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Sonntag, 25. Oktober 2015

Motorama, Arlon, 23.10.15

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Konzert: Motorama
Ort: L'Entrepôt, Arlon
Datum: 23.10.2015
Dauer: Motorama knapp 70 min, Thousand 40 min, Cyclorama vermutlich 35 min
Zuschauer: etwa 100



In meiner Kindheit gab es zwei schreckliche Bedrohungen, von denen eine früher oder später den sicheren Untergang bedeuten würde. Treibsand und die Russen. Einige Jahr(zehnt)e später hat der menschenverschluckende Sand seinen Schrecken (vermutlich zu Unrecht) verloren. Mit Russland habe ich heutzutage deutlich häufiger als mit Treibsand zu tun, eine meiner liebsten Bands kommt von dort. Und weil mir Motorama so wichtig sind, schreckte mich (um im Bild zu bleiben) auch nicht ab, daß das Konzert erst gegen halb eins in einem kleinen Städtchen in Belgien enden sollte. Wenn die Band schon aus Rostow am Don anreist (3.000 km), zieht das Entfernungsargument ohnehin nicht.


Im Februar und im Mai waren Motorama bereits in Westeuropa unterwegs. Das Label der Russen stammt aus Frankreich (Talitres - Heimat u.a. auch von The Organ), daher sind immer wieder kleine Touren durch Benelux und Frankreich auf dem Programm. 


Arlon ist ein kleines Städtchen im Südosten Belgiens. Von Deutschland kommend muß man Luxemburg einmal durchfahren, das luxemburgische Luxemburg, denn Arlon ist die Hauptstadt des belgischen Luxemburg. Das L'Entrepôt ist ein wirklich wundervoller kleiner Club mit tollem Programm und professioneller Licht- und Bühnentechnik. Und wie überall außerhalb Deutschlands üblich, macht der Club auch kein Geheimnis aus den Anfangszeiten. Ich wusste also vor der Abfahrt, daß ich mich nicht sonderlich beeilen müsste. Nach zwei Vorgruppen sollten Motorama erst um 23:20 h beginnen. 


Als ich ankam hatte sich der Zeitplan um eine halbe Stunde verschoben, statt der zweiten Vorgruppe Thousand spielten noch Cyclorama aus Luxemburg, sie hatten gerade erst begonnen. Cyclorama hatten nicht bloß einen tollen Namen, sie gefielen mir auch musikalisch sehr gut. Die Band bestand (zumindest live) aus einem Gitarristen und einem Schlagzeuger und spielte lange, oft herrlich repetitive Instrumentalstücke, mehr oder weniger shoegazig und psychedelisch. 


Thousand danach war mir für die Tageszeit zu ereignislos. Hinter Thousand verbirgt sich der Franzose Stéphane Milochevitch, der alleine mit Gitarre und vom PC begleitet seine Lieder vortrug. Das zweite Stück war das mit Abstand stärkste und erzeugte in mir die Assoziation, eine Ein-Mann-Version der Talking Heads zu erleben.

Nach 40 min Thousand hing der Zeitplan noch zwanzig Minuten hinterher. Es folgte der sachlichste Soundcheck meines Lebens. Motorama räumten die großen Strahler, die die Bühnentechniker des schönen Lichts wegen zwischen den Instrumenten platziert hatten, wieder weg, spielten ein, zwei Akkorde auf der Gitarre, Sänger Vlad klickte kurz mit dem Finger aufs Mikro und die Geschichte war erledigt. Motorama hatten nicht nur die 20 Minuten Verspätung aufgeholt, sie begannen sogar fünf Minuten früher als geplant.

Wie bei den anderen Konzerten 2015 fehlte Bassistin Irene Parshina. Vlad und Irene sind vor einigen Monaten Eltern geworden, die Tour jetzt kam offenbar zu früh. Motorama haben die fehlende Bassistin aber schon im Frühjahr ganz pragmatisch ersetzt. Statt wie vorher mit zwei Gitarren, Bass, Keyboard und Schlagzeug aufzutreten, sind die irenelosen Motorama ein Quartett. Den Bass spielt jetzt vor allem Vlad, die Gitarre Maxim. Allerdings wechseln die beiden immer mal wieder die Instrumente, auch das pragmatisch, ohne die Kabel umzustecken. Natürlich fehlt dadurch etwas, vermutlich sind zur Zeit auch nicht alle Lieder spielbar, schlimm ist das aber überhaupt nicht. Es klingt sofort nach Motorama.

Der Saal war leider bei weitem nicht voll. Aber was will man auch erwarten in einem 27.000 Einwohner Nest. Die Band aus Rostow begann mit Winter at night, der B-Seite der 2013er Single Eyes. Daß das Konzert mit einer B-Seite begann, klingt spektakulär, ist es aber nicht. Die Motorama B-Seiten sind Hits, die eigentlich nichts auf einer Single-Rückseite zu suchen haben. Auch das später gespielte Special day (von der letzten 7" She is there) ist ein grandioser Song und alles, aber kein Lückenfüller. 


Die aktuelle Platte Poverty, die ich beim ersten Hören als nicht so catchy empfand wie die beiden Vorgänger, wird besser und besser, je öfter ich sie höre. Also super, daß viele der Lieder gespielt wurden. Noch superer wären zwar auch noch Old, Write to me und Similar way gewesen, gerade Old ist ein Sensations-Lied. Aber weil es keinerlei Pausen zwischen den Liedern gab und der Schlagzeuger sofort wieder lostrommelte, wenn ein Stück beendet war, spielten Motorama erstaunliche 18 Lieder in 70 Minuten. 

Natürlich sind Alps, Rose in the vase, To the South die großen Hits und natürlich hätte man alleine mit den Liedern, die nicht gespielt wurden, ein Wahnsinns-Konzert bestreiten können (Young river, During the years, Old, Compass, Anchor, Wind in her hair, Warm eyelids...), meine Lieblinge waren aber so Stücke wie Impractical advice, Empty bed, Red drop, Heavy wave und die beiden neuen Lieder. Das nach Red drop kannte ich wohl schon von einem der beiden letzten Konzerte, das zweite neue kam mir neu-neu vor. Beide waren klasse und werden ganz sicher veröffentlicht werden. 

Ich gönne jeder Band, die ich mag, jeglichen kommerziellen Erfolg und riesige Hallen und Stadien. Daß Motorama in ihrer Heimat wegen einer fehlenden Indieszene nicht so riesig sind, mag ich gerade aber auch, denn so sind sie oft bei uns. Oder in erreichbareren Nachbarländern.

Setlist Motorama, L'Entrepôt, Arlon:

01: Winter at night
02: Corona
03: Dispersed energy
04: She is there
05: Red drop
06: ? (neu)
07: Rose in the vase
08: Heavy wave
09: Lottery
10: Two stones
11: ? (neu)
12: Special day
13: Impractical advice
14: Empty bed
15: Alps
16: Ghost
17: Eyes
18: To the South

Links:

- aus unserem Archiv:
- Motorama, Köln, 20.05.15
- Motorama, Wiesbaden, 13.05.15
- Motorama, Straßburg, 14.02.15
- Motorama, Esch-sur-Alzette, 11.02.15
- Motorama, Frankfurt, 03.06.14
- Motorama, Mannheim, 31.05.14
- Motorama, Luxemburg, 26.02.14
- Motorama, Paris, 13.12.13
- Motorama, Köln, 25.09.13
- Motorama, Paris, 19.09.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Esslingen, 05.03.13
- Motorama, Paris, 25.02.13
- Motorama, Paris, 27.11.12


Sonntag, 3. Juni 2012

Young Man, Paris, 30.05.12

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Konzert: Young Man & Thousand

Ort: Le Petit Bain, Paris
Datum: 30.05.2012
Zuschauer: etwa 120
Konzertdauer: Young Man 60, Thousand 40 Minuten


Eine amüsante Anekdote mit Bezug zu diesem Konzert vorweg. Colin Caulfield aka Young Man hatte vor etwa 2 Jahren durch Zufall ein paar meiner Oliver Peel Sessions auf youtube gesehen und Gefallen an diesen Homeshows gefunden. Über eine Bekannte nahm er Kontakt zu mir auf und erklärte, er habe Bock bei mir zu spielen. Aus terminlichen Gründen kam das Ganze aber nie zu Stande. Damals wohnte der junge Student in Paris, ist aber inzwischen wieder in seine Heimat Chicago zurückgekehrt. Von dort aus will er nun die Welt erobern und angesichts seines enormen Talents, könnte da durchaus was draus werden.

Am 30 Mai machte Colin mit seiner mehrköpfigen Band Station in der Seine Metropole. Er spielte auf dem modernen neuen Hausboot Le Petit Bain und stach pünktlich in See, nachdem zuvor der folkige Franzose Thousand zusammen mit seiner insgesamt vierköpfigen den gut gelüfteten Saal durcheinandergewirblet und für prima Stimmung gesorgt hatte.

Mit seinen ihm verbliebenen Brocken französisch machte Colin sich zwischen den Songs verständlich, ließ aber ansonsten seine hochmelodische Gitarre sprechen. Es wurde geradezu ein Feuerwerk an ohrwurmigen Riffs gezündet, das Set war an Catchyness kaum zu überbieten. "So wird moderner Gitarrenpop gespiet" dachte ich insgeheim in meiner Bloggerrübe und war begeistert, wie gekonnt die Band Tempo und Lautstärke wechselte und wie variabel und innovativ man agierte.



Bereits Opener Fate war ein perlendes Gesöff voller Hooks und einem luftig leichten Klangteppich, der förmlich durch den Raum schwebte und über sechs Minuten dauerte. Der selbstbewußte, sehr schöne Gesang von Colin erinnerte mich dabei ein wenig an Ezra Koenig von Vampire Weekend, ohne daß in der Musik von Young Man allerdings afrikanische Elemente zu finden gewesen wären. Vielmehr gab es gewisse Parallelen zu Grizzly Bear oder auch Animal Collective, die allerdings nur als Eckpfeiler herhalten können, denn Young Man is eigen und kreativ, hat sich deutlich weiterentwickelt und von diesen anfänglichen Einflüssen zunehmend entfernt. Felt erinnerte mich aber schon an Sachen von The Yellow House von Grizzly Bear, mit seinem verhuschten Sound, der klang als sei er auf dem Meeresgrund enstanden. Do wiederum begann spärisch, entwickelte sich aber im Verlaufe zu einem sehr flotten Song, während School wieder Richtung psychedelischer Dream Pop ging. Allerdings klingen die neuen Liveversionen anders als die Studiosachen, da ist viel mehr Dynamik drin, weniger 60ies Pop, stattdessen Pop der Neuzeit wie ihn in dieser Frische und Unerschrockenheit wohl nur Frühzwanziger wie Colin und seine Kumpels spielen können.

School by Young Man

Fate by Young Man

Die Stücken stammten von dem neuen Album Vol.1 und der Ep Boy, oder waren in zwei Fällen sogar nagelneu und unveröffentlicht. Schließlich ist Colin ein fleißiger Schreiber, der eine Trilogie über seine Jugend und das Erwachsenwerden verfassen will, so daß in absehbarer Zeit dann Vol. 2 und Vol. 3 in den Plattenläden stehen werden, es sei denn der schlanke, sehr wendige und elegant agierende Bursche gibt diese Pläne wieder auf.

Das Publikum in Paris hatte auf jeden Fall jede Menge Spaß und vor allem die vielen aufgebretzelten Amerikanerinnen in den ersten Reihen himmelte den Sänger an und knipsten ihn (oder sich selbst, ziemlich nervig auf Dauer!) bei jeder Gelegenheit ab.

Wir werden noch viel von Young Man hören, dessen bin ich mir sicher! Und wer weiß, vielleicht ergibt sich auch noch eine Oliver Peel Session ?!

Setlist Young Man, le Petit Bain, Paris

01: Fate
02: Just A Growin'
03: Felt
04: Unfair
05: Do
06: School

07: Time
08: Directions

Tourdaten Young Man:

03.06.2012: Studio 672, Köln
04.06.2012: Ponyhof, Frankfurt


Fotos in Kürze!



Samstag, 4. Februar 2012

Thousand, Paris, 01.02.12

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Konzert: Thousand
Ort: L'International, Paris
Datum: 01.02.2012
Zuschauer: tausend, ähem, nein etwas weniger, aber viele!
Konzertdauer: etwa 45 stimmungsvolle Minuten


Mann ist das schön! Allein schon die feierliche Stimmung in der Kirche, der Hall der vielen hübschen Stimmen im Gotteshaus, die wundervollen Gitarrenmelodien. Hach!



Die Jungs von Le Cargo hatten mal wieder glänzende Arbeit geleistet. Seit ein paar Jahren nun, filmen Renaud und sein Team Akustiksessions an außergewöhnlichen Orten in Paris und sind auf diesem Gebiet inzwischen einer der Marktführer geworden. Sie verfolgen keine kommerziellen Interessen, tun das nur aus Leidenschaft und haben bei der Auswahl der Künstler regelmäßig ein feines Händchen.

Die aktuelle Session (# 365!) mit dem franzosen Stéphane Milochevitch aka Thousand ist ihnen besonders gut gelungen. Der gute Stéphann ist ein richiger French Cowboy, einer der sich im Asphaltdschungel der Seine Metropole gerne in die weiten Wüstenlandschaften Amerikas wünscht. Der schlanke Bursche mit der herben Stimme hat sich in den letzten Jahren bereits als Teamplayer verdient gemacht und in solch glänzenden Bands wie Syd Matters und H-Burns mitgespielt. Sein eigenes Projekt ist aber auch brillant. Er war es, der selbst einen Josh T. Pearson inspirierte, mit der Folge, daß Josh einen Song von Thousand (The Singer To The Crowd) coverte (den dieser dann extra für mich in der Haldern Bar spielte, ohne Scheiß).

Natürlich spielte Thousand dieses Stück, das eigentlich unter dem Titel Song Of Abdication gelistet wird, im knackvollen Pariser International ebenfalls. Ein solch wundervoller, knisternd wärmer und betörender Titel, der perfekt war um die eisige Kälte von Paris effektiv zu bekämpfen. Und hier drinnen brannte wirklich die Hütte! Es war so voll, daß ich nicht zur Bühne durchkam und notgedrungen von der Seite durch eine schmutzige Scheibe auf die Bühne glotzen musste. Auf dieser tummelte sich neben Stéphane auch Olivier Marguerit (Syd Matters), eine attraktive Backgroundsängerin mit kesser Jeansshort und flippigen Sneekers und ein mir bis dato unbekannter Drummer. Die vier Sympathen verwandelten das International regelrecht in einen Hexenkessel. Die Stimmung hätte nicht besser sein können und ein paar Hardcore Fans kannten jede Strophe. Viel lokale Prominzenz unter den Gästen im Übrigen, der berühmteste sicherlich Jonathan Morali von Syd Matters.

Gespielt wurde überwiegend die erst im März erscheinende EP namens Tous Les Jours, die trotz des französischen Titels ausschließlich englische Stücke beinhaltet, die es allerdings in sich haben. Da sind wirklich vier absolute Kracher drauf, die von der würzigen Stimme Stephanes, aber auch der abwechlsunsgreichen Instrumentierung, den phantatsischen Melodien und nicht zuletzt den entzückenden Chorgesängen leben. Ein Blindkampf würde ich mal sagen, den man jedem Fan der Stilrichtung Americana absolut empfehlen kann.

Schade, daß ich beim Konzert so ungünstig stand, denn am Ende machten die Musiker sogar noch Abstecher ins Publikum und feierten veritable Triumphe.

Thousand, diesen Namen sollte man sich merken! Wow! Hammer! Genau wie die Videos von Le Cargo.






Freitag, 25. Juni 2010

Josh T. Pearson & Bosque Brown & Thousand & H-Burns & Tom Cooney, Paris, 24.06.10

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Konzert:West Country Night mit: Josh T. Pearson & Bosque Brown & Thousand & H-Burns & Tom Cooney

Ort: Le Nouveau Casino, Paris
Datum: 24.06.10
Zuschauer: gut besuchte Veranstaltung
Konzertdauer: insgesamt mindestens 2 1/2 Stunden


"Texas is bigger than France"

Der in Paris lebende Texaner Josh T. Pearson wußte genau wie er die Franzosen in ihrem Nationalstolz treffen kann. Aber er meinte das natürlich mit einem Augenzwinkern und keiner nahm ihm seinen (in der Sache zutreffenden) Spruch übel. Schließlich feierte man hier ja auch so eine Art französisch -amerikanischer Freundschaft, oder genauer gesagt ein texanisches Fest in Paris. Mit dem Film Paris, Texas hatte das Ganze aber nichts zu tun. Hier und heute ging es nicht um den Kultstreifen von Wim Wenders, sondern um das Zelebrieren von Countrymusik. Die ungemein netten Crêperie- Betreiber Sophie und Erwan (Bretonen wie sich das für Crêpesbäcker gehört!) hatten zur ersten West Country Night außerhalb ihrer eigenen vier Wänd geladen und ein Starensemble aus französischen und amerikanischen Folkmusikern aufgeboten, um das Nouveau Casino für fast drei Stunden in eine Wüstenlandschaft zu verwandeln. Die eingespielte Truppe, bestehend aus Bosque Brown (Forth Worth, Texas), Josh. T. Pearson (Texaner im Pariser Exil), Thousand (Paris), H-Burns (Valence, Frankreich) und Tom Cooney (Australien) betörte mit zauberhaft schönen Herzenswärmern, mit denen man die nächsten drei Winter die geschundene Großstadt-Seele trösten kann. Eigentlich war es im Nouveau Casino ja schon warm genug, aber vermutlich gehört die Schwitzerei zum Texas-Feeling einfach dazu.

Aber welcher Musiker hat mir am besten gefallen? Die Antwort gibt es in Kürze...





So, machen wir es nicht weiter spannend. Der Musiker, der mir in dieser wunderbaren West Country Night Session am besten gefallen hat, kommt nicht aus Texas, ja noch nicht einmal aus Paris. Nein, er stammt aus dem südfranzösischen Valence und wohnt (bzw. wohnte) in Grenoble. Ich rede von Renaud Brustlein aka H-Burns, der zusammen mit einer mehrköpfigen Band ein fulminantes Konzert ablieferte! Sein Auftritt verfügte über alle Ingredienzen eines gelungenen Sets. Es gab mehrere rockige und dennoch hochmelodische Stücke, aber auch betörende Balladen, die nie ins Kitschige abdrifteten und mir sehr nahe gingen. Are You Scared Of The Dawn, das den brillanten Gig abschloß, war allein das Kommen wert. So etwas von schön dieser Song! "Are you scared of the dawn, can I borrow your time?" croonte der kräftig gebaute Symphat und in meinen Herz ging die Sonne auf! Da war es zu verschmerzen, daß H-Burns nicht meinen Wunschsong Horses With No Medails vom Vorgängeralbum spielten, sondern sich stattdessen auf Material vom dritten Longplayer We Go Way Back konzentrierten. Und auf diesem Meisterwerk (das ist es wirklich!) an dem auch der geniale Jonathan Morali aka Syd Matters mitgewerkelt hat, finden sich ohne Zweifel zahlreiche Zungenschnalzer. Half A Man, Half A Freak, We Go Way Back oder das granatenhafte Fires In Empty Buildings, zu dem Organistor Erwan abging wie ein Wahsinniger, an starkem Material, das auch live prima zog, mangelt es wahrlich nicht!

H-Burns hat internationale Klasse, das hat er erneut bewiesen. Selbst Tony Dekker von den fabelhaften Great Lake Swimmers ist Fan und hat auf dem Album bei dem Titel Lonely Nights On Queens St mitgesungen. Wenn das kein Ritterschlag ist!

Zweitbester Künstler des Abends war für mich Josh T. Pearson. Endlich ein waschechter Texaner! Und dann spricht der Kerl auch ncoh deutsch! Er war (ist?) mit einer Bajuwarin verheiratet und da lernt man die Sprache der Teutonen natürlich um so schneller. Auch seine Französischkenntnisse sind berühmt berüchtigt: "Fermez la bouche!" ("haltet den Mund") zischte er augenzwinkernd das Publikum an und als immer noch Leute plapperten: "Ta geule!" (Schnautze!). Alle lachten, denn aus dem Munde dieses baumlangen Kerls mit dem schwarzen Cowboy-Hut und der extravaganten Gürtelschnalle wirkte das Ganze besonders komisch. Aber sein Vortrag brauchte in der Tat totale Ruhe, denn sein Gitarrenspiel ist so fein und leise, daß schon das kleinste Geräusch stören würde. Heute fesselte mich Josh. T Pearson von der ersten bis zur letzten Minute. Alles war so intim, so bewegend, so authentisch, da kam wirklich was rüber. Ohne großen Aufwand und ohne zu forcieren erreichte Josh die maximale Wirkung. Ein äußerst charismatischer Kerl, der eine Menge auf dem Kasten hat. Besonders gelungen war sein Cover von Thousand, The Singer To The Crowd. "You can have me now", sang er flehentlich und alle Augen waren auf ihn gerichtet. Da stand er da, dieser schöne und riesengroße Cowboy und schüttete sein Herz aus. Ein paar Leute waren von diesem betörenden Vortrag sehr ergriffen und schluchzten leise vor sich hin. Als Josh das letzte Lied des Abends vortrug, ring auch er selbst um Fassung. "This one is hard for me" gab er zu und trug Sweetheart I Ain't Your Christ vor, in dem es um den Trennungschmerz von seiner Frau ging. Etwa zehn Minuten lang streichelte er die Gitarre, sang hingebungsvoll und ließ ein entzücktes Publikum zurück. Ganz groß!

Schön auch die Auftritte von Bosque Brown, Thousand und Tom Cooney. Die einzige Frau in der Runde und die einzige, die extra aus Texas angereist kam, war Mara Lee Miller, die unter dem Pseudonym Bosque Brown agiert und eigentlich ein paar Begleitmusiker hat. Heute aber trug sie vier Lieder ganz alleine auf der Akustischen vor, darunter der fabelhafte Opener White Dove vom Album Baby. Natürlich spielte sie auch ein Duett ein und ihr Song Fine Lines vom ersten Album wurde durch die rauhe Stimme von H-Burns bestens neu interpretiert. Thousand hingegen hatte keine lange Anreise. Der wahnsinnig nette Pariser, der eigentlich Stephane Milochevitch heißt, spielte mit einer ausgewachsenen Band, in der auch eine sehr hübsche Backgroundsängerin stimmlich und optisch zu gefallen wusste. Tom Cooney schließlich kam sogar aus Australien eingeflogen, weilt aber schon seit ein paar Wochen in Paris und war somit bereits akklimatisiert. Mit Stephane versteht er sich prima und zusammen musizierten die beiden Freude sehr harmonisch und ausgewogen.

Letztlich hatte also jeder seinen Teil zum Gelingen dieser vorzüglichen Veranstaltung beigetragen, die Crêperiebetreiber Sophie und Erwan, das Nouveau Casino, die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer, die bei der Promo der Platte mithalfen (West Country Night Session One), die Verkaüfer am Merch, die neben CDs und Vinyl auch T-Shirts mit Eulenaufdruck feilboten und natürlich die exquisiten Künstler. Tolll! Wann gibt es die nächste West Country Night??



Mittwoch, 23. Juni 2010

Bosque Brown, Josh T. Pearson, Tom Cooney, H-Burns, Thousand, Paris, 21.06.10

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Konzert: Bosque Brown, Josh T. Pearson, Tom Cooney, H-Burns, Thousand

Ort: Fargo Store Paris
Datum: 21.06.10
Zuschauer: etwa 25 Konzertdauer: eine gute halbe Stunde


Eine Pariser Crêperie mausert sich zum Konzertveranstalter und Plattenlabel! In der Tat eine kuriose und spannende Geschichte, die sich gerade ereignet. Wie das Ganze in Gang kam? Nun, der Bretone Erwan und seine Frau Sophie führen ein schönes kleines Bistro namens West Country Girl im trubeligen Oberkampfviertel und bieten dort ihre mit viel Liebe zubereiteten Pfannküchlein feil. Einer ihrer Stammgäste ist der texanische Folksänger Josh T. Pearson, der im gleichen Haus lebt. Da kam ihnen spontan die Idee, Akustiksessions in der Crêperie zu organisieren, denn Josh kennt etliche musizierende Landsleute, die bei Konzerten in der französischen Metropole gerne mal bei Erwan und Sophie vorbeischauen, um bei Crêpes und Cidre über die Liebe, das Leben und die Musik zu plaudern. Künstler, die sich vor einem folkverliebten Publikum bereiterklärten, ohne Bezahlung auf der Klampfe zu kratzen, fanden sich sehr rasch. Die West Country Night Sessions waren geboren.* Aus Frankreich rekrutierte man Thousand und den grandiosen H-Burns, aus den USA neben dem Gastgeber Josh T.Pearson die ungemein talentierte Mara Lee Miller aka Bosque Brown und sogar Micah P. Hinson (Letztgenannten allerdings nur für einen Abend). Australien schickte zudem Tom Cooney ins Rennen.

Diese Fünfer- Truppe ist inzwischen so eng zusammengewachsen, daß man sich entschloss, ein ganzes Album von den Sessions aufzunehmen und dieses auch außerhalb der Crêperie zu promoten. Bei der Fête de la Musique am Montag (ich berichtete hier) war bereits die gesamte Mannschaft versammelt und heute war der Anfang 2010 eröffnete Recordstore des Labels Fargo an der Reihe. Am Donnerstag wird die Promotour dann mit einem Konzert im Nouveau Casino feierlich beschlossen.



Als ich gegen 18 Uhr 30 in den Plattenladen von Fargo eintrat, war die Truppe bereits seit ein paar Minuten zu Gange. Der Franzose Renaud Brustlein aka H-Burns sang gerade mit seiner whiskeygetränkten Stumme und die anderen saßen um ihn rum, steuerten bisweilen Backgroundvocals und Percussions hinzu. Stephane Milochevitch aka Thousand saß mit Sisters Of Mercy- T Shirt ganz links (vom Zuschauer aus), dann folgten Tom Cooney, H-Burns (T-Shirt The Saints), Josh T. Pearson mit seinem obligatorischen schwarzen Cowbyhut und Bosque Brown. Das Quintett gab den Staffelstab der Reihe nach weiter, jeder durfte einmal singen. Besonders erfreut war ich, als die einzige Frau in der Runde dran war. Sie sang ein Towns Van Zandt Cover namens Fort Worth Blues und legte wie immer jede Menge Inbrunst und Leidenschaft in ihren Gesang. Obercowboy Josh T. Pearson sorgte hingegen immer wieder für die richtige Vermarktung: "Kauft dieses schöne Album, für 20 kleine Euros habt ihr ein Werk, das euch das ganze Lebne begleitet. Ihr könnt es schon heute abend hören. Und wenn ihr keinen Plattenspieler habt, auch kein Problem, es ist eine CD beigefügt. Alle Smash Hits, die wir hier und heute spielen, sind da drauf." Dieses Werbesprüchlein wiederholte der rauschebärtige Mann, der mit einer deutschen Fotografin verheiratet ist (war?) gleich mehrfach und alle schmunzelten. Aber auch ohne Kaufdruck stand mein Entschluss zum Erwerb dieses schönen Machwerks schon vorher fest. Die knisternden und intimen Countrysongs, die darauf enthalten sind, sind nämlich wirklich zum mit der Zunge schnalzen und ungefähr 25 Zuschauer im Fargo Store waren in der glücklichen Lage, ein paar feine Kostproben davon geboten zu bekommen. Schön!

Aftershow: Nach dem Instore Gig inspizierte ich den Fargo Laden ganz genau. Es gibt eine ungemein gute Auswahl an exzellenten Folk-und Indierock CDs und auch Vinyliebhaber kommen auf ihre Kosten. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht in einen Kaufrausch zu verfallen. Neben den Tonträgern (die nicht ausschließlich von ihrem Label stammen) bieten die Leute von Fargo ihr hauseigenes Fachmagazin namens Eldorado an und auch Rockbücher, DVDs und T-Shirts gibt es zu kaufen. Darüber hinaus kann man sich mit sehr hübsch gemachten Postern und kunstvollen Drucken eindecken und wer auf Nippes steht, wird mit Plastikfiguren von den Beatles, ZZ Top, Doors und Jimi Hendrix bedient. An den Wänden hängen bunt bemalte Gitarren, Bilder von Johnny Cash und June Carter Cash und Elvis. Ein Ambiente, da wirklich Lust aufs Verweilen, Stöbern, Kaufen und Fachsimpeln macht! Ich könnte hier gleich mehrere Stunden verbringen und wenn es einen Schwachpunkt gibt, dann ist es die Tatsache, daß ich Angst habe in einem solchen Laden in einen Kaufrausch zu verfallen und mit 27 CDs, 3 Musikbüchern, sämtlichen Eldorado Magazinen und 5 Postern rauszugehen.

Und demnächst soll hier auch Alela Diane spielen. Der Termin ist aber noch "top secret". Mir werden die Leute von Fargo doch hoffentlich früh genug Bescheid sagen? Meine Güte, man kann sich jetzt schon vorstellen, wie eng und heiß es in dem Laden sein wird, denn schon heute schwitzte man sich fast zu Tode und war froh an die frische Luft zu kommen! ...

Boutique Fargo, 42 rue de la Folie Méricourt, Paris 11 ième, Metro Oberkampf, geöffnet von Dienstag bis Samstag 11-19 Uhr.

Mehr Fotos vom Fargo Store und dem Showcase, klick!

* hier gibt es einen ausführlichen Konzertbericht davon.

Aus unserem Archiv:

Bosque Brown, Paris, Café de la danse, 19.03.2010



 

Konzerttagebuch © 2010

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