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Freitag, 26. August 2016

Haldern Pop, 3. Festivaltag, 13.08.16

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Konzert: Haldern Pop Festival, 3. und letzter Festivaltag mit Conner Youngblood, Wintergatan, Ebbot Lundberg & The Indigo Children, Hubert von Goisern, Julia Holter, Yak, Thees Uhlmann, Albin Lee Meldau, Daughter, Jason Isbell, Minor Victories, The Graveltones und vielen anderen
Ort: Rees-Haldern am Niederrhein
Datum: 13.08.2016



Den letzten Festivaltag liess ich spät angehen. Ich war am Samstag erst gegen 4 Uhr ins Bett gekommen und hatte mächtig Schlafrückstand. Ich entschied mich den Haldern-Sonntag ganz entspannt erst um 16 Uhr beginnen zu lassen, um  mir als Ersten den jungen Amerikaner Conner (Conner mit "e" und nicht mit "o", wie es im Programmheft fälschlicherweise stand) Youngblood im Tonstudio anzusehen. Allerdings war ich nicht der Einzige der auf diese Idee gekommen war. Als ich meinen netten Spaziergang durch die idyllischen Felder zur Venue hin beendet hatte, sah ich eine Menschenschlange draussen rumstehen. Leute die gerne reinwollten, aufgrund Platzmangels aber nicht konnten.


Diejenigen die es allerdings geschafft hatten pünktlich in das Tonstudio reinzukommen wurden mit einem kostenlosen Saunagang belohnt. Ich selbst gehörte nicht dazu und hörte von draussen aus ein wenig zu. Das war natürlich unbefriedigend (nicht der verpasste Saunagang, sondern das Nichtsehen des Konzertes). Gegen Ende des Sets wurde es aber leerer und ich schaffte es in den kleinen Raum durchzudringen in dem die Luft regelrecht stand und Conner schweisstriefend mit Gitarre und Laptop agierte. Der Bursche sah blendend aus, hatte einen gestählten Body und Rastazöpfe und sang im angesagten James Blake Stil, sprich mit Kopfstimme und souligem Einschlag. Conner war nicht der klassische folkige Singer Songwriter mit Bart und Karohemd, sondern ein sportlicher Jungspund, der auch musikalisch modern und cool klang. Ganz zum Schluss spielte er sogar einen rein akustischen Song, ohne Samples, ohne Loops und ohne Stimmverfremdung und interessanterweise gefiel mir diese puristische Darbietung sogar am Besten, weil man sehen konnte, dass der Texaner auch ganz ohne technische Hilfsmittel was rüberbringen konnte. Definitiv ein Talent, das man beobachten sollte!




Talent hatten auch die schwedischen Postrocker Wintergatan die ich vor ein paar Jahren schon ein mal im Halderner Tent gesehen hatte. Damas war ich begeistert von der Kreativität, der Frische, der Originalität dieser instrumentalen Band, die sogar eigene Instrumente bastelt und bezaubernde Töne produzierte. Allerdings fragte ich mich, ob ohne den Überraschungsfaktor die Musik immer noch betörend auf mich wirken konnte. Sie konnte! Und wie! In der herrlichen Mittagssonne boten die Skandinavier auf der Hauptbühne ein äusserst unterhaltsames, abwechslunsgreiches und bewegendes Set voller packender Melodien und Einfälle.


Der Chef der Band war zudem zu Scherzen aufgelegt. Er erklärte, dass die ganze Musiziererei eine Arbeit von "try and error" sei, was aber nicht notwendigerweise schlimm sei, denn selbst Fehler könnten in der Kunst dafür sorgen, dass ein Projekt paradoxerweise besonders gut klappt. Er nannte einen Haifilm von Spielberg als Beispiel, in dem die Haiaufnahmen zu Beginn wegen technischer Probleme weggeschnitten werden mussten, was aber nur eine Steigerung der Spannung zur Folge hatte, weil der Hai so plötzlich und so überraschend auftauchte.

Anekdoten dieser Art trugen zu einer lockeren Atmosphäre hinzu, aber Wintergatan waren keine Witztruppe, die nur von visuellen Effekten und netten Ansagen lebte, sondern auch wirklich spannende Musik macht, die auch an jedem Ort der Welt funktionieren könnte. Ich langweilte mich jedenfalls keine Spur und verbuchte insgesamt ein wirklich gelungenes Konzert. Schweden sind eben toll.

Halt! Sagte ich gerade Schweden sind toll ? Grundsätzlich würde ich das so unterschreiben, allerdings konnte mich Albin Lee Meldau, der mit Ebbott Lundberg den Startplatz getauscht hatte im Anschluss im Spiegeltent nicht wirklich überzeugen. Lag aber eher an meinen musikalischen Präferenzen als an anderen Dingen. Wie schon erwähnt bin ich kein Fan dieser Neo Soul- Neo Jazz Szene, die James Blake und Sam Smith losgetreten haben und Kopfstimmen gehen mir inzwischen meistens auf die Nerven. Somit war dann der Auftritt von Albin eher nicht mein Fall.


Hubert von Goisern vermochte mich danach auf der Hauptbühne allerdings noch weniger zu begeistern. Ein jodelnder Steirer mit Blasmusik, Alpen Pedalsteel und jovialer Kommunikation mit dem Publikum ("sann Steirer do?"), das war schon sehr speziell. Ich fühlte mich fast wie im Musikantenstadl, aber zum Glück gibt es in Haldern ja auch einen schönen Pressebereich am Waldrand, in den ich mich während des Konzertes des Österreichers verzog.

19Uhr 30: Zeit für Julia Holter


Was für ein Leckerbissen! Julia Holter in Haldern auf der Hauptbühne! Im Spiegelzelt hatte sie ja bereits schon mal gespielt, nun also der Aufstieg auf die Main Stage. Schade nur, dass sich nicht extrem viele Festivalgäste zur Prime Time vor der grössten Stage des Popfestivals wiederfanden, sondern stattdessen mehrheitlich den neben dem Spiegeltent gelegenen Biergarten bevölkerten. Da legt die Holter das laut Kritikern allerbeste Album des Jahres 2015 vor und dennoch ist sie noch kein richtiger Star, zumindest ist sie hinsichtlich ihres Publikumerfolges immer noch nicht im Mainstream angekommen! Sehr verwunderlich ist das allerdings nicht. Obwohl ihr letztes Album wesentlich zugänglicher als die Vorgänger war, bleibt sie immer noch ein wenig verhuscht, schrullig und experimentell und letztlich ist das auch gut so, denn wollen wir wirklich alle einen gleichklingenden Einheitsbrei hören ?


Allerdings hätte auch ich als bekennender Fan der begnadeten Chanteuse etwas zu beanstanden und zwar die Livepräsenz der Band. Schon bei einem Konzert in Paris war mir aufgefallen wie bräsig und abwesend der Drummer spielte, wie wenig mitreissend die rothaarige Violonistin bei der Ausübung ihrer Kunst anzusehen war und wie weltenrückt der gothische angehauchte (schwarze Fingernägel) Kontrabassist agierte. Eine fetzigere Band hätte dem Set sicherlich gutgetan. Nun muss man natürlich auch berücksichtigen, dass die Studioversionen der Songs äusserst komplex und live nur schwer umsetzbar sind, aber ein wenig mehr Schwung und Harmonie (manchmal klang alles ein wenig schief) hätte ich mir schon gewünscht. Holter selbst war allerdings kein Vorwurf zu machten, sie sang sehr gut und äusserst lieblich und verzog ihren Mund beim Singen immer wieder zu einer süssen Schnute. Auf Kumpel mit dem Publikum machte sie aber nicht, das ist nicht so ihre Art und passt auch nicht sonderlich zu der traumversunkenen, bizarren Musik der Amerikanerin.


Julia Holter spielte vorwiegend Songs von ihrem aktuellen Album Have You In My Wilderness (glänzend: Feel You und Betsy On The Roof) aber auch 2 vom Vorgänger Loud City Sounds (u.a. Opener In The Green Wild) und eins von Tragedy.

Das etwa 60 minütige Set war unter dem Strich sehr ordentlich, vermochte aber aus oben genannten Gründen nicht ganz die Brillanz der Alben widerzuspiegeln. Julia Holter muss noch etwas arbeiten (oder eine bessere Band verpflichten) um ein Publikumsmagnet zu werden. Angesichts des riesigen Talentes der sympathischen Dame mit den inzwischen leicht graustichigen Haaren mache ich mir dahingehend aber keine allzu grossen Sorgen.

Setlist Julia Holter

01: In The Green Wild
02: Silhouette
03: So Lilies
04: Horns Surrounding Me
05: Lucette Stranded On The Island
06: Hello Stranger (Barbara Streisand)
07: Feel You
08: Everytime Boots
09: Betsy On The Roof
10: Vasquez
11: Sea Calls Me Home


Die jungen Briten Yak im Spiegeltent danach waren vor allem eins: laut. Sehr laut. Sie mischten das Publikum von Beginn an auf und Sänger und Gitarrist Oliver Henry Burslem liess es sich nicht nehmen in der Mitte des Sets in die Menge zu springen. Da johlte die aufgepeitschte Meute. Mir war dieser schwere Indie Rock mit Punkeinschlag aber doch etwas zu wild, in meinem Alter mag man es halt eben eher gesetzter. Das jugendliche Publikum kam allerdings voll auf seine Kosten.

Leiser waren dann Thees Uhlmann und Band auf der Hauptbühne danach. Der solide melodische Gitarrenrock des Neuschriftstellers gefiel mir gut, war aber natürlich nicht wirklich originell. Manche fanden auch seine Ansagen etwas nervig, ich hingegen fand sie eher lustig. Ein netter Kerl, der Thees. Kommt vom Land, genau wie ich. Und seine Musik mag ich im Zweifel lieber als die des 17. neuen James Blake Klon.


Ebbot Lundberg and The Indigo Childern im Zelt wollte ich danach auf keinen Fall verpassen. Seit dem Album Origins Vol 1 von The Soundtrack of Our Lives bin ich grosser Fan der schwedischen Rockband, die auch schon  in der Vergangenheit in Haldern auf der Hauptbühne gespielt hatte. Deren Sänger Ebbot kam dann auch mal als akustischer Soloact und heuer nun wieder mit einer neuen, sehr jungen Band, in der es auffällig viele attraktive junge Männer gab. Ebbot wirkte neben den dünnen Heringen noch etwas fülliger als sonst schon, aber das machte natürlich überhaupt nichts, weil ihm die Leibesfülle noch mehr Bühnenpräsenz und Power verleiht und sicherlich auch zur ungemeinen Wucht seiner fabelhaften Reibeisenstimme beiträgt. Der notorische Kuttenträger hatte zur Feier des Tages ein feines Tuch um seinen breiten Hals gelegt und das Gesicht mit Kriegsbemalung überzogen, die durch den Schweiss bedingt in der Folge von seinen Wangen und seiner Stirne hinunterlief. Ein Bär von einem Mann dieser Ebbot, so urwüchsig wie man ihn wohl nur in wilden Ländern wie Schweden oder Kanada finden kann! Und sein Gebaren auf der Bühne hatte nichts von seiner hypnotischen Wirkung verloren, der Bartträger zog mich schon in den allerersten Minuten in seinen Bann.




Eingefleischte TSOOL Fans fragten sich möglicherweise vorher ob auch Stücke der inzwischen aufgelösten Band gespielt werden würden (Antwort: ja eins am Schluss, und was für eins!), ich hingegen war offen für die neuen Titel und das aktuelle Projekt von Ebbot. Musikalisch konnte ich ohnehin keine grossen Unterscheide zu TSOOL erkennen, Ebbot ist seinem Mix aus Psychedelic Rock, Hardrock und schwermütiger Popballade weiterhin treu geblieben und so waren dann auch die Stücke   schön abwechslungs- und facettenreich. Nach einem ersten Teil mit einem eher soften For The Ages To Come gab es im Mittelteil zwei Songs die man fast als heavy bezeichnen konnte, bevor gegen Ende mit I See Forever wieder eine dieser herzzerreissenden und keine Spur kitschigen Balladen gespielt wurde.


Dass der krönende Abschluss dann mit Second Life Replay ein Song von TSOOL war, war vielleicht ein Zugeständnis an die Fans dieses tollen Projekts und trotz der Güte der mit den Indigo Childern gebotenen Lieder ragte dieser Song von 2008 heraus. Er begann schleppend mit Orgel und Mundharmonika bevor er sich in einen hymnisch epischen Schocker mit wildem Schlagzeugwirbel verwandelte. Das war atemberaubend und dauerte auch fast 10 Minuten, von den keine einzige langweilig war. Hinterher fiepten kräftig die Ohren, aber man verliess das Tent mit dem guten Gefühl hier ein absolutes Highlight miterlebt zu haben.

Dann Daughter auf der Hauptbühne.


Schon ein paar Stunden vor dem Konzert von Daughter hatte ich zufällig erfahren, wer die britische Band um Elena Tonra verstärken würde: Cathy Lucas, die ehemalige Geigerin von Fanfarlo! Ich hatte die nette junge Dame mittags zufällig auf dem Gelände getroffen und sie in meiner penetranten Art in ein Gespräch verwickelt, in der es natürlich hauptsächlich um Fanfarlo, eine Band die in der Vergangenheit bereits auf der Hauptbühne gespielt hatte, ging. Dieses Projekt sei beendet, aber sie sei nun seit einem Monat Keyboarderin bei Daughter. Leider sah man Cathy dann aber kaum auf der Bühne, sie agierte weit hinten rechts im Dunkeln. Ohnehin war die Show eher auf die zierliche Sängerin Elena ausgerichtet, die in elegante schwarze Kleidung gehüllt war und so auch optisch den düster-melancholischen Charakter ihrer Musik unterstrich. Die Männer in der Band spielten eher Nebenrollen und waren weit aussen postiert. Aber auch Tonra selbst war nicht die klassische Bandleaderin, die überdrehte Frontfrau, die für Stimmung sorgt. Der mystischen Musik enstprechend, war sie eher zurückhaltend, hielt sich nicht mit langen Ansagen (die ohnehin unpassend gewesen wären) auf und konzentrierte sich ganz auf ihr Gitarrenspiel und ihren wundervollen Gesang. Hauchzart und flehentlich sang sie und die Gitarrenmelodien klangen fast ähnlich genial wie bei Interpol oder The National, zwei Bands die man durchaus mit Daughter vergleichen kann. Zwar sind Daughter weder wirklich Post Punk (wie eben Interpol) oder folkig (wie bisweilen The National), aber dennoch hört man eine ähnliche ADN heraus. Allesamt sind die Künstler Nachtschattengewächse, Leute, die erst im Dunkeln aufblühen und das Tageslicht eher meiden (daher sicherlich auch der blasse Teint von Elena) und Zuflucht in depressiven Songtexten suchen. Das mag teilweise ein wenig gekünstelt wehlklagend rüberkommen und manchmal auch bombastisch, aber die Anziehungskraft war heuer dennoch so gross, dass kein Plaz blieb um musikphilosophisch erötern zu müssen, ob die genannten zeitgenössischen Bands ähnlich authentisch wie Joy Division sind oder nicht.



Das Set bestand je zur Hälfte aus Stücken des Debüts If You Leave und des Zweitlings Not To Disappear so dass auch diejenigen auf ihre Kosten kamen, die das erste Album bevorzugen. Von diesem stammte das himmlisch leichte Tomorrow mit seinen mandolinenartig klingenden Perlgitarren und dem "Ohohoho-Refrain", während Numbers (an dritter Stelle gespielt) von dem 2. Werk stammte. Alles klang sehr harmonisch und atmosphärisch langsame und rockig schnelle Songs wechselten sich perfekt ab.

Gut eine Stunde genoss ich den luftigen Schwebesound und weil das Konzert so gut war verzichtete ich auch am Ende auf einen Abstecher in das Spiegeltent in dem der begabte Countrysänger Jason Isbell auftrat.

Musikalisch war dieser Schachzug von mir clever, denn die heutigen Headliner Minor  Victories (oder waren Daughter Headliner?) knüpften stilistisch an den Sound von Daughter an.


Minor Victories, eine Art Supergroup mit Rachel von Slowdive, Stuart von Mogwai, Martin Bulloch (dem Drummer von Mogwai) und dem Bassisten James Lockey der Editors.

Rachel war von Beginn an Blickfang mit ihrem extravaganten Kleid mit dem auffälligen Federkragen, aber auch stimmlich wusste sie zu entzücken. Die Sanftheit und Melancholie ihrer Stimme war nach wie vor unbeschreiblich und sie schien kaum gealtert zu sein, obwohl die besten Zeiten von Slow Dive schon gefühlte Ewigkeiten zurückliegen. Aber es muss nicht immer Slow Dive und auch nicht immer Mogwai sein, das Mischprodukt Minor Victories war ähnlich berauschend und hypnotisch. "Tolle Atmosphäre" lobte der holländische Moderator gleich mehrfach hinterher und in der Tat kam der Shoegaze Sound zu der späten Uhrzeit perfekt rüber. Dennoch waren anscheinend schon ein paar Festivalbesucher in ihren Zelten verschwunden, vor der Hauptbühne war es keineswegs brechend voll. Diejenigen die nicht da waren, verpassten brillante Stücke wie A Hundred Ropes oder Higher Hopes und vor allem das gigantische und abschliessende Out To Sea, das feuerwerksähnlich knallte


Das Haldern Pop Festival 2016 wurde nach dem letzten Ton der Minor Victories für beendet erklärt. Zumindest von dem holländischen Moderator. Dabei spielte aber noch eine Band im Anschluss im Spiegeltent. Nein, nicht wie geplant die Schotten Frightened Rabbit, die mussten kurzfristig absagen, sondern die bluesrockigen Graveltones, die bereits am morgen in der Bar auf dem Programm gestanden hatten. Ein wildes Duo, bestehend aus Jimmy O (Gitarre, Gesang) und dem Hut tragenden Drummer Mikey Sorbello, das schnörkellos und roh auftrumpfte und sichtlich seinen Spass hatte. Ich sah mir 3 Songs von ihnen noch an, dann waren auch meine letzten Kraftreserven erschöpft und ich trat die Reise in mein Bed And Brekfast in Borghese bei Emmerich an. Alles Hat ein Ende nur die Wurst hat zwei, wie Jimmy O richtig sagte...


Donnerstag, 25. August 2016

Haldern, 2 Festivaltag, 12.08.16

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Konzert: Haldern Pop Festival 2016, 2. Festivaltag mit dem Stargaze Orchestra, Money, Gogo Penguin, Drangsal, Arthur Beatrice, Glen Hansard, Lapsley, Loney Dear und vielen anderen
Ort: Rees-Haldern am Niederrhein
Datum: 12.08.2016 




Am 2. Festivaltag kam ich nur schwer aus den Federn, aber ich hatte noch ein ganz anderes Problem. Mein Bed and Breakfast lag in Borghees bei Emmerich und somit fast 25 km von Haldern entfernt. Weil ich extrem spät gebucht hatte, bekam ich nichts mehr in Festivalnähe und muste deshalb eine weite Anreise zum Gelände in Kauf nehmen. Hinzu kam, dass der Zugverkehr zwischen Emmerich und Haldern pünktlich zum Festival eingestellt worden war (machten die das extra ?) und man auf Busse ausweichen musste. Ein äusserst pampiger Busfahrer (wo war die legendäre niederrheinische Freundlichkeit geblieben ?) kutschierte mich erst nach Rees und dann 15 Minuten mit einem anderen Bus nach Haldern. Bis ich endlich gegen 14 Uhr 30 ankam, waren die Stargazer mit ihrem David Bowie Special fast durch aber ich hatte das Glück noch zwei wirklich wunderbare Coverversionen zu hören, erst von Let's Dance, dann von Starman.  Den Gastauftritt von Lokalgrösse Stefan Honig hatte ich aber verpasst, der spielte nämlich am Anfang einen Song (Ashes To Ashes) mit dem Ensemble. 


Nach dem Ende des Bowie Specials hatte ich geplant, in der Kirche mit dem Programm weiterzumachen, aber die nun angesetzte Belgierin Melanie De Biasio liess wirklich sehr lange auf sich warten. Insgesamt eine Stunde harrte ich zusammen mit vielen anderen Leuten vergeblich vor der Tür aus, dann gab ich es auf und begab mich zu Fuss zum Spiegeltent, indem nun der Brite Money mit seiner wehklangenden Stimme verzweifelt-schöne Songs performte. Er spielte in kurzen Hosen, hatte unter anderem eine charmante Cellistin und eine Violonistin in seiner Band dabei und liess ein wenig den versoffenen Künstler raushängen. Gleich mehrfach sprach er leicht lallend über Alkohol und Alkoholismus, prostete den Leuten grinsend mit seinem Bierbecher zu und stellte sich desöfteren demonstrativ vorne an den Bühnenrand. Passend dazu schmetterte er den Song A Cocaine Christmas and an Alcoholic's New Year.



Money war (und ist) stimmlich durchaus mit Villagers vergleichbar (das Verletzliche, Sehnsüchtige, Weinerliche), aber während bei Villagers vor genau einem Jahr an gleicher Stelle volle Hütte (bzw. volles Zelt) war, hatte man hier und heute überraschend viel Bewegungsfreiheit. Möglicherweise zogen es einige Festivalgäste vor, draussen die endlich strahlende Sonne zu geniessen, um das Regendesaster des Vortages weitgehend vergessen zu lassen. Melancholiker wie ich aber weilten im Zelt und liessen sich von fragilen Stücken wie You Look Like A Sad Painting On Both Sides Of The Sky, welches die berühmte Pariser Blogothèque erst kürzlich live gefilmt hatte, "deprimieren".


Etwa 40 Minuten spielte Money getragenes und fast klassisch instrumentiertes Songmaterial, dann war Schluss und auch ich stürmte raus in die Sonne.


Auf der Hauptbühne spielten jetzt GoGo Penguin, eine rein instrumentale Jazztruppe mit Piano , Kontrabass und Schlagzeug. Bandleader schien der gut im Futter stehende  Kontrabasser zu sein. Zumindest war er es, der die Ansagen machte und auch durchklingen liess, dass ihr Album bei dem legendaren Blue Note Label erschienen sei. Neben Jazz gab es aber auch Anklänge von Trip Hop und klassischer Musik und selbst wenn ich aus Manchester Formationen wie Joy Division, I am Kloot oder The Chameleons bevorzuge, liess mich das Konzert der drei Briten dennoch neugierig werden. Eine gute Abwechslung.

Ich lief nun rüber zum Spiegelzelt wo der Deutsche Max Gruber alias Drangsal spielte. Endlich mal ein New Waver dachte ich mir erwartunsgfroh, aber nachdem ich ein paar Stücke (auf englisch) von ihm gehört hatte, war die Euphorie auch schon verpufft. Er sang mit Robert Smith-Gedächtsstimme und klang mehr wie ein Plagiat alter britischer Post Punk Helden der frïhen 1980er als etwas Neues. Brachialpop kann man auf seiner Facebook Seite lesen, auf der er fast 10 000 Fans hat. Mich konnte der am Ende mit nacktem Oberkörper auftretende tätowierte Blondschopf nicht als Neufan hinzugewinnen und warum erzählte er überhaupt, dass ihm seine Freudin neue Birkenstock geschenkt hatte ? So was Uncooles verschweigt man doch eher.



18 Uhr 30, Zeit mal wieder auf der Hauptbühne vorbeizuschauen. Dort traten nämlich nun die Amerikaner Algiers auf. Die jungen Kerle aus Atlanta hatte ich bereits einmal in Paris in einem Clubkonzert gesehen. Ihre Mischung aus Gospel, Bluesrock und Post Punk hatte mir unter dem Strich durchaus gefallen, aber genau wie nun in Haldern ging mir die kratzige Stimme des völlig überdrehten Sängers und Gitarristen Franklin James Fisher irgendwann ziemlich auf die Nerven. Man hatte das Gefühl er würde um sein Leben kämfen, so zornig und aufgepeitscht wie der war. Dem Publikum schien es mehrheitlich zu gefallen, was der Bandleader mit dem Satz "Germany you have always been good to us" honorierte.


Zurück zum Zelt, wo nun Walking on Cars aus dem malerischen Dingle in Irland aufspielten. Sehr catchy und eingängig ihre oft von einer Fiddel begleiteten Songs, aber ihr ein wenig an Bands wie die Waterboys oder Dexy's Midnight Runners erinnernder Sound war mir etwas zu simpel und gefällig gestrickt um mich wirklich zu begeistern. 



Ich ging ziemlich bald rüber zur Hauptbühne wo nun Michael Kiwanuka mit seiner Band bereit stand. Die ersten zwei Songs klangen sehr atmosphärisch und spannend und liessen mich etwas an Pink Floyd denken, dann aber verflachte das Set und wurde mir zu beliebig. Stimmlich und handwerklich konnte man schwerlich über Kiwanuka lästern, aber mir war das Meiste doch zu radiotauglich und die Mitsingnummern die gegen Ende kamen brauchte ich auch nicht.


Schnell rüber ins Zel also zum Set von Arthur Beatrice, die ich vor gut 4 Jahren für mich beim südfranzösischen Midifestival entdeckt hatte. Damals glaubte ich beim Lesen des Namens an einen französischen Chansonier und nicht etwa an eine junge britische Band. Als ich sie aber gesehen hatte, war ich beeindruckt und einige Zeit danach sah ich sie erneut und zwar im Spiegelzelt zu Haldern. 3 Jahre später nun also erneut Arthur Beatrice im Tent, aber dieses Mal sang nur die charmante Sängerin Ela Girardot und nicht wie damals auch noch ein Herr mit tiefer Stimme. Dies entzog dem Set ein wenig die Abwechslung, denn es war gerade das wechselseitige Spiel der wunderbar kontrastierenden Stimmen, die dem Ganzen noch mehr Würze und Abwechslung verabreicht hatten. Und nicht nur das, zudem klang heuer auch der Sound weniger wavig und stattdessen mehr soulig-jazzig. Aber natürlich war da immer noch die phantastische Stimme von Ela Girardot (bitte keine Vergleiche zur grässlichen Florence Welch anstellen!), die zudem durch Bühnenpräsenz und Eleganz (das stilvolle weisse Kostüm!) glänzte. 


Man sollte die vier Londoner weiterhin im Auge behalten, auch wenn mir das zweite Album Keaping The Peace, auf dem inzwischen der Schwerpunkt liegt, etwas weniger zusagt als das erste.

Ich musste nun aber schnell zu Glen Hansard rüber, der zusammen mit den Stargazern die Hauptbühne eingenommen hatte.


Viele kannten und liebten Hansard, aber ich selbst war hinsichtlich seine Oeuvres eher unbeleckt. Vor einer ganzen Weile hatte ich mir mal ein Album des Iren zugelegt, es aber nicht oft gehört, weil es mir zu schmusig und gefühlsduselig war. Letztlich bestätigte sich auch dieser Eindruck bei der Liveshow in Haldern, die aber objektiv betrachtet herausragend war. Denn es wurde so ziemlich alles geboten, was sich das Publikum von einem feierlichen Auftritt auf der Hautptbühne erhoffte, als da wären: ein charismatischer Sänger, Streicher, Frauenchöre, Gastduette und viel Herz- Schmerz. Das volle Programm!

Dirk Langen hatte ja bereits ausführlich hierzu berichtet, so dass ich an dieser Stelle abkürze und sofort zu Lapsley komme.

Genau wie Arthur Beatrice zuvor hatte auch Lapsley bereits schon einmal in Haldern gespielt und dennoch ist sie gerade einmal 20 Jahre alt. Gut möglich, dasss die blonde Soulsängerin hier in den nächsten Jahren das halbe Dutzend voll macht und zum Liebling avanciert. Mein Fall war die Musik von Holly Fletcher trotz technisch brillanter Stimme aber nicht. Elektronischer Nu- Soul wie er zur Zeit im Vereinigten Königreich ist nämlich nichts, was mein Herz höher schlagen lässt und so eilte ich schon nach etwa 3 gehörten Liedern zur Hauptbühne um Loney Dear zu bewundern.


Loney Dear die Zweite also! Nach seinem Auftritt am Vortage in der Kirche nun also die Krönung zum König auf der Hauptbühne. 


Zweifel ob ich mich erneut begeistern lassen könnte, waren schnell weggewischt. Die Sets waren nicht identisch, die Akustik war ganz anders (die Stargazer waren heute nicht dabei) und es wurden auch mehr Stücke auf der Main Stage als zuvor in der Church gespielt. Man sah also keineswegs zwei Tage hintereinander genau das gleiche Konzert und wer richtiger Fan war, durfte eh keinen der Auftritte verpassen. Zumal diesmal neben einem Bassisten, einem Drummer, einem Keyboarder auch nun die Percussionistin, Akkordeonistin und Keyboarderin Susanna Odell mit dabei war und für noch grösseren (schliesslich gab es auch die vielen Mädels vom Cantus Domus) weiblichen Charme sorgte. Ich hatte das Glück bei den ersten drei Songs im Fotograben knipsen zu dürfen und kosteste diese schöne Gefühl voll aus. Das hatte schon was, da ganz vorne zu stehen und fast von den Kameras des WDR umgeremplet zu werden! Wie feierlich das Ganze schon wieder klang! Wie glücklich und erfüllt die Musiker aussahen! Wieviel Sensibilität da rüber kam! Es war irre!


Gespielt wurden erneut nagelneue unveröffentlichte Stücke und ein paar Klassiker. Saturday Waits kam ziemlich weit vorne und bezauberte wie eh und je und auch Violent stach hervor, der Titel klang sehr intim. Ein paar Pannen gab es auch, ein Tambourin ging zu Bruch, aber mit seiner nonchalanten und sympatischen Arrt meisterte Emil auch dieses kleine Problemchen souverän.

Von den neune Sachen waren von gestern noch Dark Lights und besonders Hulls präsent. Wenn die Studioaufnahmen so gut werden wie die Livedarbietung dürfte dieses Album eines der stärksten in einem ohnhein schon exquisiten Katalog werden!

Setlist Loney dear, Mainstage Haldern:

01: There Are Several Alberts Here
02: Pun
03: Saturday Waits
04: My Heart
05: Lilies
06: Airport Surroundings
07: Violent
08: Dark Light
09: Young Hearts
10: Ignorant Boy, Beuatiful Girl
11: Hulls

Loney Dear war gegen 24 Uhr durch aber eigentlich ging es musikalisch in Haldern noch ein wenig weiter. Da ich aber öffentliche Verkehrsmittel benutzen wollte (musste), hetzte ich wie ein verfolgtes Tier Richtung Bahnhof, nur um festzustellen, dass ich den letzten Zug (der ohnehin nur bis Empel-Rees gefahren wäre) verpasst hatte. Mir blieb nichts anderes übrig als erneut ein teures Taxi zu nehmen. Verflucht! Aus Knauserigkeit bat ich aber den Taxifahrer mich früher rauszulassen, was ich später bitter bereuen sollte. Ich sparte zwar ein paar Euros, verlief mich aber auf dem Weg zu meinem Bed and Beakfast in stockfinsterer Nacht und irrte wie ein Narr durch die schwarzen Wälder an der holländischen Grenze. Nur duch Zufall und erst gegen 4 Uhr morgens fand ich schliesslich meine Unterkunft in Borghees...

Was für ein Tag!



Mittwoch, 24. August 2016

Haldern Pop Festival, 1. Festivaltag, 11.08.16

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Konzert: Haldern Pop Festival, 1. Festivaltag mit Loney Dear, This Is The Kit, Damien Rice, Gloves, Elias, Amber Arcades, The Besnard Lakes, Lea und vielen anderen
Ort: Rees-Haldern am Niederrhein
Datum: 11.08.2016


Fotos: alle Oliver Peel  bis auf Loney Dear: Michael Graef


Mit dem Bus zum Haldern Pop! Und zwar von Paris (!!) aus! Ich fragte mich während der 7stündigen Fahrt (nach Leverkusen) schon ab und zu, wie ich auf eine solch verrückte Idee gekommen war. Aber wenn man die Anreise so spät plant wie ich in diesem Jahr, muss man schon ein wenig erfinderisch sein, um Geld zu sparen und notgedrungen Strapazen in Kauf nehmen. Züge waren viel zu teuer, Fliegen kam kurzfristig auch nicht in Frage, also blieb der Flixbus. Und die Reise lief letztlich erstaunlich entspannt, denn ich sass glücklicherweise neben einem netten Kölner Mädel mit dem ich mich angenehm unterhielt. So verging die Zeit  letztlich wie im Fluge und ich kam guter Laune spätabends in Leverkusen an, wo mich freundlicherweise mein Mitblogger Dirk abholte und mich anschliessend auch bei ihm in Mönchengladbach  beherbergte. 


Zusammen mit seinem Kumpel Michael machten wir uns dann am Donnerstag morgen auf den Weg nach Haldern. In Mönchengladbach sah das Wetter am Vormittag noch sonnig und freudlich aus, aber je mehr wir uns dem Niederrhein und Haldern näherten, umso schwärzer wurde der Himmel. Zu Beginn des Festivals gegen 15h regnete es dann bereits leicht und in der Folge sogar stark. Anfänglich machte mir das nicht viel aus, da ich zwischen Konzerten in der Kirche und der Bar hin und her pendelte, aber als es später über die wundervolle Alleenstrasse an Maisfeldern vorbei zum Spiegelzelt und der Hauptbühne ging, störte der Regen doch irgendwann massiv. Als dann gegen 21 Uhr 30 Uhr Elias spielte, war meine Laune ob der dargebotenen cheesigen Musik, meiner extremen Müdigkeit und des Dauerregens auf dem Nullpunkt. Weil ich Kräfte für die nächsten 2 Tage sparen wollte, entschied ich mich aus dem Bauch heraus auf die interessanten Kanadier Besnard Lakes und sogar den Headliner Damien Rice zu verzichten. Bei mir lief einfach nichts mehr zusammen und ohne Gummistiefel im Morast des Haldener Waldgeländes zu stehen und bis 1 Uhr 30 auszuharren, schien mir abschreckend. Hinzu kam, dass meine Pension "jwd" war, genauer gesagt 25 Kilometer entfernt und in einer Nachbargemeinde von Emmerich ("wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", oder so, gell ?).


Im Lauf des Nachmittages hatte ich aber ein paar sehr schöne Konzerte gesehen, die mich mit Glück und Dankbarkeit erfüllten. This Is The Kit möchte ich hier mal an erster Stelle nennen! Die in meiner Wahlheimat Paris lebende Britin Kate Stables, die hinter dem Pseudonym steckt, hatte ich bereits ein paar Stunden vor ihrem Auftritt in der Nähe der Maisfelder zufällig getroffen. Sie war gerade zusammen mit ihrer Mitmusikerin Rozi Plain auf dem Weg zum Hotel Doppeladler wo die beiden untergebracht waren. Kate erzählte mir, sie habe seit Montag bereits mit den Stargazern intensiv geprobt, um ein paar  ihren Lieder in einem neuen, klassisch-orchestralen Gewande zu präsentieren. 


Das Konzert fing um 18 Uhr 40 an und hielt vollkommen meine hohen Versprechungen. Das vorbildlich leise Haldener Publikum sah in der Kirche ein feierliches, charmantes und naturbelassenes Konzert, welches perfekt zu dem wundervollen Rahmen passte. Die Lieblichkeit der Stimme von Kate gepaart mit dem Damenchor liess einen wirklich oft an Engel denken. Miss Stables hat bereits 3 Alben auf ihrer Habenseite (das letzte wurde von einem der Dessner Brüder von The National produziert), aber das in Haldern gespielte Material war neu und unveröffentlicht. So kam auch ich, der This Is The Kit schon etwa 15 Mal live gesehen hatte, in den Genuss neuer Töne, die einmal mehr die Exzellenz der Dame aus Winchester unter Beweis stellten. Die Stücke hat sie dieses Jahr schon ein wenig auf Festivals und in Clubkonzerten getest und sie hiessen unter anderem Ticks oder Moonshine Freeze und reihten sich nahtlos ein in das wundervolle Repertoir der Folkeuse, das vor intimen und berührenden Liedern nur so strotzt. Kate Stables hatte mit Rozi Plain und ihrem kahlköpfigen Gitarristen nur 2 Bandmitglieder dabei, aber durch die Truppe von Stargaze ergänzt, standen so viele Musiker wie nie zuvor mit ihr gemeinsam auf der Bühne.



Gespielt wurden schliesslich nur 6 Lieder, aber die hatten es in sich und ich bin sicher, dass Kate wieder neue Fans hinzugewonnen hat, Guy Garvey von Elbow ist bereits glühender Anhanger und Matt Berninger von The National auch. Wenn das keine Referenzen sind!

Setlist:

2 Pence
Thieves
Moonshine Freeze
Ticks
Numbers 
Hotter colder 


Nach This Is The Kit war es erste Bürgerpflicht, in der Kirche zu bleiben. Schliesslich spielte nun Halderns liebstes Kind auf, der Schwede Emil Svanängen alias Loney Dear. Der feinfühlige Singer Songwriter kommt nun schon seit etlichen Jahren an den Niederrhein aber zuletzt war es bedrohlich still um den Sänger mit der Kopfstimme geworden. Bisweilen dachte ich gar an ein Karrierende. Zum Glück erwiesen sich solche negativen Gedanken aber als abwegig und als ich Emil bereits mittags mit dem Fahrrad vor der Haldern Pop Bar sah, war ich erleichternd und erfreut festzustellen, dass es ihn noch gab. Bart und Bauchumfang sind bei ihm im Vergleich zu früher etwas gewachsen, aber sein neuer Look verleiht im Würde und Eleganz, er erinnerte mich auch an John Grant von den Czars. 

Und Emil zitierte im Laufe seiner Show noch mehr Musiker auf die Bühne als zuvor This Is The Kit, denn bei dem abschliessenden absolut wundervollen Beautiful Girl Ignorant Boy hatte er nicht nur das Stargaze Orchester sondern auch den Cantus Domus Chor als Verstärkung mit dabei. Emil selbst spielte Klavier, sang mit perfekter Falsettstimme, während ein Dirigent den "Namanamana-Chor" dirigierte und die klassischen Musiker den Raum mit himmelhochjauchzenden Klängen erfüllten.

Das war nicht lediglich das Abspulen eines alten Albumtitels, sondern eine komplette Neuinterpretation mit völlig neuem Arrangement, langen Instrumentalpassagen und traumhaften klassischen Tönen, äusserst subtil und geschmackvoll interpretiert.

Aber auch die Stücke die zuvor performt worden waren hatten es in sich. Berührende Klassiker wie My Heart oder Violent wurden zum Besten gegeben, aber auch meiner all time Favoriten I love you (in with the arms). Die Schmonzette klang noch genauso atemberaubend intim und nahegehend wie eh und je und ich fragte mich, wie ich es so lange ohne ein Livekonzert von Loney Dear ausgehalten hatte.

Schliesslich kamen auch Neulinge nicht zu kurz, denn es sollte ja auch einen Vorgeschmack auf das neue, bald erscheinende Album geben.

Erwähnt werden soll hier (neben Dark Light) stellvertretend das geniale abschliessende Hulls, das wahnsinnig melancolisch war, von dem Piano, dem Frauenchor und der anrührenden Stimme von Emil getragen wurde. Es war dramatisch, aber nie bombastisch, berauschte durch eine sensationelle Melodie, einen bewegenden Text und eine Feinfühligkeit, die seines Gleichen suchte. Kate Stables bezeichnete Loney Dear hinterher glatt als Genie. Sie hatte ihn ja bei den Proben mit den Stargazern mehrfach getroffen. Svanängen selbst sagte während des Konzertes mehrfach voller Dankbarkeit: "this is so much fun, this is so fantastic".




 


Mit This Is The Kit Und Loney Dear habe ich also die zwei besten Konzerte des ersten Tages (innerhalb derjenigen die ich gesehen habe natürlich) erörtert, bleibt noch der Auftritt der Holländer Amber Arcades zu besprechen, der ebenfalls hervorstach. Die 5 Musiker aus Utrecht spielten bereits um 15 Uhr 30 in der Haldern Pop Bar auf und waren mein erstes Konzert und gleichzeitig mein erstes Festivalhighlight. Begeisternd ihre Melodien, entwaffnend der Charme der kessen blonden Sängerin Annelotte de Graaf, Laune machend ihre Frische und Unverbrauchtheit. Die junge Dame und die vier Herren sorgten  für ordentlich Schwung und eine brechend volle Bar, in die längst nicht jeder reinkam der gerne wollte. Aber man hörte ja auch draussen vor dem offenen Fenster ein wenig von der tollen Musik die drinnen gespielt wurde, wenngleich dies freilich nicht einem echten Konzertgenuss gleich kam. Ich persönlich war gut positioniert, hatte ein Plätzchen weit vorne ergattert und war mittendrin im Geschehen. Hier muste man wirklich dabei sein, denn mit Amber Arcades hatten die Haldern Macher wirklich einen wohlschmeckenden Fisch an Land gezogen und zwar kein banales holländisches Matjesfilet, sondern etwa viel Edleres aus dem Hause Heavenly Records! Shoegaze, Dreampop, Indierock so die Zutaten und selbst wenn diese nicht nagelneu waren, klang doch das Ergebnis nicht wie Wiedergekautes, sondern frisch, sonnig, spritzig und herrlich lässig. Die Spielfreude war den Niederländern anzumerken und besonders Sängerin Annelotte schwärmte von dem Gefühl endlich mal in dieser legendären Pop Bar auftreten zu können in der sie in den Vorjahren schon so viele andere Musiker und Bands live als Festivalbesucher erleben durfte. Besonders in Erinnerung geblieben war ihr der Gig von Josh Pearson vor 4 Jahren, bei dem Josh ihr in seiner etwas bizarren (aber gutmütigen) Art irgendwas Wirres zugeraunt und sie ziemlich durcheinander gebracht hatte.


Neben eigenen Songs des Albums Fading Lines (u.a das herrlich luftig leichte Right Now) spielten Amber Arcades auch ein Nick Drake Cover, Which Will, aber folkig klang hier trotzdem nichts, die Holländer hatten dem alten Stück ihren eigenen popigen Stempel aufgedrückt.

Etwa 40 Minuten Konzert, keine Sekunde Langeweile und etliche gute Songs, mein erstes Konzert beim diesjährigen Haldern Festival hätte kaum besser laufen können!


Ebenfalls in der Bar hatte die deutsche Sängerin Lea (Lea Marie Becker) irgendwann zwischen 17 und 18 Uhr gespielt. Im Jahre 2016 sind Musiker die auf deutsch singen inzwischen eher rar gesät und ausser auf der Hauptbühne erinnere ich mich eigentlich an gar keinen Auftritt in den kleinen Venues in Haldern. Insofern fast ungewohnt mit der Muttersprache bei einem Konzert konfrontiert zu werden. Wie immer kam sofort der Reflex die Texte viel genauer und kritischer unter die Lupe zu nhemen, als dies bei englischen Parolen der Fall wäre. "Nach der Ebbe kommt die Flut, mit der Zeit wird alles gut" (die Segel sind gesetzt), ich bin dein Festland, dein leuchtender Turm, ich bring dich gut aus diesem Sturm". War das jetzt feine Dichtkunst, oder das Aneinanderreihen abgedroschener, hohler Phrasen ?


Stimmlich war das Ganze schon ziemlich hübsch, die junge Blondine mit dem kessen Pagenschnitt hatte ein hauchendes, wehmütiges Organ, das manchmal auch ein wenig energischer wurde und sich in höhere Tonlagen aufschwang. Dennoch hatte ich gemischte Gefühle, denn ihre Art zu singen flirtete auch mit dem Mainstream (bzw dem Schlager?) und drückte bisweilen arg seicht auf die Tränendrüse. Man fühlte sich fast ein wenig genötigt, das jetzt bewegend und berührend finden zu müssen, ähnlich wie in den englischen Vorweihnachtskomödien, die einen förmlich anschreien: "Habe ein Herz, Oliver! Weine jetzt! Das ist doch so romantisch! Spiel nicht den Harten!"

Bei Kennst Du Das? (ein Lied das man in Akustikversionen schon vor 4 Jahren auf youtube finden konnte) hatte Lea mich fast um den Finger gewickelt ("gib mir deine Hand, lass sie mich halten solang ich kann"), die lustige Nummer mit ihrer Tante und dem vergessenen Hund (17 Stunden lang) fand ich hingegen musikalisch etwas flach, obwohl die Story dazu auf tragische Weise amüsant war. Armer Labrador Lilly! 17 (!!) Stunden vor einem Supermarkt vergessen, unfassbar!


Am Ende wusste ich nicht so recht, was ich denken sollte. War das jetzt auf berührende Weise schön, intim und gefühlsecht oder eher seicht, gekünstelt und übertrieben sentimental?


In der Haldern Pop Bar hatte ich an jenem ersten Tag aber auch noch ein paar Schnipsel von einem anderen Konzert gesehen: den Soulsänger Samm Henshaw hatte man mitsamt seiner Band von der Kirche dorthin verlegt, in der er gegen 19 Uhr loslegte. Ein gutaussehender Bursche mit Hut, lässig, ausgestatt mit einer rauchigen Stimme und von so einigen als Geheimtipp gehandelt. Ein talentierter Kerl in der Tat, dessen Konzert ich aber dennoch nach 10 Minuten verliess, weil ich zu Loney Dear in die Kirche rüberwollte.


Und in genau jener Kirche hatte gegen 16 Uhr 30 auch noch ein paar Lieder der Britin Cloves gehört. Stimmlich eine Kreuzung aus Adele, Laura Marling und Lana Del Rey, war sie mir zu soulig-bluesig (eine Folge der Castingshows wie The Voice oder The X -Factor, in denen solche Stimmen immer der Renner sind??), obwohl man ihr ebenfalls Talent attestieren konnte. Sie spielte zusammen mit einem Gitarristen.

Wie oben erwähnt endete mein erster Tag in Haldern im Spiegelzelt nach dem Konzert von Elias. Müdigkeit und die Regenfälle hatten mir den Rest gegeben. Aber es standen ja noch zwei verheissungsvolle Tage bevor...





Michael Kiwanuka, Haldern Pop Festival, 13.08.2016

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Konzert: Michael Kiwanuka
Ort: Haldern Pop Festival
Datum: 12.08.2016
Dauer: 40min
Zuschauer: ca.3.500

Manchmal sind auch im so unsicheren Musikgeschäft Prognosen korrekt. Michael Kiwanuka war schon vor seinem Debüt "Home again" Kritikerliebling. Und schon die erste Platte erfüllte die Erwartungen und doch folgte danach erstmal eine lange Pause. 

Umso erstaunlicher, wie stark der Künstler nun zurückkehrt. Das neue Album (Love/Hate) ist nicht weniger als ein Meisterwerk in seinem Genre, des Souls. So etwas hat man aus England schon ganz lange nicht mehr gehört, und endlich waren Kritiker und Hörer begeistert. 

Kiwanuka betritt die Bühne mit eine wahnsinnig gut aussehenden Band. Der an "Sideshow Bob" erinnernde Gitarrist war da noch die Ausnahme, die anderen wirkten alle wie männliche Topmodels, perfekt gestylt und frisiert. 

Er beginnt mit dem langen, an Pink Floyd`s "Shine on..." angelehnten Stück der neuen Platte, "Cold little heart" gefolgt von der tollen Single "One more night".

Einigen Zuschauern war das folgende Konzert  von zu wenig Tempo geprägt. 
Aber Kiwanuka spielt eben den langsamen Soul eines Isaac Hayes oder Curtis Mayfield, nicht den Funk eines James Brown. Und genau das passte zu diesem, endlich mit Sonne verwöhnten Auftritt auf dem Reitplatz, der ja auch nicht das brodelnde "Apollo" war.

Wer sich darauf einlassen konnte, erlebte einen musikalisch großartigen Nachmittag. Besonders der Mann an den diversen Bongos und anderen Schlaginstrumenten gab dem Sound noch diverse Rhytmusbeilagen die dem Album manchmal fehlen oder im opulenten Mix verschwunden sind.

Über Songtexte bei einem Festivalauftritt zu schreiben, ist ja etwas vermessen, das sollte jeder beim Hören der Platte in Ruhe nachholen. Kiwanuka schreibt wie ein verwundbarer Mensch der keine Scheu hat seine Seele offen zu legen, oder auch politische Themen anzusprechen.

Das viel zu kurze Konzert endet mit einer traumhaften 10-minütigen Version des Titeltracks "Love/Hate", bei dem das leise gesungene "Badum, badum.... noch vielen später auf dem Zeltplatz ein Lächeln ins Gesicht zauberte.

Michael Kiwanka hat anscheinend eine enge Bindung zum Haldern Team. Er äußerte sich im Interview "Haldern ist die Zukunft der Musik" sehr positiv und war schon am Vorabend als Gast auf dem Gelände zu sehen.

Hoffen wir, dass der Kontakt bestehen bleibt, und Michael Kiwanuka mit einem dritten Album als Headliner zurückkehrt.

Im November ist er mit seiner Band zunächst noch Köln, Berlin und München zu sehen.

Fotos: Michael Graef


Dienstag, 16. August 2016

The Slow Show, Rees-Haldern, 11.08.2016

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Konzert: The Slow Show
Ort: Haldern Pop Festival
Datum: 11.08.2016
Dauer: 30min
Zuschauer: 80

"The Slow Show" aus Manchester, seit Beginn auf dem hauseigenen Label des Festivals vertreten, spielten beim Haldern Pop Festival, im winzigen Tonstudio Keusgen, ein Preview ihres neuen, zweiten Albums.

War die Band in den Jahren zuvor schon im Spiegelzelt und letztes Mal, am völlig verregneten Samstag, auf der Hauptbühne zu sehen, konnten diesmal einige wenige Gewinner und Presseleute einen intimen Einblick in die neuen Stücke erhalten.

Das Tonstudio ist ein weiteres Mosaiksteinchen im Mikrokosmos des Festivals, das mittlerweile Spielorte im ganzen Dorf nutzt. Durch die Scheibe blickt man in den Aufnahmeraum der Techniker und als Bühne dient ein alter Perserteppich.

Die Band, mit ihren ruhigen, ausladenden Songs ist wie eine Blaupause der Musik, mit dem man das Festival beschreiben könnte. Eine perfekte Symbiose aus dem ewigen Festival-Motto der Entschleunigung und guter Musik.

Trotzdem war Skepsis angebracht. Nur die alleinige, große Unterstützung aus Haldern macht kein gutes zweites Album. Für den späten Herbst sind bereits größere Hallen gebucht und bei längeren Gigs konnte der gleichförmige Aufbau der Songs schon etwas langweilen.

Toll waren dagegen immer die Konzerte, in denen "The Slow Show" mit diversen Streichern, Bläsern oder dem hauseigenen Chor "Cantus Domus" die zu ruhige Stimmung aufbrachen und so etwas noch besseres entstehen konnte.

Daher ist die Freude groß, als ich der hinteren Ecke der Bühne einen kleinen Bläsersatz erkennen kann. 

Immer ein Erlebnis ist die Singstimme von Rob Goodwin. Der zierliche Sänger mit seinem unfassbar tiefen Bariton und seinen langsamen, meist mit geschlossenen Augen ausgeführten Bewegungen, ist der Mittelpunkt jeder Show.

Sein Gesang besteht manchmal mehr aus Pausen als aus Strophen, er taucht geradezu ein in das Lied, kniet nieder und scheint erst beim Applaus wieder für ein kurzes Lächeln zu erwachen. 

Das alles klingt etwas zu gespielt, ist aber in der Live-Situation völlig stimmig und wirkt nie aufgesetzt.

Sechs neue Songs gibt es zu hören und es kann nur das Beste davon berichtet werden. Besonders "Strangers Now", das erste Stück, ist vielleicht das beste was "The Slow Show" je komponiert haben. Und obwohl diesmal ein deutscher Freund an der Gitarre aushelfen muss (Bandmitglied Joel Byme-McCullough wurde wohl gerade Vater) klingt alles perfekt.

Auch "Ordinary Lives" und "Breaks today" bleiben schon beim ersten Hören im Ohr. Besonders deshalb, weil hier das Tempo auch mal angezogen wird und etwas aus dem ewigen Moll hervortritt.

Dann ist leider auch schon Schluss, die Band ist sichtlich erleichtert, dass die Premiere funktioniert hat und ein großer Applaus entlässt die Musiker in eine neue, lange Phase der Tour und Promotion.

Aus unserem Archiv:
The Slow Show, Ulm, 10.09.14
The Slow Show, Dresden, 06.09.14 



Montag, 15. August 2016

Glen Hansard + Damien Rice, Haldern Pop Festival, 11.-12.08.2016, Rees-Haldern

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Konzert: Glen Hansard + Damien Rice
Ort: Haldern Pop Festival
Datum: 11.+ 12.08.2016
Dauer: je 90min
Zuschauer: ca. 5.000

Stefan Reichmann, der künstleriche Leiter des Festivals, betonte in der improvisierten Pressekonferenz (in einem romantischen Tipi-Zelt am späten Samstagabend), "die Iren hätten das Festival in diesem Jahr besonders geprägt". 

Zunächst erscheint diese Aussage logisch, waren doch beide vermeintlichen Headliner (bzw. die bekanntesten Namen) am Donnerstag und Freitag Iren. Beim Blick in die überbordende Vielfalt des sonstigen Programms mag diese Meinung allerdings erst einmal verwundern.

Damien Rice hatte auf jeden Fall den problematischeren Teil zu erledigen. Der Donnerstag war nicht nur durch Dauerregen, sondern auch von einer Art arktischen Kälte geprägt, beides im August so nicht unbedingt erwartbar. 

Der Platz war am Abend bereits fast unbespielbar, es regnete weiter und Damien Rice trat gegen Mitternacht vor ein müdes, nasses und fast trauriges Publikum. 

Rice tourt derzeit alleine, was in diesem Fall leider auch deshalb nicht recht funktionieren wollte, da vor ihm mit Jack Garratt ebenfalls, ein sich loopender Solist die Hauptbühne bespielt hatte. Und schon bei den ersten Songs spürt man das Manko, oder auch den Grund, warum Glen Hansard am nächsten Tag alles richtig machen sollte. 

Bei Rice wirken die Live-Versionen fast allesamt schwächer als auf seinen Platten. Trotz der Reduktion steht zwar ein ganz großer Künstler auf der riesigen Bühne, aber die Magie fehlt. 

Hansard erzeugt das genaue Gegenteil. Seine Solo-Alben klingen eher überproduziert und für sein Künsterleben zu glatt, live aber  holt er  aus jedem Song das Maximum mit seiner bestechenden, vielköpfigen Band heraus.

So steigert sich bereits der eigentlich unscheinbare Opener "Birds of sorrow" zu einem Finale, mit dem andere Künstler ihre Zugabe beenden würden. 

Das Konzept von Rice, loopende Spuren verschiedener Instrumente übereinander zu schichten um damit einen voluminöseren Sound erzeugen zu wollen, ist eben nur die Illusion einer Band. 

Hansard dirigiert sie wie ein echter Bandleader mit dem Heben und Senken der Gitarre so leicht, wie man es sonst nur bei den ganz Großen erlebt. Das Kumpehafte von Glen, das etwas Distanzierte von Rice, der mit Sicherheit über noch mehr Talent verfügt, hier spielt es keine Rolle mehr. 

Die reine musikalische Kraft, das Zusammenspiel der Musiker, die Blicke und schnellen Entscheidungen bei Änderungen in den Versionen oder Songs machen Hansard zum klaren Sieger. 

Das Publikum spürt den Atem und die Magie der tausenden Straßenkonzerte, die Hansard alljährlich wieder beschwört, wenn er am Heiligabend zusammen mit Freunden wie Rice, Bono und anderen Geld für einen guten Zweck sammelt. 



Beide vertrauen auf ein eigenes Lichtdesign: Rice setzt auf ein indirektes, bedrohliches von hinten eingesetztes Szenario, Hansard nutzt fast normale Stehlampen und einen schönen Hintergrund um Clubatmosphäre aufkommen zu lassen. 

Glen verzichtet hier leider auf die sonst gebotenen Bowie-Cover, dafür spielt er eine irrwitzige, akustische "Astral Weeks" Version von Van Morisson und am Ende ein Duett mit dem Sänger der Hothouse Flowers (Liam o Maonlai), Bob Dylans "Forever Young". 


Und natürlich erinnert sich Glen auch an die tolle Stimme aus dem Publikum vor drei Jahren (der Rockpalast hatte die beiden hier vorab im Interview wieder zusammengeführt) und trotzdem schien der erneute Auftritt bei "Falling Slowly" nicht geplant zu sein, so viele Tränen flossen vor und auf der Bühne. 

Und das schien auch das Fazit der beiden Abende zu sein: Bei Damien Rice weint man auf der Couch, bei Hansard vor der Bühne. 

Hansard sagte vor dem Konzert zu Stefan Reichman "Auf der Bühne musst du aussehen wie ein Sieger, die Leute mögen Sieger". An einem solchen Abend ist Hansard immer der Sieger, weil er mit dem Publikum spielt, und seine Energie und sein Wille alles überstrahlt.

Nach ihm auftreten, ein Albtraum für jeden anderen Musiker. 

Somit bleibt Rice das Wunderkind mit den besten Songs. Der beste Festivalact aber ist er nicht.

Hansard spricht am Ende von einem besonders tollen Abend. In dieser Form und mit dieser Band wird er damit auf seiner Tour bis zum Ende des Jahres noch viele erleben.

Fotos Glen Hansard: Michael Graef

 

Konzerttagebuch © 2010

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