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Sonntag, 25. Oktober 2015

Motorama, Arlon, 23.10.15

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Konzert: Motorama
Ort: L'Entrepôt, Arlon
Datum: 23.10.2015
Dauer: Motorama knapp 70 min, Thousand 40 min, Cyclorama vermutlich 35 min
Zuschauer: etwa 100



In meiner Kindheit gab es zwei schreckliche Bedrohungen, von denen eine früher oder später den sicheren Untergang bedeuten würde. Treibsand und die Russen. Einige Jahr(zehnt)e später hat der menschenverschluckende Sand seinen Schrecken (vermutlich zu Unrecht) verloren. Mit Russland habe ich heutzutage deutlich häufiger als mit Treibsand zu tun, eine meiner liebsten Bands kommt von dort. Und weil mir Motorama so wichtig sind, schreckte mich (um im Bild zu bleiben) auch nicht ab, daß das Konzert erst gegen halb eins in einem kleinen Städtchen in Belgien enden sollte. Wenn die Band schon aus Rostow am Don anreist (3.000 km), zieht das Entfernungsargument ohnehin nicht.


Im Februar und im Mai waren Motorama bereits in Westeuropa unterwegs. Das Label der Russen stammt aus Frankreich (Talitres - Heimat u.a. auch von The Organ), daher sind immer wieder kleine Touren durch Benelux und Frankreich auf dem Programm. 


Arlon ist ein kleines Städtchen im Südosten Belgiens. Von Deutschland kommend muß man Luxemburg einmal durchfahren, das luxemburgische Luxemburg, denn Arlon ist die Hauptstadt des belgischen Luxemburg. Das L'Entrepôt ist ein wirklich wundervoller kleiner Club mit tollem Programm und professioneller Licht- und Bühnentechnik. Und wie überall außerhalb Deutschlands üblich, macht der Club auch kein Geheimnis aus den Anfangszeiten. Ich wusste also vor der Abfahrt, daß ich mich nicht sonderlich beeilen müsste. Nach zwei Vorgruppen sollten Motorama erst um 23:20 h beginnen. 


Als ich ankam hatte sich der Zeitplan um eine halbe Stunde verschoben, statt der zweiten Vorgruppe Thousand spielten noch Cyclorama aus Luxemburg, sie hatten gerade erst begonnen. Cyclorama hatten nicht bloß einen tollen Namen, sie gefielen mir auch musikalisch sehr gut. Die Band bestand (zumindest live) aus einem Gitarristen und einem Schlagzeuger und spielte lange, oft herrlich repetitive Instrumentalstücke, mehr oder weniger shoegazig und psychedelisch. 


Thousand danach war mir für die Tageszeit zu ereignislos. Hinter Thousand verbirgt sich der Franzose Stéphane Milochevitch, der alleine mit Gitarre und vom PC begleitet seine Lieder vortrug. Das zweite Stück war das mit Abstand stärkste und erzeugte in mir die Assoziation, eine Ein-Mann-Version der Talking Heads zu erleben.

Nach 40 min Thousand hing der Zeitplan noch zwanzig Minuten hinterher. Es folgte der sachlichste Soundcheck meines Lebens. Motorama räumten die großen Strahler, die die Bühnentechniker des schönen Lichts wegen zwischen den Instrumenten platziert hatten, wieder weg, spielten ein, zwei Akkorde auf der Gitarre, Sänger Vlad klickte kurz mit dem Finger aufs Mikro und die Geschichte war erledigt. Motorama hatten nicht nur die 20 Minuten Verspätung aufgeholt, sie begannen sogar fünf Minuten früher als geplant.

Wie bei den anderen Konzerten 2015 fehlte Bassistin Irene Parshina. Vlad und Irene sind vor einigen Monaten Eltern geworden, die Tour jetzt kam offenbar zu früh. Motorama haben die fehlende Bassistin aber schon im Frühjahr ganz pragmatisch ersetzt. Statt wie vorher mit zwei Gitarren, Bass, Keyboard und Schlagzeug aufzutreten, sind die irenelosen Motorama ein Quartett. Den Bass spielt jetzt vor allem Vlad, die Gitarre Maxim. Allerdings wechseln die beiden immer mal wieder die Instrumente, auch das pragmatisch, ohne die Kabel umzustecken. Natürlich fehlt dadurch etwas, vermutlich sind zur Zeit auch nicht alle Lieder spielbar, schlimm ist das aber überhaupt nicht. Es klingt sofort nach Motorama.

Der Saal war leider bei weitem nicht voll. Aber was will man auch erwarten in einem 27.000 Einwohner Nest. Die Band aus Rostow begann mit Winter at night, der B-Seite der 2013er Single Eyes. Daß das Konzert mit einer B-Seite begann, klingt spektakulär, ist es aber nicht. Die Motorama B-Seiten sind Hits, die eigentlich nichts auf einer Single-Rückseite zu suchen haben. Auch das später gespielte Special day (von der letzten 7" She is there) ist ein grandioser Song und alles, aber kein Lückenfüller. 


Die aktuelle Platte Poverty, die ich beim ersten Hören als nicht so catchy empfand wie die beiden Vorgänger, wird besser und besser, je öfter ich sie höre. Also super, daß viele der Lieder gespielt wurden. Noch superer wären zwar auch noch Old, Write to me und Similar way gewesen, gerade Old ist ein Sensations-Lied. Aber weil es keinerlei Pausen zwischen den Liedern gab und der Schlagzeuger sofort wieder lostrommelte, wenn ein Stück beendet war, spielten Motorama erstaunliche 18 Lieder in 70 Minuten. 

Natürlich sind Alps, Rose in the vase, To the South die großen Hits und natürlich hätte man alleine mit den Liedern, die nicht gespielt wurden, ein Wahnsinns-Konzert bestreiten können (Young river, During the years, Old, Compass, Anchor, Wind in her hair, Warm eyelids...), meine Lieblinge waren aber so Stücke wie Impractical advice, Empty bed, Red drop, Heavy wave und die beiden neuen Lieder. Das nach Red drop kannte ich wohl schon von einem der beiden letzten Konzerte, das zweite neue kam mir neu-neu vor. Beide waren klasse und werden ganz sicher veröffentlicht werden. 

Ich gönne jeder Band, die ich mag, jeglichen kommerziellen Erfolg und riesige Hallen und Stadien. Daß Motorama in ihrer Heimat wegen einer fehlenden Indieszene nicht so riesig sind, mag ich gerade aber auch, denn so sind sie oft bei uns. Oder in erreichbareren Nachbarländern.

Setlist Motorama, L'Entrepôt, Arlon:

01: Winter at night
02: Corona
03: Dispersed energy
04: She is there
05: Red drop
06: ? (neu)
07: Rose in the vase
08: Heavy wave
09: Lottery
10: Two stones
11: ? (neu)
12: Special day
13: Impractical advice
14: Empty bed
15: Alps
16: Ghost
17: Eyes
18: To the South

Links:

- aus unserem Archiv:
- Motorama, Köln, 20.05.15
- Motorama, Wiesbaden, 13.05.15
- Motorama, Straßburg, 14.02.15
- Motorama, Esch-sur-Alzette, 11.02.15
- Motorama, Frankfurt, 03.06.14
- Motorama, Mannheim, 31.05.14
- Motorama, Luxemburg, 26.02.14
- Motorama, Paris, 13.12.13
- Motorama, Köln, 25.09.13
- Motorama, Paris, 19.09.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Esslingen, 05.03.13
- Motorama, Paris, 25.02.13
- Motorama, Paris, 27.11.12


Mittwoch, 31. Dezember 2014

The Wedding Present, Arlon, 20.11.14

1 Kommentare

Konzert: The Wedding Present (play Watusi)
Ort: L'Entrepôt, Arlon
Datum: 20.11.2014
Dauer: The Wedding Present gut 80 min
Zuschauer: ca. 100



"Bonsoir, nous sommes les sémi-légendaires Wedding Present!" Na, toll! Und dafür fahre ich durch drei Länder. Halbberühmtheiten kann man doch bei jeder Möbelhaus-Eröffnung sehen. Nunja, David Gedge und seine The Wedding Present sind sind keine Dschungel-Camp Prominenten, sie sind Legenden der britischen Indie-Szene. Die Band taucht in John Peels Biografie gleich oft auf wie die Smiths oder die Ramones. Das alleine würde natürlich nicht reichen, an einem Donnerstag ins kleine Arlon kurz hinter der luxemburgisch-belgischen Grenze zu fahren. The Wedding Present sind vor allem eine der großartigesten Bands der letzten 20, 25 Jahre. Sie sind nicht glamourös, haben keine Radio-Hits im Katalog, sind aber nicht mehr wegzudenken aus meiner kleinen musikalischen Welt. 

Und The Wedding Present machen etwas, was ich liebe und freudestrahlend annehme: die Band spielt seit ein paar Jahren all ihre Alben in kompletter Länge. George Best, Bizarro, Seamonsters und The Hit Parade hatte ich bereits sehen dürfen, Watusi von 1994 wollte ich da nicht verpassen, also mussten es dieser Donnerstag im November und Arlon sein.

Das Entrepôt in Arlon ist ein moderner, kleiner aber wundervoller Konzertort. Wie so oft in Benelux ist der Club ein reiner Musikclub, keine zweckentfremdete andere Bude, er hat eine tolle Licht- und Musikanlage, die Bar ist im Vorraum, alles sehr angenehm, um Konzerte zu sehen.

Der Abend begann kurz nach halb neun mit einer unterhaltsamen lokalen Vorgruppe. The White Coal Addiction scheinen aus der Umgebeung zu kommen und spielten ein kurzes Set, darunter ein Lied namens Cologne. In der kurzen Konzertgeschichte der Band steht ein Auftritt im Blue Shell in Köln, der offenbar inspirierend war. The White Coal Addiction spielten irgendetwas zwischen Shoegaze und Postpunk und gefielen mir gut, ein schöner Auftakt. Und das, obwohl Vorgruppen bei entfernten Konzerten unter der Woche eher ärgerlich sind.

Während für die Hauptgruppe aufgebaut wurde, verkaufte David Gedge Merch seiner Band. Neben den Wedding-Present-Comics, aktuellem Kram gab es eine große Kiste, alter Platten. Auf einigen klebten Aufkleber "aus Davids privater Sammlung."

Um zehn vor zehn ging es endlich los. An diesen Album-Abenden spielen The Wedding Present ihre Platten zwar komplett, meist aber nach einer Art Best-of Einleitung. Der Abend in Arlon begann zwar direkt mit Watusi, aber nicht mit So long, baby, mit dem das Album startet. Stattdessen spielte die Band das Instrumental-Stück Hot pants

Neben David Gedge standen in Arlon eine ganze Menge Musiker auf der Bühne. Von meinen letzten Konzerten kannte ich nur Bassistin Katharine Wallinger. Der Gitarrist, der Schlagzeuger (erstes Konzert überhaupt mit The Wedding Present) und eine Keyboarderin waren mir neu. Die zusätzliche Frau am Klavier erforderte wohl die Instrumentierung des Albums. Danielle (?) setzte sich immer, wenn sie nicht gebraucht wurde, auf den Boden nebens Schlagzeug.

Auch erforderte Watusi, daß David Gedge bei einigen Liedern keine seiner vielen gleich aussehenden Gitarren spielte sondern nur sang. Bei Shake it überließ er diese Aufgabe sogar ganz seinem Gitarristen Sam. Auch ungewöhnlich für Konzerte der Engländer war das A cappella Ende von Click click. Wenn man ganze Platten spielt, spielt man eben auch die Lieder, die es sonst nicht auf die Setlisten schaffen.

Catwoman beendete den Watusi-Teil. The Wedding Present spielen keine Zugaben (David Gedge sagte das später wieder einmal - in verschiedenen Sprachen), also sind die Zugaben die zweite Hälfte des Konzerts. Die in Arlon hatte es in sich. Oh ja! Kennedy, Dalliance, Perfect blue, Interstate 5. Wow! Dazu mit Birdsnest ein tolles neues Stück und zum Abschluß What have I said now? von Bizarro

Und weil es so viele für The Wedding Present ungewöhnliche Dinge an diesem Abend gab, wunderte mich auch nicht, daß beim vorletzten Stück Nobody's twisting your arm (aus dem "golden year 88") ein Akkordeon zum Einsatz kam!

Irgendwann hatte ich jede Sorge vergessen, wie kurz die Nacht werden würde, das Konzert der britischen Halb-Legenden war dafür zu brillant. Saturnalia's next.

Setlist The Wedding Present, L'Entrepôt, Arlon:

Watusi:
01: Hot pants
02: Swimming pools, movie stars
03: Yeah yeah yeah yeah yeah
04: Let him have it
05: So long, baby
06: Gazebo
07: Spangle
08: Shake it
09: Big rat
10: It's a gas
11: Click click
12: Catwoman

13: Kennedy
14: Birdsnest (neu)
15: Dalliance
16: Perfect blue
17: Interstate 5
18: Nobody's twisting your arm
19: What have I said now?

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Wedding Present, Barcelona, 30.05.14
- The Wedding Present, Düsseldorf, 26.09.13 (The Hit Parade)
- The Wedding Present, Paris, 24.10.12
- The Wedding Present, Wien, 04.10.12
- The Wedding Present, Köln, 23.09.12 (Seamonsters)
- The Wedding Present, Barcelona, 30.05.12
- The Wedding Present, Köln, 15.10.10 (Bizarro)
- The Wedding Present, Köln, 15.11.07 (George Best)
- The Wedding Present, Paris, 02.11.07



 

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