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Montag, 30. September 2019

Woog Riots & Hutch Harris, Wiesbaden, 28.09.19

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Konzert: Woog Riots & Hutch Harris
Ort: Schlachthof, Wiesbaden (Kesselhaus)
Datum: 28.09.2019
Dauer: Woog Riots knapp 40 min, Hutch Harris knapp 55 min
Zuschauer: bis da ca. 100




Früher hatte ich für solche Gelegenheiten eine passende Konzerttasche. "Ich bin wegen der Vorgruppe hier", stand auf der. Die hatte ich mir irgendwann machen lassen, weil mein Verhalten, auch gerne mal nach dem Support zu gehen, bei vielen als verhaltensauffällig galt. Aber wenn Wolf Alice auf einer Tour eben nur vor alt-j spielen, bleibt einem doch nichts anderes übrig. Daher die Tasche. Keine Ironie.

Samstag war ich gleich wegen zwei Vorgruppen da, eigentlich war es also wieder ein normales Konzert. Unter anderen Umständen hätte ich mir International Music auch angesehen, nur ließen das die nichtanderen diesmal nicht zu. Wenn man eine Gruppe, die man liebt und den Sänger der besten Band der Welt gemeinsam an einem Abend sehen kann, ist es aber auch eigentlich egal, ob danach noch etwas kommt.


Daß die Woog Riots toll sind, habe ich schon häufig betont. Die "berühmteste Protestband aus Darmstadt" spielte schon die beiden wichtigsten Festivals meiner Indiepop-Welt, das Indietracks und ähm, das Cologne Popfest. Im März erschien das bereits sechste Album des Duos Silvana und Marc (Cut-up and paste), das durchweg großartig ist und - machte ich solche Listen - mit Tampere - Manchester of the North einen sicheren Kandidaten für eine Jahres-Top-5 enthält.

Das Konzert begann mit Alan Rusbridger, dem Lied über den ehemaligen Guardian-Chefredakteur, der eine wichtige Rolle bei der Veröffentlichung der Snowden-Dokumente gespielt hat, 2013, als sich gigantische Skandale noch lange in den Nachrichten hielten und nicht wie heute montags von noch viel größeren Skandalen wieder abgelöst und ins Vergessen geschickt werden. 

Daß Alan Rusbridger (Mensch) eine Rezension über Alan Rusbridger (Album) geschrieben hat, ist eine meiner Lieblingsmusikgeschichten. Es folgten - in Blöcke unterteilt (Protestsongs, Lieder über Städte...) - vor allem Lieder vom neuen Album Cut-up and paste. Und jede Menge Instrumente. Silvana spielt Keyboard, Otamatone, Stylophone und Melodica, Marc Gitarre und iPod. So entstehen diese fantastischen Elektropop-Songs über diese fiesen Kreuzfahrt-Giganten in Venedig, über Das Kapital oder den Busfahrer. Es war wie immer ein riesiger Spaß!



Zum letzten Stück To all you racists kamen die beiden von der Bühne und sangen unverstärkt. Ganz voll war das Kesselhaus des Schlachthofs noch nicht. Die, die mitbekommen hatten, daß es früh losgeht und die wie ich nicht supportphob sind, hatten großes Glück!

Setlist Woog Riots, Schlachthof, Wiesbaden:


01: Alan Rusbridger
02: Oxford
03: Last beat
04: Cut-up and paste
05: Hello bus driver
06: People reading Marx
07: Tampere - Manchester of the North
08: Tokyo plastics
09: Monstrous monsters
10: People working with computers
11: To all you racists



Nicht weit von Wiesbaden weg gab es früher das beste Festival, das Phono Pop in Rüsselsheim. Meine großen Lieblinge The Thermals aus Portland konnte ich da zweimal sehen, 2007 und 2013 und natürlich waren beide Konzerte herausragend, weil das alle Auftritte der Thermals waren.

Die Thermals lösten sich im April 2018 auf, vorher machte einmal die Nachricht die Runde, die Band wolle nicht mehr touren. Mein letztes Konzert war 2013, viel zu lange her für eine Band, die ich so liebe und seit 2006 immer wieder gesehen habe. Ein paar Monate nach der Auflösung erschien neue Musik von Bassistin Kathy Foster und von Gitarrist Hutch Harris. Hutches Platte Only water kaufte ich sofort digital (die CD-Version - Auflage 50 - blieb wohl wegen der schrecklichen Portokosten amerikanischen Fans vorbehalten). Die Hoffnung auf ein Konzert hatte ich aber aufgegeben, denn dieses "keine Lust mehr auf Touren", war fest in meinem Kopf. Glücklicherweise nicht in Hutchs...  

Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Daß Hutch alleine und mit akustischer Gitarre auftreten würde, meine ich damit nicht, das schien mir klar zu sein. Aber was würde er spielen? Vor allem wohl Songs seiner gelungenen Solo-Platte. Und vielleicht something Thermals und ein, zwei Cover?


Schon die ersten vier Lieder waren Thermals-Songs. Seine Setlist lag nah vor mir, ich vermied aber Spoiler. Sie sah aber lang aus und war sehr einsilbig, immer nur ein Wort oder eine Abkürzung, so wie immer. Nach dem Thermals-Start folgten die ersten beiden Solo-Lieder von Hutch. I will try to forget you und No river left. Weil er die alten Band-Stücke in gleicher akustischer Form spielte, fiel kein großer Unterschied zwischen den neuen und alten Songs auf, also schiene die Solo-Platte wohl auch in Punkband-Arrangements zu funktionieren. Nur erscheinen mir die neuen Texte  trennungsbezogener. "Yesterday you held me lying on the bed. Now I know I’ll lie alone and hold you in my head." 

Auch wenn auch später noch einmal drei Solo-Lieder kamen, spielte Hutchs frühere Band die Hauptrolle. Als Thermals-Ultra mochte ich das sehr, seine eigene Platte ist aber auch so gut, daß der Sänger ruhig mehr davon hätte spielen wollen, es wäre kein schlechterer Abend werden können. Aber was jammere ich? Ich durfte noch einmal eine Zugabe aus 13 The-Thermals-Songs hören, darunter drei, die ich nie live gesehen habe und ganz viele der großen Hits (Test pattern, Back to grey, I let it go...).

Dummerweise vermisse ich die Thermals jetzt wieder ein Stück mehr. Aber die Aussicht, Hutch jetzt vielleicht ab und zu wieder auf einer Bühne singen und schreien zu hören, macht das erträglicher.

Setlist Hutch Harris, Schlachthof, Wiesbaden:

01: I let it go (The Thermals)
02: When I was afraid (The Thermals)
03: Faces stay with me (The Thermals)
04: The sunset (The Thermals)
05: I will try to forget you
06: No river left
07: Test pattern (The Thermals)
08: St. Rosa and the swallows (The Thermals)
09: Back to gray (The Thermals)
10: I hold the sound (The Thermals)
11: Anything is possible
12: You can believe me now
13: You and yesterday
14: The walls (The Thermals)
15: Thinking of you (The Thermals)
16: An endless supply (The Thermals)
17: God and country (The Thermals)
18: A pillar of salt (The Thermals)

Links:

- aus unseren Archiv:
- Woog Riots, Köln, 30.03.16
- Woog Riots, Darmstadt, 19.09.13
- Woog Riots, Berlin, 22.05.08
- The Thermals, Köln, 23.10.13
- The Thermals, Rüsselsheim, 13.07.13
- The Thermals, Dortmund, 30.07.11
- The Thermals, Frankfurt, 15.04.11
- The Thermals, Köln, 03.04.11
- The Thermals, Bochum, 23.10.09
- The Thermals, Haldern, 15.08.09
- The Thermals, Berlin, 08.08.09
- The Thermals, Rüsselsheim, 21.07.07
- The Thermals, Köln, 19.12.06
- The Thermals, Paris, 02.12.06


Samstag, 8. Juli 2017

Kesselhaus Acoustics, Berlin, 04.07.17

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Konzert: Kesselhaus Acoustics mit 
      Joel Havea (35 min)
      Bender & Schillinger (30 min)
      AVEC (35 min)
Ort: (ausnahmsweise, da von der Fashion week vertrieben im) Biergarten des Frannz in Berlin (Kulturbrauerei Prenzlauer Berg)
Datum: 4. Juli 2017
Zuschauer: 100 - 200


Als Karlsruherin singe ich oft freiwillig wie gezwungenermaßen das Loblied auf die Kultur in der Provinz. Nun könnte ich noch eine Strophe anhängen, dass die Berliner echt die Klappe halten können, wenn an zwei Juliabenden in ganz Berlin nicht mehr als eine Veranstaltung stattfindet, die so einigermaßen in mein musikalisches Beuteschema passt.... Aber das ist natürlich nur unwichtiges Geplänkel und verblasst neben der Erinnerung an einen sehr gelungenen Abend mit einem mich absolut überzeugenden Konzept - den Kesselhaus Acoustics jeden 2. Dienstag im Hof der Kulturbrauerei in Berlin (die Idee ist aus Hamburg geborgt).
 

Diverse nicht primär musikalische Pluspunkte wären dabei zu nennen: Ein sehr einladender Ort (mit Bonuspunkt: Nur sieben Gehminuten von meinem Quartier entfernt), eine Uhrzeit zu der ich sehr gut aufnahmefähig bin, Bekanntmachung der Abendplanung und auf 15 min genaues einhalten des Planes. Passendes Wetter: Freundlich, trocken und nicht zu warm. Darüber hinaus hatte ich eine Verabredung für den Abend und schließlich statt einem sogar zwei sehr nette Begleiter (auch wenn ich meine Fotos diesmal selbst machen musste). Als Sahne obenauf gab es noch ein unverhofftes Treffen und viel zu lachen mit einem Musikliebhaber-Quintett eine Generation jünger als ich, das ich die letzten Jahre auf dem Alinae lumr Festival traf...


Dieser Gemütlichkeitsbonus war gleichzeitig auch ein gewisser Nachteil, weil die Musik darin zum großen Teil Background-Berieselung wurde und von vorne bis hinten durchgequatscht wurde. Normalerweise hätte mir das alles verleidet, aber was soll's das ist halt ein Teil des Konzeptes, zu dem auch gehört, sich auf die angebotene Musik einzulassen oder eben auch nicht. Der erste Künstler des Abends - Joel Havea - war zum Beispiel eher kein Kandidat mit dessen Musik ich mich weiter intensiv beschäftigen werde. Er war aber für so einen Sommerabend auch ganz passend und ertrotzte sich sogar eine Zugabe.


Die flapsige Bemerkung, ich sei wohl auf der Suche nach Neuentdeckungen traf für mich am ehesten auf das Mainzer Duo Bender & Schillinger zu, die mich bezauberten in der musikalischen Vielgestaltigkeit und mit den beiden Stimmen von Linda Bender und Chris Schillinger. Das war mal Liedermachermäßig mit den zwei akustischen Gitarren, aber es gab auch Rhythmus und eine Saite blieb gar auf der Strecke, als die zweite Akustikgitarre als Schlagwerk diente. Sanfte Klavierklänge schmiegten sich bei Rendevous an mein Ohr. Das war so recht meins und hat mir viel Spaß gemacht.
 

Die österreichischen Gäste AVEC setzten dann den Schlußpunkt für den frühen Abend. Sie reizten den akustischen Rahmen aus und spielten in voller Bandformation: Miriam Hufnagl (Gitarre und Gesang), Andi Häuserer (Gitarre und Tasten),  Lukas Klement (Schlagzeug), Ross Stanciu (Bass) ordentlich druckvoll auf. Da wippten die Zehen. Wir hatten einigen Spaß dabei, dass häufig der Bass das letzte Wort hatte und warteten auf ein Solo von ihm (das es aber dann doch nicht gab...). Bestimmend war dabei die markante Stimme von AVEC. Bei dem wohl bekanntesten Song Granny ging schließlich im Publikum richtig die Post ab, obwohl es ja eher melancholisch ist.

Kesselhaus Acoustics Pläne 2017
18.07. Serafyn (SUI), Nosoyo (NL), Klan
01.08. Phela, Lasse Matthiessen (DK), Hanna Leess
15.08. A Tale Of Golden Keys, Sarah Lesch, Lukas Meister
29.08. Lilly Among Clouds, Meadows (S), Lukas Droese & Band


Tourdaten Joel Havea
08.07. Lübeck Kultur-Sommer-Festival    
15.07. Stein Tatort Hawaii    
17.07. Kiel Forstbaumschule    
22.07. Hamburg Bistro Tati – Zweierabend mit Andy Fite!    
29.07. Hemer Sauerland Park    
30.07. Hamburg Altes Mädchen    
05.08. Gifhorn Open Air KultBahnhof    
02.09. Kiel Frock Summer Festival 




Bender & Schillinger am 26./27.08. in Trier Überall und hier

AVEC on the road



Donnerstag, 25. Juni 2015

Sophie Hunger, Berlin, 18.06.2015

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Konzert: Sophie Hunger
Ort: Berlin
Datum: 18.06.2015
Dauer: ca. 100 Minuten
Zuschauer: ausverkauft

Konzertbericht: Merle; Fotos: Markus


Schon am frühen Abend standen etliche Zuschauer erwartungsvoll mit ihrem Ticket in der Hand vor dem Kesselhaus, sie warteten darauf, zum Sophie Hunger Konzert eingelassen zu werden, das um 21:15 beginnen sollte. Die Stimmung war gut und die ersten Reihen schon wenige Minuten nach der Öffnung besetzt – Vorfreude und gespannte Erwartung waren deutlich spürbar. Mit der kanadischen Vorband „Mark Berube“ stieg die Spannung noch weiter, voller Ungeduld wurde Sophie Hunger herbeigesehnt. 
Und nur um wenige Minuten verspätet stürmten Sophie Hunger und Band mit voller Energie die Bühne und eroberten sie schon mit dem ersten Stück „ Supermoon“, dem Titelsong ihres kürzlich erschienenen, gleichnamigen Albums. 

Anfangs präsentierte sie viele Stücke ihres neuen Albums, auffallend dabei waren Klangeffekte, sphärische Geräusche, erzeugt mit Gitarre, Klavier, Synthesizer, Klarinette und Flügelhorn, und einfühlsam akzentuiert vom Schlagzeug. Mal wirkt es abstrakt, dann sehr originell, oft ziemlich kompliziert und immer wieder kann die Formation auch durch einfache und direkt Ehrlichkeit überzeugen – Sophie Hungers Band hat sich auch bei diesem Konzert selbst übertroffen! 
Etwa ab der Mitte des Konzerts wurden auch ältere Songs wie „ le vents nous portera“ dargeboten, die Sophie Hunger mit überzeugender Leichtigkeit in neuen und ganz anderen Farben interpretierte. 

Gebannt und fasziniert begaben sich die Zuschauer mit Sophie Hunger und ihrer Band auf eine musikalische Reise durch ein Meer von Emotionen. Es war mit Händen zu greifen, wie das Konzert im Verlaufe des Abends zu einem unvergeßlichen Abenteuer für das Publikum wurde, das sich dann auch entsprechend dankbar zeigte. Kraftvoll und mit einer große Portion unverblümter Ehrlichkeit, viel Ironie,Provokation, Tiefgang und Ernsthaftigkeit, ohne viel zu sprechen, präsentierten sich Sophie Hunger und Band in Berlin auf der Bühne des Kesselhauses. Man durfte für einen Moment an ihrer unerschöpflichen Phantasiewelt teilhaben sich durch ihre Musik und poetischen Meisterwerke ihre Sicht der Welt erklären lassen. 
Bei alledem steht Sophie Hunger steht mit unvergleichbarer Offenheit und festem Selbstbewusstsein auf der Bühne, wie man es nur bei sehr wenigen Musikern erlebt. Sie spielt ihre Lieder nicht nur, sondern lebt sie und damit sich. Unverkennbar war dies in Stücken wie „Love Is Not The Answer“ und „Superman Woman“ oder „ Spaghetti mit Spinat“ - alles Stücke aus ihrem neuen Album. 

Das insgesamt etwas ältere Publikum blieb bis zum Schluss im Bann ihrer Musik und schaffte es auch, die Musikerin mit Band noch zwei weitere Male für mehrere Zugaben auf die Bühne zu holen, bei denen sie dann auch eines meiner persönlichen Lieblingslieder, nämlich „ 1983“ spielte: „Irgendwann habe ich entdeckt, dass ich mit Gesang die Menschen wütend, traurig oder fröhlich machen kann“ - womit die 32-jähige Schweizer Musikerin völlig recht hat - und dafür sind wir ihr sehr dankbar. Ein sehr gelungenes Konzert.


Links:

- aus unserem Archiv:
- Sophie Hunger, Stuttgart, 20.04.2013
- Sophie Hunger, Karlsruhe, 01.03.2013
- Sophie Hunger, Berlin, 19.02.2013
- Sophie Hunger, Paris, 29.01.2013 
- Sophie Hunger, Berlin, 19.11.2012 
- Sophie Hunger, Paris, 10.11.2012 (französisch)
- Sophie Hunger, Paris, 10.11.2012 (deutsch) 
- Sophie Hunger, Paris, 09.03.2012 
- Sophie Hunger, Paris, 06.12.2010
- Sophie Hunger, Haldern Festival, 14.08.2010
- Sophie Hunger, Paris, 02.06.2010 
- Sophie Hunger, Köln, 29.09.2009 
- Sophie Hunger, Köln, 09.05.2009 
- Sophie Hunger, Paris, 23.03.2009 
  

Freitag, 15. Mai 2015

Motorama, Wiesbaden, 13.05.15

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Konzert: Motorama
Ort: Schlachthof, Wiesbaden (Kesselhaus)
Datum: 13.05.2015
Dauer: knapp 75 min
Zuschauer: ca. 220

 

Eigentlich wollte ich kommende Woche in Macclesfield Peter Hooks Gedenken an seinen vor 35 Jahren gestorbenen Frontmann Ian Curtis ansehen. Der Bassist wird in der Christ Church von Macclesfield alle jemals aufgenommenen Joy Division Stücke spielen. Daß ich nicht hinfahren kann, habe ich zwar sehr bedauert, ein Motorama-Konzert rückt meine Musikwelt aber schnell wieder zurecht.

Die Joy Division- (oder Smiths- oder Cure- oder Interpol- oder was auch immer-) Referenzen nerven Motorama sicher sehr. Sie sind auch unnötig, weil die russische Band ebenso einen eigenen Stil hat wie jede der angeblichen Blaupausen (und im Gegensatz zu Peter Hook & The Light hat Motorama einen Sänger, der gleichzeitig singen und Bass spielen kann).

Ich frage mich immer, was Motorama als Liveband so reizvoll macht. Ich habe die Russen vor zwei Jahren zum ersten Mal gesehen und seitdem keines ihrer Konzerte in Reichweite (und das ist ein dehnbarer Begriff) ausgelassen. Trotzdem haben deren Auftritte keinen Deut Reiz eingebüßt. Meine Vorfreude war also wieder riesig, obwohl die letzten Motorama Gigs gerade mal drei Monate her sind.


Im Februar war die Band aus Rostow am Don erstmals ohne Bassistin auf Tour. Die Frau von Sänger Vlad hat ein Kind bekommen und ist vorübergehend ausgestiegen. Die beiden bisherigen Gitarristen Vlad und Maxim teilen sich seitdem den Bass-Job. Spätestens beim zweiten Konzert in der neuen, kleineren Konstellation fehlte mir nichts mehr. Ob es Stücke gibt, die Motorama mit nur einer Gitarre nicht spielen können, weiß ich nicht. Vor der letzten Tour war die dritte Platte der Band (Poverty) erschienen, deren Lieder den Großteil der Konzerte ausmachen. Dafür sind viele alte Lieblinge aus dem Programm geflogen. Da Poverty aber wieder ein großer Wurf ist, ist das gut und gerne zu verkraften!


Seit Mittwoch sind Motorama wieder in Deutschland auf Tour. Am Samstag hatte die Band noch in Mexiko gespielt - am Ende einer Süd- und Mittelamerika-Tour, während der sie einige Male in Lima aufgetreten ist (vor bis zu 1.000 ausflippende Fans). Vom Anreise-Streß (Mexiko-Paris-Wiesbaden) war nichts zu merken, als die vier Musiker um viertel nach neun auf die Bühne des neuen Kesselhauses im Wiesbadener Schlachthof kamen. Wie üblich ging der Soundcheck ganz pragmatisch ins erste Lied über. Wären Motorama keine so großartige Band, wäre das (und die fehlenden Ansagen vielleicht) ein wenig störend, aber die Frage stellt sich ja nicht.


Das Kesselhaus, das die baufällige Räucherkammer als kleinen Saal des Schlachthofs abgelöst hat, ist ein wundervoller Konzertort, auf Anhieb ein neuer Lieblingsclub. Es war wohl nicht ganz ausverkauft, der Saal war aber fast voll. 

Motorama spielten am Anfang das gleiche Set wie bei den Konzerten im Februar. Impractical advice und Corona vom neuen Album, die ich beide schon sehr liebe, dann der große Hit To the south, Dispersed energy und Red drop von Poverty und dazwischen die Single She is there. Alles ohne große Pause nacheinander. 

Nach Red drop wurde es anders. Und spannend. Motorama haben einen riesigen Output an Veröffentlichungen (drei Alben, zwei EPs, mehrere Singles) und spielen regelmäßig trotz des riesigen Katalogs auch B-Seiten (heute Special day). Das Lied nach Red drop war aber neu, ich kannte es wenigstens nicht. Später kam noch ein zweites neuen Stück (mit "laaalala"-Text am Ende). Das erste neue Lied klang, als stamme es von der neuen Platte, es war toll! Der große Knüller war aber das zweite Stück, hoffentlich spielen das Motorama jetzt regelmäßig!

Neben den ganz besonderen Lieblingen To the south, Rose in the vase, She is there waren Special day und Heavy way die besten Lieder - ach, das ist albern, alle sind sagenhaft toll. Und sie klangen so gut wie nie! Motorama hatten kaum Equipment neben den Instrumenten mitgenommen. Sie spielten nicht vor Verstärker-Wänden, die Bühne sah eher so aus wie bei einer Vollplayback-Aufnahme einer Fernsehsendung, weil sie fast leer war. Auch wenn das My Bloody Valentine und J Mascis anders sehen, es braucht keine mannhohen Boxentürme für ordentlich Dampf!

Bei During the years flippte Vlad für seine Verhältnisse extrem aus. Er schrammelte mindestens eine Saite seiner Gitarre durch, was die Zugaben beeinflusste. Sie könnten nur noch ein Lied mit Bass und Keyboard spielen. Das wurde das herrlich monotone und düstere Write to me. Dabei stand Vlad lange am linken Bühnenrand, er hatte ja nichts zu tun, bevor der Gesang einsetzte.


Ich freue mich zwar wieder darauf, wenn Bassistin Irene Parshina* wieder dabei ist, die Band hat auf ihre Mutterschutz-Pause aber perfekt reagiert, indem Vlad (bei den meisten der Lieder) und Maxim (beim Rest) Bass spielen.

Müssen wir euch noch auffordern, Motorama in den nächsten Tagen anzugucken? Sicher nicht, oder?


Setlist Motorama, Schlachthof, Wiesbaden:

01: Impractical advice
02: Corona
03: To the south
04: Dispersed energy
05: She is there
06: Red drop
07: neu
08: Heavy wave
09: Lottery
10: Rose in the vase
11: Old
12: Similar way
13: Special day 
14: neu
15: Ghost
16: Alps
17: During the years

18: Write to me (Z) 

Tourdaten Motorama, Mai 2015:

15.05.15 Berlin (Magnet) 

16.05.15 Dresden (Beatpol) 
17.05.15 Jena (Café Wagner) 
18.05.15 Münster (Gleis 22) 
19.05.15 Nürnberg (K4 Zentralcafé) 
20.05.15 Köln (Blue Shell) 
21.05.15 Oberhausen (Druckluft) 
22.05.15 Mannheim (Maifeld Derby Festival) 
23.05.15 Krems (AT) (Jazzkeller)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Motorama, Straßburg, 14.02.15
- Motorama, Esch-sur-Alzette, 11.02.15
- Motorama, Frankfurt, 03.06.14
- Motorama, Mannheim, 31.05.14
- Motorama, Luxemburg, 26.02.14
- Motorama, Paris, 13.12.13
- Motorama, Köln, 25.09.13
- Motorama, Paris, 19.09.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Esslingen, 05.03.13
- Motorama, Paris, 25.02.13
- Motorama, Paris, 27.11.12 


* oder Irina? Bei Instagram heißt sie Irene




Montag, 18. März 2013

Stereophonics, Berlin, 12.03.13

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Konzert: Stereophonics 
Ort: Kesselhaus in der Kulturbrauereih/Berlin 
Zuschauer: fast ausverkauft/keine Ahnung 
Datum: 12.03.2013 
Dauer: 115 Minuten 


von Tobias aus Berlin


Mal abgesehen davon, dass sie nur eine Einbahnstraße ist, unterliegt eine Liebesbeziehung die man zu einer Band hat, im Grunde genommen genau den selben Gesetzmäßigkeiten, die für die Liebe zwischen zwei Menschen gelten. Grob geschrieben gibt es genau drei Wege wie das mit der Liebe laufen kann. Man liebt sich für immer und ewig und wenn sie nicht gestorben sind, dann rennt man immer wieder auf ihre Gigs und liebt alle neuen Scheiben. Rosa all over the place. In der schwarzen Welt hingegen, ist von der anfänglich heißen Liebe im schlimmsten Fall nur noch Hass und Verleugnung übrig. Und dann gibt es den Mittelweg, auf dem man sich hin und wieder mal trifft, ein bisschen Spaß miteinander hat um dann wieder für einige Zeit nichts voneinander hört. Und genau diese Beziehung führe ich mit den Stereophonics. In der Zeit vom zauberhaften Word Gets Around bis zum großartigen You Gotta Go There To Come Back haben wir uns nächtelang geliebt. Später? Not so much. Doch auch wenn die guten Songs über die Jahre weniger wurden (das wirklich nette kleine Soloalbum von Sänger Kelly Jones mal ausgenommen), haben die Stereophonics es durch eine gute Tourfrequenz immer geschafft mich bei der Stange zu halten. Mich und wahrscheinlich einen Großteil ihrer Fans, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass es viele gibt die etwa Graffiti On A Train lieber hören würden, als sagen wir Same Size Feet. 

Zieht man das in Betracht, wundert es einen kein Stück weit, dass das Kesselhaus in der Kulturbrauerei an diesem Abend nur wenige unter 27 anlockt. Gut gefüllt ist es jedenfalls, auch die Empore ist mit Railbirds voll bestückt. Ich könnte übrigens schwören, dass dort das ganze Konzert über kein einziger auch nur mit dem Kopf genickt hat. Aber gut, nur weil ich derartiges Verhalten auf Konzerten nicht verstehe, heißt das ja noch lange nicht, dass Balkonsteher komische Menschen sind. Ach papperlapapp, genau das sind sie. Egal, meine eigene Pre-Konzertroutine, bestehend aus einem ordentlichen Mahl und ein paar Warm-Up Drinks mit Freunden, wurde auf Grund von Störungen im Betriebsablauf (Danke, Deutsche Bahn!) auf ein hastiges koreanisches Süppchen und zwei kleine Sturzbier zusammengeschrumpft. Schade drum, sind die Stereophonics doch eine klassische SechsBierBand (drei davor, zwei dabei, eins danach, dann verschwitzt und erschossen ab nach Haus). 


Pünktlich um neun, stehen Kelly und die Jungs dann auf der Bühne. Mit Bartender and Thief, Thousand Trees und Superman, geht es gleich sehr vertraut los. Die Stimmung könnte zwar besser sein, die Band jedoch, kommt in sehr guter Form daher. Auf die drei alten Songs folgen danach gleich mal 4 (!) Songs vom gerade erschienenen Album Graffiti on a Train. Und siehe da, was auf Platte doch sehr zwischen einfallslos (Titelsong) und putzig kitschig (Indian Summer) daherkommt, funktioniert live doch erstaunlich gut. Da muss ich wohl zu Hause doch noch mal rein hören (natürlich erst nachdem ich 20 Mal das neue Suede-Album gehört habe!!!). Das Publikum ist auch ganz angetan und wird für das artige mitsummen auch prompt mit den erstklassigen Hymnen Mr. Writer und Maybe Tomorrow belohnt. Womit der Gig an seinem ungewöhnlichsten Moment angelangt wäre. Caught Cheating. Eine langsame, im positiven Sinne weinerliche Bluesnummer, die man vielleicht am ehesten bei Muddy Waters verorten würde. Auf dem Album wirkt der Song schräg, komisch deplatziert und auch im Kesselhaus reiben sich viele erst einmal ungläubig die Ohren, um dann jedoch schnell der schlichten Schönheit von Song und Gesang ordentlich Tribut zu zollen. Ein für den weiteren Verlauf des Gigs wichtiger Come Together-Moment für Publikum und Band. Von da an läuft es wie geschmiert. Dutzende Kehlen singen inbrünstig Same Size Feet und Just Looking Refrains zurück auf die Bühne. Berlin ist warm geworden. Selbst Violins and Tambourines, auf dem neuen neuen Album eigentlich eine 7- minütige Übung in prätentiöser Langeweile, klingt jetzt gar nicht schlecht (Waren zwei Bier doch genug?). Mit Local Boy In The Photograph geht es in die „zu kurz zum Bier holen“-Zugabenpause. Noch ein neuer Song und dann ging es mit Traffic, Have A Nice Day und Dakota ab ins Anthem-Finale-Furioso. Nach 22 Songs und knapp zwei Stunden (sehr anständig für einen one- off-Promotion Gig) waren so ziemlich alle zufrieden, einige gut angeschwitzt und meine Wenigkeit ausgesprochen happy, dem Ruf der Stereophonics wieder einmal gefolgt zu sein. Kelly Jones verabschiedet mit dem Hinweis auf eine größere Sommertour samt Festivals (tippe mal auf Southside/Hurricane) und drei Minuten nach Konzertende, konnte man an der Bar keine Drinks mehr kaufen. The End. 

Setlist Stereophonics, Kesselhaus in der Kulturbrauerei, Berlin:

01. The Bartender and the Thief 
02. A Thousand Trees 
03. Superman 
04. Graffiti on the Train 
05. Indian Summer 
06. Take Me 
07. Catacomb 
08. Mr Writer 
09. Maybe Tomorrow 
10. Been Caught Cheating 
11. In a Moment 
12. Could You Be The One? 
13. Same Size Feet 
14. Violins and Tambourines 
15. Just Looking 
16. Roll the Dice 
17. No-one's Perfect 
18. Local Boy in the Photograph

19. We Share the Same Sun (Z)
20. Traffic (Z)
21. Have a Nice Day (Z)
22. Dakota (Z)



 

Konzerttagebuch © 2010

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