieblingsband leider schlecht wurde, hat offenbar einen guten Geschmack. The Spectors sind etwas fröhlicher als Best Coast, etwas weniger rockig als La Sera und verfügen jetzt schon über eine ganze Menge toller Songs. Die Band wurde vor genau zwei Jahren gegründet und spielte heute ihr erstes Konzert außerhalb Belgiens. 

Mir gefiel Green-eyed monster am besten, ein herrlich düsteres Lied, in dem viel gestorben wird. Sehr lustig war der Refrain bei One-eighty, der dem von There is a light that never goes out glich. Auch da beweisen die Belgier Geschmack! Ein tolles halbstündiges Set, das mir die erste aufregende neue Band des Jahres beschert! Die möchte ich gerne wiedersehen!

Setlist The Spectors, Rockhal, Esch-sur-Alzette:

01: Like sand
02: One-eighty
03: Ariel
04: Green-eyed monster
05: Nico
06: Light stays close
07: Drone
08: Flakey



Viel voller war es nicht geworden, als Motorama um halb zehn die Bühne betraten. Kurz vor Beginn des Konzerts hatte ich erfahren, daß Bassistin Irene*** Parshina in Paris nicht mehr dabei gewesen sei. Sie und Sänger Vladislav werden Eltern. Daß die Bassistin nicht mehr dabei sein könnte, hatte ich jetzt aber noch nicht erwartet. Stattdessen habe ihr Mann in Paris Bass gespielt, hieß es. So war es natürlich auch bei uns. Motorama sind aktuell als Liveband nur noch zu viert, neu war mir dabei der Schlagzeuger. Vlad begann am Bass, statt zweier Gitarren gab es dadurch nur noch eine. Daß ich den Anfang des Konzerts bei weitem nicht so gut wie meine bisherigen fand, lag aber nicht daran, es lag an der miesen Abmischung. Ich bin wirklich keine Misch- und Sound-Experte, daß Keyboard, Bass und vor allem das Schlagzeug viel zu laut waren, lag aber vermutlich nicht nur an meinem Platz vorne neben der Box. Irgendwann zog es mich nach hinten zum Mischpult (was ich nie mache), aber auch da stimmten die Verhältnisse der Instrumente zu einander nicht. Der Mischer ging zigmal (wörtlich!) nach vorne, um seine Einstellungsänderungen zu kontrollieren, war aber offenbar auch unzufrieden mit den Ergebnissen. 


Ob mir die zweite Gitarre nur gefehlt hat, weil die erste zu leise war, kann ich nicht beurteilen. Die Instrumente klangen oft isoliert, nicht harmonisch zusammen. Ich denke, daß das zu laute Keyboard das Hauptproblem dabei war. Aber selbst ein für Motorama schlechteres Konzert ist immer noch besser als die meisten anderen. 


Motorama spielten trotz ihres mittlerweile großen Repertoires alle Lieder des neuen Albums Poverty, das kürzlich bei Talitres erschienen ist. Die neue Platte gefiel mir zwar direkt, ich empfand sie aber als schlechter als die beiden Vorgänger. Je häufiger ich Poverty höre, je lieber mag ich das Album! Alleine dieses wundervoll monotone Write to me am Schluß - wow! Wenn ich mir überlege, wie viele Bands in den letzten dreißig Jahren das Etikett Joy Division an den Hut gesteckt bekommen haben. Und da kommen ein paar Musiker aus Rostow und hauen Stücke wie diese raus, die klingen, als hätten Motorama den Post-punk erfunden. Write to me sang Vladislav in zwei Mikros, wenn ich das von ganz hinten richtig gesehen habe. Die Gitarre lag am Boden, Maxim Polivanow spielte wie bei drei, vier anderen Liedern Bass. 


Weil alle Lieder von Poverty und auch eine B-Seite (Special day) und nicht-Album-Singles gespielt wurden, blieb wenig Raum für die beiden ersten vorzüglichen Alben. Warm eyelids, Young river oder der heimliche Liebling There's no hunters here fehlten mir. Aber vielleicht beim nächsten Mal. Samstag.

Setlist Motorama, Rockhal, Esch-sur-Alzette:

01: Impractical advice
02: Corona
03: To the south
04: Dispersed energy
05: She is there
06: Red Drop
07: Heavy wave
08: Lottery
09: Rose in the vase
10: Old
11: Similar way
12: Special day
13: Ghost
14: Alps
15: During the years
16: Write to me

17: Eyes (Z)
18: Scars (Z)


Links:

- aus unserem Archiv: 
- Motorama, Frankfurt, 03.06.14
- Motorama, Luxemburg, 26.02.14
- Motorama, Paris, 13.12.13
- Motorama, Köln, 25.09.13
- Motorama, Paris, 19.09.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Esslingen, 05.03.13
- Motorama, Paris, 25.02.13
- Motorama, Paris, 27.11.12


* "Europa" im Konzertjargon entspricht nicht Europa im politischen oder geographischen Sinne
** Wikipedia
*** die Schreibweise ihres Labels


 

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